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42b. Kapitel — Kenans Gesang von den zehn Säulen

Fortsetzung von 42a

[HGt.01_042,17] Und so höret denn ferner, was ich all für Wunder der göttlichen Liebe im Geiste erstaunt hab‘ gesehen so klar und so deutlich, als stünden so seltene Dinge ganz leiblich vor meinen hellschauenden offenen Augen des fleischlichen Leibes!

[HGt.01_042,18] Ich stand noch auf leuchtender Säule und blickte nun fürder ein wenig zur fünften der Säulen; und höret, wie staunte ich da ob des neuen erstehenden Wunders der göttlichen Liebe des ewigen, heiligen Vaters!

[HGt.01_042,19] Die Säule war düster vom Fuß bis zum Scheitel, und die sie in heftigen Stößen umflutenden Wogen, die schienen gleich glühenden Erzen sich zornentbrannt zu vernichten; da brauste und sauste der Tod durch die glühenden Tiefen der zornigen Wässer, und Woge auf Woge erstarrte, vom glühenden Grimme ergriffen.

[HGt.01_042,20] Ich sah in die Nächte der brausenden Tiefen des Todes, erblickte da Dinge – o höret, die Zunge des Menschen könnt‘ eher erstarren als wiederzugeben die Greuel der wütenden, ganz von dem tötenden Zorne durchglüheten Wogen!

[HGt.01_042,21] Als solches ich sattlich gesehen durch meine geöffneten Augen des Geistes im Herzen der Seele des Fleisches, da hob ich beklommenen Herzens die Augen empor zu dem Scheitel der düsteren Säule und sah dort, o höret, dich, Jared, den Sohn meines Sohnes Mahalaleels erster gesegneten Liebe, um Liebe empor zu dem ewigen, heiligen Vater für die grimmentbrannten und untereinander sich stoßenden, würgenden, mordenden Wogen gar ernstlich flehen!

[HGt.01_042,22] Und als du, mein Jared, so flehtest, da stürzte auf einmal den weithin geöffneten Himmeln entlang eine reichliche Flut voll erbarmender Liebe hernieder auf die von den Gluten des tötenden Grimmes gefesteten, gischenden Wogen. O höret, da brauste und sauste von neuem die starrende Fläche des todvollen Meeres, da fingen von neuem die hart in den Tod schon gefesteten Wogen sich wieder zu lösen in ihrer erbitterten Härte und flossen wie Brüder und Schwestern, einander sanft flutend und wogend und furchend, durchdringend und helfend, zufrieden in die von der ewigen Liebe von neuem durchwärmten Arme und Herzen.

[HGt.01_042,23] Und als ich da solches gesehen, da ward denn auf einmal von mächtigen Händen geschleudert ein flammendes Schwert in die bebenden Hände des flehenden Jared, und dieser ergriff es behende und schwang es nach göttlicher Fügung, soweit es zu schwingen nur Möglichkeit war; und als solches geschehen, da konnt‘ ich mit deutlich bezeichnenden Worten vernehmen:

[HGt.01_042,24] ,Du irdisches, treuloses Wogengetümmel, zu töten geschaffene Wesen als Kinder der ewigen Liebe sollst nimmer du wagen; denn Ich bin der Herr so des Lebens und so auch des Todes! Wer immer da töten wird zornigen Herzens die Brüder und Schwestern, der soll auch alsbald mit den Strafen des ewigen Todes am Geiste und Seele ganz sicher bestrafet bald werden. Daher solle niemand den andern da stoßen, noch schlagen, noch fluchen, noch morden, noch töten; denn Ich bin der Herr und der mächtige Gott so des Lebens und so auch des zeitlich‘ und ewigen Todes!‘

[HGt.01_042,25] Und höret und sehet, geliebteste Väter und ihr auch, uns liebende Kinder, wie ich nun erzählet hab‘ treulich und wahr, so auch ist es geschehen von Zeichen zu Zeichen, von Wort bis zum Wort.

[HGt.01_042,26] Und als solches vernommen und helle gesehen ich hatte, da lenkte die Augen alsbald zu der sechsten der Säulen ich über und sah dort, o höret, geliebteste Väter und ihr auch, uns liebende Kinder, – es grauet zu sagen vor eueren forschenden Augen der furchtsamen Zunge des Kenan die schrecklichen Greuel, die ich, euer Kenan, geschehen mußt‘ sehen, und zwar bei der sechsten der Säulen.

