Die große Flucht; das Brandmal und das Wunderkraut
Kapitel 9
Eine Nacht, zum Fürchten. Dazu der Uhuschrei, der den Menschen leicht das Grauen bringt. Kein Sternlein läßt sich sehen, der Mond ist gestorben, tiefe Wolken jagen übers Land. Und war doch der unbekannte Segen Gottes. Freilich, wer nachts nicht sehen kann, wer sich ängstet, den Weg nicht kennt, für den wäre es wohl besser, er bliebe fern, im eigenen Heim behütet.
Nach und nach gewöhnt man sich ans Dunkel, wenigstens insoweit, um den Baum zu finden, der als Treffpunkt ausersehen war. Es ist nicht sehr kühl, doch der Wind läßt frösteln; verständlich jene Frage: Was wird nun werden? Wo geht es hin? Da faßt eine Hand nach Berthold Meurers Arm. Er weiß gleich: Das ist der Gottesführer; so hat er ihn auf diesem Weg benannt.
Mag stimmen, obwohl GOTT der Führer ist! Wortlos bindet Sinkmann erst die Frau an sich, dann Beate und zuletzt den Mann, der nebst seiner Rückenlast den kleinen Wagen zieht. Darin schlummert Peterle, nicht ahnend, was geschieht. Es ist ein starkes Seil, mit dem der Pfarrer alle angebunden hat. Keiner kann danebentappen; und wenn einmal — das Seil hält fest.
Nich lang, etwa eine halbe Stunde Weg, beginnt der Boden weich zu werden. Sieh, ohne Trug: Vor ihnen ist es wie ein Licht, dem tappt der Gottesführer nach. „Kann es nicht ein Irrlicht sein?“ fragt die Frau. Durchaus verständlich. Irrlichter tanzen dort, wo ein Moor die Leute in die Tiefe lockt. Man hatte ausgemacht, nicht zu reden; in der Nacht ist auch ein leises Wort oft weit zu hören. Die Frage drang jedoch nur bis an des Pfarrers Ohr.
Ohne anzuhalten, greift er mit einer Hand zurück. Helene spürt den Druck, der sie beruhigt. Jetzt, wo sie weiß, daß nicht allein der Prediger den Engel sah und hörte, sondern auch ihr Töchterlein, mag sie gerne glauben, es sei ein Himmelslicht, von jemand vor ihnen hergetragen. Sie erinnert sich an eine Predigt, in der Sinkmann es erklärte, wie Gott einst als Feuersäule Nacht für Nacht den armen Wüstenweg beleuchtet hätte.
Berthold, der sich öfter um den Wagen kümmert, damit dem Knaben nichts geschieht, sieht auch ein Lichtlein hinter sich, wie wenn jemand gehend ein Laternchen trägt. ‚Ach Du mein heiligguter Gott, mit zwei Lichtern hast Du uns umgeben, die Du uns zum Schutz und Schirm entsendet hast?
Es ist von uns Menschen kaum zu glauben, daß es heutzutag noch sowas gibt. Oh, Du bist der Gott der Ewigkeit, ewig währen auch die Wunder! Ob wir sie sehen oder nicht, spüren, oder, wie ein Maulwurf in sein Erdloch kriecht, nichts merken von der Herrlichkeit Deines Regimentes, Deiner Güte. Nimm meinen Dank, nimm mich, wenn nicht anders, selbst als Opfer an, nur bringe meine Lieben und den guten Unterhirten aus der Not heraus.‘
Tiefer Friede füllt das Herz des Mannes, als ob es Worte wären, die er empfangen hat. Sein Gebet ist angenommen, des Opfers kann der Herr entraten, Meurer, einer von den Unbekannten, soll es noch beweisen, daß doch der GLAUBE siegt. Aber nicht bloß er spürt diese Friedenskraft, sie läuft durch das starke Seil. Sie berührt einen jeden. Und Beate? Könnte jemand ihre Augen sehen, wie sie strahlen, wie sie ihre Hände dankbar ineinander flechtet, kindliche Gebete spricht und freudig auf die beiden Lichter sieht. ‚Oh, unsere Engel, sie sind da!‘
Drei Stunden sind sie durch den Wald, durch den breiten Ring des Moors gegangen, da endlich kommt der feste Boden. Sie sind auf der unbekannten Insel, wie mitten zwischen Urwald, angelangt. „Gott sei Dank“, spricht Sinkmann leise. Meurers sagen es inbrünstig nach. Man weiß nicht, wie spät es ist; die dichten Wipfel, die von vielen Bäumen auf der Insel aufwärtsragen, lassen jetzt noch keinen Blick zum Himmel frei. Nur im Gefühl spürt man den Morgen, er kann nicht mehr allzu ferne sein.
