← Zurück zu „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“

In Sarepta. Ein Römer wird auf Jesu aufmerksam

Kapitel 3

In Sarepta. Ein Römer wird auf Jesu aufmerksam

„Was? Du bringst ein Judenkind?“ Der Hausherr, von stattlicher Figur, an sich mit einem guten Blick in seinen etwas hellen Augen, sieht Charius gerade nicht sehr freundlich an. Er ist römischer Beamter, gehört nicht zum Heeresdienst und hat in Sarepta manches Gute für die Stadt getan, mehr, als man von ihm erwartet hatte. Um den Knaben nicht gleich zu verwirren, schiebt er ihn einer Sklavin zu, die die Küche überhat. „Geh, Maska, nimm den Jungen mit und gib ihm was zu essen; er wird hungrig sein.“

Retzi ergreift flehend Charius Hand. „Keine Bange, es geschieht dir nichts, ich bleibe eine Weile da.“ Ungern folgt der Junge jener Sklavin nach. Als diese aber ihre dunkle Hand auf seine Schulter legt, ihn an sich drückt, weicht allmählich Retzis große Angst. Na ja, er ist ein Kind, hat Hunger, und was ihm geboten wird, schmeckt gut, trotz anderer Kost als es zu Hause gab.

„So, nun berichte mal, alter Freund, was du dir und wohl mir nun aufgeladen hast. Ohne weiteres hättest du das nicht getan, dazu kenne ich dich viel zu gut.“ „Freut mich, Sporanato, hast‘s gleich gespürt, daß Besonderes geschehen ist.“ Zuerst erzählt Charius, auf welche Weise und wie er Retzi fand.

„Na ich weiß nicht‘‘, fällt der Hausherr ein, ‚‚den Juden, der mit eigenen Kindern so verfährt — was ist das für ein Lump?“ „Weiß ich nicht“, erwidert Charius, „kenne ihn ja nicht. Allgemein habe ich in Juda sowas nicht erlebt. Die Eltern lieben ihre Kinder und an die Mädchen darf man nicht heran; da gehn, zumal die Väter, die Mütter auf die Barrikaden.

Retzi hat jenen Mann, den Sonderbaren, von dem du sicher auch schon hörtest, selbst gesehen und mit Ihm gesprochen, richtiger: Er mit mehreren Kindern.“ „Bloß mit solchen?“ „Wo denkst du hin! Ganz Galiläa, Juda, die Randgebiete sprechen nur von Ihm. Tatsache ist, was man allgemein, wer Ihn nicht persönlich kennt, nicht glauben mag: Er tut wirklich Wunder! Er heilt Kranke, lehrt eine unerhörte Weisheit und mahnt die Menschen, gut zu sein. Kriege, Unterdrückungen, eben alles Böse, ist Ihm zu wider. Doch wo Er solche findet, die durch Bosheit krank geworden sind, da hilft Er trotzdem aus, ernst und freundlich mahnend.

So hatte Er, was mir ein Augenzeuge sagte, einem Mann geholfen, der achtunddreißig Jahre lang krank gewesen war, hätte aber gleich betont: »Nun sündige hinfort nicht mehr!« (Joh. 5, 5) Soll bis nach hier von Ihm nichts durchgedrungen sein? Oder doch?“ Charius sieht Sporanato forschend an. Der hebt seinen Kopf, nicht zu übersehen: er mag sich nicht damit befassen. Jedoch einem altbewährten Freunde gegenüber —? Er gibt sich einen Ruck.

„Behalte es für dich, was ich dir anvertraue; mit Schweigen ist schon manchem Mann geholfen, vielleicht auch jenem Galiläer.“ „Ihm? wo viele Römer um Ihn sind?, sich manchen Rat erbitten und wirklich wahr, Sporanato!, sie beschützen Ihn gegen seine eignen Leute, die Pharisäer. Die hassen Ihn, weil er ihre falsche Tünche und ihre Hohlheit aufzuzeigen weiß, bis ins Letzte und geheimste Dinge, die im Tempelrat geschehen. Glaube es: ein Pharisäer bisse sich zuerst die Zunge ab, bevor er eingestehen würde, was unter ihrer finsteren Decke vor sich geht.“

„Spitzel gibt es überall, mein Lieber! Denke ich an Rom, an die uns widerlichen Griechen, da fällt einem schier der Helm vom Kopf.“ „Zugegeben! Aber bei den Pharisäern könnte es bloß einer tun, der zur Einsicht kommt und sich, wie geschehen, zum Nazarener schlich (Nikodemus). Die sind zu klug, des Volkes wegen etwas aufzudecken. Die Menge ist schnell aufgeputscht, leider meist zum Bösen. Gutes hängt fast immer hinterdrein.

