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Kap. 4 – Die ungute, fremde Ordensmacht; Ein Loch im Beichtstuhl-Vorhang

Die ungute, fremde Ordensmacht; Ein Loch im Beichtstuhl-Vorhang

Kapitel 4

Der Spanier sitzt dem Pfarrer gegenüber. Am nächsten Tage will er Stadt und Kirche inspizieren, was bereits geschah, möchte aber noch viel ändern. Leute aushorchen fällt ihm leicht. Grüßen wird er niemand, nur die Höherstehenden. Doch in dieser Gegend kam ihm keiner unter. ‚Alles dummes Volk, zu nichts anderem nütze als zu dienen, oder — zu verderben. Je nachdem —.‘

„Nun“, fängt er an zu sprechen, während Sinkmann ruhig wartet aus einer Kraft, die ihm selber unverständlich ist, es sei denn, diese käme aus dem Bild, vor drei Tagen in der Nacht gehabt, „wie ist die Gehmission verlaufen? Werden alle kommen, groß und klein? Ich lege Wert darauf, eure Anbefohlenen zu sehen. Die Beichte halte ich; es ist einmal tüchtig durchzugreifen.“

„Gewiß.“ Sinkmann läßt nichts merken, wie sein Herz erzitterte. „Von unseren acht Weilern kommen alle, bis auf eine kranke Frau. Sie kann keine langen Wege gehn, eine andere bleibt bei ihr, sowie bei den kleinen Kindern, die teils noch gar nicht laufen können. Diese dürfen nicht mehr in die Kirche, wie vor kurzem von dem Erzbischof der Diözese mir die Handschrift kam. Darüber war ich froh, so kleine Kinder stören leicht die Andacht. Auch können ihre Mütter sie auf stundenlangem Weg nicht schleppen. Und die Kleinen fangen an zu weinen. Ich hab‘ dem Erzbischof gedankt.“

Dagegen ist der Spanier machtlos. Trotz eigenem Orden untersteht er jeweils jenem Kirchenoberhaupt, sobald er im Distrikt desselben wirkt. Er ballt die Fäuste unter seiner Kutte. Dafür wird er noch ein Schauspiel liefern, öffentlich; man soll sich wundern, welche Macht er hat. Jetzt zeigt er noch ein freundliches Gesicht, denn der Pfarrer darf nicht stutzig werden. Daß dieser ihn, den Finsterling, durchschaut, ahnt derselbe nicht.

„Im ersten Dorf, wo ihr gewesen seid, ist ein Bauer mit Namen Berthold.“ Verraten. „Woher wißt ihr das?“ fragt Sinkmann. „Ihr, würdiger Christophorus“, ah, müßte er bloß nicht den Namen nennen, „seid erst seit Tagen da und noch nicht herumgekommen. Hat es euch jemand zugetragen?“ spielt er dem Bösen, um gute andere zu retten, den Fangball zu. „Jawohl“, ertönt es rasch. Hm, also doch! „Mich wundert sehr, wie so ein . . .“ ‚Stinkbauer‘, unterdrückt er noch zur rechten Zeit, „. . . solch armer Bauer zu einem Herrennamen kommt? Das ist nicht gang und gäbe.“

„Ganz recht, hochehrwürdiger Bruder, allgemein gibt es in den ländlichen Gemeinden keine feinen Namen. Bei dem Meurer aber ist es anders. Er weiß es noch genau, seine Eltern hießen ‚Auf der Mauer‘, also adelig.“ Volle Wahrheit wird verschwiegen, wird nur soweit als nötig kundgetan. „Seine Eltern sollen reich gewesen sein, aber wo im Norden? Jedenfalls kam einmal in diese Gegend ein etwa zehnjähriger Junge, wie mein Vorgänger aufgeschrieben hat, mit einem Mädelchen, sechsjährig, mit Namen Hildegund. Also auch ein Name, hierorts nicht gebräuchlich.

