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Der ‚Weiße Reiter‘. Wie er Meuterer fängt und Askanius zum guten Weg verhilft

3.T-Kapitel 18

Der ‚Weiße Reiter‘. Wie er Meuterer fängt und Askanius zum guten Weg verhilft. Der edelmütige Quirin.

Die Garde des Quirins, zwei Kohorten, ist am Abend aus Jerusalem hinausbefohlen worden; das Gros der Truppe lagerte schon außerhalb in Zelten. Der Tumult, bei solchem Aufbruch unvermeidlich, soll die Städter nicht verwirren. Die Stabsoffiziere und zwei Zeuturien sind noch im Tribunat. Mit den ersten Sonnenstrahlen gellen Hörner durch die engen Gassen; von weit her, aus dem Lager, folgt alsbald die Antwort.

Diesmal ist, was gehen oder hüpfen kann, herbeigeeilt. Nicht bloß das Schauspiel lockt. Man gibt zu, daß man seit Cornelius Regierung aufgeatmet hat. Mancherlei Erleichterung wurde von Cyrenius noch zugebilligt. Es ist echter Jubel, den man ihm zollt. Nicht leicht ist es, die Massen an die Mauern abzudrängen, damit für den Beritt genügend Raum geschaffen werden kann. Viele Städter helfen kräftig mit und erleichtern dem Kommando seinen Dienst. Auch alle Oberen haben sich versammelt.

Venitrius muß mit fort. Er erscheint mit Rochus und Forestus am Portal. Auch Askanius tritt heraus. Das Gesicht des Duumvir wirkt wie gemeißelt. Eben fährt ein Krankenwagen vor, hinten angebunden seine Pferde. Doch er darf nicht reiten, darf nicht an Stelle des Quirins befehligen. Er ist krank! Die Knöchel seiner Hände springen weiß hervor. Elende Komödie! Er gibt nicht zu, daß er sich die Suppe selber braute.

Ha — die Juden, die sich bei Cyrenius weggefressen haben, brockten sie ihm ein. Eigenhändig hinge er sie an der Tempelmauer auf. Doch was nützt die Wut? Er mußte auch noch danken, daß man ihm den Wagen richten ließ. Bis Damaskus! O Zerberus und alle Götter eines Hades! Aber wartet; er wird ein Schauspiel liefern! Er stützt sich schwer auf einen Stock, und Forestus hilft ihm in den Wagen.

Da kommt vom Tempel her ein Reiter angesprengt, auf milchweißem Pferd (OJ. 19, 14), dessen Schönheit und mutiges Kräftespiel den Römern größte Freude macht. Und der es reitet — ? Er pariert es durch, just vor dem Portal. Askanius hätte fast vergessen, daß er den Kranken mimen muß. Weit beugt er sich aus seinem Wagen. Wer ist denn das? Er winkt den Reiter her und fragt barsch, wer er sei. Simeon, angetan mit seiner wunderbaren Rüstung, die jeder Offizier ihm neidet, kommt grußlos näher.

„Was wünschst du, Duumvir?“ „Kannst du nicht grüßen?“ wird Simeon angefaucht. Wer hört und Simeon kennt, unterdrückt ein Lachen. Die drei Hauptleute grinsen hinter ihrem Schild sich zu: „Askanius wird der Hochmut fix vergehen.“ Simeon sagt in einer Ruhe, die dem Römer nicht gefällt: „Daß ich dich nicht grüße, muß dir sagen, daß mein Rang den deinen überragt.“

Welch‘ Blamage! Das konnte er sich denken, daß dieser — Ah, bei Romulus, das ist kein Römer! Der ist nie nach Palästina abgeordnet worden. Steht er über einem Duumvir, muß er des Quirins internstem Stabe angehören; und da kennt jeder jeden. Simeon reitet wieder hin zur Pforte. Cyrenius, Cornelius, Marcellus und Prätario betreten eben die söllerartige Stufe. Ihre Pferde werden vorgeführt und die Waffenträger salutieren.

Der weiße Reiter wird gleich wahrgenommen. Ein Gedanke: Nur eine Legion solcher Reiter und Rom wäre — — Da ist‘s, als striche eine Hand sanft über Cyrenius heiße Stirn. ‚Du sollst ein Friedensträger sein‘, tönt es wie ein Hauch. Aber ließe sich mit solchen Himmelskriegern nicht der Friede sichern, der schon fast immer allen Völkern fehlt — —?

Simeon eilt hinauf. Um keinen Anstoß zu erregen, begrüßt man sich formell. Cyrenius winkt die Stadtoberen noch zu sich heran. Darüber ist das Stadtvolk froh. Noch ein Signal; der prächtige Reiterzug trabt an, außer einer Vorhut des Beritts Cyrenius an der Spitze, neben ihm Simeon, und Cornelius, der ihm bis ins Lager die Ehre des Geleites gibt. —

Mittags wird die erste Rast gehalten, weit ab von Jerusalem. Der Bagagemeister, der für Lagerplätze sorgen muß, hat gut vorbereitet. Das Ganze verläuft überhaupt ziemlich reibungslos. Im Zelte des Quirins sitzen er, Simeon, die Stabsoffiziere und auch Venitrius an der Tafel. Letzterer, bloß mittlerer Hauptmann, gehörte nicht hier her, denkt Askanius.

