Kapitel 28
Wie Sturmwind braust die Zeit dahin. Oder sind es Menschen, die das Eilige diktieren?, fragt sich‘ Daniel, auf des Schlosses Söller ruhend. Die liebe Durahöhe, der Blick in weite Ferne, das Silberband des Euphrat er wird es bald verlassen müssen. Trauert er darüber? Nein es ist das jauchzende Gefühl: Heim — es geht heim! Zuerst ins Jordanland; aber dann, dann — —
Des Himmels Blau ist hochgewölbt; dort hinauf gehen die Gedanken Daniels. „O Herr, durch Deine Gnade durfte ich mein kleines Soll erfüllen. Ich murrte ob der Mühe, mir oft rechtlos aufgehalst. Oder ist‘s DEIN hehres Recht gewesen? Mein Gott, vergib das Viele, was bei mir danebenging!“
„Sehr viel ist es nicht gewesen.“ Wer — was — wo? Er springt auf: ER — oh, ER! Vor ihm steht das Licht, so nah; bloß die Hände braucht er auszustrecken, um sich am Gewand des Vaters festzuklammern. „Darf ich das?“ Die Lippen beben.
„Warum nicht, Mein Kind?“ fragt Gottes warme Stimme. „Ja ja; aber wenn Du unsichtbar erscheinst? Wie ist es dann bestellt?“ „Nicht anders, Sohn aus Meinem Weisheitshaus! Echt gläubig seine Hände zu Mir heben, das Herz in Liebe Mir zu weihen, immer dienstbereit zu sein, das ist ebenso Mich angefaßt, so wie du jetzt die Finger in Mein Kleid verkrampfst.
Das Innere ist das Höhere. Wo es mit dem Äußeren sich eint, ist das Zeichen für die Heimkehr, auch für einen neuen schweren Dienst. Für dich beides! Nebst Treuen sind manche Böse hiergeblieben, die ihr ungerecht erworbenes Gut behalten wollen. Für diese setze Ich dich nochmals ein. Du wirst viel Mühe haben; allein — Meine Gnade wiegt die Mühe tausendfältig auf. Mein Geist hat dich beschattet und wird allzeit bei dir bleiben bis ans Lebensende auf der Welt. Bist du des zufrieden?“
„Ja, Mein Vater-Gott!“ Inbrünstig ausgerufen, um ohne weitere Worte Ehrfurcht, Dank und Liebe darzutun. Gott segnet Daniel. Im heilig-sanften Wehen geht das ‚Hohe Licht‘ davon. Still versunken bleibt der Mensch zurück; aber wie ein langer Feuerstrahl (7, 10) loht es zwischen Licht und Mensch. — Bald tritt die Welt gewaltig wieder in den Vordergrund.
Der alte Burgwart ist gestorben, der neue meldet mit verhaltener Stimme: „Fürst Daniel, ich will nicht stören; doch man murrt, du stündest ja im Amt als Herr von Babel und dürftest nicht so träge auf dem Söller liegen. Gern hätte ich die Bande fortgejagt. Aber das erlaubst du nicht.“
„Geschmeiß kommt immer wieder. So ist‘s mit manchen Leuten. Da muß man Nachsicht üben, bis sie merken, was sie sind.“ „Die —?“ So lang gedehnt, daß Daniel herzlich lacht. „Ja, die! Nur wollen viele nicht“, seine Mienen werden ernst. „Als letzte Hilfe müssen sie sich selber überlassen bleiben.
Sei nicht verwundert. Wer sich nicht helfen lassen will, den läßt Gott ohne offenbare Gnade in ein Unglück laufen. So wird die arme Seele reif, des Lichtes Rufen zu vernehmen. Dauert es auch oftmals lang, bis sie aus der Sündengrube auferstehen — die Himmelsleiter steht bereit, auf der die Seele — meistens mühsam — aufwärts klimmen kann. Verstehst du das?“
„Nicht ganz. Aber hörst du sie im Hofe zanken? Das ist bloß ein Pack!“ „Es sind die Ärmsten meines Volkes (Luk. 12, 16-21), Kamasy.“ „Arm? Der Wanst ist dick, die Kästen fließen über und . . .“ „. . . das Herz ist öd und leer. Führe sie nun in den großen Saal.“ „Hach, der kleine wäre noch zu gut für diese —“ gestikuliert der Meder vor sich hin.
