3.T-Kapitel 17
Vom Leben, Lebensgesetz und von ‚Gott als König und als Bettler auf der Welt‘. Vollendung und Vollkomenheit. Eine hochheilige Predigt Gottes.
Hasabra und Josabad richten beide Räume, die ihnen von Cornelius wieder zugesprochen waren. Die Römer kommen gern, sogar Nestur, der sich sehr beeilte. „Fortuna war mit mir“, sagt er zu Forestus. „Klappte je ein Aufbruch ohne Zwischenfall?“ „Die Fortuna kannst du heut‘ zu Hause lassen“, mahnt Forestus. „Hast du es nicht mitgekriegt, um was es geht?“ „Umdrehen von heut‘ auf morgen läßt sich nicht erzwingen. Das Anrufen unserer Götter ist einem in den Mund gewachsen.“ (O-Gott-Sager)
Der Händler Samnus kam hinzu. Ihm war wichtig, mit den Persern ein Geschäft zu machen; er muß aber konstatieren, daß das Weltliche an diesem Abend vor der Pforte steht. Das Grundthema ist wiederum der ‚Eine Gott‘, dazu die neue Frage: Was bedeutet es, daß Gott ein König ist? Daß die Templer hier die beste Ansicht haben, ist nicht verwunderlich; wenn aber ein Cyrenius und Cornelius gute Antwort wissen, so ist das hervorzuheben.
„Unsere Gedanken sind nur Mosaiken; der Himmel wird es wissen, ob er sie zum Bild gebrauchen kann. Simeon, rede du, dann brauchen wir die Wahrheit nicht zu suchen.“ „Fein gesagt!“ Zacharias klopft dem Tribun die Schulter: „Werter Freund, wenn auch unsere Bruch stücke nicht ganz stimmen — es fällt dem Lichtgeist leicht“, zeigt er auf Simeon, „sie ins Bild oder in den Rahmen einzufügen.“
Das Licht lächelt: „Gott hat väterliches Wohlgefallen über euch, die ihr die Welt jetzt hinter euch gelassen habt. O, es ist alles brauchbar, wenngleich manches abgeschliffen werden muß. Da muß man formen, feilen, schneiden, hobeln, manchmal sogar brechen.
Ein hehres Kunstwerk ist der freie Glaube, der ohne Überschau nicht möglich ist. Es schadet nichts, wenn Späne fallen. Ein guter Fachmann hebt die groben Stücke auf und versucht, aus ihnen kleine Dinge herzustellen. Nur der Abfall kommt in eine Grube. Doch selbst er geht nicht verloren; denn die Erde nimmt den Abfall auf. Merkt, was das bedeuten soll.
Man müßte meinen, daß dem Schöpfer diese Bagatellen nebensächlich sind. Aber nein! GOTT ist alles — Schöpfer, Priester, Vater, Hirte, Landmann, Gärtner, Kaufmann, Bildner und noch vieles mehr. Was Er also für das eine Fach nicht brauchen kann, dient Ihm leicht zu einem anderen. Auch der Abfall wird verwendet, wenn zunächst bloß als ein Dung des Schöpfungsfeldes.