„Nun müßt ihr warten, meine lieben Leute“, wendet Sinkmann sich an Meurer, „etwa eine Woche. Ich kann nur Nacht für Nacht jeweils eine Gruppe bringen. Macht kein Feuer an, so nötig ihr es brauchen würdet. Am Morgen findet ihr die klare Quelle. Hab‘ geprüft, sie ist gut, ihr könnt das Wasser trinken. Nachts wickelt euch in eure Kotzen. Habt ihr genug zu essen mit? Morgen bringe ich was mit, will sehen, ob der Wirt mir etwas gibt.“
„Macht euch, Getreuer, um uns keine Sorge; hoffentlich kommt ihr selber gut zurück.“ — „Da ist vorgesorgt; hab‘ mein Säckchen mit, wo ich drin die Kräuter sammle. Und da ich‘s stets am frühen Morgen tue, fällt es keinem auf, wenn ich erst spät zu Hause bin. Heute und die andern Tage geht es ohnehin ganz gut, ‚der“, er meint den Spanier, „will ein paar Tage in die große Nachbarstadt, wo zwei von seinem Orden schon amtieren.
Seht, es ist wunderbar geführt; und der Nachbar — tut mir zwar sehr leid — ist ausgeschaltet. Behüt‘ euch Gott, Er segne uns.“ Er ist verschwunden. Das Seil hat Sinkmann für die andern Gruppen mitgenommen. Behütet, doch nicht leicht im Wald auf dieser Insel, kein Jäger dringt hier durch. Der Rest der Nacht bringt noch ein wenig Schlaf. Anderntags sucht Berthold eine Stelle auf, nahe der Quelle, wo in einem Rund viel Buschwerk steht. Das hält die kühlen Winde auf. So warten sie getrost, bis nach und nach die andern von den Flüchtlingsfreunden kommen.
Sie sind da: Stängler, Kieslutz, Stiebitz, Hieselbar, Schrober, vom Nachbardorf noch zwei Familien und, kaum zu glauben — auch der Medicus ist gekommen. Berthold fragt ihn aus. „Hm, der Hohe hätte gern mich ausgehorcht, ich wüßte, wo ihr hingegangen wäret, und es sah aus, als wolle er mich ‚streng‘ befragen. Was das besagt, ist schon bekannt. Euere Häuser hat man abgebrannt, ist nicht schade drum. Alles Vieh hat ein Kloster eingetrieben; und das ist wieder gut. So hat die Kreatur doch eine gute Pflege.“
„Wie geht es weiter?“ fragt Sepp Stiebitz, an den sich Frau und Kinder klammern. „Wir warten, bis der Pfarrherr kommt“, erwidert Berthold Meurer, der oft im Dorf der Sprecher war, zum Verdruß des Huber, woraus sich auch der Haß ergab. „Warten?“ Stiebitz zieht die Augenbrauen hoch. „Wir lassen uns gern von dir führen, auch vom Doktor Strauber; der kennt Land und Leute. Gut schon, wäre unser Seelenmann bei uns. Doch wissen wir, was zwischendurch bei uns geschehen ist? Fürs Warten bin ich nicht.“
Dem stimmen einige bei, während Kislutz sich an Bertholds Seite stellt. „Was ist deine Meinung, Doktor?“ fragt Meurer. „Schwer zu entscheiden. An sich will ich auch mit warten; ohne Sinkmann — wo wären wir denn jetzt? Sagt‘s selbst! Andernteils weiß man nicht, ob nicht die Häscher das Gestrüpp durchkämmen. Denen“, er meint die Spanierknechte, “ist alles zuzutrauen.“
„Spalten können wir uns nicht“, erwägt Franz Stängler. Er sieht Berthold hilfeflehend an. „Ihr seid bang“, beruhigt dieser, „ganz verständlich; aber wie ihr euch entscheidet, dafür müßt ihr auch die Lasten tragen. Ich bleibe hier auf dieser gottgesegneten grünen Insel . . .“ — wo wir nichts zu essen haben“, unterbrach Hieselbar, absolut nicht bös gemeint, „. . . und warte auf den treuen Gottesführer“, vollendet Berthold seinen Satz.
„Er hat den Weg gewußt, hat unter Einsatz seines Lebens — er hing schon in den Fängen — uns hierher gebracht. Sieben Nächte hat er allesamt geführt, mußte tagsüber noch sein Amt versehen, um nicht aufzufallen. Ich mag nicht wissen, wie der Hispanier ihn in seine Fragenzange nahm! Oh, der hohe Führer ist der Herr, dessen sind wir ganz gewiß! Aber wir“, zeigt er auf die Seinen, „sahen auf dem Wege vor und hinter uns ein Licht.