Ausgerechnet hohe Römer halten viel von diesem Mann. Sein Name: ‚JESU‘. Nicht anzunehmen, daß sie diesen Weisheitslehrer, Wohltäter und was weiß ich noch, was Er alles ist, ausgerechnet den Templern in die Hände spielen.“ „Mit Absicht sicher nicht“, räumt Sporanato ein. „Wer, wie ich, es mit dem Volk, der oft ungehobelten Menge zu tun hat und spielt es keine Rolle, welcher Volksstamm zu regieren ist, der weiß, wie bald sich Gunst und Ungunst wenden, die Gunst wie welke Blätter, die der Wind verweht.“

Charius muß wieder einmal seufzen; er hat schon viel erlebt. Wer weiß? „Das Volk, Judäa meine ich, tut mir leid; seit Hunderten von Jahren hängt es von den Priestern ab, von denen leider wenige gut zu nennen sind. Gerade diese werden unterdrückt, sogar gemordet in den eigenen Reihen (Zacharias pp). Nicht mal die Könige hatten mehr Gewalt als die Templer.“ „Eben! Bei unseren Götterfesten — nun, das sei jetzt übergangen.

Aber wenn — da lege ich nicht meine Hand für Ihn ins Feuer, daß nicht die Templer — — und glaube mir: ich habe viel von ihrem Rat gehört —‚ Ihm die Stricke drehen. Pilatus hat mir einmal seine Not geklagt. Ohne Templer — er käme mit dem Volke gut zurand; aber jene sitzen schon in Rom auf einem ziemlich festen Stuhl.“ „Tatsächlich? Ja, dann — —“

Nein, beruhigt Charius sich, kein Römer läßt sich irreführen, am wenigsten ein Prokurator. Oh, wie wenig Zeit geht durch die Welt, wird er es — zu spät — erfahren, was man mit Pilatus, mit Ihm, dem ‚guten Mann und Helfer allerwärts‘ beginnt. Durch die Templer! Das Volk hat es einst auszubaden (Charfreitag u. 72 n. Chr.).

Noch hat das Licht in großer Gnadenfülle das bedeckt, noch hofft auch Juda auf Befreiung, freilich von der Römerlast, wie man es so heimlich nennt. Von der ‚Seelenlast‘ — ah, wer will denn davon sich befreien lassen? Man müßte zur Erkenntnis kommen. Um wieviel aber schwerer diese ist als jede Bürde dieser Welt — wer fragt danach? Charius steht auf und gibt dem Freund die Hand.

„Wir sprechen noch darüber und wollen in Verbindung bleiben. Will erst nach Retzi sehen. Frage, ob du ihn behalten willst? Es soll vorübergehend sein. Da ich wie du trotz Heeresdienst Beamter bin, einen Dauereinsatz haben soll, nehme ich den Knaben dann zu mir. Hab‘ ihn aufgelesen, möchte ihn behalten.“ „Das freut mich für das Kind. Weißt, meine Kinder sind nicht leicht zu zügeln; das Kerlchen soll bei mir nicht leiden.“

„Du bist mir Gewähr genug, bei dir ist die Hausgerechtigkeit am Werk. Deine Frau hat ein gutes Wesen, die wird dem Knaben nichts entgehen lassen.“ „Hm“, brummt Sporanato, zugedeckt geschmeichelt, wird er also hie und da ein Machtwort sprechen müssen. „Wo holst du dir die Order ab?“ „Im hiesigen Zentralkommando. Habe eigentlich gehofft, bei dir die Rolle abzuholen.“ „Ich komme mit, möglich ist, daß sie, zwar schon abgestempelt, mir noch nicht zugehändigt wurde. An sich gehört‘s zu meinem Amt.“

