Ein wahres Bekenntnis; Die Bethlehems-Kapelle; Wird es die neue Heimat sein
Kapitel 11
Die letzte Rast vor Erfurt. „Mir tut es leid“, sagt Freierlein, „nun zu scheiden. Hier ein Schreiben, wendet euch nach Eisenach. Vorher findet ihr ein Herbergshaus, das den Schutz des Landesherrn genießt. Es sind alles Leute, die an Luthers Lehre glauben. Ich auch. Jetzt kann ich‘s bekennen, und ihr seid auch bereits auf diesem Weg. Denn was ihr erleben mußtet, das kann euch an euere alte Kirche nimmer binden. Oder doch?“
Sinkmann seufzt beklommen, doch Meurer beruhigt ihn. „Ihr hättet jedes Recht, Rom Valet zu sagen. Was ihr erleiden mußtet und seid dessen Priester, das schreit gen Himmel! Und dann, Pfarrherr — wem dienet ihr, der Kirche oder Gott? Ich habe es erkannt: Das Äußere spielt keine Rolle; ich glaube längst, Gott wird nicht fragen, ob wir an diese oder jene Kirche glauben, sondern ob wir Sein Gebot beachtet haben;
‚Liebe Gott über alles, deinen Nächsten wie dich selbst!“
Der Kaufmann strahlt. „Seht, das lehrt Luther auch. Er war ein Mönch, wie ihr, Sinkmann, ein Priester. Doch er hat den äußerlichen Mantel abgeworfen, hat öffentlich gepredigt und ist der Kirche, der er einstens sein Gelübde gab, nie allzu nah getreten. Er hat nicht gegen sie gepredigt, bloß gegen vielen Mißbrauch, für den die Obersten der Kirche haftbar sind — vor Gott!
Schaut sie euch an! Ihr, lieber Pfarrer, kommt im beinah ärmlichen Habit. Aber was ich bisher von euch hörte, übersteigt alles, was sogar ein Erzbischof schon von sich gab: Leere Reden, hagelte dafür es Strafen, die denen GOTT erteilen würde, wer nicht der Kirche treu und ehrlich dient und — opfert! Gott zu dienen kam da kaum aus seinem Mund.“
„Ich würde nirgends Ruhe finden“, sagt der Treue leise, „wenn man erfährt, ich wäre lutherisch geworden.“ Sagt Freierlein: „So dürft ihr es nicht nennen. Ich habe Luther zugehört, er sprach nie von sich, allein vom Evangelium, von Gott. IHM soll man angehören, sonst keiner Macht der Welt. Das überzeugte mich: Er ist ein Bote Gottes. Luther lehnte manche Ehre ab, die Landesfürsten ihm geboten haben, stand in Worms vor einer Herde hoher Herren, da soll er mitten dort gestanden sein und gesagt, als man ihm gebot, zu widerrufen:
‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders; Gott helfe mir, Amen!‘
Eine Kraft wäre von ihm ausgegangen und man brachte ihn zu seinem Schutze auf die Eisenacher Burg. Von dort gehen seine Schriften aus. Rundum ist fast niemand mehr, Fürst, Bürger, Bauer, die nicht begierig jeden Zettel sich erhaschen, weil auf ihnen Gottes Wort zu finden ist.“ Es beeindruckt sehr. Meurer ist der erste, er hat zu viel erlebt, was er in Hinsicht ihrer Kirche nicht verkraften konnte; Den grausamen Tod der Eltern, den Verlust des Vaterhauses und in letzter Zeit das Grausige der Spanier.
Das ist Menschenwerk, sagt er zu sich selbst, es hat mit Gottes Lehre nichts zu tun. Die Kirche wird sich einmal ändern, ändern müssen, will sie nicht ihr Prestige verlieren. Er ging schon soweit in Gedanken: Auch diese Kirche (die röm.-kath.) wird einst noch viel Gutes tun, ob armselige Menschlichkeiten immer bleiben — überall. Damit hat der Bauer recht.
Er muntert alle auf: „Laßt uns warten, wir werden prüfen, wo das bessere Licht zu Hause ist.“ — „Braucht ihr nimmer lang zu prüfen“, erwidert Freierlein und legt eine Hand auf Beates Scheitel. „Hier habt ihr ja ein Engelein, und wo ein Engel ist, da ist der liebe Herrgott auch dabei. Vielleicht komme ich einmal bei euch vorbei, denn . . .“ — „Wirklich?“ fragt das Mädchen, „das wäre wunderschön! Hoffentlich recht bald.“ — „Wart‘s ab, kleine Ungeduld, Engel müssen auch geduldig sein.“
Obwohl nicht allzu reich, die Zeiten sind nicht dazu da, daß ein Kaufmann große Güter sammeln kann, wenigstens, wer bloß mit einem Wagen reist im Gegensatz zu Nürnberger Herren, von denen man schon hörte, mit wieviel Wagen und Geleit sie durch die Lande ziehen, so gibt doch Freierlein ein gutes Handgeld mit. „Für die erste Zeit, wenn ihr übernachten müßt. Bittet stets um Scheunen, was zwar auf die Dauer nichts besonderes Gutes ist, immerhin — erstens ist es billiger, zweitens werdet ihr nicht ausgehorcht. Gehabt euch wohl, Gottes Segen sei mit euch.“
„Und mit euch!“ Gemeinsam und sehr innig ausgerufen, als wäre es so abgesprochen worden. Der Kaufherr dreht sich um, der Abschied geht ihm an die ‚Nieren‘. Es waren brave Leute, und wie gut, daß sie gerettet sind, wenigstens für die nächste Zeit. Hier herum haben Kirchenbüttel kein Revier, sie werden nicht geduldet. Manch einer gab schon Fersengeld. Die Flüchtenden sehn dem Wagen lange nach, bis er in einer Mulde untertaucht.
