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Kap 15 – Fürst Cossar aus Ägypten. Hagars Flucht und wie Fylola wieder hilft

Kapitel 15

Fürst Cossar aus Ägypten. Hagars Flucht und wie Fylola wieder hilft. Die Lichtbrüder, die Cossar in die Zange nehmen. Etwas von Ägypten. Zauberei. Die Kräfte aus dem Kosmos und aus der Natur. Cossar sucht Abrams Gott und findet ihn.

Abram ist freudig erstaunt und fühlt sich mit Recht über den Besuch geehrt. Es ist so gut, als wäre Pharao selbst gekommen; denn Fürst Cossar ist nächst dem Herrscher der Höchste von ganz Ägypten. Sarai nimmt an dieser Freude regsten Anteil. Sie ist noch heute stolz darauf, daß damals ihre Frauenklugheit Abram half und Pharao den besten Dienst erwies. Ägypten hat bis heute des Patriarchen Freundschaft treu bewahrt. Schade, daß die Decke noch nicht fertig ist, die wäre ein Geschenk für Pharao. Nun — die Gäste bleiben ein paar Tage da und so wird sie zwischendurch sie fertig machen. Hagar wird ihr gerne dabei helfen.

Als sie diese aber rufen läßt, wird ihr gemeldet, sie wäre nicht in ihrer Kammer. „Da wird sie wohl zum Brunnen sein.“ Sarai geht, um nachzusehen. Am unaufgeräumten Raum, was sie niemals duldet, erkennt sie, daß die Magd das Haus verlassen hat. Verwirrt setzt sie sich nieder. Sie beruhigt sich. Hagar ist vielleicht nach Mamre, um dort die Frauen anzuleiten. Nur durfte sie in letzter Zeit die weite Straße nicht mehr gehen, Abram ließ sie fahren.

Indes ruft dieser schon nach Sarai. Eilig ordnet sie den schönen Schulterschleier, den sie der Gäste wegen trägt. Hoffentlich fragt der Ägypter nicht gleich nach der Magd. Das geschieht auch nicht. Doch lange währt es nicht, bittet Cossar, man möge Hagar rufen, da er ihr Pharaos persönlichen Befehl zu überbringen habe.

„Sie ist in Mamre“, erzählt Sarai und verbirgt ihre Unsicherheit. „Hast du sie denn hinausgeschickt?“ fragt Abram. „Nein; aber Hagar, meine treue Magd, versieht nicht selten von sich aus diesen Dienst, um mir eine Freude zu bereiten.“ „So ist sie also brav und fleißig“, meint der Ägypter. „Pharao glaubt, daß sie durch eure chaldäische Freundlichkeit als Magd verdorben wäre und nicht unbedingt gehorsam blieb.“ Beide, Abram und Sarai, decken ihre Sorge zu. Das tun sie nur der Magd zuliebe; denn Fürst Cossar brauchte sie nur einen Tag bei sich zu haben und sie wäre wieder das, was sie am Anfang war: die demütige, die treue Magd. Sarai gibt Abram heimlich Bescheid.

Er beauftragt Tschuba und Tzordhu, mit verläßlichen Verwaltern die Flüchtende zu suchen. Aufsehen soll vermieden werden. Wohin jedoch mag sie geflohen sein? Vielleicht nach Beth-El zu Jubisat? Die Flucht läßt sich am andern Tag vor Cossar nicht verheimlichen. Der zieht die Stirn in steife Falten. „Sie darf mir nur begegnen!“ „Gemach, o hoher Freund.“ Abram legt begütigend die Rechte auf des Gastes Schulter. „Sie hatte Angst.“ Cossar lacht hart auf. „Wäre sie aus Angst vor mir geflohen, so könnte ich die Strafe mildern. Doch wer vor der Fürstin flieht, hat einen bösen Sinn.“ Niemand ahnt, daß Hagar, sinnlos vor Angst, flüchtete, als sie Cossar sah. Dieser setzt seine Leute auf die Spur. Doch niemand findet Hagar.

