Kapitel 1
Ein seelenarmer Mann und ein Kind läuft fort
„Er soll ein böser Mann sein?“ Ungläubig tiefdunkle Kinderaugen blicken ein paar Männer und den Vater an, die im Raum versammelt sind. Wer merkte es, als sich das Bürschlein eingeschlichen hatte? „Was willst du hier? Hinaus“, droht der Vater, „fehlte noch, wenn Kinder in den Strudel fallen! Genug, was wir zu überwinden haben.“ Mit Nicken und Gebrumm stimmen alle Männer ein bis auf einen, der die Stirn in beide Hände stützt.
Ach ja, komisch war es schon, was er gestern sehen mußte. Während er sinniert, sagt der Bub, indem er sich zur Flucht gewendet hat: „Er hatte ein ganz liebliches Gesicht, als Er uns . . .“ Weiteres kann er nicht mehr sagen. Sein Vater hebt die Rute, mit der er — leider — allzu oft die Kinder schlägt.
„Laß deinen Knaben los“, fällt der Sinnierende dem Vater in den Arm. ‚‚Weißt du es nicht, was gestern hier im kleinen Ort geschehen war, Sasju? Hm, bist nicht dagewesen, weil . . .“ „. . . ich mich nicht an Ecken stelle, um Rebellen zuzuhören! Ich hab‘ acht Kinder und ein liederliches Weib, sonst hätte sie . . .“
Ein alter Mann namens Chuva unterbricht: „Arg auf die Weiber bin ich nicht zu sprechen; doch dein Weib, Sasju, muß man anerkennen. Sie hält alles gut in Zucht. Daß sie bei der vielen Arbeit, die du niemals ihr erleichterst, auch mal müde wird und nicht acht Kinder unentwegt im Auge haben kann, ist zu bedenken. Ich war gestern auf dem Markt, als der Rebell auf einem Steine saß, große Leute von Sich schob und Kinder um Sich sammelte. Möglich schon, daß dein Retzi mit darunter war.“ Matbus, der Sinnierende, steht auf. Er war ein angesehener Mann, vierzig Jahre alt und lebensklug. Nun reckt er sich ein wenig auf, sagend:
„Des Weges kommend stand ich nebenbei, als der—“ Rebell möchte er nicht sagen, obwohl er bis vor kurzem auch nicht anders dachte, so:
‚Was kann aus Galiläa Gutes kommen (Joh. 1, 46)? Kein Prophet kam je daher.‘ Leicht hüstelnd spricht er weiter: „— als der Mann, von dem noch keiner weiß, wer und was Er ist, vor allem, was Er kann, die großen Leute von Sich wies und die Kinder, es können etwa zehn gewesen sein, zu Sich berief.
Vielleicht ist Er sehr kinderlieb? Unsere Kinder werden streng erzogen; auch haben sie den Mund zu halten. Na eben, da war die Scheu der Kleinen gleich wie weggeblasen. Ganz dicht traten sie zum Manne hin und Er umfing ein jedes, legte ihnen Seine Hände auf und sprach ein Wort, von dem ich erst nicht wußte, wie das aufzunehmen wäre, hielte es sogar für albern.
»Wahrlich ich sage euch«, dabei zeigte Er auf uns, »es sei denn, daß ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.«
Mir ist, daß es dein Knabe war, Sasju, der ganz dicht am Knie des Mannes lehnte, den verrückte Leute einen ‚Heiland‘ nennen, der Ihn fragte: ‚Uns Kinder nimmst Du an? Wir dürfen in den Himmel kommen?‘ Da hatte Er so mild gelächelt, und wahrlich sah ich niemals einen, der derart lieb zu einem Kinde sprach, wie Er: »Ja, Mein Kind, bleibe brav, wie du bisher gewesen bist, liebe Gott von ganzem Herzen und tue niemals jemand Böses an.«
Dein Fünfjähriger sprach: ‚Gott Jahve ist sehr streng, Er droht mit vielen Strafen und — ich fürchte mich vor ihm.‘ Wißt ihr, was da kam? »Sei unbesorgt, lieber Knabe. Gott ist nicht streng, Er ist gerecht, Er hat die Menschen lieb. Bloß ist es so: wer Böses tut, muß mit einer Strafe rechnen, wie ihr Kinder auch, wenn ihr euren Eltern nicht gehorcht.« Und nochmal sanft und freundlich: »Gott ist die Liebe, Er ist gut!«
Ich ging näher vor. Ihr könnt mich einen Narren heißen, das macht mir gar nichts aus, aber sagen muß ich es: Wie ich so nahe stand, da war es mir — verspottet mich —‚ als säßen da zwei Männer. Einer sah so aus wie wir, ein Mensch in ärmlichem Habit, aber sauber; und daneben — oder auch wie in Ihm Selbst, war da ein ganz anderer zu sehen. O, vielleicht, dachte ich, liegt das an Seinen Augen, deren tiefes Feuer mich durchströmte, daß ich gern entwichen wäre und es hielt mich fest, einfach wie gebannt.“
„Da haben wir es ja!‘‘ Ein Stadtältester kreischt los, der auf den Namen ‚Jacob‘ sehr viel gibt. ‚‚Er hat dich verhext, der Magier, der Rebell! Nur wundert mich, daß ein weiser Mathus sich umgarnen ließ. Haha, wir dürfen Ihn nicht mehr in unsere Mauern lassen. Und kommt Er einmal wieder, ist Er mit der Geisel auszutreiben.“ Wild fuchtelt Jacob mit den Fäusten. Man stimmt ihm allseits zu. So müßte man es machen. Mathus steht gelassen auf.
