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Kap 16 – Hagar in der Wüste, Ihre Rettung durch den Engel…

Kapitel 16

Hagar in der Wüste, Ihre Rettung durch den Engel und wie man sie bestraft. Ismaels Geburt; Sarai ist eine gute Wehemutter. Ismael, der Sand. Abram, Abimelech und ein guter Bund.

Brennend wirft die Sonne ihre Strahlen auf den Sand der Wüste nieder. Flimmernde Helle sticht die Augen aus unter armseligem Gesträuch, das kaum eine Handbreit Schatten bietet, liegt ganz gekrümmt ein Mensch. Es ist Hagar. Am gestrigen Morgen ging ihr das Wasser aus, ebenso das Brot. Irgendwo ließ sie den Krug zurück, sie war zu kraftlos, ihn zu tragen. Schon waren ihre Sinne so verwirrt, daß sie nicht bedachte, wie wichtig der Krug sei, käme sie an einen Brunnen.

Aus ihrer Betäubung aufwachend, richtet sie sich mühsam hoch. „Sterben oder — Wasser“, lallen ihre Lippen. Unsinnig ist, in der hohen Hitze fortzugehen. Aber sie wankt weiter. Einmal fällt ihr ein, daß sie den Krug weggeworfen hat. „Ach, nun habe ich kein Schöpfgefäß und mich nützt ein Brunnen nichts.“ Schon will sie sich verzweifelt niederwerfen und dem Sonnentod preisgeben. Da sieht sie nicht allzuweit entfernt etwas in den grauen Wüstenrillen liegen. Sie geht darauf zu. „Ein Krug!“ jubelt sie. So fix noch ihre Füße können, eilt sie hin. Angekommen, taumelt sie zurück. Es ist ihr Krug, den sie gestern stehen ließ. Wie kommt er hierher? Stunden ist sie in der Nacht gewandert, immer einer Richtung nach. Sie will von Chaldäa und Ägypten nichts mehr wissen und glaubte, ans Meer nach Gaza zu gelangen. Weinend bricht sie nieder. Wenn es ihr Krug ist, und sie kann nicht zweifeln, hat sie den Nachtweg ganz umsonst gemacht und ist in einem großen Kreis irr gegangen. In der Dumpfheit eines sterbenden Tieres bleibt sie liegen. Plötzlich rührt sie jemand an der Schulter an.

„Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her, und wo willst du hin?“ Aufs heftigste erschrocken, mit schrillem Schrei, stößt Hagar in die Höhe. Hat der Ägypter sie gefunden? Die Freundlichkeit der Stimme ist ihr ganz entgangen. Als sie einen fremden Wanderer vor sich sieht, jung, schön, mit gutem Blick, geht ihr Schreck in großes Staunen über. Wie im Traum hört sie sich selber sprechen: „Ich bin von meiner Frau geflohen.“ „Warum hast du das getan? Mir ist bekannt, daß die Fürstin von Chaldäa ihren Mägden eine gute Mutter ist. Sollte sie dir das nicht auch gewesen sein?“ Der Mann setzt sich neben Hagar hin, nimmt von seiner Schulter einen Schlauch, der kühlen Fruchtwein birgt und gibt ihr zu trinken. Wenige Schlucke genügen und die Magd fühlt sich gestärkt, als lägen keine bösen Wüstentage hinter ihr. Damit kehrt ihr auch das volle Denken wieder.

„Ja“, sagt sie tonlos, „die Herrin war gut bis zum Tage, da ich mich opferte. Dann verstand sie mich nicht mehr und ich weiß, daß sie mir Böses sann. Wegen dem Ägypter bin ich auch geflüchtet.“ Das sagt sie so, als wäre dem Wanderer ihr Lebensweg bekannt.

