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Kap 27 Weitere Schau über die letzte Zeit der Erdenwelt

Kapitel 27

(Dan. 11, 36-45) — „Herr, es ist heller Tag und Leute warten mit Gejammer. Soll ich sie . . .“ Daniel springt auf. Du liebe Zeit, er hat‘s verschlafen. Es ist später Vormittag. „Du hättest eher wecken sollen.“ „Fürst Daniel“, widerspricht der Schloßverwalter, „ich habe viel bei dir erlebt; deine Stirne zeigte mir, daß du im Schlaf woanders warst. Wo — ? Das möchte ich gern wissen.“

Der Meder hatte sich bekehrt und ist Daniel ergeben; bloß die höhere Erkenntnis fehlt ihm noch. „Ich muß mich erst besinnen, wo ich war.“ „Bei deinem Gott, in Seinem Licht,“ „Wieder muß ich dich verbessern“, herzlich ausgesprochen, „mein Gott ist der deine; Sein Licht ist ebenfalls in dir, sonst hättest du Gott nicht gefunden.“ „Durch dich allein“, betont der Mann. „Was soll ich mit den Leuten tun?“ fragt er.

„Bewirten; gewiß sind welche weit gewandert.“ Der Meder neigt sich tief: „Vergib, Fürst Daniel; hast es mir so oft befohlen, arme Leute zu betreuen oder auch zu trösten. Nun habe ich es wieder mal verpaßt.“ „Ist schon gut“, winkt der Jordanseher ab, „hole es mit doppelter Liebe nach.“

‚Wo war ich in der Nacht?‘ Lange grübelt er, nachdem der Wart gegangen ist. Wieder sieht sein Geist das grauenvolle Bild. Danach wird es hell, als hätte Gott mit einem Tuch es zugedeckt. Bloß des Bildes Ende ist zu sehen, nicht aber das des Gottestuches. Das ist unermeßlich groß.

Hoch darüber ist der allgeliebte Vater-Gott zu sehen, umgeben von den ungezählten Lichtkindgeistern (OJ. 7, 9). Nachträglich fühlt sich Daniel in dieses Tuch mit eingehüllt. Doch die Finsternis — — Wird sie einmal auch bedeckt? Was geschieht mit ihr, wenn Gott einst das Gnadentuch zusammenfaltet? — ?

Ein Diener stört versehentlich die Schau und meldet, die Leute hätten abgegessen und warteten auf ihn. Viel Dunkles wird ihm wieder zugetragen. Einer meldet einen groben Diebstahl an; der andere fleht, er möchte endlich heim. Vor Heimweh seien er, sein Weib und seine Kinder krank. „Ich will nach Kanaan“, grollt er, „wie lange noch, dann sind es fünfzig Jahre. Wir wollen nicht am Babelstrom begraben sein.“

„Wartet ab“, tröstet Daniel. „Ich bin sechzig Jahre hier, meint ihr, ich sehnte mich nicht auch, nach Kanaan zu kommen? Mich hält die Pflicht, von GOTT befohlen. Es ist zwecklos, heimzukehren, wenn es noch kein Obdach gibt.“ „Warum baut man erst den Tempel?“ wird barsch gefragt, „während Tausende von — —“ Das Gemurre steigert sich. Daniel gebietet Ruhe.

„Hat Darius nicht mehr getan, als viele Könige von Israel es je für nötig hielten.? Rehabiam, Ahab, Ahasja oder Ahas und noch viele mehr, — was brachten sie dem Volk? Die unter Gottes Wohlgefallen wandelten, hielten unser Schicksal nicht mehr auf. Also ist‘s von Gott gerecht, daß wir leiden müssen — zu unserm Heil, zur Glaubensumkehr des gesamten Volkes.

Ihr zankt, wir hätten nicht der Alten Sünden abzutragen! Ihr habt eben gegen Gott gemurrt, Sein Tempel würde erst gebaut. Die Könige bewahrten unsere Schätze. Wir konnten Häuser bauen, säen, ernten, handeln und Gewinn erzielen. Nicht wenige sind heute reicher, als sie oder ihre Sippen vorher waren.