Wer vom Schöpfer hört, aber Ihn nicht anerkennt, kommt als Abfall in die ‚Grube Welt‘. Nicht GOTT wirft ihn hinein; Er hebt auch den letzten Span heraus, um aus ihm zu machen (Jer. 18, 4), was er vorher war: Sein Kindgeschöpf! Mancher von euch fragt besorgt: ‚Bin ich auch ein Abfallstück?‘
Vom Schöpfer her sind alle Lebewesen Kindgeschöpfe, und niemand ändert Seine Werke. Unabhängig davon kann man aus sich machen was man will; nur eines nicht: sich töten!“ Prätario ruft dazwischen:
„Halt, ich widerspreche!“ „Deinem Widerspruch wird Simeon gehörig widersprechen“, sagt Marcellus, der durch Cornelius umgewandelt worden war. Simeon nickt ihm anerkennend zu, läßt aber Prätario erst sich äußern. Der sagt:
„Ich zitiere Selbstmörder. Bisher dachte ich: Jeder Gestorbene ist tot. Freilich, durch den Glauben Simeons ist mir ja ein Lichtlein aufgeblitzt, daß es mit dem Tod gewisse Wege hat und es später etwa weitergeht. Selbstmörder nehmen sich ihr Leben; sie, wie soll ich sagen, werfen es ja ihrem Schöpfer vor die Füße hin. Sie verdienen also keineswegs das Weiterleben. Denn wenn mir jemand etwas schenkt und ich werfe es verachtungsvoll von mir, so bin ich des Besitzes auch nicht wert.“
„Das wäre ein Problem“, meint Athaja. Hingegen Galal, dessen Ohm sich durch ein schreckliches, unverschuldetes Geschehen das Leben nahm, sagt erregt: „Entweder gibt‘s ein Leben nach dem Tode oder nicht. Gibt es Gnade, warum nicht für alle?“ Jene Freunde, die sein Schicksal kennen, verstehen Galals Schmerz. Simeon heilt mit einem guten Wort die Wunde:
„Prätario hat nachgedacht; nur ist‘s nicht derart anzusehen, daß Selbstmörder nicht auch weiterleben können. Es betrifft auch keine Auflösung des Seins, noch eine unbewußte Existenz. Freilich, ohne Gottes Gnade gäbe es für solche Seelen nur die Auflösung, obendrein zu ihrem eigenen Heil.
Der Schöpfer, der ureigenstes LEBEN ist, wird keinem einzigen Geschöpf, das durch Selbstmord endete, das Dasein nehmen. Nur leben sie für eine Zeit wie unbewußt, spüren jedoch ihre Schuld, wie ein Mensch im Schlaf die Krankheit seines Leibes fühlen kann. Ist eine Selbstmordtat im Gröbsten abgegolten, was durch Gottes Gnade einzig möglich ist, dann gelangen solche Seelen wieder in den ordentlichen Wachzustand.
Darunter entfallen auch noch Hurer, Prasser, absolut Ungläubige und Böswillige. Dagegen jene“, Galal gilt ein Blick voll Trost, „die sich ohne Schuld aus jähem Schmerz, aus untragbarer Last das Leben nehmen, stehen unter der Barmherzigkeit. Freilich, echter Glaube läßt kaum solcherlei Verwirrung zu, wenn auf ein Menschenherz auch große Lasten fallen.
Da — aus verschiedenen Gründen — der Weg durch die Materie sich oft schwer erfüllen läßt, ist Barmherzigkeit das oberste Gesetz des Richters! Die verwirrten Seelen werden deshalb nur für eine Weile zugedeckt, während dessen sie zurück zum wahren Leben finden. Also kann sich keiner selbst das Leben nehmen und gibt es auch in diesem Sinne keinen Tod.“ (1. Kor. 15, 55)
„Du wolltest uns vom kommenden König sagen“, mahnt Cyrenius, „der als HERRSCHER angesehen werden soll. Kommt Er als ein solcher, wie du Ihn verkündigt hast, so wird Er Feinde haben, ehe Er geboren wird.“ Der Römer ahnt nicht, welche Wahrheit er gesprochen hat. Simeon nickt ernst und schwer:
„Freund, die Materie ist stest ein Feind des Lichtes! Da Er nebst dem hehren Königtum (Ps. 10, 16; Jes. 6, 5) die fast bettlerhafte Armut einer Erde (2. Kor. 8, 9) auf Sich nimmt, wird man Ihn auch doppelt hassen: die Hohen, weil er König ist; die Niederen den Armen. Die Großen fürchten Seine Hoheit, Seine Überlegenheit; und die Kleinen sagen: Ein Armer nützt uns nichts; was richtet Er denn gegen Hohe aus? — Und doch — —
Weil Er beides ist, wird Er beiden Arten helfen! Als ewig hoher UR-Geist ist Er König; der Körper gilt als Bettel der Materie. Wie du richtig sagtest, mein Cyrenius, bedeutet König ‚Herrscher‘ und hat mit einem Erdenkönig nichts gemein. Transzendent, aus dem Empyreum übertragen, bedeutet König einzig und allein der SCHÖPFER in Seiner vierfachen Wesenheit. Grundsätzlich hat die Welt sich nur das Wort geliehen, und die Könige auf dieser Welt werden daher nach und nach verschwinden.“
Fragt Nestur: „Wer regiert dann einst? Ohne Regiment zerfällt ein Volk!“ „Man prägt später andere Wörter, ohne daß es wirklich anders wird. Aber nichts beeinflußt Gottes Ziel, die Verlorenen in das Licht zurückzuholen, auch nicht das, daß sich der Schöpfer Selber KÖNIG nennt. Nicht einen König, Freunde, nein — den einzig wirklichen, den es gibt!“ (König Ariel [VH25].)
