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Kap 13 – Der himmlische Gast; Sarai, dessen Schwester

Kapitel 13

Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, darum daß du Meiner Stimme gehorcht hast.
1. Mose 22,18

Der himmlische Gast; Sarai, dessen Schwester. Der Same ‚Sand‘ und ‚Stern’ aus Magd und Weib. Etwas von der heiligen Erlösung. Sarais gute Erkenntnis; und der Segen vom Zehnt.

Der Patriarch hat in Hebron, Beth-El, bei seinen Fürsten und den Amoriterbrüdern Mamre, Eskol und Aners viel Gutes gewirkt. Er reiste auch zu Fylola, die seinem Herzen teuer bleibt. Sein Statthalter Jubisat ist der Treueste von allen geworden. Unermüdlich mehrt er Abrams Güter und hält die Stämme jordanauf und -ab gut zusammen. Den Golaner Frieden wagt niemand zu brechen. Nur in Sodom und Gomorra geht es schrecklich zu. Bera erzieht Birsas Knaben, da gibt ein Wüterich dem anderen die Hand.

Nun sitzt Abram wieder im Hebroner Stadthaus. Die letzten Bittgänger gehen durch das Tor. Sinnend stützt er sein Haupt auf. Er denkt an das große Bild. „Herr, du hast recht“, sagt er leise. „So ich mein Leben überschaue, frage ich: Wo ist die Zeit geblieben? Es wird wohl auch der letzte Zehnt gar schnell vorüber sein. Gib Sarai die Kraft, denn ihr Herz wird müde und die Seele bang. Jahrzehnte wartet sie auf die Erfüllung Deines Wortes. Und nun noch ein ganzes Zehnt?“ Da tritt ein Licht ins Gemach. Abram erhebt sich.

„Lichtbruder!“ Freudig streckt er beide Hände dem Jüngling entgegen und zieht ihn auf die Felldecke, die über der Wandbank hängt. „Darf ich dir eine Gabe vorlegen? Du nimmst doch gern am Mahle teil.“ „Du denkst wohl noch an Golan?“ fragt der Helle. „Oft, um unserer Freundschaft willen.“ Der Patriarch bringt ein Brot und roten Wein, und der Jüngling ißt und trinkt wie Abram.

„Der Herr hat mich geschickt, du sollst nicht trübe denken.“ „Gott ist gut“, sagt Abram, „in meinem langen Leben war Er mir ein Vater.“ „Das ist der rechte Glaube! Und dir sei gesagt: Ein Sohn wird dir in diesem Jahr aus einem fremden Schoß geboren.“ „Aus fremdem Schoß —? Behüte mich der Herr, daß ich Sarai verlasse!“ Abram hebt entsetzt die Hände hoch. „Dir brauche ich doch nicht zu sagen, wie man in Sodom und Gomorra lebt? Dort gibt es keine Ehe mehr und alles ist entheiligt. Ich halte meinen Ehebund, auch wenn Sarai mir keinen Erben bringt!“ Abram geht im großen Gemach hastig auf und ab.

„War nicht meinem Weib verheißen, daß aus ihm der Sohn des Volkes kommt? Eine Magd zerbräche mir den Glauben, den ich GOTT geopfert habe! Der Herr wird doch nicht wortbrüchig?“ Der Jüngling erfaßt Abrams Mantel. „Halte ein, Gerechter, und sieh dir erst die Wahrheit an, bevor du eiferst!“ Schwer atmend läßt der Patriarch sich neben seinem Lichtfreund nieder. „So erkläre mir, was ich nicht verstehe. Mir gilt das Wort, das GOTT gesprochen hat — und weiter nichts!“

„Denken wir im Reiche etwa anders?“ „Das nicht“, beruhigt sich der Aufgeregte, „nur gilt die Verheißung Sarai und keiner Magd. „Das bleibt auch bestehen, Abram. Höre: Gott sagte dir doch Völker zu wie der Sand am Meer und wie die Sterne an dem Himmel. „Wohl; aber das ist ja das gleiche, damit ist nur die Vielzahl angedeutet.“ „Meinst du? Der Jüngling sieht Abram lächelnd ins Gesicht. Dieser ist verwirrt. „Nun ja, wie ist das anders aufzufassen?

