Kapitel 6
Böser Überfall, aber ohne Erfolg. Um so herrlichere Erkenntnis über Jesu
Tagelang wartete Susanne auf die Rückkehr von Charius, der Retzi eher heimgeleiten ließ. Wie oft läuft der Junge vor das Haus. „Er kommt nicht wieder!“ Ängstlich schmiegt er sich an seine ‚Susanne-Mutter‘ an. Selbst bekümmert, tröstet sie das Kind. „In Cäsarea wird wohl viel zu richten sein. Er kommt bestimmt.“
Am vierten Morgen treten auf das Haus zwei Männer zu. Susanne überfällt die Angst. Allein — sie kennt auch den Herzensruf: ‚Herr, Jesu von Nazareth, stehe Du mir bei!‘ Das bittet sie, wohl bangend, dennoch glaubensvoll. Die Männer treten ein, Susanne schweigt, sie wartet ab, was jene sagen werden. Es geht gleich los.
„Wir haben einen Auftrag von Jerusalem, was, geht dich vorerst nichts an, es sei denn, du tust, was wir befehlen.“ „So?“ fragt die Frau. „Wie lautet der Befehl?“ Einer übergibt die Frage, mustert sie sehr ungeniert und sagt: „Du bist eine Jüdin; was hast du hier in Dan zu suchen?“ Dabei wissen beide ganz genau Bescheid. Doch mit Fangfragen (Matt. 22, 16-22) sind sie bestens ausgerüstet.
„Nicht das ich wüßte.“ Susanne spürt auf einmal eine Kraft, als ob jemand bei ihr stünde. Mit Recht verneint sie eine Zugehörigkeit zu Juda, weil der Stamm Dan zu Israel gehörte; und das existiert nicht mehr, seit siebenhundert Jahren. „Ich bin eines Römers Frau“, bekennt sie Stolz. „Du?“ zischt einer hämisch. „Dein Gesicht hat niemals Rom gesehen!“
„Ich kenne Leute, die nicht wie Juden wirken.“ Sie meint vielmehr die Guten unterm Volk. Aus einem Kasten zieht sie eine Rolle vor, ein Duplum, das Charius, wenn nötig, für Susanne stempeln ließ. Die Erstausfertigung ihrer römischen Zugehörigkeit verwahrt er am geheimen Ort. „Hier“, zeigt sie auf das Dokument, „könnt ihr sehen, daß mein Mann und ich zu Rom gehören.“
„Pah, ist uns längst bekannt! Da macht man mit den Unterdrückern ein Geschäft, mit viel Geld, nicht wahr?, schon wird aus Israelen sonst etwas!“ Gut bewandert, lacht Susanne. „Israel gibt es nicht mehr. Solltet ihr nicht wissen, daß . . .“ „Schweig‘, du dumme Frau“, zankt der Zweite, „ob Juda oder Israel, das bleibt sich gleich! Nun wird nicht gefackelt; du bist verhaftet, wirst nach Jerusalem gebracht und dort zeigt es sich, was du bist!“
Sieht böse aus. Kein Nachbar kommt zu Hilfe, zumal mehrere keine Römer sind und sich vor dem Tempel fürchten.,, Ich komme mit, aber bloß mit meinem Mann. Solang hat es Zeit.“ Woher den Mut genommen — Susanne kann es später nicht mehr sagen. Schon wollen beide Männer — des Hohen Rates Schergen — roheste Gewalt anwenden, da ertönen vor dem Hause lautes Reden und ein Waffenlärm. Wieder eine insgeheime Führung?, eine unbekannte Hilfe, die die Welt nicht kennt — —?
Charius war im scharfen Ritt zurückgekommen, hatte Legionäre aufgelesen, die von ihrer Einheit abgekommen waren, ohne Schuld. Er hatte sie beruhigt. „Ihr bleibt erst mal bei mir; von Dan aus forsche ich, wo die Kohorte steht.“ Die Legionäre danken salutierend, hocherfreut. Denn es kam auch schon vor, daß ein Abgekommener als Abgesprungener verurteilt wurde.