„Er müßte ja bei Seinem Kommen wenigstens als Königssohn geboren werden“, stellt Nathan zur Debatte. „Schon recht; aber wo? fragt Ahitop. „Wird Er hier geboren, wie offenbart, gibt es zur Zeit nur den Herodes. Dessen — “ der Fürst brummt ‚Räuberhöhle‘, — undenkbar!“ Hilkior brummt mit. „Fremde Herrscher kommen kaum in Frage. Wie ist das also zu verstehen?“
„Welche Irdischkeit“, fragt Simeon, „wäre nur das ‚Stroh‘ in Seiner Wiege, wert genug, daß ER Sich darauf betten läßt? Er braucht keine Prinzgeburt, um ein König erst zu werden! Er wäre auch kein Armer mit den Armen, stünde Seine Wiege im Palast. Den Königstitel bringt Er mit; den Bettler zieht der wunderbare Gott des Reichtums und der Herrlichkeit vorübergehend an — — bloß der Kindgeschöpfe wegen aus Geduld, Liebe und Barmherzigkeit.
Nur darum wird ER auch ein Kind! Für Sich brauchte Er es nicht zu tun, um etwas zu erreichen, was Er sonst nicht könnte. Dann wäre er ein ‚Werdender‘, wie die Geschöpfe trotz des Daseins ‚werden‘, sich vollendend, während die UR-Gottheit in jeder ihrer Wesenheiten und den Eigenschaften höchst vollkommen ist! (Matt. 5, 48)
Auch erhöhen sich mit Seinem Kommen weder Seine herrschaftlichen Herrlichkeiten noch Sein Wesen. Er tut alles für Lo-Ruhama, aus dem Quell der Mitternacht, dem Zufluß eigener Licht-Allmächtigkeit. Das Wichtigste ist Sein Sterben! Dabei ist sehr zu beachten: Außerhalb des Empyreums haust die arme Ferne; außerhalb Jerusalems vollziehen sich Geburt und Tod. —
Zweitlinig bedeutet es: Man wird Ihn in Jerusalem als derzeitigem Sammelpunkt vom Morgenland so wenig mögen, wie wenig ebenso die meisten Menschen ihren Schöpfer kennen wollen. Und doch trägt Er Sein Licht herein! Nichts und niemand ist imstande, Seines Lichtes Strahl zu hemmen, noch weniger es auszumerzen. Es dringt bis in die tiefste Hölle ein!“ (Ps. 139, 7-12)
Da fragt Schithinaz: „Du sagst, es gäbe keinen Tod. Wieso kann der Schöpfer sterben? Wir glauben nur an die Umwandlung.“ „Ihr glaubt recht. Achte auf: Gott nimmt den Tod nicht Seinetwegen auf. Wie Er Sich das Kindsein wählt, um allen, die noch keine Kinder sind, den Weg zur Kindschaft leicht zu machen, so den Tod, um für alle, die dem Seelentod verfallen sind, diesen auch zu überwinden. Sein Tod ist das heiligste Symbol, wie es völlig erst im Licht verstanden werden kann.
Mit dem nur körperlichen Tod sprengt Er die gewaltsam zugehaltene letzte Pforte der Materie. Außerdem ist Sein Todesakt ein anderer als bei den Menschen, wenn es auch den gleichen Anschein hat. Denn
Sein Tod ist das höchste Lebenssiegel für alle im Licht und in der Finsternis!
