6-1124 Aus ihren Opfergaben etwas zu entnehmen, hast du versäumt, und diese Welt zerbricht. Du meinst, wenn du nur wolltest, so bliebe sie? Täusche dich nicht selbst! Kein Wort von Mir wird sie erhalten! Dein Gelächter ist der Sturm, der die Berstende umtobt, daß die Menschen sich in bitterster Angst verbergen. Gesetz bleibt Gesetz! Ich bin das Gesetz!! Und unwiderrufliches Gesetz ist geworden, daß diese Welt vergeht wie einst die schöne Ataräus.
6-1125 Erkennst du jetzt, Luzifer, so ist Meine Hand bereit, dennoch dir zu helfen. Eine Schau sei dir geschenkt, daß du des hochgeheiligten Schöpfungszieles innewerdest. Besiehst du dann dein armes Sein und nimmst auch jenen Zukunftsanteil wahr, der MIR die letzte Forderung beläßt, so bedarf es deinerseits des einen Wortes, daß du Mich mit Meinem heiligen Namen nennst; und alsbald stehen die bereit, die dir mit ihren Opferwegen dienten. Nun sieh das Bild!“
6-1126 Gott reckt Seine Rechte aus, mit einem weißen Stab. Vor Luzifer ersteht, was war, ist und werden wird — auch das Opfer, Er behält das Gefühl der Kraft, weil aus Kraftlosigkeit keine freie Umkehr käme. Doch sein Kraft-Ich beugt sich nicht! Nie hat er furchtbareren Hohn aus sich geschleudert als in dieser großen Gnadenzeit.
6-1127 Gabriel, den Luzifer als ‚Mecalames‘ sieht, hatte ihm den weißen Stab als Versöhnungszeichen übergeben. Luzifer zerbricht ihn und wirft die Teile GOTT vor die Füße. Sie fallen aufeinander und bilden ein Kreuz. — Da schlägt aus dem geschändeten Versöhnungsmal rotglühend eine Flamme, breitet sich aus und erfaßt den Obersten der Teufel. Im entsetzlichen Feuer (Gewissensqual) windet er sich hin und her und will sich doch nicht beugen. Gott ruft ihm zu:
6-1128 „Nun verzehre dich dein Höllenfeuer! Das Feuer Meiner Heiligkeit verschwende Ich kein zweites Mal an dich! Aus Ordnung und Wille Meiner Schöpferherrlichkeit war dir einst der Reichtum zugefallen; durch diese Eigenschaften bot Ich dir die freigewollte Rückkehr an. Und du schlugst Mir ein Kreuz! Ich gab dir die Materie, deren Raum und ihre Zeit, denn Mich erbarmte deiner. Meine Heiligkeit richtete dir aus Weisheit und Ernst den leichten Umkehrweg. Du schlugst ihn aus, ja du hast mein Angebot verletzt! Und noch mehr:
6-1129 Aus dem Sühnestab warfst du das brennende Fanal der Schöpfungsnötigung, die nur einmal ist. Höre es wohl! Zwar wird dir noch ein Platz gebildet, weil auch Mein Gottesherz zur freien Umkehr helfen will, selbst über den Geschändeten hinweg. Wisse aber, höllisches Wesen: Weder Meine Hand noch der weiße Stab werden dir zum zweiten Male angeboten, die Opfermahnung fällt auf dich! Unter dieser brichst du zusammen und wirst armselig vor Mir liegen müssen; denn das geworfene Zeichen nimmt dir deinen letzten Halt! Nichts, gar nichts bleibt von dir übrig als deine arme, nackte Seele!
6-1130 Auch die Barmherzigkeit hast du verscherzt. Hier“, Gott deutet auf Mecalames, „die siebente Fackel hatte alle Kostbarkeit gesammelt, die das Licht dir zugetragen hat, und sie stand für dich bereit! Nun ist‘s zu spät, es gibt kein Zurück! Betrachte nun aus deiner Hölle diese Welt. Wir sind nicht auf ihr, wie du noch wähnst. Ihre Berge stehn in Flammen, ihre Meere überfluten alles Land, weite Schlünde tun sich auf. Sie zerstäubt in Myriaden Teile.
6-1131 Sieh die Atmosphäre! Deine Teufel holten das Verderben gerade aus der Luft, dem vierten unbekannten Element. Denn aus ihm wird das den Raumkörpern dienstbar sein, was ICH, der Schöpfer, dafür vorbestimme. Mehr nicht! Noch ist der Tag ungeboren, an dem Ich Meiner vierten Wesenheit zufolge Mich in einem Werke offenbare. Wer vorzeitig danach greift, will Unbekanntes meistern; er wird dabei zugrunde gehn! Du hast nach UR Gesetzen gefaßt, die du nicht kennst und die dir zum zweiten Falle werden mußten.
6-1132 Nun bist du bloß noch auf dem Weg des Schmerzes zu befreien. Wähne diese Zeit nicht kurz! Erst zur vierzehnten Stunde wird der letzte Platz (jetzige Erde) dir zubereitet. Siehe zu, daß er von Anfang an deine letzte Ferne sei. Sonst bleibt das Feuer bis zur dritten Gnadenzeit), in der der tückisch geworfene Kreuzstab aufgerichtet wird. Beugst du dich dann darunter, so mag der Zorn für dich verlöschen. Doch erst am Schluß der vierten Gnadenstunde (14. St. d. Tages; 3. Menschheitsepoche; 4. St. des Gerichts, ab Golgatha) kannst du den Sühneraum verlassen, sind alle Wesen aus der Hölle vor dir heimgekehrt.
6-1133 Nun fliehe! Flieh, Luzifer, daß der geschändete Stab dich nicht zerschlägt! Luzifers Flucht ist voller Grauen, voll des Feuers und — des sich aufrichtenden Kreuzesschattens. Seine Hölle rast hinterher. Schrecklich ihr Geschrei, es erschüttert die Materie.
6-1134 Neben Gott steht Mecalames in seinem Lichtgewand. Die sich um sie scharen, erkennen in ihm Fürst Gabriel. Sie haben den grausigen Tod nicht gespürt (Joh. 8,5]. Sie neigen sich vor Gott und sehen auf jene, die schwach geworden waren und auf der Erdwelt mehr der Finsternis als Gott gehorchten. Sie können nicht ans Licht, doch auch nicht der Hölle überlassen werden. Abseits stehen sie in reuevoller Scham, weil ihre Schöpfungsfreiheitsprobe unrein ist.
6-1135 Gabriel geht zu ihnen, gefolgt von den Getreuen. Im weiten, hellen Ring umgeben sie die Armgewordenen, die dennoch Mit-Opferträger sind. Gabriel, den weißen Stab in der Kreuzform hebend, bittet Gott um ein Asyl für diese Kinder, wo sie baldigst das von der Materie angenommene Wesen reinigen können. Er sagt:
6-1136 „Barmherziger, heiliger Herr und Gott! Diese Kleinen hat der Dämon verführt. Sollen sie nun abseits stehen, die ihr erlangtes Freiheitsgut für jenen opferten, der Dir das Kreuz geworfen hat? Ihm bietest Du dreimal Versöhnung an. Wohl, es ist das Schöpfungskind, Deine ‚Erstgeburt‘! Gebührt hier diesen nicht die gleiche, ja weit größere Hilfe? Du kannst nicht wollen, Allheiliger, daß ihnen nicht die Gnade leuchtet! Ihr Opfer muß vergoldet werden!
6-1137 Läßt Du dem Gefallenen, dem Nichtverführten und großen Blender, ein Heil erstehen, dann erst recht diesen, die auf der Erdwelt ohne Wissen ihres Lichtes die Verführten wurden! Darum siehe keinen Ungehorsam, sondern die Versuchung an, der die Kinder so erlegen sind. Lege Deiner heiligen Vergeltung Deine Güte bei. Denn der Dämon hat zu Unrecht eine Forderung gestellt.
