Elia wandert kreuz und quer, kehrt auch bei Benhadad ein, den er wegen seines Wortbruches warnt. Zwar werden die ansässigen Hebräer nicht verfolgt; doch der Syrer hat ihre Synagogen zugeschlossen und Judith ihren kleinen salomonischen Altar weggenommen, den ein Künstler aus Zor (ursprünglicher Teil von Tyrus) angefertigt hatte. Benhadad ist es nicht wohl zu Mute, als die hellen Augen des Gottesboten ihn betrachten, den er nicht wie üblich wochenlang bewirtet, weil man mit Elia große Reden führen kann mit dem Vorteil eigenen Gewinns. —
Die fünfundvierzig regenlosen Monde sind fast um, als Elia bei Asdodja in Zarpath nochmals einkehrt, freudig begrüßt und ungern scheiden gesehen. Sadrach wandert mit Elia bis Abdon-Mala, einem Schwesterort der Stadt Abdon, die westlich der Grenze liegt, während Abdon-Mala halb Sidon, halb Israel gehört und von dem Flüßchen Achsib ganz natürlich in beide Landesteile aufgespalten wird.
Über Kabul gelangt Elia nach Sebulon, wo er den Wirt Ephraoth besucht. In segensreichen Stunden verkündet er dem Hause und noch manchen glaubensvollen Sebulonern des Herrn heilige Wahrheit. Doch sehr bekümmert sind die Freunde von dem Weg, der vor Elia liegt, und müssen sie es — rein menschlich gesehen — nicht auch sein? Doch des Propheten starke Kraft richtet jeden Angstbeladenen auf.
Er strebt vom sebulonischen Bethlehem südwärts nach Megiddo, das in einem nordöstlichen Randtal des Karmelgebirges eingebettet liegt. Vor der mauerlosen Stadt begegnet ihm ein Mann, der mit einer Frau talauswärts geht. Elia grüßt, stehen bleibend, freundlich: „Friede sei mit euch.“ Ohne innere Bewegung erfolgt der Gegengruß: „Baal segne dich, Fremder.“ Ernst fragt Elia: „Hat euch schon mal euer Baal gesegnet?“ „Das nicht“, lacht der Mann verächtlich. „Man muß so sprechen.“ „Wäre Gottes Friede nicht wichtiger als ein Gruß der Lüge?“ „Ist etwa der Friede Wahrheit? Seit der verruchte Thisbiter in Israel eingebrochen ist, lastet auf dem Land der Fluch!“
„Hast du kein ganz eiliges Geschäft, Freund, so führe mich in die Stadt deiner Väter, wo deine Ahnen auf deiner Scholle saßen, seit Josua über den Jordan ging.“ „Was weißt du von meiner Sippe?“ Der Manasser, stolz darauf, einem Fürsten stamm, wenn auch nur aus dessen zweiter Linie entsprossen zu sein, wirft sich in die Brust. „ich kann dir dienen“, sagt Elia und deutet auf einen gefällten Wildbaum am Wegesrand, den sie als eine Bank benutzen.
Fürst Pedazur, ein Treuester aus Moses treuer Schar, hatte zwei Kinder: Gamliel, der sich zu den Verrätern schlug“, Elia sagt es absichtlich, um den törichten Stolz des Mannes einzudämmen, „und die Tochter Adda, die Hanniel, Ephos Sohn vom zweiten Fürstengeschlecht der Manasser, heiratete und der eine zeitlang Stammfürst wurde, bis Gamliels Sohn die erbliche Fürstenschaft übernahm. Aus der Linie von Hanniel und Adda bist du hervorgegangen.“
„Mich wundert deine gute Chronik. Nie sah ich dich bei uns, wo man das Intime kennt. Hast du Israels Geschichte studiert?“ „Ich brauche nicht zu studieren, Heebar; mir ist vieles offenbar, wie ebenso, daß du noch ein gutes Bergheu für deine übrig gebliebene Herde verborgen hast, die dein Freund Baal sehr zusammenschmelzen ließ.“ Elia lächelt, er möchte gern die kranke Seele heilen.