In Gottes Kindgeburt und Erdentod liegt das messianische Ziel, das gestürzte Lichtkind SADHANA (ursprünglicher Name Satans) im Opfer zu besiegen, auf der Stufe des Gestürzten, auf der Luzifer kein Ausweg bleibt.“ Pashur sagt halb fragend:
„Der Messias gilt nur unserm Volk. Freilich . . . “ Cornelius wirft ein: „Wenn der uns hier offenbarte Gott der einzigwahre ist, dann sage mir: Wäre es des Gottes würdig, für ein so kleines Volk einen solchen Aufwand herzustellen? Ich gönne es euch ja; allein — sicher wäre besser, keinen Menschen von der Gnade auszuschließen, die der Himmel niederregnen läßt.
Seht an“, eifert er, „Sonne und Regen fragen nicht danach, ob sie auch den Bösen nützlich werden (Matt. 5, 45).“ „Bravo!“ Marcellus klatscht in die Hände und springt förmlich hoch. Man anerkennt das Beispiel gern, obgleich einige Hebräer fest an ihrem hergebrachten Glauben hängen. Mithra-Bosnai sagt: „In Persien wohnen viele gute Menschen. Was können sie dafür, daß sie von dem Einen Gott noch keine Kunde haben?“
„Richtig!“ Simeon zieht die Redezügel wieder straff. ‚Es gab von Anfang an den Ein-Gott-Glauben. Mit der Zunahme und Verstreuung der Menschen erhielt er sich nur noch bei jenen auf Mesopotamiens Höhen Wohnenden, bei den Sumerern (Südbabylonisches Volk) und den Altchaldäern, aus deren bestem Fürstenhaus die Stammeltern der Hebräer kamen: Abraham und Sara.
Die später Gott nicht kennen lernten, sind also ohne Schuld. Wo bliebe die Erbarmung, sie vom Heil der Gnade auszuschließen, wenn Er nicht einmal die ungläubigen Gläubigen von der Gnade löst? Sagte Er: ‚Wem Ich gnädig bin, dem bin Ich gnädig, wes Ich Mich erbarme, des erbarme Ich Mich‘ (2. Mo. 33, 19), so soll mir einer sagen, ob das jenen gilt, die Gott nur aus der Reihe winkt!
Es geht keinen etwas an, über wen sich Gott erbarmt! Daß Böswillige aber ihren schweren Weg zu wandeln haben, ist gewiß; und eben das ist GNADE! Um wieviel mehr betrifft das jene, die von ihm noch keine Kunde haben.“
„Weshalb gibt‘s so viele Heiden?“ fragt Jissior. „Das hat schon seinen Sinn“, wird ihm erwidert. „Zwar nicht erstrangig, ist doch den Gläubigen angezeigt, daß Gott der Vater aller ist und ein Glaube wenig nützt, wenn er keine guten Werke hat (Jak. 2, 17). Ein braver Heide steht Gott näher als einer, der Ihn mit dem Munde lobt.“ (OJ. 7, 9; 21, 24-26 ua.)
„Ich bedenke etwas, das das Gesagte nicht verändern will.“ Der Arzt streicht über seine Stirn. „Unsere gesamte Offenbarung spricht von einem Gott, wie Simeon gestern bei unserm hohen Gastgeber“, er verneigt sich vor Cyrenius, „bekundet hat. Einige Propheten zeugen aber von dem Sohn.
Ich getraue mich zu fragen, ob der Allmächtige Sich — hm — wie ‚vor Toresschluß‘ einen Sohn als Messias zeugt. Er müßte diesen Plan schon längst gestaltet haben. Es wundert mich jedoch, daß Gott bei der Erschaffung aller Dinge nur von Sich und nie von ‚Seinem Sohn‘ geredet hat.“
„Auch das ist kein Problem, um wankend zu werden“, erklärt Simeon. „Merket wieder auf: Sohn = ‚von Gott gezeugte Tat‘; richtig = ‚an Kindes Statt getan‘! Die Wiedergutmachung des großen Falles oblag der ersten Tochter Gottes, dem Lichtkind Sadhana, das sich von Ihm gewendet hatte und somit beides, das Kindsein und das Licht verlor (Luk. 15, 13-14).