Sie suchen Retzi auf. Maska hat sich gut um ihn gekümmert. Charius ansichtig werdend, und Retzi läuft ihm in die Arme. „Kann ich jetzt bei dir bleiben?“ „Noch nicht. Sei brav, unterm Hausvater“, zeigt jener auf Sporanato, der dem Kinde über Haar und Wangen streicht, „geht es dir gut. Ich hole dich, sobald ich kann, auch wenn es ein paar Wochen dauert.“

„Wochen —?“ „Gehen rasch vorbei, Retzi“, lächelt Sporanato. „Ich hab‘ drei Kinder, mit denen kannst du spielen und wenn du willst auch lernen.“ Er hat einen eigenen Rhetor eingestellt. „Oh!“ Retzis Augen glänzen. „Vieles will ich lernen!“ „Dann hast du ausgesorgt, mein Junge.“ Unter Maskas Schutz, sie hat im Haus als Sklavin eine Sonderstellung inne, vertragen sich die Kinder gut.

Vor der Stadt hat das Zentralkommando ein fest umrissenes Lager. Dahin reiten beide Männer. Ist‘s geführt? Von wem? Der Oberste, ein strenger grundgerechter Mann, händigt Charius die Rolle aus. „Bist sicher nicht erfreut, einen Grenzort zu beziehen.“ Er holt eine Art gestrichelte Karte vor. „Da‘‘, zeigt er auf einen Punkt, „der Ort heißt Dan, westlich von Cäsarea Philippi. Die Grenze ist zwar heiß, doch in Philippi gibt es Unterstützung.“

„Unbekannt ist mir die Gegend nicht. Die Grenzer liegen sich oft in den Haaren, trotz Bewachung geht‘s herüber und hinüber. Falsch ist es, bloß einer Seite Schuld zu geben. Wenn auch schwer, bin ich froh, einen festen Standort zu besitzen. Die Truppen halten ja besonders an den Grenzen Wacht; wird mir demnach möglich sein, Hilfe auszuleihen, wenn dies nötig würde.“

„Verlass‘ dich nicht zu sehr darauf“, warnt Sporanato, nachdem sie heimwärts reiten. „Ein, zwei Tage bleibe noch bei mir, wenn du es willst.“ „Möchte schon; heute breche ich nicht auf, erst morgen früh. Je eher ich mir meine Stätte festige, um so früher hole ich mir meinen Retzi ab.“ Der andere lacht. „So, ‚mein‘ Retzi ist gut gesagt. Doch ich gönne es dem Kleinen.“

Am gleichen Abend, die zwei Römer sitzen sich bei einem Humpen gegenüber, kommt ein Bekannter Sporanatos fragend, ob er sich mit an dem Wein erlaben dürfe. Lustig vorgebracht. Abschlagen kann es der Hausherr nicht, obgleich Charius und er sich noch über jenen Galiläer unterhalten wollten. Im Verlaufe des Gesprächs fängt der Besucher aus sich selber an; die Freunde hatten seinetwegen nur von Politik, Wirtschaft und Oberflächlichem gesprochen.

„Ich lernte einen Sonderbaren kennen“, beginnt der Gast, namens Marchonas. „Wer weiß, was von Ihm zu halten ist? Einen sonderbaren Eindruck machte Er. Sporanato, du kennst mich ja. Als Kaufmann sieht man sich die Leute schärfer an, durchschaut sie auch, mindestens im allgemeinen. Ich war auf meiner Handelsreise bis nach Kapernaum gekommen, einem Ort im nördlichen Galiläa.

Dank des römischen Privilegs passiere ich mit meinen Tieren oder Wagen auch die Grenzen. Ihr werdet staunen! Auf einem Hügel stand ein Mann im weißen Mantel, ein paar Männer dicht um Ihn, aber so, daß Jener Sich an eine größere Menge wenden konnte, die den Hang hinab sich angesammelt hatte, Männer, Frauen, Templer.

Er soll — wer glaubt‘s? — einen Toten aus dem Grab hervorgerufen haben, einen von der Bahre aufgeweckt (Lazarus und der Jüngling von Nain gemeint). Jedenfalls sprach Er sehr eindrucksvoll, eigentlich bescheiden, nicht mit großem Schwung, wie unsere Rhetoren tun. Er hätte dann, wie man mir flüsterte, zu einer Frau (Martha) gesagt, wobei es aus der Menge Lacher gab:

»Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben!« (Job. 11, 25-26). Von dem Vorfall hatte Er der Menge selbst erzählt.