Ich aber fordere kraft des Rechts, das der Barmherzigkeit gebührt!“
6-1138 „Du hast in deiner Eigenschaft gesprochen“, entgegnet Gott. „Ich aber frage dich: Haben sie als Menschen deine Stimme nicht gehört? Setztest du nicht die verliehene Prophetengabe ein, um alle Menschen zur Erkenntnis hinzuleiten? Waren die Getreuen fähig, deiner Stimme zu gehorchen, warum nicht diese auch? Sie wußten um die Wahrheit deines Gotteswortes; doch die Welt und ihre Ehre galten ihnen mehr als Meine Religion! Sie besaßen ja das gleiche Erbe wie die Treuen. Darum haben sie die Gnade für eine Zeit verwirkt. Denn der Geist war in ihnen auch lebendig; sie unterdrückten ihn und sündigten also gegen Meine Heiligkeit! Meinst du, Meine Fackel, die Vatereigenschaft sei weniger heilig als Meine Weisheit und Mein Ernst?“
6-1139 „Nein, All-Heiliger! Doch wie Michael gegen Luzifer mit seinem Schwerte focht, so kämpfe ich für diese Schar mit Deiner Krone! Gerade die Heiligkeit der Erbarmung soll angewendet werden. Wohl haben sie ihre geistige wie meine prophetische Stimme kaum beachtet; doch ist gewiß, daß sie die erworbene Kindschaft DIR freiwillig anheimgaben. Und das als Schöpfungshilfe, die dem Gefallenen galt! Und ebenso ist gewiß, daß sie nicht aus Bosheit sündigten, sondern weil die Materie den Fluch gebar. Um ihrer Dienstbarkeit willen, Dir getan, heiliger All-Herr, bitte ich; um des Mit-Opfers willen, für Luzifer getan, fordere ich: Gib ihnen Deinen Ort der Gnade und des Heils!“
6-1140 Eine Leuchtflut geht über das heilige Gesicht, die selbst Gabriel für Augenblicke blendet, so gewaltig strahlen URs Augen. Der Höchste nimmt den Kreuzstab aus des Fürsten Hand, hebt ihn einmal hoch, daß ihn jeder sehen kann, und birgt dann das Zeichen an Seiner Brust, in den Falten Seines roten Kleides. Und Er spricht:
6-1141 „Gabriel, du hast in Erbarmung recht gekämpft. Ich nenne deine Rede eine ‚heilige‘. Das Heiligwerden deiner Bitte und Forderung wird den Kindern als Raum und Zeit zugeteilt. Führe alle, die ihrer erfüllten Freiheitsprobe verlustig gingen, in die vierte Strahlsphäre deines Sonnenringes. Dort schaffe ein Paradies als Ort der Gnade und Gerechtigkeit, wo sie Trost und Kraft zur Heimkehr finden.
6-1142 Ja seht, ihr lieben Kinder, euer Lohn ist euch nicht vorenthalten! Bisher trug Ich ihn in Meiner Hand; nun übergebe Ich ihn dem letzten Leuchter vor Meinem Rechts- und Gnadenstuhl, und er teilt ihn euch aus. Harret in Geduld, bis ihr eure Opfergabe als Kleinod auf den Heiligen Herd niederlegen dürft. Und seid ganz gewiß: Auch eure Heimkehr löst den gleichen Jubel in Meinem Heiligtum aus wie bei allen andern Heimgekehrten. Mein Gott-Segen und Licht-Friede bleibt bei und in euch allezeit. Amen.“
6-1143 Während dieser Reden stand die Schar erst tief bekümmert da. Doch nun erfüllt sie Dank und Jubel. — Die andern, die auf der Erdwelt Mecalames Treue hielten, werden von dessen Begleiter geführt. Es ist Progal, Taagors Bruder, der — nächst Mecalames — als erster sein Lichtgewand wieder angezogen hat. Herrlich erscheint er, Orytam, ein besonderer Liebling im Reich. Hagar geht an seiner Seite; auch sie hat das Erd-Ende miterlebt.
6-1144 Gabriel ruft Befehls-Engel herbei, die ihm bei der Arbeit helfen sollen. An befohlener Stätte sucht er die schönste Sonne mit ihrem weiten Lichtgefilde aus, umgibt es mit einer Mauer aus zahllosen Sternchen und ist hinfort dieser Platz das Paradies. Selig, wer über diesen Freudenort heimkehren darf und kann. —
6-1145 Raum und Zeit sind grandios, in der das zweite Zentrum der Materie ersteht. Sonnen bilden sich und bersten. Eine kleine gegenüber jenem Heer von Artgenossen beginnt im Kreuzfeuer der sieben Heilsstrahlen eine geordnete Bahn zu ziehen. Sie schleudert einen großen Brocken fort, ihre Erstgeburt, den jetzigen Uranus, der sich immer weiter von der Sonne entfernt, bis er an noch tragbarer Grenze angelangt ist. Sinnbild der Geburt Sadhanas und ihres Werdegangs.
6-1146 Die Sonne gebiert sieben weitere Planeten, die bald in geordneten Läufen sie umkreisen. Der siebente wird über den Umstürzler hinausgesetzt, um ihn einzuhalten. Das stellt das Kernstück des neuen Gnadenwerkes dar. Der dritte Planet nächst der Sonne wird wieder zur neuen Erde ausgebildet. Mit Beginn der dritten Gnadenstunde‘ können Menschen sie betreten. Abermals sind es erst inkarnierte Lichter.
6-1147 Doch nicht nur ‚Licht und Erlösung‘ sind herabzutragen. UR läßt Seine Bedingung walten, die die Stuhlersten sehen. Die Finsternis fühlt die Waltung nicht; sie wird in ihrem Wahn belassen, selber handelnd zu sein. Luzifers Versuch, Leben zu vernichten, mißlingt gänzlich, trotzdem er Herr der Hölle und Gebieter der Materie ist.
Über ihm steht UR!
6-1148 Am Ende der ersten Menschenperiode kommen viele aus dem Hades zur Verkörperung. Zwar tritt wieder viel Verderben ein; größer aber ist der Lichtgewinn, denn diese Erdenwandler können auch nach völligem Versagen nicht mehr der Vorwelt-Hölle anheimfallen. Für sie gibt es eine Brücke. Luzifer versucht, auch die zweite Erde zu zerstören, als er merkt, daß der Weltweg der Dämonen nicht mehr aufzuhalten ist, dadurch nicht deren allmähliche Befreiung.
6-1149 In diesen Perioden bringen alle Lichtkinder ihr Mitopfer zum zweiten Mal. Über Luzifers Einfluß hinweg herrschen im gleichen Maße die Bedingungen, in welchem Maße er sie bekämpft. Noch ist ihm der Glaube an eine ungebrochene Kraft belassen, denn so steigt aus seinem tiefen Sturz eine gleich tiefe Reue auf.
6-1150 Seinem Wüten folgt der Untergang fast aller Kontinente; dann ist er in dieser Hinsicht ausgeschaltet. Andere Länder steigen auf und sind Grundstock zur dritten Menschgeschichte, die mit A d a m beginnt und den Verlauf der dritten Gnadenstunde bringt. Hier bieten alle Himmlischen ihr drittes Opfer dar. (große Lichtgeister gehen bis zu 7mal insges.) Adam und Eva, Sadhanas herrliche Kinder Orytam und Hagar, betreten als erste den dritten und somit letzten Erlösungsschauplatz des gewaltigen Liebetages, an dessen Beginn es heißt: ‚Lasset uns Menschen machen!‘
6-1151 Daß Luzifer sich teuflisch auf sie stürzt, die einst am meisten Sadhana geliebt und Luzifer widerstanden haben, der erste Wächter am erhabenen Stuhl, wer will das nicht begreifen? Wer bringt ihrem Ungehorsam gegen Gott, ihrem Fall, ihrer Austreibung aus Eden kein Verständnis auf? Wer nicht aber auch der großen Gnade, die ihnen das Leben erhielt und viel Segen, zwar unter Last und Mühe, und daß die Verfluchung aus dem Sündenfall die Schlange richtete? Ja, trotz des Falles segnet Gott die Erden-Menschen reich.
