Elia hat seine dritte Reise hinter sich, die vielen Wanderungen ungerechnet. Unbarmherzig wölbt sich ein heißer Himmel über das glitzernde Meer, das von einer Anhöhe aus zu sehen ist. Die Felder vor dem sauberen Städtchen Zarpath sind lehmbraun verkrustet und steinhart. Wenige Menschen wanken in der Mittagsglut einher. Alles deutet auf Verfall. Der Thisbiter sah kein anderes Bild, seit er den Bach Krith verlassen hat. Oft wanderte er nachts, um tagsüber unter blattlosem Gesträuch zu schlafen; und das weniger, weil es für ihn besser war, nein — das Bild war kaum noch zu ertragen.
Er sitzt auf einem Stein mit müdem Körper ob des weiten Weges, den er zu Fuß bewältigt hat. Noch müder ist die Seele, weil durch seinen Mund die Erde darbt. Obwohl der Herr mit der ‚Rechnung Seines halben Rechts‘ ihn entlastete, blieb die Bürde doch zurück. „Habe ich noch etwas falsch gerechnet, Herr?“ fragt er still in sich hinein. „Wenn Du doch die Last mit dem Exempel von mir nahmst, warum quält mich‘s so, daß es mich auf Schritt und Tritt verfolgt?“ Jemand setzt sich neben ihn, eine Gestalt ihm gleich, nur feiner, edler, ach — ja ja, himmlisch schön. Elia besieht sich das Wesen in heller Verwunderung und mit einem sofort fühlbaren Herzenskontakt.
„Elia“, beginnt der Schöne, „du machst dir manche Sorgen. Die bösen Bilder wurden dir zur widerlichen Last, was ja menschlich zu verstehen und in dieser Hinsicht auch verzeihbar ist. Frage aber, ob du nicht die Last der Lasten wegen tragen willst.“ „Du sprichst Sonderbares aus“, entgegnet der Prophet; „daran erkenne ich dein hohes Wesen. GOTT bist du nicht, das wäre mir bewußt geworden. Darf ich wissen, wer du bist?“ „Das Wissen über mich und dem, was ich zu sagen habe, könnten deine Lasten tilgen. Doch bliebe dann die Frage offen, ob ein lastenloser Prophet besser als ein Lastenträger wirken kann.“ Erstaunt erkennt Elia die große Weisheit, die ihm der Überirdische vermittelt.
„Du hast recht! Ich bin töricht gewesen; man sollte seine Lunge zügeln.“ „Bei dir hat‘s keine Not, Elia. Als Prophet kam noch kein törichtes Wort aus deinem Mund.“ „Das weiß der HERR! Bist du ein ‘Himmlischer, so siehst du viel, aber alles nur der Heilige.“ „Mir geht‘s wie dir“, lächelt der vom Jenseits. „Ich weiß, was mir mein guter Vater sagt. Doch von dir weiß ich alles.“ „So stehst du über mir und ich habe mich vor dir zu neigen.“
„Tu‘ es nicht, Elia; ich bin dein Bruder. (Matth. 23, 8.) Wir neigen uns vor Gott, dem Herrn, allein! — Doch beantworte mir meine Frage.“ Elia denkt eine lange Weile nach. Wer der ‚Schöne‘ ist, wird er früh genug erfahren; und daß er es noch nicht zu wissen braucht, gab der ‚Lichtbruder‘ zu verstehen. Aber wie und warum trägt man Lasten um der Lasten willen — —??