‚‚Wenn ihr nichts anderes wollt, als jemand ungehört und ungesehen zu verdammen, dann tut ihr mir sehr leid. Glaubt ja nicht, daß ich mich von sanften Feuerblicken fangen ließ. Nein! Da kniete plötzlich einer nieder und rief laut: ‚Er hat mich geheilt! Ich war vom Mond gefangen, man hatte es sehr schwer mit mir (Matt. K. 17). Nun bin ich gesund und werde einmal groß, wie ihr Großen seid:
Mein Vater bat für mich bei Ihm‘, der Vierzehnjährige wies auf Jenen mit dem Feuerblick, ‚Er legte Seine Hand auf meine Schulter und da war es mir, als fiele eine Bürde von mir ab. Doch ehe ich Ihm danken konnte, war Er mit zwölf Männern fortgegangen. Die sind heute auch bei Ihm und seht mich an: seither bin ich gesund. Werde eine Arbeit finden, um mich selber zu ernähren. Ja hört her“, rief er uns Erwachsene an, „recht hat Er, uns Kinder vorzuziehen, weil wir erst lernen müssen, rein und wahr zu werden.“
Mathus hebt die Stimme: „Meldet mich beim Tempelrat; doch ich bin gewiß, weil ich —„ Nein, aus dem Geiste ist es besser, jetzt nicht zu vollenden: ‚— weil ich Ihn liebgewonnen habe, diesen Galiläer, den man Teufel nennt, Magier und was weiß ich noch. Seit mich Seine Lobe traf, glaube ich: Er ist gut, wie kein anderer Mensch und —‘ Mathus wagt‘s nicht auszudenken: Er könnte der Messias sein, wie manche Leute von Ihm glauben.
Er geht. Jetzt muß er mit Verleumdung rechnen, man wird ihn verachten, ihn und seine Sippe. Als er durch die Gasse geht und mit an jene Stelle kommt, wo Er gestern saß, überfällt es ihn, als ob er hört: ‚Fürchte dich nicht! Über allem menschlichen Gehader steht der gute Wille Gottes.‘ Mathus dreht sich um; ihm kam an, als hätte Er geredet. Dabei ist der kleine Ortsplatz menschenleer. Das — das ist — er kann‘s nicht benennen, spürt‘s bloß wie eine Seligkeit: Er wird mich beschützen. Aufrecht geht er heim.
Indessen hat der kleine Retzi mit den andern Kindern sich am Bach getroffen, der vor dem Ort sein reines Wasser fließen läßt. Zuerst sind die Kinder still, bis ein Mädchen, ebenfalls fünf Jahre alt, aufs Wasser zeigt und sagt: „So wunderhell waren Seine Augen, als Er uns in Seine Arme nahm. Meine Mutter ist ja gut, der Vater — na ja“, tut sie altklug, „ich glaube, Väter sind meist streng und aus uns Mädchen machen sie sich nicht besonders viel. Meiner auch, ich bin ihm oft im Wege. Aber Er, der gute Mann, da war es mir, als ob ich zu Ihm hätte ‚Vater‘ sagen dürfen.“
„So dachte ich“, fällt ein älteres Mädchen ein. Außer Retzi, der in kindlicher Gerechtigkeit nicht hören mochte, einen Guten bös zu nennen, hatte keins der Kinder es zu Haus erzählt. Zwar konnten sie nicht voll ermessen, welch ungeheurer Segen auf sie niederfiel, war doch das ‚Schöne‘ tief in ihre kleinen Herzen eingedrungen. Also bleibt bei ihnen eine väterliche Strafe aus.
Die Sonne sendet ihre Abendstrählen auf die Welt, als Retzi vor dem Hause steht. Sein Herz klopft bang, so spät darf er nie nach Hause kommen. Er wartet eine lange Weile und traut sich nicht hinein. Plötzlich hört er seines Vaters zorniglaute Stimme: „Ich möchte wissen, zu was du eigentlich noch tauglich bist. Nicht einmal acht Kinder kannst du hüten!“ Dann die angsterfüllten Worte seiner Mutter, die er, der Knabe, innig liebt.