Jemand rief dazwischen: ‚Kannst Du leben, so Du stirbst? Junger Mann, was weißt Du vom Leben und vom Tod?‘ Da hob Er sich ein wenig höher, Sein Gesicht sah ganz verändert aus, als Er sprach: »Ich bin älter als die Schöpfung ist; ehe diese war, war ICH!« Alsbald ging Er mit einer kleinen Schar den Hang hinab. Beinah kam es zum Tumult. Mehrere Templer — na, einige von denen kenne ich, man weicht lieber aus, gestikulierten auf die Menge ein; doch viel Erfolg gab‘s nicht für sie.

Ein würdiger Mann drängte sich dazwischen, wies auf zwei Templer, die andern waren ganz bedrückt verschwunden und rief: ‚Ihr könnt‘s nicht leugnen, ihr seid wie ich dabei gewesen und viele sahen, wie der Tote wie lebend wurde. Er‘, wies er in die Richtung, wohin der Sonderbare mit der kleinen Schar gegangen war, ‚tut viele Wunder, echte, wohl gemerkt! Er heilt Kranke, hilft Armen, tröstet und verheißt den Himmel. Kein Verderben, wie das die meisten Templer tun. Ein Glück: Gute gibt es bei euch auch!‘

Nun“, wendet sich der Kaufmann an die Römer, „machte ich mich an den Mann heran, der für den großen Redner Zeugnis gab. Und so kam es auch. Dieser hat mir viel von Ihm erzählt, dem Galiläer, nannte Ihn ‚Messias‘. Nicht den, sagte er, den man allgemein erwartet, der Juda groß und herrlich machen soll, wie es einstens unter Salomo gewesen wäre, sondern ein Messias, den man HEILAND nennen muß, weil Er heilt und hilft.

Er hat mit Templern abgerechnet, ernst und gütig; und man schlug es in den Wind. Das Volk hängt an Ihm. Wie lang —?Judas Oberste geben keine Ruhe, und das gegen Rom, wobei der Nazarener bloß ihr Deckschild ist. Über irgend welche böse Tat wollen sie euch Römer aus dem Lande jagen. Nicht mit Ihm, das niemals! Nie kam mir zu Ohren, Er hätte jemals gegen Rom gesprochen. Aber gegen alle Welt, Er meinte dabei ausschließlich die argen Menschen.“

Sporanato ist recht skeptisch, daß man gegen sie erfolgreich werden könne. „Hm“, er wendet sich an Marchonas, „glaube gern, daß der Galiläer gegen uns nicht hetzt. Die Hohen haben allerdings Agenten eingesetzt, in Rom, und da lege ich auch meine Hand nicht in ein Feuer, daß Judäa . . .“ Über ihrer Welt, soweit Roms Legionen ihre Wege stampfen, hängen Wetterwolken und ist unabsehbar, wann, wo und wie sie nieder gehen werden. Als geschulter Mann ahnt er es längst, daß auch sein Volk, Romana, von diesem finsteren Gewölk betroffen wird. Irgendwann einmal — —

Charius stört die Gedanken. „Ich denke so wie ihr; der Nazarener, wie man Ihn spöttisch nennt, ist geistig viel zu sehr erhaben, als sich mit armem Weltgetue zu befassen; zum andern übersieht Er mehr als unsere kleine Welt. Da mag Er in Sich wohl ein wenig lächeln, wenn Er das ‚Getriebe‘ sieht, wie rasch sogar ein Volk zu Grab getragen werden kann. Mehr aber wird Er — für die Welt gesagt — ernst und traurig sein, schaut man davon ab, daß Er, wenn Seine Worte stimmen, ‚Er wäre älter als die Schöpfung ist‘, nichts von all den menschlichen Gefühlen Selbst besitzt.

Das schließt nicht aus, nachzufühlen, wie der Mensch im Auf und Ab sich seinen Gang erschwert, vergeblich sich an Dinge klammert, die mit dem Grab verwehn, als wäre niemals etwas davon dagewesen. Würde Er das nicht empfinden, niemals könnte Er so treu zu Seinen Menschenkindern sprechen, ihnen helfen, gesund machen, trösten und was weiß ich alles noch, was Er kann und tut!

