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Eine schlecht geladene Fuhre. Jerusalem ladet Cyrenius ein

3.T-Kapitel 16

Eine schlecht geladene Fuhre. Jerusalem ladet Cyrenius ein. Er und die kleine Myriam.

In der vierten Nachtwache stehn am Tempeltor zwei Wächter. Akkubo murrt: „Bei uns geht‘s lustig zu! Unsere Priester kommen samt den Weibern früh nach Haus; mir gefällt der ‚Römerrummel‘ nicht. Wer weiß . . .“ Taliman sagt grob: „Du Stänkerer! Am blauen Himmel siehst du Wolken; und wenn Sterne funkeln, ist es bei dir finstere Nacht.“ „Abwarten!“ Akkubo faßt die Lanze fester an. „Schön, warten wir es ab!“ Gelangweilt geht Taliman auf und ab.

„Eines ist gewiß“, setzt er hinzu, „seit dem Besatzungswechsel sieht es besser aus. Halten unsere Hohen, die es merken, um was es geht, mit dem Tribun Cornelius Freundschaft . . .“ „. . . wobei das Volk verraten wird, um selbst im heilen Nest zu sitzen“, ruft Akkubo bös dazwischen, „. . . nein“, wehrt Taliman heftig ab, „das Nest wird sich als groß genug erweisen, in dem das ganze Volk drin Schutz und Hilfe haben kann.

Ah!“ Er lauscht. „Hufgetrappel, es kommt ein kleiner Trupp. „Da hast du es! Tag und Nacht Bewachung! Wenn es ginge, würde man uns noch das Innere nach außen kehren!“ stößt Akkubo aus. „Mitunter auch ganz gut“, spöttelt Taliman. „Wünschen tu‘ ich‘s keinem, sage aber auch wie du: abwarten!“

In die Tempelgasse, auf der einige Hebräer näherkommen, die man als die Stadtväter, Fürst Ahitop, Hilkior und den Wissenschaftler Galal erkennt, biegt jetzt eine Rotte Legionäre ein, von Venitrius befehligt. Am Tore angelangt, heißt der Hauptmann die Soldaten draußen warten.

Er geht mit den Israelen in den Tempelhof, woselbst trotz kurzer Nachtruhe die Priester schon beschäftigt sind, einen großen Karren zu beladen. Nach der Begrüßung deutet Venitrius, der mehr Routine hat, grinsend auf den Wagen: „Bei der nächsten Kehre fällt er um.“ Athaja, der selber mit geholfen hatte, stimmt in das ausbrechende Gelächter ein und sagt:

„Es ist ein Unterschied, lieber Hauptman, ob man — wie du — durch Jahr und Tag mit einem Heer marschiert oder so wie ich einem Tempel dient. Darf ich deine Hilfe haben?“ „Gern!“ Venitrius verschluckt, daß er mit der schiefen Karre niemals abgefahren wäre. Er ruft zwei Legionäre, und im Nu ist alles ab- und wieder aufgeladen. „Nun ist sogar noch Platz für euere Priester, daß sie nicht den weiten Weg zu gehen brauchen. Wir sind ja beritten.“

Der Hoheratspriester Eliphel und der Unterpriester Merelot treten reisefertig in den Hof. Drei Joch zugfeste Rinder werden eben angespannt. Mit vielen Segenswünschen überhäuft, zieht die kleine Karawane ab. Alle sehen grüßend nach, bis die nächste Gassenbiegung sie dem Blick entzieht.

Die Freunde sammeln sich, um den schönen Abend bei Cyrernus zu besprechen, da meldet man Forestus. Sonderbar, man hat die Römer liebgewonnen; allein außer dem Quirin und dem Tribun steht keiner ihnen derart nahe, wie der Hauptmann. Er wird mit einem Becher Wein begrüßt.

„Den schlage ich nicht ab. Ich ziehe Wein dem Wasser vor, und der hiesige schmeckt gut.“ Forestus greift danach und kippt den Becher hinter. Zacharias warnt: „Du trinkst zu hitzig, das ist nicht gut. Erstens leidet der Geschmack, zweitens . . .“ Forestus wischt sich seinen Bart: „Zweitens ist‘s gesünder. Weiß ich! Nur erstens hatte ich gerade Durst.“ „Dann sei dir verziehen!“ „Was bringst du?“ fragt Athaja.

„Die Perser sind gekommen. Ihre Namen, auch alles andere stimmt genau. Sie haben, was ich niemals sah, Muster mit. Auf der weiten oft ungeschützten Reise wäre es nicht gut, kostbare Teppiche und dergleichen mitzuführen. Sie verkaufen ohne Geld, stellen dann die Karawane auf, bis zur Wechsegrenze unter persischem Geleit, dann würde man sich römischen Schutz erbitten. Der Quirin und der Tribun haben schon viel vorgekauft.

