Vor dem Hohen Rat
8. Kapitel
„Abjathar, bitte hilf!“ Hastig grüßend betritt Diblaim die Stube eines schönen Hauses der Jerusalemer Oberstadt. Der Hausherr sieht von seiner Arbeit auf, die sich auf dem Tische häuft. „Mit was, mein Freund?“ Er bietet Platz. „Nathan“, ruft er zur Tür hinaus, „bringe Wein und Speise! — Erzähle“, sagt er zum Gast und räumt seine Arbeit weg. Diblaim zögert: „Laß erst deinen Diener gehen. Sind wir dann ganz ungestört?“ „Durchaus“, versichert Abjathar. „Was aber Nathan anbetrifft, der ist völlig dicht.“
„Gut; immerhin“, meint Diblaim mit Vorsicht, „bei Tempeldingen bin ich nur für feste Männer.“ „Du bist klug“, lobt Abjathar, „und . . . Ah, stelle alles her“, unterbricht er sich. Es bedarf nur eines Winkes und der Diener weiß Bescheid. Geräuschlos verläßt er den Raum und pflanzt sich unweit von der Türe auf.
„Sag mal“, beginnt Diblaim, „du hast für Rabbi Abelu vor Jahren einen gewissen Amoz in Gilead erforscht?“ „Hm, erinnere mich. Warte, ich habe eine Rolle.“ „Mir genügt dein Gedächtnis“, gibt Diblaim das zuvor geerntete Lob zurück. „Ich möchte mich nur vergewissern, ob du notfalls vor dem Hohen Rat für diese Sache zeugen kannst. Es ist nämlich so:“
Er erzählt knapp umrissen, wie vor Jahresfrist Yps in den Tempel kam, trotz enormem Fleiß nicht vorwärts käme, außer bei dem Klassenlehrer Joroham, bei ihm selbst, Obed-Edom und beim Wärterpriester Isboseth. Elimaluch, den Abjathar ja kenne und Barisall, der Fuchs, hätten endlich es in ihrem Fang, daß Asarja den begabten Knaben als ein ‚Hurenkind‘ vom Tempel jagen will.
„Einfach schändlich, wie es getrieben wird“, erbittert sich der Gelehrte. „Statt froh zu sein, guten Nachwuchs zu bekommen, wie der gesamte Rat nicht aufzuweisen hat, handeln sie wie — wie die. . .“ „Sag‘s nur ruhig: . . . wie die Esel.“ „Ich will die Vierbeiner nicht beleidigen“, zürnt Diblaim.
Abjathar erwehrt sich eines Lächelns nicht. „Du gehörst ja auch zum Rat.“ „Ich pfeife drauf! Bis jetzt glaubte ich, dort sei mein Platz, um mit Gottes Gabe aufzupassen, daß das Kraut nicht höher schießt, als unbedingt geschehen darf. Doch treiben sie den Knaben weg, so verschwinde ich und will werden, was du geworden bist. Ich bekomme Schüler, um mein Haus zu halten.“
„Zweifellos! Was soll geschehen?“ „Nichts! Wir brauchen nur noch in die Pfütze reinzuspringen. Damals kränkte mich der Fresser, und die Volksratmänner hielten mir den Spruch vor Usia. Morgen soll der Schüler mit dem lächerlichen Namen Yps vor dem Hohen Rat erscheinen. Ich weiß nicht, ob er ängstlich wird. In puncto Lernen ist er über jeden Durchschnitt gut. Mir käme sehr gelegen, Asarja seiner Eltern Ehe gültig zu beweisen, und daß die Mutter — etwa eine sonderbare Frau — keine Hexe war, wie die Hammel es behaupten.“
„Die — ?“ Abjathar kramt in seinem Arbeitswust. Trotz neunjähriger Vergangenheit zieht er alsbald eine Rolle vor und zeigt darauf: „Da ist die Sache schon. Und du meinst, ich solle vor dem Hohen Rat verteidigen?“ „Darum bitte ich. Du kommst als Oberer Deiner Freien Schule leicht hinein.“