6-1152 Sie haben keine Rückerinnerung, und Luzifers Tun wird noch nicht beschränkt. Er verausgabt sich auf diese Weise am ehesten und ahnt nicht, daß es Gott in sein Erfüllungssoll des Tages einbezieht. Verständlich, daß die Obersten des Volkes, in dem das LICHT sich eingebärt, hören müssen: ‚Ihr seid Kinder des Teufels! (Joh. 8,44 und aus ‚Fern von der Erde her’)
Ein heiligwahres Wort! Nirgendwo anders als im dunkelsten Bereich bringt GOTT Sein eigenes unfaßbares Opfer! Denn die arme Tiefe ist dadurch zu retten, wenn der ERRETTER in sie niedersteigt! —
6-1153 Luzifer will GOTT im Menschensohn versuchen; er übersieht die Voll-Göttlichkeit des Herrn. Doch sein Versuch zerbricht an dieser Voll-Göttlichkeit. Als der Mensch-JESU die Erdenreife sich errungen hat, ist Er sich Seiner Sendung voll bewußt, gibt sich ihr hin und sieht das leuchtende Ziel: das Schöpfungsopfer, die Erlösung, die Heimführung, die Vollendung des Liebetages! Von diesem UR-Ziel weicht Er nicht um Haaresbreite ab, weder als Seele, als Geist, am wenigsten als GOTT in Geduld und Liebe, aus denen der SOHN gezeugt und eingeboren ward.
6-1154 Luzifer holt zum letzten Schlage aus; und — es wird sein letzter. Er will GOTT als ‚Herr des Todes‘ durch den Tod bezwingen. Daß ihm längstens Grenzen wuchsen, deckt er mit Selbstbetrug und Lüge zu. Er will JESU töten, den Träger aller Heiligkeit. Willig folgen jene, die pur der Materie entstammen. Niemand hat damals den ‚Kampf der Göttlichkeit in JESU‘ auch nur geahnt. Er erleichterte sich ihn nicht. Gerade das war die zwingende Macht Seiner UR-Persönlichkeit! Statt eines Befehls steht die göttliche Führung, der Hinweis zum wahrhaftigen Leben im Vordergrunde aller Seiner Lehren.
6-1155 Dem Äonen dienen, der sammelt um sich eine kleine Schar. Aus der Geringheit vollendet sich Sein Ziel, in dem die Erlösung zu einer TAT-Sache wird. — Luzifer konzentriert seine gesamte Kraft auf den Menschensohn. Der Höllenschrei rast über die Welt, weckt die Dämonie in menschlicher Brust. Der Weg zum Opfer muß geschehen! Je mehr und mehr die Materie durch zahllose Mit-Opferwege der Lichtkinder ihre Kompaktheit verliert, um so wilder gebärdet Luzifer sich und spielt das letzte Entscheidungsspiel.
6-1156 Vorsichtig tastet er sich an die hohe Seele heran, den ‚Menschen‘ anzurühren oder ‚GOTT‘ vorzeitig herauszulocken, Es mißlingt! JESU ist der Gottheitsträger; Er ringt sich zum höchsten Wege durch. Dem weltgebundenen Seelenteil wird das UR-Muß auch erkenntlich, doch der SOHN gibt sich ihm hin. Und schon vor Seinem priesterlichen Amt steht Er völlig in der Göttlichkeit des CHRISTUS. Sein Erlösungsziel ist weittragend genug, um Menschen, Völker, die Welt, den Himmel und — die gesamte Hölle darin einzuschließen.
6-1157 Das Dämonischste kann Prüfstein sein: Luzifer! Da dieser den freien Willen unter Verhöhnung schöpfungsguter Bedingungen an JESU erprobt, führt die Ordnung das ausgleichende Gewicht herbei: Das geheime Muß der UR-Bedingung LEBEN, das Schöpfungssoll! Darum steht Luzifer als Versucher frei vor JESU wie einer, der die Welt kennt und dem Jungen eine gute Lehre geben möchte. Allein, er untersteht und unterliegt dem Bedingungs-Muß der Gerechtigkeit.
6-1158 JESU sieht das Volk, dem Er strengen Sinnes weder in Geburt noch weniger im Geiste angehört, in fürchterlichem Irrwahn vor sich. Es taumelt äußerlich und innerlich dem Abgrund zu. Ist aber nicht mit diesem Volk symbolisch Sein oder Nichtsein der Schöpfung verknüpft? Dem steht jedoch die sich in Ihm stets mehr festigende Bereitschaft gegenüber, Sein heiliggöttliches Ideal. Freilich sucht Er auch dem irdischen Wahlvaterland den Sturz ins Nichts abzunehmen.
6-1159 Was bevorsteht, zeichnet sich in Seiner Seele ab; und obwohl Er die Glorifikation des unzerstörbaren Sieges vor sich sieht, höhnt die Meute vom möglichen Mißerfolg. Aber durch die freie Opferwahl ist Luzifers Schöpfungsnötigung zu überwinden. Und die höchst eigene Überwindung, bis der Mensch voll dienstbar ward, mußte — wie zuvor gesagt — vor Seiner priesterlichen Lehramtszeit schon ausgefochten sein. Denn hernach bedarf der Körper laut des Naturgesetzes, dem der Ewige sich unterstellt, die physische Kraft, um den geistigen Kampf in seiner unerbittlichen Konsequenz durchzuführen. URs Kampf ‚alles für ein Kind‘ ist fast unbegreiflich.
— — —
6-1160 Vierzig Tage, vierzig Nächte. (Matt. K. 4) Eine urheilige Zeit, in der der SOHN sich isoliert. Keiner kümmert sich um Ihn, noch kreuzt jemand Seinen Weg. Aber zwei Kräfte schreiten ungesehen neben Ihm einher, täglich dringlicher werdend, je länger Er in äußerer Einsamkeit die innere der irdischen Seele bekämpft: Licht und Schatten!
6-1161 Wie die Tage und die Nächte, in denen Er als GOTT und MENSCH jedwedes Für und Wider wägt, an dessen Ende ‚OPFER‘ steht, genauso ziehen alle Regungen über Sein äußerst empfindlich gewordenes Wesen hin. Er muß zu Ende mit diesem heftigen Ringen kommen, denn des Leibes Kraft versiegt, muß die Ihn umgebenden Mächte scheiden: SICH entscheiden!
6-1162 Luzifer hält die Zeit für gekommen, aktiv aufzutreten. Sollte er die Seele nicht erlangen, auf die des Körpers Schwäche übergeht? Im Sonnenglast, der unbarmherzig ausgerottet hat, was einem todesnahen Menschen Labsal brächte, sitzt Mariens Sohn und faltet Seine dünnen Hände. Ein helles Licht zieht nach Jerusalem vorüber. Lange schaut JESU nach. Mit letzter Überwindungsgnade baut Er das Schicksal auf: ‚Jerusalem, dorthin zeigt das Licht, das ist Mein Weg, den Ich gehen will und muß, den Ich beginnen und vollenden werde!‘
6-1163 Der Entschluß kräftigt seine müde Seele, auch ganz wundersam den müden Leib. Da naht ein Wanderer. Das Kleid verrät kein Volk; das Gesicht hat die Welt geprägt. Er setzt sich JESU gegenüber, frisch und kräftig. Der Wüstensand scheint ihn zu sättigen. Der Erdensohn seufzt ein wenig. Den kennt Er doch? Es entspinnt sich das Einst vor der Lichtmauer zwischen Gott und dem Dämon, zwar in veränderter Form. Der Finstere bietet Brot mit dem Hinweis an: Herrschen und beherrschen können! Es ist kein bloß äußeres Brot, mit dem die Hölle lockt, daß des Sohnes Hände krampfhaft zucken, um nicht für den Leib danach zu greifen; es ist die Speise, nach der JESU Seele Sehnsucht hat, die ihm hier verdorben vorgegaukelt wird.
6-1164 Drei Versuchungen: die Überwindung der Materie durch willkürliche Macht; die Aneignung einer im freien Willen beharrenden Kraft durch sichtbare Zeichen; die Inbesitznahme weltlicher Herrlichkeit und Regentschaft durch die Gewalt der Persönlichkeit, die sich Gehorsam und Dienstbarkeit erzwingt. — Ein untragbares Spiel! Ein Hinneigen zu einem oder dem andern zerstörte wohl die Kraft der freien JESU-Seele, aber auch die Freiheit Luzifers, die noch bestehen bleiben muß; und die Rückkehr der Himmlischen wäre ohne Seligkeit. Denn Zwang hebt das Gesetz der Freiheit auf. Damit hätten die Schöpfungsbedingungen kein Gegengewicht, und die Ordnungswaage wäre so zerbrochen.