„Du irrst, Hagar. Sarai wollte dir nichts Böses tun. Im Gegenteil trat sie vor Cossar für dich ein, obwohl du sie beleidigt hast. Nun kehre wieder um zu deiner Frau und demütige dich unter ihre Hand.“ „Wie kannst du das von mir verlangen? Nein — lieber sterben! Ich schäme mich zu Tod, müßte ich zurück.“ „Das ist eitel, Hagar, und steht dir nicht an!“ Der Wanderer sagt es ernst. „Von Abrams Haus hast du das Gute angenommen, doch dankbar bist du nicht. Du brüstest dich, Sarai einen Dienst getan zu haben und hast die Gott-Gesegnete gekränkt. Dein ‚Dienst‘ war eitel Lust, nur für die Torheit deines Wunsches. — Du erzitterst, weil ich dir dein Denken klar enthülle und fragst dich scheu: wer ist der Mann? — So wisse denn:

Ich bin Gottes Engel, ausgesandt, dich zu erretten. Trotz deines bösen Willens läßt Gott, der Herr, dir sagen: ‚Ich will deinen Samen mehren, daß er vor großer Menge nicht zu zählen ist. Und deinem Sohn, den du gebären wirst, gib den Namen ‚Ismael‘. Das heißt: Ich erlöse dich in Gnaden. — Doch er wird ein wilder Mensch, weil du eine böse Tat mit einem schönen Mantel decktest. Seine Hand wird wider seine Brüder sein, daß sie ihn nicht achten können.‘ So spricht der Herr! Doch auch dein Leid, das du deines Vaters wegen unbillig ertrugst, hat der Herr gesehen. Lerne aber, Hagar, und vergelte alle Liebe durch die Treue. Tust du das, so wird auch noch ein Segen Ismael gegeben. Wenn nicht, werden deine Tage traurig enden. Siehe, jeder Mensch hat einen Pflichtenweg. Wer nun seine Last in Treue trägt, der hat überwunden. Bist du eine Magd, so bleibe es. Glaube ja, daß darauf Segen aufzuhäufen ist, mehr, als hättest du gewonnen, Abrams Weib zu werden, wie du wolltest. Eine gute Magd zu sein ist eine Gnade, Hagar, die sich im Jenseits offenbart. Werde, was du bisher noch nicht warst. Denn gezwungen wurdest du zur Niedrigkeit, dennoch durch die Führung Gottes. Nun kehre um und werde eine freie Magd, demütig, treu und gut. Und der Herr wird dich belohnen.“

Der Engel gießt den Inhalt seines Schlauches in Hagars Krug und legt ein weißes Brot daneben. „Warte hier, bald holt man dich; und wende dich nicht um, Hagar, denn auch der Erde Ende liegt in Gottes Hand.“ Der Engel geht von dannen, ist aber Hagars Blicken bald entschwunden. Wie sie ihm ein wenig folgen will, denn die Worte haben sie jäh aufgerührt, sieht sie einen Brunnen. Hastig trinkt sie den Fruchtsaft aus und füllt ihren Krug mit Wasser, ißt das Brot und vertieft sich in das Wort des Herrn. Ja, sie möchte gern zurück; jetzt, wo das Leben wie der in ihr pulst. Nicht gut hat sie an Sarai gehandelt, nein, beschämt senkt sie den Blick. Da hört sie mehrere Rosse schnauben. Wieder sieht sie auf, getröstet und erschrocken, denn vor Cossar hat sie Furcht. Ein Gefährt nebst Reitern halten auf sie zu. Zuerst erkennt sie Hebael, da wird Fylola nicht weit sein. Das erleichtert sie, nur weiß sie nicht warum.