„Allerdings, Asarja war einmal mein Schüler.“ „Ach, das wußte ich noch nicht. Um so besser; da kann er gegen den Verteidiger nichts wollen.“ „Er war nicht der Übelste“, sinnt Abjathar. „Nur allzu früh zum Hohen Stuhle aufgestiegen, hat ihn straucheln lassen, zumal . . . durch seinen Stolz“, ergänzt Diblaim. „Ich verkenne nicht, er ist klug und tüchtig; aber es gibt Klügere, vor allem Bessere. Gott fragt uns Priester wahrlich nicht, was für ein Kleid wir auf der Erde trugen, sondern sieht die Herzen an, ob da die Türe offenstand für Freund und Feind, vornehmlich für Hilfsbedürftige wie für alles Volk.“
„Jawohl! Ob Gelehrter, Kaufmann oder Fischer: Stolz deckt keine Mängel zu, — Nimm noch“, weist der Hausherr auf die Speisen, „und laß mich deinen Becher füllen.“ „Danke, ich trinke wenig Wein. Wer mehr trinkt als der Durst verlangt, verwässert den Verstand.“ Er steht auf. „Verzeih, ich treffe mich noch mit dem Volksratführer, der in der Sache eine Audienz beim König hatte. Ich will wissen, wie sie ausgegangen ist.“
„Mit dem?“ fragt Abjathar erstaunt. „Warum nicht? Er ist kein Rebell, wie fälschlich ausgeschrieen wird. Zum Glück sitzt er beim König fest im Sattel; er tut ihm guten Dienst. Ich achte jeden, der dem Volke etwas nützt. Wollte Gott, die Stämme würden wieder eins; ihre Trennung ist absurd.“ „Aussichtslos“, erklärt Abjathar. „Wer die Geschichte kennt, merkt die zunehmende Zerrüttung, die sich die Nachbarvölker nutzbar machen. Leider!“ Abjathar begleitet seinen Gast bis an die Straßenpforte. „Also dann bis morgen.“ —
Der Hohe Rat, dreizehn Priester, sind versammelt, Als Joroham mit Yps erscheint, sieht er, daß man das Gastgestühl entfernte. Es kommen aber achtbare Männer. Als er deshalb etwas sagt, grinst Elimaluch niederträchtig: „Anordnung des Hohenpriesters.“ „Von dir hm in das Ohr geflöht“, nagelt Joroham den Frechen fest. Ungewollt sitzen sich die zwei Parteien gegenüber.
Diblaim, Abelu, Abjathar und Om-Sabra treten ein, zugleich Asarja durch die Hohepriester-Tür. Von den einen wird er schmeichlerisch, von den anderen pflichtgemäß gegrüßt, während Yps vergaß, sich auch zu bücken. Asarja ist‘s entgangen. Als er aber auf dem Hochstuhl sitzt, merkt er, wie unklug Elimaluch Anschlag war, die Gastplätze zu entfernen. Freilich war das nur dem Rabbi zugedacht. Hastig gibt er einen Wink und Diener bringen eine, Bank.
Gegen Om-Sabra streckt Asarja hoheitsvoll die Rechte aus. „Ein Volksmann hat im Hohen Rate nichts zu suchen! Wie bist du überhaupt hereingekommen?“ Om-Sabra hat des Knaben Sache zu einer Volkssache gemacht. Mit unverkennbarem Triumph reicht er dem Oberdiener eine Königsrolle: „Des Königs Siegel war mein Hephata!“ Die Stirn fast auf dem Boden, übergibt der Oberdiener dem Hohenpriester eine reich verzierte Rolle.
Der löst das Siegel. Längst gelernt, sich zu beherrschen, sieht man ihm dennoch seinen Ärger an. Usia befiehlt, den Volksratführer anzuhören und seine Sache anzunehmen. Ein ‘Sonst‘ liegt im Befehl, den der König selber unterzeichnet hat.
