Die Gottesflamme; Obadjas Heusorge; zwei sidonische Hauptleute lernen Gott erkennen
Der Weg führt unterhalb der Sattelfelsen des Karmel über ehemals weidefähige Matten. Jetzt tritt der Fuß auf nackten Stein, teils auch in knöcheltiefen, groben Sand. Hie und da neigt der Thisbiter sich zur geschlagenen Erde. Wo sein Finger sie berührt, sproßt ein Grashalm auf. Heebar, den ersten Halm erblickend, kniet erschüttert nieder. „Ein Grün, ein gesegnetes Grün! O Gott, wie danke ich Dir für diese Gabe!“
Elia umschlingt ihn mit beiden Armen. „Nun weiß ich, warum Gott mich zu dir sandte. Du hast eine gute Seele; sie war nur wie Samaria vom Götzendienst verbrannt. Da Gottes Licht auf dein armes Herzland fiel, sieh, da wuchs das Grün, wie hier an diesem Ort. Hüte dein Hälmlein, und warte auf den Regen, bis eine saftige Weide wird für viele Kinder Israels.“ „O Elia, mein Leben reicht nicht aus, und wenn es hundertzwanzig Jahre bringt wie Moses segensvolles Leben, um dem gerechten Gott zu danken für alle Treue, die Er mir durch, dich erwies! Möge ER mir helfen, daß aus meinem ersten Lichthalm eine gute Weide wird.“
„Amen! Ein rechtes Wort; und Ich will es segnen!“ Demütig wendet sich Elia um, er kennt die Stimme seines Herrn; verwundert hingegen Heebar, der sich sofort niederwirft. Behutsam nimmt er den ersten grünen Halm, den nach dreiundeinhalb Jahren das geschlagene Land erhielt und pflanzt ihn vor dem Lichte ein. Und beide, der Prophet und der Sohn Israels, sehen das Licht hinaufwandeln auf die ‚Obere Trift‘, die Heebar gehört. Dort steigt‘s zur Höhe, während auf dem Platze viele Flammen sich zum Himmel heben, andere sich zur Erde neigen. Auf Heebars bange Frage, was das zu bedeuten hat, sagt Elia ernst, wie von Schmerz belastet: „Wir erleben es, — bald —“
Sie biegen auf den Saumpfad ein, der zur Höhle führt. Ein Mann in Hoftracht im Gefolge zwei Krieger, kommt vom Fels, stutzt und eilt rasch näher. „Elia!“ Mehr bringt er nicht heraus. Es ist Obadja. Sie umarmen sich. „Hier sehen wir uns wieder!“ Die Sidonier gehen trotz schwerer Waffen abseits. „Der Thisbiter?“ tuscheln sie. „Überall ward er gesucht. Nun steht er da, am hellen Tage mitten in Samaria und gibt sich offen zu erkennen. Ich rühre keine Hand an ihn“, sagt der eine, „ich habe Abel-Mehola erlebt.“ „Wenn der Marschall nichts befiehlt, werde ich mich hüten, daß er mich zu einer Leiche macht“, meint der zweite und zieht sich noch weiter zurück.
Man geht zur Höhle. Heebar befiehlt seinen Knechten, das Heu zur Paßstraße zu bringen, wo Obadjas Ochsenkarren rasten. Als die Tiere das Futter wittern, drohen sie auszubrechen. Elia hilft manchem Treiber, sein Gespann vor dem Absturz zu bewahren. Jener Sidonier, der Elia bisher noch nicht kannte, flüstert: „So menschenfresserisch scheint er aber nicht zu sein. Oder ist er nur zu Ochsen gut?“ „Laß mich in Ruh“, sagt der Erste mürrisch. „Mir steht‘s bis hierher!“ Er drückt den Daumen gegen seine Nase. „Ich will jedem Ochsen danken, wenn mich Sidon lebend wiedersieht!“
Unvermutet tritt Elia neben beide Hauptleute hin. Ihren Mut leicht belächelnd, sagt er: „Kommt, Leute, euer Magen knurrt; ihr sollt des Heebars Gäste sein.“ Perplex starren sie den liebenswürdigen Sprecher an. ‚Wir sind geliefert‘, denken beide. Wollen sie sich nicht blamieren, noch obendrein gegen ihren Sold verstoßen, bleibt ihnen nur das Mitgehen übrig.
Am Tisch verkündet Elia: „Es kommt mehr Besuch und nach dem Mahle habe ich euch viel zu sagen.“ Kurz darauf treten der Oberpriester Ruben-Heskael ein, der in Erfahrung brachte, daß Obadja in Meggido sei, und Som-Hasad, der Heebar kennt und auch etwas Heu für seine wertvolle assyrische Kamelstute erbitten wollte, die trotz langer Hungerszeit ein gesundes Fohlen warf. Die Wiedersehensfreude mit Elia ist groß, wenn alle auch von schwerster Not beschattet sind.
„Nicht mehr lang“, beruhigt der Prophet. „Zwar dreht Ahab noch an seinem Seil, doch die Fäden werden dünn. Die Teuerung ist bald beendet. Obadja, sage Ahab, daß ich mich ihm stelle.“ „O Elia, was habe ich gesündigt, daß mir solches widerfährt? Muß ich dir erst sagen, daß mich Ahab haßt, weil ich immer fest zu dir gestanden bin? Vorgestern schwur er bei Baal-Sebub hart, er warte nur noch einen halben Mond, dann solle mir geschehen wie jedem Widersetzlichen, hätte ich bis dahin nicht den ‚Landesmörder‘ ausgeliefert.