„Du bedenkst nicht, daß die Kleinsten“, ein Mädchen und ein Bub von zwei und einem Jahr, „noch Pflege brauchen. Die Kuh, die Ziege, Haus, Feld, alles muß ich allein besorgen, will sie sagen. Grob wird sie unterbrochen. „Wirf mir nicht vor, es wäre dir zuviel der Last! Beim Zimmermeister hab‘ ich schwer zu schaffen, und fürs tägliche Brot sorge ich, nicht du.“
„Gewiß“, bestätigt die Verängstigte, um ihn zu besänftigen. Dabei rackert er sich absolut nicht ab. Sie aber trägt nebst aller Mühsal auch das Futter für die Tiere auf dem Rücken heim, gräbt das kleine Feld mit einem Spaten um, versorgt die Kinder, wäscht, reinigt das Haus so gut es geht, hilft der Nachbarin, die kränklich ist, weil ihr Mann es so befohlen hat. Schon will sich Retzi durch den Stall zur dunklen Nebenkammer schleichen, wo alle Kinder, mehr schlecht als recht, ihr Lager haben. Da dringt ein weher Laut heraus und ein Gepolter, ein Fluch: „Tippt man sie an, fallen sie gleich um. Ihr nichtswürdiges Weiberpack!‘‘
Retzi stürmt hinein, ungeachtet dessen, was ihn erwartet. Seine Mutter liegt am Boden, todweiß im Gesicht, aus dem Munde läuft ein rotes Fädlein. „Mutter!“ schreit er entsetzt und wirft sich auf sie nieder. Und noch einmal: „Mutter!“ Noch ist Leben in der Frau. Des Kindes jammervollen Ruf hat sie vernommen, aufstehen aber kann sie nicht. Die Angst, er hätte sie getötet, macht den Mann noch wütender als er schon ist. Eingestehen würde er es nie, daß seine Hände . . . seine Ungerechtigkeit . . . Pah, sie ist eben hingefallen. Den Jungen reißt er grob von seiner Mutter weg.
„Wart, du Brut, jetzt kommst du an die Reihe! Du bist bei dem — bei dem — auf dem Markt — —“ Er weiß nicht, wie er den die Kinder liebenden Heiland nennen soll. ‚‚Statt ihr zu helfen“, dabei stößt er mit dem Holzschuh in die Seite seiner Frau, die weiter ohne jede Regung vor ihm liegt. Nein, grob hat er jetzt nicht gestoßen, er will nur versuchen, ob sie wieder zu sich kommt. Mit festem Griff hält er seinen kleinen Knaben fest, holt die Rute und schlägt hart und blindwütend zu. Daß er es aus Sorge tut, die Frau wäre tot, o, nichts überlegt er sich.
Retzi gibt trotz Schmerzen keinen Laut von sich. Er sieht vor sich immer bloß das blasse Antlitz seiner Mutter. Schon einmal hatte er ein totes Weib gesehen; und so — so sieht jetzt seine arme Mutter aus. Es gelingt ihm aber, sich zu befreien. Wankend und so bitter weinend, über seine eigenen Schmerzen und den Seelenschmerz um seine Mutter, stürzt er fort, zum Haus hinaus. Die Nacht ist angebrochen, zwischen Wolken zeigt sich ab und zu ein fahler Mond. Sonst ist das Land in Finsternis gehüllt.
„Retzi, komm zurück, sofort!“ Sasju ist hinausgelaufen. Nun ist ihm doch um ihn die Angst ins Herz gefallen. Erst die Frau, die todblaß auf den rauhen Bretterdielen liegt, da darf der Junge — — Ja, was darf er nicht? Daß er, der Vater, blutige Striemen mit der Rute schlug, das wird ihm bewußt. Das kam schon öfter vor. Aber bisher war doch bei den Kindern alles wieder heil geworden. Vergeblich ruft der Vater in die Nacht hinein. Nachlaufen kann er nicht; er weiß nicht, wo sich Retzi hingewendet hat. Ach, morgen ist er wieder da, sicher liegt er irgendwo auf einem Schober Heu und heult sich aus. Doch die Frau — —
Daß er sie, wirklich hatte er es nicht gewollt, mit den Fäusten mitten auf die Brust geschlagen hatte, möchte er gern ungeschehen machen. Die leichte Last hebt er hoch, legt sie auf das Lager an der Wand und rüttelt sie. „Wach auf, Weib, komm, ich tue es nicht wieder. Komm, wach auf!“
Nichts geschieht. Das Gesicht bleibt starr, nur der Mund hat sich geschlossen und der rote Faden Blut hat sich verkrustet. Er nimmt einen Lappen und wischt es ab. Braucht kein anderer zu sehen, daß er — — Wie in Furcht dreht er sich um, ihm ist, als stünde einer hinter ihm, als ob es flüstert: ‚Vor den Menschen kannst du deine Tat verbergen, vor Gott nie und nimmer! Und deine Seele kommt nicht mehr zur Ruhe!‘
Hirngespinst! Er wischt sich über seine Stirn. Schweißnaß ist sie. Gut, daß niemand was gesehen hat, so will er sich beruhigen. Denn vorher, pfh, das war sein Gedanke, weiter nichts. Ruhelos geht er auf und ab, versucht wiederholt, sein Weib wachzurütteln, ruft vor der Türe leise seines Kindes Namen. Er darf durch laute Worte keine Nachbarn wecken.
