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Kap. 13 – Asdodja, die Witwe von Zarpath; falsche Priester müssen leiden; …

Asdodja, die Witwe von Zarpath; falsche Priester müssen leiden; warum Sadrach sterben mußte

„Was tust du, liebe Frau?“ Elia bückt sich freundlich zu einem kleinen Weibe nieder, das eifrig abgedorrte Äste eines Feigenbaumes sammelt. „Das siehst du doch?“ Die Antwort klingt mehr verwundert als abweisend. „Nun, ich meinte nicht das Holzauflesen“, entgegnet Elia, „sondern was du damit tust. Die Monde runden sich zu Jahren, seit es der Hitze wegen keines Feuers mehr bedarf.“ Das Weib setzt sich an den Straßenrand, und Elia nimmt neben ihr Platz

„Man sagt“, beginnt die Frau, „der Thisbiter hätte das getan, den man, als Prophet verschreit.“ „Kennst du ihn?“ Ich sah ihn in Ijon. Mein Mann zog mit einer Handelskarawane hin und nahm mich und unsern Jungen mit. Es sind fünf Jahre her. Bald darauf starb mein Mann. Nun — in Ijon standen die Leute zuhauf, so daß wir — neugierig das Leben der Hebräer erforschend — uns hinzugesellten. Dort redete ein Mann eine gewaltige Sprache über den israelitischen Gott, den er den ‚HEILIGEN‘ nannte. Seither denke ich des öfteren an diesen sonderbaren Gott. Ah, ich meine“, das Weib wendet sich Elia näher zu, „du möchtest diesem Redner etwa gleichen.“

„Es ist eine böse Tat, Mensch und Vieh und Land schmachten zu lassen. Mußte ein Prophet nicht Gutes tun „Ich weiß nicht, ich bin eine einfache Frau mit wenig Verstand“ „Verstand genug“, ruft ihr Elia zu, „um dich mit der Frage zu befassen. Du weichst aus!“ Ängstlich geworden, forscht das Weiblein in Elias Augen, die gütig auf ihr ruhn. Da faßt sie Mut, nachdem sie sich vergewisserte, daß es keine Lauscher gibt.

„Ich will dir sagen, wie ich denke. Hier herrscht der Baal. Aber wer ist Baal? Ist er nicht nur Tarnung, durch die die Großen ihre Macht verüben?! Mein Mann sagte mir es so; er war sehr klug.“ Sie spricht stolz von dem Toten. „So ist es auch in allen Ländern, die die Hebräer ‚Heiden‘ nennen. Ich kann mir unter diesem Wort nichts denken, weder Niedriges noch Hohes; denn nicht die Ansicht wertet einen Menschen, sondern nur sein Tun.“

„Sieh, wie klug Asdodja ist!“ „Woher weißt du meinen Namen?“ „Das ist kein Geheimnis. Ich bin weit gereist und war zu jener Zeit, von der du sprachst, in Ijon. Daher bist du mir bekannt. Ich habe dort mit deinem Mann, dem Teppichweber Cysbus gesprochen. — Aber jetzt, Asdodja, hole mir einen Trunk. Ich bin so weit gewandert, und die Sonne hat mich ausgebrannt. Du wohnst ja gleich am Tor.“

Kopfschüttelnd geht die Frau davon. Woher weiß der Fremde, daß ihr Häuschen bei der Mauer steht? Als sie sich umwendet, ruft Elia sie zurück. „Bringe mir auch einen Bissen Brot, ich habe seit drei Tagen nichts gegessen.“ „Herr“, schwört Asdodja, „so wahr dein Gott lebt, bei dem toten Baal kann ich nicht schwören, so wahr habe ich nichts im Haus als nur ein Letztes, das ich mir und meinem Sohne zubereiten will, um miteinander dann zu sterben. In der ganzen Stadt wirst du nur um teuren Preis eine Gerstengrütze und die Hälfte eines halben Bechers Wasser kaufen können.“

„Das ist mir bekannt, darum führte mich mein Gott hier her. — Nun bereite nur dein Letztes; aber bringe mir erst einen Bissen.“ Die Sidonierin geht stadtwärts, hie und da noch Holz aufklaubend. Ist‘s der gewaltige Prophet“, sagt sie zu sich selbst, „so ist es besser, daß er lebt, während ich hinüberfahre.“ Geschäftig bereitet sie ein Gebackenes. Bevor sie fertig ist, tritt Elia zu ihr herein.

