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Kap. 8 – Schwere, und doch gesegnete Vorbereitungen

Schwere, und doch gesegnete Vorbereitungen

Kapitel 8

Noch herrscht die Dunkelheit einer mondlosen Nacht. Morgenwolken liegen tief herab, als Meurer sich seinem Hause naht. Eigenartig ist‘s da wie ein Wall aus Nebeln, der sein Eigentum umgibt. Fast körperlich fühlt er, als müsse er die Schicht durchstoßen und ist wundersam. Das kommt von Beates Engel, geht der Gedanke ihm durch sein Gemüt. Wer weiß, wofür der Schutz bestanden hat. Im Häuschen findet er die Seinen friedlich schafend vor, also legt er sich die letzte Stunde vor dem Morgengrauen auf sein Lager.

Ganz anders kommt der Nachbar heim, angeschlichen. Keinem möchte er begegnen. Da geht die Frage fehl: Woher des Wegs? In einem nahen Schober hat er lang gewartet, hat umhergespäht, damit er möglichst ungesehen bleibt. Wie es so kommt, umsonst hat er zum Frührot ausgeschaut, das sich sehr schmal am Himmel zeigt, unter Wolken sich jedoch verliert. Sein Weg, das Kauern auf dem feuchten Gras, das man im Schober aufgestapelt hatte, macht ihm sehr zu schaffen. Er torkelt förmlich heim und begegnet Kieslutz, den er gleichfalls auf den Tod nicht leiden kann.

Kieslutz grüßt, freundlich fragend: „Sag‘, Huber, ist dir nicht gut? Wo kommst du in der Frühe her?“ — „Pah! Frage: Wo gehst du so früh hin?“ — „Ich muß mir eine Hilfe holen, meine Kuh will kalben, allein schaffe ich es nicht. Will sehn, ob Sepp Stiebitz hilft, der ist in solchen Sachen gut bewandert.“ — „Ach so“, meint Huber rasch und ist enttäuscht, Kieslutz nicht auf einem falschen Gange anzutreffen. Selber redet er sich aus:

„Ich war spät beim Kerzenzieher“, was eine Lüge ist, „hätte gern für morgen eine kleine Kerze, um sie zur Messe anzuzünden. Es ist wirklich fein, wenn man einmal eine andere Sprache hört“, er meint eine andere Predigt, „zum Vergleich, wo Besseres zu finden ist.“ Daß er auf den Unterschied zwischen ihrem Pfarrer und dem Spanier zielt, würde selbst der Dümmste merken.

„Hast recht“, tut Kieslutz wie bestätigend. „Hast du eine schöne Kerze eingehandelt? Zeig sie mir mal. Ich habe eine halbe, die muß genügen; habe eben keinen Kreuzer, um eine neue zu erstehn.“ — „Mein Weg war ganz umsonst, Schrober hatte seinen Vorrat schon verkauft. Nur zwei große Kerzen lagen für den Altar auf dem Tisch.“ Dies kann Huber leichtlich sagen, weil stets für besondere Messen neue Kerzen aufzustellen sind.

Lügenbrut! Kieslutz muß sich sehr bezähmen, um dem anderen nicht ins Gesicht zu schleudern, was er von ihm denkt. „Ich muß schnell weiter, sonst wird‘s für meine Kuh zu spät.“ Ha, den hab‘ ich aber ab gehalftert, murmelt Huber vor sich hin. Er muß heftig husten, fiebernd sinkt er auf das Stroh, das in seiner Bettstatt liegt. So findet ihn am Morgen seine Frau.

„August“, jammert sie, „wo hast du dich denn ‘rumgetrieben? Die ganze Nacht hab‘ ich gewartet, bin spät zum Schlaf gekommen. Jetzt liegst du da! Wer soll die Arbeit tun? Soll ich allein im Haus, im Stall und auf dem Felde sein? Dazu die Kinder? Los, steh auf!“ So resolut ist Freda noch niemals  gewesen. Immer hatte sie sich ducken müssen, hat ihr Mann sie böse kommandiert.