Man grüßt Daniel tief, mit scheelem Blick. Er übersieht das eine wie das andere. „Du hast uns aufgefordert“, sagt der Erste böse, ‚unsere Häuser zu verkaufen, um heimzukehren. Das Land Kanaan ist uns kein Begriff. Wo wir geboren . . .“ „. . . und reich geworden sind“, unterbricht Daniel mit leiser Schärfe. „Was geht‘s dich an? Kümmere dich um deinen Tand, den du auch nicht hergetragen hast!“ zischt einer laut dazwischen.
„Sehr wahr, Sotai! Mein Reichtum stammt von Nebukadnezar, Kores und von Darius. Sie hatten einen echten Glauben an den Gott unsrer Väter, Der — in diesem Sinne so gesagt — nicht euer Gott und Vater ist. Ihr habt kein Recht, mir etwas vorzuwerfen.“ „Du aber uns?“ „Genau! Ihr sagt, ich hätte als der ‚Herr von Babel‘ für euch da zu sein. Nun, ich bin es jetzt. Hasupha hat einen Babylonier arg betrogen, und ich habe diesen Diebstahl ausgewetzt. Pochereth hat mit Wucherzins in Persien und anderwärts sein Geld vermehrt. Das hat Kores ausgeglichen.
Soll ich Hodadja, Pelajar, Ranza und Sotai noch nennen? Ich weiß schon, was geschieht und . . .“ „Sage ja nicht jetzt, Gott würde dir es künden!“ bellt Sotai. Ein Blick läßt ihn verstummen. Pochereth höhnt trotzdem weiter: „Du bist zwar ein Prophet, aber vieles wird dir zugetragen; da ist es leicht, als ‚Seher‘ aufzutreten.
Der Gott der Väter ist nicht unser Gott, der alte Bund geht uns nichts an. Unsere Freiheit muß der Schöpfer respektieren! Hat ER bestimmt, ist‘s des Schicksals Lauf gewesen, daß wir hier geboren wurden? Gibt Er nun oder du die Order aus, in ein uns unbekanntes Land zu ziehen? Sieh selber, was von Gottes Allmacht für uns übrig bleibt!“
„So so! Das denkst du dir zurecht?“ „Jawohl; denn ich bin auch Prophet und sage an, wie das Verhältnis zwischen Gott und Mensch besteht.“ „Und ihr anderen?“ fragt Daniel gelassen. „Pochereth ist unser Führer für den freien Geist.“ „Sagt ihr wirklich ‚Geist‘? Ihr habt hier in Babel bei den Leuten groß geredet; aber achtet auf: In Gottes Auftrag habe ich gewartet, bis euere Giftsaat aufgegangen ist. Denn schlecht läßt sich der Same aus dem Erdreich nehmen; ist er aufgegangen, so jätet man das Unkraut mit der Wurzel aus. Dann verbrennt man es.
Das Feuer ist schon da; denn — paßt auf! — euch ist‘s nicht mehr erlaubt, zurückzukehren! Niemand nimmt euch euere Habe ab, keine Karawane führt euch heim. Ihr habt euch selber fremd gemacht; daher bleibet fremd, bis euer Unkraut samt dem Samen ausgerottet ist! Im zweiten Monat halte ich den Landtag ab, wie ihn Josua einst hielt (Jos. K. 24), für ihn der erste und zugleich der letzte, für mich der letzte hier in Babylon.“
Ranza höhnt: „Hast du schon einen Käufer für dein Duraschloß?“ „Das wird nicht verkauft; denn arm bin ich zum Euphratstrom getragen worden, arm kehre ich ins Jordanland zurück. Arm kommt der Mensch zur Welt, vermögenslos wird er beim Tod zu Grab getragen! Äußerlich — das eine wie das andere.