„Wer hat dir das vom Heu verraten?“ braust der Manasser auf. Seit Tagen sitzt ihm Ahabs Hofmann auf dem Nacken wegen Heuabgabe. Er gibt nichts her, es bleibt nur für den traurigen Rest seiner einst vortrefflichen Herde. Niemand weiß, wo er das Vieh zu einer späteren Aufzucht ängstlich hütet, wenn — es in absehbarer Zeit regnet. Der Mann im weißen Mantel breitet die Gedanken aus und sagt:
„Heebar, du kannst Obadja die Hälfte des Heues aus der Höhle Uhla überlassen; es gibt bald neues. Denn die wenigen Tiere, die in der Wüste Samaria weiden, fallen um in ihren Knochen.“ „Daran ist bloß der Thisbiter schuld! Allein, ich merke, du bist ein ungewöhnlicher Mann. Mein Weg hat Weile. Komm, Rachel“, winkt er dem Mädchen von etwa zwanzig Jahren, „wir kehren um.“ Heebar möchte mehr erfahren. Vielleicht weiß der Ausländer, wo der Satan weilt. Isebel hat eine stattliche Belohnung demjenigen ausgesetzt, der ihr den ‚Mörder des Landes‘, wie ihn die Klagerolle nennt, lebendig oder tot ausliefern kann. Es gilt als rühmlichste Aufgabe, ihn zu fangen.
Rachel, Heebars Schwester, richtet eine kleine Speise zu. Trotz Teuerung soll der Fremde gastlich unter ihrem Dache sein. Als jeder ein Brötchen aus der Schale nimmt, liegen noch drei darin. Ungehalten, daß Rachel die kargen Vorräte üppig verbraucht, macht Heebar ihr vor der Türe einen Vorwurf. Der Gast soll es nicht hören. Sie beteuert, nur drei Stück gerichtet zu haben und wisse nicht, wie die übrigen in die Schüssel kamen. „Still!“ droht der Bruder, „das schöne Gesicht hat dich verwirt!“ Rachel bricht in Tränen aus und flieht in ihre Kammer. Als Heebar mit schlecht verhehltem Unmut in das Gastzimmer kommt, sagt Elia freundlich:
„Du hast gern ein weniges mit mir geteilt, trotzdem dein Vorrat in ganz Megiddo noch der reichste ist. Doch deine Schwester Rachel hast du zu Unrecht ausgezankt. Nun will ich mein weniges mit euch teilen.“ Der Prophet deckt seine rechte Hand auf die leere Schüssel und siehe da, jetzt liegen sieben Brötlein drin. „Rufe Rachel! Ihr sollt sechs Stück essen und ich eines.“ Verwundert tut Heebar, wie der Gast befiehlt.
„Bist du aus jenem Land, wo die Sonne ihrem Bett entsteigt? Dort soll es Leute geben, die zaubern können.“ „Nein, von dort stamme ich nicht. Doch ich habe eine Frage: Du glaubst an die Geschichte deiner Ahnen. Wie kommt es, daß du nicht auch an die wunderbare Führung eures Gottes glaubst, durch Seinen großen Mose offenbart?“ Heebar zuckt ungeduldig die Schultern. „Wie kann ich für derlei Berichte einstehen, von denen ich selbst nichts erlebte?“
„Du denkst, des heiligen Gottes Taten sind nicht wahr?“ „Das sage ich nicht unbedingt“, weicht Heebar aus, „ich kann sie nur nicht beweisen.“ „Ja, du nicht, weil du wie Ahab jedem Glauben abgeschworen und keine Überzeugung hast! Doch gerade aus der Überzeugung steigt der unbrechbare Glaube auf.“ „Durch was wird man überzeugt, wenn man kein Erlebnis hat?“ „Suche nicht mit deinem Weltverstand, der keine Überzeugung noch weniger den Glauben kennt. Nimm im Herzen Gottes Geistverbindung auf, die Gott allen Menschen bietet. Dann entweichen Unkenntnis und Glaubenslosigkeit wie die Nacht vor der täglichen Auferstehung einer segensvollen Sonne.“
„Daß Baal kein Gott ist, weiß ich selbst“, sucht Heebar sich herauszuwinden, „aber . . .“ „. . . ob Israels HERR der Schöpfer ist, magst du nicht erkennen“, ergänzt Elia. „Nun ja, wäre ER der Gott, wie kann Er dem Dämon, dem Thisbiter, soviel Kräfte überlassen, daß der solch unerhörtes Unheil über viele Völker bringt? Oder ist‘s eine nur naturmäßige Erscheinung?“