Die ganze Nacht schleicht für ihn hin, langsam, wie kleine Würmer kriechen. Aber auch der allerkleinste Wurm kann ein Herz zernagen. Als ein blasses Frührot dämmert, ist die Frau noch immer nicht erwacht. Tot ist sie nicht, er spürt es an der Körperwärme, doch kaum noch wahrnehmbar. Die Kinder werden wach. Weil nie getan, gibt er, ungeschickt, den größeren ein Stück Brot und schiebt sie fort. Die zwei Jüngsten weinen, die müßten — —
Er hört die Tiere, die gemolken werden sollen. Nochmals ruft er seine Frau. Nichts! Schweren Herzens sucht er den Stadtältesten auf. Der hat eine große Tochter, etwa hilft sie ihm ein wenig aus. Was soll er sagen? Wie bemänteln, was geschah? Bestimmt würde Retzi, der alles mit bekommen hat, verraten, was seiner Mutter widerfahren war. Auf dem Weg zu Jacob schaut Sasju durch die Wege, in kleinste Mauerbreschen, unter manchen Strauch. Kein Retzi ist zu sehen. Trotz Angst ist er erleichtert. Ist eine kleine Zeit verstrichen, wird der Knabe es vergessen. Er, der Vater, wird es ihm plausibel machen, daß die Mutter — —
„Ja, Freund Jacob, so war es auch. Retzi kam nicht heim, obwohl die Nacht schon nahe war. Hm, ein bissen zankte ich mit Borah, wie wir Männer das halt tun. Man meint es gar nicht bös. Auf einmal fiel sie um. In letzter Zeit war sie öfter müde, was verständlich ist. Müde sind wir Männer auch nach hartem Tagewerk. Wir überwinden es bloß leichter als ein Weib. Und da lag sie eben da, rührte sich nicht mehr und . . .“ „Sie ist tot?“ fragt der Städter. In ihm glimmt ein Verdacht; man weiß, wie jähzornig Sasju ist, wenn nicht alles ganz genau nach seinem Sinne geht.
„O nein!“ fährt Sasju auf, der es sofort merkt, was jener denkt. „Sie ist nicht tot; vorhin hatte sie noch leis geatmet, liegt aber reglos da. Ich wollt‘ dich bitten, mir deine Tochter Judith auszuleihen. Die Kinder, ja, und die Tiere, und ich muß zu meinem Meister gehn, daß ich heute nicht zur Arbeit käme. Wie soll ich alles richten?, wer meinem Weibe helfen?‘‘
„Sie fiel so arg, daß sie sich nicht erheben kann?“ Der Stadtmann zieht die Stirne kraus. Ihm geht‘s eigentlich nichts an, jeder kann zu Hause schalten wie er will. Mag was vorgekommen sein. „Ja ja“ ‚ bestätigt Sasju viel zu rasch, was den Argwohn noch verstärkt, „habe sie nur rütteln wollen. Doch gleich umzufallen —‚ wem ist das schon mal so passiert?‘‘
„Ich frage Judith, ob sie helfen will.“ „Fragen?“ Ganz erstaunt gesagt, sodaß der Städter lachen muß. „Bei mir geht‘s anders zu als bei dir, Sasju. Glaube jedoch nicht, ich könnte nicht im Haus regieren. Außerdem hat meine Tochter viel zu tun. Weißt es ja, daß meine Frau verstorben ist und Judith mich, ihre vier Geschwister, Haus und Hof versorgt, sehr gut. Da ist‘s bloß recht, wenn man sie nicht kommandiert.“ Sasju unterdrückt ein Wort, er hätte sich die Hilfe sonst verscherzt.
Das schöne Mädchen, vom Vater hergerufen, ist nicht erbaut, bei Sasju auszuhelfen. Allein der Kinder und der Kranken wegen geht sie mit. Erschüttert steht sie vor dem Lager, auf dem die arme Borah liegt. Sie atmet zwar, nur sehr mühsam, die Augen sind geschlossen und bewegen kann sie sich noch immer nicht. Sasju, der mit Absicht langsam ging, auch sucht er immer noch nach Retzi, trifft an einer Gassenecke Mathus an.
„Nanu“, sagt dieser, „was treibt dich auf den Weg? Keine Arbeit mehr?“ Er ist hilfsbereit, sieht weniger darauf, wer eine Hilfe braucht, sondern einzig, wo sie nötig ist. In Holzarbeiten ist er sehr geschickt und verdient sich so das Brot. Alleinstehend, seine Frau war bei dem ersten Kind verstorben und nahm ihren Knaben mit ins Grab, kommt er mit allem gut zurecht, nimmt sich auch die Zeit, wenn man irgendwo ihn braucht. Sasju, sich überwindend, weil er den ‚Spinnenden‘ nicht mag, klagt ihm sein Leid, wie er dies beim Stadtmann Jacob tat.
