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Erster Hinweis auf den ‚guten Mann‘. Retzi findet ein neues Zuhause

Kapitel 2

Erster Hinweis auf den ‚guten Mann‘. Retzi findet ein neues Zuhause

Abseits eines Dorfes liegt unter einem Strauch ein Kind. Retzi. Bis hierher hat er sich geschleppt, hier versteckt, als ihn dunkle Schatten über fielen. Er könnte niemals sagen, daß fast zwei Tage hingegangen sind, bevor er richtig zur Besinnung kommt. Wohl gingen ihm die Augen manchmal auf, doch Schmerzen nehmen ihm das Denken weg. Sein unsauberes Hemd klebt am blutverkrusteten mageren Rücken, an den Armen, an den Beinen. Nun er endlich wieder völlig zu sich kommt, kriecht er zum nahen Bach, wälzt sich hinein, und das kühle Wasser tut ihm gut. Das Blut wird auch mit abgewaschen.

Später trocknet eine nicht zu heiße Sonne seine Sachen. Er sieht hinauf ins Himmelszelt. Keine Einbildung? Da ist eine weiße Wolke, die kommt ihm vor, als wäre sie ein Angesicht. Zwei Augen, die vom blauen Himmel durch zwei Wolkenlöcher blinken, sehen zu ihm nieder, so — wie der gute Mann am Markt. ‚Wenn ich Ihn wiedertreffen würde — nie ginge ich nach Haus, ich bliebe bei dem Mann‘, von dem Retzi noch nicht weiß, daß man Ihn den HEILAND nennt, daß Er es ist.

Sonderbar: er wandert weiter, dem Norden zu. Unterwegs stillt er seinen Hunger an Obst, das auf den Wegen liegt. Wasser gibt‘s fast überall. Manchmal pocht er auch an eine Hütte; denn soviel hat er schon erfahren: bei großen Häusern wird er weggejagt, während manche Frau, mancher Mann bei Häuschen mindestens ein Brot, einmal sogar ein Stück Fleisch gegeben haben.

Viele Tage geht das Kind allein durch Täler, über Hügel, Haine oder öde Stellen. Er weiß nicht, warum, hat keine Ahnung, wo er sich befindet. Er hat ein wie heiliges, ihm freilich unbekanntes Spüren: das Gesicht des guten Mannes sieht er vor sich auf dem Pfad, kommt als linder Traum in jede Nacht, ob er wo in einer Höhle, im Gebüsch oder mal im Schatten einer Hütte liegt. Elternlos und ohne Heimat ist das Kind auf dieser Welt.

Vor Römern weicht er ängstlich aus. Er hat scharfe Augen; schon von weitem sieht er die Gefahr. Auch ist er klein, man übersieht ihn leicht. An zu Hause denkt er sehr mit Schrecken, mit bittervollem Weh an seine Mutter, an die Geschwister. Er wünscht sich groß und stark. Die Mutter würde er beschützen, die Geschwister; und dem — dem — — Etwas ist in ihm zerbrochen, vollständig, er kann zu ‚dem‘ nicht Vater sagen. Niemals mehr!

In Gedanken, hungrig, schwach, hat er zu spät gesehen, nahe eines Weilers einen Römer anzutreffen. Er lernte auf dem Nirgendsweg: man darf nicht streifen, betteln, wenn — es ein Römer sieht. Eine harte Hand faßt nach Retzis Schultern, hält ihn fest, als er entfliehen will. Harte Hände war er ja gewohnt; nur ist das jetzt ganz anders. Zu Hause hatte er einmal gehört, daß die Fremden Kinder nehmen, die niemanden gehören und als Sklaven halten. Sind sie noch so klein, wie es Retzi ist, nimmt man sie nach Rom und sonstwohin. Da müssen sie den Römerkindern dienen, was nicht selten schlimmer ist, als wenn ein Erwachsener ein Sklave wird.

Außer seiner Angst kommt etwas über Retzi, unbewußt, ungewollt; aber es ist da. Seine dunklen schönen Augen sehen stolz den Römer an. Und klingt die Kinderstimme auch recht zittrig, so erkennt der Waffenmann den Mut, der dem Knirpslein innewohnt. „Römer, hast du schon mal einen Mann gesehen, dessen Augen leuchten, daß man Ihn immer sehen möchte, und der spricht, als wäre man wie eingehüllt, brauchte nicht zu hungern, nicht zu frieren, als wäre man — —“ Es stockt das Kind. Zu sagen: ‚als wäre man zu Hause‘, bringt es nicht mehr über seine Lippen.

