Kapitel 21
Abraham will Isaak opfern. Die ungeheuerliche Bürde eines treuen Vaterherzens. Golgatha! Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die getreuen Knechte.
„Herr, Abgesandte von Eskol kommen, um dir zu huldigen. Du aber reitest einen kleinen Schwarzen, nicht wie der König dieses Landes, sondern wie ein .. .“ „Laß es heute gut sein, Tschuba. Meine Seele steht im Fasten mit einem schweren Ding, das ich zu tragen habe.“ „Vater, kann ich dir behilflich sein?“ Isaak schmiegte sich an seinen Vater an, „Ich habe Kraft!“ Der Knabe reckt seine noch feingliedrige Gestalt und schüttelt seine hellen Locken in den Nacken.
„Ja, mein Sohn“, erwidert Abraham und müht sich, seines Herzens Trauer zu verbergen. Wieviel Seufzer hat er bisher unterdrückt? Ob die der Herr wohl zählen wird? Auch die Männer umringen ihn. „Vater Abraham, du hast von deinen Knechten nur zwölf Getreue auserwählt, die heute mit dir ziehen dürfen. Aber jeder hat zwei Hände! Laß uns teilhaben an deiner Last.“ „O meine Freunde, ich werde euch noch brauchen, wartet es nur ab!“ Abraham wendet sich an Tschuba: „Gehe hin nach Eskol und laß sie in die Hütten ziehen und sprich, daß ich sie segne aus dem Herrn. Wenn ich wiederkomme —“ Abraham macht eine lange Pause, „will ich vergelten, was mir Eskol Gutes tut. Jetzt führt unsere Straße dran vorbei bis zum Kidronbach. Du findest uns, wo der Fluß nach Westen biegt. Hernach reiten wir gen Je-Ru-Salem.“
Es ist schon der zweite Tag. Im Gegensatz zu sonst sind sie sehr langsam vorangekommen. Überall hielt Abraham an, er klärte manchmal weitschweifig, wie man Felder, Weiden, Gärten und das Holz verbessern könne. Es ist der reinste Trauerzug. Am Bachbogen untersucht er lang die Ufer, prüft das Wasser und findet manches Neue zu gestalten. Isaak nimmt in seinem Knabeneifer am Wesen seines Vaters teil. Und sonderbar: Abraham läßt seinen Sohn kaum von der Hand; als müsse er ein Kindlein führen, so geht er mit ihm um. Auch das wundert die Knechte. Verstohlen werfen sie sich Blicke zu. Abraham bemerkt es; doch er schweigt, er sieht die Treue in den Augen.
Endlich — der Nachmittag ist fast vorüber — bricht er wieder auf und zieht der Sonne nach, die zum Westmeer strebt. Spät abends kommen sie zur Mauer (Die spätere 2. Mauer, die Salomo teils erneuern, teils erweitern ließ.), die der Patriarch nach jenem wunderbaren Tag, da Melchisedek ihm und seinen Mannen auf dem Königsfeld erschienen war, um den Ort hatte bauen lassen. Am Osttor beugt der Wächter sich zur Erde, als er Abraham er kennt. Ein Helfer geleitet ihn samt seiner Schar zu einer Herberge, die ein Syrer kürzlich recht gut und zweckdienlich errichtet hatte. Sie ist sauber und hat sogar für die Ställe drei Mauerseiten und ein Dach.