„Wenn du willst“, sagt Mathus freundlich, „schließe ich mich an. Vielleicht kann ich deiner Borah helfen. In Kräutern und so manches mehr bin ich nicht ungeschickt.“ Sasju pflichtet bei, uneingestanden froh, wenn ‚der‘ ihm helfen könnte. „Sieh an, die gute Judith ist am Samariter werk; da könnte ich ja gehen.“ „Nein, bleibe da“, das Mädchen hält ihn fest, „ich frag‘ mich, was hier vor sich ging. Habe sie gestreichelt“, sie zeigt auf Borah, „angerufen, ihre Arme hochgehoben — nichts —“ Ängstlich zuckt sie mit den Schultern.
Mathus hebt die Augenlider hoch, drückt auf die Brust und — „Was ist, Sasju? Sie ist nicht tot und lebt auch nicht (eine Lähmung). „Ich hole was und reibe Brust, Arme und die Beine ein.“ Mathus ist hinaus, bevor Sasju widersprechen kann. Um Himmelswillen, der darf die Beulen auf der Brust nicht sehen.
Ihm läuft zäher Schweiß herab. Gegen Judith ist er übertrieben freundlich, was sie nicht zur Kenntnis nimmt. Sie hat die Ziege und die Kuh gemolken, gefüttert, nimmt sich der zwei kleinsten Kinder an, und man sieht, wie gut sie damit umzugehen weiß. Die anderen Kinder drängen sich herein. In der Früh das kleine Stücklein Brot hat ihren Hunger nicht gestillt. Am Brunnen löschten sie den Durst; eine Nachbarin ließ sie aus dem Kruge trinken.
Sasju fühlt, wie des Mädchens Blicke zwischen ihm und Borah wandern. Sie spürt zu deutlich, daß da ‚etwas‘ war. Was? Noch hat sie einen reinen Sinn, ganz Böses ahnt sie nicht. „Kann ich dir etwas helfen?“ fragt Sasju, um sein Unbehagen, seine Angst zu übertönen. ,,Nein. Wenn du willst, kannst du zur Arbeit gehn.“ „Heute nicht, es muß mit meinem Weib doch besser werden.“ „Sie wird kaum sehr bald wieder auf die Beine kommen; sie ist nicht ansprechbar.“
Weh! Was soll er mit den Kindern tun? Der älteste Junge ist erst zwölf Jahre alt, die Kinder kamen rasch der Reihe nach. Daß dies an ihm lag, will er jetzt nicht eingestehen. Das Mädchen, wenig über zehn, ist nicht fähig, alles das zu tun, was seiner Frau oblag. Gerade tritt Mathus wieder ein. Er trägt einen Korb, in dem er Kräuter, Saft und Salben bei sich führt.
Es ist nicht vermeidbar, daß er die dicke Beule sieht. Erstaunt, befremdet sieht er Sasju an. ‚‚Wie kam sie denn zu der Verletzung?“ Daß dies von Schlägen kommt, erkennt er gleich. Wegen Judith will er nichts verraten. Mit dem Fuß stößt Sasju einen alten Schemel um. „Der war schuld, sie war direkt auf ihn gefallen. So — beim Fallen war der Schemel umgestürzt, und ehe ich‘s verhindern konnte, war sie auf den harten Rand geprallt.“
„Hm.“ Mathus reibt der Kranken Brust, Arme, Beine und den Rücken ein, versucht einen Kräutersaft ihr einzuflößen, was nicht gelingt. Borah kann nicht schlucken, sie liegt in Ohnmacht da. Nach einer Weile, in der jede Mühe ganz vergeblich ist, sie aufzuwecken, oder daß sie sich bewegt, räumt Mathus seine Sachen wieder in den Korb. Mit ernster Miene wendet er sich Sasju zu.
‚‚Hier hilft kein Arzt, und wäre es aus Rom der beste. O, Einer! Du bist versessen, den Galiläer abzustreiten, hast Ihn verschimpft, nur dumme Kinder würde Er versammeln, um diese von den Eltern wegzulocken. Mit einem freundlichen Gesicht wäre das leicht möglich. Ich hab‘ nicht widersprochen‘‘, es hatte keinen Zweck, gegen harte Engstirnigkeit zu kämpfen. „Deines Weibes wegen, Sasju, und höre mir gut zu, ich meine es gewiß am besten — Den du Teufel und Rebellen nennst, Er ist der einzige, der Borah helfen kann. Lache nicht, gib kein Widerwort — ich habe Ihn gesehen, wiederholt und bisher nie noch keinen Menschen so erkannt wie Ihn! Er hat Blinde, Taube, Aussätzige geheilt, ob du‘s glaubst oder nicht! Und kürzlich war ich im Gebiet, da hatten sich bei Ihm viel hohe Römer mit versammelt.
