Kapitel 4
Retzi in Dan. Die neuen Eltern. Immer mehr Anschluß an den Heiland
Dan. Keine große Stadt, jedoch nett gelegen. Wegen vieler all zu bunt gewürfelter Leute muß sich Charius erst eingewöhnen. Doch ihm fällt‘s nicht schwer. Mit Römern kommt er leichter aus, weil er vor einigen Jahren einer Kolonne geholfen hatte, im Süden Judas einem Hinterhalt gerade zu begegnen. Trotzdem sieht man ihn nicht gern auf diesem Posten. Nach und nach lernt man aber seine Arbeit schätzen. Er ist im besten Sinne rührig.
Ansässige Syrer und Sidonier, auch Griechen, machen Mühe. Schade, keinen anzutreffen, mit dem er über ‚seinen Galiläer‘ reden könnte. Er kauft ein Haus, groß genug, um eine Dienstfrau aufzunehmen und für sich drei Räume freizuhalten. Ein vierter ist für Retzi vorgesehen. Erst will er prüfen, wie die Frau sich eingewöhnt und ob man ihr den Jungen anvertrauen kann.
Bald soll er merken, daß es eine ‚Führung‘ war, gerade diese Frau zu finden. Er sitzt an einem Abend vor dem Haus und denkt nach, wie er den Kontakt mit Leuten fände, die wie er zum Galiläer halten. Ja viel mehr: die Ihn achten, Ihn verehren und — o ja: ‚Man muß Ihn lieben!‘ So beschließt er sein Sinnieren, als die Dienerin ihm Trank und Speise bringt.
„Hast du auch für dich gesorgt?“ fragt er freundlich. Ungewohnt, von einer Herrschaft werden Dienende nicht besonders angesprochen, lächelt sie ein wenig. „Ich leide bei dir keine Not, Herr, es geht mir gut wie so lange vorher nicht.“ „Hast du keinen guten Dienst gehabt?“ „Wie man‘s nimmt; man muß sich in sein Schicksal fügen, denn GOTT steht über allem.“
„An welchen Gott glaubst du denn?“ Begierig, ob sich etwas ‚tut‘, rückt Charius zur Seite. „Setze dich ein Weilchen her zu mir, und erzähle, wie du denkst, ich meine über einen Gott.“ Die Frau, nicht wissend, daß er ein gebürtiger Israele ist, in ihm also einen Römer sieht, erfolgt entsprechend ihre Antwort. „Rom hat viele Götter und ich fragte mich, ob ihr stets gerade jenem Gotte huldigt, der im Regimente sitzt.“ „Das hast du fein erkannt“, unterbricht Charius. „Sprich weiter, brauchst dich nicht zu scheuen; was du mir sagst, bleibt unter uns. Darauf kannst du dich verlassen.“ „Ich darf also frei und offen reden?“
„Ohne jede Angst! Überdies, wie heißt du eigentlich?“ „Susanne; im Dienst wird man mit keinem Namen angesprochen.“ „Das ändert sich bei mir. Glaubst du auch an einen Gott, der alle Menschen schuf, so sind wir Glieder, von GOTT aus gesehen.“ „Herr, hätte nie gedacht, daß ein Römer das bedenkt, tief und gut.“ „Warum nicht? Ich war bei einem Freund, höherer Beamter; du hättest dich gewundert, wie und was er alles glaubt.“
„Schade, das der nicht den —“ „Meinst du, jemand kennen müßte?“ lockt Charius. Noch ist die Angst nicht überwunden, man hat zu viel gehört, gegen ‚ihren Heiland‘; denn Er, Er hat sie gesund gemacht. Sie litt an einer Blutkrankheit, Er hatte eine andere mit gleichem Leiden auch geheilt. Ihn, der treulich hilft, verfolgt man, wie und wo man kann. Die eigenen Leute sind‘s, und ist doch zu ihrem — oder ‚Seinem‘ — Volk gekommen.