Nun lauschen sie und einer fragt: „Hauptmann, was geht in deinem Hause vor?“ „Möcht‘ ich gleichfalls wissen. Meine Frau und Männer? Sie ist die Treue in Person! Seid still, wir wollen lauschen, etwa werden wir —„ Bald merken, was die Schelle schlägt. Da hören sie, wie eine Männerstimme förmlich faucht:
„Du kommst mit! Dein Wisch“, er wollte das Duplum schon an sich reißen, doch Susanne hatte es im Kasten rasch verwahrt, „gilt für uns nichts. Ha, römisch, damit kannst du uns nicht schrecken! Bald werden wir sie aus dem Lande jagen, wenn wir Pilatus zwingen, den — den —“ Wen er meint, kann Charius sich denken: den Herrn, Retzi‘s ‚guten Mann‘, aller Menschen Heiland. Daß er Brudumus dahin brachte, zum Prokurator aufzubrechen, ah!
„Jetzt“, befiehlt er seinen Legionären, „und verstellt die Tür, die Lumpen dürfen nicht entweichen!“ „Unbesorgt, wir sind unser sechs, drinnen sind nur zwei.“ Beim Betreten, die Schergen hatten nichts gemerkt, sieht man, daß Susannes Arme rechts und links ergriffen wurden und sie brutal zum Ausgang hingezogen wird. Schon donnert es ganz schön:
„Was tut ihr hier mit einer Römerin? Wer seid ihr und in wessen Auftrag seid ihr eingedrungen? Widerrechtlich, will ich meinen! Oder nicht?“ Erschrocken drehen sich die Männer nach dem Rufer um und erbleichen. Das merken sie: es ist ein Römer und sechs Legionäre. Asmodi!, o fahre in die Hölle! Wobei sie nicht bloß an die Römer, sondern auch an ihren Auftraggeber denken, dem sie nie entrinnen können. Einer zeigt sich trotzdem mutig.
„Der Tempel sendet uns; Rom hat ihm sein Recht bestätigt. Wirst‘s wohl wissen.“ „Genau; ein Römer hat das Recht noch nie verletzt! Vergreifen sich jedoch des Tempels Oberste an Römern, noch dazu an einer Frau, die wie eben wehrlos ist, so geht euch bald das Recht verloren. Nun nicht gefackelt: Warum seid ihr eingedrungen, gerade jetzt, wo ich nicht zu Hause war? Macht mir bloß nichts vor, sonst werdet ihr in Rom gerichtet!“
Trotz Drohung wagt der eine: „Wir sind beauftragt, jordanauf und -ab Leute auszukunden, die dem Galiläer, dem Volksverführer folgen. Ob du dazu gehörst, geht uns nichts an. Doch bei der Frau“, zeigt er auf Susanne, „ist‘s erwiesen, und so handeln wir mit vollstem Recht.“ Ein Legionär hebt seinen Spieß, die Widerlichen zu verscheuchen. Der Galiläer — er kennt Ihn nicht.
Charius greift nach der Waffe. „Ist noch lang nicht ausgemacht, wer einmal wen vertreibt. Zunächst hier Roms Recht: Die nördlichen Provinzen, ab Gadara von Ost nach West, sind eben römisches Gebiet, kein Teil vom Protektorat, hat mit Judäa nichts zu tun. Möget ihr dort hausen, bis man euch das Handwerk legt. Wird schmerzlich sein und — sehr gerecht.
Ich hätte Lust, euch nach Rom zu schaffen, weil ihr —“ Nein, das zu sagen wäre fehl am Platz. Bloß denkend: ,Den vielgeliebten Herrn zu schmähen, zu verfolgen, Seine Heilswahrheiten zu verdrehen, Seine Taten als ein Werk des Teufels hinzustellen‘ (Matt. 9, 34). Oh, wenn er könnte — — Charius bezwingt seinen Zorn; die sind ja viel zu schmutzig, sind fortzujagen, weiter nichts.
„Geht, aber schnell! Laßt euch hierorts nicht mehr sehen! Sagt das eueren Obersten, die ihre Teufel haben, wie sie vom Nazarener plärren!“ „Ha, du kennst Ihn wohl?“ wagt einer noch ein Widerwort. „Was geht‘s dich an, wen ich kenne? Jedenfalls — ganz offen zugegeben —“ er sagt mit Absicht weiter: „— habe ich den ‚guten Mann aus Nazareth‘ des öfteren gesehen und gehört.