Den Herzensreichtum, den ich vom Licht herniederbringen durfte, nehme ich beim Auszug mit: nach Kanaan, dem Symbol der Gottesstadt ‚Licht-Heilig‘! Etwa hilft euch dieser Hinweis, zur rechten Zeit die Umkehr zu bedenken, damit ihr einst nicht nackt und bloß vor Gott erscheinen müßt — als arme Seelen, sobald für euch die letzte Lebensglocke auf der Erde schlägt.“
Daniel geht mit stummem Gruß hinaus. „Ich versalze ihm den Landtag“, grollt Sotai, als sie das Schloß verlassen. Pelajar, etwas gemäßigter, duckt den Kopf: „Ob uns das gelingt? Es kann uns auch wie denen einst bei Josua ergehen.“
„Laß das Alte! Wenn einst ein Großer etwas sagte, so war‘s das ‚Sela‘ wie in Davids Psalmen, die man heutzutage nicht mehr singt. Wir lassen uns nicht mehr wie Kinder gängeln. Ihr werdet sehen, was ich fertig bringe; alsdann wird er wirklich seinen letzten Landtag halten — nicht so, wie ihr eben denkt; sondern vor dem Volk lernt seine Zunge schweigen.“
„Du willst ihn . . .“ „. . . töten?“ Verächtlich ausgestoßen. „So dumm bin ich nicht, Pelajar, obwohl — —“ „Ich bin nicht für ihn“, sagt Hasupha, „doch ihn töten?“ „Ihr Sorgenkinder! Wer ihm am Kleiderzipfel hängt, der bleibe mir vom Hals!“ Ja, die hergeholte Ansicht ihres Glaubens — ? O, eine äußere Fassade, um — uneingestanden — das Gewissen nicht zu hören.
Daniel bereitet sich im ernsten Flehen vor, um den Sieg für Recht und Glauben zu erlangen. Wie weggetragen von der Welt sieht er, was werden wird. Die Große Babylon hat sich in Juda ausgebreitet. Viel böser Same wurde heimgeschleppt. Was er sieht, wird ihm weltlich durch Berichte kundgetan, nicht umgekehrt. Erst die Schau und dann die weltliche Bestätigung.
Eine Glocke mahnt zum Essen. Ach, das Äußerliche drängt sich oft ins Geistige hinein, wie eben, wo sein Geist im Lichte weilt. Kommt heute schon ein Sieg? Am Morgen spürte er ein Neues. Da — Kambasy stürzt aufgeregt herein.
„Herr, prächtige Stafetten scheinen einen hohen Gast zu melden.“ „Bereite uns den Tisch im goldenen Saal, den Königsstuhl mit dem blauen Löwenfell, den Kores innehatte. Du weißt Bescheid.“ Der Meder ist erfreut; ein Lob des Fürsten ist ihm eine Ehre. Für sich allein spricht Daniel:
„Es wird Cyrus sein. Ich habe ihn schon längst erwartet; nur war in Persien das Regiment im Schwanken. Jetzt wird wohl alles glatt verlaufen.“ Vier Stafettenreiter treten ein. Sie stehen straff, es sind auserlesene Leute. Daniel grüßt freundlich, wie sie es an einem Herrscherhof noch nie erfahren haben. Sonderbar berührt, grüßen sie den Fürsten ehrerbietig.
Der Erste salutiert: „König Cyrus, dem Bel ein langes Leben siegreich machen wolle, ist auf dem Weg zu dir. Er fand vieles nicht zufriedenstellend vor und will prüfen, wem das zur Last zu legen sei. Dein Name ward genannt. Der König hat von Kores Briefe, die von der ‚Hoheit deines Geistes und dem Können‘, wie geschrieben steht, berichten. Halte dich bereit, mit ihm heute oder morgen nach Babylon zu reiten.“
„Wann trifft der König ein?“ „In zwei Stunden.“ „Bis dahin sollt ihr ruhen und bewirtet werden.“ „So freundlich sind wir nirgends aufgenommen worden“, sagt der Stafettenführer. „Du bist so — wie soll ich‘s nennen?“ „Das erfährst du noch“, lächelt Daniel. Er hat genügend Zeit, um sein Gewand zu wechseln, den goldenen Saal zu inspizieren, und den königlichen Raum, den Darius und Kores stets bewohnten. —
Helle Hörner und klingende Fanfaren künden Persiens König an. Er reitet einen reichgeschmückten Zelter, sein Gefolge in der Pracht des Landes. Daniel steht am Portal, eilt auf Cyrus zu, um ihm aus dem Sattelbord zu helfen. Cyrus ist noch jung und sehr gewandt. Mit einem Sprung landet er vor Daniel, hält diesen auf, als der sich bücken will und sagt:
„Nicht so, Freund des Darius! Ehe ich dein Haus betrete, bitte ich: Hilf mir darin, was einem Kores sogar schwergefallen ist. Die Babylonische Provinz macht viel zu schaffen. Neben Reichtum zeigen Stadt und Land Verlotterungen aller Art. Willst du mir helfen, so bin auch ich — wie Darius — dein Freund.“
„Deine Bitte zu gewähren, König Cyrus, ist mir eine liebe Pflicht und meine Ehre. Sei mein Gast, ich bin dir gern zu Diensten.“ „Das gilt!“ Cyrus wendet sich an sein Gefolge, das — abgesessen — still verharrt. „Habt ihr das gehört? Das ist ein Fürst, der nicht lange zaudert, sondern sofort weiß, wie er sich verhalten muß. Daran könnt ihr euch ein Beispiel nehmen.“
O ja — niemand würde dem Befehle trotzen oder gar ein Widerwort verlauten lassen. Aber ruht darin die echte Treue? Cyrus gibt sich keiner Täuschung hin. Nur wie Kores tat, dachte er nicht nach, ob zwischen Volk und König eine freie Menschlichkeit das Zepter führen könnte, ohne daß das königliche Vorrecht einen Abbruch leidet. Das Schloß gefällt ihm gut. Neben schlichter Schönheit birgt es jenen Reichtum, der nicht prahlt.
