Abschied. Auf der Höhe ist der Himmel nah!
5. Kapitel
Das Jahr 765 bringt Yps viel Leid. Er ist fünfzehn und sehr klug geworden. Die meisten Templer kennen das Gesetz dem Worte nach, er sinngemäß. Neulich fragte Abelu, wie es käme, daß er auf die Fragen allzeit eine rechte Antwort wüßte. Yps hatte leis gelächelt: „Das gehört zum Priestern, wie es meine Mutter tat.“
Es ist am Vortag, ehe er zur Schule kommt. Man sieht ihn ungern scheiden, ja man kann sich Gibea ohne ihn kaum denken. Om-Sabra, der nur noch seinen Volksrat führt, von Jarath als Ortsältesten kräftig unterstützt, schenkt Yps ein schönes Schulgewand. Als Maphia auch noch eines bringt, wird er glührot. Soviel Freundlichkeit verdient er nicht. Bisher hat er der Gemeinde nur gekostet.
Er fragt verlegen: „Ein Kleid ist genug; soll ich das zweite einem Armen geben?“ „Das überlasse Reichen! Du sollst nicht der Ärmste in der Schule sein, daß du nicht verspottet wirst. Sieh“, räuspert sich Om-Sabra, „du bist uns kein Fremdling mehr. Gibea ist deine Heimat.“ Yps umarmt den Wackeren und alle Geber.
„Das soll euch vergolten sein! Ich dachte, daß man vor GOTT nur ein Gewand besitzt und es nicht beliebig wechseln kann wie man es will. ER sieht, was darunter ist! Und man soll sich nicht mit viel Gewandung tarnen.“ Abelu sieht seinen Schüler an. O, Schüler darf er kaum mehr sagen. Viele Lebensrätsel gab er dem Gelehrten auf. Und welche Wahrheit vom Gewand! Ihm zumeist wird der Junge fehlen. Doch er bescheidet sich. Yps hat das Zeug dazu, sehr hoch zu steigen. Er will erleben, wenn sein Schüler Hoherpriester wird.
Um den Abschied zu erleichtern, lacht Jarath: „Jerusalem liegt in der Welt. In den Ferien kommst du heim, lieber Yps.“ Maphia hat ein Essen vorbereitet und man ist bemüht, heiter zu erscheinen. Yps ist der Fröhlichste von allen. Freilich — seine Augen darf man nicht ergründen.
Da kommt Om-Sabras Enkelkind herein, ein liebes Ding, quecksilbrig und voller Streiche. Man nennt es deshalb Quirl. Hisrael nimmt die Neunjährige auf ihren Schoß. „Wo kommst du her?“ „Von draußen“, lautet die erschöpfende Antwort. Olley zeigt auf Yps: „Ich weinte fast den ganzen Tag; er muß ja fort. Nun hab‘ ich keine Tränen mehr, und ich wollte sie ihm zeigen.“ Alles lacht. Yps schlingt wie ein Bruder seine Arme um das Kind und sagt lustig.:
„Quirl, fange bloß nicht wieder an! Ich komme wieder und bringe dir was Schönes mit.“ Der ‚Quirl‘ sieht aus wie Regenwetter: „Das dauert ja so lang!“ „Ungeduld, ich kann es senden.“ „Na ja“, meint Olley, „das ginge an. Aber wenn du es vergißt?“ „Nicht!“ Es drückt ihn auch, die Kinder zu verlieren, die alle zu dem ungeschickten Träumer kamen; und hat immer helfen können, wenn — es niemand sah.— Abelu und Yps wollen ihren Abschied auf dem Hügel halten.
Wortlos wandern sie. Erst droben fangen sich die Herzen ein. Yps ergreift des Lehrers Hand. „Rabbi, hier und zu dieser Stunde will ich dir von ganzer Seele danken. Du hast mich vom Tod errettet, mich gelehrt und mir einen Weg geebnet, der . . . mich das Ziel erreichen läßt.“
Der Rabbi fällt schnell ein: „Du hast gestockt, ehe du vom Ziele sprachst. Warum?“ „Altvater, darf ich ohne Hemmung sprechen?“ „Du betrübst mich nicht, dein Sinn ist rein. Das muß . . . auch von deiner Mutter stammen.“ „Seit einem Jahr ist Mutter oft bei mir.“ „O Yps, Tote ruhn in ihrem Grab, bis der Erlöser einstens alle weckt.“ (Hes. 37, 12-14; Joh. 5, 28-29) Den Jungen schüttelt es.