6-1165 Das sieht Gottes Geist. Aber auch die Erdenseele? Stumm ringt der Herr mit sich. O ja: wer könnte ihn denn hindern, Seines Leibes Hunger zu stillen, Seines Herzens Durst zu löschen, ein Reich aufzurichten ohne Finsternis und ohne Opfer? in sich vollkommen und also unwandelbar! Nicht mehr sich steigernd oder Vollendungen der Vollkommenheit zuzuleiten zu immer herrlicheren Himmeln. Ja — Himmel: Ort, Zeit, Begriff, Tat, alle in sich vereinigenden Macht, Kraft, Gewalt und Stärke, die insgesamt ‚LEBEN‘ heißen!
6-1166 In Erkenntnis dessen neigt sich der SOHN in Ehrerbietung. Leben — UR — JESU weiß um diese Wirklichkeit! Die Versuchung, mit kleinem Kraftaufwand ein kleines Reich zu erhalten, schiebt Er weit von sich weg, setzt Sein erkanntes Ideal in die göttliche Waltung bewußten Willens, die den rechtlos zum Vorherrschaftsgesetz erhobenen freien Willen mit der UR-Bedingung LEBEN‘ zum gerechten Ausgleich bringt, und greift so nach dem großen Kraftaufwand, der schöpfungsgewaltig werden muß, um ein gewaltiges Schöpfungslebensreich zu erhalten, in dem die erhabenen Fundamente gleichanteilig wirksam sind.
6-1167 ‚Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und Ihm allein dienen!‘ DU sollst! Nicht: du mußt! Anbeten und dienen, sichtbare Fundamente für Geschöpfe. Anbeten durch die Bedingungen, die alle Werke tragen; dienen durch den freien Willen, durch den jedes Gesetz zur Waltung wird. Anbetend dienen! Den Willen des Schöpfermächtigen anerkennen und zur unmittelbaren Ausführung bringen! Wie eine Himmelsfeste stehen beide Worte zwischen Licht und Finsternis. Luzifer hat verspielt! Alle Kräfte, die durch das Mit-Opfer der Lichtkinder zur heiligen Entfaltung kamen, sind hier mit beteiligt. Sie legen sich als Lichtring um den Ort der ersten entscheidenden Erd-Kampfphase. Die äußere Position hat Luzifer dem Herrn gegenüber verloren. Es wird sich zeigen, ob er seine innere Machtstellung aufrechterhält oder . . . wie groß sein Verlust sein wird.
6-1168 Dieser Sieg am Beginn der Lehramtsjahre überstrahlt JESUS ganzen Weg und ist an dessen Ende voll bestätigt. Zwar nehmen nur drei Zeugen an der Verklärung teil, die die Bestätigung von JESUS Vollgöttlichkeit, von Seinem UR-Ich ist. Denn keine Geringeren als die Hoheitsträger von Ordnung und Wille, als Mose und Elia erkenntlich, beten an und dienen! CHRISTUS nimmt die vollste Klarheit aus dem UR-Ich auf, zu dem der MENSCH getreu das Seine beigetragen hat. Da ist‘s kein Wunder, daß die Jünger auf dem Berge bleiben wollen.
6-1169 Die zweite Gnadenstunde ist mit dem hohepriesterlichen Gebet beendet. Nun kann der Mensch JESU für die Verklärung Seines Wesens, für die Offenbarung Seines Einsatzes bitten, wobei Er als Bringer des ewigen Lebens klar erscheint. Er erfleht zweitens für die Jünger den Geist, die Kraft des Heiligen Geistes, und zum dritten bittet Er für alle Kinder. Dieses dreifaltige Gebet, aus dem Prinzip des Hochpriesters Melchisedek gesprochen, ist zugleich der Auftakt zum dritten Gnadenteil im Erlösungsplan. Aber für die Hölle beginnt erst mit Gethsemane diese dritte Zeit.
6-1170 Noch hält sich Luzifer mit zäher Energie und versucht, sein letztes Spiel zu verlängern. Er gibt nicht zu, daß des ‚Sohnes Sieg‘ ihm die Möglichkeit einer nochmaligen Erscheinung nahm. Doch wenn UR ruft, hat er zu kommen! Jetzt — wähnt er — muß es ihm gelingen, so oder so; er ist der Herr der Welt! Jeden anderen Gedanken schaltet er aus.
6-1171 Er kommt durch — JUDAS, und frohlockt! Ahnungslos, daß der von ihm belastete Mensch zu diesem Verräterdienst ihm überlassen wurde, was aber nicht geschehen wäre, hätte Judas nicht zu sehr seinen ‚Götzen Mammon‘ angebetet. Nun wird über diesen Finsterling ein göttliches Werk vollendet. Denn Judas ist der letzte Anstoß zum Sühneopfer. Judas unterliegt dem Gebot der Hölle; er dient damit dem Heiligen Reich! Zu spät erkennt er, daß er keinen Menschen, sondern ‚GOTT‘ verriet. Daß durch den Verrat das Schöpfungstestament auch für die Materie seine Rechtskraft erhält, wer hat das erkannt?
6-1172 Wie Adam und Eva durch die Strafe gesegnet wurden, also trotzdem Judas. Er ist die menschlich-geschichtliche Gestalt des verlorenen Sohnes; aber Luzifer ist es selbst. All das heilige Werk, das als ‚zugedecktes Geheimnis‘ zwischen JESU, Luzifer, Adam und auch Judas waltet, bleibt der Erden Endzeit vorbehalten. Wenn aus der Erlösung das verlorene Kind den Heimweg antreten kann und das Ende dieses Weges nahe herbeigekommen ist, dann erscheint auch das Geheimnis, wie viele andere, im herrlichsten Glanz des offenen Himmels! —
6-1173 Das noch unerkannte heilige UR-Opfer muß für die Materie die Form erhalten. Dieses Muß nimmt der Sühnesohn in Liebe auf und erhärtet so das erste UR-Gesetz: das LEBEN ! Damit wird erst recht für die Lichtkinder das Freiheitsgesetz sanktioniert, daß es auch in der Heiligkeit bestehen kann, wenngleich der Fall es zur Vorherrschaft erheben wollte. Der Kampf zwischen Michael und Luzifer spiegelt sich in JESU wider: entweder restlose Annahme der Opferbedingung oder Inbesitznahme der UR-Macht aus dem souveränen Willen.
6-1174 Der SOHN greift nach dem Opfer! Als das ersichtlich wird, befällt Luzifer jähe Angst. JESU hat Sein heiliges ‚CHRISTUM‘ so bitter erkämpft, daß Er es um keinen Preis vergibt. Und der Verrat des Judas? Ach, Verrat hat die Hölle vom Beginn des Falles an verübt und wird ihn fernerhin verüben. Verrat, ein Tribut der Hölle, von ihr gefordert und an sie zu entrichten, bis GLORIE-GLORIA am hehren Schöpfungsabend läutet. Der HERR-Verrat aber ist ein einmaliger, einzig dastehender in seiner Ungeheuerlichkeit!
6-1175 Luzifer schleicht von weitem als schattenlose Gestalt hinter dem sich vergrößernden Licht einher; und es geht ein Zittern über seine dunkle Seele, als JESU den Garten Gethsemane betritt. Ein Gebet des Universums, aus UR-Raum und UR-Zeit, entsteigt zutiefst der einzigen menschlich reinen Seele. Groß, erhaben leuchtet es in himmlischer Gewalt. Es erschüttert um so mehr die Feste aller Himmelsteile und die Materie, je mehr es sich zum Kelch-gebet gestaltet.
6-1176 Vor der Seele steht die nackte Not, ihr gegenüber das SOLL der UR-Bedingung, die anzunehmen ist. Noch ist‘s nicht soweit, noch hat der Kampf kaum begonnen. Erschreckt steht der Mensch vor der harten Forderung. Bleich ist das Gesicht, die Hände verkrampft, die Lippen zittern. Todbanges Schweigen lastet über Himmel und Erde, über dem einsamen Beter; und noch weiß auch der höchste Engel nicht, ob der bitterste aller Leidenskelche getrunken werden muß.