„Wenn das Letztere in Frage käme, wäre der Thisbiter als Rädchen einer nur zwangsläufigen Entwicklung ohne Schuld. Wäre er aber ein Dämon, so stünden ihm Kräfte zur Verfügung, die die Voraussetzung ergeben müßten, daß es noch höhere Kräfte gibt, sonst wären alle Menschen Teufel. Denn nur die Kraft bewirkt das Leben, gleichgültig, wie sie angewendet wird. Da es gute und auch böse Menschen gibt, so existieren dem nach auch zwei Kräfte, die über einem schicksalhaften Schema walten und es beherrschen, wobei die gute Kraft die beständige, die böse die unbeständige ist.“
„Vielleicht!“ lacht Heebar zynisch. „Das Böse beweist sich stets beständig, während man das Gute mit der Fackel suchen muß.“ „Sehr richtig! wenn du dieses Maß ans Irdische der Menschen legst.“ „Das genügt, zumal die Schandtaten des Thisbiter!“ Heebar rückt lüstern näher. „Ich möchte dich gern etwas fragen. Du bist gewiß schon weit gereist?“ „Ja; eben komme ich geradenwegs von König Benhadad.“ „Von Damaskus? Nun — deine Tracht verrät den Syrer.“ ‚Unbedingt?“ spottet fragend der Prophet. „Mantel und Gewand aus feinster Wolle sind ein Freundschaftsgeschenk des Königs.“
„Jetzt möchte ich bloß wissen, wer du bist. Hättest dich längst vorstellen können.“ „Ich weise deine Rüge ab, Heebar. Du führst ein Buch, in welches du besondere Gäste sich einzuschreiben bittest und bist stolz, wenn große Namen drin verzeichnet sind. Mich hieltest du für einen armen Wanderer, dem das Buch vorzulegen dir unnötig erschien.“ Rachel unterdrückt ein Lachen; der Fremde hat dem Bruder ordentlich eins versetzt. Dem bleibt vor Erstaunen der Mund offen stehen. Endlich sagt er kleinlaut:
„Ich lasse mich vom nächsten Löwen fressen, wenn du, Fremder, kein Besonderer bist! Von meinem Heu weißt du, vom Gästebuch, und meine Ahnen kennst du wie ich. Bitte, verzeihe mir und daß ich dir mein Buch noch vorlegen darf.“ „Darauf gebe ich nichts, Heebar. Du mühst dich, den Thisbiter fangen, denn das Katzengold der Baaldirne sticht dir in die Augen. Welch Verräterlohn! Hüte dich, daß du in keine Grube fällst! Nimmst du aber einen guten Hinweis an, so will ich dir in Freundschaft dienen.“
„Ah, du weichst mir aus; du weißt, wo er ist!“ „Stimmt, ich habe ihn sogar in nächster Nähe.“ „Oh!“ Die, Augen des Manassers werden tellergroß. Vertraulich legt er einen Arm um des Gastes Nacken.. „Du wolltest, ich solle die Hälfte des Heues dem Hofmeister geben. Er soll dreiviertel von meinem Vorrat und obendrein zwei gute Farren haben, wenn — — du mich teilhaben läßt an diesem Fang.“ Elias Blick wird glashart. Die Bitterkeit quillt in ihm hoch: ‚Und sowas will ein Israele sein?‘ Doch er erwidert, sich bezähmend:
„Gut, dreiviertel des Heues Obadja; die zwei Farren mir!, und du hast deinen Thisbiter ganz! Gilt es?“ „Es gilt! Rachel, du hast‘s gehört; und ich will ein Lump zeit meines Lebens sein, so ich mein Wort breche! Überdies, ich gebe es dir auch gern schriftlich.“ Der Mann, der nicht erst ein Lump zu werden braucht, will eilig eine Tafel holen. Elia hält ihn auf.
„Unnötig!“ Der heile klang der bisher freundlichen Stimme läßt den Megiddoer verwundert aufhorchen. Und wie er näher seinen Gast betrachtet, sieht er dessen plötzliche Verwandlung. Fast wie ein Gott steht er, hoch aufgerichtet, vor dem Verräter. „Ich bin der Thisbiter!“ „Du“ ächzt Heebar. „Du? der Thisbiter? O ich Tor, ich konnte es mir denken, als zaubernd deine Rechte auf der Schüssel lag!“ Gebrochen, sinkt er auf die Bank, während Rachel sich scheu vor Elia auf den Boden kauert.