Der Fiebernde merkt nichts vom Schelten. Ängstlich flüstert er des Spaniers Namen. Freda legt es gütig aus: „Ihm kommt auch die Bangnis vor dem —‚ mich sollt‘s nicht wundern, wenn er dem begegnet ist.“ So sagt sie noch und hätte gut was anderes zu denken, weil sie im Ehejoch ein liebes Wort vergeblich suchte, und hatte doch das Gütlein eingebracht. Das Erbe ihrer Eltern.

August Huber ist nicht aus dem Bett zu bringen. In ihrer Angst läuft sie zum Nachbar, weinend: „Bitte, seht nach meinem Mann; ich weiß mir keinen Rat.“ „Was hat er denn?“ fragt Meurer. „Glutheiß ist er, spricht vom neuen Prediger, wälzt sich umher und ist nicht zur Räson zu bringen.“ — „Ich gehe mit. Helene, bleibe bei den Kindern und im Haus; sobald wie möglich komme ich zurück. Habe selbst noch viel zu tun.“ Das ‚was‘ verrät er nicht.

Helene wundert sich. Im Augenblick gibt‘s wenig Arbeit. Ein Feld ist abgeerntet, das andere hat ein paar Tage Zeit. Und im Haus und Hof ist alles gut geordnet. Nur die Tagarbeit ist aufzubringen. Sie sieht Berthold nach, als er im Nebenhaus verschwindet. Er kam ihr heute komisch vor, nicht eigentlich zerstreut. Oder war er müde, als hätte er sehr schlecht geschlafen? Daß es sich aufs ‚wenige‘ bezieht, kann sie ja nicht wissen.

Berthold beugt sich über seinen Feind. Er streicht den Gedanken sofort aus. Ach nein, jetzt ist er krank, nun bin ich ihm nicht gram. Er weiß mancherlei, noch vom guten Elternhause her, wo Hohe einst verkehrten, damals sogar ein guter Arzt. Von dem hatte er als Knirps gelernt, wie ein Puls zu fühlen ist, und hat in all den Jahren nichts davon verlernt.

„Jemand muß den Doktor holen, er hat es auf der Lunge. Sein Atem rasselt. Koche einmal Fliedertee und leg‘ ein kaltes, feuchtes Tuch auf seine Stirn. Das mußt du öfter wechseln, weil die Hitze gleich die Feuchtigkeit verzehrt.“ — „O du barmherziger Herr! Wer ginge für mich in die Stadt?“ Sie sieht Meurer an, ob er nicht —. Gern ginge er, bloß heute nicht; zuviel steht auf dem Spiel für seine eigene Familie. „Ich frag‘ den Hieselbar, er hat einen Esel, den einzigen weit und breit; er wird sicher reiten. Mit einem Esel geht es auch viel schneller als zu Fuß.“

„Das danke dir der liebe Heiland!“ Freda wirft sich an die Brust des Meurers, bitter weinend. „Ich weiß, August ist nicht gut auf euch zu sprechen und habt jederzeit geholfen. Ob das eine Strafe ist?“ Sie sieht verzweifelt auf das Krankenbett. „So rede nicht, Nachbarin!“ Und sieht den Huber, wohin er sich verirrte. Verirrung ist‘s gewesen, ihn und andere zu denunzieren. Oh, der Mensch darf nicht verdammen; das Urteil fällt allein der Ewige, Allmächtige. Behutsam geht der Meurer fort.

„Was, für den Huber? Da wäre mir mein Esel noch zu schade, sich die Hufe abzulaufen!“ Ärgerlich geht Xaver Hieselbar in seinem Hofe auf und ab. „Führe mich ins Haus“, bittet Meurer, „es eilt! Und bedenke noch: Dein Ritt zur Stadt kann einen Kranken vor dem Tod bewahren,“ — „So schlimm kann es nicht sein“, unterbricht Xaver, geht aber doch ins Haus. Im kleinen Raum, wo sonst die Familie zum Essen niedersitzt, sind sie allein.