Werde ich erleben, daß im Tempel ein noch gläubiges Juda Einkehr hält?“ Trauer überschattet Daniels Gesicht. „O liebe Leute, höret her! Gebt GOTT zuerst die Ehre, haltet Sein Gesetz und beugt euch unter Seinen Willen! Dann seid gewiß, daß Er euch trösten wird, wie einen seine Mutter tröstet, sagte der Prophet, jener, der den Herrn im Tempel sah.“ Jes. 66, 13; 6, 1

Still werden Murrende und Klagende. Als sie gegangen sind, sagt der Meder: „Fürst, ich bewundere dich; eine Geduld hast du“, dabei schüttelt er sein schon grau gewordenes Haupt. „nicht zu sagen! Sie brachten vor, was nicht zu ändern ist und störten bloß den Frieden deiner Seele.“

„Bedenke, daß die Unrast eines Menschen um so stärker wird, je näher sich die Ziele zeigen. Du ahnst nicht, was einst in Kanaan geschah. Unermeßlich herbes Leid lag überm Land und allen Leuten. Rede ich von mir, so spiegelt sich darin das Ganze.

Nach der Beschreibung angesehener Männer hatten wir ein schönes Haus, Kostbarkeiten, Diener und was alles mehr. Die Eltern blieben treu im Glauben an den einen Gott. Dennoch mußten sie das Los des Volkes teilen. Man raubte, brandete und höhnte noch: ‚Da seht, wie euer Haus in Schutt und Asche sinkt!‘

Man fesselte den Vater, der Mutter blieb ein Kleid, mir nur eine Windel. Man trieb uns her; und nach zwanzig Jahren Fron das ganze Volk. Verstehst du, daß jetzt auch die kleinste Last zur schweren Bürde wird? Ich will sie tragen aus der hohen Gott-Geduld, mit der der Herr auch mich ertragen hat.“

„Dich — ?“ Der Meder reißt die Augen auf. „O Fürst, ich glaube — hm, Gott ist mit deiner Ansicht . . .“ „. . . unzufrieden?“ Ein feines Lächeln schwebt um des Propheten Mund. „Gott hat mit allen Menschen viel Geduld, weil die Welt uns sündig macht, unsere Welt in uns! Es mag Seine Wonne sein, wenn man das so sagen darf, Geduld an uns zu üben. Immerhin ist es ein hehres Gottesstück, den meisten Menschen unverständlich und bedeckt.

Erkennen wir des Herrn Geduld? Vielleicht“, Daniel sagt es leise vor sich hin, „kommt aus ihr Sein Weg zur abgeirrten Schar — zu allen.“ Er versinkt in ein Gesicht. Der Burgwart schleicht hinaus. Den Raum, wo Hungernde gespeist, Murrende zurechtgewiesen, Klagende getröstet wurden, erfüllt die Stille eines Friedens, der aus Gottes Ewigkeit herniedertaut.

O Geduld, du übervoller Kelch! Ist er mit Blut gefüllt? Blut des Höchsten? des Falles? der Menschen? der Materie — ? Kommt Gottes Liebe wie ein Mensch? Sie trägt ein Kreuz, groß und schwer. Ist‘s nicht der ALTE (7, 9), wie er Ihn gesehen hatte?! War da nicht die Zeit im Anfang (Joh. 1, 1) und am Anfang (1. Mo. 1, 1) offenbar?, dazu das Letzte, was aus den beiden: Kelch und Kreuz, die Materiellen überkommen wird — —

Trotz des Übels weiß er nun, wie die Finsternis gereinigt werden muß, wie in des ‚Himmels weißes Tuch‘ einst alles fällt, was sich dem Schöpfer widersetzt. Bloß die lange Zeit — — Im Sinnen kommt der Abend übers Land. Auf dem Söller steht die Liege. Wenn von hier aus Daniel das ferne Firmament, die unzählbaren Sterne, die samtene Dunkelheit der gnadenvollen Nächte sieht, da fühlt er sich am Herzen Gottes ruhen. Auch heute ist es so.