„Kommt“, sagt Meurer, „bis Mittag müssen wir ein Dorf erreichen. Nun müssen auch die Kinder gehn. Für Peter habe ich die Karre, und deine Jüngste, Hieselbar, kann auch mit drauf.“ — „Dank dir schön, wir wechseln uns mit Ziehen ab.“ — „Na, Xaver, die Kinder sind doch keine Last?“ — „Ich zieh das Wägele“, erbietet sich Beate. „Geradeaus und bergab“, schmunzelt Hieselbar, währenddes die Mutter schon ihr Dirnlein auf die Karre setzt.
Schweigend wandert man dahin. Es ist ziemlich heiß, der Sommer und des Herbstes Anfang haben ihre Flucht begünstigt. Man gelangt ins Gebiet von Eisenach. Die Herberge wird gefunden. Als der Wirt des Kaufmanns Zettel liest, hellt sich seine Miene auf. Erst schob er die Brauen hart zusammen. Verständlich, kommt Lumpenpack, will in der Scheune schlafen, dann wird gestohlen und Reißaus genommen, ehe denn die Hähne krähn.
Er bringt die Leute selber unter, weist auf eine Ecke, holt ein paar Decken „für die Kinder“, sagt er nebenher und nimmt Berthold, der sich als Verantwortlicher ausgegeben hat, mit in die Küche. Ein großer Suppentopf wird angerichtet, und sie sollten heute nicht mehr weiter ziehn; morgen führe sein Gespann zum nächsten Ort, da wäre es ein besseres Geleit. Rat und Tat wird dankbar angenommen. Die Ruhe tut allen bis zum nächsten Morgen wohl.
Ein Kirchlein steht am Weg, doch bietet es genügend Raum, um etwa fünfzig Leute aufzunehmen. Dahin lenkt der Pfarrer sehr früh seinen Weg, ihm nach die anderen. Als der Wirt es sieht, er ist früh der Erste, weckt er rasch die Seinen. Man kommt gerade recht, als Sinkmann vor dem Altar steht. Ist eigentlich ein Tisch. Niemand gibt ein Geld, um die Kapelle würdig zu erhalten. Der Wirt, seine Frau und Tochter sorgen für das Gotteshaus so gut es geht. Das genügt. Und was der gute Pfarrherr sagt.
Nach dem einleitenden Gebet, aus keinem Buche vorgelesen, wie es üblich ist, nach seiner Danksagung für alle Güte, die die Flüchtlinge auf ihrem harten Weg erfahren durften, zeigt er freundlich in die Runde. „Meine Freunde“, fängt er an, „Brüder, Schwestern und ihr lieben Kinder!“ Der Wirt und seine Leute horchen auf. Klingt das nicht wie — sie befinden sich im sogenannten Lutherland, und da hat sich‘s eingebürgert, daß Luther und die andern Prediger zu den Gläubigen vertraulich sprechen. Da gibt es keine Schranke zwischen Kanzel und Gemeinde.
„Unser Herrgott“, kommt sein Wort, „hat uns hergeführt und wir haben hier, wie schon anderwärts, liebe Leute vorgefunden, die uns behilflich waren, die unser Leid nicht unbeachtet ließen. Nun sind wir wieder, Dank dem Himmelsvater dargebracht, in einem kleinen Raum versammelt. Er sieht arm und sehr bescheiden aus; ich nenne ihn deshalb den ‚Stall von Bethlehem‘.
Ich sah Kirchen, in denen Macht und Pracht zu Hause ist, wie im Tempel zu Jerusalem. Da duldete man den Heiland nicht. Er ist nicht dort zur Welt gekommen, nein — in einer armen Grotte sah Er Seinen Einzug vor. Im Niedrigen hat Sein Gottesfuß die Welt betreten. Eben so, liebe Leute, mag es heute uns zumute sein, als stünden wir im Stall von Bethlehem, als würde uns das Wunder nochmals kundgetan. Wahrlich, wo immer wir in einem Hüttenraum zusammenkommen — stets ist dann der Herr, der Heilige, bei uns in Seiner Segenfülle, so wie einst in Bethlehem.
