Empfangen durch G. Mayerhofer, am 30. November 1873
Schon wieder ergeht an dich eine Bitte, von so menschlicher Art, dass wenn es nicht gerade Kinder, und zwar blinde, kurzsichtige Kinder wären, Ich auf dein Begehren nicht eingehe sollte, da Ich doch ein Gratulationsschreiber, zu werden eben nicht gesonnen bin.
Doch was soll Ich tun, die Liebe hat gebeten, und der Liebe kann die Liebe nichts verweigern!
So höre denn du, Mein Kind, die du für deine Geistes- und Seelenverwandte Schwester ein paar Worte und zwar geschrieben von Mir, haben möchtest. Deine Bitte ist kindlich, und kindlich will Ich selbe aufnehmen; denn es sind zwei Dinge, welche du bei der Bitte nicht beachtet hast, erstens: „Warum bittest du?“ und „wozu? d.h. bei welcher Gelegenheit bittest du?“ dass du deiner Schwester einen Liebesdienst erweisen möchtest, und zwar an einem nach eurer menschlichen Idee für sie nicht unwichtigen Tage – siehe, dieses ist die Antwort auf obige Fragen.
Nun fragt sich aber, wenn du Jemanden einen Liebesdienst erweisen willst, wäre selber für den Empfänger nicht mehr wert, wenn er direkt von dir käme, und du dabei nicht benötigest, einen Dritten anzurufend? Was die Gelegenheit anbelangt, so ist selbe gerade keine, die weder für Mich, noch für deine Schwester, geistig genommen, so wichtig ist.
Bei Mir anzufragen, Mich um etwas zu bitten, dazu gehören triftigere Gründe, wo z.B. menschliche Hilfe nicht mehr ausreicht, wo es sich um das Seelenheil eines Bruders oder einer Schwester handelt, wo der oder die Bittende anrufen möchte: „Vater! hilf Du, denn meine Kräfte reichen nicht ans!“ Da ist die Bitte an Mich am rechten Orte, Mir und dem Bittenden angemessen; da werde Ich auch helfen, weil es eben wieder ein Fall ist, wo der Mensch gezwungen war anzuerkennen: „Mit Mir Alles, ohne Mich aber Nichts!“ –
Ich stelle dir das alles vor, damit du den Wert Meiner Antwort, und den Unwert deiner nicht zeitgemäßen Bitte erkennen, und für andere Fälle behutsamer beim Bitten sein mögest, und nie vergisst, an Wen du deine Bitten richtest.
Ich muss euch Kinder öfters zurechtweisen, denn ihr habt, eben weil Ich euch unsichtbar bin, mehr Mut als es sein sollte, da du gewiss Mich sichtbar vor dir stehen sehend, nicht gewagt hättest zu verlangen, was jetzt durch Meinen Schreiber an Mich gelangte. Ihn, den Schreiber, brauchtest du als Vermittler, und durch ihn sollst du auch diese Antwort wieder erhalten.
Aber, fürchte dich nicht, Mein liebes Kind, Ich kenne dein Herz, weiß den Beweggrund deiner Bitte, muss aber nebenbei auch eure menschlichen Ideen, von falschen Begriffen reinigen, daher Meine Antwort doch nur die Liebe zu euch, und nicht die Strenge eines Richters diktiert. –
Was deine Geistesschwester anbelangt, so sage ihr, dass Ich ihr Herz wohl kenne, und dass es Mich freut, sie auf dem rechten Wege zu Mir zu sehen, dass sie aber ja nicht glauben solle, das Leben wird mit so wenig Störungen fortfließen, wie bisher.
So gerne Ich sie habe, als aufstrebendes Kind, so kann Ich ihr doch die Prüfungen nicht erlassen, welche ein Jedes durchmachen muss, will es zu Mir kommen!
Ernste Fragen und bittere Stunden werden auch über sie hereinbrechen, wo auch sie, wie einst Ich am Oelberg ausrufen wird: „Vater! nimm diesen Kelch hinweg!“ und Ich werde ihn nicht hinwegnehmen können. Dort wird es sich zeigen, wie viel des Erlernten, Gelesenen, in ihrem Herzen als bleibender Grund geblieben, und ob sie Meiner würdig ist oder nicht!
Ihre jetzige Idee, „sie wäre unwürdig eines Wortes von Mir“, zeigt, dass sie erkennt, „Meiner würdig zu sein“, – ist nicht so leicht: aber die Folge wird sie noch auf härtere Proben setzen, wo der Welt gegenüber die menschlich-weibliche, und die göttliche Würde sich oft bekämpfen müssen, um nicht mit der ersteren auch die zweite einzubüßen!
Sie gleicht noch den jungen Tierchen, die einen Menschen zum ersten mal sehen, und sich ihm vertrauensvoll nähern, weil sie seine Falschheit noch nicht erprobt haben, so auch sie, „dem Reinen ist Alles rein“! –
Auch sie vertraut der Welt, den Menschen noch zu viel, und wird es wohl aus eigener Erfahrung büßen müssen, wo dann nicht Ich, sondern sie sich selbst straft, weil sie Menschen mehr als Mir traute!
Ihr jugendliches Herz ist nicht ohne Wunden; aber wie ein König seine alten Soldaten mit vernarbten Gesichtern mehr schätzt, als neue Rekruten, ebenso gilt auch bei Mir der erprobte Sieger mit vernarbten Herzenswunden mehr, als ein jugendliches Gemüt, dem seine Kämpfe erst die Wunden beibringen werden.
Daher wappne dich Mein Kind! vergesse Mein Wort nicht: „Seid klug wie Schlangen, aber einfältig wie die Tauben!“ und du wirst dich vor manchen Fehlern selbst am besten hüten können. „Erkenne die Falschheit der Anderen, und bewahre deine eigene Einfalt des Herzens.“
Dieses soll dich leiten, und jeder Tag, der für dich als Anfang oder Schlussstein eines wichtigen Ereignisses war, oder noch werden wird, möge dich antreffen, getrost in die Zukunft blickend, mit dem klaren Bewusstsein nach Meiner Liebe-Lehre gerecht und getreu gehandelt zu haben, und dann kannst du zu Mir, deinem Vater, mit ruhigem Blicke, auch wenn die Welt sich dir nicht günstig zeigt, aufblicken; denn du hast Meine Zufriedenheit erlangt, wenn du auch gleich die Liebe und Achtung der Welt eingebüßt hast.
Dieses lass Ich dir schreiben, obwohl Ich dir schon Vieles durch dein eigenes Herz Selbst gesagt habe. Ihr wollt ein geschriebenes Wort von eurem himmlischen Vater, weil ihr töricht glaubt, es gelte mehr als dasjenige, was Ich oft als euer Gewissen zu euch spreche. Jene Worte im Herzen, es ist wahr, sind vorübergehend, dieses hier geschriebene beständig.
Mögest du, Mein Kind, nie vor Scham erröten, wenn du es bei feierlichen Gelegenheiten liesest, und du kannst dann versichert sein, dass die Liebe deines Vaters und Herrn der Welt noch nicht von dir gewichen ist, und du noch immer am rechten Wege bist, Sein Kind auch in der anderen, größeren und ewigen Welt zu sein oder zu werden!
Dieses mit Meinem Segen dir, für die Gegenwart und Zukunft!
Amen!
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