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Kap. 7 – Das Machtdokument; Ein Wort hoher Gnade

Das Machtdokument; Ein Wort hoher Gnade

Kapitel 7

Finstere Dämonie und Gottes hehre Dunkelheit wohnen auf der Welt oft nah beisammen. Man kann verstehen, lichtgemäß, daß der Mensch leicht strauchelt, wenn er nicht die Unterschiede kennt oder gar dem eigenen Untertrieb verfällt, selber hergestellt. Denn niemals kann ein Mensch dem Schöpfer klagen: Ich ward verführt, ich bin . . . und was man vorzubringen weiß. Nein! Adam, komme hinter deinem Baum hervor! Das ist obendrein die Sprache allerhöchster Liebe, die den Schöpfungstag bestrahlt. Es wird abgerechnet; selber mußt du deine Schuld bekennen, dann wirst du einmal frei, von dir selber frei! Wer mag diese Worte glauben?

Jener nicht, dem sind sie nicht mal bis ans Ohr gedrungen, viel weniger denn ins Herz, der als arme Seele zu der andern armen Seele eilt. Eines denkt der Huber sich: Treib‘ ich andere ins Netz, so bin ich frei, ich kann in keine Falle stürzen. Gedacht! Ob es für ihn stimmt, wird der arme Mann erfahren, später. Jetzt, meint er, kann er unbeschadet leben.

Mit solcherlei Gedanken steigt er die Stiege hoch, klopft zaghaft an, um keinen Lärm zu machen. Er muß warten. O, so rasch kommt ein Hochgestellter einem Bauern, der nichts ist, nichts hat, nicht entgegen. ‚Ich hab‘ doch Licht gesehen‘, denkt er und will wieder leise pochen. Unmerklich öffnet sich die Tür zum schmalen Spalt, und der Spanier, der hier wohnt, äugt heraus. Er tut sehr erstaunt, obwohl er weiß, wer ihn nachts besuchen will.

„Du? Was willst du bei mir?“ — „Hoher Herr, ihr habt die Botschaft doch bekommen und habt mich extra wissen lassen, daß ihr in eurer Hocherhabenheit mich armen Sünder aufgefordert habt, zu kommen. Ich bin froh, weil mich niemand sah.“ — „Wirklich?“ Barsch gefragt, nachdem der Bauer eingetreten ist. Noch wird kein Schemel angeboten. Zwei Stunden Weg, da kann er leicht ein Weilchen stehen bleiben. „Warum bist du gekommen? Ich wüßte nicht, was Wichtiges du zu sagen weißt.“ Dabei giert der Fremde förmlich nach der Waffe, einer bösartigen Klinge, die er braucht, seiner Macht zu frönen.

„In unserm Dorf geht‘s nicht mit rechten Dingen zu, vor allem bei dem Nachbar, dem Meurer und Familie. Auch bei andern habe ich erlauscht, daß sie gegen euch, hochwürdiger Herr, und gegen unsere Kirche böse Worte ausgesprochen haben. Bloß wenn mehrere beisammen sind, da wird gelobt und hochgehoben. Aber wenn die — die Teufel sich geheim begegnen, wird das Gegenteil gesagt.“

„Wenn sie sich geheim begegnen! Woher willst du das dann wissen, was geredet wird? Alsdann müßtest du bei ihnen stehen.“ — „Werthöchster Herr“, Huber macht einen tiefen Tunker, „so dumm bin ich nicht, um mich offen hinzustellen. Ich habe gute Ohren, und wo sie sich zusammenfinden, weiß ich auch. Da gibt‘s genug Versteck, um ungesehen mitzuhören.“ Obwohl die Nachtluft kühl geworden ist, wischt Huber sich den Schweiß von seiner Stirn; denn mit schwankendem Gefühl und schlechtem Sinn geht untergründige Angst einher. „Das will, das mag ich nicht mehr dulden.“

Wie sehr der wirklich dumme, doch so arme Bauer sich gefangen hat und gar nicht merkt, macht dem Spanier geheime Freude. Den hebt er sich für später auf, der kommt dran, wenn die andern — Einmal geht er hin und her, nimmt aus einem fest verschlossenen Fach, dessen Schlüssel er in seiner Kutte trägt, ein großes Blatt heraus, dick beschriftet, Siegel oben und auch unten und was mehr. Das zeigt er dem Bauern, nicht nah genug. Die Siegel sollen imponieren. Und das tun sie zweifellos.

