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42c. Kapitel — Kenans Gesang von den zehn Säulen

Fortsetzung von 42b…

[HGt.01_042,45] Und hört, als da kaum noch die Fläche der Tücken Gewässer die brennenden Strahlen, dem Haupte des Henoch entströmend, berührten, da fingen die Wogen der tücken Gewässer an zu gischen, zu sausen und brausen. Da dampfte und qualmte die endlose Fläche und gab, von der Hitze der Strahlen genötigt, denn all die vorher gar so tückisch gestohlenen und durch die eigene Liebe und Habsucht im schlammigen Grunde gefesteten fremden Gewässer notwillig zurück. Und die fremden Gewässer, die stiegen gleich feurigen Wolken, in zahllosen Scharen den unteren, dunklen und trüberen Dämpfen der tückischen Fluten sich hurtig entwindend, empor in die reineren, leuchtenden Lüfte. Und seht, als nun sie entstiegen den Tiefen des Todes, da kamen geschäftige Winde, der Säule des Henoch entströmend, und trugen in wirbelnder Freude die neuen entbundenen Kinder gar zärtlich denn wieder, den tobenden Dämpfen der tücken Gewässer entlang, in die liebenden, harrenden Arme der edel gewordenen Wässer durch göttliche Gnade gegeb’ner Gebote zurück. Und als solches geschehen durch Wunder der heiligen Liebe von oben, da streckte auf einmal der Henoch gar machtvoll die Hände und sprach, scharf gebietend mit heftiger, donnernder Stimme:

[HGt.01_042,46] ,Ihr tückischen, diebischen, raubenden Wogen, vernehmet hinab in die Tiefen der schlammigen, finsteren Gründe den heiligen Willen des ewigen, mächtigen Gottes, und höret mit ruhiger Fläche die mächtigen Worte des Heils, das da ruft: Jeder Tropfen ist vielfach gezählet im Herzen der ewigen Liebe, und jeder demnach ist sich selbst und der ewigen Liebe zu eigen; daher werde einer nie grausam dem andern zum Raube. Denn wehe dem Diebe, dem tückischen Räuber und Mörder des Eigentums anderer reinerer Wässer und Wesen; ja wehe da allen den sich nur allein böse liebenden Wogen! Vernehmet: Die Tücke der Räuber und Diebe wird nimmerdar wogen in heiteren, furchenden Kreisen, wohl aber, hört, wird sie, im starrenden Tode zu glühenden Steinen des ewigen Fluches gefestet, in unterste Tiefen der Erde geworfen von tötender Macht des Gebotes sogleich oder einst sicher werden. ,Ihr sollet nicht rauben und stehlen!‘, so lautet des ewigen, heiligen Gottes gar mächtiger Wille!

[HGt.01_042,47] ,Dies merket und achtet, ihr tückischen Wogen!‘ Und höret, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, das waren die letzten der donnernden Worte des Henoch von strahlender Säule als herrlichster, ewiger Marke des göttlichen Willens! Und als sie verklangen, die herrlichen Worte in ferne, dem Auge des Geistes selbst fremde Gefilde der finsteren Flächen der wogenden Greuel, da konnt‘ ich gar deutlich vernehmen den Tiefen entstiegene Worte. Die Worte, die sprachen gehorsamen Klanges hinauf zu der Säule: ,So mache uns rein, lichter Herold des mächtigen Willens des heiligen, ewigen Gottes, damit wir, wie andere Wässer, gefällig dem leuchtenden, heiligen Auge der ewigen, heiligen Liebe auch werden!‘

[HGt.01_042,48] Und höret, da fingen, der leuchtenden Säule entströmend, gar heftige, feurige Winde zu wehen an und mischten in leuchtender Fülle das Feuer der ewigen Liebe den wogenden Fluten der horchenden, endlosen Fläche gar wundersam bei. Und die Wogen und Fluten, die wurden durchläutert von solch einer leuchtenden Milde, o höret, sie schienen so hell wie die Fläche der Sonne und lobten und priesen den Herrn der Gnade, die Säule mit strahlenden Wogen umkreisend. Da tönten die heiligen Echos harmonisch den endlosen Räumen der leuchtenden Fluten entlang. – Hört, so hab‘ ich’s gar treulich gesehen und so es euch treulich auch wiedergegeben.