Da sie also nichts besitzt, mit dem ein ‚Rückkauf‘ des Verlorenen ermöglicht würde, tritt für sie, die in Eigenwilligkeit gefrevelt hat, die SÜHNE ein, in Verkörperung der ‚SOHN‘ bedeutend, der jene Tat vollbringt, die der Allmächtige im Lichtstrahl Seiner LIEBE vorgesehen hat. Wo immer das Wort ‚Sohn‘ erfolgt, ist die Sühnetat gemeint, die Gott eben Selbst vollbringt, weil Er alle Abgefallenen erlösen will, um sie zu Sich zu erheben. Sie sollen werden, was sie waren, wie ich das bereits enthüllte.
Der Sohn ist das erlösende Prinzip, aus der Allmacht vorbedacht (Hebr. 9, 12), als Sadhana ihr Licht verlor. ‚Vor dem Toresschluß‘, Obadnia, steht die Materie, wenn es nach eurer Rechnung auch noch lange währt. Gottes Rechnung heißt die LANGMUT, die den Himmel ausdehnt wie ein dünnes Fell!“ (Jes. 40, 22) Der Arzt drückt Simeon die Hand: „Nun ist mein Stein vom Herzen runter; alles andere war mir klar. Du hast uns wahrlich Gottes Licht gebracht.‘ „Das tut Seine Güte“, sagt Simeon sehr sanft.
„Darf ich fragen?“ meldet Samnus sich. „Jeder darf“, ermuntert Zacharias. „Ich bin nicht so klug.“ „Schadet nichts.“ „Nun — das stufenweise Sich-vollenden ist mir unerklärlich. Wir Menschen sind von dem vollkommenen Gott gemacht. Also müßte davon auch in uns vorhanden sein. Wenn ich mich betrachte, ist von Vollendet-werden keine Rede, geschweige von Vollkommenheit. Trotzdem ist der Mensch das vollkommenste Geschöpf. Hier komme ich nicht mit.“ „Ich auch nicht“, rufen mehrere.
„Schwierig ist‘s gerade nicht.“ Ein Lächeln Simeons. „ Erlaubst du, Samnus, wenn ich dich als Beispiel wähle?“ „Mich? Wieso? Ich bin . . .“ kein gutes, will er sagen. „Wir werden sehen“, fällt Simeon ein. „Die innere und äußere Natur des Menschen ist vollkommen, auch in der Materie. Die ursprüngliche Gestalt in Geist und Art besteht im Licht.
Der Mensch — nicht nur von eurer Welt — ist seinem Lebensort gemäß an sich vollkommen. Jeder kann es sich bewahren, kann zu folge freien Willens jedoch böse werden. Der Gute nimmt die ohne Zutun erhaltene werkbedingte Vollkommenheit für sich bewußt in Anspruch, muß diese aber auf dem Wege seiner Willensfreiheit Stück für Stück als höchst persönlichen Besitz erwerben.
Daß dies kaum ohne weiteres geschieht, ist verständlich; welch ein Zweck damit verbunden wird, muß beleuchtet werden. Zunächst entwickelt sich die persönliche Vollendung, das selbst zu erzeugende ‚Wieder-eins-sein-wollen‘ mit dem Schöpfer. Das bezog sich auch auf jene Lichtzeit vor dem Fall, wo noch keine Gottesferne existierte. Dennoch galt schon damals dieses Grundgesetz, das ein Hauptteil der UR-Lebensbedingung war und bleibt.
Gott schafft, was Er will (Ps. 115, 3) — in UR-Vollkommenheit! Darin liegt das ‚Werden der Geschöpfe‘ als Ausdruck des Vollkommenen. Sie zu schaffen, vom Schöpferwerkpunkt her vollkommen machen und doch dem Wandelmäßigen zu unterstellen, war der Gipfel schöpferischer Macht und Herrlichkeit!
