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Kap 35 – GOTTES gnadenvolles JETZT. Nicht nach Erfolg fragen, sondern handeln

GOTTES gnadenvolles JETZT. Nicht nach Erfolg fragen, sondern handeln

35. Kapitel

Man wartet tagelang auf König ARIEL. Hezeron, Parnach, Sephthan und andere Priester gesellen sich herzu. Mißtrauen, berechtigt und auch nicht, Gleichgültigkeit schwinden unterm Volk. Man drängt sich in die Tempelhallen. Allmählich wird man auf Asarja stolz. Worte werden laut: „Er war noch zu jung.“ „Der Prophet hat ihm geholfen.“ „Wie heißt der denn?“ „Bist du von Judäa und weißt das nicht?“

Viele wollen den Propheten sehen, er soll reden und — natürlich Wunder tun. Er klagt Joroham: „Die Jakobleute sind so wankelmütig. Wenn die Wunder (Matt. 12, 38; Joh. 4, 48) ihnen in die Hände fallen, werden sie vergessen, daß man danken muß (Luk. 17, 18). Jetzt sind sie berauscht, weil die Freundlichkeit Asarjas Nutzen bringt. Es ist ein Kreuz mit unserm Volk! Wie recht hatte Vater Zebaoth, daß es keine Welt-Erwählung gibt.“

Joroham seufzt mit: „Der Gewinn macht gläubig. Ist der Kasten voll, dann . . .“ „Nicht nur die Kleinen sind zu schelten“, sagt Chenos mild, der hinzugekommen war. „Wieviel Weisheit hatte Salomo. Aber als der Schatz die Truhen sprengte, daß man für den Reichtum Keller schachten mußte, als die Dienerschaft fünftausend, die Weiber tausend waren, schloß Salomo sein Herz samt Schätzen in seine dunklen Keller ein. Dort versteinte es, auch gegen Gott.“ (1. Kön. 11, 9)

„Dich ehrt, was du sagst“, Isa-i streicht über Chenos Runzelhand. „Aber wie bedenkt es Gott! Allein — ob Er immer auch bedeckt? Wenn ja, träte anstatt der Entschuldigung eine schöne Fabel über Gottes Regiment. Muß Er nicht erziehen? Den nicht fallen lassen, der durchaus fallen will?! Doch was treibt Ihn zu dem Muß? Zwingen kann Ihn keiner! Was ER tut, kommt aus dem Bedenken Seiner Vatertreue; da sind wir eingeschoßt mit unserm ganzen Sein.

Bedecken ist eine freie Gabe, die urmäßig keineswegs bestand. Das setzte ja ein Mangelwerk voraus, das es niemals gab. Es wurde eines durch den Fall! Dann erst nahm der Höchste in Sein immerwährendes Bedenken das Bedecken mit hinein.

Das ist kein Augenschließen. Gibt die Langmut oft ein wunderliches Maß, so wähne niemand, daß das Böse dadurch abgegolten sei, oder daß das Gute ohne Segnung bliebe. An Seiner Hüfte hängt das Maß. Er kann es lange hängen lassen, nimmt es aber alsbald in die Hand, wann Er die Stunde für gekommen hält.

Noch hängt die Schnur, und Seines Kleides Falten decken sie. Wie lang — ? Macht Er eine Geißel (Joh. 2, 15), dann bedeckt Er nicht die Schuld, sondern das Erbarmen! Wohl läßt Geduld die Meßschnur vierfach hängen und währt es lang, bevor die Welt ihr ‚Wehe‘ (OJ. 8, 13) hört. Doch aus Zucht und Züchtigung wird einst das sanfte Ziehen. ER zieht den Abfall aus dem selbstgemachten Grab heraus.

Er, von alters her der HEILAND und ERLÖSER, heilt die Wunden, die entstanden waren (Ps. 51, 16; Jes. 43, 11; 63, 16). Er steigt in die Materie, und es umgibt uns Seine Gegenwart! Keine Zeit kann zur andern sagen: Er war da — Er kommt! Er heißt JETZT! Wer das erkennt, kennt Sein heiliges Bedenken, wo es wenig zu bedecken gibt. Besser ist, es wird alles offenbar im JETZT! Wer sagen kann: Jetzt, ich bin bereit, der steht in Gottes heiliger Allgegenwart.

