Kapitel 14
Sarai und Hagar. Das böse Wort der Magd. Sarais Erkrankung und wie ein Engel heilt, Abram und Sarai opfern sich gegenseitig ihre Liebe. Abram und Hagar und was die Magd Böses tut. Eine echte mütterliche Liebe, auch für die böse Magd.
Sarai sitzt allein am großen Webstuhl in Mamre. Abram ritt nach Beth-El, um mit Jubisat Wichtiges zu besprechen. Täglich wird er zurückerwartet. Sie ist stets unruhig, wenn Abram ferne ist. Müde liegen ihre Hände im Schoß. Viel hat sie heute schon geschafft, und Hagar, die ihr helfen sollte, ist vom Stadthaus noch nicht angekommen. „Ach Herr“, sagt sie leise vor sich hin, „ich weiß ja, wie Abram bekümmert ist, daß er keinen Erben hat, obwohl Du es ihm fest versprochen hast. Gib ihm doch einen Sohn, wenn nicht anders, ohne mich.“ Ihre Lippen zittern vom verhaltenen Weinen. Niemand darf ihren großen Kummer sehen. Da tritt Hagar plötzlich herein. Eilig kommt sie näher und entschuldigt sich:
„Verzeih, Mutter Sarai, ich komme spät; doch ich half den Mägden nach.“ „Es ist gut“, sagte die Frau milde. „Nur der Webstuhl macht mir viel zu schaffen, die Kräfte reichen nicht mehr aus; ich bin ja auch fast achtzig Jahre alt.“ „Wer sieht dir das an?“ schmeichelt Hagar. Was die Ägypterin jahrzehntelang verbarg, bricht jetzt immer mehr hindurch. Sie liebt Abram mit der Glut ihres heißen Nilblutes vom Tage an, da sie ihn sah. Sie liebt auch Sarai, die aus ihr, der Sklavin, eine Tochter machte, die in manchem schalten kann wie sie will. Das erkennt sie dankbar an. Jetzt, wo Sarai kein Kind mehr haben kann, will sie sich den Patriarch erobern. Und was sie zu Abram treibt, überwuchert ihre Dankbarkeit. Viele Dirnen sind auf ihrer Seite, denn jede wünscht dem Herrn den Sohn. Und die ausgestreute Bosheit, es läge nur an Sarai, hat manches Herz vergiftet.
Hagars Schmeichelei läßt Sarai nachdenklich aufschauen. „Seit wann sagst du mir Dinge ins Gesicht, die unwahr sind?“ Hagar wird unversehens rot. „Es ist die Wahrheit“, redet sie sich geschickt heraus. „Schon bei Pharao nahm man die Hälfte deines Alters an.“ „Damals ja; aber je älter man wird, desto mehr tritt das Alter in Erscheinung.“ Hagar streichelt Sarais Hände aufrichtigen Herzens, sie will der Herrin nicht wehe tun; allein — Abram brennt in ihrer Seele.
‚Mutter“, flüstert sie, „ich möchte dir gern etwas sagen, was zwischen uns verbleiben soll. Horcher sind keine da. Ich schickte die Mägde in die Gärten, und die Hunde liegen vor dem Vorhang.“ „Du tust sehr geheimnisvoll“, lächelt Sarai ohne Argwohn, „das ist noch die ägyptische Art.“ „Man kann das Mutterblut nicht verleugnen.“ „Sollst du auch nicht, Tochter. Nun sprich, wir wollen die Zeit nicht vergeuden. Der Hausherr soll sehen, daß wir fleißig waren.“
Hagar setzt sich auf die unterste Stufe der Estrade und beschattet ihre Augen. „Ich trug dein Leid die vielen Jahre mit. Schelte nicht, daß ich an etwas rühre, was nur dich und unsern Herrn angeht. Oder meinst du, daß der Magd der Anteil an dem Kummer nicht geziemt, der euch bedrückt?“ Sarai, die erst aufbegehren wollte, schweigt still. Mit der Hand nimmt sie die Träne fort, die ihr das Auge näßt.