Sie hatte mit erlebt, daß Römer Ihn befragten und viel netter zu Ihm waren als Pharisäer oder aufgehetzte Leute. Kein Wunder, wenn Susanne noch ein wenig druckst. Erst die weitere Versicherung, sie brauche keine Angst zu haben, läßt sie reden. Sie berichtet von ‚dem Gott Israels‘, wobei sie meint, sie selber dächte, daß nicht bloß einem Volke GOTT gehöre, jener, der ewig und allmächtig sei. Noch ein tastender Blick — —
„Wir haben alte Seher, die schon vor Hunderten von Jahren dieses prophezeiten, Gott wäre über allem Werk. Er käme auf die Welt, um alle zu erlösen. Des Volkes Lehrer (die entstehende Priestergruppe) sagten, das wäre der Messias, der Israel vor allen Völkern dieser Erde groß und mächtig machen würde.
Ich weiß nicht, ob das stimmt. Mein Vater sprach davon, daß noch nichts bestehen blieb, was groß und mächtig sei. Er war sehr klug, er wußte von den Persern, Babyloniern, sogar von früheren Völkern. Alle wären nicht mehr da, nicht oder das, was sie waren. Ägypten, einst ungeheuer stark — und nunmehr wie die Pharaonen ebenso ins Grab hinabgesunken.
Nun ist der Messias da, ob du es glaubst oder nicht! Bloß hat Er nie von einem Weltenthron gesprochen, nie eine Kriegerschar um Sich gesammelt. O, viel Volks hängt Ihm am Rock, wie man so sagt, meist dann, wenn Er wieder vielen hilft. Sieh mich an, Herr, ich war sehr krank, eine andere Frau hatte auch das gleiche Leiden und wir beide sind gesund geworden.“
„Zur selben Zeit?“ fragt Charius. „Nein, die andere Frau war Ihm nachgegangen. Tagelang, wie sie mir erzählte. Ich, oh! — ich war so benommen, als ich Seine Augen sah, das ernstholde Lächeln. Ich wagte nicht ein Wort zu sprechen, ging hinter Ihm einher und dachte: nur den Kleidsaum angerührt und du wirst gesund. (Matt. 9, 20. 22).
Genau so ist‘s geschehen. Er wendete Sich um und sah mich an. Hab‘ vor Tränen nichts gemerkt. Ich dachte an des Vaters Worte, als Ihn jemand höhnte, Er solle Davids Thron besteigen, dann würde man Ihn anerkennen. Ach, es kam über mich: Er ist nicht von dieser Welt, Er wird ihr auch nichts geben, ist nicht der Messias, auf den man völkisch hofft — Seiner Wunder wegen.
Weil Er mit wenig Männern durch die Lande ging, wunderbare Reden haltend, Armen half, doch nichts tat, was Ihn zu einem Weltenkönig machte, wie es Salomo gewesen war, fiel die Menge von Ihm ab. Die Hohen hatten Ihn von Anfang an verfolgt und gegen Ihn gehetzt. Wer jedoch wie ich Sein liebes Wort vernahm, von schwerem Leiden heil geworden ist, durch IHN, und das allein durch ein paar gute Worte, der weiß, wer Er wirklich ist.“
„Und wer, Susanne?“ Prüfend blickt die Frau in Charius Gesicht. Das sieht offen aus, da ließe sich bekennen „Bitte, behalte es für dich, Herr, sonst komm‘ ich in den Tempelbann. Darin kommt man um. O, eine Frau ward davon befreit, auf dem Weg zur Steinigung. Er war auf einmal da, wie oft zur rechten Zeit, schrieb etwas in den Sand. Allein, Seine Stimme:
»Wer ohne Sünde ist, der hebe den ersten Stein und werfe auf sie!«
(Joh. 8, 7)
Plötzlich waren nur noch Seine Jünger da und ein paar Treue, die immer um Ihn sind.‘‘ Fragend sieht Susanne hoch. „Hab‘ Vertrauen“, sagt Charius. „Was wir eben miteinander reden, ist unsere Angelegenheit. Wirst sehen, wie wir zusammenkommen, ich meine, auch mit einem Glauben. Habe über dich gestaunt, du wirst es bei mir gleichfalls tun. Warte ruhig ab.“
„So möchte ich mein letztes Denken künden. Ich habe Ihn erkannt! Er ist absolut kein Mensch wie wir, auch wenn Er wie wir alle lebt, ißt, trinkt, spricht. Doch das ‚Wie‘ von allem, das unterscheidet Ihn vom allgemeinen Menschengeschlecht. Er ist nicht der gewünschte Weltmessias, von dem man Hunderte von Jahren träumte, und das um das Vergängliche der Welt.
