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Kap 20 – Ein neuer Bund mit Abimelech. Abrahams doppeltes Maß Gott gegenüber

Kapitel 20

Ein neuer Bund mit Abimelech. Abrahams doppeltes Maß Gott gegenüber. Der Herr hat ein vier- und siebenfaches Maß. Etwas vom heiligen Kreuz. Schwerer Kampf des Herzens: Muß ich Isaak opfern? Wie der Herr von dannen geht und von Abraham zurückgezogen wird, Abraham will sein Gelübde halten, das er Gott gegeben hat. Seine Vorbereitungen zur Opferreise.

Abraham hat heimlich nach Hagar forschen lassen; er wollte nicht zur Ruhe kommen. Sein Denken war gerechte Sorge um den Sohn und Mitleid für die Magd. An Cossar ließ er Botschaft gehen, beiden Schutz zu schenken, sollten sie gefunden werden. Fürst Cossar sandte Sucher aus, die sie in der Wüste Pharan am Nordhang des Schilfmeerhöhenzuges fanden. Ein Zeltstamm hatte Ismael und Hagar aufgenommen. Nun ist Abraham beruhigt. Sie leben, die Wüste hat sie nicht verdorben.

Bald darauf kommt König Abimelech und sein Feldhauptmann Phichol mit Gefolge angeritten. Abraham bereitet flugs sein Haus und eilt, den König zu empfangen. Doch verwundert sieht er Abimelech außerhalb von Hebrons Grenze auf seinem Reittier sitzen bleiben. „Mein Freund, kommst du nicht als Gast zu mir?“ fragt er. „Das sei dir gesagt“, erwidert Abimelech, „ich vernahm, daß du unser gutes Bündnis brechen willst.“ Abraham meistert Groll und Trauer. Müde schaut er zum Himmel auf. Eine neue Bürde?!

„Komme in mein Haus im Frieden“, sagt er und nimmt die Zügel des Kamels in seine Hand. „Dort wollen wir zusammen reden. Auf der Gasse sollen Könige nicht streiten.“ Der ruhige Ton und das Ehrwürdige am Gottesherren beeindruckt Abimelech sehr. Ohne Widerrede läßt er sich nach Mamre bringen. Ein gutes Gastmahl belebt die zornigen Gemüter, mit denen die von Gerar hergekommen waren.

„Dein Wein ist gut, Abraham. Ist dein Wille diesem gleich, so mag es uns noch wohlergehn.“ „Ich gab den besten Wein aus meinem Land, ein Zeichen, wie ich zu dir stehe. Doch nicht du kannst rechten um den Bund! Ich hielt, was wir in Treue schwuren, was du nicht gehalten hast.“ „Wirfst du mir vor, was unwahr ist?“ braust Abimelech auf. Abraham winkt ab. „Laß deinen Zorn, er führt zu nichts. Du hast mich auf freiem Weg beleidigt, ich hingegen sage unterm Dach, was gesprochen werden muß.

Als ich bei dir war, gabst du mir das Recht, von deinem Land zu nehmen wie mir wohlgefiel. Ich nahm nichts von deiner Stätte außer einem kleinen Ende, in dem ich Wasser fand. Gott zeigte mir im Traum die Quelle an. Mit Schweiß und Mühe gruben meine Männer tief hinab, setzten auch den Brunnenrand und bewässerten rundum die Erde, daß ein kleiner Garten würde. Daß ein Brunnen samt dem Land, das dort fruchtbar wird, nach Wüstenrecht nur dem gehört, der ihn grub, weißt du ganz genau. Dort dürfen seine Tiere weiden und seine Zelte sein. Läßt er andere auch hinzu, so stehn sie unter seiner Grundgerechtigkeit.“

„Ich habe dir noch keinen Brunnen abgestritten, den du gefunden hast“, ruft Abimelech hastig aus. „Findest du etwas, mich zu verderben, da du größer wirst in deiner Macht?“ „Gott ist mein Zeuge, wie ich mit jedermann den Frieden halte! Alle Fürsten weit und breit sind mir in Freiheit untertan.“ „Abraham hat recht“, mengt sich Phichol ein, „er ist der Treueste in jedem Bund.“ „Aber wo in aller Welt soll denn das Wasser sein, das ich dir weggenommen hätte?“