Wenn eure Obersten ein Körnchen Sand vom MEER der Güte, des hohen Könnens davon hätten, was Er hat und kann, wahrlich, genügen würde es, zur Einsicht zu gelangen! Doch schwarz ist ihre Seele, finster das Gemüt, höllisch all ihr Handeln; von ihren Worten mag man gar nichts hören, weil alles hohlen Nüssen gleicht. Noch mit dem einen Unterschied: ihre Nüsse sind wie außen so auch innen hart, ohne eine Krumme, die man freundlich anerkennen könnte.
Marsch, meine Nachsicht ist zu Ende!“ Er beschriftet eine Rolle, übergibt sie einem Legionär mit dem Befehl: „Bringt die zwei nach Gadara. Dem dortigen Hauptmann übergib die Schrift; er sorgt dafür, das Gesinde! fortzubringen. Für euch wird es der Weg zu eurer Einheit sein, hoffe ich.“ Die Schergen sind schon aus dem Haus getrieben, während jener gleich die Rolle unterm Harnisch birgt. Er bekennt: „Von dem Galiläer habe ich nie was gehört. Nennst du Ihn aber einen guten Mann, so glaub‘ ich es.“
„Daran tust du recht. Sieh, Er hat viel wunderbares Werk getan, was man — menschlich — kaum versteht. Hohe Römer ehren Ihn. Denke einfach so: Der unbekannte Gott, den man ja bei uns verehrt, ist dem Nazarener zu vergleichen, oder umgekehrt.“ Im Haus kehrt Ruhe ein. „Das wäre beinahe böse ausgegangen“ seufzt Charius. „O, ich hatte Angst“, bekennt Susanne. „Dann war mir so, als stünde einer neben mir . . .“ „Das war Er! Er braucht nicht leiblich da oder dort zu sein, Er ist — hm — der Überall!“
„Du tatest sicher recht, bloß das: deine Nachsicht wäre nun vorbei. Ich dachte daran, als der Heiland von der Gott-Geduld gesprochen hatte. Eine Frau gab mir es kund, Er prophezeite von dem Untergang Jerusalems und Judas und hätte Er gesagt: »Fasset euere Seelen mit Geduld« (Luk. 21, 19). Ist Er die Güte Selbst, so müßte man mit solchen Bösen auch geduldig sein.“
„Bösen ist die Schnur zu legen, sonst verderben sie die besten Leute. Trotz göttlicher Güte und Geduld hat der Herr den Tempel ausgeräumt, mit einer Geißel (Joh. K. 2). Die Taubenkrämer hatte Er verschont, der Tiere wegen. Aber sonst — man muß es lernen, was der Heiland lehrt und tut.“
„O ja! Wann aber werden wir es lernen auszuführen, was Er uns geboten hat? Ist man jedoch eines guten Willens?, wenn es allein an unseren Seelenkräften mangelt? Habe nächtens oft darüber nachgedacht, sobald mir ein Gedanke oder auch die Worte fehlgegangen sind und — Es ist menschlich schwer, das Wahre auszuführen. Leicht sieht man sich besser an, als man wirklich ist.
Gott ist gut! Mose hatte schon gelehrt: ‚Wie hat Er — Gott — die Leute so lieb‘ (5. Mo. 33, 3). Ihm kann man sich völlig anvertrauen, braucht keine Angst zu haben; denn Gott hilft uns aus.“ Es klingt wie ein Notschrei aus tiefem Seelengrund. Susanne klammert sich an ihren Mann, als könne er ihr helfen.
Plötzlich drehn sich beide um, Charis bedrückt: „Wo ist Retzi? Hoffentlich ist ihm nichts —“ Nein, die Söldner haben ja die Argen weggebracht, sie können Retzi — O, wenn sie Hintermänner hatten und wenn — Susanne läuft hinaus, Charius hinterdrein. Im Garten ist er nicht, die nahen Gassen menschenleer. Man hat gemerkt, was vor sich ging. Bekümmert kehren sie ins Haus zurück. Susanne heftig weinend. Charius rennt wie verzweifelt auf und ab.