Hebael hebt sein Weib aus der Wagensänfte, und Fylola läuft auf Hagar zu, drückt sie an sich und ruft: „Dem Herrn sei Dank, es war doch der richtige Weg!“ „Welcher?“ fragt die Magd beklommen. „Den mir die Sterne zeigten, um dich zu finden. Niemand glaubte, daß du auf dem Wege nach Ägypten bist.“ „Nach Ägypten?“ Hagar fährt sich mit beiden Händen in ihr Haar. „Ich — nie wollte ich dorthin, ich wollte an das große Meer.“ „Du bist fehl gegangen, und ich habe es gewußt. Ah“, wendet sich Fylola an die Männer, „hier ist ein Brunnen, mitten in dem Grau der Wüste; wie gut für unsere Tiere.“

„Es ist mein Brunnen“, sagte Hagar, „denn ein Engel Gottes hat mich hier vom Tod errettet. Ich nenne ihn den ‚Brunnen des Lebendigen nämlich eures Gottes. Ach“, fügt sie hinzu, ganz klein geworden und überglücklich, daß sie doch gefunden ward, „möge dieser Brunnen den Verirrten in der Wüste Hilfe bringen, wie die verirrten Seelen euer Gott errettet.“ „Das hast du gut gesprochen“, sagt Hebael. „Kehrst du in diesem Sinne heim, Hagar, so findest du nur Freude und Verzeihung. Doch eines — warum sagst du ‚euer Gott? Ist er nicht dein Gott geworden, da Er dich vom Tod errettet hat?“

„Ich weiß es nicht, Hebael“, gesteht die Magd zögernd zu. „Manchmal denke ich: Nun ist Er auch mein Gott geworden; dann wieder ist Er mir so fremd, so groß, ich kann Ihn nicht erfassen.“ „Gib dich Ihm in Demut und in Liebe hin“, tröstet Fylola freundlich, „denn sieh, hinter Kades bist du schon, in der Wüste Sur, wo viele Karawanen aus dem Nilland ziehen. Jede hätte dich dem Pharao gebracht. Was wäre dann aus dir geworden?“ Hagar schauert wie im Frost der Nacht zusammen. Ängstlich schaut sie drein und fragt:

„Ist — ist Fürst Cossar noch in Abrams Haus?“ „Ja!“ Hagar dreht sich um, zur Flucht bereit. „Oh, dann bin ich dem Tode ausgeliefert!“ „Warte ab.“ Fylola tröstet gern die ungetreue Magd, doch sie läßt sie zunächst in ihrem Schreck verharren. „Komme nur, es wird gewißlich gut.“ „Bei Cossar nicht!“ Todbang sieht Hagar in die Ferne. Ach, vielleicht ist es ganz gleich, ob die Herrin oder der Ägypter sie bestraft. Willenlos läßt sie sich neben Fylola in die Sänfte betten und das Gefährt samt Reitern wendet um.

Sarai nimmt ihre Magd mit freundlichem Gesicht entgegen. Kein Vorwurf trifft die Undankbare. Sie übergibt ihr einfach eine Arbeit. Diese Güte lastet auf der Magd, die sich nur trotzig eingeredet hatte, ihre Herrin wolle sie bedrücken. Vor Abram fürchtet sie sich in Scham. Sie räumt in einer Kammer frisches Linnen in die Truhen ein. Da tritt der Patriarch zu ihr.

„Hagar!“ Eilend wirft die Magd sich nieder. „Herr, vergib.“ „Stehe auf, ich kann nicht leiden, wenn jemand vor mir auf der Erde liegt.“ Hagar gehorcht. In Abrams strengem Ton liegt große Milde. „Ich hoffe, daß du uns ein solches Leid nicht noch einmal bereitest.“ Das Weib weint hellauf. „Beruhige dich.“ Der Patriarch drückt Hagar an sein Herz. „Alles soll vergeben und vergessen sein, du sollst in unserer Schuld nicht stehen. Wisse aber, so du wieder treulos wirst, wird der Herr dich strafen; denn Gott duldet nicht, daß mein Weib von einer Magd den Haß empfängt, wo es nur Liebe angedeihen ließ.“