Befragt, sprach er weinend: ‚Horden waren eingebrochen, während einer Nacht, als wir schliefen, zündeten Haus, die Scheuern und die Ställe an. Fast alles Vieh verbrannte, die Eltern auch.‘ Er wäre wach geworden, sah die Feuerlohen, riß sein Schwesterlein an sich und entkam durch eine noch verschonte Hintertür. Er sei wochenlang mit der Schwester immer südwärts gehend, Städten, vor allem Burgen ausgewichen, hätte bloß in kleinen Dörfern für sie beide Brot gebettelt, nachts irgendwo geruht.

Dort, wo er jetzt wohnt, hatten sich ein Mann und dessen Frau der Kinder angenommen, der jetzigen Meurin ihre Eltern, die inzwischen schon verstorben sind. Es waren fromme Leute“, hebt der Pfarrer stark hervor. „So sind die Kinder alle miteinander aufgewachsen. Doch bevor die Leute starben — und sie hatten es auch gern gesehen —‚ hat Berthold dann der Zieheltern Tochter sich zum Weib genommen, er war bei der Hochzeit knapp dreißig Jahre alt.

Soweit die Geschichte. Ich habe nachgeforscht, es muß im Norden böse zugegangen sein, Heckenkrieg und Mord und Brand; also mag die Sache stimmen. Des Meurers Schwester Hildegund ist schon als Kind gestorben; sie hatte die Strapazen nicht verkraftet und bekam, so nannte es der Vetter (Arzt), den Lungenschlag.“

„Hm, hm, nun, der Geschichte braucht man nicht mehr nachzugehen; was jetzt geschieht, geschehen muß, ist wichtiger als alte Mär. Hat der Meurer keine Kinder?“ O weh, wieder muß der Kahn der Wahrheit umgeleitet werden, die Klippe wird nicht nur für Meurer sein. „Die Dörfler haben viele Kinder; leider sterben immer welche weg, kleine und auch größere. Manche Eltern sagen mir dann bloß: ‚Es war ein Junge‘ oder ‚war ein kleines Mäderl‘. Namen gab es für die Kinder sehr oft nicht. Soviel bekannt, haben Meurers einen kleinen Jungen, vielleicht drei Jahre alt.

Ihr, Bruder Christophorus, werdet nach und nach die Leute kennenlernen, wenigstens in den nahen Dörfern. Die weit entfernten sind für euch beschwerlich aufzusuchen, außer ihr hättet ein Gefährt.“ Hach, das ist ohne Mühe zu erstellen. Wo er, der Spanier, eines sieht, wird es requiriert. Wann er es braucht, ist es bereitzustellen. Basta! Er sagt es aber nicht; sein finsterer Plan ist, allein die Dörfer aufzusuchen, da wird er finden, was er braucht: Menschen, alte oder junge, ihm ist das ganz egal. Wenn er nur die Ordensmacht zur Geltung bringt.

Er muß seinen Obersten die Meldung machen, wieviel an ‚Seelen‘ er gerettet hat. Verdorben — und das auf keinen Fall im Sinne Gottes, der Liebe und Ebarmung übt. Wäre er nicht selbst so eingestellt wie seine Ordensbrüder, seine Vorgesetzten — leicht könnte er manch Opfer schonen. In der Ferne ist die Menge unbekannt und kummert man sich nicht um sie. Was gälte es: er könnte Zahlen nennen, die nicht durch seine Greuelhände sterben.

Sinkmann ist‘s, als gingen die Gedanken ihm durchs Herz. Ach, von seinen Kirchenbrüdern gibt es welche, die wie die Hispanier walten; doch zur Menschenehre auch gesagt: nicht wenige, die wie er, der Pfarrer, sind. O mein Gott, wende doch die Zeit, fleht sein Geist, während er, um sich zu tarnen, dem Spanier wieder einen Wein kredenzt. Und vergib mir wieder meine halbe Wahrheit, halbe Lüge. Er kennt des Meurers Leiden, auch das von dessen Eltern. Sie sollen fromm gewesen sein, viel Gutes tuend, bloß nicht sehr unterwürfig fest der Kirche angehörend.