Man bespricht den Marsch. Cyrenius holt die Ansicht seiner Männer ein. Bei jedem Punkt fragt er zum Schluß auch Simeon. Die Offiziere würden wetten, daß er kein Römer ist. Aber wo erwarb er sich die umfassende Kenntnis aller Dinge? Er entwirft die Lage in und bei Damaskus, Militärisches und Ökonomisches, Zu- und Abgangsstraßen. Sogar Cyrenius ist erstaunt. Kein Kundschafter brachte jemals solch gewissenhafte Pläne mit.

Während man die Pläne ohne Neid bewundert, stiert Askanius wütend drein. So oft er aber reden wollte, hält Cyrenius ihm vor, sich nicht anzustrengen. Da er seine ‚bittere Lektion‘ in wohlwollende Worte kleidet, wird Askanius Ehre nicht verletzt. Jetzt verkneift er es sich nicht, Simeon herauszufordern.

„Woher weißt du alles? Oder glaubst du“, Askanius will Cyrenius schmeicheln, obwohl er seinen ‚Biß‘ schon vorbereitet hat, „der Quirin mußte auf dich warten, um den wichtigsten kleinasiatischen Stützpunkt auszubauen, den er nötig braucht? Schön, dein Wissen ist zwar gut, allein nicht neu. Römer saßen weit umher im Morgenland, ehe du geboren warst!“

„Warst du damals schon geboren?“ „Faule Eier! Im Augustianischen Palast liegen hunderte von Tafeln, von fleißiger Erforschung aller Länder zeugend.“ „Möglich“, sagt Simeon gelassen. „Warte, bis wir in Damaskus sind, und du wirst erfahren“, ein Blick läßt Askanius förmlich frieren, „ob meine Pläne brauchbar sind.“ „Davon bin ich überzeugt“, sagt der Quirin. „Jeder Offizier bemühte sich, Gutes herzugeben; doch mein Simeon leistete das Beste.“

Das Lob ärgert. Askanius sagt gleich: „Erhabenster Quirin, deine Meinung anzufechten, ist nicht meine Sache. Nur wage ich dir das zu sagen: Seit Monden sind wir mit dir unterwegs. Dieser aber“, tippt er Simeon spöttisch an, „ist aus der Versenkung aufgetaucht, nachdem der Weg ‚getrampelt‘ war. Wann hat er sich bewährt? War er denn dabei, als die Wogen unsere Schiffe umzukippen drohten? Er trägt ein Schwert, aber blitzen sah ich es noch nicht, während wir wo überall? — zu kämpfen hatten.“

„Aber ich!“ Venitrius steht auf. „Mir sagt niemand nach, daß ich nicht kämpfen kann. Allein der Waffe Simeons — — möchte ich nicht gegenüberstehen.“ Beinah hätte er gesagt ‚nicht noch einmal‘. Der Duumvir und mehrere rufen aufgebracht, daß sie sofort ihre Waffen mit ihm kreuzen würden.

„Sachte, sachte“, dämpft Cyrenius die Feuerköpfe. „Ihr wißt, daß die Obersten im Einsatz sich nicht schlagen dürfen. Rechtsstreite werden vor dem Cäsar ausgetragen.“ „Soweit kommt es nicht“, sagt Simeon so nebenher, was das Blut der stolzen Römer förmlich sieden macht. „Askanius ist krank, er kann nicht fechten; und ihr andern Offiziere“, seine Augen gleiten über alle hin, „werdet es erleben, ob und wie ich meine Waffe heben kann.“

Der Heereschef macht der bösen Wörtelei ein Ende, er befiehlt den Weitermarsch. Nach mühevollen Tagen liegt Cäsarea Philippi hinter ihnen, voraus das Gebiet des Pharphar und des Hermon. Dann winken festere Quartiere, wenn — in Syrien alles glatt verläuft. Nur gibt es hier geheime Gänge, kreuz und quer; man weiß nie genau, wer unter einem Turban steckt.

Rast vor Damaskus. Noch leiht der Tag sein letztes Licht, doch im Lager brennen Wacht- und Wärmefeuer. Cyrenius inspiziert die Posten samt dem aufgeworfenen Lagerwall. Alles ist in Ordnung, kaum gibt es einen Tadel. Gerade ist er mit dem Stab am Nordhang angelangt, dessen Vorposten in einer Senke liegen.

„Hier gehören drei Zenturien her“, gibt er Befehl. „Die Stelle ist zu schwach besetzt.“ Ein Hauptmann jagt ins Lager. Da flüstert Simeon: „Lasse einen Igel bilden, ohne Lärm.“ Kaum geschehen, hört man leises Tappen, rechts, links, und nach dem Lager zu. Zwischen diesem und der Nordbastion ist noch keine Postenkette aufgezogen. Die Hundertschaft, der Quirin, dazu fast sein ganzer Stab sind eingekreist. Von wem — ?

Cyrenius weiß selber nicht, wie sehr er sich bereits der Führung Gottes überläßt. Es geht so rasch, daß kaum die Römer, am wenigsten die Partisanen zur Besinnung kommen. Mehr als vierhundert hat man abgefangen. Niemand kann behaupten, Simeon habe es getan, den noch lag das Ganze offenbar in dessen Hand.