Der Römer unterdrückt ein Lächeln. Er ist angerührt, ist keiner von den Hartgesottenen, die allerwärts zu finden sind, ja, in jedem Land, bei jedem Volk. „Hm, meinst wohl zu Hause wäre es am besten?“ Verwundert sieht er, wie der Knabe heftig schüttelt, wie graue Not in seinen Blicken liegt. „So, durchgegangen, und nun bettelst du. Hast auch schon gestohlen, ha?“

„Nie“, beteuert Retzi, ‚‚das hat unser Gott verboten; und ich tu‘ es nicht.“ „Auch wenn du Hunger hast?“ „Gott gibt den Kindern, hat der gute Mann gesagt. Mich hat Er gesegnet und ganz fest in Seinen Arm genommen. Da — da war ich — zu Hause.“ Tränen rollen über die sehr schmalen Kinderwangen. Dem Römer glitzert es verräterisch im Auge. Sich bezwingend, fragt er weiter:

„Wo wohnt der gute Mann? Wenn ich‘s weiß, könnte ich dich zu Ihm bringen, scheinst Ihn recht lieb zu haben. Hast du keine Eltern? Wer ist dein Vater, deine Mutter?“ Neue Tränen brechen strömend über das Gesicht des Knaben. „Ich — hab‘ keinen Vater mehr, er — er ist nämlich gar kein Vater. Die gute Mutter ist gestorben.“ Obwohl Retzi das nicht wissen kann, ist es ihm, daß sie nach der Schlägerei nie hätte weiterleben können.

Den Fünfjährigen zu fragen, wo er wohnt, unterläßt der Römer. Kaum möglich, daß das Kind es weiß. O, Retzi kennt den Namen seiner Vaterstadt, bloß würde er es keinem Menschen sagen, und wären sie auch noch so gut. Dem guten Manne würde er es leise anvertrauen, unbewußt denkend: ‚Das wäre gar nicht nötig; Er würde es schon wissen, Er würde niemals Retzi wieder in die Zucht des Vaters geben. Nie!‘ Davon ist er überzeugt.

„Was mache ich mit dir?“ Verhungert, verängstigt steht vor ihm das Kind. Ihn in ein reiches Römerhaus zu geben, nein, das mag er nicht. Der Schwertgewohnte ahnt gar nicht, wie eine sanfte Hand sein Inneres berührt, wie er unter einem ‚Lichtzwang‘ handelt. Er beginnt ein Selbstgespräch, dem Retzi lauscht, aber fluchtbereit. Trotzdem möchte er nicht fort; er zumal steht unter jener hehren Führung die der Mensch vom Licht erhält, meist ohne sie zu kennen, und wenn schon — dann meist ohne Dank.

„Ich bringe ihn zu meinen Freunden nach Sarepta. Ist — hm — auch ein guter Mann, wie das Kind von Jenem träumt, den es sicherlich nicht gibt. Menschen sind halt Menschen und hat jeder seine Fehler, sein Gebrechen, charakterlich viel mehr als körperlich. Sporanato wird das Kind behalten, er hat Kinder gern. Eine Negerin hat er bei sich, die den Haushalt führt. Obwohl ich niemals eine solche zu mir nehmen würde, ob als Sklavin oder so im Haus — die schwarze Maska ist in Ordnung.

„So“, sagt er abschließend, „zu meinem Kameraden bring‘ ich dich. Ist zwar weit, habe aber meine Order bis nach Sidon, ist der gleiche Weg. Sag mal“, unterbricht er sich, als er jetzt erst große Striemen an den nackten Bubenbeinen und den Armen sieht, „was hast du dir da zugezogen?“ „Sieh meinen Rücken an“, klagt der Junge, „dann —“ Vorsichtig hebt der Römer das zerschlissene Etwas, nicht mehr Hemd zu nennen, hoch und sieht, ganz entsetzt, einen arg zerschlagenen mageren Rücken.