„Gutes Kind, du kannst nicht helfen. Die Zeit ist hingegangen, daß ich gebären kann. Nicht ganz verstehe ich, warum der Herr Sein Wort veränderte.“ „Ich auch nicht! Du und Vater Abram habt wahr geglaubt, euch nach eures Gottes Wort gerichtet. Ich machte mir nach meinem Glauben eine Tonfigur, die ich dann zerbräche zum Zeichen, daß ich diesen Gott nicht anerkenne.“ „Laß das, Hagar. Unser Gott ist heilig, ist der Schöpfer aller Dinge. Verändert Er auch Seinen Willen, so gewiß zu einer Herrlichkeit, die wir bloß noch nicht verstehen.“
„Kann dem nicht ein wenig nachgeholfen werden?“ fragt Hagar naiv. Sarai spürt nicht den lauernden Ton. „Nachhelfen -? Wie meinst du das?“ Sie streicht zärtlich über das schwarze, glatte Haar der Magd. „Ich wüßte es und es wäre mein Dienst an dich, Mutter Sarai, weil du die arme Sklavin Pharaos zur Tochter machtest.“ Sarai lacht leise. „Jetzt bin ich gespannt, was du im Schilde führst, um des Herrn Wort wahr zu machen. Hagar drückt sich ganz an Sarais Seite.
„Mutter, ich bin fruchtbar, doch kein Mann hat mich je berührt. Gib mich auf dein Wort dem Herrn als Magd, ich trage es still und keiner soll es wissen, daß du nicht geboren hast. Wenn ich Abrams Sohn dir in die Arme legen kann, bleibe ich bis an mein Lebensende glücklich. Und ich schweige gegen jedermann.“ „Hagar!“ Sarai taumelt zurück. „Auf welchen Abweg bist du geraten? Nein nein, das soll nicht geschehen!“ „Soll der reiche Abram, der größte König weit und breit, ganz ohne Erben bleiben? Kann deine Liebe kein Opfer bringen, wie meine Liebe nun zu dir? Durch Pharao bin ich gebunden, daß ich dir zu dienen habe selbst mit meinem Leben! Kann ich dir besser dienen, als stillschweigend die Schande deines Leibes zuzudecken?‘
Sarai birgt ihr Gesicht in beide Hände. Lautlos tropfen ihre Tränen nieder. Schande — ja, das stimmt. Ein ungesegneter Frauenleib ist dem Mann die Schande. Doch liegt es wirklich nur am Weib? Muß sie allein den Kummer schleppen? Hagar springt entsetzt auf. Sie hat Sarai schwer gekränkt. Ängstlich berührt sie die zuckenden Schultern. „Herrin, vergib! Ach, hätte ich doch nicht das böse Wort gesagt. Nun habe ich verdorben, was ich gut machen wollte!“
Sarai schweigt. Die Gedanken stürmen auf sie ein. Hat die Magd nicht recht? Wo ist ihre Liebe, da sie sich nicht überwinden kann? Hat nicht der Engel von dem fremden Sohn gesprochen? Bis zur letzten Möglichkeit hat sie auf Gottes Wort gehofft, hat nicht gehadert, sondern still ihr Leid getragen. Ruckweise streckt sie die Hand aus, bis sie auf dem schwarzen Scheitel ruht. An das, was Hagar schon vor Jahren einmal böse sprach, denkt sie nicht mehr zurück.
„Hagar, willst du mir frei versprechen, daß du Abram ein Kind gebärst? daß es wie das unsere wäre? Wohl soll Abram erst entscheiden; doch tust du es, wird unser Leid im hohen Alter noch in Freude umgewandelt. Das soll dir nicht vergessen sein.“ Hagar unterdrückt rechtzeitig ihren Jubel. Sittsam legt sie ihr Gesicht in Sarais Schoß. „Ich verspreche es“, murmelt sie. „Auch geht es keinen etwas an, wenn der König von Chaldäa um des Erben willen sich die Magd erkürt. Pharao hatte viele Frauen.“ „Unser Glaube verbietet das. Zudem ist es ungerecht. Doch um des Erben willen wird der Herr es dulden, daß die Magd den Sohn gebärt.“ — —
Seit dem Gespräch wird das Verhältnis zwischen beiden Frauen noch herzlicher als es schon war. Die Ägypterin ist klug genug, keinen Vorteil daraus zu ziehen. Sarais Gedanken gehen jetzt des öfteren weit weg. Hat sie recht getan, mit der Magd zu rechnen? Doch der Jüngling sagte es, daß kein Zweifel blieb, es müßte so geschehen. Nur der Stich wird härter und tut weh. Sie beginnt zu kränkeln, bei ihr etwas völlig Ungewohntes. Niemand ahnt, was es sei.