Am dritten Tage, die Ägypter fühlen sich in Hebron wohl und werden auch gehörig angestaunt, kommt mehr Besuch. Fürst Hummar-Karbo und Hebael reiten in den Mauerhof von Mamre ein. Fylola sitzt mit ihrem Knaben in der Wagensänfte. Sarai ist am glücklichsten. Fylola macht sich sofort nützlich und unter ihrer Hand geht alles wie am Schnürchen. Für Sarai ist die Bürde auch zu groß; Hagar geht ihr ab.

Beide Frauen richten den großen Speiseraum für den Mittagstisch der Gäste zu. „Mutter Sarai, sei nicht bekümmert. Ich komme wegen Hagar.“ „Wegen Hagar? Weißt du das auch?“ „Nicht wörtlich. Vor Tagen sah ich über dir den Stern und wir brachen sofort auf. Die Eltern waren unsere Gäste. Die Gelegenheit nahm Vater gerne wahr, euch wieder zu besuchen. Mutter blieb zurück, um mein kleines Mädchen und das Haus zu hüten. Nun sei getrost. Auch der Ägypter wird sein Wort erhalten.“ „Ach ich fürchte, daß es nicht gut abgeht. Fällt Hagar diesem in die Hände, weiß er sie zu züchtigen und ich fürchte für das Kind.“ „Er tut es nicht, keine Angst. Ich weiß, wo Hagar ist; noch heute breche ich mit Hebael und einigen Verwaltern auf. Die böse Tochter hast du morgen wieder. Strafe sie, doch strafe sie nicht hart, nur daß sie merkt, daß sie über ihre Grenze ging.“

„Fylola, was bist du für ein Mädchen! Nur gut, daß du jetzt bei mir bist.“ „Das ist Gottes Güte, Mutter Sarai; nicht ich, sondern Er allein ist unser Helfer in der Not.“ „Meine kleine Gazelle hat das Richtige getroffen.“ Abram war unbemerkt eingetreten, um nach dem Tisch zu sehen und hatte das Gespräch gehört. Er drückt Fylola an sein Herz. „Vater Abram, du glaubst nicht, was ich für Sehnsucht nach euch hatte!“ „Und wir nach dir. Und einen prächtigen Sohn hast du uns mitgebracht.“ Wie sich Abram nach dem Vorhang wendet, um die Gäste in den Raum zu führen, stehen dort zwei Weiße.

„Brüder!‘ Abram ruft es laut. Er zieht den Jüngling an sich und umarmt zugleich den zweiten Freund. „Wenn euch der Vater sendet, ist es höchste Zeit, dem Ungemach zu steuern.“ „Nun Abram“, sagt der Jüngling, nachdem auch die Frauen ihren Gruß erhalten haben, „du hast schon recht. Doch es geschieht nicht deinetwegen, weil du ja selbst genügend Geistkraft in dir trägst, um dem Herrn dein Haus zu opfern. Doch die andern aus dem heißen Land bedürfen Gottes Finger.

Führe sie herein und wir werden mit an euerm Tische sitzen.“ Abram, der Reife, freut sich wie ein Kind. Er fragt: „Werdet ihr bei mir verzehren wie in Golan?“ Beide Hellen lachen fröhlich auf; sie geben sich als Menschen. „Nein, du Lieber, heute essen wir wie ihr, damit dir etwas übrig bleibt.“ „Für wen?“ „Für die Armen!“ sagt der Jüngling ernst. „Du hast recht! Heute sollen alle Armen weit und breit von meinem Tische speisen.“ Abram ordnet sofort an und bald merkt man auf den Gassen, daß ganz Hebron auf den Beinen ist.