„Hat das dein ‚guter Mann‘ getan?“ will er ironisieren, weil es ihm das Wort verschlägt. „Du“, droht der Kleine, „sage ja nichts gegen Ihn, der uns Kinder lieb in Seine Arme nahm! Das kannst du dir nicht denken!“ „Ha, und deine Wunden?“ Charius, so heißt der Römer, wird ihn zu einem Arzt mitnehmen, der gerade in Philippi stationiert. „Das habe ich von — von dem — dem —“ „Weiß Bescheid!“ Charius streichelt unbeholfen Retzis nasse Wangen.

„Willst du mit mir kommen?“ Langsam sieht der Knabe hoch. Da ist etwas im Gesicht des Römers, das Vertrauen weckt. ‚‚Ich glaube, du bist kein böser Mann wie der —‘‘ Wieder dieses Stocken, will nicht über seine Zunge. „Wirst nicht mehr geschlagen, das versprech‘ ich dir. Zufrieden?“ Da drückt Retzi seine kleine Hand in die große, in die schwertgewohnte. „Alsdann komm!“

Ein Fremder bringt es fertig, aus dem Kind herauszuholen, wo es hingehört. Denkt er aber an die Züchtigung, wird er es nie nach Hause schaffen lassen. Charius hat den Auftrag, obwohl in Rom man Palästina kennt, zumal Judäa, weiter zu erforschen, ist ihm Retzis Heimatort bekannt. Pela, mehr Dorf als Stadt, etwas nördlich von Gerasa. Er wundert sich, wie die kleine mißhandelte Gestalt bis nach Giskala, nahe dem Merom-See, gekommen war. Hier hatte er den Knaben aufgelesen — buchstäblich.

In Giskala steht sein Pferd, auf das hinauf nimmt er Retzi und reitet los. Erst, weil ungewohnt, hat sich Retzi an des Pferdes Mähne angeklammert, aber nach und nach lernt er geradesitzen. Bloß die Gerte, die der Römer ab und zu ein wenig sausen läßt, tut dem Jungen förmlich weh.

„Warum machst du das?“ fragt er, als sie auf einer Wiese rasten. „Dem Tier tut es genauso weh wie mir.“ Er zeigt auf seine Wunden. „Geh“, lacht Charius, „Pferde haben dickes Fell“. „Hast du nicht gesehen, wie dein Roß zusammenzuckt, wenn es deine Gerte spürt?“ „Hast du das gemerkt und bist noch nie auf einem Gaul gesessen?“ Retzi greift nach der Gerte, bittend:

„Tu‘ sie weg! Unser Gott erschuf die Tiere, wir dürfen sie nicht quälen. Zwar war ich noch bei keinem Rabbi, habe es jedoch gehört, daß der große Mose, der unser Volk aus Ägypten führte, ein Schutzgesetz für das Getier erlassen hatte. Und — sie können sich nicht wehren. Sie ziehen schwere Wagen, müssen hurtig rennen, und dann — dann —“ Traurig sieht das Kind das Reittier an.

Charius schaut tief betroffen drein. Hm — eigentlich — Er nimmt die Gerte wieder, steigt auf, hebt Retzi vor sich in den Sattel und sagt: „Weißt du, ohne Gerte kann man kein Pferd regieren, sie sind stark und müssen merken, daß sie zu gehorchen haben. Recht hast du aber; ich werde meinen Gaul jetzt nie mehr schlagen, nur so leicht anspornen, so —“ Er macht es vor, wie man das Tier mit leichten Streichen vorwärts treibt.

Retzi lacht und wäre beinah abgerutscht. „Es spitzt die Ohren, vorher lagen sie nach hinten.“ „Du paßt gut auf, da wird noch was aus dir. Nun, bald sind wir in Philippi, da ruhen wir uns eine Weile aus, da werden deine Wunden heil gemacht.“ Charius hatte es bemerkt, daß die Striemen ab und zu noch bluten. Was dem Kinde widerfahren ist — nein, ‚so werden bei uns Kinder nicht behandelt‘, denkt er und nicht daran, daß unter jedem Volk es nicht zu wenig Leute gibt, sogar Weiber, die ihre Wut und sonst etwas an Kindern, Tieren und an Sklaven abreagieren.

Am nächsten Abend taucht Philippi auf, wo eine größere Heerestruppe liegt. Charius, er ist ein Manipel-Führer, meldet sich beim Feld Obersten. Bei der Bagage vertraut er einem gutmütigen Soldat den Knaben an. ‚‚Unbesorgt‘‘, tröstet er, als sich Retzi an ihn klammert, „ich hole dich dann ab.“ Der Bursche gibt dem Kind zu essen, legt es auf eine Decke und meint lustig: ‚Jetzt schlaf‘ erst mal, siehst müde aus.“ Auf besonderen Wink vom Charius sieht er über die Mißhandlungen hinweg.

