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Auch fern ist man dem Heiland nahe. Pilatus soll eingeschaltet werden

Kapitel 5

Auch fern ist man dem Heiland nahe. Pilatus soll eingeschaltet werden. Ein neuer Römer wird gewonnen

Mild scheint die Sonne nieder auf die Menschenmenge, die sich an einem Hügel bei Bethsaida versammelt hat. Über ihr, gerade so, daß man Ihn sehen kann, wird der Herr erwartet, genannt noch Galiläer, um ja nicht zuzugeben, daß — Aber da ist eine Gruppe, die an einer Seite steht, glaubensvoll, was Er heute sagen wird, was tun. Immer legen sich die heilsgewohnten Hände auf die Kranken, wie oft auch auf Verlorene, die zu einer wenngleich kleinen Umkehr kommen. Gar nichts entgeht dem Heiligen; jederlei Gebrechen, der Seele, eines Körpers — Er sieht und hilft!

Gleichfalls abseits auf einer kleinen Bodenwelle stehen Charius und Susanne, Retzi zwischen sich. „Von hier werden wir bestimmt den Heiland sehen, vor allem hören können, weil wir nicht bei all den vielen sind.“ Absolut von Charius nicht bös gemeint, nicht so, sich von der Allgemeinheit abzusondern, weil sie mehr als diese wären. Ihm geht es einzig darum nur: den geliebten Herrn zu sehen, Seine Lehre hören zu dürfen, selbst wenn sie nicht im Vordergrunde stünden, etwa dicht vor Ihm.

Wie eine Woge geht es über alle hin, als auf dem Fahrweg, der von Kapernaum nach Bethsaida führt, der Hohe kommt, gefolgt von Seinen Jüngern und vielen Bürgern aus der Stadt, die im Glauben, Hingabe, treuer Liebe Ihm oft nachgegangen sind, auch weite Wege. Ja, sinnt Charius wieder: ‚Wär‘ es nicht Susannes wegen, die ich zu Fuß die weite Strecke nicht mehr gehen lassen kann, sie erwartet bald ein Kindchen, oh!, wie der gute Heiland müßte man die Füße regen, nicht Wagen oder Roß benutzen. Geht Er nicht die vielen Wege, von Süd nach Nord, von Ost nach West, zu Fuß? Man sollte . . .‘ Sein Gedankengang wird ausgeschaltet.

Ihnen gegenüber, einen Teil der Menge zwischen sich, besteigt der Heiland einen kleinen Hügel, kaum größer als ein Menschenmaß. Aber ebenso kann Ihn jeder sehen, und gewiß Seine Stimme werden alle hören. Ob auch gerne angekommen, ob danach getan? Ach, da muß man an sich selber denken, damit man nicht das ‚Band‘ verliert, jenes Gnaden band, das stets der Schöpfer webt. Und Er, o Er, wenn ja erst für wenige Erkenntnisreiche, ist der Schöpfer Selbst, GOTT, ob Er Sich zunächst gleich wie die Menschen gibt.

Ein Wort! Er wird das wieder sagen, dann, wenn die letzte Zeit gekommen ist, bevor Sein ungeheures Schöpfungsopfer sich erfüllt (Joh. 13, 15 u. 17), wie Er der leicht vergeßlichen Menschen wegen manches wiederholte, vor allem darum mit, weil an allen Orten immer andere Leute sich um Ihn versammelten. Eben jenes Wort:

»Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, jedem, der es für sich selbst erkennen will;

und so ihr solches wisset: selig seid ihr, so ihr danach tut!«

Oft ermahnt Gott Seine Kinder, in unaussprechlich großer Liebe, was den Menschen fehlt, sie oft bloß mager aufzunehmen wissen. Und wie Er Seine hohen Grundgebote (Matt. 22, 37-40) einstens schon durch Mose wissen ließ (5. Mo. 6, 5; 3, 29, 28), so allezeit die Lehre Seines Lichtes in der Wiederholung, weil der Mensch des Geistes Worte nur zu leicht vergißt, zur Seite schiebt; denn das Leben auf und von der Welt — ah, wie hängt man daran fest! Und nun — —

Ein hehres Lied der Liebe! Gütig-ernste Worte, freundlich-warme Blicke, alles gleitet wie ein sanfter Regen, segensvoll, über die Versammlung hin. Oft hebt der Herr die Hände hoch, und ist niemand da — erkannt, gefühlt und abgestritten —‚ der nicht die Hände auf sich ruhen fühlt, nicht jene Wunderherrlichkeiten spürt, die das Herz durchpflügen, die Seele zu erquicken weiß.

