Ein Schulbeispiel und was dabei zu lernen ist
Karmatha entwickelt sich zusehends. Muriel und Pargoa haben ihre Freude an ihm, weil er recht selbständig wird. Wohl bedarf es noch mancher Mahnung, sonst könnte ja der Zubereitungsweg als abgeschlossen gelten. — —
Karmatha befindet sich mit den Fürsten in Jeru-Salem (Licht-Heilig). Er erhält den Auftrag, allein auf die Sonne Mugona und von da auf eine angezeigte kleinere Sternwelt zu gehen, die zum unmittelbaren Strahlring der Urzentralsonne gehört, auf welcher ‚Erstlinge’, d.h. Kleinste im Reich des Lichtes ihre Erziehung erhalten. Es kann auch hier nicht ohne weiteres geschehen, diese Kleinsten (übrigens die letzten Kinder, die vor des Vaters Erlösungsweg zur Erde geistig gezeugt worden waren), unter Berücksichtigung der freien Entwicklung so rasch wie möglich dem Vater zuzuführen, was aber allen Engeln (Lichtkindern) das innerste Bedürfnis ist. Dem steht nicht nach, Gott zur Freude und zur Ehre, in demutsvoller Hingabe und im reinsten Liebedienst immer breitere Lichtstraßen zur Finsternis zu bilden, um den bedauerlichen Schöpfungsfall mit reinigen zu helfen und das verirrte Kind mit Anhang heimzurufen. Die hohen Engel sehen in Verbindung mit dem UR-Vater sofort, wenn in den ihnen unterstehenden Schöpfungsteilen ihre persönliche Hilfe benötigt wird. —
Muriel hatte Karmatha gesandt, damit derselbe zeigen konnte, was er bisher in sich schon aufgenommen hat. Kaum ist er auf der Mugona nahe beim Haushügel angelangt, als seine himmlische Gefährtin Sama ihm entgegen kommt. Beide sind hoch erfreut, und Karmatha fragt sogleich, aus welchem Grunde sie auf der Mugona weile.
Sie vergessen aber nicht, niederkniend dem Abba aus vollem Herzen für alle Gnade Dank zu sagen. Dabei richten sie ihre Augen hin zur heiligen Stadt, die ihnen, den schon erblühten Geisteskindern, auch aus der nicht unbeträchtlichen Raumentfernung deutlich sichtbar ist.
Sama erzählt, daß sie mit einem Engel des Rafael-Hauses eine Wanderung unternehmen darf, und es sei ihr erlaubt, einige Zeit da zu bleiben, wo es ihr gefallen würde. Auf der Mugona traf sie eine liebe Kindergruppe, der sie sich angeschlossen hat. Es stand zu ihrer Reife nichts im Weg, daß ihr Führer-Engel sie dem Schutz des Kindergruppen-Engels übergab. „Es ist wunderbare, liebevolle Führung unseres Vaters“, schließt Sama den Bericht, „daß wir uns hier treffen sollten.“
„Ganz gewiß“, pflichtet Karmatha bei. „Deshalb sollte ich auch über die Mugona gehen, ohne einen Hinweis zu erhalten, was hier geschehen würde. Wir dürfen in des Vaters gnadenvoller Liebe uns von Herzen freuen, jetzt vereint zu sein.“
„O ja“, bestätigt Sama. „Doch nun komm, ich führe dich erst in mein Gasthaus und dort erzählst du mir von deinem Weg. Abada Rafael und Ajera cara Agralea sprechen oft von dir. Ich glaube, sie können alles sehen. Manchmal ist es ganz wunderbar mit ihnen, dann schaue ich zu ihnen auf fast wie zum lieben Vater Selbst. Natürlich ist es ein ganz anderes Gefühl, wenn man den Vater sehen darf. Sieh, Karmatha, überall hier im Lichte ist man einfach wie zu Hause; dennoch ist es ein besonderes Zuhause-Sein, wenn man bei den Engels-Eltern oder gar im Haus des Abada verweilt, vom Heiligtum, wo der Vater Sich am wunderbarsten offenbart, noch ganz zu schweigen. Was sagst du dazu?“
„Mir geht es ebenso. Aber Sama, ich bin nicht gesandt, um mit Kindlein zu spielen. Eine Arbeit wartet mein und kann ich daher auch nicht bleiben.“ Darüber ist Sama recht betrübt und bittet, doch wenigstens die Engel zu begrüßen, bei denen sie so gastlich wohnt. Das Engelspaar steht vor der schönen hohen Pforte und sieht den Ankommenden freundlich entgegen. Sie bitten Karmatha, er möge über ihre Schwelle treten und segnen seinen Eingang mit dem Segnungsrecht des Hauses, doch fordern sie ihn nicht zum Bleiben auf, ihm es allerdings auch nicht verwehrend.