Wie zu erkunden war, hätten sie sich den Hussiten angeschlossen, nicht eng gegrenzt. Allein die Gotteslehre, durch Hus gebracht, ohne überflüssiges Ritual, die hätten sie geglaubt, hätten trotzdem auch der Kirche viel geopfert. Sie waren solche Leute, wie man sie heute nötig brauchen könnte. Den Gedankengang, er war sekundenkurz, unterbricht der andere.

„Wollt ihr mich begleiten? Ich gehe in die Kirche; nötig ist es nicht.“ Er kann den Pfarrherrn nicht gebrauchen, muß ihn täuschen, was ihm nicht gelingt. Die hohe Führung gibt dem Guten die Gedanken ein, die er nötig braucht, und was der Arge sinnt. Oh, da weiß ‚man‘ schon Bescheid. Es wird ihm gewißlich: er steht unter des Allmächtigen Schutz. Wie oft hat er im Leben es gemerkt und ist noch gar nicht alt, wenig über fünfzig.

„Hier ist der Schlüssel, hoher Bruder; ich habe abgesperrt, weil ihr gestern sagtet, ihr wolltet alles überprüfen.“ — „Gut gemacht.“ Ein falsches Lob. Mit dem Schlüssel schließt er sich dann ein, bei seiner Arbeit kann er keine ‚Augen‘ brauchen. Jeder Beichtstuhl hat einen etwas dicken Vorhang, wie befohlen; ein Beichtvater darf nur hören, niemals soll er sehen, wer zu ihm spricht. Oh, das haben die Hispanier längst geändert, ohne daß es jemand merkt. Haha, er wird des dummen Pfarrers dumme Schafe kennenlernen, wird sie scheren, so oder so, wie ihm beliebt.

Zur Ehre Gottes — ? Ach, eine Formel, die zu sprechen ist. Gott kümmert sich nicht um das kleine Menschenpack. Kirchliche Gewalt, vor allem seines Ordens, die ist auszuüben! Dazu dient die Formel. Also denkend tritt er in das Innere, geht durchs nicht sehr große Schiff, findet aber niemand, der versehentlich eingeschlossen ward. Er hat Routine. Bald ist der Beichtstuhl präpariert. Ein unschönes Grinsen überzieht das hagere Gesicht. —

Währenddessen sitzt Sinkmann wieder schweren Herzens da, ißt erst jetzt sein mageres Morgenmahl und überlegt innigen Gebetes, wie er die ihm Anvertrauten schützen kann. Er müßte sie so allgemach zur ‚Insel‘ bringen. Im großen Wald legt sich um sie ein Gürtel Moor, und er kennt den schmalen Pfad, der inmitten führt. Diese grasbewachsene Insel, von hohem Buschwerk abgeschirmt, könnte wohl die letzte Hilfe sein.

Ich möchte wissen, sagt Sinkmann zu sich selbst, was er in der Kirche tut. Wäre ich doch mitgegangen! Und da ist es wieder, als ob ein anderer gedanklich zu ihm spricht: ‚Du hättest es nicht hindern können, wirst ja noch das Loch am Beichtstuhltuch entdecken. Nun du weißt, was der Böse tut, dann bleibe deinen Schutzbefohlenen nahe, müssen sie sich beugen, um Sünden zu bekennen, ihnen unbekannt, oder solche, die vor Gott so nichtig sind, daß Er sie gestrichen hat, bevor man sie beging.