„Da seht“, sagt er triumphierend, „gestern habe ich die Schrift bekommen, von meinem Orden; dazu hat Rom ein Siegel beigedrückt. Hier habe ich die Macht, jeden ins Verlies zu bringen, auszufragen, der wider unsere heilige Kirche“, der Jesuit denkt am wenigsten an Rom, „und gegen meinen Orden etwas sagt oder — denkt! Ja, ja, das Denken ist das Schlimmste, das ist auszumerzen mit Stumpf und Stiel!“ — „Könnt ihr denn Gedanken lesen?“ wagt Huber einzuwerfen, zitternd bis ins letzte Glied.

„Was verstehst du von ‚Befragung‘, die ich nunmehr durchzuführen weiß? Gedankenlesen! Daß ich nicht lache! Ha, das ist auch des Teufels Spiel, das man hierorts manchmal übt und sagt hinterher: ‚Es war die Stimme eines Engels.‘ Damit tarnt man sich, so gesagt, damit du es verstehst: Der Teufel, Satanas, steckt hinter solchen Dingen; und um die Seelen zu erretten, muß der Körper leiden. Bloß im schwersten Schmerz wird eine Seele frei vom Höllenbann!“

Vorsichtig gibt er sein Dokument ins Fach zurück, schließt ab und weist dem Bauern gleich die Tür. „Geh, es ist besser, du bleibst nicht lang bei mir. Sieh zu, völlig unbemerkt die Gasse zu verlassen. Noch das eine: Zur Messe stellst du dich nicht wieder hinten an. Euer Pfarrer, dieser“, Trottel, hätte er zu gern gesagt, „Mann, er hat zu sehr aufgepaßt.“

Sie kommen alle an die Reihe, denkt der Dunkle, schließt die Tür fest zu, wie vordem seinen Kasten. Nichtswürdige Leute, die meinen, das Evangelium sei mit sanften Säuseln darzubringen. Gott straft! Er ist ewiglich der Strafende und ist nichts anderes bei und in Ihm Selbst. Ich will, auch ich muß strafen, es ist unsere Weltmacht durchzudrücken, im Namen Gottes als den Gerechten. Dessen Urteil immer ‚Strafe‘ heißt! —

An diese Seele kommt kein Licht heran. Würde sie es spüren — aus Machtwahn würde es geleugnet. Was hat der Himmel auf der Welt zu suchen? Macht regiert, und Macht liegt in meinen Händen. Das Dokument hat sie ihm übertragen! Sehr verächtlich sagt er halblaut vor sich hin: „Würmer sind die Menschen, man zertritt sie wie den Regenwurm, der zu nichts nütze ist.“ Sein Gedanke! Wie wichtig auch das kleinste Würmchen ist, kennt der Arge nicht; er würde sich auch nie damit befassen. „Selbst Gott sieht doch die Menschenwürmer gar nicht an.“ Das er dann auch dazu gehört, bedenkt er nicht.

Mit diesen Lastgedanken bleibt der Schlaf ihm fern. Das schiebt er sich nicht selber zu, ah, die andern schaffen ihm die Last, der dumme Bauer, der kleine Pfarrer, der auch zur Wurmfamilie zählt. Gewiß kann die Kirche solche gut verwenden, solange sie ihr nützlich sind. Er fühlt sich wie zerschlagen, als das erste Morgengrau ihn trifft. Er übergeht es mit Gewalt. Denn das dies aus dem bösen Denken, aus dem schlimmen Handeln kommt, käme ihm nie in den Sinn, noch lange nicht.

Vielleicht dann einmal, wenn nach langer Zeit die Seele sich im Jenseits sieht, wie sie durch Engelshilfe zur Besinnung kommt, wer sie als Mensch gewesen ist. Alle ihre Freveltaten sind dann ihre Pein (s.a. ‚Ruf aus dem All‘, S. 35-40 und S. 51). Jetzt ganz Gebieter, so begrüßt er obenhin den Pfarrer Sinkmann, als der später kommt, um die Messe zu ‚besprechen‘.