6-1177 Doch die Heiligkeit hält ihre Hände über Gethsemane. Neben dem Menschensohn, dem ‚bis in den Tod Betrübten‘, steht die licht- und schattenlose Gestalt, die seit dem HERR-Verrat nicht fliehen kann. Sie zittert auch; zwar nicht im heiligen Ringen, sondern um die letzte Position, die dem Dämon geblieben ist. Die Überbeanspruchung des hochgesegneten freien Willens verwandelt diesen für Luzifer zur zwingenden Macht. Ihm ist verborgen, daß das Bedingungs-Muß nicht allein seinet-, sondern auch des SOHNES wegen gilt, dessen Blutgebet die Heiligkeit liebend zwingt, ein Ende herbeizuführen.
6-1178 Das heilige Muß steht zwischen JESU und Luzifer, für den Herrn für alle Fälle ein Entscheid, aber unabhängig vom Dämon, dem wenige Erdminuten belassen sind, sich daran zu beteiligen. Er sieht das zitternde Ringen, den Blutkampf, die Demut, Ergebenheit, Geduld und Liebe zu Schöpfung und Geschöpf. Das kann den ganzen Schöpfungstag umgestalten und ihm schlagartig eine vollständig andere Richtung geben.
6-1179 Ahnt Luzifer, daß weniger JESU als mehr er selbst am Kreuz-, am Schöpfungswendepunkt angelangt ist und nicht mehr Tribute fordern kann, sondern solche zu erfüllen hat? Ja, er weiß es! Aber auch für ihn schweigt seine Schar, die Erde samt dem Himmel. Der heilige UR hat die Lebensströme aus der Priester-, Gottes- und Vaterherzkammer für die kurze Zeit aufgehalten; nur der Lebensstrom des Schöpfers fließt. Doch keiner der starken Wächter steht an seiner Quelle, um der Schöpfung zu vermitteln; denn — auch der Schöpfer schweigt! Unheimlich ist dieses Schweigen, in welchem zwei Seelen ringen: der heilige Beter und der Betrüger! —
6-1180 Die Last ist kaum mehr zu ertragen. Unter der Wucht neigen sich die Schultern in Demut, es neigen sich auch solche in Schuld. Das reine Herz hebt Geduld und Liebe hoch, der Geist besänftigt die Heiligkeit; und so steht JESU unmittelbar vor Seinem CHRISTUSTUM. Die Seele muß noch ringen. Wohl rinnt blutiger Schweiß über das von bitterster Pein verzerrte Angesicht, allein, die vom ewigen Gottlicht erfüllten Augen leuchten majestätisch, heilig, hehr.
6-1181 Luzifer spürt die Macht des dreifachen Gebetes. Es ist, als ob der Vorhang zerreißen müßte, jetzt schon, damit das Ewigkeitslicht ein Seelendunkel erhellt und das zweite Händepaar sich faltet. Schemenhafte Finger zucken schon; der Dunkle neigt sich nieder; lavagleiche Augen ruhen prüfend auf dem von fahlem Nacht-licht geisterhaft beleuchteten, im heftigen Gebetskampf zuckenden Gesicht.
6-1182 Ob nicht der ‚Mensch‘ vor dem ‚grausigen Morgen‘ unterliegt? Ob Er sich scheut vor einem jammervollen Tod und der Erniedrigung, die dem Gottgesandten aufgebürdet werden? Und er bangt, daß trotzdem ein allgewaltiges Opfer – Ja erfolgt, denn dann ist‘s um ihn geschehen. Das tritt ebenso unbarmherzig vor ihn hin, wie unbarmherzig die Hölle den ‚Charfreitag‘ will. Und so lastet auf Luzifer mit gleicher Wucht die Entscheidung, wie sie ungeteilt auf dem Menschensohne lastet; und damit büßt er auch die innere Machtstellung ein. Schauer jäh bevorstehender Vernichtung jagen über ihn hin. Noch eine Minute ist ihm belassen, eine halbe, fünf Sekunden . . .
6-1183 Er richtet sich zur vollen Höhe seiner tiefstgefallenen Wesenheit empor. Muß es so kommen? Das grausame Morgen wäre abzuwarten. ‚Warum also‘, murmelt er als Geisterhauch in gewitterschwerer Nacht, der sich beklemmend auf die heiße Stirn des reinen Kämpfers legt, ‚bin ich nicht Herr der Erde und des Raumes um sie?! Was geht mich der BETER an, der ein Menschensohn ist? Bin ich nicht?.
6-1184 Der Hauch verstummt, die Stimme wird zertrümmert durch die vier Worte: ‚So trinke Ich ihn!‘ — Die Entscheidung ist gefallen; die Erlösung gewonnen! Was folgt, GOLGATHA, ist der blutige Stempel des Kelchgebets, der diese Nacht zum ewigheiligen, unerhört erhabenen Dokument gestaltet, das das am vierten Schöpfungstag in das heilige Herdbuch eingetragene Testament (Gethsemane) vollstreckt!
6-1185 Die Gewalt treibt die dritte Erlösungsstunde vorwärts, bringt die Hölle zum Wanken und löst im Lichtreich Ungeahntes aus. In hellen Scharen harren die Äonen vor dem Heiligtum. Bald werden dessen Tore aufgetan, die Teppiche sichtbar sein, der Vorhang wird verschwinden, den die Heiligkeit des Falles wegen wob. Nichts mehr darf die Treuen von der LIEBE scheiden! Und das Herrlichste, Erhabenste: UR, der Ewig-Heilige, Ewig-Einzige und Wahrhaftige, wird sich offenbaren! Können sie die Seligkeit ermessen, wenn sie IHN schauen‘? —
6-1186 Gewiß, die Scharen haben GOTT gesehen, jenen Wesensteil, der den Tag regiert; und schon hat JESU reinster Seelenadel für sie verklärt. Doch der SOHN kann den Feuerglanz der UR-Gottheit um der Armen willen nicht enthüllen. Nun harren sie, auch zitternd vor seligster Erregung, UR-JESU-IMANUEL endlich zu sehen, ihres Lebens höchstes Licht und Wonne! Die Mosedecke ist schon weggetan.
6-1187 Doch nicht zuerst an ihre Seligkeit denken die Gesegneten. Mit innigster Anbetung warten sie auf die Beendigung des Kampfes. Das rückgewonnene Gut halten sie in ihren Händen; leuchtendes Licht in reinen Flammen, so heben sie es hoch, hüten es mit ihrer Kraft, um der Finsternis damit zu dienen. Das strahlt hinab zur dunklen Welt. Dort sieht EINER es, der aus dem Wort ‚So trinke Ich ihn‘ die Tat ‚Es ist vollbracht‘ menschlich bitterlich erringt. Er bedient sich dieser Lichtergaben, die das Mit-Opfertum bedeuten. Er will, wird und muß sie in Seinen heiligen Opfergang vereinigen!
6-1188 Sie sehen, wie der Ewige das hehre Tageszeichen, das Liebekreuz, auf sich nimmt. Und sie sehen einen Lichtfürsten mit tief gesenkter Stirn als einzigen in das Allerheiligste treten. Das dritte Tor hat sich ohne Laut geöffnet und geschlossen. Noch ist den Scharen unbekannt, was da geschieht.
6-1189 Rafael-Agralea stehen, von hehrem Ernste angefüllt, vor dem ‚Stuhl des Rechts‘. Agralea bleibt vor dem Herde knien, Rafael darf während des den heiligen SOHN erniedrigenden Opferganges eine Vertretung übernehmen, die wahrlich kaum wenig schwerer auf seinen fürstlichen Schultern lastet als die Furchtbarkeit der Welt auf UR, auf JESU!
6-1190 Er hantiert statt des Hochpriesters Melchisedek. Blutig leuchtet im Herdkelch das am Morgen geschöpfte UR-Quellwasser, die UR-Sonne konzentriert sich auf das Kreuz. Zwei Bücher sind vorhanden: das Schöpfungs- und das Lebensbuch. Kann der Liebefürst bestimmen, welches nun zu gelten hat? Handelt er aus der durch mehrfache Mit-Opferwege erworbenen Erkenntnis oder aus einer Werkbedingung? UR weiß es allein und der Träger der zweiten Gott-Eigenschaft.