Dieser hat die Meldung und was vorlag rasch erledigt und danach den Wundarzt aufgesucht. Wie gut, er kennt den Doktor schon seit Jahren; da ist es leicht, ihn zur Bagage mitzulotsen. Als der Arzt die Wunden sieht, einige sehr tief und lang, sieht er Charius nur blitzend an. Die Frage ‚Wer hat das getan‘ kann er unterlassen. Daß nicht ein Charius dies tat, und gewiß kein Römer, das steht fest. Retzi schläft sehr tief. Charius berichtet, was er erfahren hatte, auch die ‚Sache mit dem guten Mann‘.

„Höre“, sagt der Arzt, „es soll Einen geben, der durch ganz Judäa geht, bis nach Süden und nach Norden. Er — geglaubt hatte ich es nicht — hätte Bresthafte geheilt, sogar Aussätzige, ohne Salbe und Tinktur, einfach mit dem WORT. Wir haben schon die Order, auf Ihn acht zu geben. Gegen Rom sagt Er nichts. Wie man hört, sollen sogar unsre Höheren mit Ihm sprechen. Einem Hauptmann hatte Er den Knecht geheilt, denk‘ an: aus der Ferne (Matt. 5, 8-10).

Der Hauptmann hat es überall erzählt und sogar nach Rom berichtet. Glaubwürdig ist der ganz bestimmt und es soll stimmen. Er gehört eigentlich der Thronverwandtschaft an, jedenfalls zur Familie des inzwischen verstorbenen Cyrenius. Na ja — mag wohl manches geben, was wir Menschen nicht verstehen, für uns unerreichbar ist wie der Himmel über uns.“ Verlegen räuspert sich der Arzt.

„Komisch ist es schon‘‘, spricht er weiter, „wir leben von Licht und Regen, was der Himmel gibt. Anfassen können wir ihn nicht. Hm — vielleicht —“ Charius nickt dazu. Weltenrätsel! Sie umgeben uns, wir müssen sie erkennen, anerkennen, und wer begreift sie denn? So ähnlich geht‘s den beiden Männern.

Plötzlich fährt der Knabe hoch. „Nein“, schreit er wild. Er ist aus einem bösen Traum erwacht, der ihn überfallen hat: das Gesicht des Vaters, hart verzerrt, und immer fiel die Rute nieder. Der Arzt, ein guter Menschenkenner, sagt verhalten: „Ein Traum, laß mich nur machen“, Fällt er Charius in die Hand, der den Knaben völlig wecken will. Jener hat ihn langsam, liebevoll geweckt.

– „Na, mein Junge? Schau, die schöne Sonne und lauter liebe Männer um dich her. Laß mich deinen Rücken sehen.“ Er spricht absichtlich leicht: „Nicht sehr schlimm, ich streich‘ dir eine Salbe auf und in ein paar Tagen kannst du wieder springen.“ „Es war — war —“ Retzi wischt das Naß aus seinen Augen. Der Arzt beruhigt ihn, indem er lachend übertreibt:

„Ich war im Traum sogar schon tot.“ Vorsichtig streicht er seine Salbe auf die Wunden. Damals stand ein Arzt wie jeder Legionär im harten Dienst und hat sich trotzdem ein Gemüt bewahrt. „Es brennt“, schluchzt Retzi und will sich wehren. Charius hält ihn fest. „Das ist jetzt für den Augenblick, geht rasch vorbei. Paß auf, morgen hast du keine Schmerzen mehr.“

Trotz interessantem Treiben geht Retzi jener ‚gute Mann‘ nicht aus dem Sinn. Er wird betreut, bekommt ein richtiges Gewand, was freilich römisch ist. Aber hat nicht Er den Kindern zugesagt, aufs Äußere käme es nicht an, wenn das Herz des Menschen eine Wohnung wäre für das Gute, für die Gott-Gebote, die Nächstenliebe, und man alles Böse meiden soll?