Ganz freundlich werdend streicht er über ihre braune, eingefallene Wange: „Törichtes Kind, mußte erst der Tod dich streifen, ehe du zur Einsicht kamst? Doch nun wollen wir uns freuen, denn bald schenkst du mir einen Sohn, nicht wahr?“ „Ja, Herr, und — er soll auch Mutter Sarai gehören.“ Stockend flüstert es die Magd. „Er gehört uns allen dreien, Hagar, du sollst ja unsere brave Tochter sein. Jetzt tue deine Arbeit, und zum Abendmahl Sitzt du wieder neben Mutter Sarai.“ „Ach nein, das will ich nicht mehr tun, ich bin’s nicht wert.“ „Das lasse meine Sorge sein; Gottes Wille ist die Ordnung meines Hauses! Niemand soll dich schmähen, ich schütze dich.“ Mit diesem Wort ist Abram schnell davongegangen. Hagar bleibt verwirrt zurück. Alle sind sie gut zu ihr; selbst Tzordhu, der seit je ein Feind ihr war, half ihr neckend über Mamres Schwelle, um es ihr leicht zu machen. Fleißig räumt sie die Wäsche auf.

Da kommt wieder jemand in den Raum. Hagar — aufschauend flieht in den letzten Winkel, kalkgrau im Gesicht. Fürst Cossar ist hereingetreten. Nicht wie früher, kalt und hart, aber streng ruft er: „Magd Hagar, komme her!“ Den Befehl muß er zweimal wiederholen, bevor sie wankend ihm entgegenschleicht. Sie sieht den Jüngling nicht, der hinter Cossar an der Pforte steht. Ächzend bricht sie vor dem Fürst zusammen. „Magd Hagar, warum hast du Angst?“ „Ich — ich habe wider meine Herrin mich versündigt und Pharaos Befehl, mir ins Blut geschnitten, nicht befolgt.“ „Verdienst du Strafe?“ „Ja“, erwidert Hagar tonlos. „ So wollen wir beginnen, setze dich auf einen Stuhl.“

Mühselig erhebt die Arme sich, ihr Herz zerspringt ihr fast vor Angst, denn manche Peitsche trug ihr in Ägypten Wundenmale ein. Sie sieht das kleine Lächeln nicht, das Cossars ernste Züge jetzt verschönt. Die Angst soll ihr die heilsamste Lehre sein, die der Fürst ihr zudiktiert. Er wartet daher eine Weile nachdem Hagar langsam begonnen hat, ihren Rücken zu entblößen.

Der Jüngling berührt Cossars Schulter. Dieser nickt. „Bedecke deinen Rücken wieder zu, Magd Hagar; die Schuld sei dir erlassen, weil der Himmel dir vergeben hat. Straft der Himmel nicht, so soll der Mensch an seine eigenen Fehler denken, daß sie ihm vergeben werden.“ Hagar, ihr Gewand rasch überwerfend, dreht sich jäh nach Cossar um. Ungläubig starrt sie ihn an. Sie konnte begreifen, daß ein Engel Gottes sie errettete, auch wie Mutter Sarai so gütig zu ihr war, verstand den Patriarch, der wie eh und je ihr hebend half, daß alle zu ihr freundlich waren wie zu einem kranken Kind. Aber daß Fürst Cossar, Pharaos ausübende harte Hand, freundlich ihr entgegensieht, statt zu strafen sie sogar noch tröstet, geht über ihr Verständnis. Sie wähnt zu träumen, den letzten Fiebertraum im Tod der Wüste.