„Die Satzungsmauer ist kaum zu überwinden. Ehrwürdiger, zu den Vätern kamen oftmals Engel, und gute Menschen gehen ein ins Licht. Warum sollen sie — lebend — nicht erscheinen können (1. Sam. 28, 11-12)? Geht unser Leben nur von dieser Erde aus? Gab es zuvor kein anderes?“ „Wer weiß es so genau?“ Eine stille Frage. Yps Augen werden hell; er priestert, während Abelu leise seufzt: ‚Wenn ich — der Priester — priestern könnte wie jene Frau und wie ihr Sohn, dann — —‘
„Man prüft nicht; nein“, verbessert Yps, „man will es nicht, es beengt das Leben dieser Welt. Denn wer es glaubt, muß danach tun. Sahest du den Tempelobersten am Passahfest? Gold, Edelstein, Purpur, Scharlach, Silber, Perlen und Brokat trug er zur Schau!“ „Das ist keine Schau,“ berichtigt Abelu, „das ist Gottes Würde, die er beim Amt an Dessen Stelle zu vertreten hat. Vor dem Herrn soll man sich schmücken; denn heilig ist Sein Angesicht.“
„Schmücken? Welcher Schmuck gefällt Ihm mehr, der des Herzens oder der am Kleid?“ Abelu entgegnet: „Da bleibt keine Frage offen, was dem Höchsten lieber ist. Aber möchtest du zerlumpt und ungewaschen Ihm begegnen?“ Ein herber Zug gräbt sich um des Knaben Mund. „Sage mir, wäre ich verschmutzt, in Lumpen Gott begegnet, weil ich ohne Heimat war, wäre Er vorbeigegangen, hätte sich mein Geist vor Ihm geschmückt?“
„Junge!“ Erschrocken fährt der Alte hoch, „ich . . .“ Yps begütigt ihn. „Aber muß er sich so putzen, daß er vor Prunk kaum gehen kann? Sein Gesicht war kalt, nur die Augen gingen hin und her. Wohl pries er Gott mit lauter Zunge und die Stimme klang geschult.“ Da steigt am Horizont die Himmelsmauer hoch, erhaben, wunderbar. Der junge Seher ist erschüttert; er tut, wie seine Mutter tat und stammelt:
„O Heiliger, wer kann Dich preisen, Deine Macht verkünden, die Deine Herrschaft ewig hält? Wer kann Deine Ehre kleiden? Wo ist die Kraft, die Träger Deines Namens ist? Gib Dein Licht in meine Seele, Deinen Geist in meinen Geist, stelle Deine Bahn über meinen Pfad. Halte DU den Bogen (0J. 6, 2) ewiger Barmherzigkeit und laß die Gnade zu den Menschen kommen. Herr, schließe alle ein!“
Hinter Yps steht zitternd Abelu. Welche Macht geht von dem Knaben aus! Oder käme sie vom Ewigen und fließt nur über das Gefäß, aus Geist und Blut dem Herrn bestimmt? ‚Gesicht‘ nannte es der Mann, dessen Frau gepriestert hat. Yps kann es auch. Ah, den lächerlichen Namen will er nicht mehr nennen; vor ihm steht kein Kind der Welt. Wie recht hatten seine Eltern aufzuschreiben: ‚Sein Name geht vom Himmel aus‘. Der Entrückte wendet sich auf einmal um.
„Ich soll dich grüßen“, sagt er heiter. „Von wem?“ staunt Abelu. „Von meiner Mutter.“ Der Alte greift sich in sein Haar. „Du gibst mir Rätsel auf, mit denen ich nicht fertig werde.“ „Das ist kein Rätsel“, erwidert Yps. „Wo sich ein Herz von dieser Erde scheidet; ist es im Reich, auch wenn der Mensch noch lebt. Dort gibt es keine Trennung, dort eint man sich in höchster Harmonie.“
„Ich habe viel studiert und meine Weisheit wurde anerkannt. Was hilft sie nun, wo die Harmonie mir fehlt, an die — ich nicht recht glauben kann?“ „Du glaubst daran“, sagt der kleine Tröster. „Harmonie ist ohne Weisheit nicht zu finden. Die verbrämt einherstolzieren, sind nur Redner, die nicht wissen, was Armut heißt. Sie geben keinem Armen eine Hand, das sind für sie . . . Ach, lassen wir es jetzt.