Während dem Mahle sitzt Fürst Cossar zwischen Abram und dem einen Jüngling. Dem Ägypter ist es nicht ganz geheuer. Heimlich schielt er die Hellen an. „König Abram“, fragt er forschend, „wo aus aller Welt hast du solch wunderbare Jungen her? Die strotzen ja vor Kraft, und außerdem ist ihre Klugheit eminent. In Ägypten wären sie trotz ihrer Jugend keine Knechte, sondern Lehrer in den Königsschulen.“ Der Hausherr lacht verschmitzt. „Mein hoher Gast, da ist mit einer Antwort schwer gedient. Zuerst einmal sind sie nicht meine Knechte.“ „Nein?“ unterbricht Fürst Cossar. „Ich hörte aber, daß ein paar tausend solcher hellen Jungen deine Helfer in den Schlachten waren.“ „Das stimmt. Sie waren meine beste Schar, wenn ich mit diesem Worte auch die Bündnistreue meiner Fürsten nicht verringern will. Das Heer der Hellen kam von selbst und ging von dannen, als die Schlacht beendet war. Heute kamen ihre Führer zu meines Hauses größter Freude.“

Nicht gerade gern, doch als Fürst will er sich keine Blöße geben, fragt Cossar: „Darf ich meinen Nachbar bitten, ein paar Fragen zu beantworten?“ „Frage nur“, entgegnet Abram, „und du wirst erfahren, daß sie dir keine Antwort schuldig bleiben. Außerdem sind sie sehr freundlich.“ „Das habe ich bemerkt“, sagt der Ägypter, „und ich bin verwundert. Denn solche Freundlichkeit läßt sich mit Herrscherwürde nicht verbinden. Ich zum Beispiel wüßte nicht, wie ich der entlaufenen Magd freundlich und zugleich als Herr begegnen müßte.“

„Du freilich nicht“, wendet sich der Jüngling Cossar zu, der noch immer nicht recht weiß, wie er seinen Tischgenossen anzureden hat. „Vielleicht lernst du‘s noch. Bringe deine Fragen vor, denn das Mahl, von Sarai köstlich zubereitet, ist vorüber und wir danken dem Chaldäerhof.“ Cossar fängt das Wort schnell auf. „Das ist auch so etwas! Danken? Warum? Wir sind Gäste! Leeren wir die Schüsseln, so ist das der beste Dank.“ „Deine Auffassung entspricht dem Nil. Der frißt auch das Land, ohne Frage, ohne Dank. Denke einmal nach, Fürst Cossar. Jede Freundlichkeit erhöht den Schatz des Lebens, macht die Seele glücklich und den Geist erhaben. Ist es Herzensbildung, gute Gaben hinzunehmen ohne aller Mühe zu gedenken, die damit verbunden ist?

In unserm Lande herrscht ein hoher König, mild und gut. Unser Tisch ist stets gedeckt. Doch nicht ohne Bitte, ohne Dank bleibt unser Herrscher. Wir zerbrechen das Verhältnis zwischen Recht und Liebe nicht! Müßte sich der Herr nicht grämen, wenn Er immer gibt und keiner fände eine Silbe, Seine Freundlichkeit zurückzugeben?! Arm wäre solch ein Leben und der Ärmste unser König, wenn Er keine Danksagung empfängt.

Dies braucht keinesfall in Gleichem zu bestehen, was übrigens in unserm Lande gar nicht möglich ist. Erhält der Geber einen Dank, so hat der Dank die Gabe aufgewogen. Du bist oft bei Pharao zu Gast und er bei dir. Nun sage, Freund, was habt ihr euch damit gegeben? Das, was euer Leib bedarf, einer wie der andere. Du hast niemals Arme je gespeist, weil du kein Gegenmahl erwarten kannst. So hast du demnach nie gegeben! Abram hat die Armen von ganz Hebron eingeladen, obwohl er weiß, daß sie ihm keinen Tisch bereiten können. Frage ihn, ob er nicht trotzdem reich gesegnet wurde. Er nickt, der Patriarch, samt seinem guten Weibe. In ihren Augen strahlt die Herzensfreude, und des Volkes Jubel drang in unsern Raum herein. Dem Hause ward vergolten, was es gab. Denn merke dir, Ägypter: Nur der Reichtum, der sich auf das Herz bezieht, hat ewigen Bestand! Wenn du stirbst, nimmst du nichts anderes mit in deine dunkle Todeskammer als das Leben deiner Seele. Alles bleibt zurück, dein Gold und Silber, deine Pferde und Kamele; nicht ein Fädlein hältst du in der starren Hand.