Besonders sind Susanne, Charius und das Kind davon betroffen. Sie knien nieder. Lasten voller Himmelssegen taut auf sie herab, damit sie sich erheben können. Sie sollen Ihn solang als möglich sehen, unwissend: es ist das letztemal. Sonderbar mag sein: keines von den dreien möchte sich nach vorn begeben, um den weißen Kleidsaum anzufassen, um — — Ist das etwa nötig, wo sie wissen:

»Bin Ich denn allein ein Gott in eurer Nähe?

Bin Ich nicht auch ein Gott von ferne her?«

(Jer. 23, 23)

Ein altes Wort und ewig neu, wie der Heilige ewiglich Sein Werk erhält, segnet, bei Ihm jede Schöpfung ruht. Ein Rabbi hatte einst es Charius aus einer Rolle vorgelesen. Schon damals kam es ihm vor: Herrlich, stets zu wissen, Er ist immer da! Ebenso ergeht es jetzt den dreien. Susanne kannte auch das Wort; und Retzi hatte man erklärt, was darunter zu verstehen wäre. Also sieht der Knabe zu dem Heiland hin, denkend: ‚Seine Hände haben mich berührt, ich lag in Seinem Arm, und so —‘ Retzi ist‘s, als würde das im Augenblick geschehen, wie damals, als er noch zu Hause war.

Lange stehend, keine Müdigkeit empfindend, als ob Gottes hehre Kraft sie allesamt erfüllt, lauschen sie der Predigt, einem Beispiel ohne gleichen, wie es kein zweites auf der Erdwelt gibt. Man weiß nicht, wie man den Gnadenplatz verließ. Wie Träumende (Ps. 126, 1) wandeln sie dahin, fahren heim nach Dan, langsam, um all die Worte Jesu zu bewahren. Erst zu Hause, nachdem eine Nacht vergangen ist, besprechen sie das heilige Erlebnis.

„Ich kann‘s kaum noch fassen“, sagt Charius und schämt sich nicht, rasch einmal seine Augen auszuwischen, „was wir alles hören durften. Das waren Himmelsstunden, wahrlich — es genügt auf dieser Welt gewiß einmal, wie Er, der Hoch-Heilige, ein GOTT und VATER ist. Ein Übermaß von all den Herrlichkeiten würden wohl die Menschen schwer ertragen können.

Schon wenn man GNADE sagt und bedenkt, was diese zu bedeuten hat, da ist es wie ein Stich, der durch Herz und Seele fährt, weil Retzi faßt nach seines Vaters Hand; kindlich ist die Frage und so tief, wie oft bloß Kinder denken können, unbewußt. „Warum soll die Gnade stechen? Ich weiß nicht genau, was unter Gnade zu verstehen wäre. Aber spüre ich des guten Mannes Liebe, Seine Freundlichkeit, darf Seine Worte hören, und die sind mir ins Herz gegangen, kein Stich, so möchte ich wohl meinen, daß die Gnade etwas Wundersames, etwas Feines ist. Das kam von IHM!“

„Junge!“ ruft Susanne und Charius hebt ihn auf sein Knie, drückt ihn an sich und sagt: „Es ist so, Retzi und wirst‘s verstehen: Wenn auf einem, etwas lastet, Gutes oder Böses, Letzteres zumeist von dieser Welt, was du auch einmal erleben wirst, dann tut einem innerlich was weh. Bleiben wir zuerst bei Gottes Gnade stehen, die uns der Heiland, und das ist ‚dein guter Mann‘, so kannst du Ihn jetzt immer nennen, brachte, wie du richtig sprachst: durch Seine Liebe, Seine Freundlichkeit. Gnade ist stets das, was der Mensch im allgemeinen nicht verdient. Warum?