Stehst du bei den Gläubigen, so fühlen sie sich sonderlich umhegt und atmen auf. Noch wirkst du hier an diesem Ort, bald aber wendet sich dein Weg und mit dem deinen noch manch anderer. Glaube nicht, es würde leicht; denk‘ auch ferner nicht, GOTT wolle dich erproben! Will Er das tun, hat Er ungleich anderes bereit. Du wirst es einst erfahren, wie wunderbar die Gnadenwege des allheiligen und guten Vaters sind. Jetzt halte dich bereit.‘

Der Pfarrherr sieht sich staunend um. Daß das ‚Wort‘ nicht sein eigenes ist, hat er gemerkt. Aber wer, woher, was war es, das wie eine Stimme klang, in, neben, über ihm? Unabwägbar! Jeden Falles aber gut, dessen ist er sich bewußt. Er denkt an das Kind Beate. Oh, kann ein solches Mädchen einen Engel sehn und hören, dann — Du mein Gott —‚ dann muß es welche geben.

Daß er, ob Pfarrer oder nicht, ein Mensch mit Unzulänglichkeiten, während so ein Kind kaum eine Sünde kennt, auch einen Engel haben soll, der ihn führt und eingibt, was zum Heile seiner armen Kinder Gottes gilt, wagt er nicht ganz auszudenken. Daß es Demut ist, Hingabe an die Gottespflicht, das kommt ihm noch nicht ins Gemüt. Deshalb eben ist die Demut echt.

Er macht sich auf, Kranke zu besuchen, rät ihnen von der Messe ab, zumal der Arzt Ruhe anbefahl. Der selber arme Mann kann wenig helfen. Was hat er schon? Selbstgesuchte Kräuter, ein paar Salben. Er hat mit Sinkmann oft ein Wort gewechselt und war ersichtlich, daß beide an den gleichen Wagen ziehn: den schweren von der Welt, den anderen, den GOTT beladen hat — den Segenswagen.

Abends liegt der Pfarrer im Gebet, Gott möge doch die üblen Zeiten wenden, wacht auf seinem harten Lager, bis auf einmal es wie eine sanfte Decke ist, die ihn umhüllt. Ihn umfängt kein Traum, es ist weit mehr, ist ein Hinwegführen von der Welt, von allem Kummer, aller Not, ohne diese aufzuheben. Er sieht sich selbst in einem hohen Raum, die Einzelheiten zeigen sich ihm nebelhaft, doch bewußt wird ihm, die Stätte ist sehr herrlich. Und er flüstert: „O Herr, wohin hast Du mich gebracht?“

„Das zu wissen tut nicht not“, erwidert eine Stimme, die wie eine dunkle Glocke hallt. „Du hast gemeint, Gott müsse jetzt die Zeiten wenden, die so böse auf der Erde ausgebrochen sind. Vom Allerweltsgedanken her mag es wohl gelten; dein Geist kann es anders sagen. Weder Welt noch Zeit sind böse; denn beide stehen in des Schöpfers Hand, und du wirst nicht sagen wollen, daß Er Welt und Zeit so arg geschaffen hat. Oder doch?“

Der Körper wälzt sich ächzend hin und her, Ausdruck dessen, was der Geist erlebt, der bekennt: „Nein, o nein! Was der Schöpfer schafft, ist ewig gut. Nur wie und was sich ändern müßte —“, und er denkt an seine Schäflein. „Wie kann ich sie beschützen, wenn ich keine Macht besitze, wie der Finsterling sie hat?“

‚Unverständlich für den Menschen, wenn es heißt, daß manch arger Krug zum Überfließen kommen muß. Das hängt mit jenen Wesen aus der Finsternis zusammen, die ihre Bosheit mit zur Erde bringen. Und die muß verrinnen. Würde Gott sie stoppen, was durch Seine Gnade ohnehin geschieht, sobald der Heilige dafür die Zeit ersieht —‚ dann bliebe in den Wesen auch ihr Böses stecken.

Wie sollten sie nun zur Erlösung kommen? Und das weißt du schon: Jedes Hingefallene will und wird der Herr erlösen! Dabei ist jedes Einzelne anzufassen und zu leiten. Wie im Licht die Herrlichkeiten unermeßlich sind, so auch im Abfallteil, den ihr Hölle nennt, die argen Triebe, die der Mensch nie zählen wird. Doch der Herr? Er kennt alle Zahlen ohne Unterschied!