Wer Gutes tut wie du, hat Gottes Licht. Die anderen bleiben in der Liebe arm, die ohne Weisheit nie die rechte Straße findet. Du hast schon längst gepriestert, Rabbi Abelu, hast‘s in Bescheidenheit nur nicht gewußt. Mutter sagt mir nun: Echtes Priestern beginnt da, wo man selber es nicht merkt! Das ist die Demutsstufe, ohne welche keiner priestern lernt. Die Weisheit offenbart, wo, wann, wie und ob man priestern darf. — Mutter hat es stets gewußt.“
„Mein Priestersein ist kein Priestertum; ich stehe tief unter ihr. Im Licht steht keiner hoch, nieder, nahe oder fern. Da hat jeder seinen Platz. Den Irdischen deckt das Licht in Freundlichkeit die Lücke zu. Asarja gewährt dir gnädig Audienz, wo du dich tief bücken mußt. Merkst du die Mauer mit den dunklen Steinen, die sich die Großen dieser Welt erbaut?“ „O höre auf!“ ächzt der Alte, „du zerstörst, was mir Jahrzehnte wahr gewesen ist. Dennoch ist‘s nun wie — ein Licht — das wohl auch von Mutter Sikha kommt.“
„Von GOTT kommt alles Licht! Die Boten bringen es uns nur. Aber auch die Bringer brauchen ihre Ehre, unseren Dank, sonst müßten sie mit leeren Händen vor die Gottheit treten. Sind wir nicht stolz und geben ihnen es, so wird durch sie der arme Ehrendank geläutert und kommt rein vor Gottes Angesicht.“ „Das alles lehrt sie dich?“ fragt Abelu erschüttert. „Siehst du sie denn?“ „Noch nicht, weil ich noch vor der Mauer bin. Doch im Herzen höre ich sie reden; denn im ‚Sitz des Geistes‘ kann man hören, was von Gottes Quelle kommt.“
„Grüße sie“, stottert Abelu. Das paßt in keine Anschauung. Die Templer würden höhnen: ‚Er ist morsch geworden, ihm verdreht sich seine Welt.‘ Ja — diese Höhe hat sie ausgelöscht. Er muß von vorn beginnen, wenn er, der seit vierzig Jahren Priester ist, priestern will. Als ob Yps dies spürt, streichelt er die welke Hand.
„Vater Abelu, du hast Mensch und Vieh geholfen. Denk‘ an das Kind der Fadenspinnerin, das die Rote Krankheit (Art Scharlach) hatte. Und des Schusters Esel, dem das Bein gebrochen war, hast du wieder hochgebracht. Der Esel kennt dich noch, wenn er dich sieht.“
„Das hat mit priestern nichts zu tun.“ „Doch, wenn es auch — Yps möchte seinen guten Lehrer nicht betrüben — auch nur die erste Stufe ist. Aber sie ist wichtig“, eifert er, „ohne diese kommt man nicht hinein. In der Lehre bist du hoch. In der Lehre“, wiederholt er fest, „kann dir der Hohepriester nicht das Wasser reichen.“
„Nicht so! Wenn man das hört, muß ich vor den Rat und . . .“ Yps beruhigt ihn: „Ich kann schweigen. Nun geh‘ ich gern zur Tempelschule; man muß die Falschen schlagen durch ihr eigenes Gesetz.“ Abelu mahnt: „Man muß im Priesterrat zu vielem schweigen, besonders in Jerusalem. Um die Provinz kümmert sich der Rat nicht sehr, da achtet er nur auf den Zins und daß zum Passahfest genügend Leute kommen, Ich blieb fern, um in Ruhe zu studieren. Doch du wirst ein Hoherpriester, wie das Volk noch keinen sah.“ Gelassen schaut der Knabe drein.
„Begrabe deinen Traum, er ist kein Gesicht.“ „Etwas muß doch aus dir werden!“ ruft Abelu verzweifelt aus. Doch da dämmert‘s ihm. Er sieht halb auf Yps, halb zum Horizont, der auch ihm zur Gottesmauer ward; „Gott rief Samuel dreimal, bis Eli merkte, daß Gottes Geist im Kinde war (1. Sam. K. 3 u. 7). Samuel war beides: Richterpriester und Prophet. Und du — vielleicht —“ Abelu tastet nach dem Stecken. „Laß uns gehn, die Sonne sinkt.“ Es klingt sehr betrübt.
Yps schluchzt auf: „Rabbi Abelu, wie schwer gehe ich von dir, und von allen anderen. Ja ja — die Sonne sinkt, und es kommt wohl eine dunkle Nacht.“ Wieder wortlos machen sie sich auf den Weg.
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