Wo bin ich überall gewesen, dich zu suchen! Ich ritt nach Elath am Wasser der Midianiter, nach Tor am Roten Meer, nordwärts dann bis Migdol, an der Küste lang nach Tripolis, über das Libanon-Gebirge und Damaskus nach Jesreel zurück.
Oft hörte ich auf mein Befragen nach dir: ‚Gestern war er bei uns oder: ‚Vor zwei Stunden ging er fort.‘ Ich weiß ja, Gottes Geist trug dich. Teile ich jetzt Ahab mit: ‚Elia ist hier‘, und er heißt mich, dich ihm bringen, so würde ich dich ebensowenig finden wie während meinem langen Ritt. Willst du mir antun, daß Ahabs Kette mich erwürgt?“
„Das widerfährt dir nicht“, ruft Ruben-Heskael erregt, „der du unsre Priester erhalten hast. Ich habe mit viel Mühe König Josaphat überwältigt, daß ich in Jericho eine Prophetenkinder schule errichten durfte, damit uns ein Nachwuchs bleibt und auch das Volk nicht ohne Lehrer sei. Doch ohne Obadja wäre es mir nicht gelungen.“ „Ja, ich hatte fünfzig Priester bei Thirza und fünfzig bei Ataroth versteckt und dachte, es sei Gott wohl gefällig, daß Er mich bewahrt. Wenn ich aber Ahab diese Kunde bringe, ist mein Leben hin.“ Traurig schaut der Hofmann drein. Elia faßt nach Obadjas Hand, der noch nie das gute Gesicht so gütig leuchten sah wie eben jetzt.
„Mutest du meinem HERRN und mir zu, daß wir jemand um einer Lüge willen den Tod bereiten? noch dazu einem Treuen?“ „Elia!“ Entsetzt fährt der Höfling auf. „Ach — welch ein Frevel! Sendest du mich zu Ahab hin, wie darf ich denken, daß du . . . O, das kann Gott mir nicht verzeihen, weil es eine Sünde gegen Seine Wahrheit ist!“ „Nicht so, mein lieber Freund. Wer solche Lasten trägt, wie du sie in den Jahren Tag für Tag hast tragen müssen, der sündigt nicht, wenn ein Zweifel ihn befällt.
Sage aber heute noch zu Ahab: ‚Morgen früh, vier Stunden nach Aufgang, steht der Prophet vor dem König! Am Hadad-Rimmon-Tor wollen wir uns treffen. Wo du ausrufen kannst, soll ganz Israel in acht Tagen auf den Berg kommen, den der HERR gezeichnet hat. Auf Heebars Trift gingen Flammen auf zum Himmel — und zur Erde. Dort wird der Herr dem Volke Sich in Herrlichkeit und Gnade offenbaren.“
Der gewaltigen Prophetie folgt lange Stille. Die Sidonier drückten sich in einen Winkel. Ist es nicht ganz anders, als sie über diesen sonderbaren Mann vernahmen? Ein GOTT muß durch ihn wirken; nicht einer, der — wie Baal von Menschenhand gemacht — tot auf einem toten Tiere hockt, dessen Maul die falsche Priesterbrut Baal-Sebubs und Ascheras ist, eine Weltmacht, die die Völker unterjochen will.
Elia ruft die Verzagten an. „Fürchtet euch nicht; unser Gott ist gut! Zeigt Er Sich zum Schrecken, so nur, weil Bosheit Seinen Zorn entfacht. Das Böse erntet Böses, das Gute ewig Gutes! Gleicht es sich auf Erden auch nicht immer aus, so glaubt: Wer im Herzen Gottes Liebe trägt, dessen Herz wird von dem Höchsten auch getragen! In Gott ruhen, hebt die kleinen Menschen über alle Weltendinge hoch, und die Welt greift nicht nach seinem Licht. Ja, ihr beide, Lubbar und Chrahoth, findet heute noch den lebendigen Gott; und in Seiner Güte werdet ihr getröstet sein.“
Som-Hasad bittet, Elia möge huldigst zu ihm kommen, Samaria wäre zur Zeit ‚hofleer‘. „Wie es der Herr führt, mein Freund“, erwidert der Prophet. „Ruben-Heskael, bereite die Priester vor; die Zeit ist nahe, wo ihr wieder offen wirken könnt, obgleich Israel nie wieder völlig Baal entsagen wird. Das ist das Zeichen, weil es in der Wüste sich dem Gold ergab, zum Kalb, dem ‚wachsenden Tier‘ gemacht, das die Leidenschaften wachsen und vererben läßt.
Heebar, bewahre GOTT bis zu dem vorgenannten Tage deine Farren auf.“ Die Rechte auf Rachels Haupt legend, sagt er: „Du bist eine gute Tochter Zions. Viele Bekümmerte werden zu dir kommen und du sollst ihnen dann ein Segen sein.“ Rachel kann vor Tränen kein Wort sagen. Heebar dankt für sie und bittet, Elia möge auch die Männer segnen. Wie gern tut das der Prophet.
Obadja rüstet seinen Ochsenkarrenzug zum Abmarsch zu. Auch Som-Hasad schirrt seinen Wagen an. Heebar gab ihm gern ein übriges von seinem Heu. Ruben-Heskael besteigt sein Maultier, ein Geschenk des Wirtes weil der Ehrwürdige nicht mehr gut zu Fuß ob seines Alters ist. Und Elia wendet sich gen Hadad-Rimmon, um morgen daselbst Ahab zu begegnen. „ich geleite dich“, sagt Heebar, „ich lasse dich dort nicht allein.“ „Es ist gut, mein Freund; aber sieh: GOTT ist bei mir!“ Die Kraft des Wortes hallt noch lange in den Herzen nach, sie wird jedem eine starke Stütze. —
NEUOFFENBARUNG