Man sollte stets bescheiden sein, nicht nach Großem haschen; denn das verweht! Fällt ein Sandkorn in das Meer, wird es niemand wieder finden. Nicht anders bei uns Menschen! Würden wir uns blähen, mit großen Namen schmücken, von uns weltlich Höchstes sagen, dann sind wir vor dem Schöpfer weniger als das Sandkorn, das im Meer versunken ist. Das erhält noch Seine Allmacht, es liegt doch auf des Meeres Grund, wie auf Gottes heiligem Schöpfergrund alle Seine Werke fest und unvergänglich stehn! Er hat die Werke aus der Unvergänglichkeit der Schöpfer-Macht herausgehoben.
Wenn ein Mensch sich selber krönt, ich meine nicht die Krone, aus Gold gemacht, womit er sich zu schmücken weiß, um sein Ansehen, die Weltgewalt hervorzuheben, das, liebe Brüder, Schwestern, wird Gott nie erhalten, weil nicht aus Seiner Schöpfer-Macht gekommen! Ihr Freunde, die ihr hier am Orte wohnt, geht immer in das winzig kleine Gotteshaus; denn hier — hier“, Sinkmann zeigt rundum, „wird der Herrgott euch begegnen in der Stille, etwa ohne Worte, niemals aber ohne Seinen Segen!
Laßt uns niederknien und dem Höchsten danken; Seine Güte, Seine Gnade möge allzeit bei uns sein und bleiben, Er hülle uns in die heilige Erbarmung ein. Amen.“ Gebeugt die Knie, so betet er das ‚Unser Vater im Himmel‘. Er hatte es einmal gelesen, als ein Mann ihm einen Zettel gab, worauf ein paar Worte Luthers standen, unter anderem der Anfang des Gebetes, wie es in er Bibel steht.
Still, hochbeseligt, geht man in das Haus zurück, die Gruppe in die Scheune. „Nein“, widerspricht der Wirt, „meine besten Kammern richte ich euch ein. Die Scheune ist nun nicht mehr gut genug für euch.“ Dabei faßt er Sinkmann am Habit. Der lächelt gütig vor sich hin. Beate ist es, die zum Wirte sagt:
„Ihr meint es herzlich gut mit uns; doch die Scheune ist ja auch ein Stall von Bethlehem, darin möchten wir gern bleiben.“ — „Kind!“ Die Wirtin ruft es aus. „Hast gut aufgemerkt, hast mir gleichfalls einen neuen Weg gewiesen. Bitte“, wendet sie sich an den Pfarrer, „bleibt mit eurem Segen noch bei uns.“ — „GOTTES Segen bleibt bei euch“, erklingt es ernst. „Bedenket aber das: Zu euch kommen andere Leute, und man weiß es nie, wer in welchem Kittel steckt. Wir sind geflüchtet, möglich, man ist uns auf der Spur. In der Scheune sind wir mehr geborgen, da kann nicht gleich einer rein.“
„Dafür sorge ich“, tut sich der Knecht hervor, „das ist mein Revier“, er sagt‘s absichtlich lustig. „Wehe dem, der einzudringen wagt.“ — „Brav, guter Freund.“ Berthold Meurer gibt dem Knecht die Hand. „Wir bleiben also einen Tag; nur schade, wenn heute das Gespann zum nächsten Dorfe fährt. Für die Kinder wäre es schon gut, sie brauchten eine Strecke nicht zu gehen.“
„Ich soll eine Pflugschar holen, weil im Dorf die Schmiede ist. Die könnte ich ja morgen auch noch holen.“ Er sieht fragend auf den Wirt. „Wir kommen heute nicht mehr auf das Feld, es gibt anderes zu tun. Morgen früh macht euch bereit. Nun kommt“, sagt er zu Berthold und zum Knecht, „tragt den Suppentopf hinüber.“ Auch der Wirt hat keine Schätze angesammelt, dennoch gibt er eine Menge Brot hinzu. „Darf ich mit Beate Obst im Garten sammeln?“ fragt die Tochter. Gern wird das erlaubt.
An diesem Ruhetag wird an den Kleidern manches ausgebessert; die Wirtin gibt hinzu, was sie entbehren kann. Denn nun die ganze Zeit nur das am Leib, mit dem man hatte fliehen müssen, da ist vieles arg kaputt. Das Schuhwerk wäre zu erneuern, leider gibt es dafür nichts. Mit Flicken muß man sich behelfen, doch sind Herz und Mund voll Dank, weil man sieht: Es ist kein reiches Haus, es geht gerade auf, was man selber braucht. Wenn man es recht bedenkt: Trotz der Flucht, Verlust von Heimat, Herd und Haus, Angst, Kinderweinen und so manches mehr — Gott hat sie nicht verlassen, ER hat sie getröstet, ER hat sie geführt.
Das ist das Gebet am Abend, im Kapellchen dargebracht. Die Wirtin sagt hernach: „Das wird uns immer fehlen. Wir haben einen Lutherer als Prediger; weil jedoch im Umkreis Rom noch herrscht, wagt er sich nicht völlig frei heraus. Ihr, treuer Pfarrer, habt uns Herrliches gebracht. Nie hätten wir geglaubt, daß ihr, ohne es zu wissen, auf der neuen Glaubensstraße steht.“
„Ein neuer Glaube ist es nicht. Für uns gibt es bloß den einen Glauben: an unsern Gott, unsern Heiland, wie die Schrift es lehrt. Laßt uns nun zur Ruhe gehen, um morgen früh bereit zu sein. Ihr, Freunde“, er meint den Wirt und seine Leute, „braucht gleichfalls euern Schlaf. Es ist schon gut, heute keine andern Gäste hier gehabt zu haben.“ Ach ja, man ist froh darüber.