Wer das erkennt, dessen Geist wirkt werkbedingt vollkommen. Seele und Gemüt spüren aber ihren Mangel. Beides ergibt einen Trieb, der zur eigenen Vollendung führt. Sich dabei Gottes Güte anbefehlen, heißt: ‚Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Worte halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott!‘ (Micha 6,8)
Wir beziehen das auf Samnus. Keine Angst“, lächelt Simeon, als jener fahrig wird. „Es gilt jedem, der an dieser Tafel sitzt, obwohl jedermann ein eigenes Gepräge hat. Du hast ein Leben lang an dein Geschäft gedacht. Die Satzung hieltest du und wähntest also, Gottes Forderung erfüllt zu haben. Heute wurde dir das Gegenteil bewußt, abgesehen der Almosen, die du gabst, zwar klein bemessen. Schwere Krisenjahre werden als Entschuldigung erkannt. Bedenke aber, daß der Himmel anders rechnet.
Noch eines tatest du fast auf dem Fleck. Du kamst her, um mit den Persern ein Geschäft zu tätigen. Als du merktest, daß in unserer Gesellschaft andere, höhere Dinge an der Tagesordnung standen, da machtest du aus deiner Wichtigkeit eine Nichtigkeit. Nun sieh, das wird dir sehr hoch angerechnet und kann mancher von dir lernen. So zum Beispiel das:
Einige wollen den Messias ungern fallen lassen, der für sie als Helfer und Erlöser kommt, wobei — das Gute wollend — die Erlösung mehr auf‘s Äußerliche als auf das pur Innere gerichtet ist. Aber GOTT rettet nur die Seelen! Also gabst du uns ein gutes Beispiel ab, Samnus, wenn du, wie alle, auch noch mancherlei zu lernen und abzulegen hast.
Wessen Wille sich zur Tat gestaltet, den hebt der Herr aus allem Unvollendeten in das Vollendete, aus der Unvollkommenheit in Seine heilige Vollkommenheit hinein! Manche sagen ‚ich will‘, und damit hört ihr Wille auf. Fragt man: Wollt ihr bloß essen, trinken oder schlafen, oder tut ihr es?, da hätte keiner eine Antwort. Wenn das ‚für sich‘ mit dem ‚für Gott‘ zum Austausch kommen müßte, wäre es für viele äußerst schlecht bestellt.“
„Kann ich mir lebhaft denken“, sagt Cyrenius ernst. „Auch ich bin mangelhaft.“ „Alle!“ ruft Richter Thola, „ob mehr, ob weniger, das sieht Gott nicht so unterschiedlich an. Oder ist es anders, lieber Simeon?“ „Nein! Wollte Gott nach eurem Log (kleinstes Maß) und Gera (knappes Gramm) rechnen, da könnten sogenannte gute Menschen nicht genau bestehen.“
„Du hast es besser“, seufzt Chol-Joses, „bist vom Licht, und die Versuchung gleitet an dir ab.“ „Neidest du mir das?“ „Du siehst mein Herz und mußt es wissen“, sagt der Schulmann schlicht. „Ja! Es ist aber nicht so einfach, wie ihr denkt, vom Himmel wie ein Mensch zu leben, doch kein Mensch zu sein.
Das Lichtherz sträubt sich gegen alles Materielle. Ich tue so wie ihr; doch mein Inneres muß es gleich vergeistigen. Es fällt mir allerdings nicht schwer, jedoch das, nicht stets ein Himmelsfürst zu sein! Ich bedecke es, weil ihr bloß aus dem natürlichen Kontakt vermögt, euere Welt für Gottes Himmel einzutauschen. Wenn ich als purer Engel bei euch wäre, bliebe vieles nicht sehr lange in euch haften. Wieso denn das?
Gott beschränkt das Wundertun in der Materie aufs äußerste, weil der Mensch dadurch am wenigsten geändert wird. Er, das natürlichste Geschöpf, ist aus Weisheit ans Natürliche geheftet, und die hierin sich vollziehenden Wunder sind meist im Jenseits zu verstehen. Mein Dienst ist auch ein anderer.
Ihr seht es ein, daß Gottes Kommen die Gesamterlösung der Materie betrifft, kennt das Böse auch als Thopheth und so fort, wußtet aber wenig über dessen Wesensart. Dazu das, was sich auf meinen Dienst bezieht: Schon jeder Himmelsfürst war auf der Welt, auch in anderen Regionen, wie alle Menschen inkarniert. Dabei stand ihr Licht im Vordergrund.