Es ist Abend, als an der Tür ein Wuschelkopf erscheint. „Retzi!“ stößt Susanne aus. Charius war nochmal fortgegangen, in den Gassen suchend. Als er unverrichteter Dinge wiederkommt und den Jungen bei Susanne sieht, dringt ihm ein langer Seufzer aus der Brust. Was er bisher niemals tat — er fängt an zu zanken. „Warum bist du solang weggeblieben? Wo warst du denn? Weißt du nicht, wieviel bittere Sorge wir uns um dich machten?“
Das Gesicht des Kerlchens wird so ernst, daß die Erwachsenen sich verwundern. „Ach, ihr hattet um mich große Sorge, ich — ich auch um euch.“ „Wieso?“ „Ich lag hinterm Gatter unterm Strauch, da sah ich vier Männer leise miteinander sprechen. Zwei gingen in die kleine Hütte, wo der Nachbar einiges verwahrt. Sie ist nie zugeschlossen, also konnten sie hinein. Zwei gingen zur Susanne-Mutter, und du, Vater, warst nicht hier. Mir war, als ob ich bei den Männern Böses sah, für unser Haus, für euch.
Am Ende von der krummen Gasse, wo es ins Freie geht, wohnt der kleine Mann, der manchmal zu euch kommt. Er glaubt auch an unseren Heiland so wie wir. Zu dem ging ich und sagte ihm von der Gefahr; denn das es eine werden würde, fühlte ich, als ob der Heiland mir es sagte. Talmon hielt mich fest, er könnte ja nicht helfen, freilich ich noch weniger. Die starken Männer und die in der Hütte, wir hätten wirklich nichts verrichten könnten. Die vom Ort, meinte Talmon, würden auch nichts tun und hätten keine Lust, nach Jerusalem verschleppt zu werden.
Ich mußte bleiben, er wollte sehen, was vor sich geht. ‚Aber‘, sagte er, ‚der Heilige ist unsere Burg und Zuversicht, was David einst gesungen hätte (Ps. 91, 2).‘ Vorhin kam er wieder und ließ mich fort. ‚Ich glaub‘, die Luft ist rein‘, sagte er. Ich wußte nicht, was er damit meinte; so schlich ich her, spähte durch das kleine Fenster. Wie war ich froh, weil der liebe Herr geholfen hat! Was wollten denn die Männer bei der Mutter?“
„Morgen hörst du es“, verspricht Charius. ‚Jetzt ist es spät und wir sind müde“, „ich auch“, wirft Retzi ein, „also laßt uns noch zu Abend essen, richte es gleich her“, ergänzt Susanne. Eine gute Nacht senkt sich hernieder. Dennoch steht Charius ein paarmal auf, geht im Dunkeln um das Haus. Es bleibt ganz ruhig, keine Späher sind irgendwo zu sehen.
Anderntags ist es das erste, was Retzi wissen will, was die Männer wollten. So jung er ist, sieht er jederlei Geschehen intensiver an als andere Kinder gleichen Alters. Die volle Wahrheit ist wohl nicht zu sagen. Man darf im Kinde keinen Haß erwecken. Man muß es umschreiben. „Sieh, Retzi“, fängt Charius bedächtig an, nimmt ihn zwischen seine Knie, „man will erfragen, ob es bei uns Leute gibt, die den Galiläer lieben und Ihm folgen. Sicher kam man unabsichtlich her, man will eben . . .“
„Soll das stimmen, Vater?“ zweifelt Retzi. „Ich sah ihre Mienen, als sie lange miteinander flüsterten und fühlte es ganz genau: ach, die wollen Übles tun. Wollen sie es wissen, wer dem Heiland folgt, dann müßten sie ja selber Ihm gehorchen. Und so — nein, so sah keiner aus. Auch Talmon wußte es, er hat es bloß nicht laut gesagt, weil die Templer —„ Retzi schweigt. Wohl sehr aufgeweckt, derart arge Hintergründe ahnt der Kleine nicht; auch hat er einen viel zu reinen echten Kindersinn.
„Mag sein“, bestätigt Charius. „Es gibt Gute und gibt Böse. Mit Letzteren muß man Nachsicht haben; aber deshalb darf man nicht das Böse dulden. Nun sei froh, sie sind fort, die kommen sicher niemals wieder.“ „Wenn sie böse auf den lieben Heiland sind, können sie Ihm etwas tun?“ Wie nahe der Gedanke an das baldige Geschehen kommt weder Charius noch Susanne, nicht Tausende von Menschen ahnen, was die Finsterlinge sich erstreben.