Als Abram vom Ritt verspätet wiederkehrt, erschrickt er, als er seines Weibes klein gewordenes Gesicht auf den Decken liegen sieht. Behutsam beugt er sich nieder. Tschuba und Tzordhu, die ihn begleiteten, gibt er Befehl, nach Ägypten zu reiten, um Pharaos berühmten Arzt zu holen. Pharao sendet diesen mit dem schnellsten Wüstenläufer, wenn er hört, es geht um Sarai. Doch eifrig wehrt sie ab. „Ich bedarf des Arztes nicht. Es war Torheit, mich so aufzuregen, weil du länger bliebst, als vorgesehen war. Nun bereite ich dir Kummer, statt dich zu erfreuen. Ich habe gut gearbeitet“, lenkt sie zärtlich ab, „den großen Teppich, sieh — den du mit gutem Wert verkaufen kannst. Sende ihn dem Fürst von Persien, der bei uns zu Gaste war.“ „Wenn deine lieben Hände diesen Teppich webten“, Abram betrachtete ihn eingehend, — Hagar hatte ihn aufgehängt —‚ „so bin ich der Käufer; ich behalte ihn um jeden Preis.“ Sarais Wangen beginnen im Fieber zu glühen. Er denkt, es wäre ihre Freude, die sie erröten läßt. „Nun, was für ein Gebot hat meine Fürstin?“ scherzt er, froh, wieder im Hain Mamre zu sein. „Warte ab“, geht sie freundlich darauf ein. Sie hält Abrams Hände fest. „Weißt du, daß ich dich sehr liebe und unsere Liebe nicht von dieser Erde ist?“ „Ja, meine Taube, das ist gewiß.“ „Weißt du auch noch, was der Jüngling sagte?“ „Ich habe nichts vergessen. Meinst du Besonderes, so sprich. Es will mich fast bedünken, daß deine Seele krankt. Dann freilich bedürfen wir des Arztes aus dem Mittaglande nicht; da hilft der HERR allein!‘
„Daß ich dir kein Kind geboren habe, schmerzt mich sehr. Der Vater hat es zwar versprochen.“ „Aber Sarai, nur zehn Jahre sollen wir noch warten!“ „Ach du Mann, was weißt du eigentlich von einer Frau? und daß sie nicht gebären kann, wenn ihre Zeit vorüber ist?“ „Bei Gott ist kein Ding unmöglich! Will Er, so kommt das Licht aus einer Jungfrau, die niemals einen Mann erkannte!“ „Das glaube ich auch; aber das ist was ganz anderes. — Dir soll der Sohn geboren werden, der die Völker bringt, das Licht jedoch, das alle Menschen wieder heimwärts führt. So kann nur das Wort geschehen von — von der Magd.“ Abram stützt sein Haupt in beide Hände, indem er sich am großen Tische niederläßt. Alles geht durchs Herz, das Opfer und das Bild am Herd im Hain, und was der Jüngling ihm verkündete.
„Ich muß mich beugen“, denkt er, „sonst bleibt sie krank, will mit freudigem Gesicht die Magd erkennen, die sie sich erwählt.“ „Ich muß mich beugen“, flüstert Sarai, „und ihm mit froher Miene Hagar bringen. Es darf mir kein Opfer sein, sondern eine Liebe, die Gott wohlgefällig ist.“ Beide schauen sich an, die einander ihre stillen Liebesgaben opfern. Jeder deckt den Stachel zu und ist froh, weil der andere fröhlich ist. Aber beide legen alles in des Vaters Gnadenhände, und darum werden sie getröstet. Ein helles Licht tritt ins Gemach. Es ist nicht ihr alter Freund, der Jüngling, es ist ein Engel, wie solche manchmal Gott begleiten. Und der Engel spricht:
„Friede sei mit euch und Gottes heilige Güte. Also spricht der Herr: ‚Wohl euch, daß ihr euch in Meiner Liebe opfernd dient! Aber merkt: Mein Wort ist unvergänglich, Mein Licht wird euch beschatten. Du, Sarai, sei gesund, denn deine Liebe ist sehr groß. Mache auch den Glauben fest. Meine eigene Hand deckt euch, wenn die Welt mit ihrem Gift nach eurem Frieden greift. Seid gesegnet!‘ Eures Hauses täglicher Gast ist Gottes Gnade.“ Der Engel berührt Sarais Stirn und gibt Abram zum Gruß die Hand. Alsbald ist er wieder verschwunden.
