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Kap 4 – Wie man Vertrauen sät und Vertrauen erntet


Wie man Vertrauen sät und Vertrauen erntet

4. Kapitel

Abelu geht nach Michmas und nimmt seinen Schüler mit. Da lernt der Land und Leute kennen. Er möchte gern, daß Yps sich ihm mehr öffnet. Doch nach dem Gespräche mit Om-Sabra war er verschlossener denn je. Barthomas weicht er aus; freilich, weil er nicht verraten will, was noch keinen Boden hat.

Fünf Tage sind sie unterwegs. Auf dem Heimweg kommen sie zur alten Siedlung. Plötzlich faßt Yps nach des Lehrers Hand. „Bitte, Rabbi, lasse uns zur Hütte steigen.“ Er zeigt hinauf. „Auch eine Bank ist droben.“ Abelu hat keine Lust, nach der mühevollen Wanderung noch hochzusteigen, zumal bis Gibea es eine gute Stunde ist. Und unten gibt‘s zur Rast genug Gelegenheit.

Er will verneinen; doch der Knabe, der ihm um so größeres Rätsel wird, je mehr er sich mit ihm befaßt, sieht ihn bittend an. „Nun gut“, meint er, aber so, daß es ihm ein Opfer sei, was man seiner Jahre wegen kaum verübeln kann. Genau so faßt Yps es auf. Er schiebt seine schmale Schulter unter Abelus Arm. „Stütze dich“, sagt er, „es soll dir nicht beschwerlich sein.“

Abelu schweigt, merkt aber, wie gut Yps hilft. Oben angekommen, schnauft er freudig: „Ich wußte nicht, daß man von hier aus so weit sehen kann. Ein schöner Blick.“ Yps zerrt die Bank heraus. Abelu hat den Ritz entziffert, der stolz über dem mehr höhlen- als türartigen Eingang prangt. Er lächelt. Beinah zärtlich drückt er Yps an sich. Der schaut auf, erschreckt, beseligt. So — — so war‘s daheim. Und da fließen ihm die Tränen.

Der Mann hält still. Ist das Brünnlein ausgelaufen, wird sich ihm die Seele öffnen. Er spürt Wunderbares kommen. Verstohlen schiebt Yps seine Finger in des Rabbi Hand, dem er so dankbar ist, wie ihm dafür kein Wort genügt. Leise fragt der Alte: „So saßest du bei, Vater und bei Mutter, nicht wahr?“

Das lang Verhaltene bricht aus, was Menschen unbarmherzig aus dem Kinderland gerissen hatten. „Vater war so gut. Ich war klein, doch er redete mit mir wie mit einem Mann, deren viele zu ihm kamen. Ja bei denen deckte er oft zu, was in ihm war. Und – ich glaube, das meiste war von meiner Mutter. Oh . . .“ Yps verstummt. Der Rabbi hütet sich, jetzt ungeschickt zu fragen. Der Schlüssel dreht sich langsam um, etwa öffnet sich die Tür noch ganz.

Ach, könnte er durch die Vertrauenspforte gehen. Und es geschieht das Wunder. „Mein Mütterlein war gut, es gibt keine Frau wie sie. Ich habe viel von ihr; nur das Träumen ist mein Fehler. Den hatte Mutter auch, aber immer war es wundersam. Nie sagte Vater ‚Traum‘ dazu; er nannte es ‚Gesicht‘.

Einmal war die Nachbarin erkrankt, man hatte schon die Bahrenfrau geholt. Die Tochter kam laut weinend. Mir tat sie leid; ich stupste Mutter an. Da bekam sie ihre hellen Augen, gerade so wie ich, und sagte: Gehe heim, Naemi, morgen ist‘s mit deiner Mutter gut.‘ Sie ging in ihre Kammer. Ich durfte nie hinein, und auch Vater tat es nicht. Er sagte nur: ‚Sie priestert‘. Die Frau war gesund geworden. Von da an wurde Mutter sehr geliebt. Nur vor ihrem Tod ließ sie mich einmal schauen, was sie tat.

Und — als Vater starb, da konnte sie nicht priestern. Ich wußte, was das Leid bedeutet, wenn jemand stirbt und quälte sie, warum sie es nicht tat. Sie bekam ganz weiße Augen, wie Licht, und sagte: ‚Wo GOTT den Faden abgeschnitten hat, darf man nicht priestern. Wer es dennoch tut, versündigt sich an Gottes Kraft.‘

Ich wollte wissen, wann man es tun darf und wann nicht. Sie küßte mich und sagte, ich lernte es, wenn ich mich allen Göttern in der Gottheit opferte. Viele priesterten drauflos, gegen Krankheit, Übel oder Tod und wüßten nicht, wie falsch sie handeln. Es stünde alles im Gesetz. Ich bat um das Gesetz. Sie küßte mich zum zweiten Male innig und . . . es war . . . ihr letzter Kuß.“

Yps schluchzt lang, ehe er denn Faden weiterspinnt. „Mutter sagte, in ihrem Land sei das Gesetz nicht aufgeschrieben; das bekämen die ins Herz, die sich erwählen oder sich durch viele Lebensmühe rufen ließen. Sie hing mir eine Tafel um, gebot, sie niemandem zu zeigen und an der Totenbahr zu wachen. Ich hatte keine Angst. Unsere Magd brachte eine Speise. Da kam ein Feuerschein und ich ahnte nicht, was er mir rauben würde.