„Ich zog von Gerar ostwärts über den Bach Besor bis ans Keniterland. Dort haben meine Untertanen Wassermangel. Für sie fand ich die Quelle, von Hebron einen guten Tagesritt nach Süden. Deine Knechte fielen eines Tages ein und nahmen uns den Brunnen weg. Sie erschlugen Wächter, raubten Vieh und bewachten unsre Quelle, bis mein Stamm in Not geriet. Nun sprich: Wer hat den Bund gebrochen, du oder ich?“

Erzürnt springt Abimelech auf. „Bei deinem Gott, der nun auch der meine ist, bekenne ich: Mir war es nicht bekannt, daß es geschah! Warum sandtest du mir keinen Boten?“ „Ein großes Land hab ich zu hüten, auf alles muß mein Auge schaun. Doch nicht alles kann zugleich gerichtet sein. Morgen aber wäre ich zu dir gezogen. Auf der Gasse freilich, hoch im Sattel, hätte ich dir keinen Gruß geboten!“

Abimelech umarmt Abraham. „Verzeih, mein Bruder, ich habe dich gekränkt. Laß uns den Bund erneuern. Und da ich vor Gott und dir geringer bin, so schwöre du, daß du mir und meinem Volke helfen willst in Frieden und Barmherzigkeit. Sei mir ein Freund, obwohl du als Chaldäer uns ein Fremdling bist.“ Ernst erwidert Abraham: „Der äußere Bund kann gut und nützlich sein und Zeiten überdauern; doch ein Bund des Herzens ist die hohe Mauer, hinter der der Mensch in Frieden wohnt. Ich will mit dir ziehn und am Wasser soll der Bund geheiligt sein.“

An der Quelle angekommen, gibt der Patriarch dem Abimelech eine Herde. „Nimm, Freund, es sei das Zeichen meiner ungebrochenen Treue. Und hier sind sieben weiße, starke Lämmer, die nimm als Zeichen, daß der Bund für immer gilt.“ Abimelech aber fragt: „Warum gibst du mir sieben weiße Lämmer?“ „Laß es dir erklären.“ Abraham setzt sich auf den Brunnenrand. „Die weißen Lämmer sind das Zeichen der Wahrhaftigkeit, daß ich diesen Brunnen grub; und ihre Stärke gilt der Kraft im neuen Bund. Daß es aber sieben sind, bedeutet, daß mein Wort aus Gottes Odem kommt, in dem die sieben Lebensfackeln brennen.“ „O Abraham“, ruft Abimelech aus, „wie rein bist du! Und ich erlaubte mir, mit dir zu rechten? Laß uns unsere Hände in das Wasser tauchen, ich will durch deinen Geist mich reinigen vor Gott!“ Der Bund ist neu beschlossen und den Brunnen nennen sie ‚Beer-Seba‘. Abimelech zieht befriedigt heim.

Das Land bewässerte sich gut. Abraham pflanzt mit seinen Knechten Bäume an, zeigt den Kenitern, wie sie Felder richten können und vergißt auch nicht, ihre Herzen umzugraben für das Wort des Herrn. Dann kehrt er nach Hebron heim. Wieder ist ein gutes Werk getan. Freudig wird er von Weib und Kind begrüßt. Der Knabe geht kaum von seiner Seite. Immer deutlicher zeigt sich: Er wird ein echter Patriarch. — An einem reinen Abend sitzt Sara mit dem Gesinde noch im Innenhof. Man würfelt Getreide. Abraham geht sinnend durch den Hain. Wie soll er seinen Sohn zum Mann erziehen? Am weißen Herd sieht er mit stiller Freude Gottes Flamme brennen. Seit der Herr sein Schwert hier stählte, ist das Feuer nie verlöscht. Er breitet seine Hände darüber aus. „Ach Herr und guter Vater, doppelt so lang ist Deine Gnade als mein ganzes Leben Jahre zählt. Ich danke Dir.“