Als die Meuterer, hauptsächlich Syrer und Sidonier, zum Angriff übergingen, sah man Simeon auf seinem weißen Pferd wie einen Blitz bald hier, bald dort; und wen er traf — gar viele — ‚ blieb am Boden liegen. Hinterher stellt sich heraus, daß niemand schwer verwundet ist und keiner tot, trotz erbittertem Gefecht. Die Anführer liest Simeon selber auf. Cyrenius läßt sie in das Lager treiben, er will sie nachher gleich verhören.

„Das war ein feiner Sieg!“ jubeln die Soldaten. Simeon sagt zu Cyrenius, er könne mit dem Stab beruhigt in das Lager reiten; selber würde er mit den Zenturien, die inzwischen eingetroffen waren, das Gebiet durchkämmen. „O Lichtbruder“, flüstert jener, „wenn ich dich nicht hätte!“ „Schon gut, mein Freund; nur denke stets: ‚Wenn ich GOTT nicht hätte! Das ist viel wichtiger.“ „Ja ja, aber du hast mir den ewigen Gott gebracht, nein — richtiger: du hast mich zu Ihm hingeführt.“ „Das war Erkenntnis!“ lobt das Licht.

Wie staunt das ganze Heer, als nach einer Stunde Simeon weitere vierhundert schwer Bewaffnete ins Lager bringt. Diese warteten im Hinterhalt auf ein bestimmtes Zeichen. Völlig überrascht, waren sie im Nu umzingelt und entwaffnet worden. Einen führt er selber neben seinem Pferd einher, gefesselt.

Askanius tobt, als er vernimmt, der Quirin hätte bloß mit seinem Schutztrupp und dem schwachen Posten eine Schlacht geliefert. Der Edelknabe Julius läuft ihm in die Quere, der bei Cyrenius seinen Dienst versieht. Er pufft den Knaben hin und her, bis ein Unterführer kurzerhand den Jungen mit dem Schild bedeckt, mit eherner Miene sagend:

„Duumvir, es tut mir leid, das muß ich melden!“ O Mars und seine Reiter! Den Kranken machen bringt ihn außer Rand und Band. Hastig stürzt er einige Becher schweren Weins hinab. Die Lagerlegionäre ärgern sich, daß ‚man nicht dabei‘ gewesen ist, den Feldmarschall herauszuhauen. Denn wäre dieser Überfall geglückt, wie sich beim Verhör ergibt, dann wäre Palästina bald von Widerständlern überschwemmt gewesen. Daß man den hohen Stab der Römer mitgefangen hätte, war jenen selber unbekannt.

Cyrenius formuliert das Urteil, wartet aber Simeon sozusagen für den letzten Federstrich noch ab. Die Feldgerichtsoffiziere fordern gleich den Tod. „Wir sind durch die Güte eines unbekannten, mir bekannt gewordenen Gottes wunderbar errettet worden“, sagt Cyrenius schlicht, „wir wollen also Milde üben.“

Simeon bringt den Gefangenen ins Zelt. Neugierig mustert man den Kerl. Der Duumvir, angetrunken — im Feldlager sehr vepönt — ‚ kommt hinzu. Im Fackelschein sieht er den Mann und da — — Ihn durchglüht ein böser Schreck. Wem entgeht, daß seine Augen förmlich flehen, der Gefangene möge schweigen; und dieser, als werfe er sich nieder, um irgend etwas zu erbitten? Cyrenius, Marcellus, Prätario, Nestur und Venitrius spüren: Hier enthüllt sich eine Sache, die nur ein Simeon wissen kann.

„Erlaubst du mir, Quirin“, sagt Letzterer, „daß ich diesen Mann verhöre? Ich nahm ihn gefangen.“ „Natürlich! Du hast bewiesen, ob und wie du schlagen kannst.“ Cyrenius wiederholt absichtlich jenes Wort, vor Tagen ausgesprochen. Alle Offiziere möchten die Methode dieses ‚Hexenmeisters‘, wie man Simeon schon heimlich nennt, gern kennen lernen. Er holt einen Hocker her.

„Setze dich, Aquaturto!“ Der Gefesselte ist wie gelähmt. „Woher weißt du . . .“ deinen Namen?“ Simeon sieht Askanius, der leichenfahl geworden ist, scharf an. „Ich kenne dich schon lang“, sagt er zum Gefangenen. „Du bist ein Babylonier, ein Mischling; dein Aussehen erleichtert sehr, dich für ‚vieles‘ auszugeben. Seit Jahren bist du ein Spion, mal da, mal dort, je nachdem wer mehr bezahlt. Gib das zu!“ Der Mann sieht nieder, er hat kein ja. Aber leugnen? bei einem solchen — Denn daß er nirgendwo dem Fragenden begegnet ist, dafür ließe er sich notfalls köpfen.

„Ist Schweigen auch ein Ja?“ befragt Simeon die Römer. Es wird bestätigt. „Vor kurzem warst du in Jerusalem und hast dort . . .“ Der Duumvir taumelt auf den Ausgang zu. Prätario und Nestur stellen ihn und erwarten des Quirins Befehl. Dieser sagt nur wie bedauernd: „Du bist sehr krank; lege dich auf meine Felle.“ Schwer atmend fällt Askanius nieder.

