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42d. Kapitel — Kenans Gesang von den zehn Säulen

Fortsetzung von 42c

[HGt.01_042,62] O Väter und Kinder, da sah es gar sonderbar aus! Hört, aus einer unendlichen Tiefe der ewigen Nächte, von schmutzigen, allerlei schimmernden Farben bekleckset, stieg eine gar furchtbare Säule zu einer fürs Auge nicht mehr zu erreichenden Höhe empor. Um die Säule war weder ein Wogen der Wässer, noch irgendein Stauben des Sandes, noch sonsten ein Regen und Streben von nambaren Wesen zu sehen; nur ewigfort währende Nächte umlagerten stumm diese neunte, buntscheckige, endlose Säule. Ich dachte in dieser entsetzlichen, endlosen, leblosen Wüste: ,Was soll, ja was kann denn das heißen? Für wen wohl steht diese unendliche Säule dahier?‘

[HGt.01_042,63] Und so dachte ich lange und lange so hin und so her; doch es wollte trotz all meines nutzlosen Denkens auch nicht ein kleinwinzigstes Fünkchen erhellen die ewige, endlose Nacht um die endlose, scheckige Säule. O Väter und Kinder, da ward es mir bange; denn selbsten das Licht meiner Säule ward minder und minder, so zwar, daß ich kaum nur noch merken konnt‘, daß meine Füße auf ihrem mattschimmernden Scheitel noch standen. Als solches ich mußte gar traurig erfahren, da fiel ich denn nieder auf mein Angesicht und fing so recht von Herzen zum ewigen, heiligen Vater zu beten und bitten an, daß Er mich doch da nicht zugrunde so gehen möcht‘ lassen.

[HGt.01_042,64] Und höret, als solches ich ernstlich wohl tat, da erklang denn auf einmal so eine wohlmahnende Stimme und sprach: ,Kenan, senke dein Denken rein liebend in Mich, deinen Vater und Gott, und du wirst dann die Dinge alsbald mit ganz anderen Augen erschauen!‘ – Und wie mir die heilige Stimme befohlen, so tat ich’s auch alsogleich, ohne auch nur im geringsten mich weilend so über den liebvollsten Klang zu besinnen.

[HGt.01_042,65] Und höret, als solches ich tat so mit liebeerfülltestem Herzen, da fing alsbald an die unendlich mir scheinende Säule zu sinken stets tiefer und tiefer hinab in den Abgrund der ewigen Nacht. Und es währte dies Sinken nicht lange, als mir ein entfernetes Rauschen sehr großer Gewässer an meine scharf lauschenden Ohren, dem donnernden Rollen der Sphären nicht unähnlich, drang. Eh‘ noch ich mich recht konnte umsehen, da, höret, o Väter und Kinder, da sah ich schon weltgroße Massen der schäumenden Fluten hinab jählings stürzen, hinab in die finsteren, endlosen Räume der früheren ewigen Nacht um die scheckige Säule. Und höret, es währte dies Stürzen nicht lange, als ich schon die frühere Stelle der ewigen Nächte erfüllet ganz sah mit noch trübem, doch endlos hinwogendem Wasser. Auch sah ich das Ende der ewig mir scheinenden Säule den ewigen Höhen der Himmel entsteigen und nieder sich senken zu denen trübwogenden Fluten der neuen Gewässer des leuchtenden Scheitels, auf welchem in leuchtender Glorie der Lamech, Mathusalahs Söhnlein, gebührlich da stand als ein lieblicher Herold des göttlichen, heiligen Willens. Und als so auch er meiner ansichtig wurde, da fing er alsbald an die Fluten so lautende Worte zu richten:

[HGt.01_042,66] ,O höret, ihr großen Gewässer! Verzehret euch nimmer in euren Begierden; denn daß ihr euch habet in Liebe und Gnade von oben, ist Habe für ewige Zeiten für euch zur endlosen Genüge. Denn mehr als ein Ding kann nicht nehmen denselben und einigen Platz; daher suchet denn nimmer durch fremde Begierden euch selbst zu vernichten, und woget und kreiset in eurer ganz eigenen Sphäre zum Lobe und Ruhme des ewigen, heiligen Vaters!‘

[HGt.01_042,67] Und höret, als solches der Lamech hat weise gesprochen, da klärten und wogten die Fluten sich eiligst, vom ewigen Lichte des göttlichen Willens durchleuchtet. Und ich aber, Kenan, hab‘ solches gar treulich gesehen; und wie ich’s gesehen, gehöret, so hab‘ ich’s nun treulich und wahrlich auch wiedergegeben.