„Sohn, hast du das Maß auch nicht zu kurz bemessen?“ Die Stimme, die Abraham voll Ehrfurcht liebt, ertönt an seiner rechten Seite. Jäh wendet er sich um. Gott, freundlich lächelnd, steht neben ihm in Seiner Lichtgestalt. „Wie meinst Du das, o Herr?“ Abraham vergißt vor Verwunderung sein Knie zu beugen. „Nun, Ich meine, daß für dein äußerliches Leben Meine Gnade das Vierfache der Erdenjahre mißt und siebenfach für deinen Geist. Du aber zählst nur doppelt.“

„Herr, vergib!‘ Abraham wirft sich in Gottes Arm. „Mein Sohn“, sagt Gott, „dein Maß gefällt Mir wohl. Du dachtest an das Innere und Äußere, daß du also doppelt rechnen müßtest. Damit hast du recht. Doch sieh das Werk, aus Meinem Licht geboren! Die sieben Fackeln sind dir gut bekannt, und Meines Wesens Heiligkeit prägt sich in deinem Herzen aus. Begreife nun Mein Maß, das Ich für dich gerichtet habe.“

„Ja, Herr“, entgegnet demütig und glaubensfreudig Abraham, „das merke ich gar wohl, wie Deine Lebensflamme in mir leuchtet. Eines aber sehe ich nicht klar genug, wie das vierfache Maß für das Äußere wahrzunehmen ist.“ „Wärest du des Leibes ledig, würdest du nicht fragen brauchen, denn dein Geist erblickt, was der Verstand noch nicht erfassen kann. Gab Ich dir nicht das Land nach Norden, Süden, Osten und auch Westen, wo dein Ernst dem Licht die Straße baut? Auch zog Ich deine ‚Gotteswaffe‘ nach vier Seiten durch die Altarflamme.“

„Oh, ich schaue jetzt“, unterbricht Abraham den Herrn mit frohem Eifer, „wie Du auf Deine Ordnungsbahn den Himmel und die Welten nach den vier Winden setztest. So segnet Deine Gütehand, die sich zugleich und ohne sich zu wenden nach den vier Grundrichtungen dreht, die Kinder alle, ob nah ob fern, im Himmel und auf Erden. Leite Du mich auch an Deiner guten Vaterhand und kein Opfer ist mir hoch genug, das ich Deiner Liebe bringen möchte!“

„Jedes, Abraham?“ Der Patriarch erschauert. „Genau so war einst Deine Frage, als Du mit Deinen Fürsten zu mir kamst. Damals legte ich den Willen meiner Opferliebe ungeteilt in Deine Hände; und auch heute weiß ich mir nichts anderes, als daß mein Gott nicht mehr verlangt, als ich zu geben weiß.“ „Das ist wahr!“ Abraham spürt den Ernst aus Gottes Wort, doch auch die Wärme, die ihn sonderbar umgibt.

„Aber sieh, Mein Sohn, sinngemäß kann ein Kind mehr opfern als ein anderes. Der Wert bleibt gleich, wenn auch ein kleines Opfer eines jungen Herzens vollgerecht geschieht. Doch Meine lieben Großen müssen große Opfer bringen, weil sie der armen Welt den Himmelsdienst erweisen sollen. Und jedes Opfer bette Ich in Meine heilige Erlösung ein! Auch was die Kinder für sich selber tun, ist im Grunde eine Opfergabe an die Heilserlösung Meines Opfers! Kannst du hierin gleichfalls folgen, so wird aus allem Opfer-Ernst der Heimkehrweg belichtet, den der Himmel für die Hölle baut. Ich bin der Bauherr ganz allein; doch die beim Wegbau helfen, das sind Meine Kinder aus dem Licht. Trägt auch ein junges Kind nur einen Stein herbei, so hat es seine Gabe willig aufgeopfert. Aber meine Großen? Was meinst du, Abraham, wieviel sie Steine tragen können, oder Holz zum Hüttenbau für alle, die das Vaterhaus böswillig verlassen haben?“

Abraham lehnt sich an Gottes Brust. „Herr, wenn ich recht bedenke, sollen Deine Großen nicht mit Zahlen rechnen. Laß sie immer tragen, bis das Werk der Heilserlösung fertig ist. Aber Holz kann manchmal schwerer sein als Stein. So gib mir nur den Balken, messe ihn mir zu, vielleicht — — kann ich dem Opfersohne tragen helfen.“ Tränen rinnen in den weißen Bart und sie fallen auf des Lichtes Hände. Doch auch in Gottes Augen glänzt ein Tränenstern.