Das war wie die Wolke und die Feuersäule Gottes und brachte die Gewißheit: ER führt uns auch heraus, dorthin, wo wir in Ruhe leben können, wenn vielleicht in dieser Zeit es nirgends echte Ruhe gibt. Der Glaube hilft, alles zu ertragen! Ich bleibe hier, bis er kommt oder bis ich auf der grünen Insel sterbe.“
Da stiehlt sich eine Kinderhand in seine Rechte. Beate, die sich um die Kleinen kümmert, ums Peterle, dem der ‚Trunk‘ nichts schadete, der als Vierjähriger alles lustig findet, sagt zum Vater: „Du stirbst hier nicht, mein lieber Vater, keiner von uns auf dem Weg, und unser guter Pfarrer kommt, heute oder morgen. Der Engel hat es mir gesagt.“
Was? Der Doktor sieht das Mädchen prüfend an, ob es etwa —? Nein, die Augen strahlen klar, wie Sterne, die tröstlich aus dem hohen Himmel niederblinken. Wie ist es zu verstehen? Berthold Meurer sagt erklärend: „Glaubt es oder glaubt es nicht; Beate hat mir längst gesagt, daß ein Engel sie auf unsere Flucht verwiesen hat, bevor noch ein Gedanke dafür bei mir war, und — bevor der Spanier kam. Das Herrliche:
Auch Sinkmann hatte einen Engel, der ihm genau das gleiche offenbarte wie bei Beate. Er hatte von uns nichts gewußt, wir auch nichts von ihm. Und hat überein gestimmt.
Wir sahen beide Lichter, ich betone ‚unsere‘, sie sind für uns alle da.“ — „Wer glaubt denn jetzt an so etwas, was vor Tausenden von Jahren einmal war“, meint der Doktor skeptisch. „So lange ist‘s nicht her“, widerspricht Berthold. „Gab mir einer eine Schrift, ein Wanderer aus dem Norden. Da stand vom Heiland drin: ‚Und die Engel dienten Ihm‘ (Matt. 4, 11). Der Mann flüsterte mir zu: ‚Wenn ihr mal gefährdet seid, dann zieht rasch nach Norden. Dort ist ein Mann, der bringt das wahre Wort des Herrn!‘ Und er war weg, ehe ich was fragen konnte. Hatte es dann ganz vergessen, doch in unsren Nöten fiel mir alles wieder ein.“
„Ich sah auch zwei Lichter“, bestätigt Strauber, „war aber auf der Hut, es könnten Moorlichter sein, unser Pfarrer ruhig vorwärtsschritt, dann jäh verschwunden war, als wir festen Boden fühlten.“ Jetzt bekennen alle, daß sie ‚es‘ sahen, „wie freundliche Laternen“, sagt Therese Hieselbar, „und war ich ohne Angst.“ Wenn sogar der Pfarrherr — Bei einem Kinde kann es sich um Täuschung handeln; bei Sinkmann nicht, der stets an alle dachte und half, so gut ihm immer möglich war.
Keiner will nun ohne ihren Pfarrer gehn, und Kieslutz sagt: „Warten wir zwei Nächte; kommt er nicht, dann —“ Ihm stockt das Wort, den andern die Gedanken. Wie es bestens geht, richtet man sich in den gut getarnten Sträucherbuchten ein, teilt unter sich das Brot, trinkt vom Quell, von dem Berthold schon am ersten Tag ein Bett zu einer Grube abgeleitet hat, mit Abfluß, die zum Waschen dienen soll. Er sorgt sehr dafür, unterstützt vom Arzt: „Bleibt sauber, damit uns keine Krankheit überfällt.“
Zwei Tage gehn dahin, hoffend, bangend. Meurer hält abends eine kleine Andacht ab. Nun kommt die Nacht, die entscheiden soll. Alle schlafen, und mag dies unter Gottes väterlichem Segen sein, während Berthold und der Doktor an der Inselgrenze harren, die Dunkelheit zu durchbohren suchen, ob ‚er‘ kommt. Ein paar Schritte weit sind Umrisse zu erkennen. Gefühlsmäßig ist es Mitternacht. Da bewegt sich was. Lautlos legen sich die Männer nieder, wie Schatten, die die Nacht verschluckt. Man kann nicht wissen —
Ein Uhuschrei. Er ist‘s! Die Männer springen auf, strecken ihre Hände hin, um den müde Wankenden aufs feste Land zu ziehen. Aus! Sinkmann stürzt in sich zusammen. O du armer, du getreuer Knecht des Herrn! Was hat man mit dir gemacht? Nicht leicht, den Bewußtlosen abzuschleppen, um ihn neben ihren Gruppen, die noch friedlich schlum mern, in das weiche Gras zu betten.
Berthold und der Doktor ziehn dem Ohnmächtigen die Kleider aus, um ihm Luft zu machen. Sie sehen sich erschrocken an. Entsetzlich! An beiden Oberarmen Sinkmanns zeigen sich zwei große, tiefe Wunden, Brandmale, die — Man wagt kaum nachzudenken, wie der Pfarrer sich die zugezogen haben könnte. Von allein, durch Achtlosigkeit? Nie! „Diese Lumpen, diese Höllenhunde‘ ‘, knirscht Strauber, wozu sogar Meurer nickt, tief erblaßt. „Das wird schwer zu heilen sein“, sagt er seufzend.
