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Der sechste Schöpfungstag – Da ward aus Abend und Morgen, der sechste Tag

6-1224 Deine Tücke ward belohnt, du wurdest Vasall! Bekenne es!“ „Bekennen? Was soll ich? Jemals mit dir Waffen gekreuzt zu haben, besinne ich mich nicht!“ Luzifer lacht voll Hohn und Niedertracht.

6-1225 Noch einen Schritt geht Michael vor. Unheimliche Kraft entströmt ihm, als er nun sagt: „Luzifer, UR hat mir befohlen, das Schwert zurückzuziehen. Wisse aber, daß das alle Schöpfungen umfassende Sühneopfer keine Lüge, kein Versteck mehr dulden darf, weil dieses Opfer in die Waagschale der gerecht gestellten Bedingungen gelegt werden mußte. Denn du, du allein hattest das freie Willensgesetz über jede Gebühr für dich beansprucht. Ich werde jetzt ohne jeden Befehl des Menschensohnes JESU heiliges Blutopfer mit der mir gegebenen Macht und dem mir verfügbaren freien Willen verteidigen! Noch eine Lüge — und ich halte mein Schwert nicht zurück! Umsonst stehe ich jetzt nicht der Liebe bei! Ich werde meine Aufgabe zu vollenden wissen! Und nun, du Schattenfürst der Hölle, bekenne die Wahrheit!“

6-1226 Luzifer ist bei der furchtgebietenden Androhung des Recken weit zurückgewichen. Mit weiterer Aufbietung seiner armseligen Kraft hält er sich taumelnd aufrecht. Er fühlt: Jener ist in seiner Willensmacht wunderbar gewachsen; er ist ein Nichts dagegen. Zähneknirschend gibt er zu: „Es ist so, wie du sagtest.“ Michael fragt weiter: „Auf dem Berge der Versuchung, wie war es da? Hast du dich wirklich an den in JESU inkarnierten Gottesgeist gewagt, Ihn zu bezwingen? Hast du nicht vielmehr boshaft und mit Niedertracht den Seelenteil verführen wollen?! Bekenne die Wahrheit!“ Luzifer murrt und grollt, seine Hölle speit Gift und Schwefel; allein, es nützt ihm nichts. Michael legt seine Hand ans Schwert. Der Böse schreit: „Ja, die Seele, die Seele wollte ich!“ Aus diesem Schrei bricht seine Qual und alle Schöpfungsnot hervor. In dieser Not klingt JESU Stimme sanft, beruhigend und heilend:

6-1227 „Michael, des armen Kindes geringe Erkenntnis soll Anlaß zu einer Umkehr werden, daran sich einst die Heimkehr schließen kann. Willst du Mir helfen?“ Welch unfaßbare Liebe! So weit alle Himmel, die Unendlichkeit der Räume, in denen ungezählte Sonnen einsam ihre Bahnen ziehen, so fern eines Schöpfungstages Morgen von dem Abend, zu klein ist alles, um die Fülle dieser Liebe aufzunehmen. Michael ist an JESU Seite getreten. Sein Schwert hebt er über das heilige Haupt und sagt: „Über Dir, Sohn JESU, mein Schwert als Schutz, daß Dein Opfer den Sieg behält! Doch vor Dir, Ewig-Heiliger UR, Ewig- Einziger und Wahrhaftiger“, und er kniet nieder, seine Waffe auf den Boden legend, „will ich in Anbetung und Demut knien! Und ich weiß: Du wirst hier Sieger! Kannst Du mich aber fragen, ob ich Dir helfen will? Du weißt es ohne Antwort.“

6-1228 ‚Ja, Mein Michael, Ich weiß! Doch das muß geschehen um der Hölle willen. Stehe auf; wir wollen Luzifer jetzt handeln lassen.“ JESU beruft Luzifer zu sich und sagt: „Nun tue nach deinem Ermessen.“ Der Böse ist von der unmittelbaren Schwertgewalt befreit, und so hebt er sein Haupt höher, obwohl auf seinem Inneren das Opfer lastet. Zwei Worte flammen vor ihm: ‚Für dich!‘ Sein Kampf ist so gewaltig, daß seine Wesen ihre Starrheit verlieren. Sie toben, wühlen die Schlünde der Finsternis auf; Heulen, Flüche, Getöse durchbrüllt den dunklen Ort, und sie bekämpfen sich aufs gräßlichste. Als Luzifer keinen Anfang weiß, wie er sich JESU nähern könnte, fragt der Herr:

6-1229 „Du sagtest, Ich armer Mensch sei um Mein Leben und dessen Werk betrogen. Du wolltest Mich entschädigen. Ist das wahr? Und was willst du Mir tun?“ „O“, Luzifer faßt wieder Vertrauen zu sich selbst; es muß ihm gelingen, das Reich an sich zu reißen. „Ich habe wirklich Mitleid mit Dir, denn schließlich — nein, Dein Kreuz ist nicht meine Schuld.“ Er vermeidet immer, das Kreuz und Rafael anzusehen. „Wenn du keine Schuld an Meinem Blute trägst, wem gilt die Verantwortung, daß Mir das geschah?“ „Weiß ich das? Frage die Machthaber Kaiphas, Herodes und Pilatus; vielleicht sagen sie es Dir.“

6-1230 „Ja, Luzifer, ihre Antwort wäre: Der Dämon ist über uns gekommen! Doch so wenig sich jene von eigener Mitschuld reinwaschen können, so wenig bist du von der Hauptschuld freizusprechen. Denn du ganz allein bist Ursache desselben!“ „Willst auch Du mir alle Schuld aufbürden, die andere ohne mein geringstes Zutun begangen haben? Du warst bisher die einzige Seele, die die Last der Materie niederrang, ohne nach jemand auszuschauen, dem sie aufzubürden war. — Und nun willst Du mich der Hauptschuld zeihen?“

6-1231 „Ich sprach nicht von dieser Schuld, sondern von der Ursache. Was Menschen, Seelen oder Wesen Böses tun, muß jedes selber tragen und vor GOTT verantworten. Mitnichten wird Er ihre Last auf deine Schultern legen. — Ich aber, Luzifer, habe deine große Last und die Bürde aller Schuldigen auf MICH genommen, zur Befreiung aller, um dich dadurch von der Schuldursache loszukaufen! Denn siehe, hättest du nicht einstens dein freiwillig gegebenes Versprechen, die gerecht gestellten Bedingungen anzuerkennen und zu erfüllen, gebrochen und mißachtend von dir geschleudert, wahrlich, kein Kind wäre jemals auf solch tiefen Abgrundweg gekommen, auf welchem du nun schon fast sieben Schöpfungstagesstunden gehst, Meinem Werk zum Schaden, zu deinem eigenen Verlust. Wird dir das nicht bewußt?!“ „Ich weiß es nicht; ich sehe auch nicht ein, wieso ich der Verlierer bin. Und der Verlust des anderen? Geht mich das was an?“

6-1232  „Du irrst! Der Schaden des anderen, dessen heiliger Name dir nicht über deine Lippen kommen will, besteht zwar in einer Zeit, die Ihm der Kinder wegen leid tut, denen du sie stiehlst, doch nicht um Seiner selber willen; denn sie ist in Ihm ein Hauch, ein Tropfen aus den heiligen vier Lebensströmen der UR-Ewigkeit, deren Anfang und ihr Ende — entsprungen aus dem dir ewig zugedeckten Quell der Mitternacht — kein Kind schauen wird. Was ist solch ein Tropfen der bedingten Zeit im Ablauf heiligen Schöpferwillens? Wahrlich, Ich sage dir: Nicht mehr, doch unendlich Male weniger ist er als ein armes Sandkörnlein der armen Erde. —

6-1233 Aber dein Verlust“, JESU zögert und sagt dann sanft, doch mit jener glutenden Macht, die Tausende von Hörern fesselte, „Sadhana, du erstes Kind des himmlischen Vaters, dein Verlust ist schier unermeßlich! Du gabst alles auf, des Reichtums Fülle, des Lichtes Herrlichkeit, das Recht der Erstgeburt der Schöpfung! Und das alles um ein Linsengericht! Wahrlich, Sadhana, was du dir eingetauscht, die arme Erde, die kleine Hülsenglobe, die unscheinbare Sonnenzelle, ein Teller ist‘s von jener kümmerlichen Linsensuppe Esaus, die dir ein Beispiel war. Kommt dir darüber noch immer keine Einsicht?“

6-1234 Luzifer ist bei dem Anruf ‚SADHANA‘ furchtbar zusammengezuckt. Seine Seele schauert. Und das Linsengericht? Ja, beinahe . . . nein, so gibt er sich nicht geschlagen, das geht ihn gar nichts an. Er ist Luzifer, der Herr der Erde! Was gelten die paar Seelen, die sich ihm entwinden? Millionen pilgern die von ihm gezeigten Wege weltlichen Reichtums, der Macht über Menschen, über Völker und der Lust. Und sind sie frei von ihren Erdenkörpern, gehören sie ihm ganz. Sollte ihm nicht möglich sein, JESU Seele festzuhalten, die sogar freiwillig zu ihm kam? Nur der Name ‚Sadhana‘ schwächt ungeheuer; bloß mit Mühe wehrt er sich dagegen. Doch es muß sein! Er sagt: „Komm, folge mir, ich zeige Dir mein ‚Linsengericht‘; vielleicht siehst Du dann ein, wo Macht und Herrlichkeiten sind und wo ein Schein.“

6-1235 „So führe uns.“ Luzifer wäre gern mit JESU allein gegangen; denn Schwert und Kreuz belasten ihn, obwohl Michael und Rafael keinen Einfluß spüren lassen. Er könnte auch nicht sagen, ob Wille oder Liebe die Entschlußkraft lähmt. Es gelingt ihm jedoch nicht, die Fürsten aufzuhalten oder sich zwischen JESU und sie zu schieben. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als vorauszugehen. Im flüchtigen Flug umkreisen sie die Erde. Luzifer deutet auf herrliche Länder, auf mächtige Reiche mit einer Gebärde, als wolle er sagen: Es ist nichts gegen das, was ich Dir schenken will. Er zeigt Welten, Sterne, Sonnen. Auf einer großen Sonne geleitet Luzifer den Herrn auf einen Hügel.

