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Unguter Fleiß des Nicodemus. Die Freundschaft wächst. Bestandene Probe

3.T-Kapitel 19

Unguter Fleiß des Nicodemus. Die Freundschaft wächst. Bestandene Probe. Nicodemus nimmt des Himmels Lehre an

„Simeon! Simeon!“ hallt es aus allen Tempelteilen. Athaja umfangt den Angekommenen mitten auf dem Hof. Die meisten tun es nach. Ganz besonders freut sich Eliphel, der wegen einer Wichtigkeit von Emmaus herüberkam. Sogar die letzten Außenseiter Usiel, Malchia und Ginthoi haben ein ‚Gefühl‘. Die Fehlenden holt Zacharias vor übergroßer Freude selbst herbei.

Unnias fragt eifrig, ob er den Städtern Nachricht geben soll. Er erhält den Auftrag: „Ich lade sie auf Abend ein. Soll ich Cornelius bitten?“ fragt Athaja Simeon. Der bejaht, er müsse eben sowieso zu ihm, weil Askanius wieder mitgekommen sei. Dieser Name wirkt wie Mehltau auf die Freude.

„Der?“ tut Nathan langgedehnt. „Den hättest du am besten auf den Mond geschickt.“ „Ich verstehe euere Sorge, nicht euer mangelndes Vertrauen. Kam er mit mir zurück, so könntet ihr euch denken, daß Besonderes dahintersteckt.“ Obadnia erwidert: „ So habe ich es mir gedacht; denn was du tust, das — tut der Himmel.“ Jissior klatscht in die Hände: „Bravo, Doktor!“

„Ich erzähle morgen, was unterwegs geschah; jetzt gehe ich erst zu Cornelius. Nicodemus“, wendet Simeon sich diesem zu, „du kannst mich hie und da begleiten. Es fördert die Gesundheit, wenn du mehr ins Freie kommst. Studieren kannst du bis ins hohe Alter.“ „Kein Mensch weiß, wann er sterben muß.“ Es soll erhaben klingen. Simeon wischt das Erhabene aus.

„Wenn du morgen abberufen würdest, hätten dir die letzten Tage nichts genützt. Es ist ja gut, arbeitsam zu sein, entweder mit den Händen oder mit dem Geist, jedermann nach seiner Gabe. Übertreibung ist gefährlich.“ Nicodemus druckst in der Hoffnung, Athaja stünde ihm wohl bei: „Der Hohepriester wird mich im Tempel brauchen; und Priester sind nicht dazu da, daß sie . . .“ „. . . meinen Diener machen sollen?“

„Hat der Grüne das gedacht?“ Athaja ist außer sich. Simeon sagt gütig: „Wenn Nicodemus nicht dem Himmel dienen will, muß er es für seine Erdenseele tun. Ob er damit weiterkommt, wird ihm später offenbar.“ „Ich teile ihn dir zu“, bestimmt Athaja. Nicodemus ist mit sich unzufrieden. Er sieht Simeon von der Seite an. „Wenn du mich brauchst?“

„Begleite mich ins Tribunat.“ „Ich gehe in kein Heidenhaus!“ „So so! Bloß der armen Kinder Brot an Heiden zu verkaufen, ist gerecht, ja? Tue was du willst!“ Simeon geht rasch dem Ausgang zu. Nicodemus läuft ihm nach, getrieben durch den Blick Athajas. Unterwegs sagt Simeon, es gäbe nur Geschöpfe eines Schöpfers, und er solle ihm beweisen, ob der ‚EWIG VATER‘ (Jes. 9, 5) zwiespältig sei, demnach nur wenige als ‚Sein Volk‘ betrachte, zur Zeit kein Zehntel aller Menschen, also lichtgerechnet neun Gebote nichts zu gelten hätten. Das beeindruckt Nicodemus sehr.

Die nächste Stunde wirft ihn wieder um. Im Tribunat soll er im Vorraum warten. Da kommt Hilkia. Nicodemus, von der ‚Strafarbeit‘ nichts wissend, grüßt korrekt. Doch was tut der Pharisäer bei den Römern? Hilkia, wütend, ausgerechnet von dem jüngsten Priester in der Niedrigkeit erkannt zu werden, faucht ihn an:

„Bist wohl als Spitzel hergeschickt?“ Als er vernimmt, daß jener mit Simeon zu gehen habe, sagt er verächtlich: „Mit dem Gott- und Volksverräter?“ „Er ist doch kein . . .“ „Was er ist, wissen Jojareb und ich genau! Er ist schuld, daß wir entwürdigt wurden. Er — und Hilkia zählt vieles Schlechte auf. Kein Wunder: Nicodemus wird vergiftet. „Warte, ich hole Jojareb.“ Nach wenigen Minuten sitzt der Junge zwischen Ottern.