„Heilen?“ knurrt es böse. Strauber ballt die Fäuste. „Wenn ich könnte, mit eigener Hand würde ich den Kuttenmann erwürgen, und sei gewiß, Meurer: Langsam, fein langsam würde ich das tun, damit er spürt, was grausam töten heißt! Geht der Brand bis in die Knochen, dann ist unser Pfarrer nicht zu retten, außer denn, man hackt ihm beide Arme ab, oben“, zeigt er unterhalb der Schulter an. (Früher war eine Amputation nicht anders möglich.) „Gevatter Tod wäre für ihn ein erlösendes Heil.“
„Ich versteh‘ euch gut, Doktor, und glaubt: In mir brennen Grimm und Zorn, lichterloh! Allein, wir gedenken unseres Gottes, der uns der gräßlichen Gefahr entrissen hat.“ — „Ha“, unterbricht der Arzt, „und tausend andere und mehr sind ihr noch ausgesetzt!“ — „Leider, es ist uns nicht gegeben, diese Finsterlinge zu vertreiben. Ich frage auch: Was haben sie bei uns zu suchen? Was wissen jedoch wir von Gottes heilsgewohnten Wegen?“ Bei dem ‚heilsgewohnt‘ trifft Meurer ein brandschiefer Blick.
„Es sind Gottes Wege von uns Menschen nicht zu ermessen. Selten ist Sein Wille zu erkennen, wenn das Unrecht breite Walzen zieht, und merkt, Freund und Helfer“, Meurer legt dem Doktor beide Hände auf die Schultern, „keine Seele geht dem Vater-Gott verloren; die SEELEN stehn im Lichtstrahl ewiger Barmherzigkeit! Die heißt LEBEN! Der Körper sinkt ins Grab, verwest, vergeht, als wäre er niemals gewesen. Geist und Seele aber, unsere Lebendigkeit aus Gott, die kehren heim ins Vaterhaus!“
„Du kannst ja predigen wie unser Pfarrer, Berthold; na ja, ich weiß: Du wurdest nicht in einem niederen Stand geboren, obwohl ich keine Unterschiede machen will und Arme extra gut betreue, weil sie sich so wenig helfen können. Ausgeredet, wir müssen sehen, daß wir Sinkmann wecken können.“
Während des Gespräches war der Arzt bemüht, den Pfarrer wachzurütteln. Erst ist es ein leises Stöhnen, das dem Verletzten aus dem Munde quillt, dann ein Wimmern, und dem folgt ein Schrei. Bloß gut, daß er ziemlich abseits von der Gruppe liegt. Ist noch früh genug, wenn man sieht, was vorgefallen ist. Auch wollen beide Männer erst mit Sinkmann sprechen, wenn es geht. Nun ist noch nicht abzusehen, wann die Rettungsinsel zu verlassen ist. Der Verletzte wird kaum selber laufen können.
Nach vieler Mühe schlägt Sinkmann seine Augen auf, in denen das Entsetzen liegt. Ein Trunk aus Kräutern, nur nicht abgekocht, hat der Arzt gemischt, um ärgste Schmerzen zu betäuben. „Nicht reden“, befiehlt er gütig, als sich die trockenen Lippen öffnen, „was ihr zu sagen habt, hat Zeit. Wir bringen euch jetzt ins Gebüsch, tut weh; doch dort liegt ihr besser.“
Man hatte von den Rändern dieser Insel hohes Gras gerupft, was wahrlich weicher war als die harten Betten armer Bauern. Die argen Schmerzen nehmen Sinkmann wieder die Besinnung. Strauber läßt ihn so eine Weile liegen. Mittlerweile sind die andern aufgewacht. Meurer unterrichtet sie, ohne von den Wunden viel zu sagen, betont jedoch, den Kranken mit Besuchen zu verschonen. Der Medicus würde erst mal ihn befragen, sobald dies möglich ist.
Die Frauen suchen, was zur Nahrung dienen könnte, finden dunkle Beeren, fragen aber erst den Arzt, ob man sie genießen kann. Erst beißt er eine Beere durch, bloß verschluckt er sie nicht gleich. Als sich im Mund nichts sammelt, was an Gift und Ungenießbarkeit gemahnt, ißt er selber ein paar Beeren, wartet etwas ab, ob sich ein Übel melden würde. Nichts! Sie sind gut, süß und löschen auch den Durst. Man sammelt eifrig ein. „Für einen Tag“, bestimmt der Arzt, „erst prüfe ich, ob sie sich halten lassen.“ Er verwahrt einige und stellt befriedigt fest, daß die Beeren aufzuheben sind. Man sammelt aber ohnehin nur Tag für Tag.
Indessen ist der Gemarterte erwacht. Tapfer seinen Schmerz verbeißend, kommt doch ein Stöhnen über seine Lippen. „Wenn ich ihm nur helfen könnte“, sinniert der Arzt. Er hat zwei Messer, die er zu mancherlei gebraucht, hat sie aber stets gereinigt, bevor er sie verwendete. Hier hat er nichts als kaltes Wasser, und das genügt ihm nicht. Ab und zu träufelt er dem Kranken von den kühlen Kräutersäften auf die Wunden, läßt ihn davon trinken. Es hilft nur nicht, den Tod zu bannen, wenn nicht — Der andere Morgen. Der Doktor sieht nach Sinkmann. Dessen Augen blicken ohne Glanz, das Gesicht ist fahl, der Atem kurz, der Puls geht schlecht. Ob man ihn nicht besser tötet, als einem qualvollen Sterben auszusetzen? Strauber sagt für sich: ‚Ich glaube nicht, daß Gott es als Mord betrachtet‘, dabei würde er es gar nicht fertigbringen, den Freund zu töten. Da schiebt sich eine weiche Hand in seine Faust.