6-1236 Die reine Seele, die kraft ihres Opfers die Schöpfung überschaut, und auch die Engel merken gleich, daß hier die Entscheidung fällt. Luzifer bittet sogar, JESU möge sich setzen und bietet Ihm einen eigens ausgesuchten Sitzplatz an. Er selber setzt sich schräg gegenüber auf einen nackten Stein. Die Lichtfürsten bleiben knapp hinter dem Herrn stehen. Eine ziemliche Zeit lastet eigentümliche Stille auf der kleinen Gruppe. Endlich fragt der HERR:

6-1237 „Sadhana, was hast du Mir zu bieten?“ Luzifer fragt zurück: „Warum nennst Du mich bei einem Namen, der mir nicht gehört?“ „Du hast recht, Sadhana, er gehört dir nicht, richtiger: nicht mehr! Aber sieh, er soll dir wieder gehören! Mit Meinem Blutkreuz legte Ich den Grund dazu. Erkenne: Die Gottheit trug im eigenen Sein den eigenen Namen. Dagegen gab sich kein noch so höchster und vollkommenster Engel je einen Namen selbst, weil alle erst im Gotteslichte Kindlein waren und zu dem herangebildet wurden, was sie heute sind. Legt sich jemand einen anderen Namen zu als jenen, den er bei der geistigen und sogar auch irdischen Geburt erhalten hat, so ist dieser niemals der zu Recht bestehende. Nicht anders verhält es sich mit dir. ‚Luzifer‘ war nie dein Name; UR hatte dich nicht so genannt! Soll Ich dich nicht bei deinem wahren Namen rufen?!“ Luzifer lenkt ein. „Was ist ein Name? Schall und Rauch! Ich heiße nicht, ich bin Luzifer!“ Niemand hätte stolzer sprechen können als der oberste Dämon.

6-1238 „O armes verirrtes Kind, wie kannst du so töricht sprechen?“ Unsagbares Mitleid strahlt aus JESU Augen. „Doch nun rede, Sadhana, Ich will — Ich kann nicht mehr Zeit schenken, als Mein Opfer zur Erkenntnis dir gewähren darf.“ „Ich will Dich nicht berauben“, sagt Luzifer. Seine Stimme ist merkwürdig ruhig. Kommt das aus einem vagen Schritt zur Umkehr? Ist es Taktik? Die Engelsfürsten sehen klar. JESU möchte an das Gute glauben.

6-1239 Luzifer deutet über das Sonnenland mit weiter Handbewegung. „Sieh die Sonne und erkenne, was aus ihr zu machen ist. Du hast eine große Kraft; o, ich weiß, ich verschließe mich dem Wissen nicht, obwohl ich nicht verstehe, daß Du mit solcher Macht dem Schmachtod nicht entrinnen konntest. Nun das ist Deine Angelegenheit, geht mich nichts an, ich habe damit nichts zu tun.“ Der Trotz in den Worten ist so groß, daß selbst JESU davor zurückschreckt.

6-1240 „Ich will Dir mein Angebot machen“, sagt Luzifer nach kurzer Pause überlegend weiter. „Dein sei die Sonne mit allem, was darauf, darüber und darunter ist, mit allen Menschen, die ich hierher schicke. Und ich sende sie Dir alle ohne Ausnahme zu, sobald sie ihren jämmerlich stinkenden, erbärmlichen Leib verlassen haben.

6-1241 Du kannst mit ihnen machen was Du willst und bist Dein eigener Herr; ich kümmere mich um nichts. Ein reiches Betätigungsfeld! Hier sollen Kaiphas, Herodes und Pilatus Dir begegnen. Dann vergilt, was sie Dir Böses angetan; sie sind in Deiner Hand. Hast Du nicht auch gern gepredigt, den Menschenwürmern beigestanden, obwohl keiner soviel Wert besitzt, Dich nach ihnen umzusehen! Statt dessen bist Du ihnen nachgelaufen!? Genügt Dir diese Arbeitsstätte nicht, o, ich habe andern Reichtum. Komm, folge mir.“

6-1242 Luzifer führt. Die Hülsenglobe tut sich auf, und an allen Enden wühlen seine Wesen. Danach kehren sie zu jener Sonne zurück, die er dem HERRN angeboten hat. Als sie ihre früheren Plätze eingenommen haben, fragt Luzifer: „Nun, was sagst Du jetzt zum Linsengericht? Zeige mir den Teller, auf dem es aufzuhäufen wäre.“

6-1243 „Sadhana, deine Linsensuppe ist in deinen Augen groß. Wie klein sie wirklich ist und wie gering, sollen Rafael und Michael dir nachher zeigen. — Zuerst will Ich Mich mit deinem Angebot befassen. Es lockt Mich, alle Menschenseelen um Mich zu versammeln, Meine Liebe ihnen lehren, die sie wenig kennen, aber viel von Liebe reden. Wer kennt ihr hehres Wesen, ihre siebenfache Strahlung, in den vier Lebensströmen fest und einheitlich geschlossen? Wer erforschte je den Grund der Liebe, die an diesem sechsten Schöpfungstage dominiert, dem die Ordnung und die Weisheit Pfeiler sind? Ja, es lockt Mich, jeder Seele Gottes Majestät zu zeigen, ihre Sehnsucht zu entfesseln, die sie in das Herz des Vaters treibt!“

6-1244 Der Heiland schweigt. Seine Augen wandern in den Raum. Er sieht Scharen kommen, grau, gebückt, zermartert von Sünde und Schuld; und sieht sie, gesegnet und geschmückt von Seiner Hand, mit weißen Kleidern, auf den Häuptern Kronen der Erkenntnis, vom Sonnenraum mit Jauchzen und Frohlocken, Dank und frohem Eifer ins Reich des Lichtes gehn, frei vom Bann der Finsternis . . . Das Jubelbild zerstört der Dunkle jäh: „Und Du nimmst an? Du willst es tun?“ —

6-1245 JESU erwacht aus Seinem Heilandsbild. Wie horchend blickt Er auf. Die Versuchung auf der Erde war ein Nichts von dem, was jetzt geschehen soll. Ernst entgegnet Er: „Niemand kauft ein Kleid, ohne nach dem Preis zu fragen, obzwar man es des öfteren erneuert. Viel weniger kauft ein kluger Mann ein Haus, ohne dessen Preis genau zu prüfen samt den Bedingungen. Auch prüft er, ob der Kauf ihm Nutzen oder Schaden bringt, ob sich später Fehler zeigen, denen er hernach nicht mehr gewachsen ist, daß ihm das Haus genommen wird und er ohne seine Lieben, arm, entblößt, hinausgetrieben werden kann.