Der Wirt weckt sein Gesinde. Er richtet noch ein Mahl, bringt Brot, Wein, Widderfleisch und Früchte und eine Wachstafel. „Herr“, bittet er, „ich habe dieses Haus aus meines Vaters Erbanteil gebaut, habe aber nicht gewußt, daß du den Grund verschreibst. Ich bin Syrer und hier fremd. Der Stadtobere dachte, ich hätte deine Schrift und fragte deshalb nicht. Auch gab ich der Stadt zum Wasserbrunnenbau vierzig Gold- und hundert Silbersäckel. Willst du mir nicht nachträglich den Bau genehmigen? Ich gebe gern, was du dafür forderst.“
„Ich kann dein Haus für gut befinden, entgegnet freundlich Abraham, „und will schreiben, daß jeder merkt: du hast mit mir gebaut. Doch wer zum Land gehört, soll vorher fragen und nicht seine Hütte setzen wie er will, auf daß die Gassen ungebogen bleiben. Auch hast du gut die Straßenform gewahrt, so daß du nichts zu ändern brauchst. Hier meine Schrift.“ Er setzt seinen Namen auf die Tafel: ‚Abraham, der Patriarch, Fürst von Kanaan und König aller Jordanländer.‘
Erfreut bringt der Wirt ein wertvolles syrisches Geschmeide. „Nimm, o Patriarch! Deinen Ruhm, der bis ins Syrerland gedrungen ist, hast du mit deiner Unterschrift bestätigt.“ „Ferne sei von mir, daß ich auch nur einen Silbersäckel nehme! Du hast mit einem guten Hause meine Stadt bereichert und zum Wasserbau gegeben. Laß uns Freunde sein.“ „Ich? ein Freund von dir, dem Patriarch und König.“ Der Wirt sinkt förmlich in sich zusammen. „Warum nicht?“ fragt Abraham. „Möchtest du zu meinen Untertanen zählen, so bist du mir ein Freund und Sohn. Willst du aber frei verbleiben, so will ich deinen Willen ehren.“
„Wie gern bin ich dein Freund. Ich kann kaum fassen, daß mir solches Glück geschieht.“ „Setze dich zu mir“, fordert Abraham auf, „und berichte mir von deiner Sippe.“ „Viel Großes hätte ich dir nicht zu melden; immerhin: Mein Bruder Bethuel und ich erbten unseres Vaters Feld- und Weideländer. Ich brauchte nicht zu ziehen, auch war Friede zwischen mir und Bethuel. Doch ich habe Wanderblut, ich zog in der Ferne weit umher. So kam ich vor sechs Monden hier in dieses Land. Es gefiel mir wunderbar. Alles war geordnet unter gutem Schutz, wie ich nirgends fand. Auch Beth-El schaute ich mir an, wo ich deinen Statthalter kennen lernte. Er riet es mir, hier anzubauen.“ „Ach, Jubisat hat das getan?“ Ein Freudenschimmer huscht über Abrahams Gesicht, wird aber gleich wieder mit fast düsterem Ernst verdeckt.
„Als ich von meinem Bruder ging“, berichtet der Wirt weiter, „hatte dieser einen Sohn, den Laban, der auch die Güter haben soll. Er ist nochmal so alt wie dein Sohn Isaak.“ Der Syrer gibt dem Knaben eine wunderbare Frucht. „Nun habe ich Verbindung aufgenommen, denn Bethuel soll wissen, wo ich zu finden bin. Ich hörte, ein Töchterchen, Rebekka, sei nachgekommen.“ „Und wie heißt du?“ „Man nennt mich Batrah, den Wandernden, doch von Geburt heiße ich Ephael. Jetzt stehen beide Namen über meiner Tür, wie geboten ist, daß die Händler und die Herbergswirte ihre Namen über ihre Pforten schreiben müssen. Ich finde diese Anordnung von dir ganz ausgezeichnet. So wird man auch bekannt; und wenn Fremde kommen, kann es heißen: Geh zu Batrah Ephael, dort bist du wie zu Hause.“
„Es freut mich, daß du meine Anordnungen anerkennst und den Nutzen merkst, der darin ruht. Es war nicht leicht, die Händler auch zu überzeugen, während unsere Wirte schnell den Nutzen und das Recht erkannten. Nun aber, Ephael, richte uns die Kammern, wir sind müde. Und eines: nimm keine andern Gäste auf, solange ich mit meinem Sohn und dem Gefolge bei dir bin. Es wird nicht zu deinem Schaden sein.“ „Herr, das Haus ist dein.“ — —
Alles schläft, Isaak, der mit seinem Vater eine Kammer teilt, merkt nicht, wie ruhelos derselbe auf- und niederschreitet, sein Gesicht wie oft betrachtet, das im Schlafe friedlich liegt, nicht ahnend das kleine Herz, daß es morgen nicht mehr schlagen soll. In einer Ecke steht der Sack, der Tschuba aufgefallen war. Abrahams Hand fühlt zitternd nach den Dingen, die darin verborgen sind. Er öffnet ihn und zieht einen kleinen Weinschlauch heraus.