Beates Blick fällt auf das rechte Bein der Magd. Es war niemand aufgefallen. Die Hausleute hatten bisher nichts getan, was jener hätte helfen können. Du liebe Zeit, wer gibt heutzutage acht, wenn jemand etwas hat? Notfalls nimmt man eine Salbe. Hilft sie nichts, kann man es nicht ändern. Man hat keinen Arzt, und eine Wunde nahm man über haupt nicht schwer. Die heut von selbst.
„Du hinkst?“ Beate faßt nach der Hand der Magd. „Was hast du da an deinem Bein? Zeig her!“ Ein kindlicher Befehl. „Ach“, wird der Schmerz verbissen. „So? Warte hier, ich hole unsern Medicus, der sieht sich deine Wunde an.“ — „Er kann nicht helfen, der hat gewiß nichts bei der Hand, konnte so wie ihr das nackte Leben retten.“ — „Trotzdem, bitte warte, oder komme mit; es ist noch hell genug, daß er die Wunde sich besieht.“
Förmlich mit Gewalt zieht sie die Magd mit fort und ruft an der Scheune: „Doktor, kommt, hier braucht jemand eure Hilfe!“ Der Arzt ist gleich zur Stelle, obwohl er eben Sinkmanns Arme prüfen wollte. Er kann das später auch noch tun. „Was gibt‘s, Beate?“ Er sieht auf die Magd. „Schaut euch das an, die Wunde sieht gefährlich aus.“ — „Du mußt es wissen, kleine Samariterin“, lacht Strauber und meint es doch so ernst.
„Hast du dich verbrannt?“ Er drückt die Wunde auseinander. Eiter spritzt heraus. Die Magd schreit auf. „Tut sehr weh“, faucht er ein bißchen. „Hast du keinen Lappen, womit die Sache zu verbinden war? Viel Dreck ist drin. Ich muß ätzen, mit einem Brand; anders ist es nicht zu heilen. Wenn nicht, verlierst du bald dein Bein.“ Und das Leben, so sieht die Sache aus.
„Ach, Doktor“, sagt Beate, währenddes die Magd mit dicken Tränen kämpft. Die Wirtin kommt hinzu. Recht zornig sieht der Doktor drein. „Habt ihr, liebe Frau“, er bezähmt sich, man hatte sie gut aufgenommen, „das nicht gewußt?“ — „Schon, was konnten wir denn tun? Gebrannt habe ich mich ach wie oft, schlug der Wind das Feuer auf dem Herdstein in die Höhe.“
„Na ja, aber das da sieht sehr böse aus. Die Magd kann ihr Bein verlieren, wenn man nichts dagegen tut. Ich habe freilich nichts bei mir, und ohnehin waren meine Mittel sehr beschränkt. Der Eiter muß heraus. Zwei Männer halten nun die Magd und ich glüh‘ die Wunde aus.“
— „Nein“, schreit die Magd verzweifelt. „Doch!“ sagt Strauber barsch, obwohl ihm gar nicht gut zumute ist. „Es tut höllisch weh, doch behaltet ihr das Bein.“
Beate zupft den Arzt am Ärmel. „Ich habe noch vom Himmelskraut, etwas wäre ja zu opfern.“ Sie wispert: „Mein Engel hat gesagt, nach dem Brennen sollt ihr mit dem Kraut die Wunde füllen.“ So wird es getan. Vor Schmerzen wird die Magd besinnungslos. „Gott sei Dank“, murmelt Strauber, „der ärgste Schmerz wird dadurch nicht gefühlt.“ Er weckt sie auch nicht sofort auf, wie er sonst getan, reinigt noch die Wunde, und Beate, die indes das Kraut geholt, streut es achtsam in das brandrottiefe Loch.
„Dich behalte ich bei mir“, umschlingt der Arzt das Mädchen, eine bessere Hilfe könnte er sich gar nicht wünschen. Wer sieht, wie das Mädel ihre Hände auf die Wunde legt, selbst nicht ahnend, was sie tut? Sie hat gespürt: ‚Tue so!‘ Ihre kleinen Hände gingen wie von selbst. Die Wirtin holte Lappen. Den saubersten legt der Doktor auf und verbindet rasch das Bein. Jetzt weckt er die Magd aus ihrer Ohnmacht auf. Man hat ihr Bett herausgeholt, ein Gestell, ein Strohsack drauf, zwei Decken, und jeder arme Mensch ist glücklich, wenn er so was ‚Bett‘ zu nennen weiß.