Das Gesicht Beates hebt sich hoch. „Du sollst nicht tun, was du denkst, hat mein Engel mir gesagt. Er war diese Nacht bei mir. Wir sollen uns nicht fürchten, unser Pfarrer würde wieder heil. Und er zeigte mir ein blaues Blümchen, wie ich noch keines sah, die Spur, die wir einzuschlagen hätten und auch mein Vater finden würde. Dort am Rande wüchsen diese Blumen. Die soll man fein zerreiben und auf die Wunden streun. Die Heilung ginge zwar nicht allzu rasch, allein die Schmerzen ließen nach und in drei Tagen sollten wir dann wandern, dann könne unser Pfarrer mit.“
„Das hat er dir gesagt, Beate?“ Der wunderlose Medicus sieht nun doch bedenklich drein. Hm, die Lichter, die die Gruppen durch das Moor geleitet hatten — Er erfaßt des Kindes Hand. „Kannst du mich dahin führen?“ — „Ich weiß es nicht“, sagt Beate, „doch wir finden sie.“ Schon schlägt sie eine Richtung ein, die sie traumhaft sah und ihr wieder ins Gedächtnis kommt. Sie gehen eine knappe Stunde. Oh, da — da — Ein großer blauer Fleck im dunklen Grün. Letzteres ist weich wie Moos, die blauen Blütensternchen leuchten wie das Blau des Himmels, wenn er ohne Wolken ist.
„Tatsächlich!“ Der Arzt kniet nieder, pflückt eine Blume, riecht daran, zerreibt sie und erstaunt, wie rasch sich feine Stäubchen bilden. „Ist zwar ein Gewächs, aber weder Blume, Gras noch sonst etwas. Kommt etwa bloß an einem Moorrand vor, wo fast ohne Übergang es Land mit Buschwerk gibt.“ Er sieht auf das Mädchen, das schon eifrig sammelt, und zerreibt noch ein paar Blättchen.
„Riecht gut“, stellt er fest und läßt Beate riechen. Das Kind ist glücklich. „Es ist eine Himmelsblume“, sagt sie. „Seht nur, lieber Doktor, so blau wie der Himmel über uns.“ — „Hm, hast recht, kleines Wunderkind.“ Das murmelt er, man darf Kindern ihre Kindlichkeit nicht trüben. Beate hat ihr Schürzchen voll gefüllt. „Ob das einstweilen reicht?“ — „Gewiß, mein kleiner Schatz, und wenn nicht, gehn wir beide wieder her.“
Im Buschzelt, wie man die Verstecke nennt, machen sie sich eifrig an das Werk. Rasch ist die Blumenernte fein zerrieben. Der Doktor geht zum Kranken. Außer Berthold, der später kommen soll, nimmt er niemand mit. Der Pfarrherr ruht auf seinem Lager, die Augen weit geöffnet, in denen noch der Schrecken liegt. Als er Strauber sieht, hebt sich ein wenig seine Brust. Er versucht, dem Arzt eine Hand zu geben, was mißglückt.
„Rührt euch nicht, unser Himmelskind“, ja ja, der Doktor gibt es zu, daß Beate anders ist als die andern Kinder, und wer weiß, was noch geschieht, „hatte einen Traum. Ihr Engel war bei ihr und hat ein Wunderkraut gezeigt. Das habe ich geholt. Jetzt versuchen wir es anzuwenden.“ Er entblößt die wunden Arme. Sieht sehr böse aus. Die Wut steigt wieder in ihm hoch. Ach ja, ‚unchristlich‘. Wer das aber sieht, ist Wut da nicht verzeihlich?
Er streut sacht vom Blütenstaub, der inzwischen weiß geworden ist, etwas in die Wunden ein. Daß es nicht schmerzt, sieht er am Gesicht des Pfarrers. Er füllt die Wunden nun bis obenhin, legt den Verband wieder über und sagt, nicht wissend, ob es stimmt: „Lassen wir dies bis zum Abend drauf; dann sehen wir, ob und wie sich die Verletzung bessert.“
— „Es tut nicht mehr allzu weh“, sagt Sinkmann leise. Und schläft ein. „Gut, der Schlaf“, brummt Strauber, als nach einer Weile Berthold kommt.
Die Männer gehen abseits hin und her. „Deine Tochter hm, ob ich es glauben kann? Bin halt so ein Weltling, der durch Kranke und durch Sieche zu viel Elend, aber niemals Wunder sah. Nun scheint mir doch: Es gibt welche. Vielleicht nicht so dargestellt, wie man es zur Zeit in unsern Kirchen hört: Einmal gibt es einen Gott, der gnadenvolle Wunder tut, nur wird darüber seltener gesprochen, dann ist Er der Gnadenlose, der die Sünder in die Hölle stößt, und alle wären Sünder. Sinkmann hat das nie gelehrt.