Keinen Fürsten konnte Luzifer, wie sich Satan nennt, zur Strecke bringen. Nicht, weil das Lichtreich dominiert, sondern weil die Eigenschaften in den Trägern Sieger wurden. Das bedrückte Satan arg. Er wähnte, Inkarnierte wären leicht zu überwinden. Aber weil das nicht gelang, wünschte er, ein Lichtgeist müßte ohne Erdenkörper kommen, alsdann würde er den vollen Sieg erringen. Das wurde ihm erfüllt; nicht des Wunsches wegen. GOTTES OPFERUNG liegt in der Schöpfungswaage!
Noch ist jenes zu bedenken, für euch zwar etwas schwer: Im großen Schöpfungsjahr der Tat sind die ersten Tage bis auf des sechsten Tages Rest bereits erfüllt. Jeder Dominant (Lichtfürst) der Tage hat als Mensch die Dunkelheit betreten, vornehmlich eure Welt. Der siebente Tag der Barmherzigkeit wird erst nach der Fall-Erlösung folgen, weshalb der Fürst des Schöpfungssabbats nicht als Mensch auf diese Welt zu gehen braucht. Damit verbunden Satans Wunsch.
Früher und in anderen Materie-Regionen war ich mit am Werk wie meine Brüder und die Schwestern, um Stück für Stück von der Materie abzulösen. Was auf solchen Wegen den Gefallenen zu Hilfe kommt, kann jetzt noch nicht einmal die ganze Engelschar erfassen. Aber alle schaffen fleißig mit.
Satan wollte die Barmherzigkeit zerstören — bei den andern Strahlen war es ihm ja nicht gelungen. An ihr und wie sie über mich zur Welt gelangt, zerbricht der letzte Höllensturm. Das zertritt jedoch noch nicht den ‚Kopf der Schlange‘ (1. Mo. 3, 15). Das bleibt des Schöpfers Opfer überlassen. Ist das vollbracht, hallt im Himmel heller Lob- und Preisgesang. Der Allmächtige ist der Sieger, der den Getreuen Seinen Sieg vermacht.“
Sagt Forestus ehrerbietig: „O, dein Glaube ist der höchste, den ich kennen lernte. Du bist deines Gottes letzte Hand, die Er jedem Menschen bietet. Und ich — ich — gehöre auch dazu und — “ Er schluckt mehrmals. Sein Freund Rochus vollendet seinen Satz: „Ich auch! Und ich preise laut den unbekannten Gott, der uns jetzt durch Simeon bekannt geworden ist.“ Fast fühlen die Hebräer sich beschämt. Wurde solcher echte Glaube schon in Israel gefunden (Matt. 8, 10)? Man saß immer an des Himmels Krippe, und wie oft hatte sie ganz Israel verschmäht.
Da betet Zacharias: „O Herr, ewige Allmächtigkeit und väterliche Liebe! Herr Herr, wie sollen wir für Deine Gnade danken? Gewiß, der wohlgefälligste Dank ist echter Glaube, eine gute Tat, das Halten der Gebote. Wahr sprach Simeon: Wir wollen; aber das Vollbringen (S. 210, 6)? Der Dank wird stets ein halber Teller, ein halber Becher bleiben. Sieh uns bitte gnädig an, hilf unsern Römerfreunden, damit wir alle recht bereitet sind, DICH zu empfangen, wenn Du kommst!“ Ergriffen betete jeder mit.
Simeons Antlitz hat sich stark verwandelt. Das LICHT redet: „Wer vom Reich in die Materie geht, will deren Linsensuppe essen. Was ihr Kinder davon esset, nehmt ihr der Materie weg, damit einen Teil vom Maß der wohlverdienten Strafe. Von euerem Himmelsteil gebt ihr dafür das Gnadenbrot, den Wein der Barmherzigkeit. Wohl euch! Von diesen Gaben wird der arme Fall gesund und satt.