„Was gibt‘s noch zu besprechen?“ fährt der Spanier auf. „Was ich bestimme, das ist durchzuführen!“ — „Natürlich‘ ‘, beschwichtigt jener, dem es darum geht, den Grobian zu besänftigen, seiner armen Herde wegen. „Ihr hattet mich doch rufen lassen, Bruder Christophorus, und ich bin gekommen.“ — „ ‚Bruder-Sagen’ ist vorbei!“ Gewichtig geht der Jesuit an seinen Kasten, schließt auf, zieht sein Dokument heraus und tut aber erst, als müsse er es selber richtig lesen. Und kennt doch Wort für Wort.

„Hier“, er setzt sich, ohne Sinkmann einen Platz zu bieten. Was gilt diesem die Gebärde, wo es auf des Messers Schneide steht? Das ‚Heft des Messers‘ hat der Höchste in der Hand! ER kann es vor- und rückwärtswenden, kann die scharfe oder stumpfe Seite zeigen, kann ewig tun in Seiner Herrlichkeit der Schöpfermacht! Wie unterschiedlich die Gedanken beider Männer, die doch einer Kirche dienen. Der weltlich Kleine treu, der weltlich Große pur aus angemaßter Würde und dem falschen Recht. Es mag ein Zugeständnis sein: Er ist der Überzeugung, eben recht zu tun.

„Hier“, betont er nochmals stark, „bin ich nunmehr eingesetzt, du siehst die Siegel, von meinem Orden und von Rom, rechtsgültig ist die Schrift vor jedermann!“ Mit dem jetzt ‚Du-Sagen‘ stellt er den Pfarrer auf die Stufe der Gehorchenden. Sinkmann merkt es wohl, aber nicht das kleinste Lächeln gleitet über sein Gesicht. Ach du armselig-arge Welt, du Weltling, was gilt mir noch, wie du zu mir sprichst? Laut jedoch:

„Das scheint ein wichtiges Dokument zu sein.“ Er hält sein Herz mit beiden Händen fest. Denn was ‚es‘ bringt, braucht er kaum dem Wortlaut nach zu wissen. Es ist anderwärts bereits gewesen und er vernahm das Ungeheure. „Wenn ihr mich für würdig haltet, was für unsere Kirche wichtig ist . . .“ — „Würdig bist du dafür nicht, Pfarrer, aber wissen mußt du es, damit du mir zu Händen gehst, wenn ich mein großes Amt in Zukunft auszuführen habe.

Mit dem Dokument bin ich in der ganzen Diözese, wozu alle Dörfer mit gehören in dem gesamten Kirchenteil, der — hör‘ gut zu — der ‚Groß-Inquisitor‘! Was das bedeutet, wirst du wissen?“ Die Augen schillern förmlich grün, als wolle er gleich jetzt den Mann vergiften. Ha, vergiften! Einen Pfarrer von der eigenen Kirche kann er nicht auf einen Scheiterhaufen stellen, das brächte zuviel böses Blut und liegt auch nicht im Sinne seines Ordens. Sonst jedoch — er kann hier walten wie er will.

Daß sein Engel bei ihm steht, ahnt Sinkmann selber nicht, spürt nur die Kraft, die ihn durchpulst und ihn befähigt, völlig ruhig dazustehn. In dem durchgeistigten Gesicht ist nichts davon zu lesen, was dem Inquisitor dienen könnte, sagt darum laut: „Ja, da staunst du, kleiner Mann! Also weißt du jetzt Bescheid, daß ich das Recht der Kirche zu bestimmen habe. Du bist mir unterstellt und hast zu tun, was ich gebiete.“

Noch immer steht der Pfarrer ruhig da, obwohl es in ihm förmlich brennt: Höchste Not, wenigstens die Besten zu erretten! Deshalb erwidert er mit einer Lammgeduld, die dem Jesuit unheimlich ist. „Ich dachte mir, daß man euch, hoher Herr“, er unterläßt nunmehr das ‚Bruder‘, „das Machtamt überträgt und werde dienen.“ Aber anderes steht hinter diesem ‚dienen‘, als der Inquisitor hämisch meint: ‚Oh, den hab‘ ich schon in meiner Zange; die geringste Widersätzlichkeit, und er ist fällig.‘