Ihr seid erstaunt? Auch du, Marchonas, da du Ihn gehört, gesehen hast, weil ich von ‚Seinen Menschenkindern‘ sprach? Glaubt es oder nicht: ich halte ihn für GOTT, den EINEN, den es ewig und alleinig gibt! Nie, und gehen wir die Weltgeschichte, wenn wir könnten, bis zu ihrem Anfangsgrund zurück, war je ein Mensch erfunden (erkannt) worden, der das getan, gelehrt und eine Weisheit offenbarte, die ihresgleichen sucht!

O ja, das Rätsel bleibt bestehen, auch etwa bis zum Ende dieser Welt, von dem Er gesprochen haben soll, wie möglich sich ein Gott als Mensch erniedrigt hat, sich äußerlich nicht anders gibt und so zeigt, dabei die Grenze fühlen läßt, die zwischen Ihm und uns besteht. Dabei ist mir gleich gewesen, als ich von Ihm hörte und Ihm begegnet war“, jetzt bekennt Charius, daß er den Heiland kennt, nicht ganz nahe, „als ob Seine Hände über diese Grenze griffen, als ob sie jeden einzelnen hinübertrügen, so — hm — zu SICH hin.

Schwer es zu beschreiben; bloß das Gefühl kann Klarheit bringen. Dabei muß das jeder für sich selber tun. Man kann zwar davon zeugen, dem Wahrheitslicht die Gasse bahnen, — gehen muß sie jeder selbst. Unserem Freunde Marchonas fällt das nicht schwer, nachdem er“, dabei nickt Charius dem Kaufmann zu, „den — jawohl! — HEILAND sah und Sein Wort vernahm, Seine unerhörten Taten sah.

Wenn ich auch mehr von ferne das erlebte, stand für mich sofort fest: Er ist ein Besonderer, kein Sonderbarer, wie welche hämisch reden. Sporanato hat sogar das Beste aufgenommen: ohne Kennenlernen glaubst du an Ihn!“ „Nicht, wie du denkst, Charius; man muß prüfen können, um zur Klarheit zu gelangen. Ich bezweifle es nur nicht, daß der Galiläer eine Schlüsselstellung in der ganzen Weltgeschichte inne hat, die nicht zu enträtseln ist, an die wir — darin gebe ich dir recht — bloß glauben können.“

„Eben! Er soll wegen großer Kleingläubigkeit ob Seiner Worte und der Taten gesagt haben: »Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berg: hebe dich von hinnen, und euch wird‘s nicht unmöglich sein« (Matt. 17, 20). Einer aus Jerusalem hat es mir erzählt. Er war zugegen. Man hätte Ihn laut ausgelacht und gesagt, Er solle es doch Selber tun. Er hätte aber keinen Berg aus Fels gemeint, sondern jene starren Felsen im Gemüt der Menschen, ihre Glaubenslosigkeit, ihr ‚Leben ohne Liebe‘ und was mehr, was uns Menschen von den Himmel trennt.

Nur Wenige danach wären Ihm gefolgt und gefragt: ‚Meister, wie hast Du das gemeint?‘ Denen eben hätte Er ganz wundersam erklärt, Seine Weisheit alles überstrahlend, das Unverständnis, der magere Glaube, das ‚Nicht-erkennen-wollen‘, wer Er sei und habe doch durch Wort und Tat gezeugt, weshalb Er zu den Menschen kam und wer Er wirklich wäre (u.a. Job. 14, 9; Kol. 2, 9).

Der Jerusalemer war oft um den Galiläer und sei ihm aufgefallen: Waren Wenige um Ihn, solche wohl, die an Ihm hingen, hätte Er von Sich stets in der ‚Ich-Person‘ gesprochen, bei einer Menge als der ‚Sohn des Vaters‘. Man hätte es gemerkt, Er sei keine Zweitperson, wäre zwecks Erlösung aller Armen wie oder als ‚der Menschen Sohn‘ erschienen. Er sprach sogar von einer ‚heiligen Erlösung‘. Das wurde nicht verstanden. Ich weiß ja auch nicht, was das zu bedeuten hat. Oder —“ „Was meinst du noch?“ fragt Sporanato.