Simeon redet ruhig weiter: „. . . deinen Dienst einem hohen Manne angeboten. Dem kamen — günstig scheinend — gleich zwei Dinge in die Hand. Wohin wurdest du geschickt?“ Cyrenius fragt, ob Simeon es nicht wüßte. „Natürlich; aber er soll reden, damit das Ohr des bösen Mundes seine eigene Schande hört.“ Aquaturto sitzt wie ein Häuflein Elend da. Flehend streckt er seine Hände mit der Fessel hoch — und läßt sie wieder mutlos sinken.

„Ich ward nach Rom geschickt.“ „Mit welcher Botschaft?“ Cyrenius läuft rot an. „Ich will es wissen! Rede, oder . . .“ Simeon streicht über die geballte Römerfaust. „Du überließest mir den Mann.“ Wenn auch schwer, läßt Cyrenius sich besänftigen. „Ja ja“, sagt er und setzt sich wieder an den Richtertisch.

„Weiter!“ gebietet Simeon. Der Gefangene sieht öfter zu Askanius hin. O, der hohe Römer wird wohl leugnen; nur er, der Spion, ist der Verlorene; nur er sitzt in der Falle. „Ich darf den Mann nicht nennen“, sagt er heiser, „ich — ich schwur bei Nebo und bei Nisroch (babyl. und assyr. Götzen), daß ich mir die Zunge nehmen ließe, ehe ich den Namen . . .“

„Das wäre ja dein erster Schwur, den du halten würdest.“ „Ich habe . . .“ „Keine Lüge“, ruft Simeon eigenartig hart dazwischen, „denn ich kenne deinen Auftraggeber gut. Nun — was solltest du in Rom verrichten?“ „Dem Cäsar eine Rolle bringen, ich wäre durch das Siegel an der Rolle vorgelassen worden.“

„Hinein; ob auch heraus? Hast du das gedacht?“ „Ja; oder“, fragt der Gefangene, „wäre ich — “ „Du wärest! Rom sucht dich nämlich. Wie kamst du zu den Meuterern? Ich fand ihn nämlich“, sagt Simeon zu Cyrenius, „an einen Baum gefesselt, daß man ihn — vielleicht per Zufall — einmal tot gefunden hätte.“ Askanius murmelt: „Das wäre gut gewesen.“

„Was sagst du?“ dreht sich Cyrenius um, wartet aber keine Antwort ab. Der Gefangene erzählt, seit Tagen hing er an dem Baum; man hatte ihm die Rolle abgenommen und gedroht, er würde an die Römer ausgeliefert. Er blieb fast ohne Nahrung. Der Pharphar lag schon hinter ihm und nun wollte er nordwestwärts durch die unwegsamen Schluchten schleichen. Er nahm an, Räuber hätten ihn gefangen. Oft stockt er und widerspricht sich auch.

Simeon verhilft ihm streng, die Wahrheit zu bekennen. Trotzdem fühlt der Babylonier sich wie geborgen. Er hinge ‚seine Arbeit‘ an den Nagel, wenn der Feldrichter, als solchen sieht er Simeon an, ihn als Knecht behalten würde. Aber ach — das ist Illusion. Er braucht bloß die Römer anzusehen, dann — —

„Her mit dieser Rolle!“ fordert der Quirin. Askanius stiert den Babylonier an wie eine Fliege, die im Netz der Spinne hängt. Da rückt Simeon seinen Stuhl zwischen beide. Aquaturto atmet auf. Aber reden — ? Er hat nur gesagt, daß man ihm die Rolle nahm, nicht, daß man sie zurück in seine Turbantasche steckte, wo sie kaum vermutet wird. Er könnte also — —

„Die Rolle finden wir.“ Simeon klemmt den Turban plötzlich unter seinen Arm. „Du bist erschöpft“, fährt er ruhig fort, „und sollst erst schlafen. Ein Fluchtversuch kostet dich das Leben. Noch stehst du unter meinem Richterschutz, kommst aber aus dem Lager nicht her aus, das merke dir. Wundert es dich nicht, daß ich dich fand?“ Der Gefangene nickt. „Wenn du gehorchst, bist du vor dem Schlimmsten zu bewahren.“ Er winkt zwei Wachsoldaten her:

„Wir brauchen diesen Mann“, gebietet er. Ah, in außerordentlichen Fällen wird ein Gefangener auch gut gehalten. Nach dem Abgang will Cyrenius den Duumvir vernehmen. Der Cäsar würde keine Milde walten lassen, das weiß jeder. Schreckensbilder stehen vor Askanius, als er sich erheben muß. Er sieht niemand an, schielt bloß verstohlen auf den Turban, den Simeon noch unterm Arme hält. Wenn er diesen hätte — — — Simeon sagt indessen:

„Cyrenius, Großes hast du in Jerusalem erlebt; nun möchte Gott gern sehen, ob das Samenkorn schon eine gute Ähre zeigt. Menschen deines Schlages hat die Erde wenige. Du bist gerecht, trotz strengem Regiment. Auch steht Roms Recht auf deiner Seite, unerbittlich durchzugreifen. Strenge ist ja keine Härte! Und Schlangen braucht man nicht zu nähren, die suchen sich schon ihren Fraß!“ Askanius wandte alle Kräfte auf, um gelassen zu erscheinen. Das letzte Wort zerbricht den steifen Nacken.