6-1191 Die sechs Fürsten stehen als eherne Wächter vor den Toren, um das Hohe Haus die Ältesten, soweit sie nicht beim Herrn verweilen. Und die vier Wächter wachen auf den Türmen. Das aber sofort auszuführen, was der Kreuzritter erkennen läßt, sind Befehls-Engel bereit. URs Getreue halten Wacht! Da kann der Sühnesohn die Kreuzesbürde auf sich nehmen, Sein CHRISTUM allein auf die Erlösung richtend. Und das ist gut! Denn noch darf auch das Werk nicht wissen, nicht die Fürsten vor den Pforten, was URs Opfer fordert. Denn die Träger von Ordnung, Wille, Weisheit und Ernst brächten URs Macht und Kraft zum Einsatz, bevor das UR-Blut sich vergießt! —
6-1192 Während Jesus Christus alle Härten der Verhöre über sich ergehen läßt und nach Golgatha wankt, hält Rafael das heilige Herdkreuz mit beiden Händen fest. Er sieht den Verlauf, wie die Menschen, viele finstere Seelen und die Lichtkinder ihn sehen; er erkennt, was den Ersten des heiligen Volkes bitterlich ins Herz sich brennt; doch er sieht allein das ‚Heiligste des Liebetages‘! Er muß es sehen, steht er doch in Stellvertretung des Hochpriesters Melchisedek da.
6-1193 Agralea kniet vor dem Herd; aber ihre himmlische Seele wandert neben dem Leidenssohn einher. Und wie sie zusammenzuckt, als der HERR zum ersten Male auf dem Todesweg zusammenbricht, so zuckt das Herz des Rafael. Beide wissen: Es ist nicht nur der Zusammenbruch des aufs entsetzlichste gequälten Körpers, der der rohen Gewalt nicht länger widerstehen kann, nein, es ist eigentlich das Herz, das sich für die Härtigkeit der Welt und des verlorenen Kindes verbluten möchte, mit dem aus körperlicher Schwachheit aufsteigenden Gedanken: Warum will Mein Schöpfungskind das Leiden bis zur letzten Neige ausgefochten sehen? Merkt es nicht die grenzenlose Liebe, die es von seiner Last des Hochmuts und der Gottesleugnung zu befreien sucht? —
6-1194 Nein, das Kind, in herzlicher Barmherzigkeit nun verlorener Sohn genannt, will noch immer nicht! Vielleicht jetzt schon weniger aus Trotz, vielleicht mehr abwartend, in jedem Falle aber ungerührt. So reißt sich das Herz empor, zwingt den Körper zu übermenschlichem Kraftaufwand, um nicht von den Brutalen Milde zu erflehen, sondern in Barmherzigkeit, alles von sich fordernd, selbst aus Güte und Erbarmung für die Kinder hinzugeben.
6-1195 Als im Zusammenbrechen das Herz in heiligem Jammer fragt, hat Rafael das Lebensbuch, das seit Beginn des Kreuzopfers unter dem Schöpfungsbuch seinen Platz aus UR erhalten hatte, mit feierlicher Gebärde danebengelegt und erfaßt den übervollen Kelch. Er setzt ihn an die Lippen, die vor der Gewalt dessen, was er tun will, zittern, wie die Lippen des SOHNES zittern in Angst, Not und Qual, zusammengepreßt, um die Schreie seiner körperlichen Pein der teuflischen Umgebung nicht hören zu lassen, und — um die Seinen zu schonen.
6-1196 Rafael trinkt einen Schluck. Feuer rinnt durch seinen Körper. Nun fühlt er, was die LIEBE leiden muß. Erschreckt setzt er den heiligen Kelch an seinen Platz. Hat er recht getan?. . . Noch weiß er selbst es nicht genau. Aber eines weiß er: Seine eigene Liebe will mit der UR-Liebe leiden! Es kommt noch an den Tag, ob er als einziger Fürst des Lichts an diesem Kelche teilhaben durfte.
6-1197 JESU Weg geht hinauf zur sonnüberglühten Schädelstätte. Die Zeit ist ausgesucht, daß sie die Marter aufs äußerste erhöht. Nirgends gibt es einen Schatten; nirgendwo deckt den steinigen Boden auch nur eine Handbreit Gras, auf dem die müden, wunden Füße rasten könnten. Die fiebrige Stirne streift kein Hauch, der die Qual der Dornenkrone linderte. Als es am heißesten ist, wo sonst das Volk in dunklen Kammern Kühlung sucht, da wird der HERR zum Tod gejagt.
6-1198 Wieder bricht Er zusammen. Roh reißen die Knechte an den Stricken. Doch der Geist hat den Körper verlassen. Er will sehen, ob die Hölle noch nicht genug an diesem Schöpfungsschauspiel hat, und sieht nach jener Hilfe aus, die vorgesehen war, als das UR-Opfer am Beginn der viergeteilten Schöpfung vorbedacht wurde. Wäre es nun an der Zeit? Ist nicht genug Geduld, Liebe und Barmherzigkeit im strengsten Sinn verschwendet worden? Soll alle Schuld der Gefallenen, der Irdischen in diesem einem Kreuz vereinigt und dem sündenlosen SOHNE aufgebürdet sein? Die Heiligkeit ist doch anzufordern, da sich noch keine freie Umkehr zeigen will, und der Geist hat das Recht, den Körper zu verlassen, um sich wieder als Nur-Schöpfer zu enthüllen. Genug ist getan! UR kann das Werk aus Bedingungen bedecken!
6-1199 Das ist ein Titanenkampf des sich um JESU lagernden UR-Geistes, der die Schöpfung beben macht. Selbst GETHSEMANE steht demgemäß im Hintergrund. Rafael hat das Schöpfungsbuch zur Hand genommen. In erschreckend ernster Feierlichkeit sieht er auf beide Bücher nieder. O, URs Macht lastet schwer auf dem Geschehnis! Das Allerheiligste ist wie in Dunkel eingehüllt!
6-1200 Aber da, die Seele regt sich im gebrochenen Leib. O, hat sie ihr SOLL erfüllt, so gilt ihr auch das HABEN! Ein Gedanke — und schon richtet der Geist die Seele auf, gibt dem Leibe Kraft, daß er der gebotheischenden Tat folgen kann. Nun sind Herz und Geist geeint, nicht bloß im Inneren, wie durch das erste und zweite Kelchgebet, auch im heiligen ‚Haben-Muß‘, das allein aus dem UR-Opfer die Bedingung trägt. Es ist nicht das Muß eines ‚Nicht-anders- Können‘, es ist der freie Weg, das Hochziel zu erreichen!
6-1201 Der Fürst atmet auf, als er — berührt von Agraleas Seele — diesen Vorgang sieht. Schon steigt ein Glanz in seine schönen Augen. Doch halt! Er nimmt abermals den Kelch zur Hand, der nicht überfließen darf; er will UR in JESU das ‚Zuviel‘ nicht trinken lassen. Wenn der Engel wüßte, was er tut . . . Wahr ist, daß nach seinem zweimaligen Trinken der SOHN sich wieder erheben kann. Die geheime Verbindung vom Herdkelch zur Kreuztragung offenbart sich noch.
6-1202 Wie beim dritten Teil des Kelchgebets, so zeichnet sich auf diesem Todesgang der dritte Einsatz ab, sinngemäß der dritten Gnadenstunde, Menschenzeit und dem einen Drittel (Off. 8,7-13; 9-12 und ‚Das Gnadenbuch), das gefallen war. Herz, Geist und Seele geeint, geben ihren ‚Rechtsanteil‘ nicht auf. Allein, der Körper zehrt von dem wenigen, was das Leben noch besitzt. Und nicht willkürlich dürfen Herz und Geist die Last erleichtern. Ist die fast zerbrochene Seele dem letzten Anprall aber noch gewachsen? Sie liegt ja schon im Todeskampf, denn kein Mensch kann solch stundenlanger Marter widerstehen.
6-1203 Rafael sieht über die heiligen Bücher hinweg auf den Kelch. Seine Schlucke sind längst vom Golgathagang verzehrt. Wollte er den Becher heben, wäre nicht zu vermeiden, daß der Bitterwein als Blut auf den reinen Raumteppich tropft. Er neigt sich, bezwungen von unfaßbarer Opfermacht. Also trinkt der Kreuzritter aus JESU Leidenskelch; aber nicht wieder einen Schluck, obwohl ihm die Qual des Leidens brennend fühlbar wird. Er neigt sich zweimal hin, um der Seele ihre letzte Strecke zu erleichtern.