Erst dachte ich: Schade, jetzt wird Er verhaftet, dieser reine, gute Mann, von dem ich nie was Böses hörte, hat viel geholfen und dies ohne äußerliche Mittel. Er spricht, legt auch mal die Hände auf und — es geschieht. Wie war ich froh, als ich sah, daß die Römer Ihn verehrten. Dazu der Kontrast:
Diese wunderbar gekleidet, mit Orden ausgeschmückt und Waffen tragend. Er im schlichten Kleid, eine Art blauer Mantel hing Ihm auf der Schulter. Dabei war Er lange nicht so hoch gewachsen wie die meisten Fremden sind. Ich weiß, Sasju: die Besatzung, die wir gern aus unserem Lande wüßten.
Allein der Unterschied lag ganz bei Ihm. Es war eine‘ Würde, eine Hoheit, die Ihn prägte und verstand ich gut, weil die Römer Seinen Worten lauschten. Sie gingen allesamt dann in ein mir unbekanntes großes Haus. Ja“, Mathus wendet sich der Türe zu, „hier kann ich nichts mehr helfen, der Schlag auf den — den Schemel —‚ da ist eben innen was kaputt. Brauchst du aber sonst noch eine Hilfe, bin ich gern bereit, herzukommen.‘‘
‚‚Der spinnt‘‘, murmelt Sasju vor sich hin. Nie, nie würde er Ihn bitten, seinem Weib zu helfen. Die Gedanken schiebt er fort, die wie oft ihn überfallen, weil ‚viel im Land geredet wird‘, von Ihm, den alle sehen, den keiner kennt, den man verfolgt und in weiten Bogen vor Ihm flieht. Das ist Er! Sasju blickt auf Borah, und auf einmal überkommt es ihn: Er hat an ihr gesündigt, hat sie immerzu gezwungen, Kinder zu gebären. Zwölf wollte er, wie das versunkene Israel zwölf Stämme hatte.
Die Arbeit schien ihm nie zu viel zu sein; zu was hatte man ein Weib? Nun sorgt er sich um sie, was niemand wissen soll. „Kannst du bleiben?“ fragt er Judith. „Bis über Mittag, dann muß ich heim, ich werde ja gebraucht.“ „Kannst du morgen noch mal kommen, weil . . .“ Er schielt zur Kranken hin. „Mal sehen“, hält sich Judith frei. Ihre Tage sind mit vieler Arbeit angefüllt.
Der Mann geht durch die Gassen, sucht jeden Winkel ab, ruft den Knaben. Vergeblich. Wo er geblieben ist? Nagenden Gewissens geht er zurück. Die Kinder hocken ängstlich beieinander, die Jüngsten weinen. Vergeblich hat die zehnjährige Marba sie beruhigt. Wieder will er schelten, hm, was kann er einem Kinde abverlangen? Selber weiß er nicht, wie ein Kleinkind zu betreuen ist.
„Gottesnot und Tod!“ Wo wäre eine Hilfe, wenigstens erst für die Kinder? Da sagt Marba, dabei blickt sie Sasju überängstlich an, sie fürchtet auch die Züchtigung. Schmilzt langsam doch das starre Eis?, der Panzer, den sein Herz umgibt? Er holt die Rute. Die Kinder drücken sich noch mehr in ihren Winkel, und — und er zerbricht das fürchterliche Marterding.
„Komm her“, ruft er Marba, „sieh, die Rute ist zerbrochen, die brauchst du nicht zu fürchten.“ Zaghaft kommt das Mädchen näher, scheu flüsternd: „Ich wollte fragen, ob ich nicht die Muhme holen könnte, für die Kleinen. Ich — ich werde —“ ‚‚Wirst nicht mit ihnen fertig? Geh und frag‘ die Muhme, ob sie ein wenig helfen wolle; sie braucht es nicht umsonst zu tun.‘‘
Die man ‚Muhme‘ nennt, ist vom Ort die Wehemutter. Die hat auch Borahs Kindern auf die Welt verholfen. Zwar hat sie selbst Familie, aber ihre Kinder sind erwachsen. Wie der Wind stiebt Marba fort. Unterwegs kommen ihr die Tränen, die sie vor dem Vater ängstlich unterdrückte. Die gute Mutter! Was soll bloß aus ihnen werden? Daß der Vater — oh, sie hat so viel erlebt, an den umgestürzten Schemel glaubt sie nicht.
Sie erinnert sich, daß sie am Markteck stand, als jener Mann die Kinder zu Sich rief. Wie gern wäre sie mit hingeeilt, und bloß die Angst hielt sie zurück. Ach, nur aus der Ferne sah sie Ihn und war ihr wunderlich zu Mute, als ob sie auch an Seiner Seite wäre, Seine Hände fühlte, Seine Worte hörte. Inzwischen ist sie bei dem Hause angekommen, wo Chamana, die Wehemutter, wohnt. Zaghaft klopft sie an. Ja, geschlagene Kinder bleiben scheu.
Bei dieser Frau hat jedes Kind, das als Säugling einst in ihren Händen lag, ein sicheres Plätzchen ihrer Liebe, und keines, das nicht diese Liebe spürt. Ein Mädchen, zwanzig Jahre alt, schaut heraus. „Was ist?“ fragt es gleich und hat wie ihre Mutter auch ein warmes Leuchten in den Augen. „Komm erst mal herein, Mutter ist zu Hause.“ Von einer schweren Last schon wie befreit, folgt Marba in ein Zimmer, das hell und sauber ist.
