Männer des Volks und ihre Volksbelange
6. Kapitel
„Sind sie mit der Sonne aufgebrochen, dann waren sie bald da. Zum Palasttor (Tor Hippecus) müssen sie herein.“ Der also redet, st Barthomas, nun bei Meister Rochaleth, der nie bereut, den Begabten zu besitzen. Zwar hat er immer überraschende Ideen, vom Meister abgetan, doch oft erweist sich ihre Nützlichkeit.
Rochaleth tritt schimpfend an die Tür: „Fortgesetzt starrst du zum Tor und die Arbeit können andere machen!“ „Meister, ich hole alles nach; aber heute kommt ja er.“ „Usia? Den hast du oft gesehen, auch hört man die Drommeten.“ „Doch nicht der König“, winkt Barthomas kurz ab. „Meinen Freund erwarte ich, er ist im Tempel angemeldet.“ „Ah, wer ist denn das?“ Diese Frage veranlaßt Barthomas, sich der Hausbank zu bedienen, von wo das Tor im Auge zu behalten ist. Der Meister setzt sich neben ihn.
Barthomas zaubert einen namenlosen Held. „Na na, schneide mal nicht auf, am Ende kommt ein Knirps heraus.“ Barthomas faltet seine Stirn. Hm — schwach — — Da stürzt ein rettender Gedanke vor: „König David war ein kleiner Mann, hat den Goliath besiegt und unser Reich gegründet.“ Rochaleth brummt. Ohne es zu merken, sieht er selbst gespannt zum Tor.
Dort strecken ein paar Esel ihre Ohren in die Stadt. Der Torwart prüft die Rolle eines Mannes. „Sie sind‘s!“ Barthomas rennt jubelnd den steilen Stieg hinan, hebt — angekommen — Yps vorn Sattel runter und ruft: „Welche Freude! Nun bist du in Jerusalem, und die strenge Schule wird erlauben, dann und wann zu mir zu kommen.“ Er begrüßt den Rabbi, der mit dem Tempelrat verhandeln muß, Om-Sabra, der die Sache unterstützt und seinen Vater, der die Gelegenheit benutzte, sich nach seinem Sohne umzutun.
„Kommt!“ ruft Barthomas, „mein Meister will euch kennen lernen.“ Sagt Jarath: „Mich kennt er doch.“ „Ja dich“, dehnt Barthomas, „aber Yps kennt er noch nicht.“ Der lächelt. „Deinem Meister wird anderes wichtiger sein.“ Barthomas nimmt kurzerhand die Zügel der vier Esel in eine Faust und geht voran.
Rochaleth denkt ärgerlich: ‚Der Bursche bringt die ganze Karawane her!‘ Ha, er sorgt, daß sie ohne Stocken weiterzieht. Sein Auge fällt auf Yps. ‚Dachte ich‘s; so ein Hutzelkind ist nur was für die Tempelschule.‘ Für die Templer hat er wenig übrig.
‚Fresser‘ nennt er sie, ohne sie indes in einen Topf zu werfen. Yps sagt hellen Auges artig: „Ich freue mich, den Meister meines lieben Barthomas zu sehen.“ Er gibt dem Mann die Hand. Die Gibeer wundern sich. Der Scheue hat sich erst zuletzt an sie gewöhnt. In der Folge merkt man aber, daß er feste Fäden webt. Rochaleth ist sonderbar berührt, zunächst mehr von Om-Sabra, den er forschend angesehen hat. Er sagt auch gleich:
„Du hast mir Barthomas vermittelt? Bist du der Volksratführer? Man spricht viel von dir; die Templer wenig Gutes.“ Om-Sabra lacht: „Das tut nicht weh, ich kenne meinen Weg. Aber“, stellt er vor, „mein geistlicher Berater, Rabbi Abelu; und Jarath ist schon offiziell mein Stellvertreter.“
„Ah! Tretet ein, mich soll nicht gereuen, daß ihr meine Gäste seid.“ Durch Om-Sabra kann er gute Bauverbindung finden und außerdem — Der Mann will das, was er zwar heftig doch bisher unwesentlich erkämpft: das Volk ganz unabhängig vom Tempelrat zu machen. Von Yps nimmt er keine weitere Notiz. Einem Maurerknecht heißt er die Esel unterbringen und gut füttern.
Seine Töchter richten eine Mahlzeit her. Er ist Witwer und hat auch zwei Söhne. Das Gespräch kommt rasch in Gang. Rochaleth zankt: „Der Tempel hat klein beizugeben!“ „Das hat wenig Zweck“, meint Abelu. „Olala, es erweist sich noch! Asarja bricht bald ab vor Stolz. Und wer bezahlt sein Schlemmerleben?“
„Geht hinaus“, gebietet Jarath seinem Sohn. „Zeige Yps ein wenig die Umgebung.“ Das tun beide gern; Barthomas, um mit seinem Freund allein zu sein, dieser aus dem feineren Empfinden, die Männer nicht durch seine jugendliche Gegenwart zu stören.