Sie reden leise, Als sie schon eine lange Stunde hetzen, taucht hinter einer Säule Rochus auf. Er war beauftragt, Nicodemus heimlich zu bewachen. Die Templer fahren kalkweiß auseinander. Alle Römer waren bisher nett zu ihnen; jetzt sehen sie ein ‚echt römisches Gesicht‘. Rochus befiehlt Nicodemus:

„Laß dich nicht gelüsten, auszukneifen!“ Zu den Templern sagt er grob: „Los, kommt mit! Der Tribun wird große Freude haben, wenn ich ihm zwei fleißige Schwätzer melden kann!“ Hilkia will um Nachsicht bitten, Jojareb gibt ihm einen Rippenstoß. Soweit erniedrigt sich kein Templer, einen Heiden, sei es gleich nur mit Gebärden, um eine Gunst zu bitten. Stolz schreitet er dahin.

Inzwischen ist bei Cornelius folgendes geschehen: Der Römer kommt Simeon, dessen Ankunft schon gemeldet worden war, mit offenen Armen und dem Ruf entgegen: „Lichtbruder!“ Auch Simeon zeigt unverhohlen seine Freude. Vorerst berichtet er das Wichtigste der Reise, von Askanius und dem Überfall.

„Ich traute meinen Augen nicht“, sagt Cornelius, „als Askanius in den Hof geritten kam. Er sagte, solchen Gewaltritt wie mit dir würde er nicht wieder machen. Und er ist ein harter Reiter, unter dem drei Pferde fallen, ehe er vom Sattel fällt. Der Babylonier liegt auch in einer Ecke, seufzend, mit ‚zerbrochenen Gliedern‘, wie er sagt. Mein hoher Bruder tut mir leid, doch ich war froh, den Duumvir vom Hals zu haben.“

Simeon beruhigt wieder: „Er ist geheilt, wenn auch noch manches daran fehlt. Mache ihn zum Gemeindeprüfer, da wird er nirgends warm und muß dir öfter eine Meldung machen. Auf diese Weise hast du die Kontrolle, ohne seine Ehre zu verletzen. Als des Cyrenius Brudersohn stehst du in jeder Hinsicht über ihm.

Der Babylonier wird mein Diener. Er war ganz gerissen. Nur etwas machte ihn der Rettung wert, er kann dankbar sein.“ „Ah, da brauche ich mich nicht um ihn zu kümmern, ich habe schrecklich viel zu tun. Lauter neue ‚alte‘ Sachen tauchen auf. Gestern war es so, daß ich am liebsten nach Damaskus ausgerissen wäre. Viele der Hebräer haben dicke, schwarze Wolle.“

„Bedenke, mein Cornelius, in den langen schlimmen Jahren wurde eben manches Lamm zum Bock. Ab morgen helfe ich dir fleißig.“ „Im Tribunat?“ forscht Cornelius hocherfreut. „Das auch, sowie es nötig ist. Die gröbste Arbeit ist die dicke, schwarze Wolle. Die muß am Schaf geschoren werden und nicht auf Tafeln und Papier.“ Schallend lacht der Römer. „Ach du! Hast mir alle Last genommen; mein Bruder wird dich sehr vermissen.“

„In den nächsten Jahren bleibt ihm wenig Zeit, sich um des Himmels Licht zu kümmern“, erwidert Simeon. „Aber dich vergißt er trotzdem nicht!“ widersetzt Cornelius. „Nein! Bald kommt auch die Zeit, von der ich sprach; ihr beide seid von euerm Volk die Ersten, Höchsten und fast Einzigen, die den ‚Kommenden Gott‘ schauen und Ihm dienen werden. — Aber nun: Athaja bittet dich, sein Gast zu sein, Rochus und Forestus auch.“

Sie werden unterbrochen. Rochus bringt die Templer an. Jojareb wird es trotz seinem Hochmut mulmig, als Cornelius nur mühsam die Beherrschung wahrt. Er hat oft mit ihnen Schwierigkeit gehabt. Wäre es kein ausdrücklicher Befehl Cyrenius, die ‚Tempelschänder‘ fünf Jahre festzuhalten, er — Cornelius — hätte sie nach einer Woche in die Unterwelt gejagt.