Ein Weilchen bei Sama zu verweilen, dünkt ihm kein Unrecht zu sein, was es auch nicht wäre, würde er der Zeitordnung gerecht. Doch die schöne Umgebung, die Freundlichkeit der großen Engel, Samas himmlisch-reine Liebe, und dann die Kindergruppe, ach – welches Herz und sei es schon recht befähigt, kann einfach widerstehen? Karmatha bleibt hängen und ihm versinkt der Auftrag und sein Weg. —
Nach einer Zeit befinden sich die Hausbewohner bei einem schönen Mahl. Da kommt Samas Führer-Engel und teilt mit, daß Abada Rafael ihn zurückrief und er Sama mitbringen habe. Sogar in ihrer Himmelfreude herrscht da eine Trauer, die an sich nicht unberechtigt ist. Sama gehorcht sogleich und legt ohne zögern ihre Hand in die des Engels. Karmatha begleitet sie bis zum Murielhaus, an dem sie vorüberkommen und in das einzutreten er ein Hausrecht hat. Kaum darin, überkommt ihn ein seltsames Gefühl. Fast ist es Unruhe. Blitzartig wird ihm seine nicht einwandfreie Handlung bewußt, die zwar nicht böse ist, weil es das im Licht nicht gibt, aber er vergaß, die Aufgabe ernst zu nehmen, was Hauptzweck seiner Erziehung ist. Vor dem Altarherd kniet er sich nieder, bringt sein Antlitz in die wunderbare gelbe Altardecke und spricht:
„O heilige Liebe, was habe ich getan? Ein Amt, mir übertragen, habe ich versäumt! Wie ist das wieder gutzumachen, daß Deine Traurigkeit über mich, o guter Vater, in Freude umgewandelt wird? Ach Vater, verzeihe mir den großen Fehler. Sama gehorchte gleich, als sie gerufen ward, obwohl sie gern bei mir verblieben wäre. Ich aber habe nicht gehorcht und bin einen andern als den mir zu meinem Besten angezeigten Weg gegangen. O guter Abba, hilft mir nur, mein Versäumnis wieder gutzumachen. Stehe Du mir bei mit Deiner Liebekraft; denn nun habe ich Dich sehr betrübt, auch Muriel und Pargoa. Hilf mir bitte, guter Vater, daß ich Dir zur Freude werde und mit Deinem Beistand diesen Weg noch gut vollenden kann.“ Große Demut spricht aus ihm. Wie er aufschaut, ist es wie ein sanfter Hauch, der vom Altarherd zu ihm herüberweht. Getröstet steht er auf und voll Zuversicht, der väterlichen Hilfe ganz gewiß, verläßt er ohne weiteren Aufenthalt die Mugona und schlägt den Weg zur Lichtschulwelt ein.
Es ist ein Strahl aus großer Höhe, der — sichtbar — ihn zu jenem Engelshause führt, wo die Arbeit seiner harrt. Die Hausengel spüren die ihnen im Gebet zugesagte Hilfe sich nahen, gehen Karmatha entgegen und führen ihn, den Haussegen sprechend, über die Schwelle. Sie sind genauso lichtalt wie Karmatha. Da er zufolge seiner Auserwählung und der damit verbundenen Sonderführung reifer ist, findet er hier manche Arbeit vor. Er darf sich nicht höher zeigen als die Hausengel sind, kann nur in der ‚Wir-Belehrung’ sprechen, denn die zu betreuenden Kleinsten dürfen zwischen ihren Engel-Eltern und Karmatha keinen Unterschied verspüren.
Das ist nicht so leicht. Er merkt sein größeres Wissen; und die Fähigkeit zu lehren tritt überraschend hervor. Er darf sich freuen, kann sich der Fähigkeit bedienen, doch ist sie mit der Dienstbarkeit und reinen Liebe auszugleichen. Die Hausengel lernen allerlei hinzu; und die Freude ist sehr groß, als schon nach kurzer Zeit ihre Kindlein das Verlangen äußern, den Vater bald zu schauen. Karmatha versteht es prächtig, ihre Sehnsucht zu steigern und zugleich sich in Geduld zu üben.
Auf Anregung dieser und anderer Hausengel des zusammengehörigen Gebietes (ähnlich einem Landkreis auf Erden) werden alle Kindlein herbeigeführt und Karmatha soll zu ihnen reden. Wie freut er sich, daß man ihm, dem Boten des Muriel-Hauses, das Vertrauen schenkt. Er dankt dafür in rechter Liebedemut. Alle Herzen fliegen ihm zu, und die Belehrung gestaltet sich zu einer eindrucksvollen Feier. Sie gehen auf einen Hügel, auf dem er schon etliche Male mit dem Vater allein nach Herzensbedarf gesprochen hatte. Nun sehen ihm viele erwartungsfrohe Augen entgegen, und er beginnt mit seiner Lehre.