„Sagt mir an, was ich zur nächsten Messe übernehmen soll; alles andere liegt in eurer Hand.“ — „Das sowieso! Als erstes habt ihr auszuführen: Bring zum Beichtstuhl jene in die erste Reihe, die sich wider unser Recht erheben. Glaube nicht, daß ich sie nicht kenne; ihre Namen sind mir gut bekannt.

Alle andern, die man noch ungeschoren lassen kann, mögen kommen, wie sie wollen. Aber keiner darf den Beichtstuhl meiden! Das ist deine Sache, wie du das tust, verstanden?“ Eine Drohung geht vom Inquisitor aus, die wirft einen Menschen förmlich um, wenn er nicht den festen Glauben an den ‚Gott der Güte‘ in sich trägt, wie ihn der treue Pfarrer hat.

„Die Dörfler wissen schon Bescheid, die kommen alle. In der Stadt gehe ich von Haus zu Haus und werde . . .“ — „Nichts davon, daß ich nun der Groß-Inquisitor bin, die Leute sollen leichten Sinnes kommen.“

— „Hoher Herr, das hätte ich auch nicht gesagt; denn da bliebe unsre Kirche halb gefüllt.“ Hat der Pfarrer etwas hinter seinen Ohren? Da ist aufzupassen, der darf mir nicht entgehn. So der finstere Gedanke.

Daß diese einem Ordensmann nicht kommen dürften, das bedenkt er eben nicht. Er sieht nur sein Prestige. Bisher, ehe diese Leute in die deutschen Lande kamen, war es trotz mancher Mühsal unterm Volke gut. Man besaß den Schutz der Kirche und der Weltherrschaft, mindestens so allgemein. Damit gab sich ja der ‚kleine unbekannte Mann‘ zufrieden. Seit Jahren sieht es anders aus. Was wird einmal daraus werden? Bange Frage —

Das bedrückt den Guten schwer. Ihn jammert es, weil fast nichts zu unternehmen ist, um die schlimme Flammen- und die Folterglut zu dämmen. Dir, Gott, sei es geklagt: Die Kirche liegt in argen Wehen! Jetzt, aus einer Kraft, die Sinkmann stärker überkommen ist, sagt er, als stünde er im besten Einvernehmen mit dem Jesuit, und tut nur alles ganz allein für arme Menschen.

„Ach, ich werde sagen, ihr hieltet eine große Predigt, die nicht außer acht zu lassen sei. Ich bin gewiß, da kommen alle, ausgenommen Prestige, die Alten, die nicht mehr gehen können, und die Kinder. Letztere stören höchstens, und das Weinen kann man ihnen nicht verbieten.“ Der Spanier winkt ungeduldig ab. „Sag was du willst. Ich werde die Gemeinde, die du viel zu lau behandelt hast, nun auf jenen Stand erheben, wo sie hingehört. Dessen sei gewiß: Dann tut ein jeder, was ich will!“

Der Pfarrer nickt, es sieht so freundlich aus und ist tiefe Kümmernis dabei. Der ‚Stand‘, er weiß gut, was der zu bedeuten hat. Aber GOTT hat ihn beauftragt, ihn, den unbekannten Pfarrer, so viel zu helfen, wie jetzt möglich ist. Da hebt er seine Augen, blickt den Spanier unerschrocken an, gedämpft sagend: „Sehr recht, hoher Herr, der ‚Stand‘ ist hervorzuheben. Da wir die erste Kirche auf der Erde sind, ist der ‚Himmelsstand‘ hervorzuheben. Das habt ihr doch gemeint, nicht wahr?“

Da ist dem Spanier, als führe ihm ein Stich durchs Hirn. Ah, die erste Kirche! Alle Welt müßte ihr zu Füßen niedersinken! Viel zu wenig gibt es starke Kämpfer, die nach Nord und Süd, Ost und West die Straßen zögen, daß der Triumph der Kirche überall zu finden sei. Um die Macht ist‘s ihm zu tun, sogar ohne Kirche. Bloß darf es niemand wissen. Daß das dem Pfarrer zur Gewißheit ward, ahnt der Dunkle nicht, sonst würde seine Feuerlohe rasch verwehn, zum Häuflein Asche werden. Asche wird ein jeder Mensch, zumal jene, die ob Gottes Wort im Munde fern von ihrem Schöpfer stehn.