6-1246 Das alles muß man erst bedenken, ehe man die Hand ausstreckt und sagt: Gib her, ich will es haben! Der hinterhältige Händler wird dem biederen Käufer schnell die Waren in die ausgestreckten Hände legen und den Preis kassieren. Vor Gericht beteuert er: Beim Verkauf war meine Ware gut; sie ist später schlecht geworden. — Sadhana, was willst du dafür haben?“ „Soviel wie nichts! Legionen Seelen sind Dir überlassen, und nur eine einzige will ich dafür als Preis.“

6-1247 „Und wer ist die eine Seele?“ „Du selbst!“ „Ich? Was willst du mit Mir tun?“ „Nichts! Ich verlange bloß, daß Du diesen Sonnenraum niemals verläßt, nie andere Wünsche hegst, als die Dir geschenkten Seelen nach Deinem Bildtraum fortwandern zu lassen, ohne selber dem Verlangen stattzugeben, ihnen auch einmal zu folgen.“ „Da wäre Ich ja dein Gefangener, ein Vasall zu deinen Gnaden.“ „Das sind harte Worte, sie treffen nicht den Sinn.“ „Nein!“ JESU Stimme hebt sich. Sie ähnelt ihr, als Er im Tempel eine Geißel schwang, rufend: ‚Mein Haus soll ein Bethaus sein; ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht!‘ „Nein, der Sinn ist hart, die Worte wahr! —

6-1248 Sadhana, einst standest du als freies Fürstenkind mit Michael, Rafael und den Brüdern im Allerheiligsten vor dem Heiligen Herd. Du knietest vor dem Stuhl, um DEN anzubeten, der darauf saß, der dein Schöpfer ist. UR schenkte Seine Gaben dir; Er trieb keinen Handel, Er gab aus Seines Reichtums Fülle! Du aber, als du viel erhalten hattest, dünktest du dich groß genug, dem Vater sich zu widersetzen und zu sagen: Was ich besitze, ist mein selbsterworbenes Eigentum. Da wurdest du Gefangener deiner Bosheit und Vasall, nicht aber deines Vaters, sondern Gefangener und Vasall deines Hochmutes, und warst in dir geknechtet und geknebelt in der Niedertracht deiner Tücke. Denn wahrlich, hätte UR dich geknechtet und zum Gefangenen gemacht, du hättest diese Zeit nie überdauern können, denn dann mußten die Bedingungen der Schöpfung sich an dir erfüllen. Freilich hätte das die Auflösung des Schöpfungstages zur Folge gehabt.

6-1249 Nun ist der Zeitpunkt da, wo du Geschenk und Erbe ganz verschleudert hast. UR gibt dir nichts von dem, was Seine Kinder allesamt besitzen. Ordnung, Wille, Weisheit und Ernst wollten deines Falles Mißgeburt, das Linsengericht, ausschütten in eine Schöpfungsnacht. Zwangsläufig, aus den Bedingungen heraus, hätte eine vorzeitige Nacht den ganzen Schöpfungstag bedeckt. Dann wäre deines Werk aus UR-Raum und UR-Zeit ein unnützes gewesen.

6-1250 Doch da erhob sich die Geduld und sprach: Eine kleine Zeit sei mir gegeben, die ich als Same in den Schoß der Liebe pflanzen will. Es ist der Liebetag. Die Liebe sprach: Ich will die von der Geduld mir anvertraute Zeit zu einem Sohn gebären, der im Opferweg das schon Verlorene wiederbringt, und will das ‚Sohnesopfer‘ der Barmherzigkeit zu Füßen legen. Die Erbarmung sprach: Ich war schon die Krone, als in URs zeitloser Zeit Werke ohne Zahl erstanden, heilig, hehr und groß! In der viergeteilten Schöpfung, in der das nun begonnene Tat-UR-Jahr im Lichte vorerstand und dessen sechster Tag mit angehaltenem Atem auf die Erfüllung wartet, brachte ich das Kronsiegel allem Sein und Werden. Auch für diesen Tag lag es in meiner Hand.

6-1251 Wohl konnte nicht allein aus mir die Krönung werden, wenn nicht dazu in Ordnung, Wille, Weisheit und im Ernst der Grundstock lag und wenn nicht Geduld und Liebe die Brücke vorn Inneren zum Äußeren, vom Meister zum Werk, vom Schöpfer zum Geschöpf, vom Anfang zum Ende errichteten. Ebensowenig wäre Erfüllung geworden, wenn ich, die Barmherzigkeit, nicht über diese Brücke das Ende zum Anfang, das Geschöpf zum Schöpfer, das Werk zum Meister, das Äußere zurück zum Inneren geleitet und somit auf die Grundpfeiler des Schöpfungsdornes das Dach gebildet hätte. Im bisherigen Verlauf des Liebe-Tages habe ich die Krone erst erhoben. Es gilt jetzt, dem Werk das Kronsiegel aufzudrücken, um am Ende die Krönung ihm zu bringen. So beschließt im Rat nach Gottes UR-Sinn! — Da sprachen die vier Ersten: Es sei! Wir geben der Geduld die Zeit. Ist sie verstrichen, wird es sich zeigen, was mit dem Weltraum zu geschehen hat. —

6-1252 Also zeugte die Geduld die Zeit als Samen in den Liebe-Schoß, und ICH ward geboren. Die Barmherzigkeit behielt ihr Siegel in der Hand, während die Liebe das unaussprechliche Opfer brachte! Einmal — und dir ist‘s nicht unbekannt — wollte UR prüfen, ob ein Vaterherz es fertigbrächte, den eigenen Sohn zu opfern. Und kein Geringerer als Abraham, der zur Erde gegangene Ernst-Träger, war dem Gebot zu willen, den vielgeliebten Isaak zu opfern.

6-1253 UR opferte den SOHN, der aus Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hervorgegangen war. Das ist nun Erbarmung, daß UR Mich als Liebesohn zu dir gehen ließ, um dir das Heilige zu offenbaren. Und Ich rufe dir zu: Kehre um, o Sadhana, kehre um! Sieh, noch sind Meine Hände rot vom Blut, vom heiligen Lebensquell, der in erster Linie für dich geflossen ist! Das Kreuz, aus Hochmut, Schuld und Sünde von dir allein der Schöpfung aufgebürdet, nahm ICH ihr ab und lud es frei auf Meine Schultern. Nenne Mir aus Meinem Erdenleben eine einzige Sünde, einen Hochmut, mit dem Ich einen anderen verfolgt, beleidigt hätte. Du kannst Mir nichts aufzeigen!

6-1254 Für wen und was also hätte Ich, o Sadhana, das durch deine Schuld errichtete Kreuz auf Mich genommen, wenn nicht für dich, die Urheberin desselben?! Solange Meine Hände noch vom Opferblut gerötet sind, so lange bleibt dir Zeit zur Umkehr!

6-1255 Meine Liebe dient dir heilig. Um Meines unerhörten Opfers willen mußt du nun erfahren, wie schwer es Mir jetzt fällt, vor dir als ‚Menschensohn‘, als ‚Nur JESU‘ zu stehen. Als Ich in der Kreuzvollendung die Worte sterbend sprach: ‚Es ist vollbracht‘, befahl Ich Meinen Geist dem VATER in die Hände. Also wurde Ich, der JESU, wieder eins mit UR, dem Heiligen selbst! Allein, Meine geopferte Liebe schrie nach Vergeltung!

6-1256 Was weißt du, Sadhana, vom Sinne göttlicher Vergeltung? Mir Mein erstes, verlorenes Kind zurückzubringen, dem geschändeten Vaterhause wieder Ehre anzutun, die große Lichtwunde zu heilen, das ist die einzig wahre, weil heilige Vergeltung! — Bei dir vergilt man Gutes mit Bösem und Böses auch wieder mit Bösem. In Meinem Reich gibt es das nicht, weil dort alles edel, gut und rein, alles höchst vollkommen ist. Doch was du der Schöpfung an Bösem angetan, in erster Linie MIR, deinem Schöpfer, das will Ich dir mit Meiner herzlichen Barmherzigkeit vergelten.

6-1257 Ich schlug dein Angebot als SEELE aus; denn was du willst, kann Mir, dem Menschensohne, nicht verborgen bleiben. Die zur Erde niedergestiegene Liebe wäre für jede Zeit von Meinem Reiche abgesondert, das zu Grunde gehen muß, fehlt auch nur eine Eigenschaft. Mit dem Verlust der Liebe wäre Ich, der Ewig-Heilige, nicht mehr der höchstvollkommene UR. Der sechste Schöpfungstag verlöre so den Grund, auf dem er herrlich steht. — Meinem Opfer konntest du nicht ausweichen. Du wußtest es! Was du vor Himmel und vor Hölle deckst, nämlich die Erschütterung, die dich bei Meinem letzten Kreuzeswort befiel, siehe, Sadhana, MIR blieb sie nicht verborgen!

6-1258 Du bist aus Mir hervorgegangen. Von Meinem Köstlichsten legte Ich ein Großteil in dein Herz. Du konntest alles zuschütten. Weltenhohe Berge an Schuld, Sünde, Starrsinn, Bosheit, Heimtücke und Niedertracht häuftest du auf Meine königlichen Gaben, daß es den Anschein hatte, als sei Mein UR-Teil in dir erstickt. Aber — du könntest es nicht töten! Und weil dir dieses nicht gelang, darum brachtest du der Welt den bösen Brudermord. Auch Kain war dein Werk! Seitdem ist unaufhaltsam Blut geflossen, ohne daß es dir gelang, das ursächliche Lichterbe in jedem Kinde auszulöschen.