„So so, die Marba.“ Chamana drückt das Kind auf einen niedrigen Stuhl. „Ist doch nicht schon wieder etwas auf dem Weg?‘‘ Sie meint ein Kindlein, kennt das Leben der Familie Sasju‘s, auch, daß er zwölf Nachkommen haben will. Beim sechsten sagte sie: „Hör endlich auf, deine Frau ist schwach geworden, ich kann nicht garantieren, ob beim nächsten nichts passiert.“ Der Grobe lachte bloß, ah nein, gewettert hatte er, am Kindbett seiner Frau. Weiber sollten nicht so grämlich tun. Ein Kind käme und alles wäre dann vorbei. Chamana streichelt Marbas schmale Wange.
„Sprich, was ist los? Muß ich meine Tücher packen?“ Sie denkt an Windeln und was zum Reinigen einer Gebärenden gehört. „Nein, es kommt — kommt nichts“, stottert Marba. „Mutter ist gefallen, ganz arg“, sie will nicht sagen, was sie ahnt. „Nun liegt sie da, fast wie gestorben. In der Früh war Judith da, des Stadtherrn Tochter. Aber die hat auch zu Hause viel zu tun, weil da keine Mutter ist. Wir Kinder, die zwei Kleinsten, da —“
„—wollen wir schnell gehen.“ Chamana gibt ihrer Tochter noch Bescheid, was zu verrichten ist, nimmt Marba an die Hand, marschiert flink los, so daß das Mädchen förmlich rennen muß. Schon vor dem Haus hört Chamana die Jüngsten hilflos weinen, und Schluchzen aus irgend einem Winkel. Höchste Zeit, denkt die brave Frau. Na, dem Sasju gebe ich‘s! Von ihr mußte sich schon mancher Mann was sagen lassen und — mancher hatte sich vor ihr geduckt, meist zwar darum, weil man sie brauchte, so und so.
Sasju greift recht ungeschickt nach ihrer Hand, um ihr für das Kommen Dank zu sagen. „Laß das“, bellt sie los, „man sieht, was bei dir die Schelle schlägt. Hast‘s soweit gebracht, daß deine Borah nicht mehr leben kann?“ „Nein, Gevatterin, so ist es nicht“, windet Sasju sich heraus. „Hat Marba nicht erzählt, daß sie‘‘, er schielt auf Borah, „so heftig stürzte und ich sie nicht erfangen konnte, um sie vor dem Unglück zu bewahren?“
„Das binde anderen auf!“ Chamana‘s Augen funkelten. Leicht ist die Wahrheit zu erkennen. Sie nimmt sich erst der Kleinsten an, wäscht und wickelt sie, kocht Brei, um sie zu füttern, und unter ihren mütterlichen Händen schlafen sie bald ein. Dann versorgt sie erst die andern Kinder, dabei sagend:
„Borah wird kaum mehr zu helfen sein, deshalb erst die Kinder. Die Tiere schreien, mußt sie selber füttern, dazu hab‘ ich keine Zeit. Nachher prüfe ich, was mit deinem Weib geschehen kann.“ Daß Chamana den Heiland auch mal kennen lernte, wissen nur die Ihrigen; und die schweigen still. Was die Mutter von dem ‚Mann‘ berichtet hatte, glauben sie.
Ob sie sich öffentlich zu Ihm bekennen wird? Sie war dabei, als ein Weib Ihn bat, ihrer Tochter zu gedenken, die ein Teufel plage. Damals sagte man zu Irrsinn so (Matt. K. 15), und wie Er aus der Ferne half. Sie hatte später mal die Frau getroffen und gefragt, wie es ihrer Tochter ginge. Da fiel die Mutter freudestrahlend, dankend nieder: ‚Er hat mein Kind gesund gemacht!‘
Noch war sie dabei, als der von Judas Hohen verfolgte ‚Galiläer‘ eine Menge Menschen speiste (Matt. K. 15), mit wenig Broten, wenig Fischen, und die Leute wurden satt. Daß diese ‚Himmelsgaben‘ anders schmeckten, als ländlich zubereitet ward, war ihr aufgefallen. Und dann Seine Rede: stark und lind, abrechnend und tröstend, für die Irdischen bestimmt und — ja, — eben anders.