Er merkt kaum, wie der von ihm Bedrückte leise den Raum verläßt, ungebeugt. Im Stiegenhaus wischt dieser über seine Augen. Durch die Gassen gehend, ist es ein einziges Gebet, ein Flehen: „O Herrgott, hilf! Mach End‘, o Herr, mach Ende, mit aller unsrer Not! Es sind wenige, die ich retten darf, und ich bringe meine Tränen vor Dein Angesicht. Lasse mich vor allem die entführen, die schon in Gefahren stehn. Aber auch die andern — o mein Gott, stehe ihnen bei und laß mich nicht allein!“

Während dieser Bitten, immer wieder vorgebracht, muß er den Gläubigen berichten, was der Jesuit in Auftrag gab. Daß es nicht bloß schonend, sondern obendrein ein wenig anders aus dem Mund des Treuen kommt, ist nicht verwunderlich. Neben ihm geht ungesehen das Licht einher: Gottes Engel.

Zuletzt sucht er das Haus des Kerzenziehers auf, Schrober sitzt an seinem Tisch, es riecht nach Wachs und wie nach Brand, Mühsam ist das Handwerk, weil er wenig gutes Material bekommt, soll jedoch beste Kerzen für die Kirche ziehen. Was die Leute brauchen, kann minderwer tig sein. Das spielt keine Rolle.

„Nun, Schrober, hast zwei schöne Kerzen für den Sonntag fertig? Es wird eine große Predigt abgehalten von . . .“ — „Euch?“ unterbricht der Mann. „Da schmücke ich sie extra fein.“ Er meint die Kerzen, die vor ihm auf dem Tische liegen. „Wenn ihr predigt, Hochwürden Sinkmann, geht einem ja das Herz zum Himmel hoch, als ob ihr uns hinaufzutragen wußtet.“

„Mir wäre recht, Toni, ich könnte mit euch in den Himmel gehn, gleich, noch vor der Messe. Schrober sieht erschrocken hoch. „Will der . . .“ Sinkmann bejaht. „Bist du ganz allein?“ — „Ja, mein Weib ist mit dem Hansel auf den Markt; heute kommen ein paar Bauern, die vom Gemüse, ab und zu auch ein paar Eier oder Milch verkaufen dürfen. Was ist?“ Er rückt nahe an den Pfarrer.

„Du mußt fort, dein Weib, dein Bub.“ Über das Gesicht des Mannes geht ein Zucken. „Kommt!“ Er nimmt den Pfarrer an die Hand, er weiß schon, was die Glocke schlug und führt ihn vorsichtig eine Steintreppe in den Kellerschacht hinab. Da ist kein Fenster. Erst hier zündet er ein Lichtlein an, einer Puppenkerze gleich. Unter einem Sack zieht er ein Bündel vor, für eine Rückentrage fertig, braucht sie bloß noch aufzuhucken.

„Woher — ?“ — „Meurer war bei mir, er ließ mich etwas wissen. Da könnt ihr denken, daß ich still geschwiegen hab‘, mit niemandem sprach ich darüber. Andere sind auch bereit. Aber ihr, Pfarrer Sinkmann? Um euch ist mir sehr bange.“ — „Laß uns wieder hoch, man kann nicht wissen, ob wer kommt.“ Am Arbeitstisch gibt der Pfarrer kund, wer und in welcher Reihenfolge er jeweils eine Familie in Sicherheit zu bringen weiß. „Da nehmt ihr aber viel auf euch“, sagt Schrober. „Wir vertrauen Gott, ER führt uns an Seiner Hand!“