„O Muriel, du Lichtfürst Meines Ernstes, du nimmst den kleinen Balken auf, zu dem einst noch der große kommt; und beide nennt man dann das ‚Kreuz‘! So will Ich sehn, ob du ihn schleppen kannst und will ihn dann von deinem Herzen nehmen und beide Balken auf Mich laden, denn so erleichterst du Mein Kreuz. Jede Opferung, die Kinder willig bringen, ist Lasterleichterung am Schöpfungskreuz! Bedenke nur: Ein Drittel aus dem Tagwerk riß der Widersacher in die Tiefe seines Falles. Steil ist der Weg, auf dem die armen Scherben heimzutragen sind. Alle Scherben muß Ich in Mein Opfer schließen, die erste wie die letzte. Wer mit tragen hilft, erleichtert Mir die Last, und seine Last trägt die Barmherzigkeit! — Nun bringe Mir das Balkenopfer, denn nichts Geringeres verlange Ich als deinen Sohn!“

„Meinen Sohn —? Abraham lehnt sich mit dem Rücken an den Herd. „Wie meinst Du das? Man kann Tiere oder Früchte opfern, doch einen Menschen — noch dazu den eigenen Sohn —?“ „Du bist verwirrt, denn untragbar scheint dir das Jammerholz.“ „Herr, Herr, ich versteh‘ Dich nicht! Erst war mir klar, was Du vom Opfer der Erlösung sprachst; nun aber —? Kein Vater kann sein Kindlein töten; und der es täte, stünde unter jedem Tier!“

„Offenbarte Ich dir nicht, daß Ich Meine hohe Liebe opfere, die auch sichtbar auf der Erde als Menschensohn getötet wird? Das könnte nicht geschehen, gäbe Ich sie nicht zur Vollerlösung! Ich muß die Gabe geben, Ich muß die Opferung vollbringen und Ich — Abraham — muß Selbst das Opfer sein! Verstehst du das?“ Der Patriarch fällt auf sein Angesicht. „O Ewiger, Erhabener, jetzt sehe ich ein Licht! Allein — es fällt als Schatten auf die Seele, die sich nicht vor Dir erheben kann. Ach Vater, sei mir gnädig! Willst Du Isaak mir nehmen, weil ich Ismael von dannen trieb? War das Gebot der Austreibung nur eine Prüfung, die ich nicht beständen habe?

„Abraham, zerrissen ist dein Herz, als hätte es ein Sturm erfaßt. Du lehntest deinen Rücken gegen Meine Flamme, als dir die Schwere deines Balkens inne ward. Ich habe Meine Opfergabe längst bereitet, sie liegt in Meiner Priesterhand, seit sich die Finsternis gebildet hat. In dieser langen Zeit, die du als Mensch nicht fassen kannst, stehe Ich an Meinem Herd, nicht aber mit dem Rücken, sondern mit dem Angesicht und sehe, wie die Finsternis die Liebe frißt. Und nicht nur das: Ich lasse Meine Liebekinder in den Abgrund gehn, Ich — sehe zu, du Mensch, wie die Teufel Meine Gottesgaben fressen, wie einst im Bild der Ofen deine Opferstücke fraß. Das war Symbol für diese Stunde und ein Bild der Heiligkeit von Meinem priesterlichen Werk!

