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Kap. 10 – Ein Herzgebet; Weiterer Weg ins Ungewisse; Zwischenspiel mit Räubern

Ein Herzgebet; Weiterer Weg ins Ungewisse; Zwischenspiel mit Räubern

Kapitel 10

Der Morgen steigt herauf, ein wenig dunstig, aber hell genug, um Weg und Steg zu finden. Berthold Meurer sieht zum Himmel auf, er steht bei Strauber. „Wird kaum regnen; und ist‘s nicht sehr hell, dann ist es für uns gut. Wie steht es denn um unsern Freund? Kann er gehen?“ — „Ich denke schon. Da das Gepäck erleichtert ist, weil niemand mehr sehr viel zum Beißen hat“, es klingt sarkastisch, ist jedoch besorgt gemeint, „so wollen Hieselbar und Stiebitz, unsere Kräftigsten, ihn stützen.

Die Frauen sind sehr tapfer, ich bewundere sie; bürden sich noch auf, was die Männer tragen müßten. Und erst unsere Kinder! Weißt, an euerer Beate habt ihr wirklich eine — hm, na ja, eine Glucke, die Kleinen hängen ihr am Rock. Also auf! Habe schon geprüft, ob keinem etwas fehlt. Die Inseltage waren gar nicht leicht. Entbehrung macht den Körper schwach.“

„Ja, auf!“ sagt Berthold, „aber nicht, ohne Gottes Licht und Segen zu erflehen. Doktor, gern faltet ihr die Hände nicht; ist auch weniger wichtig. Wem Gott nicht das Herz ‚entfaltet‘, der mag knien und wimmern, mag die Hände ringen, was nützt ihm das? Unser Pfarrherr kann noch keine Rede halten; er gab es mir zur Hand, daß wir ein Gebet gemeinsam sprechen.“ Die Gruppen sammeln sich, andächtig und frei von dieser Welt.

„Herrgott, unser Vater, siehe auf uns nieder, die wir auf dem Weg ins Ungewisse sind. Du hast uns gerettet, hast uns wirklich Deine Engel beigegeben, führe uns auch weiterhin. Gehe vor uns her, wie einst dem Volk als Wolkensäule, die auch bedecken kann. Erfülle an uns Deinen Willen, halte jeden an der väterlichen Hand. Und dann, o Heiliger, wenn Dir es wohlgefällt, laß uns Deine Zeugen sein, daß Du, der ferne Gott, ewiglich der Nahe bist (Jer. 23, 23). Wer also an Dich glaubt, sich willig unter Deine heilsgewohnten Hände stellt, ist immerdar von DIR geführt! Geht es auch manchmal auf der Welt durch Leid und viele Not, weil Menschen, die zwar Deinen Namen nennen, Dir ferner stehen als der Himmel dieser Welt — von uns aus gesehen —‚ und in dem Greuel ihrer armen Seelen Qual, Pein und Schreck verbreiten. Wer noch zu Hause in Gefahren steht, die zurückgeblieben sind, Vatergott, hilf jedem aus der Bitternis heraus! Segne uns und unsern Weg; gib uns auf der Erde noch die Heimat, bis wir in Deine Heimat kommen, in unser so ersehntes ewig-wunderbares Vaterhaus! Amen.“

Sogar der Arzt spricht Amen, mit gefalteten Händen. Rasch wendet er sich um, keiner soll die Träne sehen, die sein Auge netzt. Es geht allen so. Sinkmann sagt: „Berthold, ich hätte niemals besser beten können, als du es jetzt für uns getan. Wir stehn in unseres Vaters Hand und wollen stets drin bleiben.“ — „Ich weiß selber nicht genau, was ich sprechen durfte“, bekennt der Bauer. „Jemand hat das Wort mir in den Mund gelegt, so kommt mir‘s vor.“ Er ermannt sich fest: „Bitte, sammelt euch. Hinter mir soll unser Pfarrer gehn. Ist der Pfad einmal zu eng, so geht Hieselbar voraus, Stiebitz hinter ihm, und haltet ihn am Gürtel fest.

Dann die Kinder mit den Frauen und die Männer, zuletzt der Arzt. Er sieht dann gleich, wo Hilfe nötig ist.“ — „Fein geordnet“, lobt Franz Stängler, der trotz Alters helfen will, wo dies irgend nötig wird. „Wir werden uns einander immer helfen müssen“, meint Kieslutz und hat damit recht. Vorausgesagt: Man bleibt beisammen. Hier wird die Nächstenliebe wirklich groß geschrieben.