„Ich möchte dir den heißen Weg ersparen“, sagt er mit seiner guten Stimme und nimmt auf einem Hocker Platz. Er ist sehr müde. Asdodja, obwohl todhungrig, nimmt von dem Mahle nichts, ruft auch nicht ihren Sohn, der nebenan schläft; sie stellt es dem Gaste vor. Dieser hebt dankend seine Hände auf mit der Bitte um Segen für das Haus. Asdodja hört verwundert zu. Hier spricht ein Mensch mit seinem lebendigen Gott, Der ungesehen gegenwärtig ist.

Elia ruft den Knaben und führt die Hausfrau an den Tisch. „Kommt, laßt uns jetzt essen.“ „Ach“, sagt der Sechzehnjährige, nachdem er hörte, was sich alles zugetragen hat, „die drei Brötlein langen nicht für einen, um satt zu sterben, geschweige denn davon satt zu leben.“ „Setze dich und iß“, verweist ihn Elia freundlich. „Hast du hernach noch Hunger, so sage es.“ Sie essen die Brote auf, die nicht eher alle werden, als bis sie vollstens gesättigt sind. Asdodja und ihr Knabe rücken etwas von dem fremden Manne ab. Wer ist jener, der solches zaubern kann?

„Habt keine Angst“, begütigt er die Zagen. „Ich sage euch: Ich will hier wohnen, und wird das Mehl im Kad nicht alle werden, wie auch nicht das Öl im Krug! Und eurer Brunnen soll solang sein Wasser spenden, bis GOTT auf Erden wieder regnen lassen wird!“ „Du bist der Thisbiter!“ ruft die Sidonierin und wirft sich schluchzend nieder. „Ja, ich bin‘s. Doch steht auf, meine Lieben; nur vor Gott beugen wir das Herz, und wo es Seine Ehre fordert, auch das Knie. Danket dem lebendigen Gott für Seine euch geschenkte Gnade.“

„Warum kommt es uns zugute?“ Zutraulich geworden setzt sich der Junge an Elias Seite. „Merke auf, Sadrach. Dein Vater hat sich in Ijon zu dem wahren Gott bekehrt. Seit er heimging, gibt es nur noch eine gute Seele in eurer Stadt. Das ist deine Mutter.“ „Glaubt sie denn an den Hebräer Gott?“ „Ja, und zwar rein in ihrem herzen. Auch du lernst Ihn noch kennen.“ Sie reden mancherlei davon, denn Elia bleibt Mondelang bei der Witwe wohnen, geht durch das Land, sogar bis Tyrus, wie ihn der Geist Gottes treibt. Doch bleibt er selten länger als eine Woche fern. Asdodja ist um ihn besorgt, wohnen sie ja nahe Sidon, der Baal-Hochburg. —

Elia hat Spione an den Fersen, und der Junge meidet ihn. Tritt Elia ein, entfernt sich Sadrach und kommt erst wieder, wenn jener fortgegangen ist. Der Prophet behält aber seine Freundlichkeit dem Knaben gegenüber bei. Einmal bleibt Sadrach lange weg. „Wo er nur ist?“ bekümmert sich die Mutter. „Heute geht er keinen guten Gang, Asdodja; doch wir müssen ihm die Freiheit lassen, die seine: Fessel ist. Warte ab.“

Gegen Abend kommt der Junge heim. Verstohlen wirft er böse Blicke auf den Gast, der ihnen ja nur Gutes tat. Nützt das aber was? Weit herum fällt Mensch und Vieh zu Tausenden, denn der Not ist nicht mehr Herr zu werden. Er versuchte, aus dem Zauberkad und -krüglein Mehl und Öl zu entwenden, um es Bekannten zu bringen. Aber jedesmal kam er mit leeren Händen an, und die Freunde nennen Sadrach einen Schelm. Darum haßt er den Thisbiter, der dahintersteckt.

Bald nach Sadrachs Ankunft treten zwei Männer ein. „Wir sind ehemalige Freunde von Cysbus, Teppichweber“, begrüßen sie die Wirtin leutselig. „Wir haben dir eine Speise mitgebracht, denn überall ist große Not. Wir wollten dich schon längst besuchen; aber wie es eben geht, man nimmt sich vieles vor und wenig kann man tun. — Ah, du hast ausländischen Besuch?“ Die Witwe kennt die Männer nicht, die sich an Elia wenden. „Woher des Weges, Fremder?“