Für mich ist Er der HEILAND, unser GOTT! Zu welchem hocherhabenen Ziele Er gekommen ist — wer weiß denn das? Aber daß es etwas ganz Erhabenes ist, das sah ich Seinen Augen an. Er soll euch Römer aus dem Lande jagen. Manches Unrecht ist durch euch geschehen, doch im Allgemeinen —? Was taten Templer schon, von früheren Königen auch zu schweigen.“ Susanne schlingt die Hände ineinander. Bleibt sie nun frei? Was wird der Römer tun?
„Laß uns in eine Kammer gehn“, spricht Charius leise. Zwar hat das Haus einen großen Garten, doch wer lauschen will, der findet stets ein böses Eck. Erst drinnen drückt er Susannes Hände fest, mit guten Worten: „Würdest du nebst mir ein Kind betreuen?“ „Du hast ein Kind? Wo ist deine Frau? Wer von euch feste Plätze hat, nicht wie die Legionäre, hat doch seine Frau bei sich. Auch Pilatus hat sein Weib mit in Jerusalem.“
„Weiß ich, meine Liebe. Nun höre mir erst einmal zu. Sieh an“, er entnimmt seiner Truhe eine Rolle, „ich bin als römischer Beamter eingesetzt, aber nicht als Spitzel, des sei gewiß, sondern weil ich ein Unrecht aufzudecken und einer römischen Kohorte dadurch half, weshalb ich die Staatsbürgerschaft von Rom erhalten habe. Gebürtig bin ich ein Israele, einer von den Wenigen, die vom Stamme Dan zurückgeblieben sind.“
„Vom Stamme Dan?“ Atemlos, mit leuchtendem Blick fragt es Susanne. „Was wundert dich daran?“ „Meine Sippe gilt von diesem Stamm. Ich weiß dies aus Berichten: die zehn Stämme wurden völlig aufgerieben (700 v. Chr.), aber etliche Geschlechter konnten sich erretten. Mag es so sein, es spielt wohl keine Rolle mehr, ob man von diesem oder jenem Stamm. . .“ „Genau, Susanne! Vom echten Glauben her kommt‘s gar nicht darauf an, weil wir alle miteinander Menschen sind, von GOTT aus Seine Kinder.
Ich habe keine Frau. Das Kind habe ich gefunden, zerschlagen, ein Junge von fünf Jahren. Ich habe ihn erst in Sarepta sozusagen eingestellt, bis ich ein Zuhause hätte, um ihn zu mir zu nehmen. Sein Vater ist kein Vater, wie man so sagt, ein Rohling sondergleichen, was man — zum Glück — sehr selten bei uns findet. Seine Mutter ist gestorben, wie ich erkundet habe. Aber dadurch hatte sich der Mann gewandelt, wären weitere sieben Kinder da und ginge es nun besser zu. Doch meinen Retzi, so heißt der Knabe, den gebe ich nicht her. Willst du ihn betreuen?“
Aufgeregt ist Susanne und wird‘s noch mehr, als Charius sagt, daß er den Galiläer kennt, Ihn lieben lernte, der Gewißheit wäre: Er ist der Heiland! Nicht nur einer, wie man solche Helfer nennt (u.a. Ri. 3, 9). ‚‚Herr‘‘, ruft sie begeistert, „dann sind wir, bist du —„ „Sei still! Ich bin für dich kein ‚Herr‘, höchstens, wenn mal andere Leute zu mir kommen, und das zu deinem Schutz. Später reden wir noch über etwas anderes.“
Das geschieht, als Retzi seinen Einzug hält, überwältigt von der Freude und zu Charius sagt: „Jetzt bist du mein Vater und Susanne meine Mutter, weil Tränen purzeln aus des Kindes Augen. Es hat die Mutter nie vergessen. „Kannst so sagen“, erlaubt es Charius, und Susanne nimmt den Jungen an ihr Herz.
Ein Gedanke: Hab‘ kein Weib und als Daner kann Susanne bei mir bleiben. Ist treu, dazu die Hauptsache: sie kennt den Herrn, sie erlebte Seine Güte, Seine Liebe und Sein Wort. Ich auch! Werde in Sarepta fragen müssen. Den Tempel kann ich mir ersparen; da gäbe es ein glattes ‚nein‘. Hm, ich muß erst wissen, ob Susanne, ob sie . . . Das kommt schneller, als er denkt.