6-1259 Diese Erschütterung war deine erstbewußte Erkenntnis. Du standest hier auf diesem Platz, hast dich nach allen Seiten umgewendet, das zu verwischen, was du sahest: ‚Für dich!‘ Es gelang dir nicht. Meine von Nägeln gebrandmarkten Hände griffen in deine Tiefe hinein und holten alles Gut ans Licht des Tages; und sie reckten sich empor zu Meinem Thron. So verband Ich Himmel und Hölle und zertrümmerte die Kluft, die dein Fall hervorgerufen hat. Da kam ein erstes Schluchzen über dich. Du unterdrücktest es. Aber jene geflüsterten Worte: ‚Nun habe ich mich ganz verloren‘ waren gut. Und nicht allein Trotz beherrschte dich hernach, als du noch einmal deine Heimsehnsucht zerstörtest; nein, es war dabei auch Schulderkenntnis.

6-1260 Da wob die Erbarmung einen Liebemantel und Geduldsgürtel um deinen Schöpfungsteil. Nun liegt es an dir, Sadhana, aus der Schulderkenntnis zum Schuldbekenntnis zu gelangen, den harten Panzer deines Trotzes abzulegen und dich von Mir einhüllen zu lassen, deine Augen nicht vom Kreuzmahnmal zu wenden, sondern sprich: ‚Ich habe gesündigt vor Dir, Vater, im Himmel und auf Erden; ich bin fürder nicht wert, Dein Kind zu heißen.‘ — Tust du solches, Sadhana, wird es dir gehen wie dem Sohn im Gleichnis: Mit Freuden wirst du dereinst heimgeführt! —

6-1261 Nun aber bedarfst du erst noch einer Schau. Michael und Rafael, führt Mein verlorenes Kind und zeigt ihm eure Herrlichkeit. Es wird genügen, sein Fallgericht einzusehen. Meine andern Himmelsfürsten werden Mir indessen dienen.“ Alsbald stehen die Beauftragten neben Luzifer, und im Augenblick sind sie dem Sonnenraum enteilt. —

6-1262 Luzifer steht wieder vor dem Herrn. JESU wartet, bis er redet. Es muß ihm Zeit gelassen werden, denn sein Inneres hat eine ungeheuere Veränderung erfahren. Er setzt sich auf den Stein, das Haupt tief geneigt. Endlich sieht er auf. Welch Feuer brennt in seinen dunklen Augen; eine Flamme frißt die andere. Trotz gegen Einsicht, Haß gegen Liebe, Hochmut gegen Grauen, kurz, es kämpft die Hölle gegen einen Himmel in dem nun armgewordenem Kind. Grenzenlose Qual klingt auf, als es — halb von JESU abgewendet — sagt:

6-1263 „Es wäre besser gewesen, du hättest mich nicht sehen lassen, was Deine Diener mir enthüllten. Ist das Barmherzigkeit, mir, der in eine Brandung fiel, aus der mit eigener Kraft es kein Entrinnen gibt, wohl den Rettungsring zuzuwerfen, doch nicht die Leine anzuziehen, daß ich zwar nicht untergehe, doch auch an kein Ufer komme, weder an das alte noch ans neue? Warum tatest Du mir das?“

6-1264 Rafael deutet auf das Kreuz und fragt: „Warum hast du das dem HERRN getan? Ja — der Allerhöchste muß dich den Strudel fühlen lassen, der dein bisheriges Leben war. Siehe, was du IHM, der Schöpfung und dir selber schuldest! Unterdrücke die Erkenntnis nicht, daß du ohne Gottes Rettungsring verloren bist, sondern stelle dich nun unter Christi Kreuz; strecke deine Hände hoch zu dem, der für dich an diesem Marterholz Sein heiliges Leben opferte. Tust du das, so wird Er dich ans rechte Ufer bald herüberziehen. —

6-1265 Dann bist du erlöst, wirst frei von aller Schuld und findest einst den Heimweg in das Vaterhaus. Dann spürst du die barmherzige Liebe, die auch dich gleich einem verirrten Schäflein aus der Todesnot, aus Nacht und Grauen rettet und heim trägt auf starken, treuen Hirtenarmen. — Erkenne diese Liebe, Luzifer, nimm sie getrost für dich in Anspruch; sie wartet ja darauf, daß du sie begehrst.“ Leuchtend in seinem Lichte steht der Fürst der Liebe vor dem armen Gefallenen. Luzifer erkennt den Kontrast. Einmal schaut er auf in das überstrahlte, freundliche Gesicht, senkt jedoch schnell seinen Blick zu Boden und sagt:

6-1266 „Die Erkenntnis kommt zu spät. An welches Ufer wollte ER“, dabei deutet er auf JESU, „mich auch ziehen? Herr meines Reiches kann ich nicht mehr sein, nachdem ich sah, was euer Eigentum geworden ist. Und das Blut . . . o, nun läßt es meine Seele nicht mehr los! — Aber an das Ufer, wo ihr steht, kann ich noch viel weniger. Ich bin nicht der Euere, werde es nie sein! Ihr habt mir alles in für mich grauenvoller Deutlichkeit enthüllt, was im sechsten Schöpfungstag geschah. — Nun werde ich mich an den Grenzen meiner selbstgeschaffenen Linsensuppe immer stoßen und an diesem Höllenleben ganz zu Grund gehn. Es wird wohl Äonen Zeiten dauern, bis ich mich an meiner Schuld so lange abgerieben habe, bis nichts mehr von mir übrigbleibt.“

6-1267 „Warum willst du nicht an jenes Ufer, wo das Licht dir leuchtet, wo die Liebe deiner harrt?“ „Dorthin?“ Für einen Augenblick sieht Luzifer zu JESU hin. „Wie kannst du mir solch untragbare Qual aufbürden? Ist‘s nicht genug, daß ich an der Erkenntnis Ewigkeiten schleppen muß? Was nützt mich dieses Ufer, wenn ich seines Segens nicht teilhaftig werden kann? Das Licht jagte mich von einem zum andern Ende, daß sich an mir erfüllt: ‚Unstet und flüchtig sollst du sein!‘ Nein, dorthin darf ich nicht!“ „Es wird dich niemand jagen.“ „Möglich: dann tut es eben meine Schuld, was dasselbe ist. Besser ist für uns, wir gehen auseinander und ein jeder kehrt dahin zurück, von woher er kam. Die Kluft ist nicht zu überbrücken.“

6-1268 Traurig sieht der Liebe-Engel auf das arme Kind herab. Sein Herz brennt, weil die Seele nicht die Hilfe spürt noch sehen will. Aber er kann nicht weiter helfen, als bisher geschah. Auch die Liebe darf nicht zwingen.

6-1269 Sie kann nur als Licht in dunkler Nacht dem verirrten Wanderer vorangehen, darf bloß locken und rufen. Wer ihr folgt, ist ewiglich gerettet. Wie auf der einen Seite die Liebe das heilige Hochziel zeigt, so muß andererseits der Wille erwachen, das Licht erkennen und dem Lockruf folgen. Ist aber Luzifer bereits soweit, seinen Willen diesem Ziel zu beugen? —

6-1270 Michael begibt sich zu ihm hin und legt seine schwertgewohnte Hand lind auf die Schulter Luzifers. Er sagt: „Du bist ja schon am Weg der Umkehr angekommen. Wir sehen es besser als du selbst. Laß mich dir helfen! Bin ich auch der Wille-Träger, so habe ich des Höchsten Liebe doch in mir. Wenn du meinst, mein Liebeteil sei klein, so irrst du dich. So stark ist er, daß ich damit deine ganze Hölle selig machen kann, auch alle Engel bis ans Ende dieses Schöpfungstages auf das höchste zu beglücken weiß. Genau so verhält es sich bei meinen Brüdern.

6-1271 Was jeder von uns besitzt, das — Luzifer — hatte UR in siebenfachem Reichtum einst in deine Hände und in dein Herz gelegt. Wäre dies nicht wert, es wieder in Besitz zu nehmen?“ Michaels eindringliche Worte sind mit so viel Kraft erfüllt, als der Willeträger reden kann. Trotzdem sind sie durchströmt von einem Liebefeuer, dem sich Luzifer — von Rafael zuvor im Innern aufgewühlt — nicht mehr erwehren kann. Zwar kämpfen in ihm noch die finsteren Mächte; allein, die elementare Gewalt haben sie schon eingebüßt. Er wendet sich nicht um, als er entgegnet:

6-1272 „Du sagst, ich sei am Weg der Umkehr angelangt. Ich spüre davon nichts. Und kann ich auch? Was nützt mich denn die Einsicht? Wenn ich mich in deinem Sinne jetzt auch wenden würde, siehe meine Scharen, was soll aus ihnen werden? Wir sind auf ewig die Verdammten! Was ich einst besaß . . .‚ niemals wird es wieder mein. Es hilft mir nichts, den Wert des Reichtums einzusehen. Vergeblich würden meine Finger bis ans Ende meiner Tage danach fassen.“

6-1273 Michael entgegnet: „Luzifer, es kostete dich den Entschluß des Willens, die vier Schritte zu vollbringen, die dich vom Herrn des Himmels trennen.“ „Meinst du, ich muß es tun?“ Schwer ist zu sagen, was die Frage an Widerstreit zum Ausdruck bringt. Sie ist in voller Ungewißheit über den Verlauf des Schöpfungskampfes aufgestiegen. Die wachsende Heimsehnsucht wird unterdrückt; im Widersinne stehen Trotz, Scham und bittere Erkenntnis. Des Engels Mitleid senkt sich heilend auf die arme Seele. Michael sagt leise: „Du mußt nicht, Luzifer, du sollst aus dir, du kannst aus der Erkenntnis, darfst aus dem heiligen Blut- und Sühneopfer.“ Danach herrscht schweres Schweigen zwischen Licht und Finsternis. Noch stehen die Engelsfürsten wartend da, ihre Hände auf den Schultern Luzifers.