[HGt.01_042,68] Und höret, ihr lieblichen Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, o höret noch willig den Schluß meiner Rede, und schauet mit mir, eurem Kenan, hinab in die Tiefe des göttlichen Zornes und die durch die Flammen des Zornes mattschimmernde Gnade den treulosen Völkern der Erde!

[HGt.01_042,69] O höret und sehet, was ich da all’s hören und sehen hab‘ müssen an finsterster Stelle der zehnten der Säulen! Hört, alle die früheren Säulen, die hatten doch mehr oder wenig ein eigenes Licht, – ja die neunte der Säulen sogar war umgeben von einem buntmatten Geflimmer; doch diese nach Ordnung die zehnte der Säulen, die hatte auch nicht einen noch so matt schimmernden Punkt, ja sie war doch so finster, daß ich sie nur fühlen, doch sehen dieselbe trotz aller der schärfesten Strenge der geistigen Sehe nicht konnt‘, und ob Wasser, ob Sand oder finsterer, leerer und nichtiger Raum bloß dieselbe umwogte, umstaubte, umgab, – hört, das alles war greulich verborgen dem forschenden Auge des träumenden Kenan ob solcher unglaublichen finsteren, schwärzesten Nacht um die zehnte der Säulen.

[HGt.01_042,70] Ich harrte und harrte von Weile zu Weile und schaute mit dreimal geschwängerter Kraft meiner Sehe, ob nirgends denn sich eine Helle erschauen werd‘ lassen; doch alles mein Mühen war gänzlich vergebens, selbst meine am schärfsten gespanntesten Ohren, auch diese vermochten auch nicht nur ein leisestes Lispeln des zartesten Lüftchens vernehmen!

[HGt.01_042,71] O höret, da ward es mir bange in dieser vom ewigen Tode erfülltesten finstersten Öde! Ich konnte nicht beten, noch bitten den ewigen Vater der Liebe um eh’ste Befreiung aus dieser so schaurigen Nacht alles Todes; denn nun erst empfand ich, daß nicht nur die Augen und Ohren, ja sehet und höret, sogar meine Zunge zu reden gelähmet mir war.

[HGt.01_042,72] Und als solches an mir ich so herb mußt‘ erfahren, da zuckte auf einmal ein heftiger Blitz aus der grundlosen Tiefe der ewigen Nacht ganz hinauf zu den ehern mir scheinenden Höhen des gänzlich verschlossenen Himmels!

[HGt.01_042,73] Doch wie sonst dem Blitze stets pfleget ein Donner zu folgen, so war doch bei diesem so endlosen Blitze von einem nachrollenden Donner nicht eine all’leiseste Spur. Und so wie’s vor dem Blitze, so war es auch gleichfalls nach selbem: die dichteste Nacht ausgebreitet von einer Unendlichkeit hin bis zur andern, und mir, eurem Kenan, fing gar sehr gewaltig nach Licht und nach Leben wohl an zu verlangen; denn wahrlich, ich sag‘ euch, nun bin ich des Todes unendlicher Nacht wohl gar satt schon geworden! O Väter und Kinder, die Nacht, o die Nacht, die hat lange gedauert, bis endlich ein winziges Sternlein am ehernen Himmel sich zeigte als einzige spät erst erscheinende Folge des lange vorher schon der Tiefe gen Himmel enteilenden Blitzes.

[HGt.01_042,74] Ganz unverwandt waren nun meine so lange geblendeten Augen gerichtet nach diesem kleinwinzigen, schimmernden Pünktchen. Und als ich so staunte da über das schimmernde Pünktchen, o höret, da tönte auf einmal sehr helle in meine ganz taub schon gewordenen Ohren – es waren nicht Worte, noch menschliche Stimmen, auch war es kein Brausen, kein Sausen, kein Toben –, o höret, es glich dieses Tönen dem Pfeifen der Hirten, gerade als wenn sie die Schafe des Ahbel nach alt schon herkömmlicher Sitte um sich her versammeln oft wollen und diese dann kommen gar eiligen Schrittes und staunen die sorgsamen Hirten mit ihren zum Himmel gewendeten Häuptern wohl an.