„Geh jetzt, Retzi, Mutter kommt dann nach dir sehen. Bleib‘ beim Haus, deine Spielgefährten können hierher kommen. Auf unsrer Wiese habt ihr Platz genug.‘‘ Retzi trollt sich fort, nicht ohne einen Blick, der mehr als Worte sagt. Susanne setzt sich neben Charius. „Wenn man wüßte, was im Knaben steckt“, fängt sie an, „er ist ganz anders als die jungen hier am Ort. Sein kleines Herz hat sich dem Heiland weit geöffnet. Ich wollte, ich könnte es wie er.“ „Ich auch, und das Wort des Herrn: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder«, es trifft wahrlich zu.
Leider haben es die meisten Hörer nicht begriffen“, „oder wollten nicht“, fällt Susanne ein.“ „Ach ja, hast recht. Er konnte noch so freundlich sein, Kranke heilen, Bedrückte trösten, ein Widerwort in unfaßbarer Langmut überhören, so: Er legte es zur Seite, um die Schwätzer nicht zu strafen. Kaum faßbar war mir folgendes:
Ich traf, mir erst unbekannt, einen Seiner Jünger. Damals war ich noch ein wenig skeptisch. Immerhin, Jesu Worte und die Tatengaben mir zu denken. Auf Befragen, woher er käme, sagte er betrübt: ‚Von jenen zehn samaritischen Städten, die sich zu einem Block gebildet haben. Da selbst wollte unser Meister wirken. Mit so viel Liebe zog Er ein, um die Leute zu erretten.‘
‚Von was?‘ fragte ich. ‚Sie sind auf Geld und Gut versessen, sie verkaufen ihre Seelen um des Mammons willen und tun viel unlautere Dinge. Und was geschah? Schimpfend jagten sie den Helfenden davon; es war so, als Er den Tempel reinigte. Nun etwas, was meine Brüder und ich noch nicht verstehen: Er, die Güte selbst, barmherzig gegen jedermann, der Seine Hilfe braucht, Er sprach: »Diese Städte werden Mich nie wieder sehen!»‘ Darauf ich:
‚Wer keine Hilfe haben will, dem kann man sie nicht geben.‘ ‚Ja, schon recht‘, gab jener zu. ‚Wüßtest du jedoch, daß der Heiland segnet, wo man flucht, vergibt, wo man lästert, — ah, die Predigt auf dem Berg (Matt. K. 5 u. 6), jene ‚Seligpreisung‘, und nun hier genau das Gegenteil.‘
Nun suchte ich Ihn öfter auf, mehr aus der Ferne, dennoch nah genug, um Ihn zu hören, zu sehen, selbst zu prüfen. Eigenartig mag es sein, daß ich den gleichen Jünger wieder traf. So befreit wirkte er, hatte mich erkannt wie ich ihn und er sprach mich an: ‚Damals, als ich dir berichtete, was die zehn Städte von Samaria taten, oh, wie töricht waren wir, haben die Erbarmung nicht erkannt, bis der Meister es erklärte.
Er müßte nicht erst dahin oder dorthin gehen, um zu wissen, was geschieht. Sein Wort: »Der Seelen wegen, um sie anzuregen, sich von der Weltlast zu befreien, geht Mein Weg zu allen Kindern hin, so und anders, wie es nötig ist und wie ihr Menschen nicht versteht. Gehe Ich nochmals in diese Orte, würden sie Mich abermals verjagen. Damit sie diese Sünde gegen Mich, ihrem GOTT, nicht noch einmal begehen, darum bleibe Ich den Städten fern und keineswegs, um Mich der Gefahr des Spottes auszusetzen!»‘
Susanne, das war für mich der Hauptanstoß, an Ihn zu glauben, Ihn zu lieben, zu erkennen, wie und was Er wahrhaft ist (Kol. 2, 9). Mir kam der Gedanke: Nichts in der Unendlichkeit, die man ‚Infinitum‘ nennt, kann im geringsten Gottes Allmacht hemmen! Sein Tun, Sein Lassen, nichts! Denn was Er tut, das ist wohlgetan und bleibend bis in alle Ewigkeit!“