Jetzt wird dir noch ein Bild gezeigt, wie du manchen der Gemeinde helfen kannst. Frag‘ nicht gleich: Warum nicht allen? Auch da gilt Gottes Weisheit und Sein Wille. Er bedenkt jedes Kindes Weg, von einst, von jetzt, von späterhin. Das genüge dir.“ Hehrer Friede senkt sich auf den Schlafenden, als läge er auf einer weiten Wiese, umgeben von Gestalten. Wer sie sind — er weiß es nicht. ‚Fernab von der Welt‘, haucht es ihn an.

Darüber wacht er auf. Des Traumes Seligkeit zerstiebt. Heute, o heute! Er macht sich fertig, ißt sein trocken Brot und geht zur Kirche. Er muß seinen ‚armen Kindern‘ Worte geben, die ein wenig Trost versprechen. Mitunter tut‘s ein Blick, ein Händedruck, aber alles, bevor der andere kommt.

Und wie er kommt! Die Augen wieselflink, Unwillen nimmt von ihm Besitz, als er die Leute dicht um Sinkmann sieht. Haha, wie dumme Schafe um den dummen Hirten. Waren Hirten jemals klug, um Plätze einzunehmen, von denen aus die Masse zu regieren ist? Er weiß es nicht, wieviel Hirten schon aus Gottes großem Lehrbuch, der Natur, die für Menschen beste Weisheit lernten und anzuwenden wußten, gegen körperliche Leiden, gegen Seelennot, zur Rettung manchen Tieres.

Das hat des Mannes Sinn noch nie erfaßt, dünkt sich erhaben, mit der Macht des Ordens ausgestattet, mit dem Auftrag ausgerüstet, die Leute bis ins Letzte auszuforschen, unerbittlich, wo ein Mißstand sich ergibt. Was weiß dieser Seelenlose wohl von gut und böse? Er gräbt, bis er aus guter Erde Steine macht. Die hebt er dann auf, um damit zu werfen, ungeachtet dessen, daß der Heiland sprach: ‚Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.‘

Wie ducken sich die Leute in den schmalen Bänken, wie fallen sie aufs Knie, die keinen Sitzplatz fanden und nach stundenlangem Gehen müde sind. Wie funkeln jene Augen, verdeckt finster niederschauend. Harte Worte werden schmelzend ausgesprochen, Hände fahren auf und nieder, wie vernichtend klingt der letzte Satz der langen Litanei — eine ‚Predigt‘ kann man das nicht nennen, was von der Kanzel auf erchreckte Herzen niederfiel, als es heißt:

„Beugt eure Knie, kehrt die arge Seele aus, reinigt Herzen und Gemüt vom Unflat eurer Sünden, bekennt gottwidriges Handeln, wenn ihr dann zur Beichte kommt. Gott sieht alles! Mir gab Er den Auftrag, euch zu bekehren. ‚Im Namen Gottes‘ sehe ich, was anzuwenden ist. Seid ihr so für eine Woche rein geworden, ist dann zur nächsten Beichte neues Übel aufzudecken. Ich rate euch: Versteckt nichts von dem, was zu bekennen ist! Verstockte weiß der Herr zu strafen, und zwar schon jetzt, und ewig werdet ihr im Feuerpfuhle schmachten. Die Hölle ist bereit, Sünder aufzunehmen; denn für diese ist die Himmelstür in Ewigkeit verschlossen!“

Er, im Rasen angemaßter Macht, vergißt das ‚Amen‘. Allerdings — es wäre fehl am Platz, denkt Pfarrer Sinkmann. ‚Gott hat ihm den Mund verschlossen, damit er nicht das ‚Amen‘ spricht, mit dem der Heilige Sich Selber nennt‘ (OJ. 3, 14). Wie ist des guten Mannes Herz so schwer, und er sieht, wie die Frauen sich die Augen wischen, wie manchen Mannes Brust sich mühsam hebt. Der andere, der gedonnert hat, keinen sanften Regen, keine milde Sonne gab, sieht das zwar auch, legt es aber völlig ungut aus.