Cornelius flüsterte mir zu: ‚Unser Simeon hat dennoch recht. Die Gesichter, verbindlich, undurchdringlich, und — alles andere, bloß keine Händler.‘ Der Quirin läßt fragen, ob Simeon gleich kommen möchte. Er hat seinen Abritt jetzt auf morgen früh verlegt, und es ließe sich ein Abend anberaumen, der vielleicht in euerm Stadthaus abzuhalten wäre.“

Hasabra sagt: „Ist es dem ehrwürdigen Quirin genehm, bitte ich ihn und den edlen Tribun, meine Gäste zu sein. Du natürlich auch, und wen Cyrenius mit ausersieht. Ich bitte nur, mir die Zahl der Gäste mitzuteilen, die ich vom Tribunat erwarten darf.“ „Das steht schon fest“, sagt Forestus, „alle Gestrigen kommen in Betracht. Höchstens fehlt der Bagagemeister, der hat ja wahrscheinlich durch die ganze Nacht zu tun.“

Der Oberste eilt heim, Simeon mit Forestus in das Tribunat. Als der Quirin Simeon begrüßt, fängt Cornelius, der die Perser scharf im Auge hat, undeutbare Blicke auf, die sie miteinander wechseln. Ah, er kommt dahinter. Aber dieser — Simeon einfach prächtig! Er grüßt huldvoll wie ein Herrscher. Die Händler schnellen hoch. Ihn nicht zu kennen, gab Simeon kund. Dem Gehabe nach sieht es gegenteilig aus. Cyrenius schiebt seinen Arm in den des Simeon und sagt mit gespieltem Ernst:

„Wachen fingen diese Händler ab. Du bist weit gereist und kennst alle Länder. Ich ließ dich bitten, ihre Rollen einzusehen. Wohl ist mir das Persische geläufig; allein, die Händler kommen mir trotz Siegel, Unterschrift und fabelhafter Warenkenntnis nicht als solche vor.“ „Wir sind wirklich welche“, beteuert Schithinaz, „und . . .“ Der Quirin hält das Palaver auf.

„Du befindest dich auf römischem Gebiet! Wenn ich, der Quirin des Cäsars, rede, hast du still zu sein! Ich halte euere Absicht so gewiß für eine andere, wie gewiß euch dieser Mann durchschauen wird. Da“, reicht er Simeon die Rollen hin, „deute mir, was die Fremden sind und was sie wollen.“

Die Perser sind betreten. Zu sagen, weshalb sie kamen, kann viel kosten, obwohl Augustus ‚Friedenscäsar‘ heißt. Seine Legionäre und Beamten besetzen viele Länder weit und breit. Die Sterne haben ihren Weisen längst enthüllt, daß der Römer viel erreichen wird, doch nicht die Hälfte des gesteckten Zieles; und das Erlangte wird der Wind verwehen.

Noch aber ist Augustus an der Macht, noch wird niemand neben ihm geduldet. Deshalb wollen sie erforschen, wo und wann der ‚Hohe König‘ kommt. Simeon hält den Gedanken an: „Euere Rollen stimmen, so dem Siegel nach. Gewiß — der Schah kann euch jedwede Rolle schreiben, nicht wahr? Und die Weisen, die euch ausgesendet haben, brauchten nichts dafür zu zahlen, weil sie in euerem Lande angesehene Leute sind.

Im allgemeinen habt ihr recht getan, eure Ziele zu verbergen. Nun ihr jedoch an Ort und Stelle angekommen seid, nämlich an dem Ort, der für euch in Frage kommt, und bei den Leuten, die die rechte Auskunft wissen, könnt ihr euere Schleier lüften.‘ Simeon meint die Absicht; denn die Turbanschleier durften sie nicht anbehalten. Er setzt hinzu:

„Der Ursprung jener Bilder eurer Sternkundigen ist in Jerusalem zu finden; sie sind ein Eigentum des Tempels.“ Die zwei persischen Gesandten starren Simeon entgeistert an. Offensichtlich, auch für mißtrauische Römeraugen, ist ihr Entsetzen echt. Mithra-Bosnai, der Jüngere stammelt:

„Unsere Weisen haben nicht gesagt, daß der König, den wir suchen sollen, anzutreffen sei. Sie nehmen an, er wird in vier bis sieben Jahren kommen. Nun stoßen wir . . . Der Ältere, Schithinaz, fällt dem anderen ins Wort: „Wir wollen über unsern Auftrag sprechen. Was ihr aber, hochvermögende Patrizier, bei uns kauftet, wird geliefert werden.“ Er verneigt sich vor Cyrenius tief. „Sobald als möglich trifft die Handelskarawane ein. Wenn es geht, sind wir dabei, weil wir ja die Käufer kennen.“

„Hoffen wir!“ „Frage diesen König“, Schithinaz neigt sich bis zum Boden, „er muß JENER sein, von dem die Weisen sagten, Er brauche keine Sternenschau, um zu wissen, wes Geistes Kind die Menschen sind und — Er wüßte auch, was außerhalb der Welt geschieht.“ Das ist so bestimmt gesagt, daß den Römern der Gedanke kommt, es könne Simeon der gesuchte König sein. Allein — wessen Landes? Ein König außerhalb der Erde — — ?

Dessen Mund umspielt ein feines Lächeln. „Daneben! Um euch und meinen Freunden“, er meint die Römer, „jede Irrung abzunehmen, sei gesagt: Euere Weisen sahen recht, weil sie an den EINEN GOTT des Universums glauben, durch die ‚Himmelsbilder‘ überzeugt, die sie in eurem Schatzhaus fanden.

Diese hat vor sechsundfünfzig Jahren ein Priester in Jerusalem gezeichnet und waren Tempeleigentum. Ich bin nicht der König, den ihr sucht. Er kommt in sieben Jahren. Ich bin Sein vorausgesandter Fürst. Daher muß ich ausgestattet sein mit dem, was mich zu einem Herold macht, so auch die ‚Überschau‘, weshalb es mir ein leichtes war, euch gestern anzumelden.“

„Stimmt genau!“ trompetet Forestus vollen Tones. „Ebenso“, fährt Simeon wieder fort, „brauche ich die Schale eures Wesens nicht erst aufzubrechen, um eueren Kern herauszuheben. Ist‘s dir, mein Quirin Cyrenius recht, dann besprechen wir das Ganze heute Abend; und die Tempelfreunde, die es ja zumeist betrifft, hören es gleich mit. Am Nachmittag komme ich mit Mutter Hanna und Klein-Myriam für eine halbe Stunde her.“

„Akzeptiert!“ sagt Cyrenius, und zu den Persern: „Ihr seid unsere Gäste. Wie lange wollt ihr bleiben?“ „Das hängt vom Gelingen ab“, erwidert Schithinaz. „Es sieht so aus, als ob wir rasch nach Hause könnten. Doch dich, Fürst des kommenden Königs“, er verbeugt sich wieder, „bitte ich in Demut: Sei uns behilflich; denn wenn es einer kann, dann du allein.“

„Euch hilft der Himmel, weil ihr ausgegangen seid, die ‚Spur des Kommenden‘ zu suchen. Und wenn gefunden, alsdann wolltet ihr dem Worte eurer Weisen folgen.“ Mithra-Bosnais Augen glänzen hell: „Wir sind im ‚Wunderland des Unbekannten‘ angelangt. Ich glaube, wenn ich IHN auch nicht gesehen habe!“ (2. Kor. 5, 7)

„Echter Glaube! Leicht ist, im Schauen etwas anzunehmen; aber nur aus dem Gefühl, dazu gehört der gute Wille, an dem es leider vielmals fehlt. Ihr habt ihn mitgebracht, ihr werdet also seinen Segen ernten.“ Unvermittelt fragt er den Quirin: „Ist‘s dir recht, wenn ich dich ein Stück begleite?“ Der Römer wird vor Freude rot und muß wieder einmal ‚seinen Simeon‘ umarmen. „Du weißt, wie schwer mir diese Trennung ist. Oder liegt da etwas vor, wo ich den Himmel nötig habe, weil die Welt — wie oft — versagt?“

„Nicht eigentlich“, wird er beruhigt. „Merke dir, mein Freund: Ein Verlauf, als ginge alles weltlich bestens zu, ist ein gnadenvolles Wunder, wie der Mensch es kaum begreift. Nun — ich wollte dir die Freude machen; zur Festigung deines Weges dient es außerdem.“ „Gott sei gedankt, dem EINEN, dem ewigen Schöpfer der Unendlichkeit, wie du IHN erkennen lehrtest.“ —

Der Nachmittag bringt eine Freude. Myriam nennt ganz von sich aus den Quirin ‚Vater Cyrenius‘ und Cornelius ‚mein großer Bruder‘. Es kostet viel, Simeons Hinweis zu beachten, das Kind nicht mit Gaben zu betäuben. Als ein großer Korb voll Kuchen kommt, strahlen seine Augen wie zwei Sonnen. Es sagt: „Lieber Vater Cyrenius, darf ich den Korb mit in den Tempel nehmen?“