„Könnte Er vielleicht nicht vorher, weil Er ja doch vom Un- oder Falschglauben sprach, gepredigt haben, wie sehr Menschen sich die Berge bauen, ob nun in Hinsicht der Materie oder mehr des Glaubens, bliebe sich wohl gleich. Aber damit in Verbindung konnte Er sehr wohl das Senfkorn-Gleichnis bringen, daß man weniger Überwindung brauchte, um gut zu werden. Soviel ich weiß, hätte Er und hat in Seinen Reden immer wunderbare Gleichnisse verwendet, die, auch vom Volk weit besser aufgenommen werden konnten als eine wenn auch noch so bestgeformte Rhetorik-Lehre.

Von einer solchen hätten Obere profitieren können, doch weder dies noch jenes wurde anerkannt. Freund Marchonas, du hast es tief erkannt, den Unterschied, den der ‚gute Mann‘ — benutze gerne die Erkenntnis Retzis — von Sich ganz herrlich kündete, ohne um der Menge wegen Sich hervorzuheben, so: einmal bloß der Mensch mit und unter Menschen, dann unmißverständlich Seine Höhe, auf die niemand klettern kann und — nie jemand dahingelangt.

Der Prophet Jesaja (Jes. 6, 1) vor rund siebenhundert Jahren, und andere Propheten in der alten Gnadenzeit, sah den ‚Herrn sitzen auf Seinem hohen und erhabenen Stuhl‘, bedeutet Thron. Hat der Prophet den Hocherhabenen ‚HEILAND‘ genannt (u.a. Jes. 43, 3 u. 11; 63, 16), Ihn alleinig sitzen sehend, wird also demnach niemand auf dem gleichen Stuhl mit sitzen können. Wer will sich vermessen, mit IHM zu regieren?, mit dem Schöpfer aller Lebensdinge?!

Er, Jesaja, fragte ja die Leute: ‚Wer unterrichtet den Geist des Herrn, und welcher Ratgeber unterweist Ihn‘? (Jes. 40, 13; dazu Röm. 11, 33-36; 1. Kor. 2, 16 u.a.). Ich bin und bleibe so wie ihr allein der Überzeugung, und hätten wir es auch mit Ihm zu tun, als wäre Er ein Mensch wie wir — Er wäre doch ein Übermensch. O, Er ist nicht wie wir, Er stellt Sich nur so dar, damit wir mit Ihm in Kontakt gelangen können. Er mit uns — — da bedarf es keiner Frage!“

„Das ginge mir schon ein“, läßt sich Sporanato hören, „wundere mich freilich über mich. Nie, bis vor kurzem, kam mir jemals ein Gedanke, es könne etwas geben, was wir Weltbewohner nicht begreifen, weil wir forschen, vorwärtsdringen, der Horizont des Denkens immer weiter wird. Und dann —“ Der Römer sieht versonnen vor sich hin. Da ist eine Ferne, nicht zu begreifen und meint dennoch, sie zu sehen. Sie ist in einen Dunst gehüllt, in einen hellen, und dieses Helle — umgibt sie nicht den Galiläer —?

„Du bist nicht der einzige, Sporanato, dem es so ergeht. Als ich Ihn zum ersten Male hörte, kam mir vor, als wäre Er — ja ja — einem Pharaonengrab entstiegen, als uralter Geist. Und dann wieder, als wäre Er für unsere Zeit zu früh geboren. Wir Irdischen könnten Ihn gar nicht begreifen. Beim zweiten Male sah Er wieder anders aus. Da war Er mir in gleicher Weise fern und nah, nicht zu benennen, wie das Gefühl in mir sich überschlug.

Zweimal kam ich Ihm noch näher, konnte Ihn erkennen und gut hören. Ich kann nicht sagen, wie mir war, als wäre keine Schranke, könnte jeder sich mit Ihm befassen und — als würde Er, die Hauptsache des Bedenkens, allein die Möglichkeit besitzen, jedem zu begegnen, auch denen, die nicht wollen! Letzteres liegt sicherlich in Seinem Werk, das Er Sich hochheilig vorgenommen hat, weil Er oftmals sprach: »Ich bin gekommen, um . . . « Zu helfen, zu erlösen, hoch zu führen, bis die Materie hinter euch versinkt.