Nichts hat das Kind vergessen: es war ja auch ganz anders, als es zu Hause war. Gewiß, die Mutter gab den Kindern manches gute Wort, er mahnte sie, ließ sie viel mithelfen entsprechend ihrem Alter, ihrer Kraft. Sonst — ? Nicht verwunderlich, wenn dann ‚so ein guter Mann‘ für die Kinder etwas sagt, was ihnen um der Güte, um der Liebe willen unvergessen bleibt. O, Kinder merken sich das Gute weitaus besser als die großen Leute. Und geschah es hier, von dem HEILAND, der zur Erlösung auf die Erde kam, da bleibt gewiß das gute Wort als Himmelssamen haften.

Oft sitzt der Junge still auf irgend einem Platz. Legionäre sind ihm wohlgesinnt, weil er als Kind so viel erdulden mußte. Trotz Dienst bleibt mitunter auch der Arzt bei Retzi; und Charius, der dem Lagerreglement nicht untersteht, läßt ihn nie aus seinen Augen. Es ist ein milder Abend, das Lager kommt zur Ruhe, abgesehen von den Ronden und den Außenwachen, da nehmen Charius und der Arzt den Knaben zwischen sich.

O ja, man hat mancherlei von jenem ‚Mann‘ gehört, verlacht, im Inneren gefragt, bloß weiß man in der Ferne viel zu wenig von dem ‚Heiland aller Wunden‘! Daß man dabei ausschließlich — noch! — ans Körperliche denkt, weil man von Seelenkrankheit gar nichts kennt, ist nicht verwunderlich. Eben fragt Charius:

„Sag‘ mal, lieber Retzi, bist ein aufgeweckter Bursche und wirst erzählen, was du wirklich weißt, ja?“ Retzi nickt dazwischen: ‚‚Was ich weiß“, und der Römer: „Das ist brav von dir. Nun berichte uns einmal, wie das mit dem ‚Manne‘ war. Du sagtest mir, die großen Leute hätte Er von Sich geschoben, um einer Herde kleiner Kinder bei Sich Raum zu schaffen. Stimmt das so?“

„Ganz gewiß!“ Offen sieht der Knabe beide Hohen an. „Wir Kinder hätten uns gern vorgedrängt, doch die Erwachsenen ließen es nicht zu. Manche schimpften laut. Wir hielten uns, zum Teil aus Angst, an unseren Händen fest. Zwischendurch, wo mal ein paar Lücken waren, konnten wir Ihn sehen und ich hatte gleich zuerst gesagt: ‚Der ist gut‘, zumal ich dabei an — an —“

„Denke jetzt mal nicht daran.“ Charius streicht ihm über seinen Kopf. Retzi reibt sich beide Augen. Er ist kein weinerliches Kind; doch an die Mutter denkend, an die Geschwister — da gibt es immer rasch ein kleines Naß. Auch der Arzt tätschelt Retzis Wange. „Rede nur, wir möchten von dem Mann, den du den ‚Guten‘ nennst, weiteres vernehmen.“ Retzi ist sofort getröstet.

„Ich hörte, wie er zu den großen Leuten sprach: »Mein Licht sei eures Fußes Leuchte!« Beinah hätte ich gelacht, weil Er keine Lampe bei Sich trug. Da sah ich aber Seine Augen und mir war, wenn ich es auch nicht verstand, als ob Seine Augen wie ein Licht erstrahlten und dachte: Ob Er das als Fußes Leuchte meint? Einmal kam ich mit der Mutter spät nach Hause. Sie trug eine mit Öl gefüllte Lampe, es erhellte unsern Weg, weil gerade weder Mond noch Sterne schienen. Vielleicht, war es mir, hat Er das so gemeint.

Doch schon sagte Er, für die Erwachsenen zum Arger, wie ich dann merkte: »Gebt Raum den Kindern, die zu Mir wollen!« Als sie nicht gleich weichen wollten, rief Er laut:

»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,

werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!«

Er hat noch mehr gesagt; alles konnte ich ja nicht behalten, aber das genau, was ich erzähle. Da waren dann die Männer, die — wie ein guter Freund von Mutter wußte, er hieß Mathus —‚ immer um Ihn sind (die Jünger), die machten für uns Kinder Platz.