Manche Pharisäer hatte sie gehört; allein nie, nie wäre eine Menschenstimme mit der des Galiläers zu vergleichen. Als sie sich nun über Borah neigt, denkt sie: Er könnte: helfen! Sie ahnt nicht, daß am gleichen Tage Mathus dieses Sasju gegenüber ausgesprochen hatte. Dessen Zorn bedenkend, weil gerade er — sie weiß es längst — von Ihm widerwärtig spricht und läßt‘s an seinen armen Kindern aus, das hält sie zurück, den ‚einzig großen Helfer‘ zu erwähnen. Darum wiederholt sie bloß:
„Sieht nicht so aus, als würde deine Frau gesund. Die Brust ist eingefallen“, eingeschlagen worden, denkt sie grimmig, „die Lunge hat gewiß ein Loch bekommen.“ Zwar ist Sasju jetzt zerknirscht, nur noch nicht so weit, seine Untat zu gestehen. „Weißt du niemand‘‘, fragt er hastig, „einen Arzt, es soll ja solche geben? Die Römer haben solche, doch an diese kann man sich nicht wenden. Wir sind die Unterdrückten, sie die Gebietenden.“
‚‚Haben wir das nicht verdient? Immer wieder hat sich Israel von Gott gewendet und dem Götzendienst gehuldigt. Wende mir nicht ein, früher wäre das gewesen. Seit es bloß Juda gäbe . . . Ha‘‘, ereifert sich die Treue, „seit siebenhundert Jahren, als unsere Zehn Stämme untergingen — hat man die Propheten angehört? Nein! Darum kam auch Juda im gerechten Zehnt (70 Jahre) nach Babylon. Denke, daß du die Geschichte kennst (2. Kön. K. 24).
Und wie viele treiben bösen Wucher? Ist das nicht ein Götzendienst und ein — Hier heißt‘s: Einer trage des anderen Last (Gal. 6,2). O, fahre ja nicht auf“, wehrt sie ab, als Sasju widersprechen will, „das wäre ungerecht, soll einer für den andern schleppen. Ha, dein armes Weib ist deine Last, die du ihr unbarmherzig aufgebürdet hast! Wieviel Arbeit wäre deiner Hände Werk gewesen, so viel, daß sie nicht an dir zerbrochen wäre!‘‘
Sasju stürmt hinaus, nieder drückt ihn die Gewissenslast. Nein! Er ist ein Mann, er hat damit nichts zu tun, er hat — Als harte Mahnung pocht‘s in ihm: ‚Rede dich nicht aus, die Frau hat recht und — GOTT hat recht, wie Er Seine Menschenkinder führt.‘ Was sie selber sich erschweren, das ist auszutragen wie — hm, gesehen hat er es, wie schwer Geburten vor sich gehen können.
Ach, bei Geburten ist schon manche Frau gestorben. Was kann ein Mann dafür? Nichts! ‚Aber dein Weib so zu schlagen, daß sie noch heute sterben muß, dafür mußt du vor dem Höchsten Rechnung tragen.‘ Sasju dreht sich wie ein Kreisel um. Hat sich ein Teufel bei ihm eingenistet? Was er hörte — oder nicht, was wie eine Stimme war, das ist Hirngespinst. Ein Asmodi will ihn verwirren.
Beinah hätte er im wüsten Zorn die Kuh geschlagen, weil sie seine harte Hand nicht leiden kann. Er rennt aufs nahe Feld, rafft Stroh zusammen, achtlos, wo noch Ähren liegen. Der ‚Stimme‘ aber kann er nicht entfliehen. Sie geht mit ihm um, sie haftet wie ein Pech, sie brennt wie Schwefel, steht wie ein Leviathan da (Hiob K. 40), ihm kein Ausweichen, kein Entrinnen lassend.
Als er endlich wieder in die Kammer tritt, kommt er dazu, als die Wehemutter seine Frau sanft bettet. „Sie hat ausgelitten.“ „Nein!“ schreit er wild, „sie darf nicht von mir, von den Kindern gehn, sie muß bei uns bleiben! Ich fluche Gott, Er hat sie mir genommen!“ Wie in Wahnsinn stürzt er sich auf Borah, um sie wachzurütteln. Chamana reißt ihn zurück.
„Was du getan hast, mußt du vor dir selber eingestehen; und eine Wahnsinnshandlung hilft dir nicht, am wenigsten deiner armen Frau. Um deiner Kinder willen schweige ich; deinetwegen würde ich dem Stadtmann sagen, was hier vorgefallen ist. Gehe in dich, denk‘ an deine Kinder! Überdies‘‘, sie zählt die Schar, die noch im Winkel hockt, „da fehlt der Retzi. Wo steckt er denn?“
Sasju wischt sich über seine tränenlosen Augen. Ist bloß dicker Schweiß, den die Ängste rinnen lassen. „Weiß nicht, wo der Junge ist. Habe ihn gerufen und gesucht, hab‘ . . .“ „Spare dir das Wort, und glaube ja: Man weiß im Ort, was du für ‚einer‘ bist. Da wird um den raschen Tod der Borah viel gemunkelt werden. Muß halt helfen, und etwas stimmt: sie war körperlich zu schwach; so viele Kinder zu gebären — hm, da hat das Herz versagt.“
Daß späterhin auch Mathus, der wie Chamana gesehen hatte, woran die Borah starb, der Kinder wegen auch das Gleiche sagt, wie die Wehemutter, rettet Sasju vor dem Richter. Ein mageres Ergebnis, aus hilflosen Ängsten sich zu wenden. Doch haben fortan wenigstens die Kinder Ruhe vor der Härte eines liebearmen Vaters von der Welt.
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