6-1274 Der All-Heilige UR sitzt der Gruppe gegenüber, Seine Augen unverwandt auf das Ihm teuerste Kind gerichtet. Er wartet auch als VATER der Barmherzigkeit. Jetzt, wo der Entscheid zwischen freigewollter Umkehr und der Auflösung des Schöpfungstages angebrochen ist, ist Er nicht mehr nur der Menschensohn; Er kann es nicht mehr sein, weil nicht so allein zu lenken ist, daß entweder — und zwar durch einen Lockruf — die Erkenntnis zur totalen wird, aus der die Heimführung geschieht, oder daß die Eigenschaften der Gott- und Vater Herzkammern die Wahrung heiliger Unantastbarkeit den Schöpfer- und Priestereigenschaften überlassen, um dem gebrachten Opfer die Genugtuung zu bieten. Darum muß nun Luzifer der Gottheit gegenüberstehen.

6-1275 Nicht in vollem Umfang ist er dessen sich bewußt; doch empfindet er vernunftgemäß, daß ihm kein Ausweg bleibt. Er hat im Schöpfungsschachspiel alle Figuren verloren; selbst steht er als schwarze Königin dem vollzähligen Partner gegenüber. Er fragt Michael: „Wie willst du mir beweisen, daß ich dem Strudel durch Soll, Kann und Darf entrissen werde und jenes Ufer erreiche, an dem der Retter steht? Du kannst es nicht! Ich sehe meine maßlose Versündigung jetzt ein.

6-1276 Diese Einsicht gebietet mir gerade: Hände weg! Du hast dich jedes Rechtes begeben, die Augen dahin aufzuheben, wohin nach dem . . .“ — er zögert, schwer ringt sich das Weitere über seine Lippen — „ . . . dem Wort — der arme Lazarus emporgehoben wurde. Soll ich aber ewiglich ein Zwitter sein? nicht euerm, auch nicht meinem Reiche angehörend? Zwischen Grenzen stehen bedeutet fortgesetzte Heimatlosigkeit. Allein, zu euch hinüber kann und darf ich nicht.“

6-1277 Rafael lächelt gütig: „Du darfst und kannst! Die Brücke zwischen Licht und Finsternis hat das Kreuz von Golgatha geschlagen.“ „Das mag wohl sein für alle, die zu mir gehören, da sie die Verführten sind, und sobald sie zur Erkenntnis kommen. Ich aber war niemals ein Verführter, sondern ursächlich der Verführende. Also kann es für mich keine Brücke geben! Die Kluft besteht. — Wie und wann auch sollte ich hinüberkommen?“

6-1278 „Das sagt am besten dir der RETTER selbst“, entgegnet Michael. „Frage Ihn.“ „Ich Ihn fragen?“ Verzweifelt lacht Luzifer auf. „Da könnte ich mich selber in ein pures Nichts verwandeln, so mir das jetzt möglich wäre. Aber, du hast recht. Da ich weder an das eine Ufer kommen kann, noch das alte wiederhaben will, ist es das beste, ich befolge deinen Rat, dann werde ich vernichtet.“ Sagt Rafael: „Geh, und hole dir die Antwort. Doch wisse:

Das Kreuz richtet das Vernichtete zu neuem Leben auf!“

6-1279 Luzifer denkt lange nach. Er zögert. Die Lichtverbindung ist ihm noch verborgen, das Band zu seinem abtrünnigen Ich zerrissen. Auch fehlt ihm noch die volle Einsicht über sein URs Heiligkeit getanes Unrecht, ohne die bedingungslose Unterwerfung unmöglich ist. Doch trägt nun seine Seele an der Schöpfungslast genauso schwer wie das Lamm Gottes am Erlösungskreuz. Aber welch ein Unterschied zwischen beiden Lasten und den Trägern! Hier der freie Opferwille und die daraus geborene Freudigkeit, das Leben für die Freunde hinzugeben; dort hingegen niederdrückende Angst, keinen Ausweg mehr zu haben, keinen Ausblick auf Erfolg, belastet vom Gefühl des Verlorenseins.

6-1280 Es drängt und stößt in Luzifer; gern täte er, wie die Lichtfürsten ihm raten. Doch ist seine Furcht vor dem Herrn sehr groß, und entsetzlich ist sein Grauen vor dem Augenblick der Vernichtung und der Art derselben. Und davon ist er überzeugt: Er hört auf zu sein, wenn er den ersten Schritt zum Kreuzbezwinger wagt.

6-1281 Da tönen seltsam ernste, liebevolle Worte an sein Ohr; sie sind mächtig wie einst Jerichos Posaunen. Heute wollen sie Mauern und Bollwerke der Finsternis zertrümmern. Verzweifelt und entsetzt lauscht Luzifer der Macht; voll Bangnis zittert seine Seele. Darunter aber flackert erstmals ein vages Flämmchen auf. UR spricht:

6-1282            „Aus ewigem Sein, das Anfang und Ende niemand kennt, sind Meine Gedanken gekommen. Sie wurden Form. Obgleich Ich ihnen ein bewußtes Leben schenkte, daß sie Mich sahen, waren, sind und werden sie in Mir, dem unaufhörlichen Licht- und Lebensspender, immerdar verbleiben. Wohin auch will ein Kindgedanke fliehen, wo verstecken, daß er ferne von Mir sei? Dann müßte es zwei Götter geben! Ist nun außerhalb Meines Wesens kein Gedanke, weil also in der Ordnung festgesetzt, so kann es demzufolge auch niemals ein von Mir ewig losgetrenntes Dasein geben. Folglich gibt es kein Verdammen, keinen Tod, weil Ich Mich selber, auch nicht den kleinsten Teil, einem Tode oder ewiger Vernichtung unterwerfen kann. Kam alles Leben einzig aus Mir, muß es auch alle Zeit mit Mir verbunden bleiben! —

6-1283            Ich nenne dich, finsteres Wesen, nochmals Luzifer, den Abtrünnigen, den betrogenen Betrüger. Du warst die erste Lebensform, die Meiner Schöpfermacht entsprang. Ohne diesen Ursprung konntest du aus deiner veräußerten Kraft kein Reich errichten. Ja veräußert hast du jenen Kraftanteil, den ICH dir gab. Heil und Reichtum warfst du fort; sie wurden durch dich Schmutz, ein Schandmal Meinem Schöpfer-, Meinem Priestertum, und ein Hohnfleck Meinem göttlichen und väterlichen Herzteil! Glaubst du, daß Ich die Beschmutzung und Verhöhnung Meines urheiligen Ichs als bleibende Schmach geduldet hätte, ohne nicht Meine volle Autorität einzusetzen und durch sie zu tilgen?!

6-1284            Ein Kaufmann kann eine unbezahlte Schuld in seinem Buche streichen; die Schuld ist damit nicht beglichen, und man sieht den schwarzen Strich. Und ein Weib kann auf ein zerrissenes Gewand einen Flicken setzen, so ist wohl das Loch beseitigt, doch es bleibt geflickt. Kann Ich aber deine Schulden ausradieren, sagend: ‚Seht, Mein Reich ist wieder vollkommen‘, indem Ich dich auf ewig von Mir stoße? Bliebe da nicht dennoch deine Schuld und Schande sichtbar, wie der Strich im Kaufmannsbuche, wie der Flicken auf dem Weiberrock?!

6-1285            O, unmöglich, äonmal unmöglich schaue Ich dem Erzbetruge zu! Ich setzte Meine Diener ein, deren Willigkeit und Kindesliebe ungeheure Opfer brachten. Ihnen wäre es gelungen, deine Schulden einzutreiben und die Schmach zu sühnen; doch das Endziel zu erreichen, benötigte es mehr als zweier Ewigkeiten. Ihre geheiligten Seelen wären müde geworden. Denn die Finsternis ist ein unersättlicher Moloch, der alle Opfer gierig frißt. Sollte Ich also auch noch zusehen, wie Meine Getreuen sich aufopfern und ihr Lichterbe im gerechten Kampf verlieren? Und das alles um dich, Luzifer?