„Man kann als Mensch wohl niemals voll erfassen, daß Gott, der Heilige — ach Charius“, Susanne schmiegt sich an ihn an, „wir beide wissen aus dem alten Glauben, der teils vergangen ist“, „nicht einem jeden, liebes Weib“, „nein, aber denen, die die Verantwortung zu tragen haben. Sie sind Schriftgelehrte, müßten aus der Prophezeiung wissen, daß und wie der Messias kommt. Doch alles Wundersame wird verdreht, statt der Schau ins Licht wird Weltliches geglaubt. Mir ist bang um unsern Herrn.“
„Mir auch, Susanne. Nun kann ich es dir sagen: einen Obersten, einen ganz Verläßlichen, hab‘ ich übermocht, zu Pilatus aufzubrechen. Er ist zu sehr gerecht, als daß er um der judenoberen willen Unrecht duldet. Hat er die Sache Jesu in der Hand, dann kann der Tempel, das Synedrium, nichts erreichen. Und gegen Rom —? Da sind sie ausgebootet.“
So fest hoffen sie, die wenig bei dem Herrn zugegen sind, jene, die mehr am Rande stehen und — wie ein Rad vom Reifen festgehalten werden. Weit abseits von Jerusalem, nicht nur hier im Norden, auch weit nach Süden gibt es viele Leute, die vom Heiland hören und Ihm glauben. Jene anderen Guten, die mit Ihm das Land durchwandern, oft täglich bei Ihm sind, wie manche hohe Römer, Griechen oder andere, sie sehen und sie hören, was Er, der Nazarener, lehrt und tut. Da ist‘s kaum verwunderlich, Ihm anzuhängen. Die Ferneren, dies sei hier hervorgehoben, das sind jene nach dem Wort des Herrn: »O, der Glaube aus der Schau ist gut; aber ohne Schau an Mich zu glauben, das bringt einen weiteren Grad der Seligkeit!«
„Wörtlich können wir ja nie behalten, was Er offenbart, soviel Heiliges; doch das Innere, das Lichtvermögen — sieh, Susanne, wenn wir das bewahren und Ihn lieben, dann mag kommen, was da will: wir sind auch mit Ihm durch Seine herzliche Barmherzigkeit vereint.“ Wehmütig sieht Susanne drein. „Ich will es auch so tun; nur — ich hatte einen wüsten Traum, weshalb ich bang geworden bin, um Ihn, unserem hochgeliebten Herrn.“
„Was war es für ein Traum?“ „Um Ihn stand eine finstere Wolke und wie Kleider, die der Wind bewegt. Dann kam eine andere Gestalt, die gegen diese Wolke eine Hand erhob, um unseren Herrn zu schützen. Das Synedrium gibt keine Ruhe; hast es ja an mir gemerkt, daß sie die Schergen sogar hierher schicken. Ob man helfen könnte, Charius? Man müßte zu Ihm gehen, Ihn bitten, nach Dan zu kommen; von hier aus könnte Er nach Syrien und stünde da im römischen Schutzgebiet, wo niemand was zu sagen hat. In Judäa hat der Oberste des Tempels leider noch viel Macht.“
Charius stützt die Stirne auf. Wie ist der Traum zu deuten? Daß Susanne fabuliert, ist ausgeschlossen. Also ist er ein ‚Gesicht‘ zu nennen. O nein! Hastig steht er auf. „Der Herr hat viel zu große Wunderkraft, so kann weder Kaiphas noch Hannas etwas richten. Ich bin überzeugt: die fordern unseren Pilatus nie heraus! Allerdings, er hat schon manche Sorge tragen müssen, die Argen hetzen, und das Volk muß einst dafür bezahlen.“
Retzi kommt hereingestürmt. „Draußen war ein Mann, meine Spielgefährten sind gleich weggelaufen, er sah zu garstig aus. Ich bin auch fix weg. Er rief mir nach: ‚Wer zum Rebellen hält, den trifft unser oberstes Gericht.‘ Was bedeutet das?“ Ganz atemlos ist der kleine Kerl. ‚‚Bleibe hier!“ Charius geht hinaus. Nichts ist mehr zu sehen. Er geht zum nächsten Nachbarn, der zwar nicht an ihren Heiland glaubt als an den ‚Messias für des Lichtes Reich‘, aber er ist auch nicht gegen Ihn.