„Du bist gesegnet“, Elia streichelt zart ihr dunkles Lockenhaar und führt sie zu ihrem Stuhl zurück. Stille lastet im Gemach. Es dauert lang, bis Heebar sich von diesem Schlag erholt. Als er das wieder hell gewordene Gesicht Elias zu betrachten wagt, kommt ihm die Erkenntnis: ‚Ich bin ein Lump.‘ Seine Scham ringt mit dem reinen Licht, das — vom Thisbiter ausgehend — in seine Seele strahlt.
Elia kommt dem Kämpfenden entgegen. „Was willst du tun? Ich bin in deiner Hand.“ „Du? Nein! Nicht du bist in meiner, sondern ich in deiner Hand.“ „So ziemlich hast du recht, Freund. Richtiger ist: Du bist bereits in deines heiligen Gottes Hand.“ „Die mich von sich schüttelt wie ein reiner Mensch ein Ungeziefer. Denn ich — ich wurde um irdischen Vorteils willen ein Anhänger des Baal.
Wohl wahr! Muß das aber deines Lebens Ende sein? Willst du dich nicht zu unserm guten Gott bekehren? Er wartet auf dich.“ „Weil ich eine Zierde hin?“ verspottet der Manasser sich selbst. „Heebar!“ Von heiliger Liebe durchglutet richtet Elia seine Glanzaugen auf den Israelit. „Der Weizen wird nicht mit der Distel weggeworfen! Tilge alles Unkraut, damit dein Herz als guter Acker hundertfältig Früchte trägt. Aber nicht die Frucht kannst du dem Ewigen bieten; die läßt Er durch Seine Schnitter sammeln. Nur das Land mußt du von Seines Wortes schwerer Pflugschar aufwerfen lassen; dann bindet dich der Herr an Seine Güte an.“
Elia verharrt abgeklärt. Rachel sieht in gläubiger Verehrung zu ihm auf und Heebars Herz wird umgepflügt. Endlich rafft sich der Hausherr auf und bittet kniend um die Gnade. O wie freudig wird die priesterliche Pflicht erfüllt. „Mir ist“, gesteht Heebar, nachdem er durch Elias ausführliche Berichte hinter Ahabs, Isebels, der Baal- und Ascheradiener böses Treiben kommt, „ich sei nun wie neu geboren. Ich Tor! Wie konnte ich die offenbaren Lügen glauben? Ahab hat durch sein frevelhaftes Tun unser fruchtbares Samaria zur öden Wüste werden lassen. Nun sehe ich alles in höherem Licht.“
„Bleibe in diesem Licht samt Rachel, dem guten Kind. Der heilige Gott wird immer mit Dir sein. — Nun aber wollen wir zur Höhle Uhla gehen, denn Obadja braucht das Heu und der HERR will deine beiden Farren haben.“ Wie schwer es ist, den alten Adam mit einem Rucke abzuwerfen, merkt Heebar an sich selbst.
„Elia, du bist nun mein heiliger Freund und . . .“ „Laß dich unterbrechen, daß nicht erst deine Zunge spricht, was dir baldigst leid sein würde. Der heiligste Freund ist GOTT ewig ganz allein! Er ist unser Vater, wir sind Seine Kinder und daher vor Ihm eins. Wenn wir auch verschiedene Arbeit haben, große oder kleine, eine kurz, die andere lang, so vollendet keine Aufgabe, sondern deren gute Lösung unser Sein. Doch du wolltest fragen, ob es nicht bei der Hälfte Heu verbleiben könne. Dir tut leid, mehr zugesagt zu haben. Willst du auch die Farren sperren, die ein Gottes-Mahnmal werden sollen?“
„Nein nein, die Farren gehören dir! Nur mit dem Heu will ich den beklagenswerten Rest der Zuchtherde erhalten. Auch tun mir die Tiere leid, die furchtbar hungern müssen.“ „Sei beruhigt, es regnet bald. Doch du mußt Obadja helfen, er wird von Ahab sehr bedroht. Zögere nicht, dein Versprechen einzuhalten, wie ja GOTT Sein Wort gewißlich hält. — Liebe Rachel, richte nun ein Mahl für sieben Männer und für dich.“ Wie ein guter Vater streicht Elia über die leichtgebräunten Mädchenwangen. Mit reinen Kinderblicken sieht sie den Mann Gottes an. „Ich tue alles, was du mir gebietest.“ Die Männer verlassen das Haus, das einsam auf einem kleinen Bergbuckel steht.
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