6-1286            Nein! Nicht nur wollte Ich Mein Werk in ungeschmälerter Macht und ungetrübter Herrlichkeit erhalten, sondern der fortdauernde Dienst der Getreuen bedurfte eines einmaligen Eingriffes, weil Ich ein Gott bin! Es mußte eine das All umfassende Hilfe sein, indem Ich selbst zum Horte Meines Reiches, ein Schutz der Meinen wurde, im zweiten Sinne aber auch dem Abtrünnigen. Ihm mußte Ich helfen, daß er in seinem Fall, so groß auch dieser war, kein Gestürzter blieb. (Ps. 62,3)

6-1287            Ich bereitete den Weg, der Meine Heiligkeit unangetastet ließ, auf dem ICH ein Opfer brachte, welches Meinen vorbehaltenen Bedingungen und dem Gesetz des freien Willens das Recht gleichanteilig gab und Mein Reich wieder vollkommen machte, daß Mein Universumsbuch ohne Schuldtitel blieb. Das waren vier gewaltige Bestrebungen, die eine einzige Erlösungstat zu erfüllen waren.

6-1288            Glaubst du, die Erlösung sei mit einem Kompromiß zu schließen, mit einer Einschränkung? O Luzifer, dies sei dir gesagt: Es gab kein Kompromiß, etwa so:

6-1289            Wenn Ich jetzt nicht alles erreiche, was dein Vergehen sühnt, so den Rest bei Meiner vorgehabten Wiederkunft! Was sind vor Mir die Zeiten dieser Erde? Erfolgseinschränkungen kann Ich Mir nicht auferlegen, dahingehend, allmähliche Erkenntnis Meines Gegners brächte auch ein Ziel. Am wenigsten darf Mein Werk irgendeine Lücke haben. Oder wähnst du, es sei angängig, aus Schöpfermacht den Gegner für immer auszulöschen, und das in einer Art von ewiger Verdammnis? Das alles war ebenso unmöglich, wie unmöglich ein jäher Abbruch unserer nunmehrigen Auseinandersetzung ist!

6-1290            Einmal kämpfte Michael für Mich und Mein Werk. Heute stehe Ich persönlich als ‚oberster Streiter‘ dir gegenüber. Ich trage kein sichtbares noch unsichtbares Zeichen Meiner heiligen UR-Wesenheit. Dennoch trat Ich Meinem Feind nicht ohne Waffe gegenüber. Blicke auf und siehe her!“ Luzifer gehorcht, gezwungen durch das Wort. Da streckt JESU die durchbohrten Hände aus; Er öffnet Sein Gewand und zeigt den Speerstich in der Seite. Er deutet auf die Wundmale der Füße und der Stirn und sagt mit tiefheiligem Ernst:

6-1291 „O verlorenes Kind! Mit der Waffe Meines heiligen Blutes und dem damit verbundenen Martertod, ursächlich für dich geschehen, bin Ich zu dir gekommen, um dich in freiem Kampfe durch Geduld, Liebe und Barmherzigkeit zu bezwingen. In Meinen Handwunden liegen alle deine Sünden; in den Fußwunden die Lossagung von Deinem Schöpfer; deine Frevelei schlug Mir die Wunde an der Seite; die Verführungen der Lichtkinder, für dich zur Materie gegangen, drückten Mir die Dornenkrone auf das Haupt. Muß Ich nun mit dir nicht ringen? Und es wird ein Kampf bis zur Morgenröte (1. Mo. 32,27-31), dessen sei gewiß!

6-1292 Allein diese eine Nacht ist dir zu gewähren. Begibst du dich da nicht in Meine Erlöserhände, ist es um diesen Schöpfungstag geschehen! Es gab einen Fall, eine Lossagung von Mir — durch dich. Also gibt es bloß auch eine einzige Erlösungstat und einzige Erlösungszeit, die beide im Bereich des Abgrunds offenbar sein müssen und für die Erfüller und zugleich Garant nur Ich sein kann!

6-1293 Dich ruft zur großen Umkehr, zur Anerkenntnis Meiner Sühnung, der allein dir aus Erkenntnis zum Bekenntnis, aus deiner Umkehr auch zur Heimkehr in das Vaterhaus verhilft. Und derjenige, Luzifer, bin Ich, der Ewig-Einzige und Wahrhaftige, durch den Sündenfall verdeckt und erst vor Meiner Wiederkunft der Welt zu offenbaren. Mein Tod ist das Siegel Meiner Worte!

6-1294 Wenn du jene Schritte, die dich von Mir trennen, innerlich und äußerlich gegangen bist, zeige Ich dir deinen Weiterweg. Die äußeren kannst du leicht vollziehen, die inneren muß Ich dir erst künden. Du stehst zwar davor, doch schöpfest nicht dein Heil daraus. Sie sind Einsicht, Reue, Buße und bedingungslose Unterwerfung! Wahrlich sage Ich dir: Hast du den vierten Schritt vollbracht, so wirst du inne, daß dein dunkles Dasein sowie alle deine Schuld in Meinen Wunden eingegraben liegt und Mein lebendiges Blut so lang darüber fließt, bis dein ganzes Ich lichtrein gewaschen ist.

6-1295 Noch sei dir die Angst vor Mir genommen. Zwar bin Ich ein gerechter Richter, zu dessen Rechten der Anwalt Meiner Schöpfung steht, zur Linken der Verteidiger der Kinder! Richter ist Ordnung und Ernst, Anwalt Weisheit und Geduld, Verteidiger Wille und Liebe. Die Feder, die ins Ewigkeitsbuch das Urteil schreibt, heißt ‚Barmherzigkeit‘! Glaubst du, Luzifer, daß diese Hand“, UR reckt Seine Rechte aus, „die für dich sich willig an das Kreuz der Marter heften ließ, mit einer Feder der Barmherzigkeit ein Todesurteil schreibt? —

6-1296 Was wäre denn das für ein Sinn, erst freiwillig das unerhörte Opfer aufzunehmen, um dann — erfolglos — nie endende Verdammnis und Verbannung auszusprechen? Könnte solch recht widersinniges Tun aus dem Schöpfer aller Dinge, dem Lebensspender kommen? Sollte Ich den Tod bezwungen haben, um ihn dann ewig einem, wenn auch noch so tiefst Gefallenen aufzuerlegen‘?! Wahrlich, um das zu tun, brauchte Ich aus Meinem Himmel nicht zur Erde niedersteigen; denn vordem lag bereits der Tod als Strafe auf dem Werk der Finsternis!

6-1297 Da hätte Ich durch Meinen Tod jenen der Gefallenen besiegelt! Ich aber habe den Tod erlitten und überwunden, um allen Kindern im Himmel, auf der Erde und darunter das ewige Leben bereitzuhalten und zu schenken in der Stunde ihrer Umkehr. Wäre trotz Meines von der Finsternis gewollten Todes ein Verdammnisrest geblieben, alle würde es betreffen, die bis zu dieser einmaligen hochheiligen Gnadenmacht nicht zur vollen Einsicht kamen. Ein Großteil Meines Blutes wäre so umsonst vergossen. Das kann ewig nicht geschehen!

6-1298 Luzifer, Ich rufe dich! Komm zu deinem Vater, der den Schuldweg tilgt und aus deiner Wüstenei einen ewig herrlichen Garten errichten will. Laß Mein unendlich schweres Opfer, das zugleich das heiligste ist, für dich nicht umsonst gegeben sein; nimm die hochheilige Gnadennacht mit ihrer einmaligen Sühnebereitschaft und schöpfungsgewaltigen Versöhnung wahr! Nimm des Richters Urteil an!

6-1299 Wahrlich, nicht dein Verteidiger allein, sondern auch der Anwalt Meiner Schöpfung werden den Schiedsspruch formen helfen. Dadurch ist dir, Luzifer, nicht allein freie Umkehr zugesichert, vielmehr eine Heimkehr vorbereitet mit einem Leben in und bei Mir, deinem Vater ewig! Nimm Mein Opfer, nimm Mein Blut, Meinen Tod, die durch Mich vollendete Erlösung voll und ganz in Anspruch. Sieh, Meine Sphären werden widerhallen im Jubel und im Dankgeschrei, daß des Hosianna und des Halleluja kein Ende hat. Luzifer, Ich rufe dich!“ —

6-1300 Gibt es noch heiligere Worte? Hat jemals eine Schöpfung das gehört? Kann die Gottheit höhere Erbarmung offenbaren, als jetzt geschah? Das Schöpfungsdrama hat den Höhepunkt erreicht. Was folgt, kann eines der zwei gebotenen Möglichkeiten sein. In diesem großen Heimruf an das verirrte Kind waltet UR als Vater. Sein Kreuz fordert unweigerliche Erfüllung der gerechten Bedingungen. Ausschließlich Barmherzigkeit, unterstützt von königlicher Güte und Gnade ohne Ende, liegt wie ein Juwel in URs offenen, segensvollen Händen.