„Nimm Platz“, sagt er, mühsam seine Wut verbergend. Ohne Einleitung beginnt er scharf: „Hauptpriester Elimaluch, du hast Klage wider Rabbi Abelu geführt, der durch falsche Angaben ein Hurenkind in unsre reine Tempelschule brachte. Berichte mir davon!“ Elinaluch erhebt sich mit rotem Kopf und reibt genießerisch die Hände. Dann beginnt er laut:
„Rabbi Abelu hat mit Joroham komplottiert, ein Kind niedrigsten Ranges aufzunehmen. Warum er dieses tat, ist schleierhaft; hingegen ist der Rabbi zu durchschauen. Zunächst wollte er dem Volksaufrührer Om-Sabra den Gefallen tun, das lästige Waisenkind, das Gibea nur Geld gekostet hat, zu nehmen, um die Gemeinde zu entlasten. Dadurch machte er sich wieder mal beim Volk beliebt. Das bezeugt, daß er tempelfeindlich ist, wie noch andere.“ Er wirft tückische Blicke auf Joroham, Diblaim, Obed-Edom und Isboseth.
Die Pause benutzt Joroham, sich zum Wort zu melden. Asarja gibt Gewähr. Joroham sagt: „Was Elimaluch vorgetragen hat, gehört nicht her, nicht einmal zur Vorgeschichte, falls er das behaupten will.“
Der Zurechtgewiesene bellt los: „Gehört her!“ Er zeigt auf Yps: „Der Junge ist ein Hurenkind und dem Orte Gibea ein Makel. Abelu hat das gewußt, hat dem Dummen etwas eingepaukt, um ihn als Wunderknaben einzuschmuggeln, um Gibea von der Sorgepflicht zu befreien. Auch Schul- und Wartungsgeld wurden nicht bezahlt. Vielleicht . . . Ah, ich will nichts weiter sagen.“
Er holt mit den Armen mächtig aus: „Der Vater ist ein Auswanderer gewesen, der mit einer höchst verdächtigen Person zurückgekommen war, als er vom Ausland fliehen mußte. Er hat das Weib in seine Ehe bringen können. Nachträglich stellte sich‘s heraus, daß es eine Hexe war. Sie hat Vieh, sogar Menschen bis zum Tod behext, unter anderem den Vater dieses Jungen, und hat sich selbst verbrannt, aus Furcht vor Steinigung. Die Ehe gilt nach unsrer Satzung nicht; also ist das Kind ein Hurenbalg.
Rabbi Abelu hat unser Gotteshaus entheiligt. Ich beantrage daher erstens: Den Entzug der Priesterschaft ohne Alterssitz im Tempel; zweitens: Ausweisung des Hurenbalges; drittens: Buße der Gemeinde Gibea, die sich durch Betrug am Tempelgut bereicherte, indem sie ein ihr zugelaufenes und zu versorgendes Kind dem Tempel zugeschoben hat. Zusätzlich wären Sonderstrafen für die Volksaufrührer Jarath und Om-Sabra zu erwägen.“
Elimaluch setzt sich schnaufend nieder. Die Freunde sind entsetzt. Darf der verdienstvolle Rabbi so entwürdigt werden? Der zittert stark. O welch Ungemach kommt über ihn! Denn Asarjas Mienen deuten Ja und Amen an zu dem, was ihm der Heuchler vor die Ohren bringt. Er wirft ein Auge auf sein Schmerzenskind.
Aber — Wieviel tiefer ward das Kind in seinem heiligsten Gefühl verletzt als er, der sich wehren kann? Etwas geht vom unansehnlich kleinen Jungen auf ihn über. Eine überwältigende Kraft! Ein Strahl trifft ihn mitten in die Brust.
Das Gesicht schlohweiß, in den Augen grelles Licht, so weiß, wie man noch niemals Menschenaugen sah. Sogar Asarja ist bedrückt. Und Isboseth tritt hinter ihn; er glaubt, dem Knaben werde übel. Dieser Lump! Ach, das Kleid ist ganz entehrt. Schon will er mit dem Knaben gehen in der Überzeugung, daß der Tempel seiner unwert sei.