‚Sie sind erschüttert, ich hab‘ sie aufgerissen, man weiß, was zu erwarten ist, wenn . . .‘ Er muß die Gedanken bannen. Noch hat sich niemand an dem Beichtstuhl eingefunden. Ha, die kommen, die kommen ganz bestimmt! Siegessicher geht er in den engen Stuhl, rückt von innen gleich den Vorhang hin und her und — so, er hat den Ausblick vor dem rechten Auge.

Ist es auch das rechte Auge? Beinah hätte er sich umgedreht, ihm war wirklich, als hätte jemand das gesagt. Unsinn, so was gibt es nicht! An Jenseitsstimmen glaubt er nicht; bloß fest an eine Hölle für die andern, nicht für sich. Er glaubt an Gott, er weiß, daß es Ihn gibt, sonst hätte seine Kirche durch Jahrhunderte nie bestehen können. Der strenge Gott hat sie erhalten. Weg mit den Gedanken, er hat jetzt zu richten!

Ergrimmt sieht er, wie der Pfarrer einen Mann zum Beichtstuhl führt. Daß er den Meurer wählte, ist jenem unbekannt. Ein Auftakt himmlischer Regie, an der zuletzt die Weltlichen zerbrechen müssen? Hat Beates, hat Sinkmanns Engel seine Hand im Spiel? Meurer kniet sich nieder, bekennt zaghaft einige Gedanken, er hätte seine Frau gekränkt, wäre seinem Nachbarn einmal ausgewichen und mehr solcher faden Bagatellen.

„Ist das alles?“ Sehr scharf gefragt. „Hast du kein fremdes Gras genommen? Wo sind die Kinder und die Weiber, die nicht mitgenommen wurden? Bist du etwa nicht der Erste unter euch?“ Blitzschnell das Wissen: ‚Das war der Huber.‘ Vom kleinen Bündel Gras kann niemand etwas wissen. Deshalb sagt er offen: „Ob mit Recht, kann ich nicht bestimmen, nur ist von meinem Grund ein Drittel Mahd genommen worden; ich hab‘ kein fremdes angerührt.“ Stimmt! Das Gras an eines Weges Rand — wem gehört das schon?

„Für die sündigen Gedanken, das nächstemal offenbarst du mir die bösen Taten, gibst du zwei Wochen lang die Milch von deiner Ziege ab, jeden zweiten Tag im Stadthaus abzuliefern.“ Klug ist er‚ bei der ersten Beichte nicht gleich scharf zu schießen. Muß der Arme sich dafür bedanken? Solch kleine Strafe! Ob die Milch dem Haushalt bitter fehlt und die Kost ganz mager wird, ob das Bübchen nur noch Magermilch bekommt, danach fragt man nicht. ‚Ob der Herrgott aber danach fragt?‘ Den Gedanken müßte Meurer beichten. Hm, dem Pfarrer wird er es gestehn.

Alle, die sich vor dem Beichtstuhl niederbeugen, haben eine unbestimmte Angst, auch jene, die mit dem Spanier privat gesprochen haben und er ihnen wie ein Freund entgegenkam. Jetzt — die Stimme hinterm Vorhang — mag ja sein, das Tuch verändert einen Laut, bloß klingen alle Worte messerscharf, ohne die geringste Wärme eines menschlichen Gemüts. Es darf ja gelten: Die Ordensbrüder, in die Welt hinausgeschickt, werden derart hart erzogen, daß sie gar nicht anders werden können wie sie sind.

Allein, sie waren Kinder, ehe sie zum Orden kamen, zumeist von Eltern liebevoll umhegt. Ließ man den guten Samen sich verderben, dann bleibt‘s die Eigenschuld. Wer unbarmherzig waltet, wird bei der ‚hohen Abrechnung des Herrn‘ sich niemals hinter ihre Oberen verbergen können, wie es Adam hinterm Baume tat. Jeder steht vor Gottes Angesicht für sich allein.