Ha“, Strauber lacht verächtlich, „die Hölle haben wir auf dieser Welt, zu der braucht man nimmer abzusinken! Sieht man an unserem Freund. Wenn er berichten kann, ist es besser, wir beide hören zu. Man weiß nicht, wie es später ausgetragen wird, gut, falsch, getreu oder aufgebauscht und . . .“ — „Aufbauschen braucht man so was nicht“, unterbricht der Bauer. „Es ist arg genug, was der Gute leiden muß. Ob es gänzlich heilen wird?“
Strauber hebt die Schultern: „Ist abzuwarten; das Wunderkraut wird helfen, daß er die Arme nicht verliert. Große Narben bleiben und etwa auch ein Schmerz. Doch der wäre zu ertragen, wenn er Arm und Hand gebrauchen kann.“ — „Oh, daran glaube ich“, bekennt Berthold feierlich. „Nicht aus dem ‚du-mußt-glauben‘, wie man es den Leuten einzutrichtern sucht, sondern weil das eine und das andere zusammen traf: Sinkmanns Engelswort und jenes an das Kind. Meine kleine Tochter — wer hätte das gedacht?“
„Du mußt sie hüten und laß nicht allzu viel davon verlauten. Ist abzuwarten, wie es in der Fremde uns ergeht und ob da nicht schon —“ Scheiterhaufen brennen und was der Greuel mehr, will der Doktor sagen. Er schluckt es ‘runter. „Ich hege nur die Hoffnung, daß wir zusammenbleiben können; als einzelne Familien werden unsre Leute untergehn. Sie können sich schwer selber helfen; allein der Hieselbar besitzt ein helles Hirn.“ — „Und der Schrober auch“, fügt Berthold an. „Kommt wohl daher, weil er beim Kerzenziehen Zeit zum Denken hat.“
Sie gehn zurück, helfen, wo noch Hilfe nötig ist, und warten auf den Abend. Man hat Sinkmann auf ein neues Lager umgebettet, er muß so weich wie möglich liegen. Ein grobes, festes Tuch hat Strauber ihm um Rücken, Arme und Brust gewickelt, damit beim Tragen oder Hin und Her die Arme nicht herunterfallen können. Nun nimmt er sehr behutsam alles wieder ab. „Mein Gott“, ruft er aus, aber so, daß der Verletzte es nicht hört, „der Brand ist zurückgegangen; brauch‘ ihm nichts mehr abzuschneiden, wenngleich immer noch die Wunden tief und blutig sind.“
Wiederum mit größter Vorsicht streut er den Blütenstaub hinein; was er am Morgen füllte, das ist völlig aufgebraucht. „Wie geht es euch?“ fragt er freundlich. „Schon viel besser“, mit einem kleinen Seufzer, „es tut schon weniger weh als gestern oder heute morgen.“
„Könnt ihr sagen, wie das zugegangen ist?“ Sinkmann nickt, doch man merkt ihm seine Qualen an. „Jetzt nicht; morgen, wenn ihr könnt, es wäre gut, wir wüßten, was geschehen ist.“ — „Nicht allen“, flüstert Sinkmann, „die Frauen, auch die Männer . . .“ — „Weiß ich, Freund, es genügt, wenn ich und Meurer es vernehmen.“ — „Ja, so ist es recht.“ Nachdem er etwas aß und trank, schläft er diesmal ruhig ein.
„Komisch, wie ich mich verwandelt habe“, hält der Doktor mit sich selber ein Gespräch. „Na ja, ungläubig war ich nicht, habe stets an Gottes Güte, an Sein Wort geglaubt, wenn auch schwer, weil man so viel Leid und Elend sah. Konnte es mit Gottes Güte und mit Seinen Worten schlecht verbinden. Jetzt hab‘ ich vieles in mir umgekrempelt, oder — eigentlich hat es das Kind getan, oder noch eigentlicher deren Engel.“ ‚Oder Gott?‘ Ganz deutlich hört er neben sich die Frage, dreht sich hastig um und — sieht nichts. Es war da, es war gewißlich etwas da.
Er hat stets real gedacht, als daß er sich an Sinnestäuschungen verloren hätte. Dies war keine Täuschung, er kann es vor der Welt beschwören. „Dank‘ dir schön, lieber Gott im Himmel“, murmelt er, „hast meine Seele auch gerettet. Halt‘ mich ganz fest, Dich möchte ich nie mehr verlieren.“ Welch ein kindliches Gebet von einem reifen Mann. Und ist echt!
Der zweite Tag, den man erwarten sollte, um am dritten dann zu wandern. Übermorgen, sicher in der Frühe, damit sie lang bei Helle ziehen. Sinkmann sitzt auf seinem Lager. Der größte Schreck, die ärgste Pein sind abgeklungen. Der Medicus versorgt die Wunden mit dem sonderbaren Kraut und stellt fest, daß sie von innen heilen. Gut, daß es langsam geht, da finden sich die Adern und die Nerven und wachsen wie von selbst zusammen. Es wird Nachmittag, als dann der Pfarrer, Meurer und der Arzt beisammen sitzen.