„Ich vertraue auch, meine aber, daß der Mensch Vernunft bekommen hat, zu entscheiden, muß man sich und seine Lieben schützen. Oder nicht?“ — „Ja, Schrober, Vernunft haben wir empfangen, wenn die auch bei manchen Leuten vorn und hinten hinkt. Stellt man das vernünftige Bedenken in die Güte Gottes und in seine Führung, dann werden wir geführt. Du wirst es erleben.“

Auf dem Weg begegnen Sinkmann, scheinbar unabsichtlich, Frauen und auch Männer, scheu grüßend, mit stummen Fragen in den Augen: ‚Kannst du helfen? Was soll aus uns werden, wenn —?‘ Hinter diesem ‚wenn‘ steht nackte Angst. Man hat es schon in dieser kurzen Zeit gemerkt, seit in ihrem Städtchen Spanien eingezogen ist, wobei man bloß die Kuttenmänner meint.

Das Land — ? Wer kennt es schon dem Namen nach? Zu ihm fehlt jeglicher Kontakt. Ohne Kenntnis gibt es weder Zuneigung noch Haß. Doch der Mann, der allein durch Blicke Angst und Schreck erzeugt und vor dem man weicht? Kann man ihn lieben? Nein! Oder kann man ihn verehren? Dazu gibt‘s zwar noch kein Nein, ein Ja ist aber allzu nebelgrau. Man weiß es nicht.

All den Leuten, die ihn stumm um Hilfe flehn, winkt der Pfarrherr freundlich zu. Sie sehn ihn an wie Tiere, in einer Falle hängend, mit jammervollen Augen: befreie uns! ‚O Herrgott‘, ist wieder das Gebet, ‚es ist traurig; warum bist Du uns in dieser Zeit so fern gerückt, daß man meint, Du hättest Deine Kinder auf der Welt vergessen? Ach, welch eine Sünde, so zu fragen! Hast uns, mir und dem Kind, die Engel zugeschickt und ist‘s doch eigentlich, als ob Du selbst zu uns gekommen wärest!

Unmöglich ist, die ganze Stadt zu räumen. Wie das Wild würde man uns jagen, Stadt und Dörfer wären Trümmerhaufen voller Asche. Hilf mir nur, mein treuer Gott, daß ich‘s richten kann, wie es möglich ist.‘ Während das Gebet des Pfarrers Sinn durchbebt, sind es lauter gute Blicke, die die Armen trösten sollen. Ach ja, die Verlassenen werden es bald sein.

‚Aber nicht von MIR verlassen!‘, klingt es an des Menschen Ohr. ‚Obwohl mancher nun im Glaubenskampf sein Leben läßt, so sind die Seelen preisgekrönt; denn ihr Opfer bringt den Sturz der Großen. Ob bald, ob spät — frage nicht nach Meiner Zeit, Mein Knecht!‘

Sinkmann bleibt benommen stehn. Er ist allein, kurz vor der Tür des altersschwachen Hauses, in dem er wohnt. Er sieht nach rechts, links, hinter sich. Nichts ist als das trübe Grau eines regenschweren Sommertages. Doch bleibt ihm das Gefühl, es stünde jemand neben ihm. Er eilt ins Stübchen, er muß niedersinken, er muß ohne Worte beten, danken, weinen, aus einem vollgefüllten Geist, einem Wehen, das man besitzt und doch nicht kennt. Unnennbar aus der Höhe eines hehren Himmels.

Die Vision: Wie die Gefährdeten zu retten sind. Übers Moor weiß er Bescheid und wie die Gruppen hinzubringen sind. Noch besteht die Kluft, wie es von da aus weitergehen soll und wohin. Jetzt ist ihm doch, als sähe er den Weg, wohl mühsam und gefährlich, umgeben aber von dem Licht, das bei ihm steht und er nicht sieht — noch nicht. Unablässig grübelt er, wie man etwas fühlt und kennt es nicht. Es ist da und himmelweit entfernt. Darüber schläft er selig ein. Oh, wieder ist ‚es‘ an der Lagerstatt:

„Du hast dem Herrn gedankt, Bruder; also will ich dir erklären, was du noch nicht weißt. Es ist kein Fehl, zucke nicht zusammen.“ Der Engel legt dem Schläfer seine Hand auf dessen heiße Stirn, bis das Antlitz ruhig wird. Das ‚Nichtwissen‘ hat bedrückt. „Bleibe auf dem Wege des Gebets, wie du um deine Schützlinge mit GOTT gerungen hast, wie Abraham um die verlorenen Städte. Dein Geist erwidert, Sodom und Gomorra waren ganz verdorben; deine kleine Stadt und die Dörfer, da gäbe es nur Not und Last, weder böse Leute, noch welche, die Greueltaten wider Gott verübten.