„O Herr“, lobt Abram laut, „wie liebevoll bist Du zu Deinen Kindern; nun gilt Dein Wort, das Du gewißlich hältst.“ Sarai erhebt sich von ihrem Lager. Sie stimmt mit ein, wenngleich ein leiser Zweifel in ihr bleibt. Und den rechnet ihr der Herr nicht an.
Sarai berichtet Hagars Angebot, verschweigt jedoch die Bosheit von der ‚Schande ihres Leibes‘. Es ist das erstemal, daß sie ihm nicht alles sagt. Abram würde es zu bitter kränken. Er geht ein paarmal auf und ab, während Sarai ihm Speise bringt. Die Ägypterin? O ja, er fühlte oft genug die schwarzen Augen auf sich ruhen; er wäre auch kein Mann, hätte er das weibliche Begehren nicht gespürt. Doch er dachte viel zu rein und fühlte sich vom Himmel aus mit Sarai verbunden. Er konnte Hagar streicheln wie sein Kind, was er auch mit braven Mädchen manchmal tat, um sie zur Reinheit zu erziehen. So will er Hagar nehmen. Zwar muß er seines Herzens Liebe teilen, um nicht ohne Inbrunst dieses Kind zu zeugen; hernach soll sie ihm wieder nur die Tochter sein. Das nimmt er sich fest vor. — —
Einige Tage gehen in das Land. Sarai schweigt. Sie will nicht, daß in den Mägdekammern gewispert wird. Eines Abends schmückt sie Hagar mit dem kostbaren Gewand, das Vater Tharah ihr bei ihrer Hochzeit gab. Das geschieht im Hebroner Stadthaus. Tiefstem Empfinden nachgehend hat sie nicht Mamre gewählt und Abram ist es recht. Die Mägde sind noch außer Haus. Da führt sie Hagar feierlich in seine Kammer. In Andacht klopft ihr Herz; die leise Wehmut hat sie zugedeckt. Hingegen Hagar wendet alle Künste auf, damit ihr Auge den Triumph nicht spiegelt. Dabei bleibt das Magdgefühl ihr haften, und gerade jetzt möchte sie für Sarai ein Opfer bringen.
Abram empfängt die Frauen hinter seinem Vorhang. Er geleitet Sarai zu ihrem Stuhl, hernach Hagar zur Bank am Tisch. Väterlich streicht er über ihre braune Wange und küßt sie auf die Stirn. An diesem Kuß erkennt die Magd den reinen Sinn des Mannes. Ein frostiges Gefühl läßt sie erschauern, das in der Nacht in Haß umschlägt. Daß sie Unrecht tut, weiß sie genau; doch sie betäubt allmählich jede gute Regung. Bald wissen die Mägde, was geschah, und die Knechte munkeln: „Ist das ein gutes Beispiel, eine Magd zu nehmen, um des Leibes Fluch zu tilgen? Und dann soll die arme Sklavin schweigen und es soll heißen, Sarai hat selbst geboren?“ Die Leute sind erregt. Vor Abram hütet man sich sehr; doch die Frau merkt die bösen Blicke, die ihr folgen. Wie übel man jetzt von ihr redet, erlauscht sie ungewollt. Sie will es Abram melden, denn das Gift darf nicht erst weiterfließen, soll nicht des Hauses Zucht und Ordnung stürzen. Da besinnt sie sich. Sie wendet sich um und geht in Hagars Kammer.