Der Weg durchs Moor hinaus zeigt sich als besser als herein, er wird allmählich breit und fest. Endlich ist der Wald zu Ende. Ein freies Tal breitet sich vor ihnen aus; in einiger Entfernung ist ein Ort zu sehen. Rechts davon sieht man einen kleinen Hain. Auf einem Umweg steuert Berthold darauf zu. Alle sind ermüdet, zumal die Kinder. Oft hat ein Mann trotz Last ein Kind getragen. Pfarrer Sinkmann sieht erschöpft und fiebrig aus. Seine Wunden schmerzen wieder mehr.

Beate hat zuletzt noch fleißig von den ‚Himmelsblumen‘, sie läßt sich dieses Wort nicht nehmen, eingeheimst und Peterles Wagen auch gezogen. Man lagert vom Rücken her gesichert, den Ort, es ist ein Dorf, vor Augen. Meurer schaut erst eine Weile hin und her. Er windet sich zwischen Feldern, die noch nicht abgeerntet sind, den Häusern zu. Beim ersten bleibt er stehen, überlegend, was er zu sagen hätte, in der Hosentasche etwas Geld, jeder gab die Kreuzer her, weil es ja um alle geht.

Eine Frau tritt aus der Tür. Erstaunt bleibt sie stehen. Heutzutage ist‘s gefährlich, einem Fremden zu begegnen. Meurer sieht ein wenig abgerissen aus. Kein Wunder bei der Flucht und mit dem Habit, was auf dem Leibe hängt. Er geht langsam vor, grüßt freundlich, und der Frau ist es, als ob der Mann trotz Ärmlichkeit ein Braver sei, kein Vagabund.

„Was treibt dich her?“ fragt sie, „Die bittere Not“, entgegnet Meurer. „ich weiß nicht, wie es bei euch ist, hoffe aber gern, ihr könnt in Frieden leben.“ — „Wie man‘s nimmt.“ Die Frau dreht den Kopf zur Seite, eine Geste, die besagt: Trau, schau, wem! „Unsere Männer sind erregt, wir Frauen haben Angst, es soll ein neuer Pfarrer kommen, ein Fremder. Es steht noch nicht ganz fest, allein . . .“ Sie schweigt, als hatte sie zuviel gesagt.

„Seid unbesorgt“, Meurer gibt ihr seine Hand. „Von mir habt ihr nichts zu fürchten. Gnade Gott, kommt zu euch ein Fremder her. Habt ihr keinen Fürsten, der euch davor bewahren kann?“ — „Ja, den haben wir; doch ein Erzbischof sitzt über ihm. Unser Fürst ist gut, bloß machen kann er nichts, weil . . .“ Prüfend sieht sie Meurer an. „Magst mich nicht in deine Stube lassen? Ich tu‘ dir wirklich nichts, des sei gewiß! Drinnen könnte ich dir sagen, wer ich bin, woher ich komme, wohin ich will.“

„Siehst ehrlich aus“, überwindet sich die Frau, „tritt ein.“ Sie setzt ihm einen Krug mit dünnem Fruchtsaft vor und Brot. Daß jener Hunger hat, braucht man nicht erst zu erfragen. Dankbar ißt und trinkt der Bauer, und erzählt. Nicht alles, doch soviel, daß die Frau vor Mitleid förmlich überquillt. Sie holt einen Sack herbei und tut Brot, Äpfel, sogar etwas Fleisch hinein, stellt einen Krug daneben, angefüllt mit Saft. „Bringst ihn mir zurück?“ „Du kannst dich fest darauf verlassen.“ Berthold drückt die Frauenhand. Sein Blick ist feucht, voll Dankbarkeit.

Welche Freude! Berthold teilt die Gaben aus; bald ist jedermann gesättigt. Sinkmann geht es nach der Rast ein wenig besser. Strauber hat die Wunden frisch verbunden, mit ‚Beates Wunderkraut‘. Der Bauer bringt Krug und Sack zurück. Neuer Segen. Die Frau hat ein paar Nachbarn unterrichtet, und jeder brachte gern ein Scherflein her, einer sogar ein paar Kreuzer.

„Wollt ihr jetzt schon weiterwandern?“ fragt ein Mann, dem die Güte sein Gesicht gezeichnet hat. „Wir müssen; es ist längst nicht abgemacht, ob man trotz des Moores uns nicht folgt. Berittene, und des Inquisitors Leute haben Pferde, können also schnell den Wald umreiten, zumal wir über eine Woche rasten mußten. Keiner von uns bliebe dann am Leben.“ — „Hm!“ Der Gutmütige weiß viel mehr, als die Dörfler bisher ahnten.