[HGt.01_042,49] Und da ihr, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, so lange schon habet geduldig die Ohren mir, Kenan, dem geistigen Redner, gar achtsam geliehen, so höret noch ferner, was alles für Wunder der göttlichen Liebe und Gnade ich habe gesehen und treulich vernommen: In einer nicht weiten Entfernung erblickte ich eine ganz glatte, wie schimmerndes Erz fast aussehende Säule; dieselbe umwogte, o höret, ein sandiges Meer!

[HGt.01_042,50] In der Ferne, da dachte und glaubte ich wirkliche Fluten der Wässer zu sehen; doch näher und näher als mir diese staubigen Fluten gekommen, je klarer wie auch desto reiner hab‘ ich es gesehen, daß hier nimmer Wasser, die Säule umflutend, sich wogte, doch wohl aber trockener Sand, von den Winden gehoben sich wirbelnd, das Wogen der Wässer dem forschenden Auge des spähenden Kenan gar trüglich vorlog!

[HGt.01_042,51] Als ich solches mit ärgerndem Staunen betrachtet da habe und konnte auch nirgends ein Wasser, und wär‘ es ein Tropfen nur, irgend nach längerem Schauen entdecken, da hob ich die Augen empor zu dem Himmel und flehte zum ewigen, heiligen Vater der Liebe um Gnade, um Hilfe und so auch um weisesten Rat; aber stumm blieb der Himmel, umflossen vom weißlichen, hie und da nur vom mattrötlichen Schimmer, und nimmer kam auch nur ein leisester Schall von der immer sich mehr und mehr trübenden heiligen, ewigen Höhe der sonst so willfährigen Liebe und Gnaden durchströmenden Wohnung des ewigen, heiligen Vaters.

[HGt.01_042,52] Und sehet, es stiegen beständig die trüglichen Wogen des Sandes stets höher und höher und wurden, wie leicht zu begreifen, je höher sie stiegen, je dichter und dichter, daß auch nicht der grellste Strahl durch die staubig sich wogenden Massen des trugvollen Sandes, das Auge erquickend, zu dringen vermochte.

[HGt.01_042,53] Doch höret, es währte zum größesten Glücke die lose Verfinst’rungsgeschichte nicht lange; denn bald sah ich fröhlichen Herzens Mathusalah stehen auf jener vom finsteren Sande umlagerten Säule, bewaffnet mit einem zweischneidigen, brennenden Schwerte. Er hatte die Augen verbunden mit einer vom glitzelnden Staube besudelten leinenen Binde und hatte die Ohren verstopfet mit klebrigem Harze. Doch sehet, auf einmal kam, blendend vom himmlischen Glanze, gar eiligen Fluges geflogen ein mächtiger Aar. Der umflog in stets engeren Kreisen das sinnstumme Haupt des Mathusalah, löste demselben die schützende Binde von‘ Augen und pickte von seinen, dem Klange verschlossenen Ohren gar sorglich und reinlich das klebrige Harz. Und als so er Mathusalahs Sinne von schützenden Banden befreiet, da flohe der mächtige, leuchtende Aar als ein ferne noch leuchtender Stern hinauf zu den heiligen Höhen der Himmel, von dannen er hehr ist gekommen. Mathusalah aber, der Treue und Wahre, ergriff das zweischneidige, brennende Schwert, welches er mit der drohenden Rechten gleich zackenden Blitzen in Kreisen nach allen erdenklichen Richtungen schwang.

[HGt.01_042,54] Und es lösten sich während des eifrigen Schwingens vom brennenden Schwerte flammende, leuchtende Zungen gleich sprühenden Funken von einem vom heftigen Brande ergriffenen harzigen Stamme des Holzes, das unten an Füßen der Berge gar reichlich in dickesten Stämmen da wächset.