6-1301 Die Ersten im Dom halten den Atem an. Ihre Herzen sind entbrannt in andachtsvoller Liebe. Sie knien in Ehrfurcht und in Demut vor dem Heiligen Herd und harren der Entscheidung. Ihre Anbetung und ihr Gebet, das sie für Sadhana im ‚Bruderdienste‘ sprechen, ist keine kleine Kraft, die der Schöpfung gilt und zum Sieg verhilft. Ja, die Himmlischen sprechen das Gebet: „Vater, führe Deine Sadhana zurück, erlöse Deinen Liebetag vom Schandfleck ihres Falles!“ — Die Gebetskraft, deren Ursprung keiner kennt, derentwegen sie äonfach durch die Sphären strömt, legt sich wie Balsam auf die Schöpfungswunde.

6-1302 Auch Luzifer weiß nichts von dem Gebet, das Legionen für ihn sprechen. Doch wie eine kühlende Kraft überkommt es wunderherrlich seine Seele, darüber wie lebendiges Wasser des Vaters Weckruf flutet. Er wird sich dessen stets bewußter, es dünkt ihn jenes Seil zu sein, das ihn dem Strudel seiner Lossagung entreißt. Aber ach, in bitterer Erkenntnis geht die Schuld einher; sie wächst ins Riesenhafte. Ihre Schatten fallen über ihn und verwandeln das ihm leuchtende Licht in Finsternis. Wie, wie soll und darf er diesem Rufe Folge leisten, der ihn bis ins Tiefste aufgerissen hat? Er spürt ahnungsweise die unmeßbare Weite, durch die ein feuriger Wagen fährt, gezogen von vier lichtschnellen Rossen, deren Namen heißen: Güte, Gnade, Langmut, Sanftmut. Und der auf dem Wagen steht, den Zügel der heiligen weißen Tiere in den Händen, ist das nicht der König von Salem, im weißen Mantel, dem Zeichen der Barmherzigkeit? Und auf Seinem Haupte funkelt eine Krone? O, alles zieht in seiner Brust vorüber. Und sieht er zwar das Grauen, das Grausen ewiger Nacht für sich, so ist ihm um so mehr das Licht des Ewig-Heiligen erkenntlich.

6-1303 Je mehr ihn dieses überflutet, je ergreifender die Heilstat sich enthüllt (Ps. 34,7), des Vaters Ruf sein Ich erschüttert, um so größer wird die Last der Lossagung und Verführung kaum gezählter Scharen. Es drückt unsagbar, fällt wie ein Fels auf ihn. O, wenn er könnte! In den tiefsten Suhl der Hölle würde er sich stürzen und ewig nicht sein Haupt erheben. O, sich verbergen vor den Feueraugen, nicht schauen müssen, wo die Wunden sich ihm blutig zeigen! Ihn erstickt der Glanz der Herrlichkeit. Seine elendige Seele schreit um Hilfe, obwohl er das Angebot nicht anzunehmen wagt.

6-1304 Sein Kampf ist so entsetzlich, bis die Kräfte ihm versagen. Er ist das Weizenkorn zwischen den Mahlsteinen Schöpfungsschuld und heilige Erlösertat. Das Körnlein wird fast aufgerieben. Dennoch achtet eine Schöpferhand darauf, daß es nicht zu Grunde geht. Allzulange darf der Kampf nicht währen, soll das Körnlein einen neuen, guten Acker bringen. Doch wie JESU Seinen Weg vom Abendmahl über Gethsemane nach Golgatha gegangen ist, so muß der finstere Fürst einen gleichen Weg nun gehen. Die Opferzeit kann weder hier noch dort kürzer oder länger sein. Die von UR berufenen fünf Engelsfürsten begeben sich zu Luzifer, so daß jetzt alle sieben bei ihm stehen. Er erschrickt. Wie soll er die ihm stets schwerer werdende Lichtlast ertragen? Es wird höchste Zeit, daß gütige Allmachtshände eingreifen, um den Rest des zermahlenen Weizenkorns zu retten. —

6-1305 Es neigt die Ordnung sich zu Luzifer und spricht: „Kind heiliger Majestät, siehe, du hast dich einst wider die Ordnung erhoben und sie in Unordnung verwandelt. Erkenne meinen Strahl des heiligen Morgens, der den Lichtkindern den Grund bereitete, darauf der freie Wille verankert war. Erinnere dich der Stunde, wo du — in gerechter Ehrfurcht und doch fröhlich jauchzend — dich dem Ewig-Heiligen UR, dem Ewig-Einzigen und Wahrhaftigen hingabst, Ihm dein Gelübde bringend. Opfere Ihm jetzt dein Gelübde, indem du das Chaos deines armseligen Weltgebildes verläßt und dich in den Schoß urewiger Ordnung zurückbegibst. Die Güte hat dir den Weg bereitet.“

6-1306 Zum andern neigt der Wille sich herab: „Kind heiliger Allmacht, der allmächtige Schöpfer stattete dich mit großem Willen aus. Da du aber die Befähigung erkanntest, die dir Seine Macht verlieh, verwarfst du Seine Gnade und wolltest nicht mehr mächtig in dem Herrn, sondern eigenmächtig aus dir selber sein. Du hast den zweiten Strahl, den Grundpfeiler des freien Willens, in Starrsinn umgewandelt. Damit hast du jene dir einst gegebene Kraft zerstört. Erkenne, daß die Stunde schlägt, deinen Widersinn von dir zu werfen und in den Schoß allmächtigen Willens zurückzukehren. Die Gnade hat dir den Weg bereitet.“

6-1307 Zum dritten neigt die Weisheit sich herab: „Kind heiliger Allwissenheit, der Heilige schenkte dir die Lichterkenntnis. Dir war möglich, der Schöpfungstage Raum und Zeit zu übersehen. Manches, was der UR-Ewigkeit gehörte, ahntest du. UR goß Seines Lichtes Geist in deinen Geist. Du nahmst das hehre Licht an dich und sagtest: ‚Es ist mein Wissen; ich weiß alles‘, und machtest eine schreckensvolle Finsternis daraus. Du hast den dritten heiligen Lebensstrahl in dir vernichtet. Rette dich vom falschen Sinn und nimm das Licht, das dir geboten wird, mit dem du deine Rückkehr in den Schoß allwissender Weisheit haben kannst. Die Langmut hat dir den Weg bereitet.“

6-1308 Zum vierten neigt sich der Ernst herab: „Kind heiliger Ehre, der Hochpriester Melchisedek verlieh dir aus Seinem Ernste eine reine Rede. ER war, ist‘s und wird es ewig sein, der die Kraft des Wortes in sich trägt. Als ‚WORT ‘ ging Er zur Welt. Aus Ihm erhieltest du die größte Gabe. Feurige Kraft durchfuhr die Herzen jener, die du lehrtest; und deiner Worte Ernst zündete hohe Lebensflammen an.

6-1309 Als du der Kraft dir aber mächtig warst, kehrtest du Melchisedeks priesterlichen Ernst in die Fratze eines Hohnes um. Mit der heiligen, vom Priester anvertrauten Gabe überredetest du deine Schar bis auf die ersten Kinderpaare, die die Hohlheit deiner Zungenfertigkeit erkannten. Du hast den vierten Lebensstrahl in dir der Heiligkeit beraubt. Wende dich nun ab vom Betruge deines Einflusses und des alten Hohnes; nimm wieder Besitz von des wahren Wortes Kraft, damit du in den Schoß der Ehre heiligen Ernstes zurückkehren kannst. Die Sanftmut hat dir den Weg bereitet.“

6-1310 Als fünfte neigt sich die Geduld herab: „Kind heiliger Allgegenwart, der Erhabene des urewigen Reiches legte dir ein Gut in deine Hand. Mit unaussprechlicher Geduld, deren Flügel Äon mal Äon weiter als die unsichtbaren Grenzen einer Schöpfung reichen, schuf Er sich ein Ebenbild aus der Vielzahl Seiner UR-Gedanken in Macht. Kraft, Gewalt und Stärke, als das mächtigste und größte aller Kinder. Er stattete es aus mit dem Geist der sieben Strahlen, der vier Ströme und vierundzwanzig Zeichen Seiner Majestät. Er überreichte ihm das offenbarte Siegel, während Er selbst Verwahrer der geheimen Siegel blieb. Dieses Ebenbild, das geheiligte Negativ des selbstheiligen Positiv, siehe, das warst du.

6-1311 Als du das in fast vollem Maß erkanntest, sagtest du: ‚Ich selbst bin Strahl und Widerstrahl, bin Pol; aus eigener Herrscherherrlichkeit will ich regieren!‘ Somit wurde die Geduld in dir zur Ungeduld. Die Lehr- und Prüfzeit währte dir zu lang. In herrschendem Gefühl rissest du im voraus das an dich, was die Heilszeit dir erst bringen sollte. Lasse ab von deiner Ungeduld, die dich und deinen Anteil an den Rand des Todes brachte. Unterwerfe dich und kehre in den Schoß der Gott-Geduld zurück. Die Demut hat dir den Weg bereitet.“

6-1312 Als sechste neigt die Liebe sich herab: „Kind heiliger Treue! Aus urherrlicher Göttlichkeit gab der Herr ein Kleinod in dein Herz. Das war Verständnis über Seine Liebe zu dir und war Vernunft, daraus die Gegengabe auf den Heiligen Herd zu legen. Da lag deine Liebe als ein brennend Herz, das in allen Kindern die gerechte Liebe zu Gott und auch zu dir entzündete. Und du freutest dich der Liebe. Diese Freude ward zu einem Dank, zum Jubel und zum Lob, dem All-Heiligen dargebracht. Die Zeit war schon gekommen, da Gottes heilige Hände nach deiner Liebe und der Freude griffen, um sie in das Feuer des silbernen Tellers und in die Opferschale einzustreuen.