Um ihnen gnadenvoll zu helfen, bleibt bloß übrig, daß der Himmel ihnen durch den Römer tüchtig auf die Finger klopft. Strengster Dienst, dazu vier Wochen Ausgangsverbot ist ihre Strafe. Kleinlaut schleichen sie davon. Ihre Hoffnung, Simeon würde ihnen helfen, ist zerschellt. Diesmal war er sozusagen zugeknöpft; er ließ Cornelius sogar toben.

Fast atemlos fällt dieser auf die Bank. Forestus holt Wein und Simeon sagt: „Weißt du, den Lügnern war dein römisches Gewitter ganz gesund. Doch es ist nicht gut, sich wegen solcher Nebensachen zu erhitzen. Daran kann dein Herz erkranken.“ Perplex sieht Cornelius hoch. „Nebensachen nennst du das? Nicht nur, daß sie Cyrenius und mich beleidigten, und ich übte wahrlich Nachsicht aus, nein — dich haben sie gekränkt und . . .“

„Mich kränkt keiner! Was arme Seelen tun, berührt das Licht nur dahingehend, in Erbarmung zu versuchen, sie auf einen guten Weg zu bringen. Dies gelingt nicht immer gleich, zumal bei solchen harten Widdern.“ Simeon deutet auf die Tür, durch die Jojareb und Hilkia wie geprügelte Hunde gingen. Er legt seine kühlen Hände auf die pochenden Schläfen des Tribuns.

„Kein Mensch kann einen andern kränken, wenn derselbe sich nicht kränken läßt. Man denkt, man müsse den Beleidiger verklagen. Damit bereinigt man nur scheinbar die Beleidigung. Denn der Gekränkte wird oft lang an einem solchen Knochen nagen, besonders, wenn er den Beleidiger immer wieder sieht.

Dieser wird zudem vom andern denken, was er will. Strafen, die die Beleidigungen nach sich ziehen, heilen selten einen bösen Sinn. Wer sich hingegen so erzieht — für Menschen dieser Welt das schwerste Probestück — ‚ eine Kränkung glatt zu übergehen, nicht nur zu tun, als spüre er sie nicht, der kann mit Gottes Hilfe jede Kränkung tilgen, mit zu Gunsten des Beleidigers. Nur das, Cornelius, schließt die hohe Himmelstüre auf.“

„Ach, wie tun sie gut!“ Cornelius hält Simeons Hände fest. Sie gehen auf den Söller. Droben sagt der Römer: „Deine Lehren waren mir Beweis (Joh. 4, 50; 15, 3), daß du — menschlich unverständlich — nicht von dieser Erde bist. Nenne einen, nur keinen deines Landes“, tut Cornelius verschmitzt, „von denen kann ja einer dieses Kunststück fertig bringen. Nein, einen anderen zeige mir, und dann — dann will ich‘s auch versuchen.“

„Zwei kannst du haben. Unser Gott rechnet freilich niemals bis zum letzten Scherflein aus. Denn die Fleischgeborenen erreichen nicht den höchsten Grad. Doch gibt der Mensch sich seinem Schöpfer hin, dem Vater der Barmherzigkeit, so bleibt jede Kränkung vor der Herzenstüre stehen, wenn sie auch die Klinke niederdrücken kann. Und reißt sie gar die Türe auf, so merke dir: keine Kränkung tritt über deine Schwelle, wenn in deinem Herzen ganz allein der Hohe Herr des Himmels thront!“

Cornelius atmet schwer: „Wenn ich soweit wäre — — Wollen will ich wohl, aber das Vollbringen (Röm. 7, 18)!“ „Gott segnet deines Willens Ehrlichkeit.“ „Möge Er es immer tun.“ Eine ernste Bitte. „Nenne mir jetzt deine Lebenskünstler.“ „Du kennst sie schon“ sagt Simeon heiter. „Als ersten nenne ich Cyrenius.“ „Er — ? Das ist ihm schon gelungen?“ Die Frage drückt keinen Zweifel aus, ist auch frei von Neid gestellt.