„Xaver, denke an die guten Lehren, die unser Pfarrherr predigte. Muß ich eine wiederholen: ‚Liebet eure Feinde‘, was Sinkmann jedem anempfohlen hat? Der HEILAND hatte dies gelehrt! Wir wollen Seine Lehren halten, so gut es Menschen möglich ist. Hast doch stets ein braves Herz gehabt, alter Freund“, Berthold legt ihm eine Hand auf seinen Arm. „So gib dir einen Ruck. Für den Esel kriegst du einen Schüppel Heu von mir, kann es bald entraten.“

Erstaunt sieht Hieselbar den Meurer an. „Im Winter wirst du jedes Büschel nötig brauchen und . . . “ — „Nein, Xaver!“ Berthold prüft, ob es keine Lauscher gibt. „Was wir vom Spanier zu halten haben, weißt du genauso gut wie ich.“ Xaver hebt verächtlich eine Hand. „Brauchst nichts zu sagen!“ — „Eben. Du, ich, Stiebitz, Kieslutz, Stängler und noch ein paar, sicher auch der Kerzenzieher, alle mit Familien, wir müssen fort, sehr rasch!“

„Und Haus und Hof verlassen? Niemals!“ — „Wir müssen! Der Weg ist vorbereitet. Ab morgen, Nacht für Nacht. Er hat ein Dokument erhalten, von Rom leider unterzeichnet. Unsere Kirche wird es einmal bitter auszutragen haben, die Fremden auf uns deutsche Gläubige zu hetzen. Ich male nicht den Teufel an die Wand — aber Folter und die Scheiterhaufen, wie schon anderwärts geschehen, fallen über uns, über alle, die zum Pfarrer Sinkmann halten, richtiger: Zu unserm Gott, ohne Zeremonie.“

„Ich komme zu dir hin, Berthold. Na, muß der Esel traben. Möchte einmal nicht vor unserem Herrgott kläglich knien müssen, wenn Er fragt: ‚Xaver, hast du deinem Feind geholfen?“ „Er wird alle noch viel anderes zu fragen haben. Vielleicht wird Er nur milde lächeln, wenn wir Ihn um Gnade und Vergebung bitten.“ — „Du redest beinah wie der Pfarrherr! Hm, warst immer was Besonderes.“

„Vor dem lieben Himmelsvater sind wir einer wie der andere bloß ‚Seine Kinder‘. Sind wir das, Xaver, dann sind wir viel! Reite los, Huber geht es wirklich schlecht. Bevor der Doktor kommen kann, wird er kaum noch röcheln können. Hoffentlich triffst du ihn an.“ Sie gehen in den Stall, wo der Esel schnaubt. Rasch liegt eine Decke auf dem grauen Rücken und es geht durchs Dorf, wo die Leute schon an ihrer Arbeit sind.

Xaver würde aufgehalten, versammelte die Fragenden Berthold nicht um sich. Er berichtet, weshalb Hieselbar den Esel eilig vorwärts treibt. Der Huber? Ah, man ist geteilter Meinung; allgemein ist er nicht beliebt. Manche ließ er ungeschoren; denn schlau genug konnte er das ganze Dorf nicht gegen sich rebellisch machen. Krank? Kommt das nicht in jedem Hause vor? Die Alten sterben weg, Kinder raffts dahin, weil es allzu wenig Hilfe gibt.

Indessen werkelt Meurer im Schuppen, vermeidet lautere Geräusche und schiebt seine Frau, sie freundlich streichelnd, wieder in das Haus zurück. „Ich sag‘ es dir, sei recht stark, meine treue Seele. Wirst selber ahnen, daß nicht mehr alles bei uns stimmt, seit —“ Helen Meurer sieht immer jenes Glitzern durch das kleine Loch am Beichtvorhang. Rechtswidrig ist‘s. Aber es war da! Seufzend geht sie ihren Pflichten nach. Auf einmal findet sie sich bei der Truhe, die Kleider und die Wäsche birgt. Sie richtet Sachen her, für jeden etwas Warmes und was Leichtes, und ein paar Decken hält sie in der Hand. Was soll das bedeuten? Was ficht mich jetzt an?