[HGt.01_042,27] Ich sahe die Säule umflossen vom Blute und scheußlichen Schlamme, und statt der sonst munter die früheren Säulen umkreisenden Wogen, hört, krochen hier grauen- und ekelerregend ohn‘ alle Vergleichung die grauslichsten, schändlichsten Würmer.

[HGt.01_042,28] Und hört, selbst die Säule, die herrliche Säule, die war, wie sonst keine, vom Fuß bis zum Scheitel beschmutzt und besudelt vom Blute der Schande der schändlichen, scheußlichen Würmer! Oft krochen die Würmer hinauf bis zum Scheitel sogar; auch erhoben sich Massen um Massen empor, so daß niemand gewahren da mochte die herrliche Marke des göttlichen Willens.

[HGt.01_042,29] Soweit auch das Auge des Geistes nur immer zu reichen vermochte, so konnte es aber doch nichts als nur Haufen und Haufen erschauen und sehen, wie sich diese Haufen der Würmer zerquetschend im greulichen Eifer nun wieder vereinend zu größeren Würmern wurden und krochen dann über die andern, sich windend und krümmend gerade zur schlammüberdeckten Mahalaleelssäule, umwanden dieselbe bis unter den Scheitel und wollten ihr nehmen dadurch ganz die göttliche Form, durch welche der heilige Wille des ewigen, heiligen Vaters zur Kunde soll werden den friedlichen Wogen der großen Gewässer des Lebens im endlosen Meere der heiligen Liebe im Herzen des ewigen, heiligen Vaters.

[HGt.01_042,30] Doch hört, was da ferner ist treulich geschehen! Auf einmal erdröhnten die glühenden Himmel; die Sonne erlosch, und der Mond auch konnt‘ nicht mehr sanft spenden den Schein seiner Treue, und so auch die Sterne; die fielen in Mengen und Mengen zahllos aus dem purpurdurchglüheten Himmel.

[HGt.01_042,31] Und höret, als solches geschehen, da fingen zu klagen und heulen unzählige Tote aus allen den Tiefen des stinkenden Schlammes und sprachen: ,O decket uns, all ihr zerbrochenen Sterne, damit wir das Antlitz Mahalaleels ewig nicht sehen; denn der ist im Namen des ewigen, zornigen Gottes gekommen als feurige Geißel, zu schlagen uns elende Würmer, die wir denn da haben umschlungen die hohe, die herrliche Säule!‘

[HGt.01_042,32] Und hört, als den finsteren Tiefen des Todes ist solches entstiegen, da barsten die Himmel, aus deren geöffneten Ritzen gewaltige Ströme des göttlichen Feuers sich über Mahalaleels Säule ergossen.

[HGt.01_042,33] Mahalaleel aber, vom Geiste des Herrn durchleuchtet, sprach: ,Höret, ihr stinkenden Wogen in Würmergestalten, die Liebe des Herrn ist ewig und heilig und rein; darum sollet auch ihr nicht Unlauterkeit treiben!

[HGt.01_042,34] Die Zeit ist gekommen, ein heiliges Feuer vom Himmel, zu waschen euch stinkende Würmer im ewigen Feuer des Zornes, so ihr euch nicht ehedem waschet zu friedlichen, liebe- und gnadedurchleuchteten, munteren Wogen.‘

[HGt.01_042,35] Und als nun dem feurigen Munde Mahalaleels unter beständigen Blitzen und heftig dieselben begleitendem Donner ist solches in kräftigen Worten entquollen, o höret, da fingen die Haufen und Massen der Würmer an zu sinken, und wie sie zu ebener Fläche sich hatten geglichen, da flossen die schändlichen, ekelnden Formen gleich Erzen am sprühenden Feuer der düsteren, nervigen Schmiede in anfangs noch trübe, doch nach und nach immer in mehr sich durchklärende Wogen und friedliche Fluten hier in-, da durch-, und dort auch hehr auseinander.

[HGt.01_042,36] Und höret, also war die Ordnung, die herrliche Ordnung alsbald wieder neu hergestellt, und nach dieser Herstellung der göttlichen Ordnung ließ gierig ich schießen mein Auge in endlose Fernen so über die weißliche Fläche der großen, gar rein nun gewordenen Wässer und sah, daß da nirgends mehr Haufen und Massen sich drängten, und sah, daß nur hier und da dunklere Wogen den lichteren nahten und dann in der Nähe derselben selbst heller und heller, am Ende gar leuchtend selbst wurden, und sah da noch ferner, da ich von den endlosen Fernen der wogenden Flächen der großen Gewässer mein forschendes Auge anheim hab‘ gelenket dahin zur Mahalaleels Säule, daß diese gewaschen von aller der blutigen Schande gar lieblich in weißlichem Lichte erglänzte, umfurchet von niedlichen, schäkernden, leuchtenden Wogen.