Wer löst sich von der Welt? Wer ergibt sich Gott, dem hohen JETZT?

Unfrei ist der Mensch, der in der Freiheit der Materie lebt!

Wen aber Gottes Opfer bindet, den macht Er frei. Ja — jetzt wallen sie hinauf, um Speise zu empfangen. Nebenher nimmt man die Gnade mit. Wird es gewohntes Brot, wirft man es achtlos in die Rinne.

Laßt uns die Kleinen fest bewahren bis hin zum Hohen Gnadenstuhl. Ich dachte es: ‚O ARIEL, Du hast Dich uns so herrlich offenbart und das Volk ging leer davon, außer von den Tafeln. Sind wir denn besser als die arme Phrybe oder als ein Kind, das im Gossenrand des Volkes in die Sünde fällt?‘ Wie einst ein einzig Reich bestand, so soll sich nun die arme Herde wieder sammeln; und wir, liebe Freunde, sollen unter Gottes Händen ihre Wächter sein.“

Nathan hatte alle gleich herbeigetrommelt. Hophei wispert Abigail zu: „Gut, daß Nathan rief,“ „Er ist Isa-i bis in den Tod ergeben.“ Abigail sieht den Diener herzlich an. Oberzöllner Telem, der wegen eines Streits gekommen war, hat die Sache ganz vergessen. Begierig hört er zu und fragt nach König ARIEL. „Ich meine“, sagt er, „was Isa-i gepredigt hat, war Gottes heiligwahres JETZT. Der Herr war jetzt bei uns, wenn auch unsichtbar.“ (Ps. 95, 7)

„Das müssen wir uns in die Herzen schreiben“, sagt .Abjathar, „wir heften uns zu sehr ans Hören oder Sehen. Aber GOTT kann predigen durch Seine Winde oder locken durch ein Kind; Er sieht nieder, wenn die Sterne scheinen und begegnet uns, wenn ein Armer vor der Türe steht. JETZT o Isa-i, auch mir ging eine Türe auf!“

„Durch die Türe sind wir schon“, erwidert freundlich der Prophet. Samathuel ergänzt: „Dennoch täglich neu: Mauer, Tor, Garten und der Quell. Zwar ist das Wasser immer gleich; denn der Ewige hat keinen andern Brunnen, als den der hehren Schöpfernacht. Einerlei gibt Er hinein aus Seinem unveränderlichen Wesen. Trotzdem: Trinken wir, so ändert sich‘s mit jedem Schluck. Wir ermessen nie die Köstlichkeit, die Gott uns damit zubereitet hat.

Gewiß, je mehr wir uns zur Quelle neigen, um so mehr empfangen wir. Doch bedenkt das Unverdient, weil auch wir — trotz Mühe — Sünder sind. Da bleibt Gottes Liebe ein Geschenk. Was ER daraus macht, ist Seine Sache. Wir zu Hause gehen Seinen Weg. Gott ist bei uns über allen Dingen hoch erhoben; nur von Ihm nehmen wir die Gaben an. Was wir Ihm aber bringen dürfen, schöpfen wir aus Seinem Lebensquell. Ja, daraus trinken und hinein die Hände und das Antlitz tauchen; in Gott für Ihn und durch Gott zu Ihm!“

„Hier hört die Seligkeit nicht auf!“ Om-Sabra war geblieben, in der Hoffnung, noch einmal ARIEL zu hören. „Kommt heute abend“, gibt Isa-i die Schau bekannt. Micha, der schon in der Schule ist, fragt zögernd, ob auch er und seine Mutter kommen dürften.