„Ein Mensch kann giftiger als eine Otter sein. Allein, auch sie besitzen eine Seele, diese argen Menschen. Sie haben sogar einen Funken Geist, den der Allmachtsvolle jedem gab. Dieses Funkens wegen, durch den die arme Seele auch zum Licht gelangen kann, muß man alles tun, jemand zu erretten. Geht es um die Seele, bei GOTT das Wichtigste, ist der Leib mit zu erhalten, durch den die Seele anzusprechen ist. Das verstehst du ja.“

„Gewiß; nur weiß ich nicht, wie sich das auf — “ In berechtigtem Zorn mag Cyrenius den Namen des Verräters nicht mehr nennen. Simeon fängt es gütig ab: „Ruhe dich erst aus, es war ein schwerer Tag. Ich gehe mit Askanius, möchte aber deinetwegen einen Zeugen haben.“ Der Adjutant meldet sich sofort.

Der Quirin winkt seinen Offizieren ab. O — die Müdigkeit zermürbt ihn fast. Seit Monden kennt er keine Schonung; außerdem ist‘s weit nach Mitternacht. Venitrius, wie jeder übermüdet, wirft den Schlaf von sich und bittet, im Feldherrnzelt zu wachen. Cyrenius nimmt es dankend an. Er ahnt, daß er nur auf jene sich verlassen kann, die — wie er — zum Glauben an den Einen Gott gekommen sind, durch die Hilfe eines — — Engels.

Das Lager kommt nicht ganz zur Ruhe. Weiß man, ob nicht noch ein Überfall geschieht? Marcellus merkt es nicht, daß eine Ronde auf Befehl des Feldherrn folgt und in steter Ablösung sich um das Zelt des Duumvir postiert. Drinnen bleibt Askanius stehen. Haßerfüllt sieht er die Begleiter an.

„Was soll der Zeuge?“ sagt er knurrend und gibt sich den Anschein eines falsch Beschuldigten. „Hast du was zu sagen, Simeon, obwohl ich gar nicht wüßte . . .“ Simeon zeigt auf den Turban. Diese Geste läßt Askanius auf den Feldstuhl fallen. Er stützt die Stirn in beide Hände. Marcellus bleibt zwischen Tisch und Ausgang stehen, während Simeon sich Askanius gegenübersetzt.

„Es bleibt unvermeidbar, daß ein Zeuge hört, was wir zu bereden haben. Marcellus bitte ich um Schweigen. Bleibst du stur, wird dem Feldmarschall die ganze Sache vorgetragen.“ „So so!“ Askanius will den Turban an sich reißen. „Gedacht?“ erklingt‘s so spöttisch, wie man Simeons Stimme überhaupt nicht kennt. „Sei nicht albern, das steht einem stolzen Römer schlecht!“

„Ach halt“, spottet Askanius zurück, „wieviel Talente willst du haben?“ „Soviel, wie du Prügel brauchst!“ tönt es kalt. „Du hast bereits dem Aquaturto zwanzig angezahlt. Eine hohe Summe für eine Rolle, auf der ein Römer sich zum Schuft erniedrigt hat. Dein Haus in Rom sollte weitere dreißig zahlen, falls dem Überbringer deine Schuftigkeit gelungen wäre. Warst du so gewiß, daß dir der ‚Fall Cyrenius‘ gelingen würde?“

„Er fällt!“ knirscht Askanius. „Wie sieht durch ihn der wichtige Süd-Ost-Block aus? Politisch wankt des Reiches Boden unter uns wie jener am Vesuv, wenn der Krater Lava speit. Und das soll unser Cäsar nicht erfahren? Gutmütigkeit ist Dummheit; ein lascher Zügel ist Verräterei! Ich stehe zu Augustus!“

„In Iberien sollen deine Leute die Legionen gegen deinen Cäsar reizen, damit du des Römischen Reiches Herrscher wirst. Das ist dein Ziel! Dazu gehört, jene abzusägen, die des Augustus beste Stützen sind. Kannst du den Quirin verderben, dann folgen alle andern automatisch durch des Cäsars Hand, um hinterher zu schreien, er wäre zu regieren nicht mehr fähig, er tötete ja die Besten Roms. So hattest du dir das gedacht.“

Es kostet Marcellus große Überwindung, mit seinem Schwert nicht dreinzuschlagen. Ah ah — Simeon wird ihn anders fertig machen, für immer. Noch größere Mühe kostet es Askanius, sein Erschrecken zu verbergen. Er klammert sich am Tische an, bis dieser kippt. Wieder spottet Simeon herb:

„Der Tisch bleibt stehen; aber du kippst um!“ Er entnimmt dem Turban eine Rolle. „Simeon“, ächzt Askanius, „nein — nein —“ „Wer soll dir helfen? Du hast die Ehre weggeworfen. Gib Marcellus deine Waffen, gib deine Orden ab. Du hast verspielt!“ Sogar der Adjutant erschauert. Wer ist bloß dieser Simeon? Seine Art, den Schurken zu entlarven, ist sicherlich die beste. Dabei bietet er ihm insgeheim die Chance, sich das Leben zu erhalten, womöglich auch die Ehre wiederzugewinnen.