[HGt.01_042,37] Mahalaleel, höre, dich sah ich dann knieen und danken dem Herrn, dem heiligen Vater der leuchtenden Wogen; und sieh, jedes Wort, das dir, dankend dem Vater der ewigen Liebe, den zitternden Lippen entstammte, floh gleich einer strahlenden Sonne hinauf zu den ewigen Höhen des ewigen, heiligen Vaters!

[HGt.01_042,38] Und hört, ihr geliebtesten Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, wie ich es gesehen und treu hab‘ gehöret, so treu und so wahr geb‘ ich hier es euch wieder!

[HGt.01_042,39] Und da ihr jetzt solches in euerem Herzen habt willig vernommen, so höret noch ferner erzählen mich, Kenan, die nächtlichen Wunder der göttlichen Liebe und überhell strahlenden Gnade des ewigen, heiligen Vaters!

[HGt.01_042,40] Nun höret, als solches ich sattsam gesehen im strahlenden Lichte der Gnade, entströmend den ewigen Höhen des heiligen Gottes und Vaters der Liebe und aller der friedsamen, leuchtenden Wogen, da stieß denn auf einmal mein Auge auf eine ganz glührote siebente Säule; und Henoch, der fromme, der ehrliche Henoch, stand schwebend beinahe auf dieser erglüheten Säule.

[HGt.01_042,41] Die Wogen umflossen im tückischen Treiben die hoch in die flammenden Lüfte aufsteigende Säule des Henoch. Ich staunte jedoch nicht gar lange dies sonderbar‘ Bild mit den Augen des Geistes da an, als ich bald zu gewahren anfing, daß da unter den tückischen Fluten, zum Teile vom Schlamme des Grundes bedecket, sich fremde, geraubte, gestohlene Wässer gar greulich gefesselt befanden.

[HGt.01_042,42] Es waren da Wässer der Liebe und Wässer der Gnade, und waren da Wässer des Lebens und Wässer des Lichtes, und so noch der Wässer erdenkliche andere Sorten; und alle die zahllosen Wässer – hört! – waren gefestet gleich denen durchsichtigen Steinen mit glühenden Banden der schändlichen, nur das Ich liebenden Liebe.

[HGt.01_042,43] Und sehet, ihr Väter und Kinder, wie dieses liebloseste Rauben und Stehlen geschah; hört, wie ich es gesehen, so will ich’s euch künden: Es hoben sich Massen, von diebischem Eifer getrieben, gleich niedlichen Wölkchen aus dieser so tückischen, wogenden Fläche der großen Gewässer, von denen die Säule des Henoch umflutet nach allen unübersehbaren, erdenklichen Richtungen war. Diese Wölkchen nun flohen weit über die Grenzen des ihnen gehörigen Säulengebietes hinaus; wenn sodann sie ersahen ganz ruhige Flächen in andern Gebieten der großen Gewässer, da stürzten sie schneller denn Blitze darnieder, ergriffen mit gieriger Hast da die friedsamen Wogen, zerstäubten dieselben in dunstige Nebel und hoben und trieben dann selbe in eiligster Schnelle gleich stürmenden Winden in ihres tückfeuchten Gelichters unheimliche, schlammvolle Tiefen. In selbe versenkten sie diese so tückisch geraubten, gar friedlichen Wässer und drückten und preßten dann selbe mit ihrer gestohlenen Macht ganz zu härtesten Steinen zusammen und deckten dieselben auf schändliche Weise mit Schlamm und mit Kote der Lügen aus schändlichem Eigennutz zu.

[HGt.01_042,44] Doch es währte dies tückische, loseste Treiben nicht lange; denn bald sah ich Henoch erleuchten viel mehr als die Sonne, und brennende Strahlen, dem Haupte des Henoch entströmend, durchwühlten in mächtigen Strömen in einem Momente hell alle die schlammigen, diebischen Tiefen der großen, von Raubgier durchglühten Gewässer.

Fortsetzung in 42c

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