„Die Duumvirgeschichte machte sein Herz krank.“ „O — doch nichts ernstliches?“ unterbricht Cornelius besorgt. „Nein; ich habe ihm geholfen. Im Arboretum trat er den hohen Flug des Geistes an. Kein anderer Römer, höchstens du, hätte an Askanius so gehandelt. Viel ärger war die Meuterei. Die riß ihm seine Herzenstüre auf. Hinein aber — Cornelius — hinein kam sie nicht; in diesem edlen Herzen herrscht bereits der HERR! Wo Dieser herrscht, kann nicht zugleich ein Teufel hausen.“

„Welch eine Freude! Mein hoher Bruder und so — so — — “ Cornelius findet keine Worte, fragt aber nach dem Zweiten, den Simeon noch auf Lager hätte. „Das ist Zacharias.“ „In der Tat? Er kam mir vor, weißt du, wir sagen dazu ‚wie salzloses Brot‘, und solche mag ein Römer nicht.“

„Du verkennst Zacharias. Geistig kann er trefflich schlagen. Du weißt, daß solches Schlagen niemandem das Leben nimmt, vielmehr hin zum Geistesleben führt. In diesem Sinne steht Zacharias höher als Cyrenius. Da jener schon sehr lange in der Glaubenslehre lebt, wiegt sich beider Geistgewicht durch Gottes Güte aus.“

„Du“, sagt plötzlich der Tribun, „beim fechten lernt man selten aus. So wird es mit der Himmelsfechtkunst gleichfalls sein. Bis an mein Lebensende will ich in der Fechtschule deines, nein — unseres Gottes bleiben und mich zuerst bezwingen lernen, dann werde ich auch andere bezwingen können.“

„Man soll nicht sehr loben, es macht gleich stolz. Du aber hast die Prüfung bestens abgelegt.“ Da beschattet der Römer seine Augen, trotz des Purpurtuches, das die Sonne dämpft. Erst später bittet er:

„Wenn ich mit dem Duumvir verhandeln muß, bist du dann dabei?“ „Gern; er hat ja Angst vor dir, und die ist eine Salbe, die seine Wunde ätzt und — heilt.“

Cornelius begleitet Simeon in die Halle, wo Nicodernus sitzt, den Kopf in beide Hände tief vergraben. Fragend zeigt der Römer auf ihn hin: „Schwarz oder grau?“ „Ziemlich hellgrau“, lächelt Simeon leise. „Solch ein Junge muß erst wachsen.“ „Unter deiner Obhut wird aus ihm was werden.“

Simeon berührt Nicodemus. Der fährt erschrocken hoch, atmet aber auf, als er nur Simeon gewahrt. Keine zehn Kamele bringen ihn noch einmal her. Heimwärts führt das Licht den Menschen an der Hand und sagt: „Siehst du ein, was für ein schwankend Rohr (Matt. 11,7) du bist? Ich holte dich von deinen Rollen weg, im ‚Auftrag Gottes‘, daß du es nur weißt!

Ich sagte dir ein gutes Wort, es sproßte schon. Zwei Lügner warfen dich in deinen Sumpf zurück. Nun brütest du dir viel zusammen, nur nichts, was deines Lebens Straße eben machen kann.“ „Wenn es immer eben ginge“, trotzt Nicodemus, „würden wir uns nicht bewähren. Man muß Berge übersteigen und vor dunklen Schluchten sich nie fürchten lernen.“

„Wie klug!“ Ein feiner Spott. „Bloß meidest du die Berge, weil ‚zeitraubend‘ und gehst lieber wie ein Bächlein eben hin. Dumm bist du nicht, Nicodemus; des Lichtes Weisheit aber mangelt dir.“ „Bist du so wenig geistlich“, ereifert sich der Jüngling, „daß du nicht weißt, was hier in Frage kommt? Nun ja, du bist kein Pharisäer und verstehst es nicht, daß es sich um innere Erkenntnis handelt. Jede Spanne Zeit, die ich gewinne und für GOTT verwende, bringt mich zurück in Gottes Reich.“