„Ach Herr“, flüstert er und verkrampft die Hände, „kann ich nicht wenigstens dem Kinde von dem Essig geben, damit es nicht das Messer sieht, wenn — ich — es hebe, um . . .“ Es schüttelt ihn. Er fühlt sich ganz zerschlagen. Die drei Tage bringen ihn um dreißig Jahre seines Lebens. Hat ihm jemals eine Hand gezittert, außer vor dem Herrn?
Ein Licht steht an der Pforte. Abraham erkennt es nicht, doch die Stimme tröstet: „Ja, Abraham, das darfst du um des Knaben willen tun. Denn noch ist Isaak zu jung, um zu begreifen, was geschieht. Er soll nicht sehen, wie sein Vater opfert.“ Das Licht enteilt. Ein schwerer Seufzer, mit einer winzigen Erleichterung, entringt sich tief der breiten Brust. „O Gott, der gute, liebe Knabe, in dem kein Falsch zu Hause ist! So rein; und nicht dem kleinsten Wurm tut er ein Leid. Nie sieht er zu, wenn man Tiere tötet, sei es zu Deinem Opfer oder unserm Mahl. Es wird der dritte Tag, daß ich nicht gegessen habe und kein Tropfen Wasser netzte meinen Mund. Meine Treuen wundern sich, daß ich keine Speise zu mir nehme. — Aber morgen —? Ich weiß nicht, was mit mir werden soll.“
Abraham verliert sich in ein Selbstgespräch. „Wenn ich Isaak geopfert habe, muß ich den Altar mit dem Opfer den Flammen übergeben. Aber wenn die Knechte fragen: Abraham, wo ist dein Sohn?! Kann ich einem nur ins Auge sehen, ohne mich nicht selber zu vernichten? Ich habe andere Kleider mitgenommen; und wenn Gott verhindert, daß ich mich über Isaak den Flammen übergebe, so bleibt nur eines: Unstet und flüchtig muß ich wandern, mich jagen lassen wie ein wildes Tier! Denn zurück — als Patriarch — das kann ich nicht! Und eine fromme Lüge, ein Tiger hätte Isaak gerissen, um Saras Trauer abzumindern und dem Hohn und Haß der Meinen zu entgehen . . .?
Ich habe Gottes Wort gehalten von meiner Jugend auf, die Gebote dünkten mich nicht schwer zu sein. Das Gesetz, aus Seinem Willen mir gebracht, hat die Geduld zu seinem Grund, sein Kern ist Seiner Liebe Licht; und was aus der Befolgung kommt, ist Offenbarung der Barmherzigkeit. Sein hehrer Wille samt der Ordnung, Seine Weisheit und der Ernst sind das Gefüge, das das Schöpfungsall erhält.
Nur das Gebot der Opferung des Isaak verstehe ich noch nicht, obwohl ich seinen unerhörten tiefen Sinn begreifen konnte. Nun, Gott weiß, warum ich Ihm auf dieser Welt den Vorweg zubereiten soll. Ach Herr“, er tritt zum Bogenfenster, durch dessen Vorhangspalte sich ein Strahl des Morgenrotes stiehlt, „nun ist es Tag und ich muß . . .“ Wie ein gefällter Baum stürzt Abraham zusammen. „Vater, rette meine Seele und nimm Isaak in Gnaden auf!“
Da spürt er eine unsichtbare Hand auf seinem Haupte ruhn, so lind und doch voll Kraft, sie deckt den ‚Vater‘ zu; und was sich nun erhebt, der Patriarch, das ist ein Priester Gottes. Sein Gesicht hat sich verwandelt; es ähnelt jenem heiligen, das ihm so oft begegnet ist. Man weicht vor ihm zurück, selbst Isaak wird scheu. Was ist mit seinem Vater, der auch das Morgenmahl verschmäht?