Am offenen Fenster, das mit roten Ranken ganz umsponnen ist, sitzt die Magd. Sie erschrickt. Sarais Gesicht ist steinern ernst. Schnell breitet sie ein Fell über einen Stuhl, um es ihrer Frau bequem zu machen. Diese übersieht das Tun und bleibt am Vorhang stehen. „Hagar, komme her und sage alles, was geschah!“ „Was soll geschehen sein? Was meint die Herrin?“ ‚Die Herrin—? Bislang war ich dir die ‚Mutter, und ich liebte dich. Auch glaube ich, daß der Muttername mir geziemt, denn ich war noch keiner Magd zuerst die Herrin.“ „Verzeih“, lenkt Hagar ein, „ich wollte dich nicht kränken, Mutter Sarai. Aber fühlst du einem Weibe nach, das unterm Herzen neues Leben trägt?! Du kannst es nicht, denn bis ins hohe Alter bliebst du ungesegnet.“
„Ob und wie der Herr mich segnet, geht keine Magd was an!“ Sarai richtet sich hoch auf. Erstmalig spürt die Ägypterin die Fürstin aus Chaldäa. „Welchen Segen mir mein Gott verleiht, den nehme ich aus Seiner Hand entgegen! — Nun gestehe mir, daß ich dich zu keinem Spruche zwang, auch kein Wort zwischen uns verlautet ward, daß dein Kind als meines ausgegeben würde, sondern daß der Fürst und ich es als das unsere betrachten wollten und du für immer unsere Tochter bliebst. Ist das die Wahrheit?“ „Ja, Fürstin.“ Hagar fällt auf ihre Knie und birgt weinend ihr Gesicht in Sarais Kleidsaum.
„Erkenne aber auch mein Leid an. Seit ich mit meinem Leibe König Abram diente, geht er mir aus dem Wege, wo er kann. Nie wieder strich er über meine Wange, noch durfte ich in seine Kammer gehn. Bin ich nicht vor eurem Gott sein Weib, da ich von seinem Blute trage?“ „Nein, Hagar, ich ließ dich nicht im Zweifel, daß ich allein dem Patriarchen angehöre. Du dientest uns, und was ich dir versprach, das bleibt bestehen. Brichst du aber dein Versprechen, sage, Kind, wie soll ich dann das meine halten? Nie legte ich dir etwas in den Weg, ein braves Weib zu werden. Jubisat denkt nur an dich. Du hast ihm manchen Streich verübt, die wir deinem Mutterblut zugute rechneten. Auch glaubten wir, daß die Chaldäerart allmählich auf dich überginge. Doch wir haben dich zu nichts gezwungen. Daß du aber alle Mägde aufgestachelt hast und ich merken muß, sie wollen mich nicht achten, siehe, Hagar, das ist Sünde!
Ich rechte nicht mit dir, weil du das Kindlein trägst. Aber mache alles wieder gut; denn der König duldet nicht, daß man Steine nach mir wirft. Die Mägde überwache ich jetzt selbst. Du brauchst Ruhe und dir soll kein Unrecht widerfahren.“ Hinter Sarai fällt der Vorhang. Sie merkt nicht, daß die dichten Falten jemand decken. Hagar weint in Scham und Trotz. Der Trotz behält die Oberhand. „Mögen nun die Fürstenleute sehen; ich gebe es nicht her, es ist mein Kind. Abram wandert mit verschlossenen Mienen durch das Haus. Die Leute munkeln. „Gewiß war jemand wider seinen Willen. Dabei denkt er nur an uns.“ „Das stimmt! Wir finden schon den Schelm; denn wer Abram Böses tut, der tut es uns.“ Solche Reden gehen hin und her, besonders bei den Knechten. Die Mägde tuscheln heimlich und meiden Abrams Augen. Das macht das schlechte Gewissen. Er merkt alles; heute ist ihm das Ohr geöffnet worden. Er war es ja, der hinterm Vorhang stand. Er hatte Sarai gesucht und durch die lauten Worte aufmerksam geworden, blieb er stehen und hatte zugehört.