„Wenn ihr berichten könnt? Wir hören zu. Sobald ihr müde seid und Schmerzen habt, hört ihr sofort auf“, bestimmt der Arzt. „Wir haben Zeit genug, um nach und nach alles zu erfahren.“ Meurer holt noch eine weiche Decke, das Peterle braucht sie jetzt nicht. Die schiebt er Sinkmann in den Rücken. Dankbar sieht der Pfarrer beide treuen Helfer an. Und erzählt:
„Es ging die drei letzten Tage an, als ich noch dreimal führen wollte, hatte nichts gesagt, damit aus Angst sich niemand selbst gefährden sollte. Ihr kennt den Kaufmann Freierlein, der mit vier Rössern bis nach Nürnberg fährt, um dort einzukaufen, dessen man bedarf. Am Tage vor der vierten Flucht wurde Freierlein verhaftet. Auf mein Befragen dieserhalb sagte mir der Inquisitor, Freierlein hätte nicht nur gegen Gott gesprochen, und das, ihr Freunde, stimmt beileibe nicht, ich kenne doch den Mann, ein guter Mensch, nein — ihn, den Großinquisitor, hätte er verwünscht, was schlimmer wäre als gegen Gott geredet.
Daß der Kaufmann es nicht lassen konnte, Kunden gegenüber sich zu äußern, und habe ihn so oft gewarnt, ist sein Verderben. Welches, seht ihr ja an mir. Sein schönes Haus ward ausgeleert. Schon andern Tages kamen Wagen an, zwei aus Spanien, voll beladen mit allerlei Gerät. Man brauchte keine Fantasie, zu was es anzuwenden war. Das einzelne will ich nicht beschreiben, sonst machen wir uns nur die Herzen damit schwer.
Im Kaufhaus gibt es tiefe Keller. Die kleinen Fenster wurden zugemauert, wenigstens die nach der Straße zu, ob zur Hofseite auch, sah ich nicht; wird sicher so geschehen sein. Dort hinein schaffte man das Eisenzeug, Seile, große Kohlebecken und noch vieles mehr. Kein Mensch war auf der Gasse. An demselben Tag, als die Spanier angefahren kamen, eine Anzahl Knechte waren auch dabei, denen man bei Tag nicht gern begegnet, geschweige denn bei Nacht, bestellte mich der Inquisitor zu sich hin; er war zurückgekommen.
Glaubt es, Freunde, ich hab‘ gezittert, weniger um mich; denn das man auch die Priester Roms verhaften würde, davon war mir nichts be kannt. Nein, um unsere letzten, die noch flüchten mußten, um die habe ich gebangt. Konnte ja nicht ahnen, ob ich über die bestimmte Zeit nicht aufgehalten würde. Daß ich noch alle bringen konnte — dem Höchsten sei dafür gedankt!
Die ‚Eminenz‘, wie sich der Mönch jetzt nennen läßt, war erst die Sanftmut selbst, als er fragte, wo die Familien wären. Er zählte Kieslutz, Stängler und den Schrober auf. Ich müßte es doch wissen, es sei meine Pfarre. Wie ich‘s fertig brachte, Gott wolle mir das Lügenwort verzeihen, ihm offen ins Gesicht zu sehen und zu sagen, ich wüßte nichts da von, wäre ein paar Tage nicht ins Land gegangen, was ja stimmte, würde mich drum kümmern, wenn er, die Eminenz, den Befehl erteilte, weil er zur Zeit das Regiment der Kirche übernommen hätte — Oh, wie konnte ich es tun?
Seine Sanftmut ward zum Brüllen eines Löwen, ich wüßte es genau, und wenn es sich ergäbe, daß ich die ‚ungetreuen Seelen‘, so hat er euch genannt, zur Flucht verholfen hätte, würde ich trotz Priester alle Schärfe der Justiz an meinem Leib erfahren. GOTT gab mir die Kraft, ihm zu widerstehen. Die Eminenz möge mir beweisen, wann ich für längere Zeit dem Amte fern geblieben wäre. Er sei ein paar Tage nicht zum Amt gekommen, ich aber jederzeit, jeden Tag.
Von euch, Freund Strauber, sagte er noch nichts, es war sehr gut von euch, sich bei ihm abzumelden, weil du zu Kranken in das ferne Bergdorf gehen müßtest. Die Frau des armen Kaufmanns hat man auch mit eingesperrt. Die vier Kinder waren auf dem Land bei einer Muhme. So konnte ich den Knecht, der nichts zu fürchten hat, entsenden. Die Muhme ging gleich mit den Kindern in den andern Kirchbereich, wo es noch keinen Inquisitor gibt. Euere Bauernhäuser sind zerstört und alles Vieh und Gut geraubt. Schrobers Haus ist requiriert.
Daß ich die Letzten leiten konnte, wisset ihr, war am andern Tag todmüde. Denn Nacht um Nacht die Wege, tagsüber keine Stunde, um einmal auszuruhen — ich mußte ihn doch täuschen —‚ kamen nach dem Mittag zwei der argen Knechte. Ohne Höflichkeit, wortlos winkten sie mir zu, und es ging — zu keinem Amt, nicht zur Eminenz, sondern in das Haus des Freierlein.