Das Hauptmaß trage ICH, euer Vater-Gott! Durch Meine siebente Fackel erfolgt der letzte Ruf an Israel, damit an das Volk der Welt ‚Lo-Ammi‘ (nicht Mein Volk), und an ‚Lo-Ruhama‘ (die Ungesegnete). Euch wird das alles offenbar und wandelt ihr von einem Licht ins andere. Jede Lichtregion ist aus Meinem UR-Licht angefüllt. Auch ist bei Mir ein Tag wie jeder andere (Ps. 139, 16) samt allen Meinen Nächten, obgleich Ich sie verschieden speise. Das Ganze heißt
‚das Maß Meiner Güte‘!
Wenn ihr dieses Maß am Leib und Leben messen wollt, reicht eines Schöpfungstages Ewigkeit nicht aus, um Mir dafür zu danken. Aber Anbetung, Erhfurcht, Dienstbarkeit und Liebe führt euch unfehlbar ins Lichtreich ein, wo die ewige Erde, das ERD-REICH blüht. Wer ewig leben will, muß sich vom eigenen Wesen lösen und aus der Materie sich ins Erd-Reich pflanzen lassen.
Im Sinne der Erlösung fällt das Licht auf alle Welten, zu jenem Zweck, daß es die arme Ferne in Meine reiche Nähe, überführt.
Denn wo der Same war, da ist die Ernte!
Ich habe Meinen Licht- und Lebenssamen, aus dem alles kommt, ins Erd-Reich, das ihr durch Simeon als Empyreum kennen lerntet, ausgestreut. Daselbst wird ewig Meine Ernte sein!
Dieses Wort behaltet still in euerm Herzen, wie das Samenkorn ganz still in seiner Erde liegt. Und kommt Meine Zeit, dann wird sich dies Mein Wort an euch erfüllen; und ihr werdet Ernte und die Ernteleute sein! Ihr habt viel empfangen, ihr sollt demgemäß viel geben. Aus einem Korn wird eine Ähre, aus Ähren werden Garben, aus Garben wird ein ganzes Feld.
Ich bin das EINE KORN! Ihr sollt eine Ähre sein, und die Regionen sind die Garben. Das Ganze ist mein schönes, großes Schöpfungs feld. Ich, der nahe Gott, will euch segnen, wie Ich das zu allen Zeiten tue. Mit Meinem reichen Frieden ausgestattet, könnt ihr innerlich und äußerlich zu Friedensträgern werden. Dazu gebe Ich
meinen Amen !
Man schämt sich keiner Zähre, die die Augen fallen lassen. Leisen Wortes gibt man sich den Abschiedsgruß. Der Quirin dankt Simeon für alles Herrliche und bittet ihn, seinen armen Dank dem reichen Gott zu opfern. Er sagt, daß er morgen früh, zwei Stunden nach dem Sonnenaufgang, abmarschieren wird. Ohne daß es einer von dem andern wußte, haben die Hebräer kleine Gaben mitgebracht, die sie Cyrenius überreichen.
Auf dem Heimweg fragt Cornelius nach den Himmelsbildern, die man besprechen wollte. Ah — hat Simeon das vergessen? „Keineswegs! Nur war Gottes eigenes Wort weit wichtiger als alle noch so schönsten Himmelsbilder. Sie gehen nicht verloren.“ „Wir bleiben da“, fällt Schithinaz ein, „bis Simeon wiederkommt. Und — nun glaube ich von selbst, daß die Bilder Eigentum der Israelen sind. Wie sollen wir uns jetzt verhalten?“ fragt er Simeon.
„Erledigt euere Geschäfte, bis dahin bin ich längst zurück. Es wird im Beisein des Tribuns geklärt.“ „Ich hätte auch die Bilder gern gesehen“, bedauert der Quirin. „Kein Jahr vergeht“, tröstet Simeon, „und du bist wieder in Jerusalem; denn dein Herz und auch die Pflichten führen dich für kurze Zeit zurück. Dann holst du das Versäumte nach.“
„Das befriedigt mich.“ Am Portal des Tribunates gibt es nochmals einen freundschaftlichen Gruß. Dann geht jeder vollen Herzens heim.
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