„Marcellus, lies die Rolle vor, und merke dir den Inhalt gut.“ „Mein Gedächtnis läßt mich nicht im Stich und . . .“ ‚Du kannst es unterstützen‘, möchte er gern sagen. Als er den Text verliest, der in schnöder Weise den Quirin beschuldigt, außerdem so abgefeimt, daß er Augustus zum Verhängnis werden mußte, ist‘s mit der Beherrschung aus. Es bedarf eines himmlischen Blitzgriffes, um eine Bluttat zu verhindern.

Marcellus keucht: „Laß mich los! Ich will . . .“ „Deine Hand ist zu sauber, um sich an solchem Denunzianten zu beschmutzen. Denkst du nicht auch?“ Das bringt den Römer zur Besinnung. „Du hast recht, du, du — Unirdischer! Was soll nun werden?“ „Das kommt auf den Verräter an. Sieht er sein Unrecht ein, so verhelfe ich ihm gern zum guten Umkehrweg; wenn nicht, kommt er nach Rom.“

Askanius wütet dumpf: Wie kann jener das Geheimnis an das Licht befördern, als pfiffen es die Spatzen von den Dächern? Was mit ihm geschieht — grausam steht es wie ein Nachtmahr da. Wenn — ach, mit tausend ‚wenn‘ ist nichts getan. Nur den Zauberer morden und — — Wie ein Tiger springt er Simeon an die Kehle. Aber wieder hat er sich verrechnet. Marcellus Schrei, sein Sprung nach vorn, das Eindringen der Ronde, — alles kommt zu spät.

Totenbleich liegt Askanius am Boden. Er weiß nicht, was mit ihm geschah. Simeon hilft ihm wieder hoch und sagt milder: „Askanius, siehst du die Verfehlung ein, und daß ich dir zu Hilfe kam? Glaubst du noch, daß auch nur einer für dich spricht, fällt dem Quirin die Rolle in die Hand?

Woher wußte ich, wo das Verräterstück zu finden war? woher, daß euer Lager überfallen werden sollte? Hunderte im Hinterhalt und Tausende in Syrien sprungbereit? Es war nicht abgemacht, daß dir der Cäsar Glauben schenkte. Wo ich bin, Römer, gibt es keinen Tod und kein Verderben! Wer aber keine Hilfe will, dem ist irdisch nicht zu helfen. Nach euerer Justitia ist dein Leben abgelaufen, kein Richter Roms darf dich verteidigen.

Ein Fluchtversuch würde deine Sache nur verschlimmern. Nimmst du meine Hilfe an, so sende in der Frühe hin zu mir und — GOTT, den du nicht kennst, wird dir durch mich helfen.“ Simeon geht mit Marcellus fort. Der Adjutant, zutiefst erregt durch Simeons Art, die er nicht begreift, doch schon anerkennt, muß mehrmals heftig atmen. Die kühle Nachtluft tut ihm richtig wohl.

„Ich möchte selber wachen“, deutet er zurück, „kann ja doch nicht schlafen.“ „Doch, du kannst! Es war ein starkes Nervenstück. Da braucht sogar der Stärkste die Entspannung. Merktest du, Marcellus, daß mein Gott, der auch schon halb der deine ist, wunderbarlich hilft? vor allem denen, die IHM voll Vertrauen? Der Quirin hat das sehr gut gelernt.“

„O Simeon, ich hab‘ es auch in dieser Nacht gelernt. Immer mehr wird mir bewußt, wenn du mir nahe bist, daß eine Kraft — mir unbekannt — mich einfach überströmt. Darf ich dich bitten: sei mein Freund?“ Der allzeit forsche Römer faßt schüchtern nach der hellen Hand. Simeon umarmt ihn fest und sagt:

„Du hast wahrlich nächtens deinen ‚Hohen Herrn‘, den Schöpfer der UR-Ewigkeit gefunden! Man kann Ihn immer suchen und wird Ihn immer finden, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Dennoch ist‘s Besonderes, wenn es nachts (auch Leidenszeit) geschieht. Böses ist den bösen Nächten gleich; aber gute Sterne leuchten in der Nacht des guten Gottes! Und deshalb: Gute Nacht.“ „Gute Nacht“, gibt Marcellus den ungewohnten Gruß zurück. Gute Nacht, sagt er leise vor sich hin, als er auf seinem Lager liegt. So ein Gruß erwärmt das Herz. —

Das Lager wird befestigt. Nun der wesentlichste Kern der Meuterer gefangen ist, wird die ‚Feuerstelle Syrien’ mehr Ruhe geben. Der Truppe wird die wohlverdiente Pause eingeräumt. An sich denkt der Quirin zuletzt. Den getreuen Paladin als Wächter wissend, hatte ihn erquickt. Nur eines quält ihn sehr: War er nicht freundlich gegen jedermann? Zucht mußte sein; und die verlangte er vor allem von den Offizieren. Das konnte keine solche Feindschaft säen, wie ihm durch Askanius — — Darüber war er eingeschlafen.