„Wache auf“, sagt der Jüngling und setzt sich neben Hagar hin. „Du träumst nicht! Wahrheit ist, daß der Herr dir half. Und Fürst Cossar ist dir nun ein Freund, wenn du in Zukunft deine Arbeit treu erfüllst und dem Haus des Patriarchen keine Schande machst. Hagar, Hagar, wende dich ganz um und ergreife Gottes Vaterhand, die dich bis über deinen Tod erretten will. Schon der Patriarch nennt dich in Güte seine Tochter; so sollst du Gottes Tochter werden, tust du in treuer Demut deine Pflicht.“ Der Jüngling führt Cossar aus dem Raum. „Sie muß sich selber wiederfinden“, sagt er hinterm Vorhang, „denn jeder Zwang ist hier von Übel.“ Und Hagar findet sich, bis ein anderer Anlaß sie für immer aus dem Hause jagt. — —

Sarai ist eine gute Wehemutter, als Ismael geboren wird. Überall herrscht große Freude. Abram schenkt Hagar ein Perlenhalsband und gibt ihr einen Ring an ihren Finger, ein Zeichen, daß sie Mutter ist und jeder sie zu achten hat. Wie froh, wie glücklich ist die Magd. Sie legt das Kind dem Patriarchen jauchzend in den Arm: „Dein Sohn, Vater Abram und“, sie gibt ihn Sarai, „auch dein Kind, liebe Mutter, ich habe es für dich geboren.“ „Gute Tochter!“ Sarai ist bis zu Tränen gerührt. Auch den letzten Stich, daß sie nicht selbst ein Kindlein haben kann, deckt sie mit dieser Freude zu. — —

Die Jahre gehn ins Land. Ismael wächst auf, ein flinker, toller Bursche. Jeder achtet ihn als ‚Sohn des Hauses’. Noch ist er in guter Zucht. Abram ist bedacht, daß der Knabe dem Chaldäer sprosse gleicht. Er hält ihn zur Arbeit an und Sarai weiht ihn in Schrift und Sprache ein. Doch da zeigt es sich, daß er zwar willig lernt, Arbeit ihm jedoch ein Greuel ist. Er murrt bei Hagar:

„Du bist doch meine Mutter?! Du hast Mutterrechte; ich weiß es schon, wenn ich auch noch ein Knabe bin. Soll ich aber wie ein Knecht als Sohn des Hauses schaffen? Was tut der Vater? Er gibt nur an!“ „Schweige“, befiehlt Hagar, ungewiß, wie sie den Knaben dämmen soll, ohne ihm sein Recht zu schmälern. „Vater Abram ist fast hundert Jahre alt, da darf er ruhig seine Hände müßig halten. Noch oft genug greift er mit zu, denn sein Geist wacht über allem Land. Du bist kräftig, Ismael. Fliehst du die Arbeit, so wirst du schwach, ein Mann, der sich nicht wehren kann. Willst du das?“ „Nein! Ich will zu den freien Hirten; dort lernt man viel, auch mit den Waffen, was mir das Liebste ist. Und reiten, und die wilden Stiere zähmen, die Rosse, die man in der Steppe fängt! Ha, das tu ich gern!“ Glühend funkeln Ismaels Augen und der Brand daraus erschreckt die Magd.

„Ismael, sei nicht so wild. Ich will mit Vater Abram sprechen. Sie tut es auch und auf ihre Bitten hin wird Ismael den Hirten anvertraut. Man könnte seine Freude haben, wie wacker sich der Knabe hält, fast schon wie ein Mann. Doch bald muß Bazzor, der erste Hirte, der inzwischen Tierverwalter wurde, Abram melden, daß Ismael die Tiere quält und auch sonst recht übel handelt. Kummervoll greift Abram ein. Ismael kommt zurück nach Mamre, wo er auf den Feldern tüchtig helfen muß. Der Patriarch beobachtet ihn viele Tage. Der Knabe hält sich gut, noch fürchtet er den Vater. Doch allein gelassen, ist er der Wildling, der sich niemand beugt. Bisher hat Abram ihn nicht strafen wollen, er ist sein Sohn; und auch Hagar will er nicht verletzen. Sarai hat mit dem Knaben große Not, ihr gehorcht er nicht. Abram greift zur Rute, als Ismael im Hain am Altar Unfug treibt. Seit dieser Zeit wächst Hagars Sohn aus seiner Hand heraus. Er beginnt zu hassen, wo ihm nur Liebe widerfährt. Und nur zu seiner Mutter ist er gut. — —