„Ich habe einst gelobt“, sagt Abraham auf seines Kindes Frage, „daß ich das Opferfeuer auf die Erde tragen will! Die Stunde ist gekommen, Gott fordert mein Gelübde ein, ein Opfer, das die Welt bisher noch nicht gesehen hat! Und sie wird es nicht verstehen; denn sein eigen Ich zu geben, der Liebe eigen Herz, — wer will das begreifen? Darum bleibet hier“, wendet er sich seinen Knechten zu, „bis ich wiederkommen werde. Wenn aber nicht, so findet ihr in meiner Kammer ein Testament, das euch zeigt, was ihr noch schuldig seid zu tun. Doch erst am dritten Tage, sollte ich nicht wiederkommen, dürft ihr in meine Kammer gehn. Versprecht mir das mit dem Gelübde eurer Treue!“ Die Knechte sind verwirrt. Tschuba und Tzordhu horchen wachsam auf. Zwar sind ihre Augen noch gehalten, daß sie nicht merken, wie es um ihren guten Herrn und Vater steht. Doch daß er etwas tut, das ihm sein Herz zerschneidet, sehen sie mit Kummer und mit ängstlichem Gemüt.
Sie geben ihm zum Schwur die Hand. „Heute ist es kein Befehl, meine guten Kinder; sondern nur die Bitte: Haltet mein Gebot.“ „Wo willst du opfern?“ fragt Isaak. „Der Herr will mir die Stätte zeigen.“ „Darf ich mit?“ „Du willst mit mir gehn?“ Abraham verdeckt das Zittern seiner Lippen. Isaak tröstet: „Heute bist du traurig, lieber Vater, darum will ich bei dir bleiben, bis morgen Gottes Freude dir dein Herz erfüllt.“
„O mein Sohn!“ Abrahams Erschütterung ist groß. Ungeweinte Tränen ersticken seine Kehle. Er ladet sich die schwere Bürde auf und nimmt Isaak an seine rechte Hand. Tzordhu sagt ergeben: „Herr, laß wenigstens einen von uns mit dir ziehn, daß er dir tragen hilft.“ „Du meinst es gut, mein Sohn. Aber es gehört zum Opfer, daß ich den Altar tragen muß.“ Ein guter Blick gleitet über seine Knechte hin.
Der Tag wird heiß. Hoch wölbt sich des Himmels Blau und die Sonne brennt die Wege auf. In einem leeren Hof, noch ehe sie zur Mauer kommen, wirft Abraham sich einen dunklen Mantel um. Sie gehen durch das Westtor, ehe es der Wächter merkt. Abraham sieht nicht zurück. Sie stehen auf der Höhe(Später: Morija), auf der zu einem Teil die Stadt sich ausgebreitet hat. Noch viel Raum birgt die Mauer und auch außerhalb kann sich der Ort noch gut erweitern, zumal nach Osten und nach Süden. Überall, wo sich dank der Unermüdlichkeit des Patriarchen Menschen angesiedelt haben, liegen Tal und Höhen fruchtbar da.
Er schaut sich um. Nirgends könnte er dort opfern, wo der Rauch der Hüttenherde quillt. „Ach Herr“, spricht er für sich, „nun zeige mir die Stätte; laß mich den Balken nicht zu lange schleppen.“ „Sei getrost! Auch im Schwersten ist Gottes Güte die eigentliche Last!“ Wie ein sanfter Wind ist die Stimme, die ihn kühlend streift. Eine Hand deutet westwärts vor die zukünftige Stadt. Ein kahler Fels, zwar nicht hoch, doch steil, schiebt sich zwischen alles Blühen ein. Weder Hütte noch Baum, nicht einmal die genügsame Kletterziege sieht man da. Wahrlich, ein Ort wie geschaffen, um das Opfer auszuführen. Wie sagte Gott? Der Weg ist steil, auf dem die armen Scherben heimzutragen sind. Ach — nun ist er selber eine Scherbe. —
Abraham geht mit Isaak ins kleine Zwischental hinab, eine Senke, durch die wohl kaum ein Wanderer gegangen ist. Er muß sich seine Straße selber treten. Am Fuß des kahlen Hügels an gekommen, auf dem nur karge Dornen stehn, entleert er seinen Sack. Isaak sieht zu. Er weiß schon, was zum Altarbau gehört. Aber daß der Vater so viel schweres Holz mitschleppte, das man doch überall leicht schlagen kann, geht über seinen kindlichen Verstand. Er fragt deshalb:
„Vater, warum hast du all das Holz von Mamre mitgebracht? Es gibt rundum genug, um ein großes Opferfeuer anzuzünden.“ „Wohl, mein lieber Sohn. Doch bedenke: Es ist Holz vom jungen Baum, der rechts am Herd im Haine wuchs. Ich fällte ihn noch in der Nacht, ehe wir von dannen zogen und schlug ihn klein, wie wir es brauchen. Sieh an, hier sind die großen Stücke aus dem Stamm, die man oben schichtet; darunter kommt das kleine Holz, damit die Balken brennen können.“
„Ist das junge Holz nicht feucht, wenn du den Baum erst schlugst?“ „Sonst ja, mein Sohn; doch dieser wurde in sechs Stunden trocken, in sechs Stunden war der Lebenssaft aus ihm geronnen.“ „Das nenne ich ein rechtes Wunder!“ ruft Isaak begeistert aus. „Du hast recht, mein lieber Sohn.“ Vom Herbergshause bis hierher hat Abraham sein Kind nicht angesehen. Auch jetzt wendet er sein Auge ab. Er zieht aus dem Sack ein neues Opfermesser, das er in der Nacht am Herd in dessen Flamme hielt. Wie schwer ist es — — —
Plötzlich fragt der Knabe: „Vater, du hast ja gar kein Opfertier! Wo ist das Lamm?“ Der Patriarch sieht hinauf zur kahlen Höhe. „Mein Sohn, Gott wird Sich Selbst das Schaf ersehen, das dem Opfer dienen soll.“ Er entfacht ein Feuer und brennt eine Fackel an. Das Messer liegt daneben. Dann bringt er einen großen Kelch aus reinem Silber noch hervor und den kleinen Schlauch mit dem bitteren Essigwein, gemengt mit etwas Galle. Er gießt den Becher voll und trinkt ihn aus in einem langen Zug. Dann füllt er ihn aufs neue.
„Hier, Isaak, du wirst von Gott erkoren, und so darfst du mit mir trinken, was der Herr mir gab.“ Isaak trinkt zögernd. „Vater, es ist ein schlechter Wein, er schmeckt mir nicht. Gott gibt dir doch nur gute Gaben. Warum nun diese Bitternis?“ „Mein Sohn!“ Abraham zieht Isaak an seine Brust und schaut über dessen Haupt hinweg zur Himmelshöhe, deren Blau ihm schwarz erscheint. „Was Gott uns gibt, ist immer gut, auch wenn es unsrer Zunge bitter schmeckt. Seine Last ist leicht, brächen wir darunter auch zusammen. Die Bitternis verwandelt er in Freude, und die Last der Pein hebt Seine väterliche Liebe auf. Nun trinke nur, es — tut dir gut.“
Isaak gehorcht. Abraham bündelt vom Holz die kleinen Stücke und legt sie dann auf Isaak. „Nimm, Sohn, auch wenn es Mühsal kostet; sieh, dein Vater bürdet sich das Große auf.“ Er hat die schweren Stücke wie zu einem langen Balken festgebunden, den er über seine Schulter wirft. In die rechte Hand nimmt er das Messer, die linke trägt die Fackel, die er niedrig hält. So steigen sie hinan. Isaak wird immer müder. Das Holz ist schwer für seine Knabenkraft. Zweimal bricht er zusammen. Liebevoll hilft Abraham ihm auf.
„Kannst du nicht mehr tragen, Isaak?“ „Ach Vater, der Trank bereitet mir viel Pein. Doch ich will dir helfen, deinen größten Altar aufzubauen. Ist es noch weit bis obenhin?“ „Nein, mein lieber Sohn, nur noch den letzten Stieg, das Überwinden bis zum Letzten.“ Abraham strömt der Schweiß aus allen Poren, schwer atmet seine Brust, die Glieder zittern ihm. Mit Mühe hebt er seine Last empor und nimmt Isaak das Brennholz ab. Feuer und Messer trägt er in einer Hand.
„Komm, Isaak, halte dich an meinem Gürtel fest, so wirst du bis zur Spitze gehen können.“ Keuchend gewinnt er die Höhe. Isaak wollte sich nicht anhängen, aber er ist so erschöpft, daß er nur noch wankt. „Hast du das Lamm?“ flüstert er und sinkt bewußtlos um. Wie bitter, daß der Patriarch dem Sohn in dessen körperlichem Schmerz nicht helfen darf. Für das Lamm ist es so besser; des Leibes Pein bedeckt die Qual der Seele, wenn sie geopfert wird.