Es ist sehr früh. Der Stab wartet vor dem Zelt. Simeon tritt auch hinzu. Man hat sich zugetuschelt, er sei aus einem fremden Land und könne Dinge, die kein Sterblicher vermöchte. Die Vorpostenkämpfer singen Heldensagen über ihn. Doch zumeist ist es sein freundliches Gesicht, die stete Hilfsbereitschaft, die die Legionäre immer mehr in seine Nähe treiben.

Oft hilft er, scheue Pferde zu beruhigen, und es fällt auf, daß er nur zu streicheln braucht, und die Tiere stehen still. Er ermahnt die Leute, ihre Tiere liebreich zu behandeln. So wirkt er auch im Nebensächlichsten im Sinn des Empyreums, aus dem er als ein Licht zur Erde ging. —

Die Offiziere fragen ihn um viele Dinge, nur Askanius wird nicht erwähnt. Die Sonne steigt allmählich hoch; da kommt ein Läufer und übergibt ihm eine Lagertafel. Er liest und sagt: „Melde, daß ich in einer Stunde komme.“ Askanius weiß nicht mehr ein und aus. Bloß dumpfes Hoffen lebt in ihm: Jener Simeon kann helfen. Wie — weiß er freilich nicht.

Cyrenius tritt zum Zelt heraus. Er wird stumm gegrüßt; die Augen künden ‚Treue bis zum Tod‘. Zuerst besichtigt er das Lager. Zum Zelt zurückgekehrt, folgt die Befehlsausgabe. Simeons Lichtgesicht dabei zu sehen, — wie tut das wohl. Das ist so verläßlich, so — — Es gibt kein Wort dafür. Simeon bringt das ‚Verfahren‘ mit Askanius zur Sprache, ohne das Bitterste des Verrates preiszugeben, unterbreitet Gottes Willen in einer Art, als ob Cyrenius es gar nicht anders wolle.

Demzufolge soll Askanius, wenn er sich jedem Spruche beugt und neu bewähren will, zu Cornelius kommen. Rom ist zu gefährlich; und neben dem Quirin kann er nicht bleiben, selbst wenn dieser ‚ganz vergessen‘ möchte. Offiziersvertrauen ist schlecht zu flicken. Der Duumvirrang wie bisher kann leicht zu einem unheilvollen Rückfall neuen Nährstoff bieten.

„Er enttäuschte mich“, sagt Cyrenius am Ende der Beratung. „Ich hatte mit ihm Differenzen; aber daß er zum Verräter würde — — Ich sagte ihm im Arboretum zu Jerusalem und wußte nicht, wie wahr, ich brauchte für Augustus keinen Zwischenträger. Genau das führte er im Schild.“

„Das war eigentlich nur noch ein Vorwand, der ihm — nach seiner Ansicht — günstig in die Hände kam. Nun er aber nicht mehr schaden kann, wäre es das beste, über diese Sache Weidesamen (Grassamen) auszustreuen; der bedeckt am ehesten ein nacktes Land.“ Simeons Wort verlangt ein ‚ja‘ von den Offizieren. Ungewollt stimmt jeder zu. „Nochmal sehen mag ich ihn nicht“, sagt Prätario hart, „sonst wird mir übel.“

„Da müßte unserm Schöpfer immer übel werden, weil manche Menschen trotz unentwegter Güte absichtlich Böses tun. Ja, GOTT ist gut! Wer Ihn nun anerkennt und liebt, wird Seine Art bedenken und mindestens versuchen müssen, gut zu werden, soweit der gute Wille reicht. Die Demütigung sei Askanius nicht erspart, zu seinen Gunsten, — auch etwa zu den eueren.

Er muß abbitten, sonst kommt er gar zu billig weg. Der Quirin wird ihm wieder auf die Füße helfen. Jemand niederschlagen und dann liegen lassen ist gemein; aber einen, der gestrauchelt ist, nicht hoch zu helfen, geht gegen das Gesetz des Lebens. Ihr würdet sehr erschrecken, sähet ihr, was solche Handlung mit sich bringt. Man denkt, dem anderen etwas anzutun. Nein, man trifft sich selbst ins Herzgefäß, das als ‚Gewissen‘ schlägt. Ich rede mit Askanius und komme mit ihm her.“

Keiner sagt ein Wort. Cyrenius Sitzt in sich versunken da. Diese ‚Himmelslehre‘ anzunehmen ist schwer. Doch er bringt es fertig. Er sieht immer nur das gute Lichtgesicht, und ihm ist‘s, als ob dessen Augen wie zwei Sonnen strahlen, davon sein Herz so hell geworden ist. Mag also der Verräter kommen,

Simeon schont den Römer nicht. Mit des Geistes Hammer zerschlägt er alle Argumente, auf die sich jener stützen will. Erst nach der Unterwerfung fängt Simeon langsam an, wieder aufzubauen. Zuletzt bekennt der Römer, der niemals Tränen kannte, weinend: „Ich weiß nicht, wer du bist; um dich wurde viel gerätselt. Nun will ich‘s gar nicht wissen, weil ich weiß: Dich hat keine Welt geboren! Herrschsucht war mein Wesen, Stolz war mein Panier. Vor Cyrenius ist mir aber bang.“