„Ihr seid wirklich in Gefahr; aber jetzt den Fluchtweg fortzusetzen — ? Es gibt auf den Wegen allzuviel Gesindel. Aber halt — bis morgen habt ihr sicher nichts zu fürchten; sehr unwahrscheinlich, daß man in Erwägung zieht, ihr wäret durch das Moor gegangen. Und wenn, da nimmt der Inquisitor an — ganz fromm! —‚ Moorlichter hätten euch hineingezogen.

Heute kam vom Nachbardorf der Kaufmann her, der ladet bei uns seine letzten Waren ab. Wie ich den kenne, nimmt er euch alle gern ein gutes Stückchen mit, nach Norden. Er kommt aus Erfurt, liegt weit hinauf. Ob er wieder laden muß, weiß ich freilich nicht. Doch kommt ihr mit ihm eine gute Strecke weit voran, würdet nicht gesehen, und die armen Kinderchen — Ach du liebe Not! Es geht jetzt traurig zu auf unsrer Welt!“

„Das segne euch der Herr, unser Gott!“ So feierlich gesagt, daß man Meurer ganz erstaunt betrachtet. „Euerer Flucht gemäß dachten wir, ihr hättet unserm Glauben abgeschworen.“ — „Bisher waren wir der Kirche treu.“ Ein offenes Bekenntnis. „Was wir erleben mußten — ? Oh, hoffentlich ergeht es euch nicht so wie uns. Der arme Pfarrer, so treu, so gut! Jedem hat er irgendwie geholfen, obgleich ihm wenig zur Verfügung stand. Hättet ihr gesehen, wie er als letzter Flüchtling zu uns kam, und sind viele Arme dortgeblieben, es konnten ja nicht alle fliehn. Oh, ihr guten Leute — ?“ Meurer schweigt. Ist auch genug gesagt.

„Ich gehe jetzt zum Fuhrmann“, sagt der Gütige, „wartet hier, es wird sich ganz bestimmt ergeben, daß er euch hilft.“ Das ist auch gegeben. Der Kaufmann, der zwei Knechte bei sich hat, vier Pferde vor dem Wagen, macht wenig Worte. „Morgen früh, ehe euch die Sonne trifft, sammelt euch in diesem Haus. Hab‘ keine Sorge“, verspricht er fest, „ich komme ganz bestimmt.“

„Das sehe ich dir an und darf zu dir sprechen: Im Namen Gottes sei bedankt. Er möge dich, das ganze Dorf und uns behüten, daß wir unter Seinem Segen bleiben.“ Alle sind beeindruckt von der echten Frömmigkeit des Bauern. Man versteht es kaum, daß die Kirche solche guten Christen nicht mehr anerkennt und sie verfolgt. Was soll aus ihrer Kirche werden? Wie ließe sich das ändern? Das Volk ist viel zu schwach, zu sehr unterdrückt; es gibt keine Mittel, um sich ein Recht zu schaffen. Gerechtigkeit — die kann man suchen und wird sie nimmer finden. — Jetzt.—

Meurers Schutzbefohlene atmen auf. Noch herrscht mit ihrer letzten Dunkelheit die Nacht, als man sich im Haus der guten Bäuerin versammelt, wo — und die Leute sind nicht reich — Brot, Fleisch und Kräutertee auf alle warten. Der Pfarrherr segnet diesen Tisch. Das heißt: Er hat niemals selbst gesegnet, wie seine hohen Amtsbrüder tun. Stets sprach er das alte Gnadenwort: ‚Der HERR segne euch, die Gaben‘, und was dergleichen mehr.

Gerade dieses macht die Dörfler froh. Das Volksempfinden ist viel tiefer angelegt, als die Hohen wissen wollen. Es kann sich nur nicht offenbar entfalten. Wo jedoch so gute Sprüche zugetragen werden, da glühn die Herzen auf, da fühlt man sich zu Gott erhoben, befreit die Seele, das Gemüt von jener Last, die als Sorge weiterhin vor ihren Türen lauert.

Die Kinder staunen über die vier Pferde, gern würden sie mit vorn im Wagen sitzen. Der Kaufherr streichelt sie und sagt: „Seid brav, bleibt bei euren Eltern, die, wie ausgemacht, unter meiner Wagenplane sitzen.“ Es ist zwar etwas dunkel, doch es streicht genügend Luft hinein. Man setzt sich auf das Stroh, Hafersäcke und das Heu wird nicht benutzt. Aus sich getan, worüber sich der Kaufherr freut, der sehr auf die Gespanne sieht. Gut geht es eine lange Strecke, bevor der Abend naht, eine Strecke, zu der die Flüchtenden zu Fuß mehr als zwei Tage nötig hätten.