Er gönnt sich keinen Atemzug. In Hast baut er den Altar auf, sehr hoch, lang und breit. Ohne Denken schichtet er das Holz, als ob ihm jemand dabei hülle. „Vater“, röchelt Isaak, „ist’s schon Abend? Ich sehe dich nicht mehr. Ach — ich verdurste. Gib mir einen Tropfen Wasser.“ Abraham beißt sich die Lippen blutig. „Gleich, mein Kind, gleich ist es vorüber und alle Pein ist ausgelöscht. Nur noch eine kleine Weile; du weißt, wie dich dein Vater liebt.“ So, das letzte Stück! Ihn befällt ein Schwindel, er hält sich am Altar fest.
Seiner selbst kaum mächtig, legt er sacht sein Kind aufs Holz und bindet es mit Stricken fest. Dabei sieht er mit Erschrecken, daß sein Altar ein ganz anderer ist als sonst. Da, wo Isaak jetzt liegt, fügt sich das starke Holz zu jenem Zeichen, wie er im Hain an Gottes Brust gesehen hat und das der Herr ‚das Kreuz der Schöpfung’ nennt. Ach — nur schnell — nur noch das Letzte — — und dann sich selber drüber werfen! Lebend will er des Feuers Qual erdulden.
Mit dem Fuß schiebt er die Fackel näher, die rechte Hand erhebt das Opfermesser, die Linke reckt sich hoch: „Dir, Gott, Du Ewiger, Du Heiliger, sei meines Lebens Opfer dargebracht! Du bedarfst desselben, wenn ich das Tiefste dieses Opferganges auch noch nicht begreifen kann. Nun nimm hin das reine Lamm, die unschuldsvolle Seele, und sei mir gnädig um des Opfers willen auch in meinem Tod!“
Isaak laut leise: „Vater, bette mich an deine Brust, trag mich heim in meiner Mutter Haus.“ „Ja, Kind, wir beide gehen heim, das Opfer und der Priester.“ Schon will er niederstoßen auf die entblößte Brust des Kindes. Seine Linke deckt das kleine Herz; denn das Messer soll die Hand ans Opfer heften und dann . . .
Jemand fällt ihm in den Arm. Im jähen Schreck dreht er sich um. Er nimmt nichts wahr, so weinen seine Augen. „Abraham!“ „Ja? Hier bin ich!“ Nun, wenn nicht anders und es sieht die Welt, was er hier treibt, so muß er geächtet sein. „Abraham, kennst du meine Stimme nicht?‘ „Deine Stimme? Ja, ich meine — sie kommt vom Himmel. Müßt ihr erst kommen, um zu sehen, was ein Vater opfern soll?“ „Das ist eine heiße Frage an den Herrn. Doch sei getrost! Stehst du einst als hoher Geist an Gottes Hochaltar, wird der Schöpfer dir verkünden, was der Priester dir in Gnaden jetzt verhüllt. Dann wirst du die Opfertiefe sehen, und deines Vaters Hände werden segnend auf dir ruhn.
Nun aber kündet dir der Herr: ‚Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm kein Opferleid. Denn in Ehrfurcht bist du vor Mich hingetreten und hast des einzigen Sohnes deiner Liebe nicht verschont um Meinetwillen! Sieh, Mein hoher Friede liegt auf dir. Und dein Ernst, du Fürst aus Meinem Himmel, wird die Erde einstmals friedlich decken, denn dein Opferwille wird den armen Kindern aus der Tiefe angerechnet zu ihrem letzten Heil. Mein Opfer der Erlösung, das einzig-heilige und ewig-gültige, richte Ich auf dieser Stätte auf, wo du Mir gehorsam wurdest bis zu deinem und des Kindes Tod.
Zuriel fängt Abraham in seinen Armen auf. Wie ohnmächtig sinkt er zusammen. Rafael stößt das Messer in den Fels hinein und nimmt die Fackel von dem Brand. Er legt Isaak auf seinen Mantel, den er von der Schulter nimmt. Der Knabe schläft. Abraham spürt jetzt erst die bittervolle Schwere, die in diesen Tagen seine Seele und sein Herz zerstach. „Ich brauche Isaak nicht herzugeben?“ murmelt er. „Nein“, sagt sein Himmelsbruder Zuriel. „Denn bedenke: Gott verlangt von Seinen Kindern nicht das Letzte, das Er selber gibt ! Der Gehorsam, Ihm geopfert, und die Hingabe an Sein Gebot sind des Kindes höchste Opfer, die es dem Schöpfer bringen kann. Das hast du getan!