Doch im Innern kann sich großer Reichtum sammeln. Glaube, Liebe, Herzlichkeit und Treue, Güte, Dankbarkeit und gute Taten sind die sieben Stufen, die die Menschenseele nach dem Tod zum Himmel führen. Kannst du sagen, daß du diese Stufen in dir trägst?“ Cossar fällt aus allen Wolken. Hätte er mit diesem sonderbaren Weisen, der wer weiß woher gekommen ist, bloß nicht angefangen. Er blamiert sich vor der ganzen Tischgesellschaft. Nun muß er sehen, wie er aus der Falle kommt. Eine Weile denkt er nach. Vom Jüngling geht ein guter Strom wie auf ihn über. Doch das erst recht verwirrt ihm sein Konzept.

„Du kommst aus einer hohen Schule“, reißt er sich zusammen, „und ich wundere mich, daß du in deinen jungen Jahren schon so weise bist. Wie weise müssen dann erst eure Lehrer sein?“ (Dan, 12, 3) „Ich bin ein Lehrer“, sagt der Jüngling lächelnd. „Wie? Kommen denn bei euch die Kinder schon mit aller Weisheit auf die Welt?“ „Nicht gerade das; doch unsere Kinder lernen spielend, und was sie wissen, dürften euerm Oberpriester in der Königsschule unbekannte Dinge sein.“ Das ist so freundlich gesagt, daß der Ägypter keine Widerrede haben kann. Aber er lenkt ab. „Du sagtest, daß man nach dem Tode nichts mehr im Besitze haben wird, was einem auf der Welt zu eigen war. Nun, wir glauben, daß es nach dem Tod ein Weiterleben gibt, und zwar auf Erden als ein Mensch in höherer Stufe als zuvor. Es ist auch möglich, daß er sich niedriger entwickelt, bis zum Tier, je nachdem er lebte. Aber wenn er vorwärts geht, wird er seine Güter alle wiederhaben; nichts geht ihm verloren. Du hingegen lehrst, daß mit dem Tod das Leben endet und man nichts in seinen starren Händen hält.“

„Ich wüßte nicht, daß ich solches sagte.“ Der Jüngling deutet auf den Patriarch. „Abram kennt die Himmelslehre; er bestätigt dir das Seelenleben, das der Mensch als einzigen Besitz nach seinem Erdentod behält.“ Etwas hitzig fährt Cossar in die Höhe. „Was fängt man mit dem Seelenleben an, von dem noch keiner weiß, wie es gebildet ward und wie und wo es bleibt? Habe ich den Rundgang durch die Todessphären abgeschlossen und kehre auf die Welt zurück, so ist’s nicht anders, als hätte ich die Nacht geschlafen, nur daß als Unterschied ich wieder als ein Kind erwache und vom Seelenleben herzlich wenig weiß.“

„Freund Cossar, verrenne dich nur nicht in eure Lehre, die keinen klaren Grund besitzt. Ich beleuchte deinen Glauben und hernach kannst du Vergleiche ziehen, denn du bist nicht ohne Weisheit.“ Das Wort schmeichelt dem Ägypter und er rückt im Herzen dem Jüngling eine Stufe näher. „Sprich, ich bin gespannt, wie du unsern Glauben widerlegen willst.“ Zwischendurch bringen ein paar Mägde wunderbare Silberschalen mit den schönsten Früchten, die im Haine wachsen. Der Jüngling nimmt eine Frucht und schält den großen Kern heraus.