In einem Gasthaus, ziemlich abseits von der Straße, dem Kaufherrn schon seit langem gut bekannt, wo er übernachtet, die Rösser ruhn, da gibt er einen Wink und Geld: „He, Wirt, laß die armen Leute in der Scheune schlafen. Ist besser, andere Gäste kommen nicht mit ihnen in Kontakt. Einer holt aus deiner Küche sich das Essen. Gib gut, die Leute sind es wirklich wert.“ Oh, der Wirt hört Tag für Tag oft mancherlei Geschichten, wenig gute; er und seine Frau haben sich ein offenes Herz bewahrt.

Die Wirtin selber trägt das Essen in die Scheuer. Sie hat gerade ein Gebackenes und gibt jedem Kinde extra davon ab. Die liebewarme Tat hat ihr einen Herzdank eingebracht, vom Pfarrer den Segen und von Meurer einen festen Händedruck. Es ist ein besseres Ruhen als auf der grünen Insel, denkt aber gern daran. Bloß an das Zuhause mag sich keiner gern erinnern. In Träumen steigen dann die Bilder auf. Es ist bitterschwer, alles zu verlieren und noch lange nicht zu wissen, wie die Zukunft sich gestalten wird.

Wieder kommt das Licht des Himmels. Gottes Zeichen bleibt nicht aus, bei keinem, der sich auf Ihn verläßt. Gerade in der Trübsal ist ER nahe, führt Er seine Kinder an der guten Vaterhand. Sinkmanns Engel spricht: „Noch sieht es trübe aus, eben geht die Straße nicht dahin. Sei ein Fels, halte deine kleine Herde fest. Bedarfst du selbst des Trostes und der Kraft, dann tröste, richte auf, gib das Brot des Himmels durch die Lebensworte Gottes, unseres Vaters, der unser, der euer Heiland ist.

Auch der Kaufmann ist behütet, wenn sich am zweiten Tag Gefahren zeigen. Hilf durch Gottes Hilfe. Seid getrost, Gott verläßt euch nicht! Was noch kommt, äußerliche Glaubensänderung — oh, das sieht der Höchste anders an als Menschen tun. Keine Form des Wortes, die WAHRHEIT gilt! Gott ist Selbst die Wahrheit, und ER gibt dieselbe her!“ Erwachend reibt sich Sinkmann seine Augen. Wort um Wort steht vor ihm da, stark fühlt er sich, wenn auch die Arme noch durch Schmerz behindert sind. Was schadet das?

Noch sagt er nichts davon, was Gottes Güte ihm zu wissen gab. Ah, weniger erstaunt, weil er weiß, daß Beate oft ein ‚Wort‘ vernahm, aber tief berührt ist er, als das Mädchen sich vertraulich an ihn schmiegt. „Na, Kind, was hast du mir zu sagen? Ich sehe dir es an, was dein Herz bewegt.“ Sie blickt ehrerbietig auf. „ich hatte einen Traum“, flüstert sie, „möchte ihn erst euch zu wissen tun, weil . . .“ — „Etwas schwer?“

„Schon, denke aber, es ist Gottes Segen, wenn wir wissen, was auf dem Wege uns erwartet.“ — „Ich höre!“ — „Mein Engel war bei mir.“ Also doch, denkt der Pfarrer. Eint sich ihr Wort mit dem an mich, so ist das Mädchen auserwählt. Zu was? Vielleicht erfährt er es einmal. Er legt einen Arm um Beates Schulter, drückt sie an sich und wartet, was sie sagen wird.

„Er sprach, wir sollten uns nicht fürchten, es käme etwas auf uns zu. Gott würde uns bewahren, den lieben Mann, der uns mitfahren läßt. Ihr, treuer Pfarrherr, sollt uns stärken. Mein Vater würde dafür wissen, würde es ‚bekommen‘, so sagte es der Engel, uns aus der Gefahr herauszuführen. Es wäre GOTTES Führung, und ich — nun, doch mein Vater, weil er sich dem Glauben hingegeben hätte. Einen echten Glauben würden wir noch finden, da, wo wir nach der Flucht verbleiben könnten. Dann hat er mich so lieb umfangen, geküßt und ich wäre seine Schwester.“

Beate meint bedenklich, sie wäre keine Schwester eines Engels. „Doch! Das geschieht nicht allzu oft; und wenn, soll man nicht denken, man wäre sonst etwas. Wir sind Gottes Kinder, sind also eigentlich Geschwister, mit dem Unterschied, daß all die Engel in Erkenntnis weiter sind als wir, weshalb sie über Menschen wachen können.“ — „Ach, ich bin unseres Peters Schwester, mehr nicht.“ Gerührt streicht Sinkmann über das Gesicht des Mädchens.

