Einführung in die Tempelschule
7. Kapitel
Sie stehen seit drei Stunden in der Vorhofhalle. Abelu nickt: „So geht‘s zu.“ Rochaleth trommelt an die rauhe Wand: „Schlechte Arbeit; es wäre Zeit, den Tempel zu erneuern.“ Das Zweideutige ist nicht zu überhören. Ein Kassediener wischt vorbei. Rochaleth schnappt ihn sich. „He, wann kriege ich mein Geld? Vor drei Stunden sollte ich der Nächste sein. Ihr könnt euch schwer vom Mammon trennen, was?“
Der Templer hebt die Faust. „Oha“, macht Om-Sabra, „Rochaleth gehört dem Volksrat an! Dich Krummen kenne ich; du schleichst umher, um aufgefangene Worte verdreht dem Hohen Rat zu melden. Wenn nicht sofort Rochaleth sein Geld erhält, bin ich sofort bei Asarja; aber ohne Vorhof oder Anmeldung!“
Der Diener rennt und winkt, der Meister möge kommen, Om-Sabra eilt ihm nach. Man möchte außer dem Verdienstzins aber zehn vom Hundert streichen. Da droht der Volksmann mit dem König. Und er darf es tun. Usia ist klug genug, in ihm des Thrones Stütze und des Volkes Recht zu sehen. Wütend wird die volle Forderung bezahlt.
Als sie wiederkommen, sind die anderen noch immer da. Om-Sabra handelt. Die Wächter drängt er ab: „Wir sind gemeldet.“ Im ersten Raum amtiert Joroham, ein Freund Abelus. Als er dessen ansichtig wird, geht er ihm erfreut entgegen. „Was führt dich her?“ Abelu nennt Yps als neuen Tempelschüler. „Gut, daß ihr zu mir gekommen seid, sonst . . . “ „ . . . müßten wir vier Stunden warten“, vollendet Jarath. „Kann passieren“, erwidert Joroham.
„Kann nicht, sondern ist! Solang warten wir im Vorhof, wo sonst nur . . .“ Joroham unterbricht Abelu. „Einen Augenblick.“ Er schellt den Diener. Beim Eintritt bückt der sich vor Joroham, die Männer übersieht er giftig. Om-Sabra flötet hörbar: „Ah, der Oberste des obersten!“ Der Diener läuft rot an. Joroham zankt mit ihm, warum er den Besuch nicht gleich gemeldet hätte.
„Ich meldete“, verteidigt sich der Mann. „Der Hohepriester hieß sie warten lassen.“ „Rabbi Abelu?“ Joroham kocht vor Zorn. „Seit wann muß ein alter Priester warten?“ „Man sagte“, verschnappt der Diener sich, „Abelu sei völkisch und müsse sich gefallen lassen, wie das Volk . . . “ Om-Sabras Faust kracht auf den Tisch: „Du? Wenn du mir außerhalb des Tempels mal begegnest, dann begegnest du in mir dem Volk! Kapiert?“
Der Bedrohte flüchtet hinter Joroham. Dieser sagt: „Dein Umgehen einer Dienstvorschrift bestrafe ich. Die Angelegenheit war meine Sache; ich gehöre selbst zum Hohen Rat!“ Der Mann enteilt. Joroham greift seufzend nach des Rabbi Hand: „Sei froh, daß du auf dem Lande bist. — So, und das ist jener Knabe, den du angemeldet hast?“ Yps tritt vor: „Ich bin glücklich, daß du das Schulhaupt bist; so wird die Nacht nicht ohne Sterne sein.“ Der Templer ist betroffen. Ein dummes — ein reifes Kind — ? Was meint es mit der Nacht? Die Männer bitten für Yps um freundliche Behandlung.
„Hast du die Schule über“, atmet Jarath auf, „wird es Yps nicht schlecht ergehn.“ „Yps? Heißt er so?“ Man schweigt betreten. Keiner hat sich je bemüht, seinen Namen aufzufinden. Abelu erzählt die Geschichte. Joroham ist besorgt. Das Beste wäre — Da ruht auf ihm ein heller Blick, der ihm durch die Seele fährt.
„Wartet, die Schule soll gleich tagen.“ Bald sind sieben Priester und Joroham vereint. Den Vorsitz hat der Hauptpriester Elimaluch, ein eingefleischter Templer, der über Leichen gehen kann. Rochaleth wird‘s heiß. Wenn er sie schon sieht, hat er genug. Zwei von den sieben grüßen freundlich, die anderen gemessen kalt.