„Sieh, mein Freund, der Grund, ohne den es keine Bäume gab. Denn aus dem Samen kam, was diese Erde für die Menschen der arme Mensch, der in Ägypten äußerlich und innerlich vom Fortgang ausgeschlossen bleibt, veredelt werden? Ist er aber nicht ein gleicher Mensch wie du und Pharao und hat das Lebensrecht, zum Lichte durchzudringen? Eure Armen haben keine Schule und nur den reichen Kindern gilt der Lehrer. Höchst selten, wenn ein Armer seine Weisheit offenbaren kann, wird er zum Nutz des Landes einer Schule zugeführt. Ist das gerecht? Muß er immer Sklave bleiben, nur weil die Armut seine Wiege war?

Du hast auch Hagar hart gehalten, zwar auf Pharaos Befehl, weil ihr Vater ein Verschwörer war. Was kann das Kind dafür? Es war im zarten Alter, als die Eltern sterben mußten und ihre Mutter wußte nichts von ihres Mannes Schuld. Die Sippe habt ihr ausgerottet bis auf das Mägdelein, das ob seiner Schönheit mir gerettet wurde, weil Pharao sie sich durch dich erziehen lassen wollte. Vor dir ist sie geflohen denn sie war jene Frau, die ihr vor Abrams Hause angesprochen habt. Sie hatte dich erkannt. Pharao hat Sarai die Magd geschenkt; sie ist ihr Eigentum. Hast du also noch ein Recht, sie abzustrafen? oder Pharao ein Recht, ihr in Härte zu befehlen, selbst wenn er es aus Freundschaft zum Chaldäerhause tut? Das siehst du ein, und damit hast du deine Umkehr schon begonnen.

Auch vom Oberpriester laß dir sagen, daß es ungut wäre, ihn zu töten. Erstens wurde er, zum Priester vorbestimmt, in eure Lehre eingeweiht, er hat sie doch nicht aufgebracht; zweitens ist er ein kluger, guter Mann, der zum Nutzen eures Landes handelt. Er stützt den Thron, nicht aber nur zur Macht, sondern um das Nilreich zu erhalten. Es wird eines jener wenigen Reiche sein, das Tausende von Jahren überdauert, wenn auch nicht in seiner großen Blüte. Doch mächtige Reiche werden kommen und vergehen; Ägypten bleibt! — Dort wird GOTT als Mensch einmal drei Jahre leben!“

„Eine wunderbare Offenbarung“, ruft Abram aus. „Fürst Cossar, bringst du diese Pharao, so wird er dich belohnen, als könntest du Ägypten bis ans Ende dieser Welt erhalten.“ „Ach, seufzt der Fürst ein wenig auf, „ich denke nicht an Lohn; mir geht es um die Wahrheit unsrer Lehre. Ich erkenne jetzt: Unwissenheit und Wahrheit ist ihr Gemenge, das in mancher Hinsicht falsche Bilder gibt. Wie ist dem abzuhelfen? Denn das weiß ich auch: Ein Volk, das keinen Gott als obersten Regierer hat, verliert sich selbst und wird zertrümmert. Doch wie gleicht sich nun der Glaube an die Kraft und Götter aus? Ich wollte“, wendet er sich an den Jüngling und man spürt die ungewisse Bitte, „ich dürfte viele Knaben in eure Schule senden. Aber können unsere Schiffe, zwar sehr seetüchtig, euer Land erreichen? Oder habt ihr Schiffe, die das unbekannte Meer bezwingen und ihr könntet unsre Knaben holen? Das wäre für das Land der größte Segen.“