„Ich bin euch keine Rechnung schuldig. Außerdem habe ich mich ja beim Stadthauptmann gemeldet.“ Asdodja spürt: Das sind Häscher. Ihre Angst verbergend, wird sie resolut: „Ihr seid mit einem Vorwand bei mir eingedrungen. Meines Mannes Freunde kenne ich genau; ihr seid mir fremd. Was sucht ihr denn bei einer Witwe?“ „Wir wollten sehen, ob du noch zu haben bist“, erwidert einer frech. „Doch dein Bedarf ist ja gedeckt.“ Hämisch kichernd zeigt der Sprecher auf Elia. „Ah, hüte dich; wir wissen, was hier vor sich geht!“

„Wenn ihr das wißt, ihr Gesindel und Ehrabschneider, warum fällt ihr mir zur Last? Mein Sohn ist erwachsen, ich bin nur des Fremden Wirtin. Auch bin ich meinem Manne treu bis über meinen Tod hinaus.“ „Freilich, freilich, so der Leute wegen. Aber sonst . . .?“

Elia hört, daß noch mehrere draußen stehen. Auf einmal gebieten ihm die Männer, mitzukommen, indem sie ihre Webertracht abwerfen und sich als Baalpriester entpuppen, die zugleich Polizisten sind. Wer hat den freundlichen Prophet verraten? Asdodja grübelt und sieht nach einer Rettung aus. Sie achtet nicht auf Sadrach, welcher mit den Baalen dunkle Blicke wechselt, jedoch von einer jähen Übelkeit befallen — sich auf sein Lager niederlegen muß.

Als die Fänger Elia berühren, durchfährt sie ein glühender Schlag. Dreimal. Beim vierten Griff brennen ihre Mäntel. Brüllend stürzen sie ins Freie, im Davoneilen durch die Zugluft den Brand vergrößernd und so auch die schon im Vorbau Stehenden mit in Flammen setzend. Die Meute rast zum Bach. Doch bis dahin haben sie nicht unerhebliche Verletzungen davongetragen; und da der Bach infolge Dürre so gut wie ausgetrocknet ist, gelingt es ihnen nur mit knapper Not, sich vor dem gänzlichen Verbrennen zu bewahren.

Bekümmert schaut Elia ihnen nach. Asdodja hat sich einen Zipfel seines syrischen Mantels vor das Gesicht gedrückt. Sie schluchzt laut auf, weniger um des grausigen Geschehens willen, obwohl sie mit den Bösen Mitleid hat, als mehr aus Kummer, daß man sie in ein schiefes Licht zu ihrem Gast zu stellen wagt, aber auch aus Freude über dessen Rettung durch den allmächtigen Gott.

„Weine nicht, Asdodja.“ Sanft drückt Elia sie an seine Brust. „Sie sterben nicht. Durch den Denkzettel wird in Zukunft kein Baalischer dich mehr betrüben. Die Speise wirf weg, sie ist vergiftet. Sadrach hat davon genommen.“ „Sadrach?“ Neuer Kummer stürzt auf die Witwe ein, als sie ihren Sohn, den sie in Angst um den Thisbiter ganz vergaß, bereits sterbend auf dem Lager liegen sieht. Sie bettet ihn in ihren Schoß, über das aushauchende Leben hinweg rufend:

„Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes? Konntest du Mehl und Öl vermehren, die Bösen von dir treiben, warum nimmst du mir meinen einzigen Halt? Hast du gar geglaubt, ich würde dein Weib? Muß darum mein Sohn sterben, weil mein Herz mich zu dir zog? O, o, ich erkenne: Es ist eine Sünde gegen Cysbus, dem ich Treue schwur, wie auch gegen dich, denn du bist ein heiliger Prophet!“ Asdodjas Augen werden rot von den Bächen ihrer Tränen.

Elia, indem er der Schluchzenden die Tränen trocknet, sagt: „Höre mich an, meine Liebe. Nicht du hast gesündigt. Reine Liebe ist ein himmlisch Wesen, ist Verbindung aus dem Geist, auch zwischen Mann und Frau. Sie kommt von GOTT und hat nichts mit dem Körperlichen dieser Welt gemein. Die Liebe einer Seele, wenngleich gut, will zusätzlich das Sinnesleben. Doch nur irdisch ist es nackte Gier der eigenen Befriedigung und keine Liebe.

Du hast die echte Liebe deinem Mann bewahrt; sie geht dir nicht verloren. Die Liebe zu mir ist rein vor Gott! Darum bist du nicht gestraft.“ „Und der tote Sohn?“ unterbricht Asdodja traurig. „Warum mußte er sich denn vergiften?“ Elia erzählt von Sadrachs Diebereien und sagt, er hätte Mehl und Öl gern den kleinen Freunden bringen dürfen, hätte er nicht damit geprahlt. Aus aufkeimendem Haß habe er ihn an die Tempelwache zu Sidon verraten. Die Vergiftung des Leibes sei das Symbol baalischer Seelenvergiftung.

