← Zurück zu „Der Patriarch“

Kap 22 – Nachwort: Saras und Abrahams Tod

Kapitel 22

In Beth-El begrüßt man Abraham mit großer Freude. Doch Knecht und Magd und alle seine Treuen neigen sich tief vor dem Hohenpriester aus dem Geiste Gottes. Es ist aber nicht nur Ehrfurcht vor dem vom Höchsten Herrn sichtlich Ausgezeichneten und Auserwählten, sondern jeder beugt sich so vor seinem Gott. Doch als man merkt, wie echt väterlich der Patriarch zu jedem spricht und eines jeden Wort entgegennimmt, wird mit der Ehrfurcht auch die Liebe größer. Voll des Vertrauens scharen sich die Männer und die Frauen wie Kinder um ihn her. Tschuba und Tzordhu gehen kaum von seiner Seite. Und auch Jubisat, der Dritte der Getreuen, dem Abraham von seinem ‚Himmelsopfer spricht, umsorgt rührend seinen Herrn.

Mit diesen drei Vertrauten und einem Zug von Knechten, dazu einige der besten Mägde, zieht er durch das Land. Alle treuen Fürsten sucht er auf, spricht und handelt überall als Vater und als Helfer, ist Priester und ordnet das Gefüge seines Königsstaates. Sein, erster Besuch gilt Fylola und Hebael in Abel-Mehola. Beide und ein Teil von Treuen schließen sich dem Zuge an durch das ganze Nordgebiet.

Fürst Hummar-Karbo und sein Weib in Endor weinen Freudentränen, als die lieben Gäste kommen. Der Fürst nebst ein paar Knechten reiten mit. Abraham denkt: „Wird mein Haufe wieder groß wie damals bei der Königsschlacht?“ „Nicht ganz“, sagt eine wohlvertraute Stimme und zwei Hände strecken sich von beiden Seiten ihm entgegen. Es sind seine Himmelsbrüder. „Jetzt wird das Maß der Freude übervoll, ruft er dankbar aus. „Ach Herr, wie recht hast Du gehabt mit Deinem vier- und siebenfachen Maß!“ Es wird ein wunderbarer Weg und die Irdischen gewinnen immer mehr den Anschluß an den Himmel.

Bis Dan zieht der Patriarch und das neue Kedes wird besichtigt. Dann geht’s zurück nach Golan, sogar Astaroth-Karnaim sucht man auf. Hier wird dem Patriarchen eine schöne Freude. Die Riesen neigen sich vor ihm und bitten um ein Bündnis, das Abraham zu Nutz und Frommen gleich für Mamre, Eskol, Aners und Kedor-Laomor erweitert. Wie freuen sich die Fürsten, als der ganze Zug in Bozra, Ramoth-Gilead, Hesbon und Bezer einkehrt und Abraham das Bündnis mit den Riesen bringt, das keinen Feinden gilt, sondern nur dem Frieden, daß sich die Stämme gegenseitig helfen und ertragen wollen.

Abraham umreitet das ganze ‚Böse Meer’ im Süden. Er will das Land erforschen und die Menschen lehren, die sich nach der großen Katastrophe von Sodom und Gomorra wieder angesiedelt haben. Das einst kleinere Süßmeer mit einem Abfluß nach dem Westen ist verschwunden. Von Ost nach West sieht man jetzt das andere Ufer nur bei klaren Tagen. Weit südwärts hat sich das Wasser ausgestreckt. Viele fruchtbare Gefilde sind ausgemerzt. In der Nähe dieses totgewordenen Meeres ist kein gutes Land. Wohin der Patriarch und sein Gefolge kommt, herrscht bald reges Leben. Überall wirkt er mit seinen Helfern für des Leibes Leben segensreich, — auch für den Glauben an den Herrn.

Endlich trifft er in Hebron ein. Er war Jahre unterwegs. Sara ist recht müde in der Zeit geworden. Die Gäste bleiben eine Weile, dann kehrt einer nach dem andern in seine Stadt zurück. Doch abermals wird Abraham vom Himmel ausgesandt; denn die Philister sind ein unruhvoller Stamm, der einen Bund nicht länger hält als es ihm paßt. Schon hundertdreißig Jahre alt, zieht Abraham mit seinen Knechten gen Gerar. Er fordert König Abimelech auf, den Bund zu halten, oder die Philister würden merken, daß des Patriarchen Schwert nicht eingerostet sei. Sofort bieten sie die Friedenshand. Lange Zeit bleibt Abraham bei den Kenitern am Brunnen von Beer-Seba. Wohl möchte er zurück zu seinem Weib. Manchmal ist er ganz besorgt und spricht davon, daß er Sara wiedersehen wolle. Doch sobald man Anstalt trifft, um wegzureiten, drehen die Philister ihm den Rücken zu.