Langsam kommt die Magd zu sich. Die Schmerzensschreie, die der Arzt erwartet — er hat schon manchesmal sowas getan, um jemanden zu retten —‚ bleiben aus. Ganz ruhig liegt die Kranke da. Besorgt schaut Strauber drein. Er und Beate gehen in die Kammer, die der Magd gehört. Das Mädchen setzt sich neben sie, streicht nochmals über deren Stirn, dabei flüsternd: „Gottes Engel hat geholfen“, und ist hinaus. Die Wirtin, die an der Türe stand, sieht dem Kinde nach und sagt später noch zu ihrem Mann:
„Mit dem Mädel ist was los, ihre Augen wirken himmlisch, so —“ Der Mann knurrt: „Das laß nicht hören, Frau, weißt ja, wie man zum Verderben hetzt. Wir wären alle dran! Die andern würden bloß von einem Teufel, einer Hexe reden und wir hätten Ketzer aufgenommen.“ Sind keine, wenigstens bis jetzt noch nicht, denkt er weiter. „Sieh nach der Magd. Hab‘ die Leute gerne aufgenommen, bin aber froh, wenn sie weiterziehn. Man kann niemals wissen, ob —“ Das Weitere bleibt ungesagt.
Bangend geht die Wirtin, wie das Schauerliche zu überstehen sei. Erschreckt starrt sie die Kranke an. Sie sitzt auf ihrem Lager; man sieht ihr zwar noch Schmerzen an, allein, sie lächelt. „Bringt mir bitte meinen kleinen Engel, ich will ihm danken, er hat mir so geholfen. Bloß das Ausgebrannte tut noch weh, doch viel weniger, als vorher meine Wunde. Ich stehe auf.“
„Du bleibst liegen, ist nicht viel zu tun. Wenn du aber meinst, das Mädchen sei ein Engel, dann halte deinen Mund. So was darf man gar nicht sagen, sonst werden wir als Ketzer angesehen und dann . . .“ — „O weh, wenn bloß dem Kinde nichts geschieht! Ich habe es im Traum gesehen“, es war jedoch die Wirklichkeit, was die Magd mit in die Ohnmacht nahm, „wie mir die Kleine etwas in die Wunde tat, da war mir so, als hätte ich ein neues Bein.“ Die Wirtin denkt ja ebenso; allein, wegen ihrer aller Sicherheit, nicht zuletzt auch für das Kind, sagt sie resolut:
„Die Engel sind im Himmel. Wenn dich jemand fragt: Wir haben eine Salbe aufgetan, da ist die Wunde heil geworden. Und sollte jemand nach den Leuten fragen, da müssen wir halt lügen: Die haben ohne unser Wissen eine Nacht im Heu geschlafen und sind früh fort. So weiß es auch der Knecht. Sieh, etwas Schönes haben wir erlebt, das bewahren wir in uns, das geht niemand etwas an. Oder willst du in die Eisenrolle kommen?“ Man nannte die Verhöre und die inquisitorischen Strafen so.
Entsetzt hebt die Magd die Hände. „Bei unserm Heiland nicht! Das wäre schlimmer als bisher mein Bein gewesen ist!“ — „Sei also still; wir haben bloß am Heu gesehen, daß da Menschen lagen. Vielleicht werden wir auch nicht befragt . . .“ — „. . . was das beste wäre“, ergänzt die Magd. So erweist es sich. Niemand hat die Spur der Flüchtlinge gefunden, der Kaufherr und die Wirte bleiben unbehelligt. Das ist eine Wunderführung Gottes, wie Er jederzeit sie offenbart.
Man gelangt an das nächste Dorf. Meurer sagt zum Knecht: „Es ist besser, man sieht dich nicht mit uns. Du“, o weh, wieder etwas, was Gott der Herr verzeihen möge, soll ja zum Schutz des Knechtes sein, „hast niemanden gesehen. Von hier ab stimmt es auch. Wir schlagen einen Feldweg ein und kommen also von der andern Seite her.“ — „Habt recht, Herr“, sagt der Mann, „ich danke euch, weil ihr mir helft. Man hört so viel, was hierzuland geschieht. Ich wünsche, daß ihr unbehelligt bleibt.“
Beate möchte etwas sagen, doch ihr Vater geht mit ihr voraus, die andern folgen nach. Sinkmann drückt die Hand des Knechtes. „Gottes Segen sei mit dir, mit deinen Leuten. Grüße sie, wir werden immer an sie denken.“ Rasch geht er fort, wie oft mußten sie schon einen Abschied nehmen. „Sind gute Leute“, murmelt es der Knecht, „hoffe, daß sie ein Zuhause finden.“
In einem baumbestandenen Anger vor dem Dorfe bleibt man zurück. Es ist noch Brot und Obst vorhanden. Und nahebei ein Bach, aus dem man trinkt. Ob es nächste Nacht ein Unterkommen gibt? „Besser ist“, ratet Hieselbar, „wir kaufen uns hier noch ein Brot. Wer will gehen?“ Jetzt verhält Beate nicht; sie hat beim Abschied von dem Knecht es doch gemerkt, besser war, zu schweigen. Nun — „Ich gehe mit Maria Stiebitz; eine Frau und ein Kind fallen nicht besonders auf, als wenn Männer kommen.“
„Bist nicht nur gut, bist auch klug“, lobt der Arzt. „Dich lerne ich ein wenig an, dann kannst du mir bei manchen Kranken helfen. Seid ihr einverstanden“, fragt er die Eltern. Der Vater nickt, Frau Helene auch. „Etwas lernen kann nie schaden. Bei euch, Medicus, ist unsere Tochter bestens aufgehoben.“ Beate nimmt einen Beutel, gibt Maria Stiebitz ihre Hand und sagt: „Komm, Tante, für Geld werden wir gewiß genügend Brot bekommen.“ Darf man es nicht abermals ein wahres Gotteswunder nennen?