Sieh, auch wenn man eines guten Willens ist, wie du, der du die Wahrheit liebst, gehorsam bist, nichts Böses tust, so bleibt doch an uns Menschen etwas haften, was — sagen wir es so — nicht in Gottes Himmel paßt, Er deshalb eigentlich bestrafen müßte. Weil Er aber sieht, wenn jemand sich viel Mühe gibt, nie mit Absicht Böses tut, und doch so mancherlei geschieht, dann setzt Er gerne Seine GNADE ein und mag es etwa heißen, wie ich‘s fühle:

‚Mein Kind, du hast Mich betrübt, die Gebote nicht beachtet und deinem Nächsten Sorge zubereitet. Weil du es aber nicht mit Absicht tatest, nicht überlegtest, daß mit deinen Worten, deinen Taten ja dem andern Schaden widerfuhr, erlasse Ich dir deine Sünde durch Mein hohes Gnadenheil. Verdient hast du es nicht; du kennst Mein Grundgesetz, du weißt, daß Ich der Schöpfer aller Dinge bin. Wer guten Willens ist, danach zu tun, dem gelingt es leicht. GNADE ist ein göttlich-hehres Streichen einer Schuld.‘

Der Hohe Herr kann das ganz anders sagen als ich kleiner Mensch vermag, wie ich die Gnade habe. Nun, Retzi?“ Der Knabe, im Erkennen seinem Alter weit voraus, sieht die Eltern ernsthaft an. „Wenn das so ist, o seht, alsdann waren von dem Heiland, von nun an nenne ich jetzt meinen guten Mann eben ‚Heiland‘, so waren Seine Worte, die wir hören durften und wir Ihn sehen konnten — ja, war eben alles Seine Gnade.

Ich denke: wenn ich einmal etwas tue, was euch nicht gefällt und ihr mich nicht bestraft, so wäre das ein Gleiches, wie du, Vater, es von GOTT erklärtest. Wie könnte man von Herzen fröhlich sein, könnte Seine Gnade inniglich erbitten, sobald man spürt, daß man falsch gehandelt hat. Nur . . .“ Retzi stockt, er senkt die Lider, als müsse er etwas verbergen. Susanne streicht ihm übers Haar. „Wird nichts allzu Schweres sein, was du eingestehen müßtest. Oder doch? Sag‘ es uns.“ Retzi verneint es stumm, doch dann:

„Vom Heiland habe ich es gut gemerkt: »Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist!« (Joh. 13, 15). Etwas weiß ich nicht ganz wörtlich: »Ich bin ein Beispiel für euch alle, habe es euch vorgelebt. Wer das befolgt, wird selig sein!« Was ‚selig‘ zu bedeuten hat, ahne ich; es muß was ganz besonders Schönes sein. Er hat es doch gesagt!“ Strahlend sind des Kindes Augen, als läge darin einer Sonne Licht und Strahl. Charius sinnt für sich und das stimmt genau:

»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder . . .«

Ich will über Retzi meine Augen offen halten, so lang ich‘s kann. Wollest Du, heiligwahrer Gott und Herr, unser Heiland, der zu uns kam, mir Deine Kraft und Gnade, Deinen Segen geben, damit ich auch wie dieses Kind mich Dir mit vollstem Herzen anvertraue. Ein inniges Gebet, das bedarf keiner lauten Worte. Ja, Herzgebete steigen leicht empor ins Licht, zu den Schöpfers Empyreum.