Er sendet Tschuba und Tzordhu mit zehn Knechten nach Hebron, es läßt ihm keine Ruhe mehr. Die Treuen kommen noch zurecht, Saras letzten Segensgruß an Abraham zu hören. Tschuba drückt die müden Augen zu und Tzordhu richtet ihr das letzte Bett. Sie wird zunächst in einem sonnenlosen Raume aufgebahrt. Tzordhu bannt mit seinen Kräutern die Verwesung, bis Abraham erscheinen kann. Dann machen sie sich auf und reiten wie der Wind nach Süden. Ganz Hebron trauert Tag um Tag, denn die ‚Herrin vom Hain Mamre‘ war überall beliebt.

Als Abraham die schnellen Reiter kommen sieht, weiß er, was geschehen ist. Er verhüllt sein Haupt und streut Sand darauf. Doch keine Klage kommt aus seinem Mund. „Sie ist heimgegangen, meine gute Seele“, sagt er nur und Tränen rinnen ihm in seinen langen weißen Bart. „Möge Gott mir bald verschaffen, daß ich sie in Seinem Lichte wiedersehe.“ Er bricht schnellstens auf, und viele der Keniter und Hethiter folgen ihm, um ihm zu helfen, seine liebe Tote zu begraben. Auch Abimelech folgt und seine Leute halten Ruhe. Vor dem Tod, dem ‚Ruf der Ewigkeit‘, neigt sich Fürst und Untertan.

Ein reiches Frauenleben hat ein weites Land mit segnen helfen, hat viel Leid und Not gelindert, viel mütterliche Liebe ausgestreut. Nun ist Abraham allein. Er ist zu priesterlich geworden aus Gottes Hohem Geist, als daß er trauern könnte wie die fernen Menschen, die einst die ganze Welt bevölkern werden. Trotzdem trägt er auch das Leid um sie. Und holt er sich um seines Hauses willen auch Ketura, Mamres treue Schwester, als sein Weib, so bleibt Sara doch die Einzige, mit der er in echter Liebe verbunden war. Ketura hält die Treue gegen Sara und hilft Abraham in allen seinen Dingen, die er bis zu seinem Tod noch tut. — —

Der Ruf vom Licht: „Die Tage sind gezählt!“ Ketura und Rebekka betreuen ihn. Isaak selber macht sich auf, seinen Bruder Ismael aus Sur zu holen. Voll Frieden reicht er ihm die Hand und Ismael greift zu. Als sie heimwärts kehren, merken sie: Es ist höchste Zeit, wenn wir unsern Vater Abraham noch einmal hören wollen. Doch es reicht die Kraft des Körpers, weil der Geist ihn längst beherrscht. Segnend streckt der Greis die Hände über alle seine Kinder aus, über Weib und Tochter, über seine Treuen, über Knecht und Magd, über‘s ganze Land, ihm vom Herrn gegeben.

Er legt sich auf sein Lager, ordnet selber sein Gewand und seine Hände, die er nach oben, Gott entgegenstreckt. So schläft er ein. Vier Tage läßt man ihn in seiner Kammer ruhen; und als man ihn zum Felsgrab trägt, da Sara liegt, wandeln neben ihm zwei hohe Lichtgestalten. Sie sind bekannt. Doch keiner von den Menschen könnte sagen, ob ihre Augen heilig oder freudig schimmern. Als man das Grab verschließt und von der weihevollen Stätte geht, bleiben sie zurück.

Vor diesem Tod beugt sich auch Ismael. Aber Isaak sagt zu den Trauernden, die um ihn versammelt sind: „Wohl ist mein Vater irdisch eingeschlafen; doch ich weiß, die Himmlischen sind nur gekommen, um ihn heimzuholen. Würden wir das Grab nach drei Tagen öffnen, so wäre es schon leer wie einst, ehe unsere Mutter Sara hingetragen wurde. Darum soll die Stätte heilig bleiben für den Herrn.“

← Zurück zu „Der Patriarch“