„Bei Bel!“ ruft er begeistert aus, „vieles hörte ich davon; aber was ich sehe, überbietet jede Mär. Ist das bloß dein Werk, Fürst Daniel?“ Der Befragte lächelt: „Ja, König Cyrus, ich habe es mir eingerichtet. Prunk, der belastet, aber nicht verschönt, habe ich verkauft und den Erlös . . .“ „. . . in deinen Truhen fest verwahrt? Man sollte auch so handeln.“
„Erlaube einen Widerspruch. Der Erlös galt Armen meines Volkes, dessen Rest seit achtundvierzig Jahren hier in Babel wohnt. Auch manch Perser hat sein gutes Teil erhalten.“ Cyrus zieht die Brauen hoch. Na so etwas! Auf solcherlei Gedanken kann wohl nur ein Jude kommen. Er — ein König — würde nie so handeln. Nun, jedermann nach seinem eigenen Geschmack.
Grimassieren unterläßt er aber nicht. „Täte jeder so wie du, wo bliebe eine Grenze zwischen arm und reich?“ „Muß es solche geben? Selbtsredend soll der oberste Regent ein Vorrecht haben, in der Ausübung der Macht, mehr in seiner Arbeit für das Volk! Was er für die Untertanen tut — im Guten —‚ kommt vom Volk vervielfacht auf den Thron zurück.
Ein Thron zerbricht, dessen Füße ‚Machtwahn‘ heißen. Judenkönige und andere geben dafür sichersten Beweis. Doch“, unterbricht sich Daniel. „ich bitte dich und deine Edlen an den Tisch.“ „Auch mein Gefolge?“ „Bei mir gibt‘s keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch. Dabei hat das Rechtsverhältnis zwischen Herr und Dienerschaft noch nie gelitten.“ Cyrus kommt es eigenartig vor; dennoch findet er sich zu dem ‚sonderbaren Manne‘ hingezogen. Daniels Bitte ist ihm lieb, nichtb ,Fürst‘ zu ihm zu sagen, er wäre nicht erst vor der Pforte ihm ein Freund geworden. „Ich habe längst auf dich gewartet, König Cyrus.“
„Warum bist du nicht zu mir gekommen? Du bist mein Vasall!“ Ist das eine Drohung, die den Seher fangen soll? Ernst sieht er den König an. Cyrus blickt verwirrt vorbei. Nicht der Jude, nein — der Perser ist gefangen. Er hört liebe Worte, die sein Ohr erreichen und — sein Herz.
„Kores machte mich zum freien Fürsten; und nicht bei Darius noch Astyages war ich ein Vasall. Dem Letzteren half ich in seiner armen Todesstunde (Kap. 19). Als freier Fürst hatte ich zu warten, bis du mich zu dir berufen würdest; als was?, Freund, Helfer, oder Diener lag bei dir.
Zudem bin ich alt und eine große Reise liegt vor mir, zurück ins Land der Sehnsucht.“ Daniel denkt nur ans Reich des Lichtes. Noch kann ein Cyrus bloß das Weltliche bedenken. „Wie willst du mir denn helfen, als mein Freund — hier hast du meine Hand —‚ wenn du mich verläßt?“
„Erst in zwei Jahren; da läßt sich vieles richten, daß du meinen Dienst entraten kannst. Günstig für den Augenblick.“ „Du hast die Heimkehr schon berechnet? Wieviel sind vom Volk noch hier?“ „Etwa fünfzigtausend Männer mit Familien, deren Rückzug bisher nicht ermöglicht werden konnte.