6-1313 Als du merktest, wie der Kinder Liebe zu dir ständig wuchs, machtest du aus dieser reinen Freude pure Eitelkeit. Du erhobst dich über Gottes Liebe, glaubend, dir sei die Kinderliebe weit mehr anteilig denn Gott. Wie groß der Anteil war, der im schöpfungsgerechten Maße UR gewidmet blieb, mochtest du nicht sehen. Die Vernunft hattest du in Unvernunft, den Verstand in pure Dummheit umgewandelt. Aber mit Versprechungen, mit äußerer Liebe, die zur Dienerei geworden ist, gelang es dir kraft des gegebenen Gottesstrahles, deine Scharen zu verlocken und die bunte Seifenblase eines herrlichen Scheinhimmels als wahre Heimstatt ihnen vorzutäuschen.

6-1314 Damit verlor in dir der sechste Lebensstrahl das Innerste, die Verbindung zwischen Gott und Wesen, und es entstand die Sünde, das Verderben und der Tod. Verlasse diesen Lügenweg! Den Tod hat Gottes Liebe überwunden und die Trennung aufgehoben; sie nahm auch dir den Todesstachel. Durch ihr unvergleichlich heiliges Opfer schuf sie die Verbindung zu Heil und Leben, jetzt zur Umkehr, einst zur Heimkehr mit der Wiedereinsetzung in alle deine Schöpfungsrechte. Kehre in das Liebeherz zur Freude Gottes heim, denn du sollst an Gottes Segen wieder Anteil haben. Die Treue hat dir den Weg bereitet.“

6-1315 Sechs Engelsfürsten sprachen. Die Gestalt auf dem nackten Stein sinkt immer mehr in sich zusammen. Es ist schwer zu sagen, was sie niederbeugt: die gerechten Anklagen, die auf ein unerbittliches Gericht hindeuten, oder die ihr unmöglich erscheinende Gnade. In Gethsemane zuckten des heiligen Beters Schultern im übermenschlichen Schmerz der Toderkenntnis, im heißen Ringen um die Voll-Erlösung.

6-1316 Der schattenlosen Gestalt, die neben dem Erlöser stand, da nicht bereit, im vorhinein die Gnade anzunehmen, zucken nun die Schultern im schmerzlichen Erkennen: ‚Für dich zu spät!‘ O, wie drückt das Wort zu Boden! Vom Weizenkörnlein, das noch zwischen beiden Steinen der Schöpfungsschuld und der Erlösungstat gerieben wird, ist fast nichts mehr da. Die bitterarme Seele, wer will ihr helfen das Gericht zu tragen, ihre ungeheuerliche Last den Heilandshänden zu belassen, die bedingungslos das Opfer trugen und die nun noch blutend — den Segen eines heiligen Charfreitag auf die Erde gießen? Ja, wer anders kann noch helfen als die Barmherzigkeit? —

6-1317 Sie neigt ihr lichtumstrahltes Haupt zu dem Gebeugten, hebt ihn mit sanfter Hand von seinem Steinsitz hoch und hält die wankende Gestalt im Arm, sonst würde sie zusammenbrechen. Die niedrigste Seele muß nun ebenso den Kampf allein ausfechten wie in der Nacht vorher der einsame, der heilige Beter als Menschenseele JESU Seinen Blutkampf, Sein bittervolles Kelchgebet. Die Barmherzigkeit spricht:

6-1318 „Kind höchsten Friedens! Der UR-Vater der Wahrheit und des Lebens gab dir ein Siegel. Du warst sein Widerhall, das gerechte Negativ. Aus deinem Schoße sollten seine hohen UR-Gedanken gottlebensfähig — geboren werden. Das ganze Wunderwerk der Schöpfung lag bereit, durch deine Hände für alle Nachgeborenen zur herrlichsten Entfaltung zu gelangen. Damals hattest du den Weg erkannt und fühltest dich in UR erhoben als Sein erstes Kind. Dein jubelndes Glück war Seiner hehren Freude Widerhall. Daß aber die Erwählung, dein Erstgeburtsrecht vor allen Kindern, ein Heilsakt der Barmherzigkeit gewesen war, lehntest du bald ab. Nicht aus des Vaters Strahlung, bloß um deinetwillen wähntest du das Vorrecht zu besitzen. Damit löschtest du die letzte Fackel in dir selber aus. Du wurdest Finsternis.

6-1319 Du wolltest UR betrügen. Barmherzigkeit, Geduld und Liebe begaben sich in den Schutz von Ordnung, Wille, Weisheit und Ernst, damit das Gericht nicht gleich an dir gehalten ward. Die bestimmenden Eigenschaften forderten die Sühne, als die tragenden vergeblich dich zur Umkehr zu bewegen suchten. In deinen Suhl waren dreimal reine Engel frei gegangen, um durch Inkarnierungswege auf dich einzuwirken. Der Schöpfer sandte erstmals Seine Kinder aus, dann der Priester und dann Gott. Jedesmal riefst du die fast völlige Zerstörung dieser Freistätten durch im Freiheitsgesetz verankerte Kraftbefähigung hervor. Die reinen Engel Adam und Eva waren deine Kinder, die sich bei deiner Lossagung zu UR bekannten. Und beide hast du schwer verführt, daß sie Edens Schutz verlassen mußten.

6-1320 Im Morde Abels, in der Sintflut, Abrahams Opferwilligkeit und Esaus Linsensuppe, in viel Geschehnissen ward dir dein falscher Weg gezeigt, aber auch die Möglichkeit zur freien Umkehr. Alles schlugst du aus, jeden Ruf aus URs Heiligtum; nichts hob deinen Starrsinn auf. Fraglich wäre auch des Vaters Kindsendung gewesen, übernahm der SOHN nicht aus Geduld und Liebe Seine Sendung, um — sich opfernd — eine endgültige Wendung herbeizuführen. Denn der Zustand, den du frevelhaft in Nichtachtung von URs Heiligkeit geschaffen hattest, durfte nicht mehr bleiben, sollte eben diese Heiligkeit nicht zu verletzen sein. Deshalb richtete der Herr das Werk auf eine alsbaldige und unwiderrufliche Entscheidung, die dem Ewig-Heiligen UR vollste Genugtuung und Sühne gab!

6-1321 Der SOHN übernahm das Werk! In Ihm wohnte die Fülle der sieben Eigenschaften und der Vierwesenheit. Diese Fülle war nicht Seinem Geist, sondern Seiner Erdenseele unterstellt, deren Aufgabe es war, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Sie vollbrachte es. JESU, der Sühnesohn, ging Seinen Opferweg! Nun, Sadhana-Luzifer, glaubst du nicht, daß das unsagbare Opfer einer Gegengabe würdig wäre? O lasse deinen Starrsinn fallen! Was ist das Aufgeben deiner zerbrochenen Scheinmacht gegenüber JESU TAT von Gethsemane und Golgatha? Was vollbrachte ER für dich, was sollst du für Ihn vollbringen? Was du hingibst, wird Er für dich zum Segen machen.

6-1322 Ich sehe deine innere Zerrissenheit, verursacht durch des Gewissens Pein, die um so ärger wird, je länger du die Einsicht zuzudecken suchst. Gehe doch die Schritte, die von Erkenntnis zum Bekenntnis führen, so wird aus dem Gewissen das große Wissen, und deine Pein verwandelt sich in Freude. Gewissen und Erkenntnis sind des Tores Flügel, vor dem die irregegangene Seele steht. Volle Hingabe und des Höchsten Wille öffnet dir das Tor. Dann wird dir leicht, ein Bekenntnis deines Frevels vor Gott auszusprechen. Und es kommt das große Wissen über dich mit aller Kraft und Herrlichkeit!“

6-1323 Sanft hebt der Kronträger Luzifers tief gesenktes Haupt empor.

„Keine Sünde ist so groß, als daß sie nicht in JESU Opfer ihre Tilgung fände!

Hebe deine Augen auf zu dem, der im Kreuztod alle Sünden eingeschlossen hat. Hoher Trost wird dir zuteil; die Trostkraft liegt in der Barmherzigkeit. In der Folge des für dich vollbrachten Opfers hat UR Seine Heiligkeit bedeckt. Gehe durch das Gewissens-, das Erkenntnistor; dort“, Gabriel zeigt sieghaft lächelnd auf JESU, „steht der Menschensohn; Er ist bereit, dein VATER zu sein!“

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