Retzi ist‘s, der ohne Willen die Erwachsenen zusammenschweißt. Er zieht beide oft zu sich, selig lächelnd: „Meine Eltern! O glücklich kann ich sein! Den ‚guten Mann‘ würde ich gern wiedersehen. Ob das möglich ist?“ fragt er. „Mal sehen“, entgegnet Charius. „Muß erst nochmal nach Sarepta, etwa eine Woche lang. Du bist brav, Retzi, gehst nicht vom Haus, nicht von Susanne weg.“ „Großes Ehrenwort“, tut der kleine Junge wichtig.
An dem selben Abend fragt der Mann: „Susanne, wäre es dir recht, wenn du, wenn ich — Na ja, unser Junge hat es schon erdacht, wir können danach tun, wenn du es willst.“ „Was meinst du denn?“ fragt sie, dabei wünschend, es möge so geschehen. „Weißt, meine Liebe, laß uns ehelichen; ich hab‘ dich richtig gern.“ „Ich dich ebenso.“ „Dann geht‘s in Ordnung.“
„Und der Tempel?“ „Unbesorgt! Als ‚auch‘ Römer kann ich tun und lassen was ich will, brauche nur die Rolle eines nächst Höheren der Besatzung. Kann sogar Pilatus tun und der täte es. Doch wie gesagt: ich reite nach Sarepta. Ein Römer im Zentralkommando, Sematra, ist für das mit eingesetzt. Gibt er mir die Rolle, dann gehören wir zusammen. In Dan hat Jerusalem gar nichts zu melden.“ „Wäre für uns herrlich, wenn . . .“ ‚‚Es wird!“
Er bereitet sofort seine Reise vor und wie gewünscht: gleich am ersten Tag der Ankunft hat er die Rolle in der Hand. Weil Susanne seinem Volksstamm angehört, war es kein besonderes Problem, zudem weiß Sematra, daß Charius eine größere Abteilung rettete, was jetzt noch hoch bewertet wird. Frohgemut macht sich Charius wieder auf den Weg nach Dan zurück.
Unterwegs hört er mehr, was der Heiland tut, auch vom Haß. Aber Gottseidank, von allen Hohen nicht. Sie verwirren nur die Leute und das gegen ‚ihren Retter‘. „Wenn die so weitermachen“, denkt Charius, ‚‚o weh! Das Volk hat alles auszubaden. Der Herr? Nein! Wer könnte denn an Ihn heran? Niemand, ausgeschlossen!“ Wie bald wird er erleben, was die Unholde fertigbringen.
Für ihn, Susanne und den Knaben gibt es ein paar schöne Wochen, in denen sich das Band der treuen Liebe webt, und immer mit dem Herrn vereint, dem Herzen nach, den Retzi nach wie vor als ‚guten Mann‘ hervorzuheben weiß. Außenhin schirmt Charius sich und seine beiden Lieben ab; hat keinen Zweck, wird niemandem damit gedient, fielen sie den Fängern in die Hand. Heimlich hat er nachgeforscht, wie es um Retzi‘s Vater steht.
Zu erkunden war nicht viel, doch wäre er den Kindern gegenüber freundlicher geworden. Die Wehemutter Chamana frage oft nach Retzi und ließe keine Ruhe. Erschrocken hieß es dann: ‚Er muß gestohlen worden sein, ansonst wäre er zurückgekommen.‘ Die Frau hatte dabei Sasju bitterböse angesehen, unmißverständlich ihm ins Ohr gefaucht: ‚Fort geprügelt hast du ihn’, worauf der Mann geschwiegen hätte.
Gesucht hat er ihn ehrlich, nur niemals eine Spur gefunden. Er würde seinen Jungen kaum erkennen, so hat durch große Liebe das Kind sich verwandelt. Manchmal, wie so viele Leute tun, hatte Sasju sich gedacht: ‚Hätte Ihn‘, nennt Ihn noch Rebell, ‚für die Borah brauchen können, wenn Er doch so große Wunder tat?‘ Und das ging durchs ganze Volk. Überall war Sein Name als ‚Heiland‘ oft gelobt, sehr hoch sogar, und sehr verlästert.