Gottes Offenbarung! ‚Der Mann Gabriel fliegt daher‘ (9, 21), der hohe Träger der Barmherzigkeit. Das ‚fliegen‘ kennzeichnet die Schnelligkeit, außerdem vom Himmel kommend. Ein Gedanke zieht durch Daniels Gemüt von Gottes ‚weißem Tuch‘, des Vaters Herrlichkeit als weiße Farbe, das Zeichen der Versöhnung, der großen herzlichen Barmherzigkeit.

Isa-i sagte von ihr ‚hart gegen mich‘ (Jes. 63, 15), womit er ihre Stabilität bewies. Indem Daniel Gottes Sternenbanner zu erforschen sucht, kommt Gabriel. Verwirrt, weil er das Kommen übersah, steht er eilig auf. Gabriel nimmt ihn an der Hand und sagt:

„Das Letzte, das du heute und in naher Zukunft siehst, kann nicht auf dieser Welt geschehen.“ „Du bringst mich an den herrlichen Ulai (8, 2)?“ „Nein; der bleibt immer ein Symbol, obgleich er jetzt noch wirklich bis zum hehren Kommen der Geduld und Liebe fließt, wie du heute richtig sahest.

Der Welt zum Segen — unverdient, was du mit auf dich beziehst. Es wird noch angezeigt, wenn du in der Himmelsheimat bist. Das ‚Unverdient der Welt‘! Was kann sich die Materie, was kann die Menschheit sich verdienen, trotz manches kleine ‚Wohlverdient‘ von Einzelnen vorhanden ist?

Hier ist dein Mantel aus dem Licht; den tue um und folge mir.“ „Gabriel, halte mich an deinen Händen fest, sonst verliere ich die Spur.“ Ein Lächeln: „Weißt du, was der Mantel für dich zu bedeuten hat?“ „Nein!“ „Nötig wäre keine Aufklärung. Als Geist verläßt du deinen Leib; nur das Pflichtband des Gelübdes, einst gegeben, bindet dich an ihn. Nun bist du pur vom Lichte, was du wieder wirst, wenn? du die Materie verläßt.“ „Kann man dabei merken, was man war?“ Sehr zaghaft vorgebracht.

„Möchtest du es wissen?“ Eine ernste Frage. „Ich möchte nicht zu weit nach Oben greifen; vielleicht nein, das zu wissen würde mir nichts nützen.“ „Recht so, du Ältester an Gottes Gnadenstuhl!“ Mehr sagt der Engel nicht, Daniel nimmt es verborgen auf; es soll jene Freude bleiben, wenn er einst zurück zum Vater kommen darf. —

Wie es zugegangen ist, kann Daniel später nicht erklären. Ohne Übergang sieht er sich in einem fremden Kleid. Fliegt er auch mit fort? Geht er an des Engels Hand? neben oder hinter ihm einher? Wie in Blitzesschnelle schweben sie dahin, und er findet sich auf einem Sonneneiland wieder.

Weit entfernt wirkt die Erde finster gegen alles Licht, das um ihn ist. Eine Krone, deren reich verzierte Zacken auswärts strahlen, umgibt die Welt. Wer weiß von dieser Herrlichkeit? Wenige empfinden Gottes Gnade, die stets beständig ist. Das ist die Krone für die Welt, mit eingeschlossen die Gesamtmaterie.

„Was siehst du dort?“ „Dunkelheit! Wäre nicht die Krone, die die Guten, Bösen, Schwachen, Starken, die Gottgeliebten und die anderen (Matt. 5, 45) umgibt, wer weiß, was auf Erden werden würde.“ „Viel Leid, aus dem der Herr die Weltlinge versiegelt. Bloß bis es soweit ist, wird man leiden — selbstverschuldet, daß du es nur weißt!“ Das klingt so streng, als stünde da der WILLE statt der freundlichen Barmherzigkeit. — „Was siehst du noch?“

„Jene, die die Krone ahnen, wirken für den Glauben. Doch da steht die Dunkelheit wie eine Wand, die sie fast zerbrechen läßt. Manche fallen hin. O weh!, die Dunklen tun, als ob sie helfen wollten. So ein Betrug (V. 34, 35)! Warum läßt der Herr das zu?“ „Meinst du, daß es Gottes Wille ist? Seine Zulassung? oder daß Er es nicht hindern könnte?“ Wieder streng gefragt von Engelsmund.