„Darüber hältst du nächsten Sabbat eine Predigt.“ Nicodemus ahnt nicht, wie Simeon das meint und tappt hinein: „Im internen Gottesdienst oder öffentlich?“ „Das überlassen wir ganz dir“, er klingt‘s mit einer Ruhe, die den Jüngling stutzig macht. Er merkt seinen Fehler, dem ehrwürdigen Manne gegenüber, der allerdings nicht alt erscheint, trotzig aufbegehrt zu haben. Schüchtern greift er nach des Lichtes Hand:

„Vergib, ich war . . .“ „. . . von den Lügnern aufgehetzt und hast die Eselei als Wahrheit angesehen. Gut; aber merke dir: Mit mir kannst du nicht verfahren wie mit Emmaus!“ „Du warfst mir das schon öfter vor“, fällt Nicodemus in den alten Trotz zurück. „Hätte ich ganz falsch gehandelt, wäre es nicht besser, mich — den Jüngeren — auf den rechten Weg zu leiten?“

„Dir geziemt eine Rute! Zwar auch bloß innerlich, weil du dich so sehr aufs Innere versteifst. GOTT führte dich von der Gemeinde weg, die du übel zugerichtet hast. Alle haben dir geholfen, deine Fehler gutzumachen. Deiner Jugend wegen hat man dir verziehen. Und was tatest du des nachts? Die Schriften hast du durchgewühlt, ob sie dein Tun bestätigten, hast dir auch vieles aufnotiert, um deine Vorgesetzten zu ‚entlarven‘, ihnen zu beweisen, daß du allein auf rechtem Wege wärest.

Deshalb holte ich dich fort; und sei gewiß: So bald kriegst du keine Rolle wieder in die Finger! Du mußt von vorn beginnen, wirst Laienhelfer. Wärest du in meine Dienste eingetreten, dann hättest du in kurzer Zeit die zweite Prüfung abgelegt — durch meine Hilfe. Aber nun“, Simeon tut nebenher, „ich habe einen Babylonier, der mir ehrlich dienen wird.“

Nicodemus ist fassungslos. Woher in aller Welt weiß Simeon sein heimliches Studieren? sein Bemühen, sich nicht zu verraten? Jäh wird ihm bewußt, daß er sich trotz Abwehr unwiderstehlich zu Simeon hingezogen fühlt und er — uneingestanden — gern mit ihm gegangen wäre.

Hätte es ihm denn was ausgemacht, diesen ‚Vater‘ zu bedienen? Er konnte gut gewinnen. Leider kommt die Einsicht jetzt zu spät. Was werden wohl die Hohenpriester sagen? Und die anderen? War das mit der Predigt ernst gemeint? Die Gedanken schossen ihm wie Schwalben durch den Kopf, was alles er zu sagen wüßte. Nun fühlt er sich wie eine leergefegte Tenne.

Wortlos gehen sie dahin. Schon taucht der Tempel auf. Da flüstert Nicodemus: „Vater Simeon, ich will — Laienhelfer werden; und kannst du mich verwenden, neben deinem Knecht, ich möchte — “ Er wirft sich plötzlich Simeon an die Brust. „Die beiden haben mich verhetzt, es klang so echt, was sie berichteten. Ich wußte es ja nicht, daß sie im Richthaus schreiben müssen.“

„Stimmt, mein Junge“, entgegnet Simeon mild. „Doch um das geht‘s eigentlich zuletzt; es geht um dein Benehmen und weil du alle Güte deiner Vorgesetzten — von meiner will ich dich befreien — in den Wind geschlagen hast. Sogar dem Doktor bist du dumm gekommen. Und vorhin hast du leeres Stroh gedroschen. Willst du dich wenden, so findest du in mir den väterlichen Freund.“

Nicodemus bittet, ihm die Predigt zu erlassen. Des Hellen feines Schmunzeln sieht er nicht. „Sie sei dir geschenkt. Wir gehen dafür mit zwei Persern ein Stück Wegs. Da kannst du vieles lernen. Weißt du, was?“ Fragend sieht Nicodemus hoch. „In des Schöpfers großer Lebensrolle“, sagt Simeon, „in der Natur, und an den Lichtern, mit denen Er den Himmel nächtens schmückt.“

„O ja“, freut sich Nicodemus wie ein Knabe. „Simeon, ich ahnte nicht, wie gut du bist!“

Da führt der Himmlische den Irdischen durch das Tempeltor.

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