In unserm Lande stand kein Haus und keine kleine Hütte mehr. Das Jüdische ward ganz verwüstet samt den Fluren. Nur mühsam läßt sich alles wieder bauen. Nun — in zwei Jahren sind die siebzig voll, von denen Gott durch Seine Boten das verkünden ließ: ‚Siebzig Jahre in Gefangenschaft‘, davon zwanzig in der Fron in Kanaan, fünfzig hier in Babylonien.
Gott hat sieben Eigenschaften, aus denen Er Sein heiliges Gesetz auf Sinai gegeben hat — dem Judavolk, das aus eigenem Impuls ein Beispiel werden sollte, aus der Lehre, die zum Volke drang. Doch man vergaß die Zehn Gebote und die Eigenschaften Gottes. Daraus ergab sich zehnmal sieben Jahre. Mit Fug und Recht kann ich also in zwei Jahren heim, ins Land der Welt, das ich als Mensch nicht kenne, heim ins Licht, von wo ich ausgegangen bin — durch die Gnade Meines ‚Hohen Herrn‘!
Das zu verstehen lernst du noch, König Cyrus, wie es Darius und Kores lernten und wirst Gutes tun dein Lebenlang.“ Indessen ward die Tafel abgeleert. Man bricht auf, um nach Babylon zu reiten. Der Perser sagt zu Daniel: „Ich brauche dich in dieser Stadt, weil ich die Leute, ihre Sitten, ihr Verhalten nicht genügend kenne. Kann ich mich auf dich verlassen?“ „Ja.“ Keine noch so lange Rede hat den König jemals von der Ehrlichkeit von Worten überzeugt, wie eben dieses eine ‚Ja‘.
Cyrus läßt die Hofbeamten kommen. Nicht wenige wünschen sich ihr eigenes Regime; das persische Gebaren fremdet sehr, aber deshalb nur, weil es da ein Recht und Sitten gibt, soweit die menschliche Entwicklung reicht. Jeder zeigt sich unterwürfig. Ein Blick, mit Daniel gewechselt, zeigt dem König, was unter der devoten Beugung sich verbirgt.
Mehrere Tage gehen hin, angefüllt mit Gesetzerneuerungen, Prüfung vieler Klagen, von Hoch und Nieder vorgebracht. Ein Landverweser wird gewählt. Daniel hat das Anerbieten ausgeschlagen. Nun soll ein Fest die Bindung zwischen Persien und der Babylonischen Provinz verstärken, in dessen Abschluß auch ein Dienst im ‚Haus des Bel‘ gehalten wird.
Diener schleppen zwölf Malter Weizen, vierzig Schafe, drei Eimer Wein, Brot, Früchte und noch mehr herbei. Ein Belpriester legt die Gaben auf den weitflächigen Altar hin. Cyrus fragt erstaunt: „Das ißt Bel? In welcher Zeit?“ „An einem Tag, Gebieter dieser Welt“, erwidert Lysumacha, der Oberpriester Babylons. „Unglaublich! Bel ist wohl ein großer Gott.“
Cyrus kniet sich vor das Standbild hin; jeder tut es nach, außer Daniel. Lysumacha knirscht: „Wart‘, mein Jude, das kreide ich dir an!“ Dieser läßt die Priester scheinbar außer acht. Indessen merkt der Perser, daß Daniel aufrecht ihm zur Seite steht. Unmutig fragt er: „Warum betest du Gott Bel nicht an? Was ein König tut, sollten alle Untertanen tun.“
Kaum gesagt, fällt ihm ein, daß Daniel als freier Fürst nicht untertänig ist. Ruhig folgt die Antwort: „O, Bel ist kein Schöpfer aller Lebensdinge, zu Dem ich bete, für Den ich in die Löwengrube ging. Ein Lysumacha weiß Bescheid.“ Zwingend sieht der Seher jenen an. Der Priester schüttelt wild sein Haupt; er wird dem ‚großgemachten Fürsten‘ schon beweisen, wer er, der Oberpriester von ganz Babylonien, ist.