6-1204 Alsbald sehen er und Agralea das ‚VOLBRACHT‘. Das von Golgatha oder das ‚Vollendet‘ am Heiligen Abend ihres hochgesegneten Tages? (1. Mo. 2,1) Nein, weit darüber hinaus ragt ein unvergleichliches Fanal:
das Vollbracht des Tat-UR-Jahres!
Rafael will mit Agralea vor dem Heiligen Herde knien, im Angesicht des noch unsichtbaren UR. Doch er ist gebunden an die sichtbare Stellvertretung des Hochpriesters Melchisedek. Da kniet er herzgeweiht vor dem Allmächtigen und vertritt stehend (0ff. 8,2 und ‚Das Gnadenbuch‘) die Heiligkeit!
6-1205 Spürt der HERR den Trunk am Herd? Fällt der Himmelstau auf Seine Erdenseele: Kindesliebe leidet mit Mir?! O ja, Er nimmt als JESU und in Seinem UR-Geist auf, was IHM unverborgen ist. So kann auch der Menschensohn die geheiligte Anteilnahme kosten; sie ist Ihm gleicherweise Trost und Kraft. Er geht die hohe Straße auch für sie, die aus der erfüllten Schöpfungsfreiheitsprobe zu Mit-Opferträgern wurden. Für sie nicht minder gilt das GOLGATHA, wenngleich in ganz anderem Sinne als für das Schöpfungskind und dessen arme Wesen.
6-1206 Die Liebe eines Kindes, des Engels Rafael, vom bittern Herdkelch das zu trinken, was überfließen will, sendet Hilfestrahlen aus dem verschlossenen Heiligtum der UR-Stadt zur kleinen Erde. Denn sogar der roheste der Söldner wird vom ‚zuckenden Blitz‘ gebrannt, wenn es auch keiner eingesteht, wie Luzifer vor der unausbleiblichen Kapitulation die Augen schließt. Die Rohen schütteln das Gebrannte ab, sie schämen sich ob solcher Rührung. Doch sie bürden nicht noch einmal das unmenschlich schwere Kreuz dem zu Tod Erschöpften auf die Schultern, wie es allgemein der Brauch verlangt.
6-1207 Von ungefähr, so scheint es, naht sich Einer. Der Mutige folgt als Bekenner des Nazareners — zwar mit Abscheu — dem gräßlichen Tumult. Ein Befehls-Engel bringt in Sekundeneile den Auftrag herab. Unsichtbar kommt der hohe Lichtgeist zu Simon von Kyrene, unhörbar für Menschen bringt er den heiligen Befehl. Augenblicks steht der Getreue neben dem Rottenführer, der gerade jemand sucht, der das Kreuz die letzte steile Strecke trüge. Simon sieht den Römer an; ein eigentümliches Verständnis wechselt zwischen ihnen. Und das Kreuz wird dem Getreuen aufgelastet. JESU wankt nebenher.
6-1208 Bleibt noch eine Kürze, das Grausame zu unterbinden? — Luzifer kann und muß Zeuge in der brennenden Qual seiner letzten Starrheit sein, die ihn wie Furien von einem Ort zum andern peitscht. Ein einziger Mensch der Höllenseelen könnte wohl für Luzifer das Letzte wenden. Der Welt würde dadurch viel Gericht erspart.
‚ES IST VOLLBRACHT‘
Durch Raum und Zeit hallt das Erlöser-Wort! Es senkt sich als Befreiung und als Friede auf die Kinder, ob im Himmel oder auf den Welten, die den guten Glauben in sich tragen, doch als erdrückende Last auf alles, was ‚Widerpart‘ zu nennen ist.
6-1209 Den Kreuzritter befällt tiefste Erschütterung. Die sechs schweren Marterworte trug er ins Schöpfungsbuch ein, aber ‚Es ist vollbracht‘ schreibt er mit URs goldener Feder in das Lebensbuch und unter das Schöpfungstestament. Dann läßt er die sieben Leuchter wieder offen strahlen, entnimmt den sieben Fackeln je eine Lohe und gibt sie auf den silbernen Teller, dessen Flamme fast unbeweglich brannte. Nun lodert sie zur Opferschale auf, aus der Weihrauch sich als Alabasterkreuz erhebt und über der UR-Sonne zur Krone wird. Das Zeichen:
JESU offenbart als CHRISTUS Sein UR-Meistertum des Lebens!
6-1210 Da legt er das offene Lebensbuch auf das Schöpfungsbuch. Als er später beide nebeneinander legen will, ist nur noch ein Buch da. So muß es sein! Heilige Liebe, kommend aus UR, geboren zum Sühnesohn aus der GOTT-Wesenheit, hat durch letztwillige Aufopferung das UR-Leben dem Werke dienstbar gemacht! Es wurde so für alle Kinder eine unwandelbare Wahrheit, eine urewige Gewißheit!
6-1211 Es ist vollbracht! Rafael öffnet das dritte Gottestor für die Fürsten, Wächter und Ältesten. Die Befehls-Engel und die Legionen säumen die Lichtstraße, auf welcher der KÖNIG kommen wird. Noch ist das Öffnen des Vorhanges erst angedeutet. Auf der Welt zerriß ein Vorhang, um den Mißbrauch eines Tempels zu enthüllen. Hier wird er nicht zerreißen, sondern sorgsam weggenommen und in der nächsten Mitternacht im UR-Quell versenkt, daraus er als ein Schutz für den Tag der Liebe kam. Noch fehlt eine kleine Zeit und die Beugung dessen, für den der hochhehre Opfergang gebildet ward.
6-1212 Die Fürsten sehen zuerst in dem Gekreuzigten ihren Ewig-Heiligen UR, den Ewig-Einzigen und Wahrhaftigen wieder. Mit Herzen, deren Fackelbrand am Stuhl das Domdach trifft, harren sie des Winkes, der sie zum Miterleben der ‚Höllenfahrt‘ beruft. Über dem Heiligen Herd flammt das ‚KOMMT‘! Schneller als ein Blitz befinden sie sich in ihren Sonnenhäusern und nehmen von den Altarherden die Zeichen ihrer Fürstenwürde, mit denen sie zum Orte der Berufung eilen. Sichtbar für den Gefallenen und den treuen Zeugen Johannes sind zuerst zwei von ihnen: Rafael und Michael. —
6-1213 Die Hölle ist in Aufruhr! Ihre Wesen rasen durch den Raum. Jetzt spüren sie, wie engbegrenzt er ist. Stets wähnten sie ihn ohne Ende, hinausgehend über Gottes Reich. Und nun . . . Luzifer findet keinen Ort, wo er sich verbergen könnte. Nutzlos ist sein Beginnen, sein Gesicht mit den Händen oder einem Zipfel des Gewandes zu verhüllen.
6-1214 Lichtblitze von erschreckender Stärke und Schnelligkeit kreuzen durch den Hades. Grollen und Donnern erfüllen den Ort. Die Gefallenen hören die Stimme voll Macht und Kraft: „Luzifer, komm hervor! Verstecke dich nicht, denn Ich sehe dich!“ — Der Gerufene flieht und flieht. Doch je mehr er dem Machtgebot zu entrinnen sucht, um so mehr verstrickt er sich in eigene Verwirrung und steht schließlich — gebannt durch Golgatha — im Lichtring von drei Gestalten, deren Glanz und Gewalt das Dunkel erhellt und die Hölle zittern macht. Alsbald verharren die Dämonen starr entsetzt. Luzifer krümmt und windet sich wie ein Wurm. Sein Fall, die Erhebung gegen den All-Heiligen, die Auflehnung wider die gegebenen UR-Bedingungen, seine übermäßige Inanspruchnahme des Freiheitsgesetzes, sein unsinniger, lügenhafter Kampf gegen das Friedensreich, gegen die Lichtkinder, nicht zuletzt aber seine zweimalige Heimsehnsucht, die er mit grimmen Flüchen zu ersticken suchte, zerbrechen ihn vor der Lichterscheinung.