An einem Hause wird geklopft, weil es nach frischem Brote riecht. Eine Greisin tritt heraus, mustert Frau und Kind. Eine Mutter mit der Tochter? Sie fragt nach dem Begehr. „Wir wollen weiterwandern, es ist noch weit nach Hause“, redet sich Maria aus. Wohl, ein Zuhause suchen sie. Beate wundert sich darüber. Ach ja, sie hatte es zu oft gemerkt, daß man nicht jedermann die Wahrheit sagen darf, will man nicht in das Verderben fallen. Aber kann der liebe Gott nicht anders helfen?
„Ich geb‘ euch gern, verschenken kann ich‘s nicht, es sind acht Kinder da.“ — „Wir haben Geld.“ Maria gibt fünf Münzen her. „So viel nicht. Deckt ihr euch für länger ein, könntet ihr fünf Brote haben.“ — „Das wäre fein“, dankt Maria. Beate gibt der Frau die Hand. „Gott wird euch segnen, weil ihr so freundlich seid.“ — „Bist ein braves Dirndel. Oh, man muß stets dran denken, daß Gott uns behüten möge.“ In diesem Hause wird es manche Sorge geben, spürt Maria Stiebitz. Genau, und die Alte sieht den beiden nach.
Den weiteren Weg hat der Medicus in einem Haus erfragt. Bis zum nächsten Ort, hoffentlich der letzte, der vor ihrem Ziele liegt, ist es ziemlich weit. Schon der Kinder wegen ist es besser, erst am nächsten Morgen aufzubrechen. Der Tag war lind, der Abend bleibt es auch, die etwas dichten Bäume und Gesträuch schützen vor der Kühle einer Nacht.
Der letzte Wirt mit der kranken Magd gab zwei Pferdedecken. Sind zwar nicht besonders gut, aber dick. Auf einem Moosplatz breitet man sie aus und legt die Kinder darauf nieder. Zugedeckt können sie gut schlafen. Jede kleinste Gabe hilft, nimmt sie aus des Herrgotts Hand; denn daß ihr Fluchtweg unter Seinem Segen steht, haben alle, hat sogar der Doktor eingesehen.
Wo der Bach etwas abseits einen Tümpel füllt, wäscht man sich am Morgen. Beate, Peterle und Hansel, ein wenig streifend, finden rote Beeren, Himbeeren sind‘s und werden hurtig abgepflückt. Zum Brot genossen — ach, wie schmeckt das gut. Da hat Pfarrer Sinkmann vorher recht zum Dank gebetet:
„Herr, unser Vater, Du führst uns wahrlich an der Hand, Du gibst uns, wie die Raben Deinen Knecht Elia speisten. Wie Du Kad und Krug der armen Witwe fülltest, so hast Du uns bisher gespeist (1. Kön. 17, V. 5, 6 u. 14). Laß uns ferner nicht von Deiner Hand, gib uns hier nun eine Heimat als lieben Vorgeschmack, wenn wir in die Himmelsheimat kommen dürfen, einer wie der andere. Preis, Ehre, Liebe, Dank und Anbetung, alles legen wir in Deine Gnadenhand.“
Nun der reiche Beerensegen! Frau Helene sagt: „Es ist nicht ganz recht, daß wir die Beeren nehmen; sie gehören diesem Ort. Wenn die Kinder kommen und nichts finden, was dann?“ — „Hm.“ Ihr Mann kratzt sich das Ohr. „Wir können sie nicht wieder auf den Boden werfen, es zeigte an, daß wir viele waren, nicht bloß eine Frau mit Kind, die die Brote kauften.“
„Ach Vater, es sind viele Sträucher voll, nie sah ich solche Menge auf einmal. Wir haben nun genug, es reifen auch noch welche nach.“ — „Gut, außerdem müssen wir uns rüsten. Besser ist, wir sind schon auf dem Weg, bevor das ganze Dorf erwacht. Gestern abend fand ich einen schmalen Pfad, nach der Dorfseite zu umwuchert, und ist die Richtung, die Freund Strauber hörte. Also auf!“ Die Habseligkeiten sind bereits gepackt.