Der nächste Tag bringt rasches Vorwärtskommen. Bei einem kleinen Handelshaus hält der Fuhrherr an. „Hier habe ich was aufzuladen“, sagt er zu Berthold Meurer. „Unbesorgt“, klingt es freundlich, als jener zagend auf die Kinder und die Frauen sieht. „Das ziehen meine Rösser leicht. Am übernächsten Tag ist allerdings recht viel zu laden; doch die Kinder bleiben hocken, auch wenn eine von den Frauen müde ist und euer kranker Pfarrer.

Ihr Männer müßt halt gehen, getrost könnt ihr bis Erfurt bei mir bleiben. Dort seid ihr mehr gesichert“, er verzieht ein wenig das Gesicht, „soweit man eben heutzutage sicher ist. Glaubt ja, überall gibt‘s Not und Tod, vom weltlichen und geistlichen Gericht. Aber besser ist es bei uns allemal.“

„Euch kann ich nicht genugsam danken, werter Herr. Die Kinder haben viel entbehrt und sind brav gebleiben, wenn es auch mal mit ans Weinen ging.“ — „Verständlich, kann manchem Manne auch das große Grauen überkommen.“ — „Wir haben es erlebt; ich bange um die vielen Leute, die zurückgeblieben sind. Doch wie sollte eine ganze, obwohl kleine Stadt, mehrere Dörfer samt den Weilern flüchten? Das gäbe beinah eine Völkerwanderung.“

Nun ist aufgeladen, die Frauen und die Kinder haben noch genügend Platz. Die vier starken Pferde fühlen nicht die kleine Last, zumal der Weg noch eben ist. Ab und zu geht‘s mal hinauf und mal hinab. Aufwärts steigen gern die Frauen ab. Die nächste Übernachtung ist genauso gut wie die erste, und am dritten Tage zeigt sich mehr ein hügeliges Land.

Es ist kurz nach Mittag, man hat am Waldessaum gerastet. Wasser gab es auch für Mensch und Tier. Der Wald nimmt sie auf. Da — aus dem Dickicht stürzen plötzlich zehn Verwegene vor; sie sehen arg erschreckend aus. Ihre Hellebarden bringen Angst und Schreck, zwar weniger bei den Männern; aber außer ihrem Kaufherrn und den Knechten hat kein Flüchtling eine Waffe.

Wer hatte es gesehen? Wie war es gekommen? Vor den Räubern, die schon nach den Zügeln griffen, um die Pferde auszuschirren, steht das Kind. Beate! „Was wollt ihr hier?“ spricht sie laut, ganz ohne Furcht. „Das ist ein Wagen Gottes! Vernichtet ihn, und ihr vernichtet eure Seelen! Geht, sonst kommt Gottes Zorn auf euch, und morgen würdet ihr gefangen sein.“

Einer stößt schon seine Waffe vor, um das Kind zu treffen. Der Anführer reißt sie zurück und faucht den Kumpanen an: „Bist du irr? Hast du nicht gehört, was dieser Engel sprach?“ — „Engel?“ lacht ein anderer höhnisch, „seit wann glaubst du an Engel? Und willst unser Hauptmann sein?“ Der dreht sich nicht mal zu dem Sprecher um. „Hab noch nie daran geglaubt, aber jetzt —“ Er verschluckt, daß es ihm war, als hätte er ein Licht gesehen, überirdisch schön, und das Kind inmitten in dem Schein.

Er winkt seiner Rotte zu. „Kommt, diesen Leuten dürfen wir nichts tun. Ich gebe auf Gefühle nichts, das wisset ihr; heute aber geht es in mir um: Wir werden das erleben, was das Mädchen sprach.“ Da gibt Beate ihm die Hand, so furchtlos und so lieb, daß die Horde sprachlos stehen bleibt. „Du erlebst es morgen“, sagt sie weich, „man ist euch auf der Spur, wird euch jedoch nicht finden. Und du, lieber Freund, wende dich von deinem Wege ab.“

Schon ist sie im Wagen, bevor ihr Vater helfen kann, legt eine Hand in die des Pfarrers, und wie ein Spuk ist die Räuberschar verschwunden, während man sich traumhaft an die Stirnen greift. Beates Mutter weint, nachträglich aus dem Schock, was ihrem Kind passieren konnte. Alle Weiber weinen, die Männer streichen sich mal hastig über das Gesicht. Freierlein holt das Mädchen wieder aus dem Wagen, drückt es fest an seine Brust, ohne Worte. Das ist mehr als ein Gebet, und es steigt zu Gott empor.