Wie man jetzt die Angstgequälten gnadenlos befragt, bis in das letzte Fäserchen hinein, so und gar nicht anders, freilich in der heilig-unverstandenen Gnade Gottes, werden alle Argen auch befragt, bis zum letzten Sandkorn ihrer Schuld. Des Lichtes Frage dringt zu den unheilvollen Seelen:

‚Ob es euch nicht etwa ebenso ergehen wird wie jetzt den Leuten, nicht wissend ein noch aus, weil sie Dinge sagen sollen, die nicht einmal in ihren Sinn gekommen sind, geschweige denn, sie hätten so gehandelt.‘ — ‚Und immer die Bedrohung einer ewigen Verdammnis — ? Müssen sie dann nicht erkennen, wie ihnen werden kann, genauso, wie den Bedrohten auf der Welt — ?‘ Viele Fragenstimmen.

Kennen sie, die im Namen Gottes sprechen, nicht Sein Wort, in der Bibel aufgezeichnet, nicht jenen Abschiedsgruß des Mose:

‚Wie hat Er — der Herr — die Leute so lieb!‘  (5. Mo. 33, 3)

Hat Er sie lieb, wie sollte Er sie denn auf ewig von sich stoßen! Ist ihnen nie der Spruch geworden:

‚Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden!‘  (Jes. 1, 15)

Und aus dem Vielen noch das Herrliche:

‚Ich vertilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünde wie den Nebel. Kehre dich zu Mir; denn ICH erlöse dich!‘  (Jes. 44, 22)

Ist es gut, treibt man ein schlichtes Herz in die Verzweiflung? ‚Du böses Kind‘, sagt der Heilige, ‚kannst zwar jetzt tun, was aus deinem Übel kommt. Allein — für jedes, das dem andern das Verderben bringen will — absolut nicht kann, denn des Lichtes Kinder stehn in MEINER Hand! —‚ geht eine Höllentüre auf, die eigene, aus eigener Grausamkeit geschaffen! Hast du ein Recht, abzurechnen, wo es kaum was abzurechnen gibt? Bist du der Lebensgeber und der -träger, oder bin nicht ICH das ewiglich allein?!‘

Wer hat das geflüstert? Wo kommt der Windklang her? Sollte Gott — Einbildung! Das kam von den Frauenaugen, die so vor ihm waren, als hätten sie durch sein geheimes Loch geblickt. Aufgepaßt, denkt der Spanier, zu wem die Frau gehört. Dann gnade ihr, die wollte mich durch Zauberei behexen. Eine Teufelshexe unter der Gemeinde! Ah, das brauche ich, um ein Exempel aufzurichten; dann werden sie schon wimmernd kommen, wenngleich mit kargen Gaben. In der Stadt gibt‘s welche, die Silberlinge springen lassen, um nicht — —

Heute kommt er nicht dahinter, wer die Frau gewesen ist. Er ahnt es nicht: Sinkmann hörte ebenfalls des ‚Windes Stimme‘, flüsterte Helene Meurer zu: „Geh‘ rasch fort, Berthold holt dich wieder ein.“ Dem Meurer winkt er zu. Der räsoniert mit Absicht vor dem Portal: „Konnte sie nicht warten?“ Er meint sein Weib. Sepp Stiebitz lacht: „Kennst die Weiber; wenn nicht die ganze Kinderschar am Rocksaum hängt, wittern sie Gefahr.“ Froh sind aber alle, weil die ‚große Messe‘ glimpflich abgelaufen ist.

„Abwarten“, sagt Kieslutz leise, als Huber nicht zugegen ist, „nächstesmal verlieren wir die Haare, hernach den —“ Kopf, soll es heißen. Einer hebt die Hand. Aus purer Angst kann ihr Gespräch verraten werden. Entgegen seiner Ansicht, die sich mit den meisten deckt, sagt jener nebenher: „Er scheint ein Besserer zu sein, und unser Pfarrer ist ja auch noch da.“ Man geht auseinander und sieht bangend Kommendem entgegen.