Auf einmal kam der Älteste und rief: ‚Gut, daß sie sich gerichtet hat, sie wäre sonst gesteinigt worden!‘ Die Magd erklärte mir das Schreckliche. Da haßte ich die Menschen und — und ihren Gott, der Unschuldige steinigen ließ, Vater wurde nur verscharrt, er hätte eine Hexe mitgebracht. Zum Unglück verendeten ein paar Tiere; da hieß es: Mutter habe sie gehext. Der Älteste nahm alles weg was im Hause war, sogar das Brot.

Mich bedrohte er mit Hurenhund; der Priester sagte Hurenhund; die Leute riefen es mir nach. Der Templer schrie: ‚Mit eigener Hand hätte ich das Weib gesteinigt!‘ Und wieviel Gutes hatte sie getan, daß alle sagten: ‚So kann bloß eine fremde Fürstin handeln.‘ Mich trieb man fort in dunkler Nacht.“

„Und dann?“ „Ging ich weit. Am großen See waren gute Fischer; die hätten mich behalten, doch ich konnte keine Fische in den Bottich tun. Dann — habe ich fast nur gehungert und geweint.“ „Das Leben ist meist hart“, sagt Abelu, „wenige verstehen, daß es ein Segensdasein ist. Nur lerne dich mit Gott versöhnen und glaube nicht an Götterei. Es gibt nur einen Gott!“ „Und der gebot dem Priester, eine Unschuldige zu steinigen, wenn sie nicht die reine Flamme vorgezogen hätte?“ Yps lacht verächtlich auf.

„Ich begreife dich.“ Abelu liebkost das Kind. „Bedenke aber: Was Menschen tun und glauben, ist nicht immer das Gesetz, der Wille Gottes. Ich hätte Sikha nicht gesteinigt und diene doch demselben Gott.“ „Du bist auch ein Rabbi“, eifert Yps, „die anderen sind bloß Priester!“ Der Alte lächelt: „Was ist der Unterschied?“ „Du bist ein Gotteslehrer; die anderen — reden nur.“

„Nicht übel ausgedrückt.“ Abelu nickt. „Aber höre: Priester sein ist nicht so leicht. Du wirst es lernen, hast es ja von deiner Mutter her im Blut.“ „Ich mag keiner werden“, wehrt sich Yps. „Was dann?“ Des Jungen Blick wird dunkel. „Priestern, was Mutter aus dem fernen Lande mitgebracht und Vater auch ein wenig konnte, ist was ganz anderes. Ich kann es nicht erklären, es ist — Man muß hinter jener Mauer sein, dann weiß man es.“

„Welche Mauer?“ „Die!“ deutet Yps zum Horizont. „Heute zeigt sie sich zum dritten Mal.“ Der Rabbi sieht nur eine Wolkenwand. Meint Yps das? Er prüft das kleine ganz verklärte Angesicht, dessen Augen unverwandt das Himmelsbild betrachten.

„Erkläre mir die Mauer“, regt er behutsam an, „ich kann nicht priestern und sehe es nicht so wie du.“ Er zertrümmert nicht das feine Bild. „Sie ist wunderbar“, zeichnet der kleine Seher. „Der Gott des Lichts hat sie aus Sonnenstoff gebaut. O ich weiß: Es gibt nur einen Gott, an den auch meine Mutter glaubte. Sie beschrieb Ihn aber anders, vielmehr — sie trug Ihn anders in ihrer Brust,“ „Sie hat ihn wohl ganz echt in sich getragen“, murmelt Abelu vor sich hin. Der Knabe hört es nicht.

„Ich muß warten, bis ich soweit bin. Vater würde sagen: ich sei noch nicht reif.“ Ein Seufzer, „Außer dir, Rabbi, bauen die Redner fremde Mauern auf. Und sonderbar: Diese dort, so fern“, deutet Yps zum Himmelsrand, „ist nah — und wäre mir viel näher; doch dazwischen droht die Mauer eurer Satzungspriester, die keine Schutz-, keine Gottesmauer ist. Da stößt man sich an jedem Stein.“

Abelu steht unvermittelt auf. „Komm, es ist für dich zu schwer. Nun weiß ich aber, was dir fehlt. Und ich, der Mann, danke dir für dein Vertrauen. Willst du mir‘s immer überlassen?“ Da schlingt Yps unversehens seine dünnen Arme um des Lehrers Hals. „Dich verehre ich, Vater Rabbi, und was du über mich bestimmst, das will ich tun.“ Abelu küßt den Jungen, wie er annehmen möchte, so habe dessen Vater einst getan.

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