Sicher wird Ihn jeder von uns anders sehen; doch dürfte das kein Abgrund sein, über den man nicht hinüberkommt. Da wird Er für uns die ‚Brücke‘ sein. Und Seine Güte, die Barmherzigkeit, die von Ihm ausgeht wie das Licht von unsrer Sonne, sind gewißlich die Geländer rechts und links. Hält man sich daran fest, kann man in keine bodenlose Tiefe stürzen.“ Sporanato seufzt:

„Hast ja recht, Charius, aber Abgründe gibt‘s bei uns genug. Das Regime bedacht — Ah, früher, vor dieser Zeit, die wahrscheinlich einen Umbruch bringt, war es in Rom viel besser. Hm, wir eroberten die Welt, wir saßen hier in Asien, in Afrika, in Europa. Unser Heer unterjochte viele Völker. Allein — es gab ein Recht! Ob wir das nun eine Göttin nennen oder nicht: die Justitia hatte stets ein reinliches Gewand. Heute —? Fragt mich nicht! Charius ist gebürtiger Israele, kann nicht voll mit uns empfinden, desgleichen nicht der Kaufmann Marchonas, der ein Syrer ist.

Aber mit und ohne dem zerbrochenen Recht: durch diesen Galiläer stehen wir auf einem Weg, auf einer Stufe, wenn man dies so nennen will. Wir ahnen es, wie viel vom Alten hinter uns versinkt, wie ein Neues vor uns steht, von dem man noch nicht weiß, ob Besseres kommt als wir bisher besessen haben. Ans Bessere will ich glauben, für das Innenleben, für die Menschlichkeit, die stark abgesunken ist. Ob mit in Hinsicht äußerlichen Lebens —? Da bin ich überfragt. Jede neue Richtung, gleich welcher Art, hat immer Feinde; und bis der Wein gekeltert ist, gibt‘s Elend, Not und Tod!“

‚‚Sehr traurig, wenn es soweit käme“, bedenkt Charius ‚‚Doch allein ans Himmelstürmende zu denken? Man muß das menschliche Gefüge mit erwägen. Aber was der HEILAND bringt, wird alles überdauern, wird in den Gläubigen eine Kraft bewirken, die keine Dämonie zerbricht! Man kann sie einmal unterjochen, kann Gut und Leben nehmen: den GLAUBEN aber, ist er im Herzen fest verwurzelt, den rottet niemand aus! Er hatte es gesagt und klang wie ein Trost. Verheißung:

»Himmel und Erde werden vergehen, aber MEINE Worte nicht!«

(Matt. 24, 37)

Seine Worte bringen Trost und Kraft, die herrliche Gewißheit: Er ist da, Er heilt alle Wunden!“ „Es gibt Wunden, die nie zu heilen sind“, widerredet Sporanato. Das bestätigt Charius gern. „Wenn du jene meinst, die das Gemüt zu tragen hat, hast du weltlich recht, weil diese lange bluten, daß man meint: hier hört jede Hilfe auf. Bedenke aber das, mein Freund:

Es kommt diesenfalls darauf an, ob der Mensch sich in sein Leid vergräbt, mit sich Mitleid hat, Gott und die ganze Welt verklagt, bei sich bloß keinen Fehler sucht. Er wühlt im eigenen Leid herum. Das steht aber fest und wird nie mehr für mich wanken: Weit mehr als bei leiblichem Gebrechen hat der Heiland sich zu denen hingeneigt, deren Seelen krank, das Gemüt verkümmert war, gleichgültig für Ihn, ob mit, ob ohne Eigenschuld.

Ganz zu deuten ist es nicht; doch das Innere der Menschen steht im Vorfeld Gottes. Vielleicht — wie ich es schon vernahm, hängt das mit der fraglichen Weiterexistenz zusammen. Davon gibt‘s für uns noch Isis-Schleier. Immerhin — bei kleinem dringt das Licht hindurch. Hab‘ davon noch nicht arg viel vernommen, jedoch genügt das Eine: Es geht am wenigsten um das Dasein dieser Welt als weit mehr um das LEBEN überhaupt.“