Beate selber fühlt sich wie benommen, sie weiß es nicht, was sie getan, gesprochen hat. Sie hatte bloß ein herrliches Gefühl, das ihre Brust zersprengen mochte, und ist doch ein echtes Jubellied des Herzens, das auch hinauf zum Höchsten steigt. Berthold nimmt seine Tochter aus dem Arm des Kaufmanns, streicht einmal behutsam über das Gelock, sieht in ihre hellen Augen und setzt sie wieder neben ihrem Pfarrherrn hin. Hm, das ist beinah so, denkt er, als säße sie bei Gott, dem Heiland aller Kinder. Recht hat er, der biedere, der glaubensstarke Mann.

Noch mehrmals übernachten sie. Der große Wagen wird allmählich prall gefüllt. Die Kinder läßt der Kaufherr trotzdem im Gefährt, die Frauen gehen gerne mit den Männern nebenher, und geht es steil berg auf, dann wird fest geschoben. Bloß der Pfarrer kann noch keine solche Hilfe leisten; er ist schon froh, weil er gehen kann, ohne viel zu leiden. Die Wunden sind gut ausgeheilt, doch tiefe Narben werden bleiben, sagt der Medicus.

„Das schadet nichts“, erwidert Sinkmann während einer Rast, „die Ärmel decken zu. Ja ja, manchmal tut‘s noch weh“, bestätigt er, als Strauber danach fragt. „Ich möchte die Gedanken überwinden, weil es schrecklich war, als . . .“ — „Eine Schande, daß Menschen gegen Menschen solche Grausamkeit verüben! Frag‘ mich halt: Wieso hat Gott, wenn Er doch allmächtig ist, diese Bestien nicht getötet? Weshalb läßt Er sowas zu?“

„Ich verstehe euch, Doktor; und glaubet mir, auch ich habe mich gefragt: Herr, warum? Bist Du der Schöpfer der Unendlichkeit, der alles schuf, der alles auch erhält, und fällst den Wütenden nicht in den Arm? Was meinet ihr, ward als Antwort mir zuteil?“

„Weiß ich nicht“, entgegnet Strauber beinah böse. „Ich bin ja nicht der liebe Gott! Und wenn, diese Übeltäter kämen bei mir alle in die Hölle — wenn es eine gibt, da könnten sie . . .“

„Gemach, mein Freund, ehe ihr zu Gotteslästerungen kommt! Seht, gerade das hat unsre Kirche allzu oft gelehrt: Die Bösen kommen in die Hölle, die Guten in den Himmel, wobei man für sich selbst den Himmel wählt. Für die andern, besonders für das arme Volk, war die Hölle gut genug. Diese Lehren — freilich, als ich in jungen Jahren eingekleidet wurde, dachte ich, was man mich lehrte, wäre recht — haben mir doch nach und nach sehr zugesetzt.

Wenn meine Schäflein in der Kirche saßen, so vertrauensvoll mich angesehen haben, ja glaubt ihr denn, Doktor, ich hätte es je übers Herz gebracht, von Verdammnis nur ein Wort zu sprechen? Darum hat der Dunkelmann“, er meint den Spanier, „mich gescholten, hat das Gegenteil den Menschen vorgeworfen, wie einen faulen Knochen einem Hund! Ganz verängstigt wurden meine Leute. Mancher kam bei Nacht zu mir, zitternd, und die Frauen weinend, was denn nun zu glauben wäre, was ich gepredigt hätte, oder was der ‚Neue‘ sagt. Niemand nannte ihn bei seinem Namen, für allesamt war der der Neue, keiner hieß ihn einen Priester.

Da hab‘ ich trösten müssen, schlug die guten Stellen auf, die der Heiland kündete. Trotzdem war in kurzer Zeit die Kirchgemeinde ganz verwirrt, was kein Wunder ist. Habe mich ja selbst zusammenreißen müssen, ob die wunderbare Güte Gottes oder doch der Zorn, den die Gottheit über alles Fleisch ergießt, zu gelten hätte. Ich habe ihn einmal gefragt, ob wir, die Diener unserer Kirche — Diener Gottes wagte ich gar nicht zu sagen — mit zum Fleisch gehörten und so wie alle Welt den gleichen Zorn verdienten.

Hättet ihr den Blick gesehen, mit dem er mich gemustert hat, ihr wäret ausgerissen.“ — „Das hätte ich auch ohne Blick getan“, murrt Strauber. „Ich hatte ihn mir angesehen, da hatte ich für alle Zeit genug!“ — „Mir sagte er, falsche Priester, die das Volk fast auf die gleiche Stufe stellten, wo die Priester stehn, gehörten allerdings zum ‚Fleisch‘, das Gottes Zorn auf ewiglich verbrennt. War grob auf mich gemünzt. Daß er aber mir als Inquisitor gegenübertreten würde, das hätte ich doch nie gedacht. Deshalb auch der ‚Brand‘.