„Abram, so wenig ein Lichtstern in die kleine Erde paßt, so wenig deren Sand ins Licht. Das bedeutet: Der Geist bleibt ein wandellos göttlicher Geist und Materie ist Materie; nur mit dem Unterschied, daß Letztere gewandelt werden kann. Soll jedoch der ‚Sand’ wie Gott verkündete, zum Bau von ewigen Hütten dienen, so muß er durch den Erdenweg geläutert werden. Alle die vom Himmel stürzten, müssen Menschen werden, um sich mit ihrem Geist, der nicht mit fiel, wieder zu vermählen. Dadurch wird auch die letzte Seele aus der Dunkelheit gelöst. Dazu bedarf es, daß jene freien Gott getreuen Kinder kommen und im Dunkeln scheinen. Das sind dann die ‚Sterne’ für die Welt.

Siehe Gottes Güte, die Stern und Sand verhieß. Denn der Magd Sohn bringt die Irdischen, deines Weibes Sohn die Lichter. Zwar wird die Dämonie oft Sieger und der Sand drängt sich in das Gefäß, aus dem nur Reines kam. Dafür werden Himmlische sich freudig opfern und auch dort erscheinen, wo sonst bloß Seelen aus der Tiefe wohnen. Auch die Magd darf nicht verachtet werden, noch ihr Same, noch ihr Volk.

Gottes erstes Kind erniedrigte sich durch den Fall zur Magd; und deine Magd ist ein Symbol. Doch eine reine Magd wird einst den Sohn gebären, der ewig der ERLÖSER ist! Dir will es widerstehn die Magd nur anzurühren. Doch schaue die Erbarmung! Stellt Gott Sein heiliges Licht zurück, um die arme Magd zu retten, so kann der Diener nicht verachten, was der Herr erlöst! Und nur durch Opfer wird der Menschensand zur Höhe kommen. So opfere deine Reinheit und hilf mit, das Böse wieder gut zu machen.“ Der Jüngling schweigt. Abram hat seine Stirn in beide Hände tief vergraben. Er faßt ja, was das Licht ihm sagt; nur seine Seele sucht die Klarheit. Endlich sieht er auf.

„Bruder, du hast mir Heiliges enthüllt; ich danke dir. Wenn dem so ist, da will ich mich nicht sperren. Soll aber Sarai gedemütigt werden, daß die Magd vor ihr die Herrschaft hat? Stets diente sie dem Herrn mit allem Fleiß und großer Liebe. Mir war sie gehorsam, den Mägden eine Mutter, den Hilflosen die Helfende und gemurrt hat sie noch nie, weil Gott ihr keinen offenbaren Segen gab. Selbst den Spöttern wurde sie gerecht. Soll ihr dieses Leid geschehen?“

„Leicht trägt sie es nicht, doch Gott wohlgefällig,“ „Kann ich Sarai ein wenig holen?“ „O ja, rufe meine Schwester.“ „Wie -? Hast du auch Anteil an ihr?“ „Aber Abram, seit wann denkst du irdisch, wenn der Himmel bei dir ist?‘ „Verzeih!“ Abram drückt des Jünglings Rechte herzlich. „Der Herr sagte, sie wäre auch im Reich meine Gefährtin.“ „Das stimmt! Allein, dort herrscht nur eine Liebe, von der ein Tröpflein einst zur Erde fiel. Wer es findet und verwahrt, dem füllt es gut sein Liebekrüglein voll. Doch nun hole Sarai.“

Als sie eintritt, begrüßt sie den Hellen so herzlich und natürlich, daß Abram sich verwundert. Dem Lichte gegenüber war sie immer zaghaft. Eine Silberschale voll schönster Früchte stellt sie auf den Tisch. Als der Jüngling einiges wiederholt, was er zuvor gesprochen hatte, deckt sie den Stich im Herzen zu. Wenn nicht anders, will sie sich beugen. Denn alle Könige und alle frommen Fürsten haben Nachkommen, auch Lot hat Töchter; nur dem Patriarchen fehlt ein Kind.