Wie waren wir erfreut! Er breitete die Arme aus und ein jedes von uns nahm Er an Sein Herz. Er sprach: »Gott ist die Liebe, Er ist gut!« Wir waren klein, bloß zwei Kinder gingen schon zur Synagoge, doch wußten wir, daß man Jahve streng und unnachsichtig lehrte, der auch kleinste Fehler zürnend rügt. Doch bei dem ‚Mann‘ war es ganz anders, eigentlich dachte ich: Wäre Er Gott Zebaoth, leicht könnte man Ihm alles sagen, wenn man ungehorsam war oder auch mal böse oder na ja —“

„Wie Kinder sind“, lacht der Arzt. „Weißt, Retzi, wir großen Leute waren auch mal klein. Denkt man daran, daß man manches tat, was gar nicht gut gewesen ist — hm, möchte ich wohl meinen, der gute Mann hätte uns einst gern geholfen.“  „Das tut Er doch jetzt auch!‘‘ Sehr bestimmt ruft es Retzi aus. „Er hatte dann noch viel gesagt, was ich nicht so recht verstehen konnte, und das war den großen Leuten zugedacht. Eines habe ich behalten.

»Ich bin gekommen, selig zu machen, was verloren ist«, und verloren wäre, wer Böses tut und Ärgernis verbreitet.“

Erstaunt sehen sich die beiden Römer an. Der Arzt denkt an sein Leben, wie es bisher war, nicht zuletzt an manche Ungerechtigkeit, an die Götter, von denen ihre Legionäre kaum noch etwas halten. Da wäre eigentlich — ob man nach dem Tod verloren ist, danach hat ihrer keiner je gefragt. Retzi, der nicht ahnt, was die Männer denken, erzählt weiter:

„Der Freund zu Hause, Mathus, war oft bei diesem Mann und wußte viel von Ihm, auch daß Er wirklich Kranke heilte, einen Blinden, einen, der nicht hören konnte und die man verjagt, die Aussätzigen und vieles mehr. Das weiß ich selber aber nicht; doch Mathus ist sehr fromm, der sagte nichts, was nicht die Wahrheit wäre. Es ist zu glauben, was er gehört, gesehen hat.“

„Schlafenszeit! Komm ins Zelt, Retzi.“ O, wie gern gehorcht der Knabe, fühlt er doch den Schutz, den er früher nur bei seiner Mutter hatte und war meist nicht möglich, weil — Mit dem Gedanken schläft er ein, nicht ohne noch zu überlegen: sie ist ganz gewiß jetzt bei dem guten Gott, der LIEBE wäre und nicht streng, wenn Er auch . . . Ach ja, abzurechnen wird es immer geben; doch fragt es sich, wie abgerechnet wird. Das versteht der Knabe halt doch nicht, dazu ist er viel zu jung.

„Was hältst du davon?“ fragt der Arzt. „Schwer zu sagen.“ Knapp hebt Charius die Schultern. „In Juda, Galiläa, wurde viel von Ihm gesprochen, lobend, zankend, wobei — man weiß wirklich nicht, wie zu unterscheiden wäre — die Armen an Ihm hängen, denen Er zumeist geholfen hat, sogar, wie man berichtete, mit einer Speisung, wären ein paar Tausende gewesen. Na, das ist kaum zu glauben; da hätte Er ein Aufgebot an Helfern haben müssen und vor allem reich, um all das zu beschaffen.

Er ginge immer mit zwölf Männern, junge und alte; aber das ist wahr: Hohe Römer haben sich wie oft um Ihn versammelt und Er hätte viel gelehrt [VH1], wie bisher kaum ein Mensch verstehen konnte. Einer von den unseren Hohen hat es mir mal zugeflüstert: von einem Weisheitslehrer unerhörten Wissens hätte er so viel erfahren, Ihm wären Weltenrätsel offenbar. Auch über die Beschaffenheit der Erde wüßte Er genau Bescheid.“

„In Rom“, sagt der Arzt, „hört man von Ihm, dem Sonderbaren. Er sei ein Scharlatan, vor allem opferte Er Kinder und was mehr. Eines hat man freilich nie gesagt: Er konspiriere gegen Rom. Ich glaube nicht, daß der kleine Retzi fabuliert. Wenn Jener doch die Kinder um Sich sammelt, sie liebt, — Er würde sie nicht opfern, was — wie ich weiß — der assyrische Gott Nisroch einst getan. Oder andere. Jedenfalls stimmt das, was in der Tat geschieht, mit dem Geschwätz in Rom nicht überein und, kannst ruhig lachen, Charius: mir ist, als müsse ich jetzt an Ihn glauben.“