„O Schreck, was überkommt mich denn? Wieso richte ich das Zeug, als ob — .“ Ihr Mann unterbricht das Selbstgespräch; er wollte etwas trinken. Als er die Bündel liegen sieht, nickt er mit ernstem Blick Helene zu. Wortlos geht er wieder an sein schweres Werk. Herzschwer ist‘s zu nennen. Ach, die Tiere! Mitnehmen können wir euch nicht. Noch ist Sommer, sie bleiben auf der kleinen Weide hinterm Haus, wo es Wasser gibt. Ein Segen, daß am Rand ein helles Bächlein munter plätschert. Davon holt man sich das meiste Wasser. Im Dorf gibt‘s extra einen guten Brunnen.

So naht bereits der späte Nachmittag. Unter einer dunklen Kotze liegt das große Bündel, das Berhold tragen will. Man braucht ja nicht bloß Kleidung und die Speise; etwas Werkzeug darf man nicht vergessen, man wird es nötig brauchen können. Dann, im Schein der letzten Sonnenstrahlen, sitzt er mit Helene Hand in Hand bei ihrem Herrgottswinkel. Die Beichte, vor der Berthold sich gefürchtet hat, mutlos, wie er niemals war. Ob es die Frau verkraften kann? Und ist hell erstaunt.

„Ich habe es mir schon gedacht“, wispert sie an seinem Ohr, „das wir Heimat, Haus und Hof verlassen müssen. Unsere armen Kinder! Es war trotz manchem Bitteren, mit dem wir kämpfen mußten, in unserm Lande traulich schön. Gar zu schwer haben uns die hohen Herren nie gedrückt, und über unsern guten Pfarrer war für uns die Kirche eine Mutter. Nur die Fremden haben uns verwirrt! Berthold“, bange Augen blicken auf, „wohin? Weißt du das? Was wird aus uns? Sind wir die einzigen, die fliehen müssen?“

„Was aus uns wird, weiß unser Gott, auf den ich voll vertraue. Du, mein liebes Fraule, tu desgleichen. Ein Teil des Weges, der uns der Gefahr entzieht, der ist gesichert. Pfarrer Sinkmann kennt den Pfad. Weißt du auch durch wen?“ — „Wie soll ich‘s wissen?“ Ängstlich sieht Helene durch den Raum, schon wie Abschied nehmend. Berthold geht es ebenso.

„Du weißt es nicht, daß unsere Beate letzthin öfters einen Engel sah, im Traum, und er hat mit ihr gesprochen. Mir hatte sie sich anvertraut. Und wie gut! Nicht trübe sein, Helene; leider ist es so: Manche Weiber wetzen ihre Zungen, meist nicht mal bös gemeint, aber ohne Überlegung. Du hättest davon sprechen können und längst hätte man das Kind und dich ins Marterhaus gebracht. Darum bat ich unsere Tochter, bloß mir erst alles zu erzählen. Nun das Wunder:

Wohl ist es kaum zu glauben, daß es heutzutage eine wahre Gottesoffenbarung gibt, wie es einstmals war, als die Propheten und die Patriarchen lebten, wo GOTT erschien oder Er die Engel sandte, so, als kämen sie wie Menschen zu den Menschen. So geschieht es heute freilich nicht, weil die Menschheit — Ach lassen wir das jetzt, es drängt die Zeit. Nur noch das:

Unser Pfarrer hat im Traumgesicht einen Geist gesehen und gehört. Der bezog sich auf den Engel unserer Beate. Beide deuteten gleichbleibend an: Wir müssen fort. Der Weg wurde aufgezeigt. Sinkmann wußte nicht, was unser Engel sprach“, das ‚unser‘ betont Berthold so, als hätte nicht bloß ihre Tochter sehn und hören dürfen. „Ich will vorher niemanden erschrecken; wenn es soweit ist, muß jeder von uns tapfer sein.