Zur schweren Frage, die ihr aufgeworfen habt, warum Gott solche Elemente duldet und nicht mit Seiner Schöpfermacht dazwischenfährt, da müssen wir uns tief in Sein Geheimnis leiten lassen — von Ihm Selbst! Denn Sein Geist erleuchtet uns. Man kann zwar nicht ins heilig hehre Sein des Schöpfers schauen, wäre für uns Menschen gar nicht gut — doch offenbart Er uns so viel, daß wir die ‚Fülle Seiner Gnade‘ kaum erfassen können.

Hat der Schöpfer Sich ein Kindervolk erschaffen, und wir Menschen sind ein Teil desselben, so gab Er uns ein Fünklein Geist, der — wenn wir auf ihn hören — sagt, was gut, was böse ist. Im Menschen dominiert das Böse, was in der Materie, auf dieser Welt so groß im Zepter steht. Würde Gott mit Allgewalt das Unrecht unterbinden, dann wären wir nicht frei, wir wären bloß Geführte, zwangsläufig an die Allmacht angebunden. Dann, was schwer verständlich ist, was mir aber oft in die Gedanken kam:

Was sich nicht entäußern kann, bleibt immer hängen, selbst — ich frevle nicht, wenn ich das sage sogar für Gott, weil Er in und aus der Ewigkeit, Seinem eigenen hocherhabenen Domizil, immer mit dem Bösen rechnen müßte. Es wäre ewig da, eben, weil durch Seine Macht und schöpferische Kraft das Böse unterbunden, niemals sterben, nie ausgerottet würde. Tobt es sich in der Materie aus, alsdann wird es einmal nichts mehr Böses geben.

Stellt nicht mir die Frage, wann wohl diese Stunde käme und ob ich schon den Zeitpunkt wüßte. Den weiß nicht ich, den kennt allein der Herr! Damit muß man sich vollauf begnügen; denn damit, lieber Doktor, sind wir auch mit eingeschlossen. Jeder Mensch tut einmal etwas Böses, auch wenn keine Argheit unserer Seele Schlange ist. Nun noch die eigentliche Antwort auf die Frage, obwohl ich da ein Sucher bin, ob und wie — ?

Mich hat schon lang gestört, predigte man mehr vom Satan als von GOTT, um arme Herzen zu beschweren. Schieben wir die Eigenschuld dem Satan zu, und es wäre so, dann wären alle Sünder frei und Gott dürfte uns nie strafen, bloß den Satanas. Gewiß, der Urheber aller Schuld ist er gewesen. Exakt kann der Mensch das nicht erkennen, wie das einst geschehen ist. Johannes schrieb vom Himmelskampf und daß Michael der Sieger war (OJ. K. 12).

Nun steht dem gegenüber Golgatha, Gottes Gnadenopfer, in das Er Schuld und Fehle eingenommen hat. Sein Wort ‚Es ist vollbracht‘ ist unumstößlich wahr! Hat ER also ‚es‘ vollbracht, das Opfer, und was Er Sich in unermeßlich hehrer Güte und Erbarmung vorgenommen hat, so muß demnach — mindestens zum Teil — auch die Grundschuld Satanas vorgesehen worden sein, ansonst das Kreuznotopfer immer bloß zu einem Teile gültig wäre.

Allein, tut Gott etwas nur zur Hälfte und läßt die andere Hälfte hinter Sich? Da stünde auf: Entweder kann Er es nicht ändern,‘ dann wäre Er kein allmachtsvoller Gott, oder aber müßte Er uns soviel Freiheit lassen, gegeben haben, daß sie über GOTTES WILLEN steht! Das glaub‘ ich nicht. Das stimmt auch nicht! Umsonst hat der Heiland nicht so oft den ‚Willen Gottes‘ über alles Leben, über alles Sein erhoben, wie etwa nach dem einen Wort: ‚Wer den Willen des Vaters tut‘, und vieles mehr.

Jedenfalls kam mir in einer Nacht das Bild: Jesu Kreuz, mehr im Hintergrund, im Vordergrund der Herr. Ob ich Ihn beschreiben kann? Nutzloses Unterfangen! Ich kann nur sagen: Heilig, überheilig war das Bild. ER, wie Er segnend Seine Hände hob, und vor ihm lag das Kind vom Gleichnis des verlorenen Sohnes. Ich sah es etwa so: Die dunkle, armselige Gestalt, die wie zerstört am Boden lag, sie war der Urheber aller Schuld und Sünde. Satanas, man nennt ihn Luzifer. Wie er wirklich heißt, ward mir nicht gezeigt. Braucht man sicherlich noch nicht zu wissen!