Meurer hat an diesem Tag den weiten Weg, obendrein mit soviel Sorgenlast, zweimal bewältigt. Er ist müde, und rafft sich dennoch auf, abends fortzugehen. Wohin, verschweigt er seiner Frau, die es ihm zitternd eingestand: „Ach Berthold, in dem Vorhang — ich weiß ja nichts —‚ es wirkte wie ein Loch. Ich sah ein Auge glitzern, dann war es plötzlich weg. Die Vorhangfalte wurde auch bewegt. Was hat das zu bedeuten?“

Ja was? Jetzt versteht der Mann, warum Sinkmann seine Frau rasch wie fortgetrieben hat, ihm das Zeichen gab, langsam nachzugehen. Er muß Gewißheit haben. Das Beichtgeheimnis sollte heilig sein, lehrt die Kurie. Er hat stets daran geglaubt. Freilich, ihm stiegen auch Gedanken auf, hie und da, die sich mehrten, seitdem die Spanier im Lande sind. Da geschehen Dinge, die bisher nie geschehen sind und auf die alte, große Kirche Lichter werfen, Irrlichter muß man ernstlich sagen. Zum Anstoß führen sie.

Hat man nicht gern und treu geglaubt, was gepredigt ward? Und war viel Gutes offenbar. Jetzt, im kleinen Dorf, wo es kaum geschulte Leute gibt, sind schon welche wach geworden, flüstern sich einander zu: ‚Es herrschen nicht mehr rechte Dinge‘, bei der gewohnten Handlung eines Gottesdienstes, von den weltlichen Oberen sei ohnehin gar selten Gnade oder Hilfe zu erwarten. Aber bei der Kirche, der Mutter der gesamten Christenheit — — —

Berthold umfängt Helene. „Keine Angst, mir kann nichts geschehen. Und schlafe. Wenn ich komme, weck‘ ich dich. Es wird dann etwas zu besprechen sein. Schließe die Tür, öffne bitte nur, wenn es viermal klopft.“ — „Wenn du wiederkommst!“ Helene tupft die Augen aus. „Ganz gewiß.“ Beinah hätte er sich doch verraten und von dem Engelswort gesagt, das Beate mehrmals hörte.

Sonderbar — er glaubt jetzt an des Kindes Führung. Noch dazu des Pfarrherrn Botschaft aus dem Licht? O, der ist von denen einer, an dem die Gemeinde echten Anhalt findet. Das sind die treuen Diener ihrer Kirche, mit Recht betont. Was sich in der Zeit so ausgewachsen hat, was keine Kanzel schmückt, das läßt sich nicht mehr decken, und kein Wunder, wenn die Menschheit sich nach etwas sehnt, gespürt, bloß noch nicht bekannt.

Ist es bereits ‚der Wind‘, das Befreien von der Willkür mancher Oberen? Man flüstert es sich heimlich zu, wenn man wirklich weiß, der andere steht fest. Es käme etwas aus dem Norden, vom Mittelland (Thüringen); und die Geschichte eines Hus geht mit umher. Die ließ sich nicht verschweigen.

Das und anderes mehr sind die Gedanken, die den einsam Wandernden befallen. Mondlos, ohne Sterne ist die Nacht, eigentlich für seinen Weg besonders gut. Er braucht demnach nicht zu fürchten, lauernden Leuten zu begegnen. Wer — triebe ihn nicht größte Not, würde ohne Licht im Dunkeln gehn?

‚O mein treuer Gott und Herr, hilf uns doch in unsrer Not, sieh auf uns herab, die wir Dir dienen so gut es geht. Wir können Dir nur unsre kleinen Scherflein bringen. Siehst DU auf das Weltliche? Sammelst Du nicht Deiner Kinder Herzen ein? Und sind sie Dir nicht wichtiger als alles, was der Welt gehört? Einmal ward gepredigt:

‚Die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit!‘ (1. Joh. 2, 17)

Ich will immer glauben, daß Du unser guter Vater bist.“

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