Kaum anders denkt Susanne, weil ‚bloß ein Kind‘, und noch so jung an Jahren, GOTTES WORTE hören, bewahren und wiedergeben kann, wie selten es Erwachsene vermögen. Soll man die Hunderte von Hörern heute fragen, ob sie das Gehörte recht behalten haben?, und obwohl des Heilands ‚großer Segen‘ ihre Herzen füllt, bis oben hin? Nein, sie mag es nicht einmal von sich behaupten, dabei hatte sie sich von der Gottesrede nichts entgehen lassen. Die Gedanken, eben kommend, äußert sie:

„Müßte ich jetzt viele Sätze wiederholen, o Charius, ob mir das möglich ist? Lebendig ist‘s in mir geblieben, das Wunderherrliche, Seine Güte, Liebe, daß jedes Seiner Worte wie ein Heilsgewässer über alle Leute floß. Wo ist es jetzt?, das Heil, der Segen, jene unermeßlich hohe Gnade?“ Charius nickt dazu, während Retzi nach Susannes Händen greift. Er weiß genau: Zieheltern hatte er bekommen. Doch das Gedenken an die Mutter trägt er still und fest in seiner Seele. Nun gab der Heiland ihm die neuen Eltern, deshalb sagt er es mit vollem Recht:

„Mutter, wenn nur zehn, außer Vater Charius und dir, alles innig in sich aufgenommen hätten wie eben du, dann — dann wäre . . .“ Wie ein Bild wird es ihm gezeigt: ‚Wären es doch zehn Gerechte, um die Abraham mit Gott gerungen hatte (1. Mo. 18, 31) wäre Sodoms Land gerettet worden.‘ „Ich habe mal gehört, als unser Rabbi mehrere große Knaben unterrichtet hat, es wäre einstens Abraham gewesen und wäre es um einen Zehnt gegangen, so wie die Zehn Gebote Gottes, dafür wären Tausende gerettet worden.

Ich spürte es, wenn ich‘s auch nicht richtig sagen kann: während jener großen Rede meines — ja ja“, lächelt Retzi, „‚guten Mannes‘ soll es nicht mehr heißen, wenn‘s auch stimmt, daß Er es war, ist und bleibt: bei der Rede unseres Heilandes haben viele Leute nicht gut acht gegeben, sich umgedrecht, mit anderen geflüstert, einige sahen hämisch drein. Ich ärgerte mich, weil ich nicht dazwischen fahren konnte. Gern hätte ich‘s getan.“ Kindlich guter Eifer.

„Allein, entgangen ist mir nichts von dem, was der Heiland alles lehrte. Trotzdem sah ich, was die Leute taten. Freilich, bei sehr vielen sah ich auch den Ernst und wie sie an den Lippen hingen, die uns so viel Trost, so viel großen Segen brachten. Ach, dachte ich, könnte sich nicht jedermann dem Heil ergeben? Alsdann könnte unser Volk auch nicht verderben.“

„Wie denkst du dir die Hilfe, Retzi?‘‘ ‚‚Weiß ich nicht, ich fühl‘ es nur, ist wie ein Brennen.“ Er zeigt auf seine Brust. „Hast du das nicht auch, Vater? Manchmal ist es wie ein dunkler Schatten, wie eine Finsternis, was uns Menschen droht. Aber da, wo doch der Heiland wirkt, hier müßte alles Licht und Sonne sein, müßten alle Leute sich zu Ihm bekehren. Ich hörte nahebei zwei Männer tuscheln: ‚Der fällt um, bald; und dem verhaßten Römer schieben wir es in den Schuh. Wird sich wundern, was wir trotz Besatzung können.‘ Wäre ich bloß groß“, Retzi weint, „denen wäre ich gekommen! Was haben sie damit gemeint?“ fragt er Charius.

„Das muß man prüfen.“ Ihm befällt harte Sorge, vordringlich JESU wegen; aber für Pilatus steht sie auch vor ihm. Charius weiß, was der Römer in Judäa leisten muß und ist keiner von den Üblen, die gleich mit Waffen rasseln. Die Retzi meint, waren sicher Templer von Kaiphas gesandt. O ja, immer sind die Spitzel auf dem Weg; und was die berichten, sieht man für bare Münze an, obendrein so sehr verdreht, aufgebauscht, daß man — —

„Magst du mit mir kommen? Muß nach Cäsarea, eine Meldung machen.“ „O ja“, jubelt Retzi. Leicht ist ein Kind von seinem Kummer abzulenken, immer gut, wenn es gelingt. „Wie lange bleibt ihr denn?“ fragt Susanne. „Ich beeile mich, in spätestens drei Tagen sind wir wieder hier. Treffe ich den richtigen Mann, geht es schneller, und brauchst du nicht zu warten.“ Susanne eilt, um ‚ihren Männern‘ einen Zehrsack herzurichten. Noch steht die Sonne hoch am Himmel, traben Charius und Retzi schon ins freie Feld.