„Mein Freund, ich muß dir helfen, denn wieder siehst du Himmlisches nur irdisch an. Niemals erreichen eure Schiffe unser Land und wir brauchen keine Schiffe!“ „Verzeih“, Cossar unterbricht den Jüngling, „auf welchem Wege seid ihr denn hierher gekommen? Denn soweit das Festland zu erforschen ist, haben wir es auch durchzogen und nirgends fanden wir ein Land, das größere Weisheit hatte als du uns kündest, außer“, er verneigt sich achtungsvoll vor Abram, „das Chaldäerreich, dessen großes Wissen Pharao und mich einst sehr beeindruckt haben. Ihr müßt also übers unbekannte Meer gekommen sein.“

„Nein, und daß du nicht erst lange ratest, will ich dir mehr enthüllen. Du bist dir längst im Zweifel, ob wir Hellen eurer Erde angehören. Nur dein weitgebundener Glaube läßt es nicht zu, den großen Sprung zu wagen, der vom Irdischen ins Jenseits führt. Siehe, halte einmal meine Hände fest.“ Cossar tut es. Im Moment ist der Jüngling verschwunden. Trotzdem fühlt Cossar noch die Hände ohne sie zu sehen. Wenige Sekunden später sitzt der Helle lächelnd neben ihm.

„Zauberei!“ Cossar, ungewiß, was noch geschehen wird, steigert sich in Wut. „Glätte nur die Wellen der Erregung“, rät der Helle freundlich. „Es ist keine Zauberei. Es ward dir nur gezeigt, daß wir keine Menschen sind. Folglich können eure Knaben nicht zu uns herüberkommen, was auch gar nicht nötig ist. Lernst du, Freund Cossar, jetzt die Wahrheit, so wirst du eine Schule bauen, wie die Welt sie bisher nie besaß und auf lange Sicht auch nicht besitzen wird.“

„Da müßtest du gleich mit mir gehen als Oberster der Lehrer, dann bestätigt sich dein Wort!“ Cossar wirft Abram einen bittenden Blick zu. Der versteht. „Nun“, sagt er bedächtig, „unsere Freunde aus dem Himmel haben auch noch andere Hilfe; sie können dir, Fürst Cossar, wie ganz natürlich alle Wege ebnen, was für die meisten Menschen besser ist. Nämlich, sehen sie ein wahres Wunder, hängen sie sich gern daran und am Ende ist bei ihnen alles Wunder, geht es auch ganz natürlich zu. Andererseits werfen sie die Frucht mitsamt dem Kerne weg und sagen ‚Zauberei‘. Nichts macht sie frei von ihrem engbegrenzten Wissen. Auf der Erde haben deshalb wahre Wunder wenig Zweck; nur wo reife Seelen sie verstehen, kommt der Himmel offenbar zu uns.“

„Du hast recht.“ Cossar stützt seine Stirne auf. „Doch wie kann die Schule werden, von der ich nunmehr glaube, daß auch mir daraus ein Heil geschieht?“ „O Freund, rasch hast du dich leiten lassen! Nun braucht es nur noch einen Schritt, und du erkennst den Herrn des Himmels und der Erde!“ Der Jüngling schlingt seinen Arm um Cossars Schultern. „Reise heim und verbinde dich mit euerm Oberpriester, der viel reiche Gaben hat. Was ihr besprecht, soll unter meinem Sterne stehen; d.h. ich leite euch, weil Gott es will. Gerade aber da, wo sich scheinbar alles wie von selbst ergibt, hat der Himmel seine Hand im Spiel. Das glaube fest und du wirst vieles schauen.