Abram stand im Bund mit Abimelech, dem König zu Gerar an des Meeres Küste. Den Bund will er nun festigen. Er zieht mit Sarai und hundert Getreuen aus Mamre gen Sur und Kades. Von dort sendet er seine Vertrauten, Tschuba und Tzordhu, nach Gerar. Abimelech, aufgestachelt von den Philistern, aber fragt: „Wer ist Abram?“ „Du kennst ihn wohl“, entgegnet Tschuba und meistert seinen Zorn. „Ich — ihn kennen —? Hat er nicht ein Weib bei sich?“ „Was gehen dich unsere ehrbaren Frauen an?“ Tzordhu sprüht, die Wut geht mit ihm durch. Eilig wenden sie die Wüstentiere, um dem Patriarch zu melden, was geschah.

Abimelechs Leute, mit der Wüste Sur vertraut, halten Tschuba und Tzordhu samt ihrem kleinen Trupp hinter Gerar auf, während ein anderer Teil schnurstracks gen Kades reitet und das Lager überfällt. Es ist ihnen streng geboten, niemand zu verletzen, sondern nur das Weib zu holen, von dem vielerlei berichtet wird. Der Überfall gelingt. Abram liegt betrübt auf seinen Knien. „Herr, wieviel gelte ich Dir noch, daß mir solches widerfährt?“ Da steht ein Licht im Zelt und spricht: „Sei getrost und ohne Furcht! Jeder, der mit dir zum Friedensbund gehört und diesen bricht, muß Gottes Hand ertragen! Sarai kommt unbeschädigt wieder!“ „Ach“, fragt der Patriarch und sieht dem Lichte nach, „was alles muß mein müder Rücken tragen?! Doch es sei! Für Dich, o Vater der Allmächtigkeit will ich den Balken schleppen.“ Kaum gesagt, spürt er eine wunderbare Wärme, die ihn sanft umgibt. Auch auf diesem Wege zeigt sich Gottes Herrlichkeit. Gelassen nimmt er deshalb Tschubas Botschaft hin und meint:

„Wartet ab! Der Herr hat Seine Hand im Spiel!“ Es dauert auch nicht lang, kommt Abimelech im Kreise seiner Edlen angeritten, gibt Sarai zurück, bringt viele Güter und demütigt sich vor Abrams Gott. „Ich will den Bund nicht mehr verachten“, beteuert er, „denn mir ist durch dich geschehen wie einst Pharao geschah. Und wie Gott durch deinen Bund ihn segnete, so möge Er mir gleichfalls gnädig sein.‘

„Das geschieht!“ ruft Abram freudig aus. „Deine Bürde sei von dir genommen. O Herr, beachte mein Gebet und sei gnädig allen Kindern, die sich zu Dir wenden.“ Abimelech fühlt, wie seine Krankheit, die er lange trug, jetzt von ihm geht; und die Frauen, die mit ihm gezogen waren, spüren sich gesegnet und bekennen laut: „O Gott, Der Du durch Abram wunderbar Dich offenbarst, Du hast uns befreit und wir sind gesund geworden, daß unser Volk nun wieder Kinder haben kann!“ Als Abimelech solches hört, neigt er sich noch tiefer und bittet Abram, in seinem Land zu wohnen, solange es ihm wohlgefiele.

„Ich bleibe eine kurze Zeit, um euch Gottes Wort zu lehren. Wir aber wollen Brüder sein im Bund, den Gott gesegnet hat. Die Wüste zwischen uns sei keine Trennung.“ Abimelech richtet ein großes Mahl zu Gerar und die beiden Könige gehen Hand in Hand mitten durch das Volk. Doch bald zieht Abram wieder heim nach Hebron; er mag den geheiligten Ort zu Mamre, wo der Herr ihm allewege Gnade widerfahren läßt, nicht lange missen.

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