Beate ist ja über ihre Jahre weit hinaus gereift, was gewiß von ihren Himmelsträumen kommt. Du, Helene, sei mein starkes Weib, wie du bisher Freud und Leid, letzteres wie oft im großen Maß, mit mir getragen hast. Ums Peterle bin ich besorgt, er ist noch zu jung. Wie wir mit ihm die erste Strecke überstehen sollen, und die ist arg gefährlich, das weiß ich nicht, will aber unsern lieben Herrgott bitten, daß uns das Kind erhalten bleibt.“

Helene sinnt ein wenig nach. Gut ist es nicht für einen kleinen Körper, doch Schaden wird es nicht ergeben; und so rückt sie mit dem Plan heraus: „Das Dünnbier ist noch da, es wäre diesen Falles bestens zu gebrauchen. Kocht man es mit ein paar Kräutern auf, so bewirkt es langen Schlaf. Das könnten wir dem Peter geben. Und die kleine Karre? Die ist ja kaum ein Wägelchen zu nennen, hat auch nur zwei Räder. Notfalls ließe sich der Junge darauf betten, mit einer Kotze zugedeckt.“

„Das wäre zu erwägen“, gibt Berthold zu. Außerdem ließe sich noch etwas daran ändern. „Will sehen, ob es geht. Morgen abend —“ Weiter sagt er nichts und die Frau versteht. Er geht in den Schuppen. Da steht das Ding und der große Wagen, an den die Kuh zu schirren ist. Wäre fein, kratzt er sich hinterm Ohr, man dürfte offen wandern. Er schmiert die Räder ein, die dürfen ja nicht knarren. „Sieh da“, sagt er und ist ein großer Dank in seinem Herzen, „hat auch Helene den Kontakt zum Licht; den Rat hat sie sicherlich erhalten. Hätte selber nicht daran gedacht, glaube aber, es kann unserm kleinen Kerl nichts schaden.“

Sehr früh sitzen sie beim kargen Mahl, bereits um acht beginnt die Messe. Bloß gut, daß der Neue für die Dörfler nicht schon sechs Uhr läuten läßt. Da sagt Beate, diesmal im Beisein ihrer Mutter: „Mein Engel ist bei mir gewesen, und er hat gesagt, wie ihr, liebe Eltern, alles vorgerichtet hättet, wäre gut, und wir sollten uns nicht sorgen.“ Sie sieht ihren Bruder an, den sie innig liebt. Was mit ihm geschieht, braucht sie nicht zu wissen. „Dann hat er noch gesagt: Derjenige, der krank geworden wäre, das hätte Gott gemacht. Wir sollten bloß nicht Strafe dabei denken, er sollte nur nicht — es war ein schweres Wort, weiß es nimmer, wie es heißt: spi- oder spo-. Weißt du das, lieber Vater?“

Trotz der großen Sorge, die heute extra auf ihm lasten wird, muß er doch ein wenig lachen. Er streicht einmal seiner Tochter übers helle Haar. „Das heißt ‚spionieren‘, also lauschen, weißt du, wenn einer um die Ecke schaut, sich nicht sehen läßt und alsdann Böses sagt.“ — „Hm“, macht Beate mit einer leicht verschmitzten Miene, „der Nachbar Huber ist nicht besonders gut. Mich und Peter hat er schon einmal verjagt, obwohl wir nicht bei seinem Haus gestanden sind. Sogar Steine warf er uns noch nach.“