Die Frauen ducken sich, als die Fürstin alle Arbeit überwacht. Allein, beschämt erkennen sie, daß Sarai wie immer gütig schaltet. Was befürchtet wurde, daß anstatt der guten Mutter nun die Herrin herrscht, tritt nicht ein. Man atmet auf. Ihr fliegen alle Herzen wieder zu, es fliegen auch die Hände und Füße. Der Schmerz, von Hagar ihr bereitet, ebbt ab. Sie lächelt leise. Mit straffer Hand, mit Nachsicht und mit Liebe werden böse Kinder wieder gut.
Abram denkt diesmal strenger, er hat Sarai zu schützen. Erst will er im Hain am Altar beten, damit er auch das Rechte tut. Er billigt seines Weibes Art, doch er ist der Herr; die Zucht darf nicht vergessen werden. Über Sarai liegt seine Hand. Gegen Hagar will er freundlich sein, denn schließlich hat sie es verdient. Gewiß, er ist ihr häufig ausgewichen. Doch steht das Recht auf seiner Seite, weil er ihre Glut im Keim ersticken muß; auch könnte er sie nie ertragen. Sarai ist sein Weib vor Gott und wird es bleiben. Wer sie verachtet, der verachtet ihn. Das sollen alle wissen.
Am Abend läßt er sich von ihr berichten; dabei wird die ‚Schande ihres Leibes’ offenbar. Das ist für Abram doch zuviel. Was er noch niemals tat, heut stört er mitten in der Nacht Knecht und Magd samt Hagar auf. Er prüft sie alle. Jeder merkt, daß er selber hinter alles kam, daß nicht die allzeit gute Herrin sie verriet. Hagar erkennt es ebenso; auch sagt Abram ihr ins Auge zu, daß er unterm Vorhang stand und hörte, wie sein Weib beleidigt ward.
„Ich war euch allezeit ein treuer Vater, auf euer Wohl und Weh bedacht. Habe ich euch jemals hinter mich zurückgestellt?“ Alles schweigt. Die Verwalter stehen abseits. Sie sind über das Geschehen ungehalten. Von nun an wollen sie das Schwatzen auch bewachen. „Du, Hagar“, bekümmert wendet Abram sich an die Ägypterin, „hast übel vergolten, was mein Weib dir Gutes tat. Doch ich will nicht rechten. Du kamst frei zu Sarai, um meinem Haus den Erben zu gebären. Aber merke: In jeder Weise bist du mir nur die Tochter, die in meinem Haus geachtet und gehütet werden soll. Ich spüre schon dein Leid und deines Blutes Last und will dir tragen helfen.
Du gehst mit in den Hain, wir beide werden miteinander beten.“ Hagar schämt sich rot. Konnte sie ahnen, daß Abram unterm Vorhang stand? Wortlos eilt sie fort. Sie ist die einzige, die unbefriedigt geht. Die andern drängen sich wie sonst um Abram und bitten um Vergebung auch Mutter Sarai möge verzeihen. Er lacht ein wenig erleichtert auf. „Das macht nur mit der Herrin selber aus.“ Seine Augen strahlen wieder gütig und da weiß ein jeder, daß er für sie sprechen wird.
Doch wenn Abram dachte, der Mißstand habe sich behoben, so hat er sich getäuscht. Er ahnt nicht, daß Hagar auch in mehr als fünfundzwanzig Jahren die Ägypterin geblieben ist. Das Geschwätz ist zwar verstummt, weil niemand mehr auf ihre Worte achtet. Tzordhu aber hört, wie sie anderntags zu zwei jungen Mädchen sagt: „Ich glaube nicht, daß Abram zufällig bei meinem Vorhang stand; die Herrin wußte es. Darum gab sie sich als Fürstin aus, die sich nicht getroffen fühlte. Sie blieb ja auch am Eingang stehn. Da konnte sie sich stolz umwenden und der armen Magd kein Wort mehr gönnen. Aber ich bin es, die ihres Leibes Schande vor den Fürstenhöfen deckt!“
Kaum hat Hagar ausgeredet, schreit sie erschrocken auf. Tzordhu ist aus seinem Winkel vorgesprungen. „So, du loser Mund vom Nil, jetzt gehen wir zum Herrn und ihr Mädchen wandert mit!“ „Nein“, jammern diese, „wir haben nichts gesagt, wir sind froh, daß der Herr vergab und Mutter Sarai zu uns wieder gut geworden ist. Tzordhu, bitte, verdirb uns nicht!“ Weinend hängen sie sich an seine Arme.