Der helle Morgen kündet einen guten Tag, leicht läßt sich‘s wandern. Man hilft sich immer gegenseitig, und so geht es rasch dahin. Am Vormittag wird in einer Aue Rast gehalten, das Brot wird schon ein wenig knapp. Jeder ist zufrieden, kein Kind weint, und später findet man am Wegsaum einen Pfahl, etwas, das es damals gar nicht gab. Eine Art Richtungsweiser. Daß der den Lutherleuten gilt, weiß man nicht. Doch wieder ist‘s das Kind, es zeigt voraus: „Dorthin sollen wir uns wenden.“
„Woher weißt du das?“ fragt die Mutter ängstlich. Sie ist besorgt, obgleich man treu zusammenhält. Man kann es niemals wissen. — Ihr Mann hat längst geraten, die ‚Engelsträume‘ zu verschweigen. Es ist Sinkmann, der die Sache rettet. „Manchmal“, redet er, als stünde er auf einer Kanzel, „zeigen Kinder uns den Weg. Der Heiland hat gesagt, daß sie einen Engel bei sich hätten, die ‚das Angesicht ihres Vaters im Himmel sehen‘. Nun, auch wir großen Leute haben einen Führergeist, der bei jedem Menschen ist, wenn wir gern der guten Stimme folgen.
Irgendwie muß der Pfahl etwas bedeuten, umsonst hat man ihn nicht hierher gestellt. Sehr weit können wir auch nicht von jenem kleinen Städtchen sein. Vielleicht ist‘s bloß ein Weiler, der zu Eisenach gehören soll? Da ist unser Ziel.“ Man stimmt zu und geht der Richtung nach, als ob es GOTT gewesen wäre, der mit Seiner Hand nach vorn gewiesen hat.
Ein Abend, selten so erlebt, taut nieder. Im Osten schimmert schon ein Stern. Eine recht ebene Gasse führt in den Ort hinein, der, wie gedacht, gewünscht, die neue Heimat wäre. Da gibt es im Verhältnis schöne Häuser, von Bauersleuten und solche von Gewerben, also eine Art Landstadt mag es sein, wo man Brot und Arbeit finden wird, die Hauptsache, die man nötig braucht. Berthold Meurer geht voran, mit ihm Sinkmann und der Doktor, alle drei beseelt, jederlei Gefahren abzuwenden, wenn solche den Familien drohen würden.
Noch ist es ziemlich hell, als ein Mann, stattlich anzusehen, ihren Weg versperrt. „Halt! Wer seid ihr denn? Was wollt ihr jetzt bei uns, wo die Nacht zu leicht zu Raub und Lungern führt? Daß ihr es gleich wißt“, der Mann reckt sich besonders auf, „ich bin der Oberste der Stadt, und für alles bin ich da! Wer bei uns zu räubern sucht, der wird eingesperrt.“
Er zeigt auf eine kleine Pfeife. „Meine Knechte zeigen euch den Weg: Entweder wieder fort, oder in die Büttelkammer. Daselbst könnt ihr dann bekennen, was euch hergetrieben hat.“ Er sah die Armut auf den ersten Blick. „Ihr seid Bettelvolk, das hab‘ ich gern und . . .“ Weiter kommt er nicht.
Neben Berthold steht Beate, sieht am Manne hoch und schiebt ihre Hand in die vom Vater. „Aha, Kinder sind dabei? Was soll ich denn mit denen tun? Habt sie zur Dieberei erzogen?“ — „Nichts von alledem“, fällt Meurer dem Städter in das Wort. „Bitte, laßt erst hören, woher wir kommen, warum hierher und daß wir ehrliche Leute sind, Heimat, Haus und Herd verloren haben.“
Viele sind vom Notgebiet geflohen, verfolgt von Marter und vom Tod. Luther hat geboten, solche aufzunehmen. Ah, freilich, prüfen muß er schon, der kleine Stadtgewaltige. Des Mädchens Blick hält er nicht aus, und hat doch Kinder gern. Komisch. „Kommt!“ Er führt die Armen in ein Haus, eine Art Ratsgebäude.