6-1215 Doch noch einmal rafft er seinen maßlosen Hochmut, seine Kraft und Bosheit, Machtgier, seine ganze niederträchtige Dämonie zusammen. Stolz richtet er sich auf, und Hohn trieft aus seinem Munde, als er sagt: „Was willst du, toter Mensch, das ich Dir tue? Soll ich für Dich mit meiner Schar Rache nehmen an dem Volk, das Dich . . .“ Luzifer stockt. Die rechte Lichtgestalt, Michael, streckt das blitzende Schwert vor, aus dem ganze Strahlenbündel gleich lohenden Flammen zucken. Die Lichtgestalt zur Linken, Rafael, hebt gegen den Frevler ein Kreuz empor, das den Machtglanz einer Schöpfung birgt. Da breitet die mittlere Gestalt, die in sich Schwertflamme und Kreuzmacht konzentriert und widerstrahlen läßt durch Himmel, Hölle und die Erde, beide Hände aus und erfaßt mit ihnen Schwert und Kreuz. Alsbald sinkt der Fürst der Finsternis in sich zusammen, bar aber aller Macht und Widerstandskraft. Er verbirgt sein Antlitz in den Falten seines Rockes, denn er mag, er kann DEN nicht ansehen, der seines Lebens Ursprung und Dasein ist. CHRISTUS, der lebendige GOTT, spricht:
6-1216 „Umsonst, o Luzifer, verhüllst du deine Augen, denn Mein Anblick ist dir in die Seele eingebrannt. Wenn du aber meinst, das Erbe zu besitzen, das du einst im Allerheiligsten aus Meinen Händen vor dem Heiligen Herd empfingst und es nach deiner Lossagung auch noch als ein von dir selbst erworbenes Eigentum betrachtetest, sieh, so will Ich jetzt weder in Meiner Schöpfer-Macht, auch nicht in Meiner Priester-Kraft noch Gott-Gewalt oder Vater-Stärke vor dir stehen, sondern bin noch einmal Menschensohn, der arme verlassene Beter von Gethsemane, der Sterbende, der in höchster Qual und Pein am Kreuze rief: ‚Mein Gott, warum hast Du mich verlassen!?‘ Und Ich will das neugeborene Kindlein sein, damit du, Luzifer, gewiß seiest, daß URs Hand jetzt auch nicht im Geheimsten auf dir ruht.
6-1217 Dir, Michael, sage Ich: Ziehe dein Schwert zurück! du, Rafael, stelle das Kreuz vor deine Füße! Nun, Luzifer, bist du frei wie nie in deinem dunklen Dasein! Verwende deine Erbkraft wie du willst! Erhebe dich, reiße alle Schöpfung an dich, Himmel, Erde, Hölle; und wenn dir das gelingt, dann vernichte JESU, der vor dir steht als Menschensohn, — denn dann sind Seine Geburt, Sein Kelchgebet, Sein Kreuz von Golgatha vergebliche Dinge und unnütz Sein im Opfer urbedingtes Wiederkommen! —
6-1218 Das ist Mein letztes Angebot, das Ich dir schenken kann. Aufgrund des Todesopfers, dessen Allgewalt selbst Meine höchsten Lebenskinder noch nicht ganz verstehen, gibt es nur mehr zwei Entscheidungen: Mein Sieg — oder die sofortige Auflösung der Schöpfung! Denn baute Ich als UR Mein Werk auf Ordnung und auf Wille auf und segnete es aus Weisheit und aus Ernst, führte es mit Geduld und Liebe und will es nun durch die Barmherzigkeit zur Krönung bringen, so geschieht das nur dann, wenn alles aus Meiner Wesenheit erweckte selbstbewußte Leben in diese Krönung einbezogen werden kann! — Und das wiederum allein auf den zwei Schöpfungsgrundregeln: Die zu Meinen Rechten vorbehaltenen Bedingungen, das zu Rechten Meiner Kinder gegebene freie Willensgesetz! — Zu dieser Vollendung, soll sie vollkommen sein, gehörst auch du, Luzifer, du und deine Schar, die Seelen, alle Menschen und die noch im Irrwahn gebundenen Wesen!
6-1219 Zwei Beispiele gab Ich hierzu: das eine vom verlorenen Sohn, du kennst es, Luzifer, du hast damals als ungesehener Zuhörer blitzartig erkannt, daß nur du damit gemeint sein konntest; das zweite vom verirrten Schäflein, das der treue Hirte so lang sucht, bis Er es gefunden hat und auf Seinen Armen heimwärts trägt, gilt jeder Einzelseele, die du in die Irre führst. Sieh, jetzt erkennst du, daß es nichts in seinem Ursprung gibt, das nicht zuerst als Lichtgedanke aus MIR gekommen war! Doch willst du das Erkennen nicht als einen Grund benutzen, worauf deine Umkehr aufzubauen ist. Da es wahrlich aber gar nichts gibt, was nicht ursächlich gut gewesen wäre, weil einzig und allein aus Mir gekommen, so wisse denn, daß bis in alle Ewigkeit nicht außer MIR und ferne Meinem Licht als Gegenspieler leben kann! Bereits das Ende dieses sechsten Schöpfungstages soll das sehen. — Nun wohlauf, Luzifer, zeige deine Erbkraft; der MENSCH JESU steht vor dir, die nackte Seele, die aus sich selbst durch eigene Erkenntnis sich die Kraft erwarb, dem Widersacher zu begegnen!“ —
6-1220 Unheimliches Schweigen herrscht in der Hölle. Die bösen Wesen sind wie leblos. Luzifer ist ganz auf sich gestellt, auf die Macht seiner Persönlichkeit. Mit großer Qual und mühevoller Pein erhebt er sich. Da spürt er noch einmal in seiner Brust die Heimsehnsucht, zum dritten Mal. Er ringt das Sehnen nieder, mit seiner letzten Kraft zwingt er seinen Willen. Und er spricht: „Komm, Du armer Mensch JESU, mich erbarmt Deiner wirklich, da Du um Dein Leben und das Werk desselben betrogen bist. Ich will Dich entschädigen.“ Sagt JESU:
6-1221 „Meinst du, daß Ich betrogen wurde oder daß nicht vielmehr jetzt die Gottheit erst betrogen werden soll? Mich dünkt, du willst dem VATER ein Kind stehlen?“ „Dich?“ fragt Luzifer. „Das kommt darauf an, was du nun tust. Allein ein Kind kannst du stehlen, dich oder Mich! Die Wirkung wäre zwar dieselbe,“ „Daß ich nicht lache!“ Des Dämons schauervolles Hohngelächter hallt durch den Hades. „Ich kann mich doch nicht selber stehlen? Nein, das gibt es nicht! Aber Dich, JESU-Seele, sieh, Du bringst mich auf eine neue Idee. Ha, das lohnt sich! Das versuchte ich nicht mal bei Deiner Erdenzeit! — Denn damals auf dem Berge wollte ich nicht Deine Seele, die ja meiner Welt entstammt, nein, da wollte ich den Geist im Menschen niederringen.“
6-1222 „War es dir gelungen, den Geist an dich zu ziehen?“ fragt JESU. „Damals“, Luzifer vermeidet, mit Ja oder Nein zu antworten, „hätte ich Deine Erdenseele fassen sollen, wie man klugerweise einen Feind an seiner schwächsten Stelle packt. Leider hatte ich dich unterschätzt.“ „Es gehört kein Mut noch Kraft noch Tapferkeit dazu, einem Feinde in den Rücken zu fallen. Ich finde dies ehrlos und gemein. Wer so handelt, stellt sich selbst ein großes Armutszeugnis aus.“ „Du Mensch, hüte Dich!“ zischt der Dunkle, „oder . . .“ „Hüte du dich!“ Ein Zornblitz stählerner Augen trifft Luzifer, der ihn auf seinen Platz zurückweichen läßt. Michael ist vorgetreten.
6-1223 „Einmal“, spricht der Lichtfürst hart, „standen wir uns gegenüber im ersten Kampf, der zwischen Geschöpfen ausgefochten wurde. Damals war die hohe JESU-Seele, die nun vor dir steht, noch nicht dabei, denn zu dieser Zeit gab es weder eine Erde noch deren Seelen. Doch schon damals war durch böswillige Erhebung gegen Gott in dir Ehrlosigkeit und Tücke zu ansehnlichen Wucherungen emporgeschossen. Ich stand vor dir. Da du ein Drittel der Gedankenkräfte trugst, war deine Schar größer als die meine. Uraniel als Mitträger der Schöpfereigenschaften sekundierte mir. Gib zu, daß du meinem Schwerte ausgewichen bist. Ich hatte meine Schar vor dir geordnet; du kämpftest aus dem Hinterhalt.
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