„Hast ja recht“, sagt Om-Sabra zu dem Meister. „Nur bedenke, daß man etwas übers Knie Gebrochene sehr selten wertvoll machen kann. Ich will nicht den Tempel stürzen, am wenigsten das Königshaus. Meine Ziele sind: Steuerzinsentlastung dahingehend, daß Burg und Tempel einen Großteil des Verbrauches selber decken. Weiter: Denkfreiheit! Jedoch wäre falsch, alle Männer mitberaten lassen; dabei käme nichts heraus. Nein, jede Stadt soll einen Obmann wählen, der die Belange seiner Bürgerschaft vertritt. Das wurde nach der Zeit der Richter aufgehoben. Salomo, der bisher Mächtigste der Erde, nahm uns dieses Richterrecht und verlagerte es weitgehend auf die sich damals bildende Priesterkaste (u.a. 2. Chron. 8, 14).
Wohl mußte alles vor den König kommen und ist bekannt, daß Salomo ein edler Richter war. Das Richterrecht ging aber Thron und Volk verloren, weil schlechte Könige ans Ruder kamen. Der Fehler führte ja zur Spaltung der zwölf Stämme; und seither geht es bergab.“ Da fragt Rochaleth begierig:
„Kannst du praktisch helfen?“ Om-Sabra hebt die Schultern: „Kann man einen Erdrutsch bremsen?“ „So nützt der Volksrat nichts!“ Der Meister ist enttäuscht. Er hatte einen Mann erwartet, der mit zwei Fäusten um sich schlägt. Jarath fragt: „Möchtest du dem Volksrat angehören?“ „Ich — ?“ lauert Rochaleth. „Ich kenne weder euer Ziel noch eure Möglichkeiten, Ziele zu verwirklichen.“
„Die Ziele sind bekannt“, sagt Abelu. „Die Verwirklichung liegt bei Männern, die Kopf und Fäuste auszugleichen wissen.“ Rochaleth schätzt den versteckten Tadel richtig ein. Auch erkennt er an, daß sogar die ‚Krippe‘ Priester hat, die außerhalb des Tempels denken. Doch die Priesterschaft im allgemeinen, zumal der Hohe Rat, ist ihm ein Dorn im Auge. Nicht ohne Recht.
„Was muß ich tun?“ forscht er, gewillt ja zu sagen, wenn es in seine Stränge paßt. „Du kannst die Jerusalemer Gruppe leiten“, sagt Om-Sabra. „Nichts aber darf geschehen, was nicht der interne Rat beschließt, dem du angehören würdest. Ich steh‘ mit meinem Kopf beim König auf der Liste, daß alles ohne Rebellion geschieht.“ „Gewalt ist stets ein morscher Stab, auf den sich niemand stützt, ohne daß er bricht.“ Abelus Stimme klirrt ein wenig.
Des Bauherrn Hochachtung für ihn nimmt zu. „Warum bist du nicht im Rat?“ „Der Heutige kann mich nicht erwärmen“, entgegnet Abelu gelassen. „Glaube ich! Doch könntest du mit deiner Weisheit manches ändern, was dort ungerecht geschieht“, drängt Rochaleth.
„Vielleicht!“ Der Rabbi wiegt sein Haupt. „Im Käfig hat man keine Fühlung mit dem Volk. Was aber auf uns zuzurollen droht, dagegen muß man eine Mauer bauen. Die Mauer ist das Volk; die Volksratmänner sind die Pfeiler. Könnte ich im Hohen Rat ein Pfeiler sein? Man würde mein Bestreben schnell erkunden und — Das Übrige denke dir, Rochaleth.“ „Weiß Bescheid!“ Er wischt ein paar Krumen weg vom Tisch „Ich mache mit! Bei mir gehen täglich Leute ein und aus, da kann der Volksrat unbesorgt in Zukunft tagen, wenn es in Jerusalem geschieht.“ Er reicht den drei Männern fest die Hand. Jeder schlägt kernig ein. Dann steht Abelu hastig auf.
„Ich muß gehen. Wartet hier“, bittet er die Gibeer. „Nicht!“ Om-Sabra reckt sich hoch. „Denkst du, wir lassen dich allein? Du bist der weise Kopf, wir die Fäuste, wenn . . . “ „Ich auch!“ Rochaleth macht sich zurecht. „Habe guten Grund. Die Zahlung für ein Mauerwerk ist überfällig. Fühle mal der Tempelkasse auf den Zahn.“ Jarath prustet los: „Gut gesagt; dabei merken wir, was alles vor sich geht.“
Rochaleth ruft Barthomas herbei, der mit Yps zurückgekommen war. „Du verwahrst das Haus. Wenn wer kommt, nimm Aufträge vorbehaltlich an. Einer soll den Stall in der Stadtherberge fertig machen. Kannst ja mal gucken, wie es geht. Dann riegele gut ab.“ „Keine Sorge, Meister.“ Barthomas fühlt sich geehrt, im Beisein seines Vaters den Auftrag zu erhalten. Jarath stößt natürlich nach: „Mach‘ mir alles gut.“ Jener weiß, wie es der Vater meint. Er gibt Yps einen Klaps: „Nur nicht bang, ich stehe hinter dir.“ Der Knabe lächelt fein.
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