„Rede“, befiehlt der Städter barsch, „aber lüge mich nicht an!“ — „Schaut mir in die Augen, dann merkt ihr, ob ich lüge.“ — „Seid ihr auf Ketzerfang, und bloß Frau und Kinder mitgenommen, damit man es nicht merken soll? Hier“, der Städter, eine Art Ratsherr namens Schöber, „sind wir insgesamt lutherisch, da habt ihr andern nichts zu suchen. Der da“, weist er auf Sinkmann, „ist ein Katholik, ein Pfarrer obendrein. Was liegt näher, als daß ihr allesamt . . .“ Meurer unterbricht wiederum in Ruhe:
„Jawohl, wir sind, richtiger: wir waren Katholiken. Ihr, Herr, werdet wissen, daß bei uns im Süden Spanier förmlich eingebrochen sind, die Menschen quälen und verfolgen, nicht einmal die eigenen Prediger verschonen. Wollt ihr den Beweis?“ „Da wäre ich begierig, wie das zu beweisen ist. Ich lasse mich nicht überfahren!“ Meurer bittet Sinkmann, den Oberteil seiner Kutte auszuziehen. „Ich bitte euch nicht gern darum; der Stadtherr soll es sehen, was man sogar mit euch getrieben hat.“
Als der Ratsherr Schöber die noch lange nicht verheilten Wunden sieht und vernimmt, auf welche Weise die entstanden sind, und als Beate einfach sagt: „Das ist wahr! Mein Vater, der Pfarrherr, unser Doktor, keiner von uns lügt!“ Ihre helle Stimme dringt dem Städter bis ins Herz hinein. Kinder und Narren reden die Wahrheit, heißt ein Wort, möglich also — —
Schon ist tiefe Nacht. Die Frauen liegen mit den Kindern auf den Bänken, sanft schlummernd. Beate hatte keinen Schlaf; verwunderlich ist‘s nicht; sie sitzt zwischen ihrem Vater und dem Städter, der ab und zu, unabsichtlich, über das Gelock des Kindes streicht, „Wenn das Luther hört, was ihr berichtet habt — ha, läßt er wiederum ein Schriftchen los, das den Bösen, die sich ‚Stellvertreter Gottes‘ nennen, in die Nase steigt!“
„Kennt ihr Luther?“ fragt der Pfarrherr. „Ja, ich kam einmal mit ihm zusammen, ehe er nach Worms gefahren ist. Ich stellte mich als Ratsherr vor. Da hatte er gelacht, bis ihm die Tränen kamen. ‚Wie? Ratsherr nennt ihr euch? Gibt nur Einen, den man RATSHERR nennen muß. Das ist GOTT, Er ist der Herr, Er weiß stets des Rats genug!‘ Seither lasse ich micht nicht so nennen; am liebsten ist es mir, man sagt einfach Schöber.“
„Da hat der Luther etwas Herrliches gesagt“, meint Sinkmann. „Das wäre was für diese Spanier und ihre Hörigen. Jederlei Gericht üben sie nach ihrem Maßstab aus.“ — „Hab‘ ich auch erfahren.“ Schöber gibt sich einen Ruck. „Ihr Männer laßt uns Freunde sein, wenn ihr Luther angehören wollt. Ja, muß mich wieder korrigieren. Er zankt: ‚Nicht lutherisch seid ihr, sondern Gottes Kinder. Wenn schon, weil ich mich allein aufs Evangelium stütze, so nennt euch evangelisch. Und das genügt!‘
In Worms war er ganz groß. Zwar standen viele Fürsten hinter ihm, ernstlich hätte niemand es gewagt, Hand an ihn zu legen. Krieg wäre ausgebrochen, den sich Rom nicht leisten kann. Man mußte zähneknirschend eingestehen, daß Luther nicht zu brechen war. Denn als man ihm — unter Androhung — gebot, er solle widerrufen, da hat er sich hoch aufgerichtet und gesagt: ‚Ich widerrufe nicht! Hier stehe ich, ich kann nicht anders; Gott helfe mir, Amen!‘ Es hätte bald Tumult gegeben; allein die Kuttenträger zogen ab, wutentbrannt und machtlos, weil halb Deutschland und viel Fremde hinter diesem Gottesmann gestanden sind.“
„Unerhört!“ Aller Augen glänzen. „Wo ist er jetzt? Könnte man ihm mal begegnen? — „Er sitzt gefangen“, sagt der Städter mit geheimem Schmunzeln. „Gefangen? Ich denke, er ging frei heraus?“ Der Arzt möchte wieder einmal an der Allmacht Gottes zweifeln. „Ja, gefangen! Wo? Seine Fürsten nahmen ihn dann auf dem Heimweg sofort hinter Worms in Haft und brachten ihn auf unsere Eisenacher Burg.
Luther sollte auf dem Rückweg, wenn nicht lebendig, dann tot nach Rom zu bringen sein. Nun verfaßt er auf der Burg die Schrift. Nicht jeder darf zu ihm, und wenn schon einer, der wird bis auf die nackte Haut geprüft, was man gut versteht. Wird nicht lange dauern, daß er offen redet. Wie gesagt: Der Papst kann keine Waffen heben lassen, da käme es zum Krieg, den Rom jetzt nicht gebrauchen kann. Zuviel steht für sie selber auf dem Spiel.
Leicht wäre möglich, daß gerade dadurch viele Katholiken sich zum Evangelium bekennen würden und fette Pfründe blieben leer. Luther hat übrigens noch nie den frommen Katholik bekämpft, der bloß aus Erziehung Katholik geworden ist. Nein — gegen das Regime, gegen die Verdrehungen des wahren Wortes Gottes, und daß man — ha, wie gern, von Teufeln mehr zu reden weiß als von der Güte Gottes. Das ist‘s, was Luther angeprangert hat.“
„Laßt uns noch ein wenig schlafen“, bittet Meurer. „Morgen, wenn ihr wollt, Freund Schöber — darf ich euch so nennen? —‚ können wir das Weitere besprechen. Auch Bitten haben wir.“ — „Ist recht. Na, du kleines Mädel“, sagt der Städter, „sinken dir die Äuglein zu? Tut mir leid, daß ich euch hier im Raum belassen muß. Morgen suche ich euch aus, wo ihr erst mal richtig wohnen könnt.“ Mit großem, echtem Dank wird das Versprechen angenommen.
NEUOFFENBARUNG