„Gut, daß ich das nicht wußte, sonst —“ Jetzt braucht man sich nicht mehr darum zu kümmern. ‚O Vater, lieber Gott, hilf uns heute noch, das Ärgernis zu überstehen!‘ Berthold denkt an den Neuen. In einem andern Ort hatte einer von den Fremden eine Frau vom Beichtstuhl weg ins Marterhaus gebracht. Kleingläubiger, schilt er sich selbst; Beates Engel brachte uns den Trost, also wird er dich als Mann und Vater . . . — Weiter kommt er nicht, es ist Zeit, aufzubrechen. Peter bleibt zu Haus. Da außer kleinen Kindern und einer steinalten Magd, die auf die Kleinen gerne schaut, das ganze Dorf zur Kirche wallt, kann ihm nichts geschehen.

Auf dem Weg, Hieselbar treffend, fragt er nach dem Medicus und wie es um den Nachbarn stünde. „War gut, unser braver Salbenmann wollte grad sein Haus verlassen. Da sein Gang nicht allzu wichtig war, lieh er sich vom Wirt den Muli, und so kamen wir sehr rasch zurück. Huber ist schwer krank und der Doktor weiß noch nicht, ob er gesunden wird. Man hat ihn jetzt ans Bett gebunden, weil er im Fieber in den Stall, aufs Feld und sonst wohin noch will. Freda muß bei ihm verbleiben, also fällt‘s vielleicht nicht auf, wenn eines weniger zum Beichten kommt.“

„Glaube ich; es wäre aber gut, wüßte man, ob Huber mit dem Neuen sprach, ob auch von seinem Haus. Warten wir es ab.“ Es sind schon bittere, scharfe Steine, die von den Dörflern, nicht weniger von den Städtern, zum Kirchenstuhl mit Zittern hinzuschleppen sind. Wohl, leider Wenige, die es längstens merkten, was auf alle zugekommen ist, haben das Vertrauen nicht verloren, daß sie meinen, Gott würde unter ihre Steine ein Tuch der Gnade legen, alsdann wären sie nicht gar zu hart und schwer.

Es geht hart auf hart. Als Helene Meurer die dritte ist, die in der Beichte kniet, allerlei zusammenflüstert, Dinge, nicht der Rede wert, und sie das Glitzern von dem Auge sieht, ohne jedes Recht sie musternd, wäre sie fast umgekippt, hätte nicht Beate sie gehalten, was keiner sah. Das Mädel? Als der Beichtmann fragt, ob sie schon mal einen Engel sah, eine Fangfrage, so gestellt, manches Kind wäre darauf ‚reingefallen — denn einen Engel sehen? Welche Freude.‘ Auch wenn‘s nicht stimmt, sagt Beate ruhig:

„Ich sah noch keinen, möchte aber wirklich einmal einen sehen.“ Sie meint es ehrlich, es wurde nicht nach einem Traum gefragt. Nahe kniet ihr Vater. Aus der Antwort seines Kindes reimt er sich zusammen, wie man ungut es befragt. Seine Zähne knirschen; er hustet, das Geknirsche darf ja niemand hören. Und so geht die ganze Prozedur noch einmal glimpflich ab.

Pfarrer Sinkmann schwitzt, wie man so sagt, Blut und Wasser, aus Angst um jeden einzelnen, der ins Fangnetz arger Fragen leicht zu treiben ist. Später dankt er Gott, seinem Herrn, still für sich im Kämmerlein. Hier kniet er nicht gezwungen, wie er auch hat beichten müssen; hier tut er es aus freudigem Gemüt.

„Hergott, Du hast die Rechte Deiner Gnade ausgestreckt, hast das Netz zerrissen, worin die Fischlein hätten hängen bleiben sollen. Du bist der wunderbare Gott, Du hast auch meinen Weg in Deiner Hand. Wie Du micht führst, wird es im Lichte Deiner Herrlichkeit geschehn. Gib uns Deine Kraft, bleibe unsere Burg und Zuversicht. Dir weihen wir den Dienst, Dir, dem Heiligen, guter Vater-Gott!“

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