Einiges konnte ich erspähen, wie im Innern alles für die spanische Justiz verändert worden war. Die schöne Wohnung hatte man zu einem Saal gemacht, die Maurer unsrer Stadt waren Tag und Nacht am Werk. Ich sah, daß noch nicht alles fertig war, aber soviel schon, was alles zu bedeuten hätte. An einem großen Tisch, schwarz gedeckt, saß der Inquisitor mit zwei der neuen Knechte. War anzunehmen, daß es verkappte Mönche sind, von seinem Orden.
Fragen regneten auf mich nieder. Die Kraft, standzuhalten, gab mir der Heiland, unser Gott. Man führte mich in einen Keller. Bis auf kleine Luken unterhalb der Decke war es völlig finster, außer einer Fackel, die obendrein die Luft verpestete. Selber zeigte mir der Spanier die Folterstücke und fragte, ob ich wohl damit Bekanntschaft machen möchte oder eingestehen, daß ich die Hand im Spiele hätte, euch fortgebracht zu haben.
Es war schauerlich. Ein minder starkes Herz hätte sonst etwas gesagt, Wahrheit oder Lüge, bloß um freizukommen. Habe aber schon gehört, daß ein Geständnis niemanden vom Tod verschont, er würde bloß ‚ein wenig gnädiger‘ gestaltet. Als ich beteuerte, ich wüßte nichts — überdies, man hat zwei Stadtknechte unter Androhung dazu verpflichtet, bei der Jagd auf Ketzer oder Übeltäter mitzuwirken, zumal sie Land und Leute kennen —‚ stieß man mich auf eine rohe Bank, band mich fest, nahm mir die Oberkleider ab, und ein Spanier holte einen Eisenstab, drückte ihn ins Kohlebecken, das unheimlich glühte, und stach mit der Stange mir in beide Oberarme ein.
Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer andern Bank. Zwei Knechte wachten neben mir, ein Spanier und einer von der Stadt. Sie wechselten im Schlafen ab, meine Schmerzen hielten mir die Ruhe fern. Da hörte ich, wie der Stadtknecht zu dem Fremden sprach: ‚Du bist sicherlich sehr arm; von was bezahlst du deinen Trunk?‘ Der lachte rauh heraus: ‚Bin ja erst kurz dabei, der Sold wurde mir versprochen, nur noch nicht ausgezahlt. Meine Gurgel ist fast ausgetrocknet.‘
Darauf der Städter: ‚Komm, der Pfarrer ist bedient, der kann sich kaum bewegen, geschweige laufen. Um die Ecke gibt es einen Trunk, der rinnt dir nur so durch die Kehle, ich bezahle dir. Schließe ab, nimm den Schlüssel in Verwahrung. Morgen geht es mit dem weiter.‘ Er zeigte auf mich hin.
Die Nacht war noch nicht um, als sich der Schlüssel leise drehte. Ein kleines Kerzenlicht fiel mir ins Gesicht. ‚Könnt ihr gehen, Pfarrherr?‘ Der Stadtknecht war gekommen. Mühsam stand ich auf. ‚Wohin?‘ Darauf der Knecht: ‚Nicht reden, ich bring‘ euch fort. Habe nie vergessen, wie ihr meiner Frau geholfen habt, den Arzt bezahlt, bis sie gesund geworden ist.
Absichtlich bin ich Knecht geworden, weil ich hörte, man würde euch verhaften. Da stand es bei mir fest, euch zu retten, koste, was es wolle.‘ — ‚Der andere?‘ — ‚Dem hab‘ ich eingeheizt. Den Schlüssel schiebe ich ihm in die Tasche. Der ist dran, darauf könnt ihr euch verlassen! Daß ihr einige gerettet habt — ah, von eurem Mut schneide ich mir eine Scheibe ab; werde ihn gebrauchen können.‘
Bald waren wir im Freien, er brachte mir zu essen, einen Umhang und war von der Nacht verschluckt. Daß ich die Eiche und dazu den Weg gefunden habe, mit meinem Schmerz bewältigen konnte — nun, ihr glaubet mir: Mein Engel kam und mir war, als stünde er leibhaftig da. Mag es mir das Fieber vorgezaubert haben — Tatsache ist, daß ich nicht mehr wußte, ob ich auf dem Moorweg bin. Dann, mein letzter Schrei — da habt ihr mich gefunden.“
Mühsam war zuletzt die Stimme, und verstummt. „Was weiter?“ fragt der Arzt. „Lassen wir uns führen“, erwidert Meurer. „Hat er sich bis morgen gut erholt, brechen wir am nächsten Tage auf. Beate hat mich zur blauen Blumenstelle hingeführt. Dort suchte ich und fand bald einen Pfad. Es sieht so aus, als wäre dort das Moor nicht allzu breit, nicht so, wie es auf dem Herweg ist. Bloß was draußen wird, ist abzuwarten. Wir werden Stadt und Dorf umgehen, einzeln müssen wir für Brot, Milch und Früchte sorgen. Mehr brauchen wir zuvörderst nicht.“
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