„Selbstverständlich“, nickt Isa-i. „Ich bitte jetzt die Priester her.“ Hophei warnt fürsorglich: „Gehe nicht allein, sonst mußt du bei der Menge stehen bleiben,“ Nathan ginge zu gern mit, Abjathar lacht ihn aber heiter aus: „Der Prophet braucht nur zu winken, und die Engel dienen ihm,“ „Schade“, murmelt der Getreue, „daß ich noch kein Engel bin.“ — —

Isa-i und Samathuel treten zu Asarja ins Gemach, in welchem, ohne es der Schönheit zu berauben, aller Prunk beseitigt ist. „Ihr bringt Gutes?“ fragt er hoffend, „Ich weiß noch nicht“, erwidert Isa-i, „ich hoffe aber . . .“ „. . . daß der HERR erscheint!“ ergänzt Asarja frohen Herzens. „Er stillt das Sehnen“, sagt Samathuel. „Doch die Gnade ist zu nehmen, wie sie hergegeben wird. Vorhin kam die Rede über Gottes JETZT; heute abend hast du eine Abschrift in der Hand.“

„Dich bezahlt man nicht mit Gold, Samathuel! Schade, daß euere Schrift so schwer zu lernen ist. Mich hat seinerzeit gewundert, daß Diblaim so fix dahinterkam. Er war ein Könner ersten Ranges.“ „Und hatte eine Seele wie ein weißes Lamm.“ Die Denkpause, in Erinnerung des frommen Mannes, unterbricht Isa-i: „Noch etwas, damit du unterrichtet bist: Heute kam das Urteil über Iddo an.

Usia hat Phrybe‘s Sache dem Richter überlassen, er hat Iddo‘s ganze Habe weggenommen, die Hälfte des schier sagenhaften Reichtums, der in einem Erdraum aufgefunden ward, für sich beschlagnahmt, und die andere Hälfte wird teils deinem Tempel, teils den Ärmsten in Judäa zugeteilt. Om-Sabra, Rochaleth, sowie Stadt- und Landälteste werden mit der Abwicklung betraut. Soweit ist das Urteil auch von Gottes wegen gut. Aber weiter:

Iddo trägt schwerste Fesselung und sollte täglich den weiten Weg ins Thophethtal zum Steinbau gehen. Sechzehn Arbeitsstunden war das Maß, die Wege ungerechnet. Doch dann sagte Usia: ‚Da stirbt er uns zu schnell. Also wird der Weg mit einberechnet. Er bekommt genügend Kost, damit er lang bei Kräften bleibt und lang mein Urteil schmecken kann!‘ Om-Sabra und Abjathar waren gestern in der Burg.

Abjathar zeigte die Gefahr zu großer Härte des Volkes wegen auf. Auch Om-Sabra bat um Milderung. Usia schrie: ‚Ich aberkenne ihm die Zugehörigkeit zum Volk! Ehrlos hat er gehandelt, ehrlos soll er bis zu seinem Tode sein!‘ — Orpa gibt Mutter Phrybe nicht mehr her, sie lebt förmlich wieder auf. Micha ist fleißig und begabt. Wenn meine Zeit zu Ende geht, wird er in Judäa weiter wirken. Gott hat ihn erwählt; nur weiß er es noch nicht.

Abjathar bittet, du sollst mit Usia verhandeln, später, da ist der erste Zorn verraucht.“ „Siehst du den Erfolg?“ Asarja zweifelt. Isa-i entgegnet: „Tut man nur das, was von vornherein Erfolg verspricht, so ist‘s gering getan. Erfolgsgewißheit nimmt den besten Teil des Taglohngroschens weg. Wer fraglos handelt, der vertraut, wie es dem Schöpfer wohlgefällt.

Jeder Fürspruch wird zum kleinen Licht, zur Speise, — Dinge, die die armen Seelen brauchen, vor allem nach dem Leibestod. Wer glaubt das aber noch? O, die Zeiten brechen über diese Welt herein, wo man über diesen Glauben lachen wird — auf Erden — ‚ sonst nirgendwo im ganzen Welten-All. Die Weltlinge werden daher auch das meiste Elend auszuhalten haben. Je mehr sie lachen oder leugnen, je schwerer wird ihr Seelen- und Planetenweg.