In Cäsarea gibt er einer ihm bekannten römischen Familie Retzi in die Obhut. Gern wird der Knabe aufgenommen. Hier weiß man nicht, daß er ein Judenjunge ist. Überdies sind die Leute keine Hasser. Charius sucht einen Hauptmann auf, der sowohl Pilatus als auch den Heiland kennt. Ihm kann er sorglos alles anvertrauen. Sie sitzen in dem kleineren Gemach, der als Amtsraum dient, wo keiner lauschen kann, der hier nichts zu suchen hat.

„Was hast du auf dem Herzen?“ fragt Hauptmann Brudumus. „O, es ist viel und ich hoffe, du kannst helfen.“ „Wenn möglich gern, du kennst mich ja.“ „Eben!“ bestätigt Charius. „Du kennst den Nazarener, den man ‚Galiläer‘ nennt. Die Templer in Jerusalem hetzen gegen Ihn.“ „Ist mir bekannt; bloß können wir da nicht viel machen. Er ist einer ihres Volkes.“

„Nein“, widerspricht Charius. „Die Galiläer sind ein Stamm für sich. Vom Volke aus gesehen gibt es keine Reibereien zwischen Süd und Nord; hohe Templer gießen Öl ins Feuer. Das Volk ahnt nicht, wo es hingetrieben wird. Das Feuer — ich mag nicht wissen, wann und wie es drin verbrennt — wird kaum mehr zu löschen sein.“ „Auch nicht durch uns?“ fragt Brudumus. „Höre zu, dann kannst du selber dir die Antwort geben. Bist du mit Pilatus in Kontakt?‘‘

„Ja, warum?“ „Noch die Frage: Was hältst du vom Galiläer? Du hast gegen Ihn nichts unternommen?“ „Nein‘“, erwidert jener. „Menschlich halte ich Ihn für ein großes Licht. Zweimal hörte ich Ihm zu. Über Seine Weisheit habe ich gestaunt. Na, Römer sind wohl anderes gewöhnt; in Seinen Worten lag viel Güte. Man kann es notfalls eine Nachsicht nennen, wie man es haben will. Jedenfalls das, was der Mensch im allgemeinen nicht besitzt.

Politisch ist Er ungefährlich. Nie sprach Er gegen Rom, überhaupt gegen niemand außer jenen, die das Gesetz verletzen, wobei die von der Welt und — hm — die göttlichen Gesetze zu verstehen waren. Und ein mal, werd‘ es nie vergessen, wie das möglich ist, brachte man auf einem Esel einen Lahmen. Offensichtlich, der konnte gar nicht gehen. Zwei Männer legten ihn dem Galiläer vor die Füße. Der Lahme rief: ‚Herr, vergib mir meine Sünden und mache mich gesund!‘ Darauf der Sonderbare:

»Weil du zuerst an deine Sünden dachtest und hast viel getan, was GOTT zuwider war, darum stehe auf und wandle. Sündige hinfort nicht mehr, auf daß du nicht verderbest!« Die Menge um Ihn her, ich ja auch, waren starr, als der Lahme sich erhob, dann aber niederfiel, dem Heiler dankte und ohne Hilfe sich erhob. Er wäre im Gefolg des Heilers lang verblieben. Wie ist das zu verstehen? Ein Rätsel, was gewißlich niemand lösen kann. Oder doch?“

Als geborener Israelit versteht Charius das Wunder, wie man eine Heilung nannte. Für einen Römer sind die rechten Worte schwer zu wählen. Charius versucht, das Wunder zu erklären. „Schau, man muß Juda‘s Glauben etwas kennen, von früher her, dann wird einem klar, wie das möglich ist. Fast jeder Stamm im Jordanland glaubt bloß an einen Gott, der alle Dinge, der die Welt, die Menschen, die Natur erschuf. Dieser hätte — und das stimmt fürwahr — schon zu früheren Zeiten Seher auf die Welt gesandt, Propheten, die große Dinge taten aus der Lichtkraft ihres Gottes.