„Ich diene keinem Götzen“, spricht Daniel, „die Menschenhände formen. MEIN GOTT, der Schöpfer, ist von Ewigkeiten her, die man nicht errechnen kann, das LEBEN Selbst; aus Seinem Leben sind auch wir hervorgegangen.
Was Menschen bauen, ist vergänglich; was der Schöpfer schafft, das bleibt in Ewigkeit!
König Cyrus, im Winter sterben Gras und Laub; tritt die Sonne in die langen Bahnen, werden Feld und Wald und Wiese wieder grün. Wer tut denn das? Es ist mein Gott, der Lebendige, an Den sich keine Hand zu rühren wagt!“ „Das soll ich glauben?“ Cyrus sagt es mehr für sich. Unrecht hat der Jordanseher nicht; allein — er hat Bel öffentlich gedient, als König kann er sich nicht widersprechen und sagt daher:
„Wähnst du Bel denn nicht lebendig, daß er alle diese Gaben, von denen viele Arme satt zu machen wären, sich nicht einverleibt? Tote brauchen keine Speise!“ Wider jede Höflichkeit lacht Daniel ein wenig. Der König muß, wie Nebukadnezar, Kores, Darius, Astyages und andere, gerettet werden.
„Laß dich nicht verführen. Innen ist das Standbild Lehm, damit es mit dem Tische nicht zusammenbricht. Außen gab man ihm ein ehernes Gewand. Diese Lehmfigur hat nie gegessen, solange sie besteht.“ Da schreit Lysumacha wütend:
„Höchster König von der ganzen Welt, laß dich von dem Juden nicht verführen, der erst in Babylon zu Amt und Würden kam! Er hat die Könige falsch beraten, und das ‚Löwenwunder‘ wurde längst entlarvt! Du hast Bel angebetet; willst du nun, daß deine Anbetung vor unserm Volk nichts gilt?“
Das Gift wirkt. Zornig steht der König auf. Keine Freundschaft und kein Dank wird Daniel für seinen guten Dienst zuteil. „Ja, ihr Priester sollet zeugen, daß ich nicht umsonst Gott Bel geräuchert habe. Und du, Jude Daniel, sollst mir büßen, wenn du mich vor allem Volk erniedrigt hast!
Lysumacha, zeige, wie Gott Bel das Opfer ißt. Stimmt es nicht, so sollt ihr alle sterben; wenn er aber ißt, soll Daniel den Henkertod erleiden!“ Man ist entsetzt; nur Daniel tritt standhaft vor: „Dein Rechtsspruch gelte, König, freilich nur für mich, wenn ich dir die Wahrheit nicht erbringen kann. Die Priester aber lasse frei, wenn ihr Lügennetz zerreißt.“
„Das verspreche ich dir nicht“, grollt Cyrus, beeindruckt von des Sehers Unerschrockenheit. Die Belischen, die den Dienst versehen, tuscheln miteinander. Lysumacha sagt zu Cyrus: „Dein Gebot soll gelten, denn dein Zepter ist Gerechtigkeit. Vor deinen Augen legen wir die Gaben heute doppelt her. Dann versiegele selbst die Tür mit deinem Ring.
Stelle Wachen auf, daß kein Dieb die Opfer raubt. Morgen öffne selbst; und hat Gott Bel nicht alles aufgegessen, so laß uns samt den Frauen und den Kindern sterben.“ Daniel murmelt: „Arme Seelen!“ „Was sagst du?“ fragt Cyrus ungehalten. „Ich habe sie beklagt, die mit ihrem Leben spielen.“ Sehr ernst liegt der Blick des Sehers auf dem Perser. — —
Der Tempel wird geöffnet. Weh, weh! Daniel, beliebt bei vielen Babyloniern, ist verloren. Dieser sieht versonnen auf den leeren Altartisch, während Lysumacha hämisch grinst. „Dein Urteil?“ sagt er vorzeitig zum König. Cyrus sieht den Seher stumm verhalten an, Trauer in den Augen ob des Urteils. Der Oberpriester drängt, Daniel solle sofort sterben. Er aber richtet sich in einer Hoheit auf, die der Herrscher kaum versteht, die Hämischen erschrecken läßt, die Freundlichen verwundern macht.