Daniel wehrt ab: „Nichts von alledem, wenn ich das Geheimnis auch nicht weiß.“ „Das ist sehr gut“, tröstet Gabriel. „Gottes Wille ist vorhanden, nur nicht so, daß die Glaubensvollen fallen müßten. Das liegt zuerst im Ablauf der Erlösung, von alters her von Gott bedacht (Jes. 63, 16). Höre der geheimen Gnade zu!

Siehe, wenn des Lichtes Kinder in die Tiefe gehen, wird die Hölle aufgestachelt. Es ist absolut nicht selten, daß der Mensch durch seinen Glauben und das bessere Erkennen von sich spürt, er ist ‚von obenher‘, er kennt die Feld- und Weinbergslast. Was tun die Dunklen dann? Nicht die der Hölle jetzt gemeint, die jedes Licht ersticken wollen; es sind die Inkarnierten, sowohl von oben wie von unten, die jemand — wenigstens vorübergehend oft zu Falle bringen können, wie du es gesehen hast.

Richtig ist es so: Die eigenen Gedanken, sich zu überheben, tun die Türe auf, durch die das Dunkle schleichen kann. Erst spürt der Mensch mit Freuden seinen Glauben, seinen Dienst. Daraus schlängelt sich der Wurm hervor: ‚Ich bin!‘ Auch hier fehlt meistens das ‚ich bin geworden‘! Ich darf die Arbeit tun. Auch ein ‚darf‘ kann manche Überheblichkeit entstehen lassen.

Wenn solche fallen, werden sie zum Demutsstand gebracht. Da Gottes EWIGKEIT die Zeit ergibt, angefangen von den Schöpfungstagen bis ins Kleinste dieser letzten Welt, ist sie das immerwährende Geschehen: die armen Stufen für die Welt, die Himmelsleiter für das Licht. Das Letzte von der ‚anderen Zeit‘ ist der Materie zugedacht, zu ihrer Endabrechnung und zur endlichen Erlösung.

Du siehst den andern König (V. 36). Bildlich ist‘s der Oberste der Finsternis. Damit der Mensch erkennen, erschrecken und sich wenden soll, ist es stets ein Herrscher, der — unbeherrscht zu herrschen, die Armen zu verspotten, im verhängnisvollen Reichtum voll zu wühlen — sich zu einem König macht. Ein Titel der Vergänglichkeit, so wie jederlei, das der Materie angehört.

Solche Könige ‚reden wider den Gott aller Götter‘. Das macht die grauenvolle Gottes-Losigkeit. Die Götter gelten hier als Anhänger unserer Lichtwahrheit. O, den Greulichen wird viel gelingen — was sich auf die Materie beziehen läßt, aber pur so lang, bis der ‚Zorn Gottes‘ aus sein wird.

Du wähnst, vom Widergöttlichen bliebe da nichts übrig? Ja — davon bleibt kein Rest. Übrig bleibt, was LEBEN heißt: alle Kinder, von Oben und von Unten. Gottes Zorn ist heilig, kein Zerstörer! Zorn bedeutet ziehen, erziehen, abziehen vom Bösen, hinaufziehen in das Licht. Unangetastet bleibt des Herrn gerechter Zorn, gerechtfertigt durch gerechte Abrechnung!

Diese ist beschlossen wie das Ende der Materie, wie die Erlösung mit dem heiligen Final, der Ausdruck jener Willensherrlichkeit der UR-Gottheit, mit der sie alles schuf, erhält und zuletzt dem Lichte einverleibt. Das ist Gottes Aufbau oder Anfang und Sein Ziel, eingehegt darin der Kinder Richtung und ihr Lauf.