„Kein Grund zum Lachen! Mir ist‘s schon eine Weile so, seit ich viel vernommen habe. Nur schade, daß ich selbst Ihn niemals sah. Selber Kennenlernen ist was anderes, als bloß vom Hörensagen etwas glauben. Da aber mancher unserer Hohen, wie der Hauptmann, dem der Knecht gesund geworden ist, Ihn kennen — anerkennen, dürfte man vom Hörensagen auch mitprofitieren.“

„Und was?“ fragt der Arzt. „Wenn ich das definieren könnte, wäre mir um vieles wohler.“ Tief seufzt Charius auf. „Dann besäße ich das Definitivum, was wir an sich von der Welt, vom Beruf verlangen.“ „Warten wir es ab. Ich denke: wenn wir uns mit Ihm befassen, werden wir noch mehr erfahren oder kommen einmal mit Ihm selber irgendwo zusammen.“ „Für mich kaum, da ich nach Sarepta muß.“ „Für immer?“ „Weiß noch nicht, dort bekomme ich die nächste Order.‘‘ ‚‚Meine fast, die lenkt Er für dich.“ „Hm, wäre fein, muß eben auch noch kindlich glauben lernen, wie es Retzi kann.“

„Was wird denn aus dem Jungen?“ „Erst mal bringe ich ihn bei den Freunden unter, gute Familie mit drei Kindern. Lieber hätte ich ihn ganz bei mir. Doch im Einsatz wie soll das möglich sein?“ ‚‚Darf ich dich beraten?“ „Immer, Doktor, guter Rat ist meistens teuer, deiner aber gut.“ „Na ja, vorläufig bring‘ den Jungen nach Sarepta, hin- und hergeschoben ist für Kinder gar nicht gut. Weißt du dann, wo du für immer stationierst, was bei uns auch mal möglich ist, so hole dir den Knaben wieder. Habe es gemerkt, er hängt sehr an dir, als wärest du sein Vater.“

„Eben! Er ist ein Judenjunge, Römern völlig fremd, doch mochte ich ihn sofort leiden. Mag sein, weil er so zerschlagen worden war und bloß das Mitleid überwog. Aber auf dem Wege bis hierher bekam ich‘s mit: der Fünfjährige ist klug und aufgeschlossen, wahrheitsliebend. Habe ihn erprobt, ohne daß er dieses merkte. Werden wir halt sehen wie es geht. Morgen muß ich weiter; tut mir leid, mich von dir zu trennen.“

‚‚Nun, ich habe es erlebt, daß man seine Freunde einmal wiedertrifft, obwohl wir — angenommen — die ganze Welt beherrschen.“ „Dem Ersteren zugestimmt; das Zweite —“ Charius hängt eine lange Pause an. „Was wird aus Roma einmal werden?‘‘ ‚‚Sei still!‘‘ Der Arzt späht rasch umher. Ein Glück, keine Lauscher. Leider ist man nicht mehr sicher, in ein Netz zu fallen; und Neidlinge gibt‘s genug, die aus einem Fädlein Trossen drehn.

Charius bestätigt flüsternd: „Wir und noch manche wissen ja Bescheid. Je höher sich der Mensch erhebt, um so tiefer ist sein Sturz — zu meist. Mag‘s zunächst nur für das Äußerliche gelten; auch das, was man Innen nennt, untersteht dem gleichen Mußgesetz: erst hinauf, dann hinab. Freilich, immer bloß auf glatter Ebene wandern —? Bringt das wirklich etwas ein?“

„Denkt man dabei an den Galiläer, hast du recht. Soweit bisher erkannt oder bloß gehört, das Glaubwürdige meine ich, geht es da steil hinauf, im Denken, im Erkennen und im Anerkennen, und nicht zuletzt im guten Wesen, Nächstenliebe und so weiter. Da mag wohl das ‚Oben‘ anders sein als unser armes Oben von der Welt, von Glanz, Reichtum, Dünkelhaftigkeit. Wäre schön, wenn wir beide einmal Ihn — hm . . .“ Der Arzt braucht‘s nicht zu sagen, was sie beide sich von Herzen wünschen: Das Selber-Kennenlernen jenes ‚Mannes‘, der bis nach Rom so vieles von Sich reden macht.

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