Doch Licht und Leben, die ihr als ‚Kraft‘ verehrt, ist GOTT, der Heilige und Allmächtige. Er ist ein Wesen, sichtbar Seinen Kindern, die Er nach der Sich Selbst gegebenen Form geschaffen hat. Auch die Kinder auf der Erde schauen Ihn, wenden sie ihr Herz Ihm völlig zu. Merke noch, Freund Cossar: Wohl gibt es Kräfte wie jene der Natur; doch alle gehen durch des Schöpfers Hand, Der sie leitet. Die Menschen sagen: Blinde Kraft, wenn ein Sturm ein Land verwüstet, Berge wankend macht und das Meer erhebt. Wie oft steht ihr erschüttert da, wenn der Nil die weiten Länder frißt. Dabei denkt ihr an Dämonen. Betrachte es vom Segen aus. Zwar nimmt der Nil euch manche Ernte; doch die Schuld liegt bei den Menschen, wenn sie dem Hochmut und dem Ehrgeiz sich verschreiben. Geht dann der Nil zurück, da seht ihr, wieviel Fruchtbarkeit das Wasser hinterläßt und der Segen wiegt den Schaden tausendfältig auf. Würde nie der Nil die Ufer sprengen, so wäre euer Land der Wüste gleich, die westlich von euch liegt.

Reißt der Mensch den Frieden ein, so stört er auch den Raum um diese Erde. Und die Kräfte, die im Raume walten, rebellieren. Das nennt man dann die ‚blinden Kräfte‘. Doch darüber steht der Herr, Der als Schöpfer Seine Werke Sich erhält und den Menschen wie den bösen Wesen wehrt, die wider Seine Ordnung handeln. Als, Vater segnet Er die Kinder, hilft denen, die unwissend wie du die Himmelskraft nicht kennen, bis sie die Wahrheit schauen. Und selbst den Bösen ist Er gern ein Vater, Der verzeiht und nach der Strafe wieder hilft.

„Diesen Gott muß ich haben!“ Cossar reckt weit die Arme aus. Seine Augen beginnen zu glänzen. Er wirft sich Abram an die Brust, beim Hellen getraut er sich’s noch nicht. „Patriarch, führe mich zu deinem Gott und ich will Pharao berichten, die Schule bauen und will — nur noch Gutes tun.“ Leise murmelt er: „Armen einen Tisch bereiten!“ Das konnte niemand hören. Beide Jünglinge legen ihre Hände auf die Schultern der Männer und der zweite Jüngling sagt: „Freund Cossar, die Armen sind das Wichtigste, woran du dachtest. Mit diesem Wort hat GOTT mit dir den Bund geschlossen, daß Er dich immer segnen will.“ Feierlich füllt das Wort den Raum. Sarai und Fylola knien leise betend nieder. Hummar-Karbo und Hebael neigen tief das Haupt. Die übrigen Männer stehen ernst zur Seite, während die älteren Frauen, die mit am Tische saßen, Sarais Beispiel folgen.

Cossar dreht sich jäh um. „Ihr habt mein stilles Wort gehört? — Daran erkenne ich, daß ihr Gottes Boten seid. Laßt euch danken! Zwar, die Welt hat keine ‚Gabe, die euch zuzukommen hat. Nehmt mein Herz, ich beginne euch zu lieben. Kann das jedoch der Irdische? Kann er himmlisch reine Wesen lieben?“ „Ganz gewiß“, bestätigt Abram in tiefer Freude, daß auch dieses Heil in seinem Haus geschah. „Sieh, Freund Cossar, — so nenne ich dich jetzt —‚ wohl sollen wir in Ehrfurcht vor dem Herrn verbleiben, Ihn anbeten und uns vor Ihm neigen; doch in allem muß die Liebe zu Ihm liegen, weil es keine Ehrfurcht ohne Liebe, doch auch keine wahre Liebe ohne Ehrfurcht gibt.

So liebst du nun schon Gott, indem du diese Himmelsbrüder liebst. Was du aus dieser Liebe einem Freunde oder Feind, dem Pharao oder einem Armen tust, ist die wahre Liebe zu dem Höchsten. Denn nur gute Taten sieht Er als Liebe an!“ Cossar beugt sein Knie. Kein Wort kommt über seine Lippen; doch Gottes Odem hüllt sie alle ein.

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