„Irdisch“, wendet er sich etwas zögernd an den Schönen, „kann man eine Last um eines Zweckes willen tragen, sei es für den Nächsten oder für sich selbst. Allein — jeder Zweck bedingt ein anderes, das nicht in seinen Lasten ruht. Beschaue ich es aber geistig, und das meinst du wohl, dann muß die Last ein Selbstzweck sein und nicht nur einen haben. Doch GOTTES Maß von Seinem Soll und Haben wird man irdisch schwer verstehen.“
„O ja, wenn du es so formulierst“, entgegnet freundlich der vom Licht. „Einfacher ist es im Gemüt statt im Verstand zu messen. Auch meinte ich gerade das Irdische, weil des Herrn Elia auf Erden noch viel großes Lastenwerk vollbringen soll. Was dabei aufs Himmlische entfällt, kann GOTT auf ewig überlassen bleiben. Aber höre! Wird der Zweck des Lastentragens hervorgehoben, sei es für Lohn oder Freude an der Nächstendienstbarkeit, so streckt man beide Hände aus, um zugleich mit der Last den Lohn zu heimsen. Auch die Freude ist ein Lohn. Daß es das im Reich nicht gibt, weißt du selbst. Da wird die Last nur für die Last getragen.“
„Verzeih, wenn ich dich unterbreche.“ Elia berührt des Schönen Schulter. „Mir ist neu, daß die Himmelskinder Lasten tragen.“ „So neu sollte dir‘s nicht sein, Elia, da der Herr mit dir über ‚Seine Mühe‘ sprach, die die Menschen Ihm bereiten. Jede Mühe ist eine Last!“ „Allerdings! Sieh, was ich vieles lernen ‘muß. Nun leuchtet‘s mir, daß Gottes Engel vom höchsten bis zum kleinsten Lastenträger machen, sei es‘ auch nur, um dem Vater Freude zu bereiten. Doch würde so die Sache und das Motiv nicht zu verbinden sein.“
„Dergestalt wohl nicht! Wir tragen keine Last Gott nur zur Freude oder den Gefallenen zur Hilfe, sondern ‚wie der HERR zu tun‘! Löst sich so die Mühe, da bleibt Gottes Freude wie die Dienstbarkeit am armen Fremdling niemals aus. Beides ruht einfach im Danach-Tun! Wie Gott handelt, handeln wir; wo ER ist, sind wir auch. Eine Last soll man nicht wegen eines noch so guten Zweckes, sondern ihrer selber wegen tragen, weil jeder Zweck mit Belohnung rechnet, gleichgültig, ob von unedlem Trieb behaftet oder davon frei.“
„Gott?“ Elia fragt tief inbrünstig: „Trägt Er nicht der Schöpfung heilig-große Last um eines endlos erhabenen Zweckes willen?“ „Ja! Bedenke aber: GOTT ist der Schöpfer! Er baut jedes Werk zum hehren Zwecke auf. Also dient Sein Lastentragen nur dem hohen Zweck, weil sonst Werk und Last nicht auszugleichen sind. Hingegen für die in das Werk Hineingeboren, wie später für die in die entstandene Last Hineingelebten gibt es nur einen gangbaren Weg.
Sieh an Gottes Wort! ER SELBST ist aller Kinder Weg! Doch deren Last lag‘ schon im Werke ausgeglichen, während in der UR—Last unser Wirken liegt, daran sich Lohn und Freude knüpfen. Das erhält man aber nur, wenn man dem Herrn in allen Dingen folgt! Wer keine Lasten trägt, ist kein Arbeiter, richtiger gesagt: arbeitende Kinder.“
„Himmelsbruder! Du hast das nicht umsonst gesagt. Ja — mir war des Bildes Last zu schwer, weil sie durch meinen Mund heraufbeschworen wurde. Ab Sebulon habe ich fast nichts gegessen, der Durst quälte mich; ich, sah nur das arme Land. Da wollte ich, es regnete, auch wenn man mich verhöhnte, auch wenn Gottes erhabene halbe Rechnung nicht ausging. Einmal kam mir der Gedanke, als mir die Sonne Pein bereitete, ich könne etwa für das Volk die Last ertragen; doch mir war nicht wohl dabei. Grau, zerrissen wie die arme Erde, lag mein Prophetenweg vor mir. — Nun hebe ich die Augen auf zu Gott; und wie der HERR es tut, so will ich gleichfalls tun.“
„Recht geredet! Nun verstehst du Gottes halbe Rechnung. Du kannst sie ergänzen; nicht in der Erhöhung Seines heiligen Haben, sondern durch dein freies Soll! Damit gleichst du einen guten Anteil jener Rechnung aus, die auf der armen Erde lastet. Mache dich nun auf in die Stadt, dort wirst du Gottes Gnade offenbaren. Sei getrost, und Gottes Friede sei mit dir.“ „Mit dir sei meines Herzens Dank, Bruder vom Licht. Bringe Anfang und Ende meines Dankes unserm Herrn, dem heiligen Gott, dem Ewig-Vater dar.“ Sie reichen sich die Hände. Als das Licht verschwunden ist, erhebt Elia sich und schreitet auf dem Sandpfad zur nahen Stadt hinab.
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