„Es geschieht euch nichts; ihr sollt nur bestätigen, was das böse Nilweib sprach.“ Hagar wehrt sich vergeblich, bittet und verspricht vergeblich, nie wieder so etwas zu sagen. Tzordhu führt sie zu Abram und die Mädchen treibt er vor sich her. Das wird für Hagar eine böse Stunde, obwohl Abram noch einmal in Güte mit ihr spricht, nicht nur um des Kindes willen, sondern weil er lieber retten als bestrafen will. Doch sein Blick bleibt ernst. „Sarai soll über dich entscheiden; du bist ihre Magd und hast sie zum Tod gekränkt.“
„Ich will es nicht wieder tun“, weint Hagar laut. „Urteile über mich und laß mich frei von meiner Herrin gehn.“ „Du willst fort?“ Abram forscht, ohne daß man seinen Sinn erkennt. „Nein, das will ich nicht, ich habe keine Heimat mehr. Nur daß die Herrin mich nicht straft.“ „Hagar!“ Abram hebt die Magd vom Boden auf und führt sie zu einem Stuhl. „Komm, setze dich.“ Er zieht sich einen Sitz herzu und gibt Tzordhu einen Wink, der die Mädchen aus dem Raume führt.
„Kind, wo bleibt dein Vertrauen? War Sarai nicht jederzeit dir eine gute Mutter, die selbst deine losen Streiche zu vergeben wußte?“ „Das ist es ja, weshalb ich mich nun vor ihr fürchte. Sie versteht mich nicht; und — auch du nicht mehr.“ Abram zieht die Weinende an seine Brust. Fühlte Hagar, daß der Patriarch sie nur ein wenig als ein Mann in seine Arme nähme, sie könnte alles opfern, auch ihr Kind, so groß ist ihre Leidenschaft. Abram spürt es. Sein hoher Geist ruft Gottes Hilfe an, um die Verirrte auf den guten Weg zu leiten.
„Tochter, wenn du geboren hast, sollst du dem guten Jubisat gehören. Er wartet auf dich nach wie vor, und bei ihm wirst du ein braves Weib. Dir sollen deine Rechte werden. Über das eine kannst du nicht hinweg: Sarai ist mein Weib seit siebzig Jahren, die sich nimmer streichen lassen. Ich will dich nicht versäumen, denn du trägst mein Blut in dir; und einmal kommt der frohe Tag, wo du das Kind in meine Hände legst.“ Abram küßt Hagar auf die Stirn.
„Nun sei vernünftig. Demütige dich vor deiner Herrin, denn du hast sie bitterlich beleidigt. Und dann gehen wir zusammen in den Hain.“ Abram hebt aufmunternd ihr Gesicht zu sich empor. Da fällt sie jäh ihm um den Hals. „Abram, einmal laß mich reden, daß du weder Herr noch König bist. Wie groß die Hitze unsrer Sonne, und wie strömend, wie gewaltig unser Nil, so auch meine Liebe, die mich zu dir treibt. Nun habe ich gekostet, was du geben könntest. Doch du gabst mir nicht einmal ein halbes Teilchen. Die Magd empfing nur das, was du ihr wieder nimmst: das Kind! Keine Zärtlichkeit umhüllte mich und deine Hände rührten mich nicht an. Oder darf die Sklavin nicht die Sehnsucht in sich tragen, Mensch zu sein wie alle andern? und als Weib den Anspruch Dessen haben, der sein Kind, geboren haben will? Glaubst du, daß ich ohne Seele bin? Oder regt sich nicht das Blut, das in mir lebt, von dir gezeugt?!“
Mit sanfter Gewalt löst Abram die verkrampften Hände der Ägypterin, die seinen Hals umpreßt. „Als Mann kann ich dir keine Antwort geben, weil du mir eine Tochter bist. Als König will ich dir nichts sagen, denn ich müßte dich in deinen Stand versetzen; und der ist jener einer treuen Magd! Ist aber deine Liebe zu mir so, wie du es sagst, nun Hagar, bringe mir die Liebe, indem du mich und Sarai wie deine Eltern liebst.“ Abram spricht ganz väterlich. Er möchte Hagar gern in seine Arme betten, doch er würde nur das Feuer schüren statt zu dämmen. „Nun gehe hin und bitte um Verzeihung; denn ohne dem kann ich mit dir an einem Tische nimmer sitzen. In meinem Hause herrscht die Reinheit! Wer sich ihr nicht beugen will, der muß in seiner Kammer bleiben, bis er wieder gut geworden ist.“ So freundlich führt er Hagar bis an Sarais Tür, daß sie ihm danken müßte.