[HGt.01_042,75] Doch das Pfeifen nur habe ich helle vernommen, – gesehen doch habe ich nichts von den Schafen des Ahbel! – Als solches ich habe erfahren an meinen ganz tot schon gewordenen Sinnen, da fuhr wie ein Blitz mir ganz hell durch die Seele ein Wort, hört, ein Wort, und dies Wort, ja dies süßeste Wort sprach: ,Die Zunge, hör‘, Kenan, ist dir nun gelöset; nun bete und bitte den Vater des Lichtes, der Liebe, des Lebens ums Licht und um Liebe und Leben für diese im Tode zerbrochene Säule!‘

[HGt.01_042,76] Da fiel ich denn nieder auf mein Angesicht und fing eilends zu beten und flehen denn an zu dem heiligen Vater der Liebe und alles sich regenden Lebens, Er möge in Seiner Erbarmung doch spenden von oben ein hell leuchtend Flämmchen der Gnade, damit meine Augen doch schauen da möchten die furchtbare Größe und weit’ste Ausdehnung des finsteren Todes. Und als ich nun lange genug habe treulich und wahrlich geflehet empor zu dem heiligen Vater, da rief mich auf einmal so eine gar kräftige Stimme beim Namen und sagte: ,Erhebe dich eilends, und schaue die großen Abgründe des finstersten Todes! Es ist bezeichnet der Ehebruch hier an der Stelle der zehnten zerbrochenen Säule, von welcher zertrümmert die untere Hälfte der Liebe im tiefsten Abgrunde des Todes zerstreuet da lieget, – die obere Hälfte der Gnade jedoch hängt am ehernen, endlosen Bogen des Himmels und wird sich nicht eher hinab zu den Trümmern lassen, bevor nicht der Grund dieser Säule gewaschen wird rein von dem Kote der Schlange. Der Grund ist die Erde, ein sündiges Haus, und der Kot von der Schlange ist aller der Weiber der Tiefe aus Hanoch gar reizendes Fleisch. Darum wehe der fett nun gewordenen Erde vom Blute der Brüder, die wegen des Fleisches der buhlischen Weiber sich haben gar grausam ermordet und haben getränket die Erde mit ihrem gesegneten Blute! Ich will große Fluten dem Himmel entströmen bald lassen und töten da alles Fleisch wegen des reizenden Fleisches der Weiber, durch welches verzehret ward all das Gewässer dahier um die zehnte der Säulen! O prange nur, prange, du herrliches, reizendes Fleisch aller Weiber als tückvollster Kinder des Drachen! O prange, du lockende Speise der Würmer des Pfuhles, du Ekelgeruch Meiner Ehre! Du badest und waschest dich täglich im feinesten Wasser, bereitet aus allerlei Kräutern und Würzen, und schmierest die Haut mit den feinesten Ölen, damit du noch reizender und noch anziehender wirst, zu verführen die Kinder des ewigen, heiligen Vaters!

[HGt.01_042,77] Es liege daher dir ein ewiger Fluch auf dem Nacken; das sage Ich, Jehova, Gott der Allmächtige, Ewige; dir werd‘ Ich bald, o gar bald ein solch‘ Bad zubereiten, in welchem dich ewig zu baden und schmieren du wohl zur Genüge wirst haben!

[HGt.01_042,78] Und wie das geschehen wird, höre zu, Kenan, will Ich eben jetzt zeigen dir ganz wohl erleuchtet vom Lichte der Gnade des ewigen, heiligen Vaters; darum sollst erheben dich auf deiner ganz auch erloschenen Säule und schauen hinab in die Tiefe, allwo du ersehen wirst, was da geschehen wird, hör‘, in der Bälde!‘

[HGt.01_042,79] Und höret, ihr Väter und Kinder, ich habe alsbald mich erhoben und schaute hochstaunenden Blickes hinab in die Tiefe des Todes und sah da gar mächtige Scharen von unseren Kindern, die heiligen Berge verlassend, hinab zu den Töchtern der Menschen froh eilen und dort sich mit selben vereinen und zeugen gar Kinder, als kräftige Söhne und reizende Töchter, mit ihnen und sahe die Söhne zu Herrschern dann werden und grausam als solche dann töten und schlachten und morden die ärmlichen, hilflosen Kinder der Menschen! Da flossen denn Ströme vom Blute der Brüder und Kinder der Menschen; und höret, die Ströme des schuldlos vergossenen Blutes, die schrieen gewaltig um Rache empor zu den ehernen Bogen des Himmels.

Fortsetzung in 42e

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