Diblaim verliert fast seine Ruhe. Er raunt Abjathar zu: „Greife ein, Freund, martere mir den Jungen nicht zu lang!“ Ja, er wird gemartert. Abjathar wehrt ab: „Noch nicht; sie dürfen keine Pfeile mehr im Köcher haben, dann sollen sie sich wundern!“ „Was gibt es?“ fragt Asarja streng. „Es wird in meinem Beisein nicht geflüstert!“
Abjathar sieht ihn mahnend an, bis Asarja seine Augen wendet. Er will nicht das Band zerreißen, denn die Freie Schule hat der Tempelschule manchen guten Dienst getan. Und Diblaim — ? Der weiß zu viel.
Unversehens zerrt Barisall den Knaben vor Asarja hin. „Sieh den Sohn der Hexe an!“ schreit er wild. „Wenn sonst kein Beweis, so er selbst! Seine weißen Eulenaugen, und die Gestalt zurückgeblieben! Eingepaukte Sprüche sind kein Können. Wenn nicht nur wegen Hexerei, dürfte er nicht mal den Vorhof sehen, weil seine Mutter Mörderin und Selbstmörderin war.
Es wäre nicht verwunderlich, fiele Gottes Zorn auf uns herab, da wir solche Schmach in Seinem Tempel dulden. Frage, hochehrwürdiger Hoherpriester, und du merkst, was an ihm ist. Pfui! ich habe mich beschmutzt und will drei Tage keine Speise nehmen, bis ich wieder rein geworden bin!“ Barisall schleudert des Knaben Hand so heftig von sich fort, daß Yps hätte fallen müssen. Eine unbekannte Kraft läßt ihn stehenbleiben, Aug‘ in Auge mit Asarja.
„Ja, Tieraugen, zum Fürchten! Böser Junge, wo hast du diese Augen her?“ „Von seiner Hexenmutter!“ ruft grob der Kassepriester Matguel. Joroham fragt hart: „Ist‘s priesterlich, dem Waisenkind die Seele zu zerreißen?“ „Darum geht es nicht“, schlägt Asarja kalt zurück, „nur um die Befleckung unsres Tempels, der sich wildes Volk und Priester schuldig machten. Das verhandeln wir im Großen Rat (Synedrion).“
Mit frostiger Freundlichkeit fragt er Abjathar: „Hast du besonderes vorzubringen? Du hast keine Melderolle eingereicht.“ „Dazu gab es keine Zeit; bisher brauchte ich noch keine. Erstmals, daß du dies von mir verlangst.“ Asarja sucht seinen Fehler zu vertuschen: „Ich meinte nur, weil es eine Sondersache ist. Was hast du zu sagen?“
„Viel“, öffnet der Gelehrte langsam sein Visier. Er ist weit und breit bekannt als äußerst gütig, zumal als Verteidiger des Rechts ohne Ansehen der Person. „Es wäre gut“, sagt er, „der Jüngling würde erst auf seinen Geistzustand geprüft, ehe ich verteidige.“ Om-Sabra ist zunächst der Einzige, der des Gelehrten Taktik voll durchschaut und billigt, obwohl der Knabe bitter leiden muß.
„So trete eine Pause ein, damit er sich erholen kann.“ Asarja eilt schnell fort. Eine Flucht vor Augen — ? Auch die Feinde ziehen sich zurück, während die Freunde eng beisammensitzen. Isboseth bringt guten Mischwürzwein. „Trink, Yps, nun erst geht es richtig los. Ich könnte — “ Was er könnte, verschluckt er lieber.
„Warum hast du denn gezögert?“ fragt Diblaim den Verteidiger. „Der Werdegang ist richtig“, entgegnet Om-Sabra an Abjathars Statt. „Mir tun beide leid, unser guter Rabbi und der liebe Yps. Der Topf muß eben ausgelöffelt werden; fragt sich nur, wem es am Ende salzig schmeckt.“ Er hat noch ein Ding bereit, das keiner kennt. Abjathar hat sogar zwei Geschosse: Das Recht und eine alte Abrechnung.
NEUOFFENBARUNG