„Was Abram nicht gesehen hat, habe ich bemerkt“, sagt das Licht zu Sarai. „Du denkst nicht an dich, darum wohnt des Himmels Strahl in dir. Die Segnung ist dir herrlich zubereitet. Bewahre Glauben und Geduld; denn was Gott zusagt, hält Er ganz gewiß!“ „Ich will es tun.“ Sarai unterdrückt den Seufzer, der sich auf ihre Lippe stiehlt. „Der Vater wird mir helfen; täglich bitte ich um Seine Kraft.“

Abram setzt sich neben Sarai, und indem er ihr eine Frucht zubereitet, sagt er zum Jüngling: „Ich habe eine Frage, die mir zwar nicht mehr ganz unverstanden ist. Als du samt den lieben Jungen wie Bienenschwärme zu mir kamt, um bei der großen Schlacht zu helfen, fragte ich den Herrn, ob Er Seine Diener sandte. Und Er sprach: ‚Soll Ich einem Meiner Söhne nicht seine Brüder senden?‘ Wie kann man das im Sinne dieser Welt verstehen?“

„Himmlisches läßt sich allgemein nicht irdisch deuten, weil der Welt die Sprache, die Empfindung aus dem Lichte fehlt. Was von Gott kommt, sieht der Geist und durch ihn versteht es auch die Seele. Nur deine Demut, das Edelste, was ein Mensch erlangen kann, er sei Sand oder Stern, hindert dich, die Wahrheit zu erkennen. Du bist von Oben wie auch ich. Alle Gotteskinder sind Brüder und Schwestern. Es gibt im Reiche auch verwandtschaftliche Bindung, die nicht wie auf der Erde durch das Blut, sondern durch die Gaben kommt und wie der Herr die Kinderscharen teilt. Du Abram und ich sind Brüder in der Gabe, denn wir tragen Gottes erste Strahlen. Und Sarai gehört zu uns. Darum nannte ich sie meine Schwester.“

„Jetzt verstehe ich“, ruft Abram freudig. „Ach wie liebevoll ist doch der Herr!“ Er singt ein Loblied und ein unsichtbarer Chor fällt ein. Sarai betet leise. „Eure Jungen und Mädchen haben mitgesungen; habt ihr sie gehört?“ fragt lächelnd der Jüngling. „Ja, ich hörte sie“, entgegnet der Patriarch. „Dabei habe ich erkannt, daß meine Sehnsucht mehr dem Göttlichen als einem Erben gelten sollte.“ Er setzt sich wieder neben den Jüngling.

„Laß mich noch etwas fragen; denn die Irdischen suchen, was die Himmlischen besitzen. Verzeih, wenn ich dich belästige.“ „Gilt das Wort ‚belästigen‘ zwischen uns? Erkenne, daß auch wir im Himmel suchen, wenngleich in anderer Weise als der Mensch. Wer fleißig sucht, der findet; wer ehrlich fragt, erhält die Antwort; wie auch dem Bittenden gegeben wird. Wir suchen, Gott zu dienen und finden dadurch stete Lichtzunahme. Wir fragen Ihn um das, was wir gern wissen möchten, und Er lehrt uns Seine Tiefe zu erkennen. Also bitten wir und sind Empfangende. Nur ist unser Suchen, Fragen und Bitten nicht auf uns beschränkt, sondern auf das Werk zuerst gerichtet.“

„Ach Bruder, wenn ich mit dir rede, merke ich, wieviel mir fehlt.“ Abram seufzt. „Das verstehe ich nun wieder nicht, daß ihr im Himmel sucht und fragt. Seid ihr denn nicht vollkommen?“ „Das sind wir, wie ein Schöpfungstag die Stunde gibt. Doch jede neue Stunde bringt uns Wege, die erlernt sein wollen. Wären wir denn selig, wenn wir alles hätten? Fast ist es wie auf Erden. Hat jemand einen Schatz, so fragt er bald nach mehr. Nur bringt der weltliche Besitz den meisten Seelen Schaden. Wir verlangen nur nach Gottes großer Herrlichkeit! Die Steigerung ist unser Leben, unser Seligsein.“ „Wunderbar“, sagt Sarai, „so dachte ich, es müßte sein, daß man im Licht zu keinem Ende kommt, weil Gott endlos ist; und endlos ist auch Seine Güte.“