„König, dein Spruch gilt, wenn sich beim zweitenmal die Wahrheit zeigt. Gideon, einer unserer Richter, bat sogar den HERRN, zweimal anzuzeigen, wie er handeln solle (Ri. 6, 36-40). Also laß das Recht vor Gottes Augen zweimal walten.“ Ohne erst ein ‚ja‘ des Königs abzuwarten, befiehlt er Lysumacha, wie tags zuvor die Opfergaben herzutragen — auch zweimal.
„Schließ‘ die Türe, König Cyrus, aber ohne Zeugen außer mir und meinen Treuen.“ „Warum?“ fragt der Perser böse. „Morgen früh wirst du erfahren, wer der ewig-wahre Gott und Schöpfer ist!“ „Du fürchtest keinen Tod?“ Eine ungewisse Frage. „Nein! Erstens wird er mich nicht treffen; wenn aber schon, dann geh‘ ich ein zu meines Hohen Königs Freude.“
Das Volk fängt an zu tumultuieren. Viele rufen laut: „Wer Babylon behalten will, muß tun, was Daniel befiehlt!“ In der Ungewißheit seines Regiments am Euphrat willfahrt Cyrus dem Begehr. „Geh‘ zur Türe und sieh zu, was wir jetzt tun.“ Daniels Knechte streuen Sand durch den ganzen Raum. „Wer hat den hereingebracht?“ zeigt Cyrus auf den Sand. „Wir, in dieser Nacht.“ „Du lügst! Mein Siegel war am Morgen unversehrt.“
„Morgen wird die Wahrheit offenbar!“ Der Perser untersucht den Bau; aber nirgends zeigt sich eine noch so schmalste Tür. Durch die Fenster, viele Meter hoch, gelangt man schwer ins Innere. Einen dreifachen Kordon postiert man um den Tempel. Selbst die Ablösung muß in der Nähe zelten.
In der Burg, Nebukadnezars stolzester Besitz, zürnt Cyrus: „Bin gespannt, was daraus wird! Wären nicht die schriftlichen Berichte über dich, längst wärest du ein Mann des Todes; denn . . .“ „Laß dich unterbrechen.“ Zwingend, wie es Gottes Boten können, sind Blick und Sprache Daniels. „Du sprichst so oft vom Tod, als hättest du dazu ein Recht aus GOTTES Recht erhalten.
Gab dir GOTT die Lebens- und die Todgewalt? Oder hast du sie dir angemaßt, wie jeder Herrscher dieser Welt. Auch ein Kores dachte so wie du, bis — er sich vom Schöpfer wenden ließ. Da erkannte er, daß kein Mensch den anderen töten darf, ganz gleich aus welchem Grund. Und sein Regiment war bis zum Ende gut. Oder nicht?“ Cyrus nickt: ja, das stimmt.
„Nun“, fährt Daniel fort, „so lasse doch das Leben siegen! Ist‘s nicht eines Königs würdiger, mit dem Recht die Gnade zu verbinden? Ziert es deinen Thron und Schild nicht mehr, wenn auf sie das Licht des Lebens fällt, statt viel Blut den Thron, die Waffen und dich selbst befleckt?“
„Hör auf!“ Unruhig geht der Perser hin und her. Ist man denn ein König, wenn man keine Macht besitzt, den Untertanen Leben oder Tod zu bringen? „Dein Gedanke geht dir fehl.“ Der Seher wandelt gleichfalls auf und ab. „Morgen zeigt sich Gottes Herrlichkeit; und es kann sich deine Majestät darinnen spiegeln, wenn du — die armen Bösewichte schonst.
Mache Bauern aus den Priestern Bels; das ist für sie viel ärger als ein schreckensvoller Tod. Dabei lernen sie sich bücken und ihr Brot verdienen, und ihr Hochmut bricht entzwei. Auf solche Weise zeigst du dich als edle Majestät. Das ist besser, als einundsiebzig Männer umzubringen, samt Frau und Kind, denen keine andere Schuld zur Last zu legen ist, als daß sie tun, was der Mann als Priester anbefiehlt.“
Unversehens geht Cyrus aus dem Raum, dafür tritt der Schloßwart Kambasy herein. Eine Sorgenfrage: „Wird es dir gelingen?“ „Ja, mein Freund! Hätte Cyrus nochmals aufbegehrt, dann wäre morgen manches schiefgegangen, was der Mensch in eigener Verantwortung zu tragen hat; jetzt aber wird sich Gottes Herrlichkeit und Seine hohe Gnade offenbaren.“ — —
Wie selten einmal ist der Himmel grau verhangen. „Ein böses Omen für den Schleicher“, flüstert Lysumacha seinen Priestern zu. „Der soll sich wundern, sobald er keine Krume auf Bel‘s Altar findet.“ „Haha“, lacht einer laut, „ich hole Frau und Kinder, wenn der Jude hängt!“ „Am Balken (Kreuz)!“ Cyrus kommt mit seiner Suite; er läßt den Tempelplatz von seinen Kriegern dicht umstellen. Auch Daniel ist von seinen Leuten abgesondert worden. Zwölf Perser nehmen ihn in ihre Mitte.