Das ‚Nichtachten der Götter ihrer Väter‘ (V. 37) bedeutet hier die Erkenntnisse der Vorderen, die besser handelten, weltlich oder auch im Glauben. Mit ‚Frauenliebe‘ ist gesegnete Vernunft gemeint. Die Ehe meiden sie, weil sie sonst nicht ‚schweifen‘ könnten. Wie eine Festung (V. 38) — du hast als Junge über sie gestaunt — festigen sie ihren Arg.

Einstens baut man Mauern, kaum einzunehmen; doch eines treibt das andere voran. Man schmiedet Waffen, die das Festeste zerstören, bis — es einmal nichts mehr zum Zerstören gibt, noch etwas, das das Stärkste niederwerfen kann. Dir graut es sehr und kannst es kaum begreifen, wieso dies möglich wird, daß unter, auf und über dieser Welt, unter, auf und über allen Meeren ihre Atmosphäre glüht vom Widerschein des Feuers, aus gefundenen Gewalten fessellos entzündet. Dann — ? Wenn sie, die die Gewalt entfesselt haben, es selbst betrifft, werden sie vergeblich suchen, dieses Schrecknisreiche wieder einzudämmen.

Wenn Unbedachte sich im Wald ein Feuer machen, leicht getan, so können sie den Waldbrand selten selber löschen. Aber jene feurige Gewalt, die die letzte Gnadengrenze sprengt, löscht keiner aus! Du fragst mich bang, ob es das Welten-Ende sei, das Ende eurer Menschheit in der letzten Zeit.

Daniel, wer steht denn über allen Dingen im Himmel und in der Materie? Die vergeht, wenn das arme Kind mit Anhang heimgefunden hat. Laß den ‚Schleier der Barmherzigkeit‘, von GOTT gewoben, über all dem letzten Dunkel zugedeckt; hebe ihn nicht auf! Sei jedoch gewiß: Unser Vater-Gott erhält sich jedes Kind, auf einem langen oder kurzen Weg. Selbst die Schrecklichen und die bis zuletzt die Menschen und das werte Land verderben, werden einmal — unter Schmerzen — ausgelöst.

Und hörst du nun: ‚Sie helfen, die Festungen zu stärken mit dem fremden Gott‘ (V. 39-40), sich zu Herren machen über viele Länder mit Wagen, Reitern und mit vielen Schiffen, die Mitternacht gegen Mittag vorwärtsstürmend, so schau‘ die Deutung an: Der fremde Gott ist immer eine Weltmacht der Materie und hat mit unsers Gottes Namen nichts zu tun. Sie glauben nur an ihre Macht und Ehre, wie Israel einst in der Wüste, die Symbolik der Materie, das Goldene Kalb als ‚seine Götter‘ pries (2. Mo. 32, 4).

Du hörst von Edom, Moab, den Vornehmsten der Kinder Ammon. Sage nicht, Edom sei ein Heidenstamm, die Moabiter wären bloß zur Zeit des Patriarchen fromm gewesen, die Ammoniter seien arge Leute; ihr Götze Niesroch würde heute noch verehrt. Ganz recht, du Seher aus dem Licht!“ Gabriel wird immer ernster.

„Es ist das Bild der Völker bis ans Welten-Ende. Stamm bedeutet eine Festigkeit in Gott, die drei als Geist, Herz und Seele. Alles andere versinkt. Gott erhält den Geist, stärkt das Herz und trägt die Seele heim — wie der Hirte ein verirrtes Lamm (Joh. K. 10)!“ Wieder freundlich werdend, fügt der Lichtfürst an:

„Jene Hand, die sich nach Ägypten streckt, Libyer und Mohre unter ihrer Macht‘ (V. 42-43), besagt: Die Regenten, wie ein König herrschend, zeigen sich nach Außen freundlich, wie die Libyer es sind. Im Machtwahnsinn verkörpern sie das Finstere, was du im Bild als Mohren siehst. Also nicht die Stämme sind gemeint, wie weder Edom, Moab, Ammon, noch Ägypten. Nur nebenher, vorübergehend, gilt es auch dem Weltlichen, den Vorgenannten, für deine Zeit und kurz danach.