„Liebe Kindlein des Vaters! Nicht ich will zu euch reden, sondern mein Herz, aus dem des Vaters Liebe sprechen wolle. Das Herz soll Gottes Wunderwerk verkünden, das Er euch zu Seiner Ehre und zu eurer Lebensfreude gab. Wir befinden uns auf einem lichten Stern und soweit eure Erkenntnis reicht, gefällt es euch hier über alle Maßen gut. Ja, Licht trug und Liebe leitete euch. Daß das Licht aber von ‚irgendwoher’ herüberstrahlt, habt selbst ihr Kleinsten schon empfunden, so daß ihr nunmehr fragt: Woher kommt das Licht? Es ist euch auch gewiß: Dort, wo des Lichtes Quelle ist, muß das Licht seine Vollmacht, seine Wohnstatt haben! — Und das ist wahr!
Doch das Licht, euch rein erstrahlend, euch selig machend und das ihr als höchstes Sein erkennt, hat auch noch andere Gewänder. Liebe Kindlein, staunt nur nicht sehr, ihr sollt es gleich erfahren. Viel Kunde brachte ich vom heilig-guten Vater, Der in Sich allein die Fülle birgt; und alles Licht und Leben strahlt Er von Sich aus. Er kennt alle Kinder, ob groß, ob klein, weil jedes Kind einen Strahl aus Seinem Reich, aus dem UR-Zentrum erhält. Ja, Er – Er trägt in Seinem Herzen alle Seine Kinder!
Denkt ihr, daß Er euch nicht kennt, weil ihr Ihn noch nicht gesehen habt? O, Er weiß genau um die Beschaffenheit des kleinsten Kindes; Er ist ja unser aller Schöpfer! Inneres wie Äußeres, nichts ist Ihm verborgen. Schreitet vorwärts und bald könnt ihr in Seinem Vaterherzen sein. Doch auch Er will von euch Besitz ergreifen. Ja, Er errichtet eine ewige Wohnstatt für euch bei Sich, für Sich aber bei euch. Doch wenn das geschehen ist, tritt dann ein Stillstand ein? O, bei weitem nicht! Das Wunderbare aller Seligkeiten ist ohne Grenze und hört nicht auf, auch nicht, wenn es heißen kann:
‚Der Vater hat uns ganz zu Seinem Eigentum Gemacht!’
Des sind wir fröhlich, denn Gott ist Liebe, die alle Kinder in die Glorie unvergänglichen und heiligsten Lebens erhebt! Dann beginnt erst das volle wahre Leben bei und im Vater! Bereitet eure kleinen Herzen vor, auf daß der heilig-gute Vater bei euch Einkehr halten kann. Alles noch Nötige folgt hernach. Soll eure Sehnsucht aber als gerecht befunden werden, so müßt ihr Seinen hehren Willen anerkennen; denn was Er über euch beschließt, ist gut! Dann enthüllen sich auch Seine heiliglichten Liebewege und ihr könnt mit keinem Maße euern Anteil messen.“
Karmathas Rede hat nicht nur bei den Kindlein tiefen Eindruck hinterlassen, auch die Hausengel danken ihm für seine gute Lehre. Er verweist sie an die richtige Stelle, nämlich an den Vater Selbst, Dem allein die Ehre und der Dank gebührt. Da knien sie nieder, ein Hausengel spricht einen Lobgesang, wie er in ihrer Sphäre nicht besser erfolgen kann. Ein sichtbar heller Schein dringt als Segensstrahl in alle Herzen, daß sie des Vaters Nahesein verspüren. Lange Zeit bleibt es still bei der ganzen Schar, wunderbarer Friede liegt über ihnen allen. Dann geht jede Gruppe dankbar in ihr Haus zurück. Karmatha besucht auf Bitten noch einmal jedes Haus, und überall kehrt mit ihm ein Sondersegen ein. —
Das Licht ruft ihn zurück. Diesmal läßt er sich von keinem Wunsche halten, obgleich ihn große Liebe mit den Sternengeln verbindet. Danksagung und viele Bitten werden ihm an den Vater aufgetragen. Noch eine tröstliche Verheißung kann er geben: „Der Vater ruft euch bald, und wir haben dann ein frohes Wiedersehen.“ Er winkt zurück; die Sternbewohner schauen ihm vom Hügel aus noch eine Weile nach.
Er findet seine Straße zur Mugona. Nun er der heiligen Stadt näher kommt, fällt ihm auch wieder seine Lauheit ein. Sehnsüchtig denkt er an den Vater und er merkt den Segen, der auf seiner Arbeit lag. Wäre er nur nicht erst lässig gewesen. Hätte Sama ihn nicht zum Bleiben aufgefordert, so . . . Karmatha vergißt, die Schuld sich selber beizumessen. Er versteckt sich hinter Sama und will die Schuld sie tragen lassen. Doch sein Unrecht steigt ihm plötzlich hoch aus der Sorge, wie er nun vor Muriel und Pargoa, besonders aber vor dem Vater bestehen soll. Mit zaghafter Scheu kehrt er zur heiligen Stadt zurück.
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