„Myriam“, verweist Hanna, „seit wann bettelst du?“ „O nein, gute Frau“, fällt Cyrenius ihr ins Wort, „ich verstehe, daß du Myriam erziehen willst. Sie hat aber nur gefragt. Laß uns hören, was sie will. Also, Myriam“, er hebt das Kind auf seine Knie, „das ist für dich zu viel. Für wen willst du es?“ Myriam tut schelmisch: „O, für alle Kinder. Mutter Hanna sollte es verteilen, und ich wollte sagen: ‚Das habe ich euch mitgebracht.“

Simeon muß sich bezähmen, um das Kind nicht mitzunehmen, wohin er gehen wird, wie er gekommen ist: lichtgeprägt, ohne Weltgeburt und Erdentod (1. Mo. 5, 24), damit ‚seine Pura‘ keinen harten Schicksalsweg der Welt zu gehen braucht. Doch für ihren HOHEN HERRN zogen beide aus, die Fürstin der Barmherzigkeit als Mensch, der Fürst, um den Weg des Himmels zu bereiten, wie andere späterhin den Weg der Erde öffnen dürfen.

Währenddessen sprach Cyrenius: „Mutter Hanna, Myriam macht deiner Erziehung alle Ehre.“ Hanna liebkost ‚ihr Kind‘. Zwei Körbe läßt Cyrenius in den Tempel tragen, den einen mit guten Früchten prall gefüllt. Leider ist noch vieles zu erledigen, damit am Abend ein paar Stunden übrig bleiben. — Die Perser besichtigen Jerusalem. Schithinaz sieht sich öfter um und raunt: „Mir kommt es allzu wundermäßig vor. Kaum angelangt, und wir sollen schon den Ort gefunden haben, den unsere Weisen aus dem Stern ersahen?“ „Was mich überzeugt“, sagt Mithra-Bosnai, „ist das absolute Wissen dieses — ha, wie nennt man ihn? — des Überirdischen? Er sieht so menschlich aus; doch niemals ist mir auch nur annähernd ein Mensch mit seiner Art begegnet. Warten wir den Abend ab.“ Sagt Schithinaz hastig:

„Die Bilder gebe ich nicht her! Wir haben uns verbürgt.“ „Wenn der Tempel, wie man jenes Prachtgebäude nennt“, Mithra-Bosnai zeigt hin, „der Eigentümer ist, und ich bezweifle, daß wir das Gegenteil beweisen können, bleibt uns nichts anderes übrig . . . “ Er macht einen Gedankensprung: „Die Römer sind mit diesem Simeon befreundet. Der Quirin kann befehlen, die Bilder herzugeben. Erst war er streng mit uns. Überhaupt — kommt dir der Name ‚Simeon‘ nicht simpel vor? Man hört ihn hierzulande allerorts.“

„Schleier, Schleier, Freund“, erwidert Schithinaz. „Ah, wenn der Römer uns die Bilder nimmt, muß er das siebenfach besiegeln, damit man es uns glaubt. Meine Ahnung wird nicht trügen, daß es anders kommt. Nur wie, das weiß ich nicht.“ Er lacht ein bißchen über sein kurioses Wort.

„Er war gewissenhaft, nicht streng, und das, du liebe Zeit, das muß er sein. Dessen Bürde möchte ich nicht schleppen. An sich sieht er sehr menschenfreundlich aus. Mit der Strenge wollte er uns fangen. Das fiel mir später ein, als er durch diesen Simeon fast zutunlich geworden war.

Die Römer haben in Judäa arg gehaust; anderwärts soll‘s nicht so schlimm gewesen sein. Alles in allem können wir mit unserm heutigen Erfolg zufrieden sein, werden auch noch viel verkaufen.“ „Denkst du?“ zweifelt Mithra-Bosnai. „Die Juden scheinen mir recht arm zu sein; von den Römern, die Talente springen lassen können, sind nur wenige am Ort; und die Truppenbeutel haben meist ein großes Loch — unten!“ Schithinaz wehrt ab:

„Für das jetzt Verkaufte brauchen wir schon fünf Kamele. Der Quirin bestellt noch für den Cäsar. Mit fünfzig Kamellasten hätten wir gut abgeschnitten. Die bringen wir zusammen, ohne langes kreuz und quer.“ Sie erwägen jede Einzelheit, kehren auch in einem Hofe ein, um viel zu sehen und noch mehr zu hören, was allgemein geredet wird.

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