Sie geht hinein, weil Abram vor dem Vorhang wartet. Doch als sie hört, wie er von dannen geht, atmet sie erleichtert auf. „Braucht die Mutter mich?“ fragt sie kindlich. Sarai erkennt, daß Hagar eine Maske trägt, entgegnet aber freundlich: „Wenn du mir ein wenig helfen willst? Die Decke, die ich knüpfe, ist sehr schwer.“ „Das ist auch keine Arbeit mehr für dich. Laß das doch die jungen Mägde tun, dabei lernen sie das Knüpfen.“ „Hast schon recht, liebe Hagar. Doch du weißt: Im Weben, Spinnen, Knüpfen bin ich eine Meisterin; was meine Hände schaffen, rühmt man weit und breit. Die Mädchen sind für solche Arbeit noch zu jung und unbeholfen, und die Frauen haben schon ihr gutes Arbeitsmaß, das ich nicht erhöhen will.“
„Ach, so schlimm ist das nicht, die haben manche Stunde Zeit.“ „Das wohl, Hagar; aber wenn die Hände zwischen aller Arbeit einmal ruhn, geht das Schaffen wieder leichter und macht auch mehr Freude. Doch für heute wollen wir das Tagwerk nieder legen. Leg du dich auch, du bedarfst der Ruhe.“ Hagar flüchtet ohne Dank von dannen. Ihr klopft das Herz. Als sie auf ihrem Lager liegt, kommt die Einsicht über sie. Nun aber ist‘s zu spät. Abram vertraute ihr und sie hat sein gutes Wort mißachtet. Plötzlich denkt sie an Pharao. Was würde dieser sagen, wüßte er, wie schlecht sie ihren Dienst versieht? An seinem Hofe herrschte nur das Muß und der Befehl, hier hat sie Freiheit und — eine Mutter; und sie hat Mutterliebe nie gekannt. Ein harter Fürst stand in Ägypten über ihrem Willen. — Die ganze Nacht wälzt sie sich im Traume hin und her und sieht, wie Pharao nach ihrem Leibe faßt. Schrill schreit sie auf und erwacht.
Sie steht auf und schleicht zum Gartenbrunnen. Die Morgenkühle ist noch scharf, sie zieht ihr weißes Wolltuch über ihre Schultern. Da hört sie in der Ferne Lärm. Sie geht ans Tor und späht hinaus. Ein glänzendes Gefolge kommt den Weg herauf. Wer mag das sein? Sie geht dem Zug entgegen. Beim Näherkommen prallt sie zurück. Auf prächtigem Kamel sitzt Fürst Cossar, der Ägypter, unter dessen Zucht sie leben mußte. Der Vorreiter hat sie erspäht.
„Du, Hebroner Frau, wo geht der Weg zu König Abram hin?‘ Cossar erkennt sie nicht. Hagar wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sie deutet auf die Pforte. Dort ist das Stadthaus, das dem Patriarch gehört“, antwortet sie und versucht die Stimme zu festigen, denn ihre Lippen zittern. „Gehörst du in des Königs Haus?“ „Nein“, lügt sie, „ich bin eine Bürgerin von Hebron.“ Rasch eilt sie fort. Auf Umwegen und ungesehen gelangt sie noch einmal in ihre Kammer, nimmt sich einen Wasserkrug, eine Decke und einen Laib Brot, und wieder ungesehen eilt sie fort. Sie schaut nicht zurück. Stundenlang läuft sie in die Wüste hinein, bis die brennende Sonne sie niederwirft.
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