[HGt.01_042,55] Und höret, die zahllosen Zungen, die flohen in möglichster Schnelle nach allen erdenklichen Richtungen über die endlose, staubige Fläche und rührten den trüglichen Sand mit der Macht ihres Feuers zu einem chaotischen Dinge, daraus man nicht Klarheit erreichen konnt‘, was denn aus solchem Gemenge wohl Nützes möcht‘ werden.

[HGt.01_042,56] Ich sahe dem wunderbar‘ Treiben der lange Zeit fort und fort währenden Mischung der flammenden Zungen mit solchen unendlichen Massen des trüglichen Sandes gar voll von den größten Erwartungen zu, und doch wollte nichts anderes als nur ganz weiß schon durchglüheter Sand zu dem lange erwünschtesten Vorscheine kommen!

[HGt.01_042,57] Doch sehet, inmitten so sehnsuchtsvoll harrender Wünsche erhob sich Mathusalah furchtbaren Blickes und fing gar gewaltig den heiligsten Willen des ewigen, heiligsten Vaters dem durch und durch glühenden Sande zu predigen an. Und die mächtigen Worte, dem Munde Mathusalahs eifrig entströmend, ergossen sich, großen Gewässern hehr ähnlich, in breitesten Strömen gar fürchterlich brausend und rauschend und tobend, den Sand mit sich reißend, wie früher die Zungen nach allen erdenklichen Richtungen hin. Und das Brausen, das Rauschen und Toben sprach deutlich vernehmliche, mächtige Worte, ja Worte der Macht und der ewigen Größe der Heiligkeit Gottes!

[HGt.01_042,58] Die Worte, die lauteten – höret, ihr Väter und Kinder! –: ,Du nichtiger Staub, wohl vernehme den Willen der Heiligkeit Gottes! Ein fälschliches, trügendes Wogen sei nimmer dir eigen; bekehr‘ dich zum flüssigen, reinesten Wasser, und woge als solches in ewigen, leuchtenden Wogen; denn nichts als die Lüge nur wirst einst zunichte ganz werden!‘

[HGt.01_042,59] Und sehet, als solches vernommen da ward von der endlosen Fläche, da löste sich Körnchen um Körnchen in lautere Tropfen; die rannen in leuchtender Wahrheit gar fröhlich zusammen und flossen zu einer unendlichen Fläche der reinsten Gewässer zusammen und wogten und furchten nun durch und durch, fröhlich den heiligsten Namen des ewigen Gottes lobpreisend, und wuschen den wider sie zeugenden, noch an Mathusalahs Säule festklebenden Sand von derselben und lobten dann selbe, in leuchtenden Reihen umkreisend, nachdem sie mit liebender Gierde vorher mit dem Lichte, das reichlich der Säule entströmte, sich schmückten die lockeren, glänzenden, schaukelnden Häupter.

[HGt.01_042,60] Und sehet und höret, ihr würdigen Väter und ihr auch, uns teuere Kinder, wie ich es hab‘ wahrlich und treulich gesehen und auch mit den offensten Ohren gehöret, so treulich und wahrlich geb‘ ich es euch wieder. Die Wahrheit, o Väter und Kinder, die Wahrheit alleinig ist wahrhaft das liebliche Wesen der Liebe. Darum wird die Lüge zunichte wie sonsten kein Laster; denn sie ist alleinig der ewigen Wahrheit der Liebe des Vaters gerade entgegen.

[HGt.01_042,61] Und höret nun ferner, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, was ich, euer Kenan, noch alles für Wunder da habe mit staunenden Augen gesehen! – Es kam mir so vor, als wenn ich samt der Säule, auf welcher ich stand, immer weiter und weiter in ferne Gebiete der anderen Säulen geschoben wär‘ worden; und, wie es mir früher geschah, so geschah es nun wieder, und ich sah von meinem erhabenen Stande die neunte der Säulen!

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