Auf Befragen, ob er jemand sah, der ihm verdächtig vorgekommen wäre, sagt jener: „Solche laufen einem öfter in die Quere, forschen nach dem Galiläer oder ob man im gegebenen Augenblick mithelfen würde, die Römer zu verjagen. Als ob das möglich wäre! Die und ihre zwölf Legionen, kriegskundig innen und auch außen — ach du liebe Zeit, was wollen denn die Juden tun?“
„Hast recht, Nachbar. Du bist ein Galiläer und gehörst Jerusalem nicht an. Ich bin Römer; dennoch achte ich ein jedes Volk. Es will eben jedes leben nach der Art wie altgewohnt. Nun, hab‘ Dank. Mögen wohl die Kinder bloß erschrocken sein.“ Charius geht zurück, dabei sich nach allen Seiten wendend. Ja ja, ein Wetterleuchten, es zieht herauf. Wann wird das Gewitter kommen, wie wird es sich entladen? Und zerstören: Mensch, Familie, Land. „Man darf die Kinder nicht mehr ohne Aufsicht spielen lassen“, spricht er vor sich hin.
„Der Sturm kommt! Mag es noch ein paar Jahre stumpfen Frieden geben. Mit Gottes heiliger Erscheinung, als Heiland und Erlöser offenbar, hat die Umbruchzeit begonnen. Wie sie verlaufen wird, wer kann das vorher wissen? Niemand! Allein — man kann an Gottes Güte glauben, auch wenn die Menschheit untergeht in ihrem Wahn, in dem Moloch der Materie, in — Charius beruhigt seinen Knaben. „Es war ein Hirte, den ihr nicht zu fürchten habt. Jetzt bleibst du erst im Haus. Wollt ihr draußen spielen, werde ich den Nachbar bitten, auf euch acht zu geben, und wir tun es auch.“
„Das war kein Hirte“, widerspricht der Junge. „Hirten sind doch brave Männer, weil sie die lieben Schafe hüten.“ „Gewiß, Retzi, an sich sind sie gut. Denkst du an den Heiland, von dir ‚guter Mann‘ genannt, so gab Er Sich einmal als guter Hirte aus (Joh. K. 10).“ Um Retzi nicht zu überfordern, mit Gedanken, die er nicht verkraften kann, fügt Charius hinzu:
„Diese Hirten müssen mit viel Widerwärtigkeiten kämpfen, um ihre Herden zu bewahren, gegen Ungewitter oder Diebe, nicht selten einem Raubtier gegenüber; und so werden sie meist hart.“ Skeptisch sieht der Knabe drein. Der Mann nein, der war alles andere, bloß kein Hirte. Retzi schweigt, fragt dann aber, was der Heiland von Sich sagte, und wie das mit dem Hirten zu verstehen wäre; Er hätte nie ein Schaf bei Sich gehabt. Charius lächelt fein.
„Man muß überlegen, wenn jemand was erklärt, wie das auszudeuten ist. Der Herr hat meistens Seine Lehre in ein Gleichnis eingehüllt, weil so die Leute besser merkten, was Er meinte, hat uns Menschen als den Schafen gleichgestellt, die einen Hirten brauchen, weil sie sich gar leicht verlaufen, keine Weide finden und verderben. Nicht bedacht, was wir LEBEN nennen: das Essen, Trinken, Schaffen und das Schlafen und der gleichen mehr.
Du spürst, wie gut der Heiland ist. Zu sehen ist das Spüren nicht. Der Schöpfer, unser Gott, gab uns ein Herz, eine Seele, die mit dem Geist das wahre Leben sind. Dieses zu bewahren, daß es nicht verdirbt, daß wir an den Schöpfer als den VATER glauben, Ihn lieben, Ihm gehorchen, dazu bedarf es eines Schutzes, den Gott ganz allein zu geben weiß. Weil das oft der Mensch nicht will, weißt ja, wie manche gegen unseren Heiland ungezogen sind, eben deshalb gab Er uns das Hirtengleichnis auf.
Manches Schaf verläuft sich auch. Ist die Herde groß, da muß der Hirte suchen, um es auf den Weideplatz zurück zu bringen. So sucht Gott die Menschen, auf daß sie nicht verloren sind. Denn ohne Gott, das spürst du auch, wären wir wie Würmer, die nicht wissen, wie sie kriechen sollen, um sich vor Gefahr zu retten.