Nun kommt vom Morgen und von Mitternacht ein heftiges Geschrei (V. 44). Das Bild bloß kriegerisch betrachtend, müßten Mächtige die Weltlichen besiegen. Gewißlich bringt der Morgen Gottes Licht, die Mitternacht holt‘s wieder ein. Plötzlich tritt des Lichtes Stimme auf, wie aus der Nacht sowohl die Hilfe als auch Gefahren kommen können, die der Mensch erst merkt, wenn sie vor ihm stehen. Sagt man nicht: ‚Das war Hilfe in der höchsten Not‘?, oder.: ‚Ach, wie hat man mich erschreckt!‘

Der Schreck kommt vom Verborgenen über alle Bösen, die Hilfe für die Guten aus dem Licht, beides unversehens, aber wahr, wie wahr am Morgen Gottes Sonne kommt — manchmal hinter dicken Wolken. Nämlich so will man den Schreck verbergen, und eben so läßt man die Hilfe öfter vor der Herzenstüre stehn. Man hofft auf sie, glaubt jedoch nicht immer fest daran.

Auch gleicht das Schreien dem Gewissen, das keiner unterschlagen kann. Die Bösen kennen ihre Schandtat ‘ganz genau, es sei denn bei einem, dem das Verständnis dazu fehlt (arme Irre pp). Die Mächtigen zitieren zwar den Morgen so: ‚Seht her, was Großes wir geschaffen haben‘, wie Nebukadnezar sprach (4, 27); und die Mitternacht: hinter der Vergänglichkeit von Ruhm und Glanz verbergen sie die Bosheit ihrer Seele.

Ob früher oder später: jede Weltmacht geht den Weg des Wahns, der Ohnmacht einer angemaßten Macht; von GOTT aus jedoch immer dies:

‚Bis hierher sollst du kommen, und nicht weiter!

Zumal am Welten-Ende. Gerade dann wird man den Herrn verachten.

Gar viele Menschen werden nicht mehr an Ihn glauben, und manche Gläubige werden ihrem Gott ihr eigenes Versehen unterstellen. Ihr armselig Menschliches schreiben sie dem Höchsten sozusagen auf den Leib. Eben hierin, Daniel, hast du jene Große Babylon, die zuletzt als größte Königin am meisten herrschen wird — Menschen aus den Menschen selbst!!

Im Machtwahn bilden sie sich ein, Land und Leute zu regieren; jene armen Gläubigen aber, tun zu können, was Gott nach ihrer Meinung nicht vermag. Das bedeutet ‚ihr Gezelt aufzuschlagen zwischen den zwei Meeren‘ (V. 45). Ein Meer ist die Einbildung, das andere die Wahrheit. Der ‚heilige Berg‘, Gottes Offenbarung, wird umringt; von den Dunklen, um ihn zu zerstören, von den falschen Gläubigen, um vom Berg zu nehmen, was ihnen nicht gehört.

Mit allem geht‘s zu Ende. Wer nicht zur Einsicht kommt, wird auf dieser Welt die Hilfe nicht erhalten! — Nun genug! Noch ein paar Jahre, und bevor du irdisch sowie geistig in die Heimat kommst — als Mensch nach Kanaan, als Geist samt Herz und Seele in das Werte Land der Ewigkeit, erhältst du noch die Übersicht der ganzen Schau. Bis dahin tue deine Pflicht für viele Arme und für manche Große. Diene in der Liebe deinen Nächsten.“

Hell bewußt und eingehüllt ins ‚Dämmern einer Seligkeit‘ greift Daniel nach seines Engels Händen, wie er Gabriel bezeichnet. Und wieder sind es stumme Dankestränen: ‚Nimm sie mit und lege sie in Gottes liebe Hand!‘

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