Darum keine Frage, ob uns Erfolg beschieden ist! In Gottes Hand steht der Erfolg, sobald wir wenigstens die gute Regung haben. Er verdichtet unsere Hilfe zur Gestalt. Und überlassen wir die Zeit dem Herrn, so fällt der ‚Segen des Erfolges‘ über uns und jene, denen unsre Herzensregung gilt.“

Das Gesagte wurzelt in dem alten Glaubensgut der Väter und durch Mose überbracht. Nur allgemach ist es ein Nebelbild geworden. Asarja überwindet sich: „Ich will es tun.“ Usia wird triumphieren, wenn er stolzlos als Bittender erscheint, obendrein für den Verbrecher. Aber wenn es doch der Seele dient — ? Isa-i war noch ein Kind, als er einst im Tempel für ihn priesterte. Wortlos drückt Asarja des Propheten Hand; und der versteht.

„Eine Frage noch“, hält Asarja die Freunde auf. „Einige Priester wollen das Erlebnis mit ARIEL wieder fraglich machen. Wenn die also nicht mitkommen, wird es besser sein. Ob ich sie allmählich aus dem Tempel bringen soll? Ich könnte sie aufs Land versetzen und dafür Gläubigere holen. Was meint ihr dazu?“

Samathuel sagt sinnend: „Bei uns gibt‘s selten Außenseiter. Mit denen läßt sich leicht verfahren; denn die Übermacht liegt bei den Guten. Auch schämen sie sich, wenn sie abseits stehen. Nun, wenn zuerst auch nur die Scham zur Reue hilft, ist sie doch ein guter Schritt. Ist es ‘mal ein Harter, scheidet er sich selber schnell, oder unser Oberpriester entläßt ihn zur gegebenen Zeit.

Außenseiter dienen zur Erprobung. Es ist ungut, sie einfach zu beseitigen. Man soll suchen, was verloren ist. Es gibt am gleichen Baume Früchte, die rasch und langsam reifen. Ein guter Gärtner läßt das langsam Reifende länger hängen; und erst im späten Herbst wird er das schlecht Gebliebene verwerfen.

Rufe daher; und wer kommt, hat sich durch Gottes Weisheit reifen lassen. Bei den übrigen siehst du später, was zu machen ist. Dann kannst du einige versetzen. Gott kann dir ja Erfolg bescheren. Wird es dich nicht freuen, wenn du welche retten kannst?“ „So sah ich‘s gar nicht an“, gesteht Asarja ohne Zögern ein. „Will Gott mir diese Freude vorbehalten . . .“ Und nach kurzer Pause: „Wie liebe ich euch beide.“ Ein wenig wird er rot. „Auch wir lieben und verehren dich.“ „Kommt nach des Tagwerks Ende“, fügt der Prophet hinzu.

Die Vettern wandeln durch die Tempelhallen. Sie streuen dabei ihren Samen aus. Dann gehen sie zu Assuram und Rochaleth. Bei dem Meister sitzen Barthomas und seine junge Frau. Der Freund erdrückt fast ‚seinen Yps‘. „Laß von ihm was übrig“, fährt Samathuel dazwischen, „du frißt ihn ja mit Haut und Haaren auf!“ „Ah, Yps war auch mein allererster bester Freund!“ „Hm, mit zwei Äpfeln, einem großen und einem kleinen“, ergänzt lachend Isa-i.

„Haha, wenn es um die Äpfel geht!“ schmunzelt Rochaleth. Er ladet sie zum Weintrunk ein. „Aber nur den leichten. Samathuel und ich müssen Abathjar noch helfen; heute wird das Haus sehr voll.“ „Sind meine Mutter, Om-Sabra und Hisrael noch da?“ „Gewiß; Mutter Maphia reist erst nächste Woche, und Om-Sabra hat in einer Angelegenheit noch auf der Burg zu tun.“

Sie trinken einen Becher Wein. „Wir kommen abends hin“, sagt Barthomas, „ihr habt doch zu wenig Zeit, und ich kann Meister Rochaleth bei einem Bau noch etwas helfen.“ „Ist recht.“ Olley bekommt einen brüderlichen Kuß; auch von Samathuel.

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