Das und vieles mehr hat Charius gehört, bespricht es aber alles nur mit seiner Frau Susanne. Bei Retzi wird allein das Schöne, alles Herrliche erzählt. Immer tiefer gräbt sich in die drei die Liebe, die Verehrung, die Anbetung ins Herz. Könnte man Ihn einmal sehen, wie schon geschah, glücklich wäre man, Seine Worte, Seinen Blick, Seinen Segen zu erhalten.
Etwas Gutes, wenn auch weltlich anzusehen, kommt für Charius ins Haus, wodurch er freier reden, freier handeln kann. Sein römisches Privileg erhält ein zweites Siegel, so daß — wenn nötig er ganz als Römer gilt. Für diese Zeit ein Gnadensegen. Immer offenbart es sich, daß Gott auch das Menschliche bedenkt. Er hat Seine Kinder auf den Wanderweg gestellt, im für sie als freien Dienst, Mithilfe aufzubringen; wie also sollte Er da nicht der große HELFER sein?, in allen Lebensdingen —?!
Ein insgeheimer Bote. Die Anhänger Jesu haben sich schon längst einen Zubringerdienst erdacht, nicht zuletzt, als gut gemeint, für ihren ‚vielgeliebten Herrn‘. Daß es Chuva ist, jener alte Mann, der erst mehr ein Widder war, zwischendurch aber an sich selbst gerade jene ‚hohe Heilerhand‘ erfuhr, wunderte Charius zuerst. Noch läßt er Vorsicht walten.
Im Gespräch erkennt er dann, daß jener völlig umgewandelt ist. Chuva bekennt: „Ich hatte starke Schmerzen, wußte nicht, woher sie kamen und traf eigentlich per Zufall auf den Galiläer. Hatte Ihn, weil immer noch ein Bock, nicht mal angefleht, mir zu helfen. Bloß so innerlich war es mir, als hätte ich Ihn doch gebeten: ‚Bitte, Herr, hilf mir armen Sünder!‘ Mich traf nur sein Blick, weiter nichts, kein Wort, und die Schmerzen waren weg.
Du bist ein Römer, ihr dienet vielen Göttern“, Charius schmunzelt heimlich: ‚Wenn du wüßtest‘!, „und so wird dir wohl der Galiläer nicht viel gelten. Willst du Ihn aber kennen lernen — Er ist auf dem Weg nach Norden, wird wohl, wie ich hörte, nach Bethsaida kommen. Nun, von hier aus ist‘s schon ein Stück Weg; doch rate ich es dir: wenn du kannst, gehe hin und sieh! Lerne Ihn erst einmal kennen, wie ich Ihn erkennen lernen durfte.“
Gut ist, daß Chuva weder Retzi noch Susanne sieht; beide sind ins Nachbardorf gegangen. ‚Meinen Retzi geb‘ ich nie mehr her!‘, denkt Charius und ist erleichtert. Er gibt Chuva eine gute Speise, auch ein Geld; und weil gerade passend, läßt er ihn durch eine Schar von Legionären, die auf dem Marsch nach Süden sind, betreuen. So kommt der alte Chuva gut nach Hause.
Charius ist hingegen rasch dabei, einen Wagen herzurichten, wegen seiner Frau, die nicht reiten kann. Morgen auf nach Bethsaida! Er muß, er will Ihn wiedersehen, dem sein ganzes Herz gehört. O, wie wird Retzi jubeln, Susanne auch. Kaum zu fassen, diese Freude!
Sonderbar, als Retzi hört, was vorgesehen ist, bricht er nicht, wie erwartet, in eine Jubilate aus. Wohl leuchten seine dunklen Augen auf, doch bleibt er ernst. Seine helle Himmelsfreude ist in ihm wie eingekapselt. Charius und Susanne, tief beeindruckt von der Art des Knaben, erinnern sich des Herrenwortes:
»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder . . .«
Lauter Jubel ist schon etwas wert, wenn es um was Gutes geht. Aber was im tiefsten Herzen eines Menschen lohen kann, was wohl allein der Herrgott sieht und insgeheim zu segnen weiß, das ist das echte hohe Lied der Freude. Das hat Retzi, wenngleich für ihn noch unbewußt empfunden: heilige Herzensstille! Sie brechen früh am nächsten Morgen auf. Keiner wundert sich im Ort, weil der ‚Römer‘ bloß mal wieder inspiziert. Kommt öfter vor.
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