„Du hast unter deinem Volke keinen besseren als ihn“, sagt Simeon schlicht. „Als du in Jerusalem ihn kränktest, bot er dir noch seine Hand. Du schlugst sie aus und — logisch —schlugst dich selbst. Der Quirin handelte auf solch feine Weise, wie dir niemals in den Sinn gekommen wäre.“

„Deshalb wird mir sauer, ihm nochmals zu begegnen. Und dann bei Cornelius? Schmachvoll, nur unteren Beamtendienst zu leisten.“ „Das bleibt dir nicht erspart.“ Askanius nickt Gesenkten Hauptes geht er neben Simeon einher. Am Quirinzelt schaut er sich verwundert um. „Eigenartig, niemand ist uns jetzt begegnet.“ „Mein oberster Regent hat das so gewollt.“ „Wer? Ah, der Quirin Cyrenius —— ?“ Ungläubig gefragt. Simeon entgegnet:

„Der Herrscher, Dem sich alles beugen muß, ob Cäsar oder Bettelmann, der EWIGE GOTT, hat mir dein Schicksal anvertraut.“ Askanius sieht entgeistert drein. Es schüttelt ihn, er versteht des Wortes dunkles Rätsel nicht. Allein — etwas bleibt in ihm zurück: Sehnsucht nach dem Besseren. — —

Tief gebeugt steht er vor Cyrenius, die Offiziere abseits, mit geballten Fäusten. Jeder haßte ihn, jetzt — ein warmes Licht ist mit Simeon hereingetreten, das irgendwie ihr Denken lenkt. Askanius bittet um Verzeihung und — Simeon hatte es ihm angeraten — um eine ‚kleine Stelle irgendwo‘. Wenn Cyrenius ihn nicht versetzt, dann müßte er nach Rom zurück. Der Cäsar würde seiner Sache eine andere Richtung geben.

Man sah Cyrenius allzeit edelmütig; heute überragt er sich. Er richtet den Gebeugten auf, ruhig redend: „Meine Abrechnung hat der Lichtgeist uns erspart.“ Er wählt absichtlich dieses Wort. Man legt es dahingehend aus, daß Simeon einfach übermenschlich handelt. Nur Marcellus, Prätario, Nestur und Venitrius ist des Wortes tiefer Sinn bekannt.

„Du kannst dir denken“, sagt Cyrenius, „daß mir bitter angekom men wäre, dir zuverzeihen. Ich tue es im Aufblick zu dem ewig wahren Gott, auch im Aufblick zu Roms Aar, damit unsers Cäsars Name und die Ehre aller Römer zu bewahren sei. Aus diesem Grunde und weil Simeon den Befehl des HÖCHSTEN brachte, dir den Weg zu bahnen, über dem das Leitwort ‚Wiedergutmachung‘ geschrieben steht, deshalb gebe ich dir“, er winkt Marcellus, der die Waffen und die Orden des Askanius bringt, „deine Ehre wieder.

Öffentlich bleibst du Duumvir; doch vor mir mußt du durch Treue und Gehorsam es erst wieder werden. Das ist mein Richterspruch.“ Ergriffen nehmen alle ihre Helme ab. Ihnen ist, als stünden sie in einem Dom. In welchem? Bei keinem steigt ein leerer Götzenname auf.

„Quirin!“ ruft Askanius entsetzt. „Quirin!“ Mehr bringt er nicht heraus. „Schon gut“, sagt Cyrenius müde. Sein Herz tut plötzlich weh. Das Menschliche — o, es war zu überwinden und hat viel Kraft gekostet. Still geht man hinaus, die vier Eingeweihten bleiben. Man bettet ihn aufs Lager und Simeon mischt einen Trank. Darauf schläft Cyrenius ruhig ein.

Simeon sagt zu Marcellus: „Am Abend reite ich zurück. Ich nehme auch den Babylonier mit; besser, er bleibt zunächst bei mir.“ „Was sollen wir mit den Gefangenen und Rädelsführern machen?“ „Schafft sie nach Rom, aber möglichst nicht als Sklaven. Wer sich Sklaven hält, verstößt gegen das Gesetz des Lebens. Dieses ist das höchste UR-Gesetz.“

„Du willst heute fort?“ fragt Venitrius betroffen. „Nächstes Jahr sehen wir uns wieder.“ Cyrenius war nach zwei Stunden gutem Schlaf wie neugeboren aufgewacht. Viele kommen in das Feldherrnzelt, irgendwelche hergeholte Meldung bringend. Cyrenius und Simeon sehen es lächelnd ‚durch die Finger‘ an.

Die Sonne steht schon tief. Alle Oberen und eine Menge Legionäre begleiten Simeon bis an den Lagerrand. Da nur wenige die ‚Sache‘ wußten, kann Askanius das Lager ungekränkt verlassen. Cyrenius hebt die Hand an seinen Helm und zuletzt beschattet er die Augen. Nicht nur ihm ist es, als ob lang, sehr lang ein Licht zu sehen sei, das weiße Pferd, der weiße Mantel, und — eine helle Lohe, die am Himmel reflektiert.

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