„Sarai!‘ Abram drückt sein Weib ans Herz. „Sieh an, wie weise du bist.“ Sie errötet. „Es ist des Vaters Gabe, daß ich das heilige Wort verstand.“ Der Jüngling küßt sie. „Schwester, der Herr freut sich über dich und von dir kann jeder etwas lernen, nämlich deine Bescheidenheit. — Nun frage, Abram, was dir auf dem Herzen liegt; hernach muß ich wieder gehen.“ „Du hast wohl viel zu tun, weil du so schnell scheidest?“ Der Himmlische lacht silberhell. „O du Getreuer! Natürlich habe ich viel Arbeit, bei uns gibt es kein Müßigsein. Selbst in unseren Freudenstunden steht die arme Tiefe. Verstehst du das?“ „Ja erwidert Abram nach kurzem Besinnen. „Es war ja nur gesagt, weil du immer bei uns bleiben könntest.“ „Was war, kommt wieder; im Reiche gibt es keine Trennung.“

„Das ist die schönste Hoffnung, die man auf Erden hat! Doch nun das, was mich bedrückt. Du weißt, wie gern ich Kedor mit dem letzten Zehnten retten wollte. Er spürte es, griff aber nach der Welt. Und bis heute hat er sich dem Herrn nicht wieder zugewendet. Der Heilige nahm meinen Zehnt entgegen und ich teilte alle Gaben aus. Warum bringt der Zehnt nun keinen Segen?

„Wieso ist er denn ohne Segen?“ fragt der Jüngling. „Nun“, meint Abram, „hätte sich der König umgewendet, so könnten seine frommen Elamiter auch in Frieden leben.“ „Der Mensch ist frei, obwohl er ans Gesetz der Schöpfung angebunden ist. Doch die Gesetze, die er bricht, sind seine Fessel! Lebt Kedor Gottlos, so wendet sich das Licht von ihm und ungesegnet bleiben seine Tage. Die Gläubigen in seinem Lande haben aber Frieden und zwar den höheren des Herzens, der sich nicht zerschlagen läßt. Hier hört jeder Herrscherwille auf und Kedor spürt die Grenze. Die Kraft, die geistig über diese Menschen kommt, ist der Segen aus dem Zehnt. Zwar kamen viele schon zu dir; und die du aufgenommen hast, gehören auch zum Zehnt. Denn die Schwachen führt der Herr dir zu; die Starken bleiben, weil sie Elam braucht. Ein Land, wo es nur wenig gute Seelen gibt, verdirbt. Du wirst es bald an Sodom und Gomorra sehen.

Glaube an den Segen deines Zehnt. Und bald wird Kedor kommen, um sich wieder zu bekehren.“ „Das wäre mir die schönste Stunde! Denn Fürsten sollen Erstlinge des Glaubens sein, daß der Ewig-Heilige der Schöpfer ist, der gute Vater. Tun sie es, dann kann — nach deinem Wort — sogar der Sand geläutert werden und alle Seelen finden heim ins Reich. Möge Gott es geben, daß dies einst geschieht!“

„Das geschieht; und dazu gebe Ich Mein Amen!“ Gottes Stimme tönt durch den Raum. Abram fällt mit Sarai nieder, um anzubeten. Sie fühlen das heilige Wehen. Doch wie sie aufschauen, sehen sie nichts und auch der Jüngling ist verschwunden. „Es ist gut so“, sagt der Patriarch. „Das ‚AMEN Gottes gibt uns die Seligkeit, daß Er in Gnaden bei uns ist. Daran haben wir die vollste Genüge. Dir, Vater, sei deshalb Lob, Dank, Preis und Ehre allezeit in unsern Herzen.“

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