Nehmen wir es an“, Charius umschreibt sein Glaubenswissen, um dem Freund zu helfen, „dieser ‚Heiler‘, Er nennt Sich manchmal so und auch ‚Sohn Gottes‘, was Sendling heißt, hat die Kraft, Dinge auszuführen, die über menschliches Verstehen oder Können ragen, mag es heißen: so hoch das Firmament über dieser Erde ist. Verstandesmäßig ist‘s nicht zu begreifen; unser inneres Gefühl jedoch kann es fassen. Aber nun das Wichtigste:

Bei einer Rede, die ich kürzlich hörte, standen Leute um Ihn her, die an Ihn glaubten, denen Er zuwider war, dabei zwei Templer, die leise sagten, was jemand aber deutlich hörte und es mir hinterbrachte: ‚Der fällt um, bald; und dem verhaßten Römer schieben wir es in den Schuh. Wird sich wundern, was wir trotz Besatzung können‘ (S. 51, 1). Ohne Zweifel: Pilatus war gemeint. Der sitzt ohnehin im Wespennest. Warst du schon mal in Jerusalem?“

„Nein, Pilatus bin ich im Gebiet begegnet. Habe viel gehört, was möglich ist. Doch den Prokurator überfährt man nie!“ „O, das sage nicht zu laut! Die hohen Templer, Kaiphas und Hannas, sind zu allem fähig. Die spielen sogar unseren Cäsar aus! Könntest du vielleicht Pilatus warnen? Du hättest gute Möglichkeit, zumal es dabei mit um unseren Heiler geht.

Spielen Kaiphas und Hannas unseren Pilatus aus, fällt Jener auch mit in ihr böses Netz.“ „Du siehst zu schwarz!“ Brudumus geht auf und ab. „Etwas muß man unternehmen, wenn ich die beiden Templer auch nicht kenne. Ob mir Pilatus jedoch glaubt?“ Der Römer hebt die Schultern hoch. ‚‚Versuche es“, drängt Charius. ‚‚Ich würde dich begleiten, hab‘ nur gerade eine Order, den Bezirk von Dan zu kontrollieren. Scheint was im Gang zu sein.“

„Mache ich mich auf den Weg.“ Er befiehlt zehn Legionären, Pferde und die Waffen herzurichten und schnallt sich seine Rüstung an. Wie ist Charius erfreut, trotz Sorge. Wieder Gottes Führung, der HERR hat Seine Hand gereckt. „Darf ich dir raten, weil ich die Gegend kenne?“ „Jeder gute Rat wird gerne angenommen.“

„Bleibe links des Merom-Sees, über Bethsaida, Gadara bis Ramoth Gilead. Dort gibt es wenig Späher. Südlich Ramoth, nicht weit ab, gibt es trotz des breiten Jordans eine gute Furt, geht das Wasser kaum den Rössern bis ans Knie.“ „Wir sind nicht wasserscheu“, lacht Brudumus. „Na ja; dann weiter über Jericho nach Jerusalem. Wirst alles bestens richten.“

„Für deinen Ratschlag sei bedankt. Ich war stets im nördlichen Gebiet; nach Judäa hat mich nichts gezogen, weil so viel gemunkelt wird. Streiche meist davon die Hälfte aus, doch etwas Wahres haftet dem Geraune immer an. Vorsicht ist der Mut der Tapferen!“ „Ganz meine Meinung; hat keinen Zweck, in des Löwen Höhle einzudringen. Will man aber die Bedrohten retten, ihnen helfen, gehe also in des Löwen Höhle, wo die Oberen in Juda sitzen, die nicht bloß brüllen, die heimtückisch schlagen können.‘‘

„Mit denen werd‘ ich fertig. Nehme Legionäre mit und du sollst sehen, wie . . .“ „Möglich, Brudumus. Die fallen einem in den Rücken und ehe man es merkt.“ „Mit dem Pontius — ich meine, es würde nötig sein —‚ werden auch die Gernegroße klein.“ „Ins Gesicht! Hernach? Darf ich dir noch etwas sagen, was du vielleicht nicht anerkennst?“ Brudumus zieht die Stirne kraus. Kommt Charius mit dem Nazarener? Nicht fehl gedacht.