Wir erkannten, daß der Heiland unser Gott und Himmelsvater ist, auch wenn Er so wie wir auf Erden lebt. Ist Er unser Gott, alsdann behütet Er uns auch und tut alles, die Menschen aufzurufen, an Ihn zu glauben, Ihn zu lieben, die Gebote einzuhalten und allzeit recht zu tun.“ Über das Gesicht des Knaben loht ein Seligkeitsempfinden. Ach, wie enttäuscht werden sie mitsamt den Glaubensollen sein, wenn es über Juda wetterleuchtet, damit ernstlich über aller Welt, jetzt und später bis ans Ende der Materiezeit.
„Wir haben Ihn ganz lieb, nicht wahr? Kein Böser kann Ihm etwas tun. Als Er uns Kinder damals vorgezogen hat und in Seine Arme nahm — o, ihr könnt nicht ahnen wie das war! Manche Große hatten bittere Gesichter; doch Er bedeutete ihnen: »Was Ich tue, geht euch nichts an. Mir sind die Kinder lieb und wert, um zeit ihres Lebens Meinen Heilandssegen zu empfangen!«
Sogar die Männer, die immer um Ihn waren (Jünger), hatten erst gezankt, doch dann stellten sie sich um uns her. Niemand konnte uns vom Heiland trennen! Ich hörte einen sagen, es war ein junger Mann (Johannes): ‚Laßt die Kinder stehen; der Meister hat schon oft die Kinder vorgezogen. Gern ließen sie sich von Ihm segnen oder kosen.‘ Er sah dem Heiland beinah etwas gleich.“
„Stimmt, mein Junge. Als ich einmal etwas näher stand, fiel mir das auf und dachte, ob es ein Bruder sei. Doch später, als ich den Herrn viel besser kennen lernte, Seine hohen Lehren, als ich wußte: Er ist nicht wie wir, da kam mir die Erleuchtung, daß Er als GOTT keine Brüder oder Schwestern hat. Gibt es einen Gott, den Schöpfer aller Lebensdinge, hernach steht Er über allem, was da ist und von Ihm geschaffen wurde.“
Susanne mischt sich ins Gespräch: „Könnte man stets bei Ihm leben, fort und fort Ihn hören, sehen, Seinen Segen haben, müßte man vor lauter Gnadenglück zerfließen.“ „Wäre himmlisch-schön“ ‚ erwidert Charius. „Zerfließen würden wir zwar nicht; doch wäre dann vielleicht ein Übermaß vorhanden, was wir als Kindgeschöpfe nicht für dauernd tragen könnten. Ich meine so:
Unser Vater weiß, was für jeden dienlich ist. Wenn man, beziehen wir es erst mal auf uns Menschen, Ihm gehorcht, Ihn vor Augen und im Herzen hat (Tob. 4, 6), so ist das ein großes Gnadenmaß. Etwa so: Wenn man nach einer Reise seine Lieben wiedersieht, herrscht oft größere Freude und innigere Verbundenheit. Wie es nach dem Erdenleben ist, weiß man nicht, nehme aber an, es ist ungefähr wie auf der Welt. Oder — hm — ganz anders.“
Charius hebt beide Hände hoch, als Susanne lacht:, ‚Jetzt hast du aber was gesagt! Das ‚ganz anders‘ trifft gewißlich zu.“ „Nun ja, man fragt sich eben, wie es weitergeht, wenn die Erde hinter uns versinkt.“ Sagt Susanne: „Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Glauben wir an Gott, der uns selig macht, uns eigentlich erweckte, um hier schon Ihn als unseren Heiland zu erkennen, sag‘, Charius, brauchen wir denn mehr?“
Ach die Frau! Man kann von ihr lernen. Er nimmt ihre beiden Hände, schließt Retzi auch mit ein und gibt zu: „Lassen wir uns von der Gnade führen. Hauptsache, man bleibt treu, wenn — — Seht, meine Lieben, ein wenig ist mir bang. Wer weiß, ob Brudumus bei Pilatus was erreicht? Die hohen Templer geben keine Ruhe, sitzt auch manch Guter mit im Rat. Allein, ich kenne Kaiphas und Hannas, zwei starre Köpfe, harte Herzen, denken nur an ihren hohen Stuhl, kaum nebenher mit an das Volk.
Sie würden es mit opfern, würden dadurch ihre Pfründe bleiben. Nun“, ermannt er sich des Kindes wegen, „Gott sitzt im Regiment. Sein Wille ist nicht zu erfassen, aber ewig gut! Bleiben wir Ihm treu, so werden wir trotz Welt und Ungemach getröstet sein.“
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