Jedenfalls lag in dieser Schau das Ungeheure jener Schöpfermacht, die durch das Kreuz von Golgatha zum Ausdruck kam, den kein Mensch erfassen kann, Aber folgendes läßt sich erkennen: Luzifer, er war durch Golgatha bezwungen! Da füge ich zu euerer Frage an: Beugte Satan sich auch unter Christi Kreuz und Gottes hehrem Willen, war trotzdem seine große Schuld und Sünde noch nicht abgegolten, sein Fall, den er in dem ihm überlassenen Kraftanteil zu seiner Hölle machte. Und alle, sie durch die Materie gehen — da ist halt noch ein großes Rätsel, Freund Strauber (zur Zeit der Geschichte), haben von den argen Kräften etwas aufgenommen, den sogenannten ‚zweiten Seelenteil‘, so wurde mir im Nachtgesicht gesagt.

Nach dem, was ich sah und hören durfte, denke ich mir so: Diese Seelenteile sind der Antrieb zu dem bösen Tun, wohlgemerkt: nur der Trieb. Es kommt auf die menschliche Vernunft, auf die Erkenntnis an, ob man dem Nächsten Böses tun will oder Gutes, Beistand, Hilfe und dergleichen leisten mag. Das liegt allein in unserm freien Willen. Mit ihm kann man die Untertriebe überwinden, durch Gottes Kraft, im Aufblick auf das Kreuz von Golgatha.

Ich sah beim Spanier einmal ein Erschrecken, ganz kurz, kaum mehr als ein Blitz, der vorüberzuckt. Mir kam es dabei in den Sinn: Gott hatte ihn berührt. Es gibt keinen Menschen, der nicht vom Höchsten ‚angestochen‘ wird, wie man so sagt. Es gibt sich im Gewissen kund und ist das GOTTES Stimme, dargegeben in dem Funken Geist. Nur war es bei der armen Seele bloß ein Blitz; denn gleich darauf wurde er besonders heftig, hat zu seinem Schaden sich bekämpft. Ach, weich werden? Nein, das darf nicht sein, den Leuten muß man mit der Härte des Gerichts begegnen! So ungefähr war sein Gedanke, der sich in den Mienen des Gesichtes spiegelte.

Damit hat er sich das Böse auserwählt. Nun, er kam schon mit der Höllenabsicht zu uns her; und einmal sich verhärtet, kommt der Mensch sehr schwerlich aus den Fängen seiner eigenen Seelenschlange, wie ich erwähnte. Er denkt nicht ans Jesukreuz als erlösendes Symbol, er denkt pur an die Macht der Welt, die wie des Menschen toter Leib vergänglich ist. Seht, so läßt Gott, allerdings nie unbeachtet, nie ohne Seine Helferhand, die Bösen ihre Zeiten treiben. Sterben sie dahin, dann stirbt‘ auch mit die Schlechtigkeit. Die Seele lernt im Jenseits einmal alles abzulegen, was wider Gott, wider Sein Gebot begangen worden war.“

Die Männer saßen abseits von den andern, die wieder mal in einer Scheune Schutz und Schlaf gefunden haben. „Es ist spät geworden, verzeiht . . .“ — „Gibt nichts zu verzeihen, Pfarrherr. Habe heute viel gelernt, wenn auch nicht alles schon im Kopfe sitzt.“ — „Wenn es nur ins Herz gegangen ist“, erwidert jener und drückt des Arztes beide Hände. „Im Herzen ist der Sitz der Gottheit, wenn man es so nennen will. ‚Mein WORT in euch‘ (Joh. 15, 7), sagte Jesu zu den Jüngern. Haben wir Sein Wort, so sind wir in Ihm ewig wohlgeborgen. Gute Nacht.“

„Auch gute Nacht. Bloß gut, daß ‚der‘ eure Lehre nicht mithörte, ihr säßet nimmer hier bei uns. Ist für die Wunden noch was nötig? Kann keine Kerze brennen lassen, um danach zu sehen, könnte Feuer werden.“ — „Bei einem Bauern brach ein Brand in einer Scheune aus; gleich hieß es: Das war dein Teufel! Was darauf folgte, muß nicht mehr geäußert werden.“ — „Die elenden Halunken“, murmelt Strauber und verkriecht sich in das Heu.

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