„Glaub‘ es oder lehne ab“, sagt Charius ernst. „Ich hab‘s wie oft erlebt: stand vor mir ein Schwieriges und ich dachte bittend: ‚Herr, Jesu von Nazareth, stehe Du mir bei‘, so waren die Gefahren weggewischt, als hätte keine mich bedroht. Es ist schwer zu fassen, aber es ist wahr, mein Freund. Judäa ist ein Wespennest; der Prokurator wird es dir bestätigen.“

„Will‘s versuchen“, brummt der Römer. „Denke längst, wenn wir unsere Götter rufen, daß wenig, an sich gar nichts geschieht. Man glaubt nur so, doch die Gedanken an die Hilfe sind die eigentliche Kraft. Oder nicht?“ Charius nickt, er hat vom echten Glauben her das Bessere erkannt.

„Legst du es menschlich aus, sag‘ ich ‚ja‘ dazu. Geht es um den Glauben an den einen Gott, kommt die Kraft von IHM, des sei gewiß!“ „Der Galiläer ist kein Gott, ist ein Mensch, weiß Er gleich Kräfte anzuwenden, die den Sterblichen nicht dienstbar sind.“ Hm, Charius zögert, dann gibt er sich den ‚Ruck‘, wenn man das bekennen will, wovor man sich leicht scheut.

„Denk‘ jetzt von mir was du willst, Brudumus, ich habe es erlebt: dieser Mann aus Galiläa ist bloß äußerlich ein Mensch, und allein der Menschen wegen gibt Er Sich meist wie ein solcher dar. Kannst du Ihm einmal in die Augen sehen, Sein Angesicht, Seine Worte, die Gebärden Seiner Hände, dann — dann würdest du wie ich erkennen, wer Er ist, nämlich wirklich Gott!

Ich weiß, so leicht ist‘s nicht zu verkraften; allein, wir Römer sind geschult genug, Brudumus, zwischen allem Weltlichen und dem, was wir übersinnlich nennen, sehr gut zu unterscheiden, um dies zu wissen: das Übersinnliche ist das eigentliche Leben, so wie das Innere in unserem Körper ‚Leben‘ ist.

Das Herz pulsiert, ob du willst oder nicht; die Lunge atmet auch im Schlaf. Unsere Organe wirken, ohne den bewußten Willen anzuwenden. Wir sehen nicht, wie das vor sich geht. Leugnen können wir es nicht! Tiefsinnig hat mal ein Arzt aus Griechenland zu mir gesagt: ‚Man atmet ein, Sauerstoff, er hilft dem Herzen und dem Blut, durch die Lunge. Wir atmen aus, was der Körper nicht verbraucht, atmen gleich wieder ein. Wie verwandelt sich vor unserer Nase oder Mund so rasch das Schlechte, das Verbrauchte, wieder in die gute Luft, die wir in Athen auch ‚Ozon‘ nennen?‘

Das gab mir zu denken und lehrte mich: das Unverständliche, das Übersinnliche ist das Leben, von dem wir leider noch sehr wenig wissen.“ Brudumus denkt eine lange Weile nach und Charius wartet ab. Es gärt, denkt er. Braucht es zwar paar Tage, bis im Gespräch der Cäsareer sich ermannt, so hebt er einmal plötzlich seinen Kopf, fragend: „Der Galiläer wäre also so ein Übermensch, so ein — hm, ein Gott? Wie soll ich in Gefahren sagen?“

„Herr, Jesu von Nazareth, stehe Du mir bei!“

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