Dein Vergleich mag gelten, obgleich in deiner Herde manches graue und auch schwarze Schaf sein Wesen treibt. Kennst die Böcke, die dir oft dein Amt erschwerten. Doch nicht dieser Wenigen wegen sieht es aus, als schwiege Gottes Güte über deinem Platz. Hast es genau gehört, was Gott Selbst zu dir gesprochen hat. Oder meinst du, es war der Wind, oder deine eigenen Wunschgedanken?!

Was weißt du von Gottes Langmut und Geduld? Das es Wunderdinge gibt und Gott in Seiner Liebe niemanden vergißt, ist dir bekannt, hast es treulich lebenslang bewahrt. Allein — was eben eigentlich die Heilsgedanken unseres Schöpfer-Vaters sind, ist dir als Mench noch ziemlich nebelhaft. Auch kein Fehl, mein Erdenbruder. Solang ein Mensch auf dieser Erde lebt, solang bleibt vieles aus dem Licht für ihn verhüllt, zu seinem Besten. Alles aber nicht, dessen sei gewiß! Was jemand gut erfassen kann, ist die Segensfülle hehrer heiliger Barmherzigkeit.

Von dieser laß dich leiten und du bringst die dir am Herzen Liegenden fort. In der Ferne hörst du von einem Mann, der vom Geiste her ein Großer ist, ein Kämpfer ohn‘ Erschüttern trotz Gewitterwellen, die ihn umspülen, daß er meint, er müßte sinken und mit ihm das Recht, das GOTT ihm in die Hände gab! Seine Freunde werden dich und deine Schar betreuen.

Nach schwerem Weg und mancher Bürde werdet ihr am Ziel das Heil des Schöpfer-Vaters voll erfahren. Dies sei nun genug; was du noch brauchst, wird dir zur rechten Zeit gegeben. Bloß den Hinweis halte ein: Die erste Gruppe führe schon am Abend fort, wenn der Finsterling die Krallen streckt, um diese Opfer aufzufressen. Sei in Gott getröstet und gestärkt.“

War die Nacht durch dieses Traumgesicht verkürzt, war sie lang ob aller Güte, die herabgeflossen ist? Sinkmann prüft es nicht, als er am Morgen sich gestärkt erhebt, weil sein geistiges Gedächtnis Wort für Wort behalten hat. Er möchte es gern niederschreiben. Wird so ein ‚Blatt‘ gefunden, dann braucht er nicht zu fragen, was sich daraus ergibt. Die Weltlichen, zu denen er die Kuttenträger aus Hispanien zählt, die sogar zuerst, würden es für Teufelswerk erklären, weil ihnen selber der Kontakt zum Himmel fehlt.

„Ach nein“, bekämpfte der Pfarrer die Gedanken, „das darf ich auch nicht sagen. Kein Geschöpf steht fern dem Schöpfer, wenn etwa . . .“ Umgekehrt: Der Heilige steht keinem Kinde fern, und stünde es aus eigenem Versagen ohne Licht und Gnade da, selber von Ihm abgerückt. Ob der Vergleich so gelten darf? Gewissenhaft geprüft. Der Treue ist bedacht, die Widersätzlichen zu entschuldigen, ja, er hebt sie in Gebeten förmlich seinem Gott entgegen.

Und das ist‘s, was diesen Mann so geistig macht, daß er inneren Verkehr mit einem Engel hat, dann und wann mit Gottes väterlicher Stimme, wie es für ihn nötig ist. Also geht er voll Vertrauen einen letzten Weg durch die Gemeinde, damit die Leute morgen in der Messe nicht zu sehr die Köpfe hängen lassen.

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