Marchonas nickt. „Das erkannte ich bei manchen Seiner Lehren, so weit — ich schränke es gern ein, davon das Tiefe zu verstehen war. Auf den Handelswegen gab es Zeit, über dies und jenes nachzudenken. Kam oft ins Sinnen: Was hat denn unser Leben auf der Welt für einen Zweck? Man wird geboren, ohne daß man will und etwas davon weiß. Man lernt und müht sich ab. Zu guter letzt, auch ohne Eigenwillen, wird man in ein Grab gebracht. Aus! Soll das alles sein, was Gott uns gibt, dann — dachte ich — gibt Er uns nicht viel. Kam ich jedoch bis zu diesem Punkt, erschrak ich über mich. Nein, o Nein! Es gibt keinen solchen Gott, eng begrenzt, ohne Aussicht auf irgend eine Ewigkeit, die es geben muß. Denn sonst — —

Sporanato, ziehst eine Augenbraue hoch von wegen: ‚die muß es geben!‘ Schau, soweit wir rückwärts rechnen können, sind nun rund vier tausend Jahre über diese Welt dahingegangen. Die Geschlechter stiegen auf, und ob sie alle nach und nach zu Grab getragen wurden, der Lebensstrom als solcher blieb bestehen. Das muß zu denken geben. Frage also: Was ist das Leben überhaupt? Bloß das Vergängliche der Daseinsform, die diese Welt dem Menschen bietet! Oder —“ Marchonas hängt noch mal eine Pause an. Charius lächelt:

„Wir Heutigen werden das nicht voll ergründen; doch mögen Zeiten kommen, irgendwann einmal, wenn die Lebendigkeitsgefühle reifen, daß man dann ein wenig tiefer in den ‚Topf des Schöpfers‘ schauen darf und kann, wie Er, der Ewige, das Leben schuf, schafft und ewig schaffen wird.“ „Hast mir aus dem Sinn gesprochen, Charius.“

Marchonas drückt ihm seine Hand. Indessen steht der Römer auf, er lächelt auch und ist ein guter Blick in seinen Augen, wenn er wohl nicht völlig das Gesagte akzeptiert. So viel ist in ihm erwacht und nicht erst seit heute, seitdem er von dem Galiläer und sogar, was außer wenigen der höheren Römer weiß: Solang es geht, auch daß der Besondere nicht gegen die Besatzung wühlt, soll Er tunlichst römischen Schutz genießen.

Ob das immer möglich ist —? Judas Obere spinnen böse Garne und weben daraus Netze. Da wird Rom selber Mühe haben, seine Stellung zu behaupten und kann man keinen Einzelnen, auch nicht den Galiläer schützen. Ah was, der Römer schiebt den Gedanken fort. Er reicht beiden Gästen eine Hand, um sie zum Weggang anzuregen. Hat mehr zu tun, als sich zu unterhalten, und wäre das Gespräch auch noch so wichtig, gut und interessant.

„Hier, Marchonas, hast du deinen Schein, weil du nach Damaskus willst. Unsere Stationen helfen dir. Bloß so auf freien Strecken, wo Räuber hausen, mußt du selber sehen, wie es geht.“ ‚‚Unbesorgt, euere Stationen reichen ja von einem Stand zum anderen; und so viele Horden gibt‘s nicht mehr, habt ganz schön aufgeräumt. Dank dir für diese Rolle.“ Der Kaufherr steckt sie sorgsam in den Lederkoller auf der Brust.

„Charius, willst du noch zu Retzi gehen?“ Man merkt, daß es dem Römer nicht in seine Amtszeit paßt. „Nein, habe schon auf Wiedersehn gesagt. Wäre jedoch froh, wenn du mir ein zweites Pferd verkaufen könntest, oder leihen. Will rasch nach Dan, würde es sobald als möglich einem Standort übergeben.“

„Auf einen Gaul kommt es nicht an; such‘ dir einen aus.“ Das ist bald erledigt. Ein freundschaftlicher Händedruck und Charius reitet fort, sein Gepäck aufs Zweitpferd aufgeschnallt. Sporanato sieht ihm nach. „Hätte nicht gedacht, daß ein Israele sicher reiten kann; die dürfen ja bloß Esel nehmen. Nun ja, er steht im Dienste Roms, hat unsere Staatsangehörigkeit (so wie Paulus).“ Daß Salomo schon viele Pferde hatte, ist ihm unbekannt.

← Zurück zu „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“