Nun steh auf und opfere ein Lamm, dessen es zwar nicht bedarf; doch die Deinen sehen nach den Höhen, ob sich nicht bald der Rauch erhebt. Und wir haben sie gerufen: deine Treuen bringen dich und Isaak zurück.“ Mühselig erhebt sich Abraham. Er sieht seinen vielgeliebten Isaak ruhig, wenn auch todesblaß, auf des Engels Mantel liegen. „Ich — ich brauche nicht — der Herr erläßt in Gnaden — das Gelübde — Unzusammenhängend stößt er es hervor.
„Wir sagten dir“, spricht Rafael, „du hast dein Gelübde eingehalten. Denn die Opferung bis an den Tod in dem Gehorsam, den du Gott als deine Lebensfrucht gegeben hast, heiligt Er, und schließt sie ein in Seinen eigenen Opfertod!! — Hebe deine Augen auf, dort, der Widder im Gestrüpp“, Rafael deutet auf ein scheues Tier, das mit seinen Hörnern im Gewirr der Dornenhecken hängen blieb, „laß die Flamme ihn verzehren.“ „Ja; nur ich — ich kann jetzt nicht töten.“ „Ich stieß dein Messer in den Opfergrund. Darum geh nur hin; faßt du den Widder an, so wird er dir in deine Hände fallen.“
Abraham gehorcht. Als er nach dem scheuen Tiere greift, bricht es tot zusammen. Bald verkünden rote Flammen und ein weißer reiner Rauch, daß die Opferung geschieht. Das zeigt Tschuba und Tzordhu ihren Weg. Die zehn Knechte bleiben bei Batrah Ephael zurück, wie ein Engel ihnen anbefahl. Die Treuen eilen wortlos durch die Senke und den steilen Fels hinan. Oben hemmen sie den flinken Fuß. Eine Scheu kommt über sie, wie nie erlebt. Vom Altar, der noch brennt, auf dem die Reste eines starken Widders liegen, weht ein Gotteshauch sie an, Niederkniend drücken sie die Kopfbedeckung an ihre Brust.
„Tschuba, spürst du es?“ Kaum hörbar flüstert Tzordhu. „Ja; sei nur still; ein heiliger Ort; der Patriarch hat mit GOTT gerungen um — um seinen Sohn.“ „Wir müssen schweigen gegen jedermann“, sagt Tzordhu noch, „denn niemand kann begreifen was hier vor sich ging. Nun verstehe ich den ganzen Weg.“ Er betet leise für seinen Herrn und dessen lieben Sohn. Tschuba tut desgleichen. Sie denken auch an Sara, deren Mutterherz es fühlen wird in Angst und Not.
Abraham hat seine Treuen wahrgenommen. Leise winkt er beide näher. Er nimmt seinen Sohn mitsamt dem Himmelsmantel, den Rafael für Isaak zurückgelassen hat, auf seine Arme und kniet vor dem Altar nieder, rechts und links die beiden Knechte. Sie warten, bis das Feuer niederbrennt. An der Stätte macht der Patriarch ein Zeichen und schreibt seinen und des Sohnes Namen in den Stein. Niemand wird hier ferner opfern bis zur Zeit, da der Höchste Herr des Himmels und der Erde Seine heilige Erlösungstat auf diesem Fels beschließt.
Die Vasallen geben schweigend ihrem Herrn die Hand. Da merkt der Patriarch, daß sie sein ‚Himmelsopfer sehen durften, und ihn, im tiefen Glauben an den Höchsten Herrn, verstehn. Kein Wort wird über ihre Lippen dringen, damit die Welt nicht irre wird an Gottes Wort. Denn noch verbirgt die Zeit, was Menschen jetzt noch nicht begreifen können. Tzordhu trägt den Knaben und Tschuba führt den Herrn. Diese unbedingte Treue gibt Abraham die Kräfte seines Körpers wieder und als ein ‚Hoherpriester aus dem Herrn’ kehrt er nach Mamre in sein Haus zurück.
NEUOFFENBARUNG