Eines, Abraham, soll dir den Stab in deine Hände drücken, daß du den steilen Weg bezwingen kannst. Merke auf: Ich sehe allen Opfern zu, selbst dem Opfer bis zum Tode des Gefäßes, das Meine urgerechte Liebe trägt. Doch in Meinem Wesen wirken Meine Strahlen und was sie tun, das krönt Mein Werk. Die äußerlichen Opfer kann die Finsternis verderben; aber was Mein Wille daraus wirkt, das bleibt allein zu Meinem Recht! Und dieses legt sich schwer auf den Gebannten, wenn seine Stunde durch den Opfertod der Liebe schlägt. — Willst du Mir nun die Fackel geben, darin ein Strahl der Opfergabe liegt?“

Abraham durchbraust der tiefe Sinn aus Gottes Heiligkeit. Ja, er hatte sich vom Herd gewendet, auf dem das Gnadenfeuer brennt. Ruckweise dreht er sich um. Ach, wie beugt ihn Gott vor aller Welt! Denn wird ruchbar, daß er Isaak geopfert hat wie eines seiner Lämmer, dann ist er verachtet weit und breit. Und Sara? Nicht auszudenken, was geschieht! Selbst seine Treuen werden von ihm gehn. Nicht ‚Gottesopfer wird es heißen, sondern ‚Kindesmord’ wird dann sein Makel sein. Nein, alles, nur das kann Gott nicht von ihm fordern, denn so zerbräche auch das Wort, das er von Ihm verkündet hat.

In Schmerz zerrissen, schon wie geächtet und überall verfolgt, schaut er empor. Da sieht er, heißen Schreck im Herzen, wie Gott von ihm geht. Und — so dünkt es ihn — Er geht gebückt bis fast zur Erde. Kann das beim Herrn geschehen? Ist Er nicht der Schöpfer aller Dinge, Der aus Seinem Willen wunderbare Werke schuf? Einmal wendet Gott Sich um. O Jammer, was sind das für Augen, die ihn treffen?! Abraham läuft nach. „Herr, Herr, warte, hab‘ Erbarmen, gehe nicht von mir mit meiner Last! Ich — ich will . . .„ Beim Herrn angekommen, greift er ins heilige Gewand und hält Ihn fest. „Ach Vater der Barmherzigkeit, noch einmal kehre um zum Altarherd, den ich Dir freudig setzte. O bleibe Du bei mir! Denn sieh, nun will es Abend werden und die Dunkelheit bricht übers Feld herein. Du bist meines Lebens Licht, mein Odem und mein ein und alles!! Bitte, laß Dich führen!“ Er ergreift die rechte Hand des Herrn und zieht Ihn förmlich nach dem Herd zurück. Je näher sie kommen, um so aufrechter geht Gott. Das sieht der Patriarch und er erkennt das heilighehre Bild.

Ächzend bricht er nieder, die linke Hand in Gottes Fingern, die rechte in den Stein verkrampft. „Beinahe hätte ich Dich, meinen Gott und Herrn, von mir gelassen! Wende Dich nicht nochmals von mir ab, auch wenn ich um des Opfers willen Dich noch fragen muß. Du bist doch unser All-Erbarmer! Kannst Du nicht verstehen, wie mein Vaterherz verbluten müßte, würde ich mein Kindlein töten?“

„Niemand“, spricht Gott in einem Ernst, wie Abraham noch nie vernahm, „kann besser fühlen als der Herr, Der Seine eigene Liebe gibt! Ich könnte dir die Augen öffnen, daß du siehst, um was es geht. Doch dann, Mein Sohn, wäre es nicht jenes Opfer, das du aus Treue und aus Opferwilligkeit Mir bringst! Und so — würden wir zusammen spielen!! Was jetzt geschieht, ist Meines Ernstes heiligster und tiefster Wesensgrund, auf dem der Altar steht, darauf der Menschensohn geopfert wird! Nun frage noch, was zwischen uns geredet werden muß.“

Eine Weile bleibt Abraham tief versunken knien. Dann hebt er seine Hände hoch. „Vater, muß ich mein Kind opfern?“ „Du mußt nicht! Kein Opfer kann aus einem Muß geboren werden und kein Zwang kann seine Flamme sein, weil sonst das Opfer samt dem Opfernden einer wenn auch noch so heiligsten Bestimmung ohne freien Willen unterliegt. Nur was in ‚Anerkenntnis der Bedingung‘, die in Meinem Ernst der Wille zur Erlösung ist, Mir frei geopfert wird, dient zur Erleichterung des Schöpfungskreuzes, das die Gottheit trägt!