„Das hätte er getan?“ Zweifelnd schaut die Mutter auf ihr Kind. „Du glaubst mir nicht?“ Der so freundliche Mund fragt hart. Asdodja zuckt zusammen. Sie will trotz der Trauer nicht den wahren Gott verlassen. „Verzeih, dich zu kränken ist nicht meine Absicht. Doch mein Sohn ist tot, der unreife Junge, der etwas Unüberlegtes tat, während die Großen, aus böser Überlegung nach deinem Leben trachtend, zwar mit Schmerzen jedoch lebend davon gekommen sind.“

Elia sinnt dem Wort der Witwe nach. Er steht auf. „Überlasse mir deinen Sohn!“ Ohne Einwilligung abzuwarten, trägt er den Jungen auf den Söller und legt ihn auf sein Bett.

Er leidet mit Asdodja; denn nicht gegen diesen Knaben reckte sich sein Wille, — GOTT hatte es getan. Niederknieend bittet er um Gnade: „O Herr, warum hast du der Witwe, bei der ich lang zu Gaste bin, die lieber hungernd sterben wollte, als daß Dein Prophet zu Grunde ging, so übel getan, daß Du ihr den Jüngling nahmst? Sieh, hier lag nicht Dein Arm in meiner Hand, noch Dein Wort in meinem Mund.“

„Elia, Ich holte Mir des Kindes Seele, um Meine Herrlichkeit zu offenbaren.“ In der Gestalt steht Gottes Licht im Raum. „Herr!“ Elia wirft sich förmlich nieder. „Mit meinem Herzen, ja mit meinem Leib will ich den Toten decken bis mein Leben in ihn fährt, und Du meine Seele nimmst, damit die Witwe ihren Sohn zurückerhalten kann. Ich lasse nicht von Dir, Dich festzuhalten“, er greift ins Licht wie in ein Gewand, „bis mich erhörest um des Glaubens willen, den Dir die Heidin mehr entgegenbringt als ganz Israel!“

„Soll deine Bitte als ein neuer Odem in den Knaben fahren, so sage Mir, wen ich das Übrige zu tun gebieten soll, was Mein Prophet noch zu vollbringen hat.“ „O guter Herr, mache daraus wieder eine halbe Rechnung. Gib eine Hälfte diesem Kind, die andere belasse mir, und ich bin gewiß, daß es einer halben Lebensrechnung übergenug ist, um Deinem Willen zu gehorchen.“ „Sieh an, Mein Elia hat gut rechnen gelernt! Also möge das Exempel aus Meiner väterlichen Güte gelten. Bleibe noch eine Zeit dem Knaben ein guter Halt, bis Ich dich auf neue Straßen sende. Mein Friede ist das Licht, das dich umgibt, und Mein Segen ist die Kraft, die dir allezeit entströmen soll.“

„O Herr!“ Wieder neigt Elia sich mit Dank und Freude nieder. „Du bist der ewig-gute Vater, Der Seine Kinder nicht verläßt! Nun soll mit meinem halben Leben Deine ganze Heilsrechnung aufgehen, die meines Geistes Hirtentasche birgt.“ „Wer sein Leben mit einem Feinde teilt, wie du getan, Elia, empfängt es tausendfach zurück. — Segne Asdodja, die nur irdisch eine Heidin ist; ihrem Herzen nach ist sie Meine Tochter.“ „Heiliger Vater, für die hohe Gnade, daß wir unter Deinem Segen stehen dürfen, sage ich Dir Dank.“ Elia berührt die Lichthand, die sich ihm entgegenstreckt. Das Licht enteilt. — Elia behaucht eine Stunde lang den toten Mund. Und es regt sich das Gebein; der Knabe erwacht wie aus tiefem Schlaf. Nach und nach erklärt Elia das Geschehen, welches Sadrach ganz umgewandelt hat. Ein Gefühl sagt ihm, daß er gestorben war.

Asdodja, als sie den Knaben lebend wiedersieht, dankt laut dem Gotte Israels und ruft, indem sie des Propheten Hände fest umschließt: „Nun erkenne ich, daß du ein Mann Gottes (Dan. 9, 21.)bist, und kein Mensch von dieser Welt! Denn des heiligen Herrn Wort ist deine Lehre, die Wahrheit, die allein das ewigliche Leben ist.“

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