Von der Pforte her sieht man den leeren Tisch. Daniel durchbricht den Kordon und ruft: „König, sieh‘ erst auf den Sand, ehe du dich in den Raum begibst!“ „Ja, was ist denn das?“ In der ganzen Halle zeigt der glatt gestreute Sand den Abdruck vieler Füße, kleiner und auch großer.
Zum Feldmarschall, der die Posten kontrollieren mußte, sagt Cyrus zornig: „Dein Kopf ist hin, wenn mein Befehl mißachtet wurde!“ Der Feldherr will sich niederwerfen, Daniel hält ihn auf und sagt zu Cyrus: „Weder er noch deine Krieger tragen eine Schuld; und niemand ging durch dieses Tor. Denn kein Fußtritt zeigt sich vorn, eben so nicht bei den Fenstern, durch welche ohne lange Leitern nie ein Mensch gelangen kann.
Du selbst, dein Feldherr und zwölf Hohe deiner Garde, zwölf Räte Babylons, mein Kambasy und ich gehen jetzt hinein. Dann wird die Wahrheit dir gezeigt.“ Ein Befehl des Lichtes an die Welt. Der König beugt sich dem Befehl. Innen gebietet Daniel: „Hebt das Götzenbild herab; es ist leicht, denn innen ist es hohl und leer. Das gleicht auch dem Götzendienst.“
Die Koloßfigur, herabgehoben und auf dem Boden stehend, fällt um und zerschellt. „Nicht schade drum“, vermerkt der Jordanseher. „Sie war fest verankert; ansonst wäre sie schon längst gefallen. Symbol der Großen Babylon. Nun kippt den Tisch zur Seite. Vorsicht, damit euch nichts passiert!“ Die Warnung ist berechtigt. Unterhalb des Tisches gähnt ein Loch. Man sieht Daniel verwundert an. Woher weiß er, daß — — —
— forscht der König. Daniel erwidert: „Vor Jahren hörte ich am Flusse lautes Pochen. Ich ritt, darauf zu. Man grub in die Erde tief hinab ziemlich schäg, so daß man wie in einer Höhle diesen Gang betreten konnte.‘ Auf Befragen sagte man, es würde Erz gesucht. Das war sehr wahrscheinlich, da man an anderen Stellen auch nach Erz und Bodenschätzen grub.
Mir kam das ‚Gesicht‘, wie sich die Priester von den Gaben ihrer Gläubigen ernähren lassen. Die Fußabdrücke sind von ihnen, ihren Frauen und den Kindern. Nachts benutzen sie den Gang. Nun befehle deinem Marschall, zwei Oberen und einem Rat, mit mir hinabzusteigen. Es ist ungefährlich. Ich ging vom Höhleneingang öfter bis hierher, um die Priester zu belauschen. Den Sand trugen meine Knechte in der Nacht durch diesen Gang herein.“
Das ‚Wunder Bel‘s‘ wird aufgedeckt. Cyrus ist so wütend, daß er die ganze Stadt verderben möchte. Sogar Babylonier fordern für die Priester das Gericht. Daniel verhütet es; trotzdem finden manche ihren Tod. Man belastet Cyrus; er ist‘s aber nicht gewesen. Von diesem Tage an glaubt er an den ‚Gott und Schöpfer Daniels‘, wie er selbst es nennt. Bloß sein persisches Gebaren hält er strenger bei, als Kores tat.
Daniel steht in seiner Gunst, solang er noch als Fürst im Landgau Babel residiert. Doch was gilt ihm das? Bloß der Armen wegen nimmt er jede Gunst des Königs an; selber bleibt er unentwegt in seines Gottes Huld und Gnade stehen.
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