Selbst in Meinem Opfer, schon gebracht in der UR-Heiligkeit und ferner bringend bis zum Kreuzestod, steht nicht das Wort ‚Es muß also geschehen‘! Auf dieser Basis wäre selbst Mein UR-Prinzip dem Zwange unterworfen und antastbar die heilige Gott-Wesenheit. Wohl habe Ich ein ‚Muß‘ in Meiner tiefsten Tiefe, die nie ein Kindesauge sieht! Doch diese eigene Bedingung liegt nicht auf einem Schöpfungswerk, somit auf keinem Kinde, nicht einmal auf jenem, das Ursache des Opfers ist. Nur Ich wirke aus diesem Muß! Mehr kannst du davon nicht erschauen. Doch im Empfinden kannst du einen Blick in diese tiefste Tiefe tun, dem Teile Meiner Unzugänglichkeit, dem Ich für Meine Kinder wesenhaft entstiegen bin! Genügt dir das, Mein Sohn?“

„Ja, Herr, es genügt!“ Abraham liegt zu Gottes Füßen. „Ich — will tun aus mir, aus Treue und Gehorsam, ich will den schweren Balken schleppen, denn Isaak ist meiner Liebe Sohn. Aber Dich noch einmal so gebückt von dannen gehen sehen, nein Herr, das kann ich nicht, da lege ich mich lieber selber lebend in die Opferflamme! O Herr, mein Vater, stärke Du mein Herz und meine Seele, und nimm in Deine Hände meinen Geist! Nur eines bitte ich, o Vater: Nicht hier in diesem Haine laß mich opfern, das kann ich nicht!“

„Ja, Abraham, ein anderer Ort ist vorgesehen. Denn das Vorbild Meiner höchsten Opferung geschieht nur dort, wo einst der Menschensohn am Kreuze hängen wird. Geh hin nach Je-Ru-Salem auf den Berg, den Ich dir zeigen will.“ Gott zieht Abraham zu Sich empor, bis dessen Haupt an Seinem Herzen ruht. Und da umfängt ihn tiefe Ohnmacht. Was er als Mensch gelitten hat, bis er sich willig beugen konnte, das weiß der Herr allein. — —

Noch liegt nächtlicher Nebel über dem Gefilde, als Abraham sich schon gerüstet hat. Tschuba, Tzordhu und ein paar Knechte hat er nachts geweckt und eine Reise vorbereitet. Die Treuen fragen nach dem Weg. „Nach Norden“, sagt der Patriarch und wirft den Zipfel seines Rückenmantels über sein Gesicht. Tzordhu flüstert Tschuba zu: „Mit dem Herrn ist etwas los. Hast du sein Gesicht gesehen?“ „Ja, und ich erschrak. Es muß eine böse Botschaft sein. Ich befürchte, daß es diesmal schwierig wird. Auch hat er nur Maultiere bestimmt. Auf einem liegt ein festgeschlossener Sack. Was mag darinnen sein?“ „Wer weiß! Aber eines ist gewiß: Für unsern guten Vater Abraham, wenn`s sein muß, sterben wir!“ „Ja, seid alle auf der Hut“, mahnt Tschuba die Knechte, die mit den Tieren an der Pforte wartend stehn.

Abraham tritt mit Isaak heraus. Der Knabe jubelt. „Endlich darf ich einmal mit ins Land, das habe ich mir schon lang gewünscht!“ „Nun, du wirst auch immer älter“, sagt Abraham mit schwerer Zunge, „du mußt Land und Leute kennen lernen und — vor allem unbedingt das tun, was Gott von uns verlangt. Manchmal ist es schwer, selbst hart und bitter; doch des Vaters Güte hält uns fest. — Nun laßt uns ziehn.“ Er hebt Isaak auf einen weißen Esel, selbst setzt er sich auf einen kleinen Rappen, was er noch niemals tat.

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