„Was gibt‘s?“ fragt Elimaluch würdevoll. Joroham ist schwer aufs tote Gleis zu schieben. Er zankt, weil Abelu vier Stunden warten mußte. Elimaluch grinst: „Keine lange Zeit für einen Rabbi, der sich an den Tisch des Volkes setzt.“ Jarath braust auf: „Ist das Volk für euch da oder umgekehrt? Rabbi Abelu weiß mehr wie du und . . . Om-Sabra fällt schnell ein: „Jarath, laß dich nicht erhitzen. Aber nun wird nicht gefackelt.“
Joroham führt Yps vor: „Lieber Knabe, habe keine Angst. Begrüße unsern Rat.“ Yps verneigt sich seitwärts, wo keiner sitzt. Elimaluch faucht grob: „Deinen Abschiedsbuckel kannst du nachher machen: du hast uns zu grüßen!“ Yps wird zur Kerze. „Hörst du schwer?“ ruft einer böse. Abelu steht um ihn tausend Ängste aus. Jarath gibt ihm einen Puff. Yps tut der Männer Sorge weh. Er sagt mit seiner klaren Stimme, die dem Kleinen gar nicht zuzutrauen ist:
„Ich halte es im Tempel für gerecht, DEN zu begrüßen, Dem das Haus gehören soll. Es steht geschrieben: ‚Kommt, laßt uns anbeten, knien und niederfallen vor dem Herrn!‘ (Ps. 95, 6) Ehre ich den Ewigen, so müssen sich die Priester freuen, die Seine Ehre tragen sollen, zumal im Tempel zu Jerusalem.“ Alle sehen mehr entsetzt als erstaunt den Jungen an. Vom Mut des Knirpses ganz zu schweigen.
Abelu ist plötzlich ruhig. ‚Er priestert!‘ Die vom Volk hingegen haben Mühe, nicht mit Lachen loszuprusten. Wer hätte je gedacht, daß der Scheue gleich zu Anfang handeln würde? Und wie! Der jüngste Priester, Obed-Edom, ist ganz begeistert. Elimaluch fragt:
„Wo steht das geschrieben?“ „Im Psalter fünfundneunzig“, antwortet Yps. Der Templer stellt sich mit der Frage bloß. Er müßte es ja eher wissen als das Kind. „Ist das von David?“ Wieder dumm gefragt. „Nein, ein Spiel des Ethan, wie man die Beschreibung liest.“
„Dann ist‘s falsch!“ triumphiert der Priester. „Nur David gehört in unsere Rollen.“ Yps sagt prompt: „So dürfen Mose, Asaph und andere (Ps. 90 u.a.) auch nicht hinein. Aber sie sind drin.“ „Vorwitziger Bursche, dir werde ich die Zunge zähmen!“ Elimaluch wird krebsrot vor Wut. Joroham greift hastig ein:
„Er ist für meine Klasse reif, obwohl ich Jungleviten habe. Hier, die Rolle, es fehlen —“ er stockt, „— nur sein und seiner Eltern Name.“ Abelu wirft sich bitter vor, daß Yps noch keine Sippentafel hat. Aber Jarath handelt resolut. Dieses Kind hat seinen vollen Schutz. Er berichtet, als sei es das Natürlichste der Welt:
„Der Knabe kam als Waisenkind zu uns. Weil er namenlos und sehr schwächlich war, nannten wir ihn einfach Yps. Die Schuld trifft uns. Nun er zur Tempelschule kommt, ist es des Hohepriester Angelegenheit, einen Namen auszulosen. Die Eltern schrieben bei Geburt des Sohnes auf: ‚Sein Name geht vom Himmel aus.‘ Nun“, fügt Jarath anzüglich hinzu, „der Himmel ist dem Tempel nah, so fällt‘s nicht schwer, des Kindes Namen aufzufinden.“
Barisall, Elimaluchs rechte Hand, ein Buchstabenfresser ersten Ranges, springt jäh auf. „Ach, das ist der Fabeljunge, von dem der Rabbi einst berichtet hat?“ Er sieht Abelu gehässig an: „Elimaluch hat die Geschichte prüfen lassen. Der Junge“, deutet er auf Yps wie einer, der die Schlacht gewonnen hat, „ist wie sein Ahne Jephthah ein Hurenkind. Denn Amoz Ehe mit der Fremden, die eine Hexe wie die zu Endor war ( 1. Sam. 28), ist ohne Recht.“
Man wird parteiisch. Elimaluch, Barisall sowie drei andere sind die Gegner; Joroham, Obed-Edom und ein kleiner blasser Mann namens Diblaim, den man ‚politischen Denker‘ nennt, sind augenblicks des Jungen Freunde. Niemand beachtet Yps, dessen Augen weißes Feuer sprühn. Diblaim, geheim dem Volksrat zugehörig, ohne daß man es im Tempel ahnt, sagt gelassen:
„Wegen diesen alten Dingen ist kein Recht zu brechen. Jephthah war vielleicht ein Sohn des Gilead aus erster Ehe. Auch Boas nahm die Moabitin Ruth zum Weib, und Salomos Heidenkinder seiner tausend Weiber wurden unbesehen dem Volke zugerechnet ( 1. Kön. 11). Ferner war die Frau zu Endor keine Hexe. Brachte Amoz eine hohe Fremde mit, so war das gut. An diesem Knaben merke ich die hohe Abstammung und schlage vor: er kommt zu Joroham. Wer ist dagegen?“
Zornrot hebt Barisall die Hand: „Ich bin‘s!“ ruft er, ohne erst zu prüfen, ob jemand mit ihm stimmt. „Du maßt dir an, was nur Asarja zu entscheiden hat. Ich treibe es auf diese Spitze!“ „So wundere dich nicht“, erwidert Diblaim sarkastisch, „wenn du von der Spitze runterfällst, denn du bist der einzige, der widerspricht.“
Bestürzt blickt Barisall umher. Elimaluch zittert mit geballten Fäusten. Die anderen von ihrem Eck stieren vor sich hin. Da geifert er verächtlich: „Seit wann verkriecht sich Elimaluch vor dem kleinen Diblaim?“ Elimaluch funkelt den Vorlauten böse an. Der Beleidigte reckt nicht seine verkümmerte Gestalt, wie manche täten; nur den vergeistigten Kopf hebt er knapp. Seine Stimme klingt zu ruhig, als daß sie nicht alarmierend wirkt:
„Deine Beleidigung bringe ich vor den Hohen Rat, wenn König Usia mit uns tagt. Weiter habe ich dir nichts zu sagen.“ Der körperlich schwache Mann zeigt eine Überlegenheit, die die Argen frieren läßt. Yps ist begeistert. Furchtlos steht er neben Diblaim und sieht ihn hellen Auges an. Dieser hat wohl unbewußt die Partei des Jungen aufgegriffen, weil er in ihm sein eigenes Ich erkennt. Erst später soll er merken, daß sich schon in dieser Stunde Geist und Geist wie Licht berührten.
Barisall sieht wie Kreide aus. Elimaluch meint vermittelnd, man könne ihre Oberhäupter ob der ungewollten Kränkung nicht belästigen. Diblaim fragt Om-Sabra, als habe er mit diesem keine Bindung: „Bist du nicht der Volksraterste?“ Om-Sabra bejaht. „Nun, da bist du mir als Zeuge recht, daß Priester Barisall mich jetzt beleidigt hat. Ob ungewollt, geht mich nichts an.“
„Das steht fest“, haut Om-Sabra drein, innerlich frohlockend, „daß du jetzt beleidigt worden bist. Ich, Jarath und Rochaleth, beide Volksratmänner, beeiden es vor Usia.“ „Wer schwört“, schreit Elimaluch, „versündigt sich am heiligen Gesetz!“ Jarath grinst: „Wir schwören ja auch nicht; wir beeiden bloß.“
„Ab!“ Joroham steht auf. „Der Austrag ist nicht aufzuhalten. Da, Elimaluch, unterzeichne für den Schüler Yps aus Gibea, dessen Name später einzusetzen ist.“ Jenem bleibt nichts anderes übrig, als zu schreiben. „Wo seid ihr Männer abgestiegen?“ fragt Joroham. „Ich will den Knaben holen lassen, sobald er einen Platz im Schlafsaal hat.“
„Sie sind bei mir“, erwidert Rochaleth, der das Spiel der volkstreuen Priester noch nicht kennt. „Es freute mich, so du den Knaben selber holst.“ Diblaim sagt rasch: „Das ist keines Priesters Sache; dazu sind die Diener da. Weil ich euch, ihr lieben Männer, brauche, komme ich ausnahmsweise hin, und nehme dann den Jungen mit.“
„Die Ehre ist sehr groß“, verneigt Om-Sabra sich. Er, Jarath und Abelu sind die einzigen, die die guten Templer kennen; man darf sie aber nicht verraten. Darum fügt Jarath an: „Wir können uns auch in der Priesterherberge zu Morija treffen.“ Diblaim verneint: „Ich will die Beleidigung nicht ruchbar machen, darum komme ich zu Meister Rochaleth.“ Die Versammlung löst sich auf.
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