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Kap 34 – Das beste Schaubrot. Sei Mein priesterlicher Knecht. Irdisches Gericht

Das beste Schaubrot. Sei Mein priesterlicher Knecht. Irdisches Gericht, eingeleitet mit himmlischen Ohrfeigen

34. Kapitel

Im Vorhof stehen lange Tische und in der Halle Männer, Frauen, Kranke, Krüppel, Kinder. So auf einem Haufen, sieht man erst das ganze Elend einer Stadt. Om-Sabra wußte es am besten, wo die Armut haust. Micha bat seinen Freund, die Mutter herzuholen. Absad führte Iddo hinters Licht: „Befehl vom Tempel!“ Die Witwe jammerte, dafür rieb der Krämer sich vergnügt den Bauch. Wenn sie verschwindet, dann — Unterwegs beruhigt Absad Michas Mutter. —

Freudig eilt Asarja auf die Freunde zu. „Alles ist bereit!“ Es riecht nach gutem Fleisch, Brot und süßem Kuchen. Und Krüge stehen da. Asarja heißt die Freunde an der Pforte warten. Er geht mit ein paar Priestern und Om-Sabra zu den Armen, von denen manche furchtsam sind. Michas Mutter führt er selber an die Mitteltafel. Wie vorgesehen, setzen sich die Oberen zwanglos unters Volk. Fast alle Kinder mußte man erst waschen, manchen Kleider geben, denn die meisten hatten nur ein Lendentüchlein um.

Diener tragen auf. Es kostet Mühe, die Armen — Ungutes fürchtend — zum Essen zu bewegen, bis man merkt, was die Glocke schlug. Da wird gegessen, daß Asarja schmunzelt. Er, die Freunde und die Priester gehn von Tisch zu Tisch, reden überall ein gutes Wort, fragen nach der Not und notieren sich‘s geheim.

Abjathar sitzt neben Michas Mutter. Er hat‘s heraus, ihr Leiden auszuhorchen, ohne Iddo zu erwähnen. So gewinnt er ihr Vertrauen, und ihrem Mund entschlüpft der Schmerz. Er sagt nichts von seinem Plan, meint nur freundlich, heute bliebe sie bei einer Frau. Er zeigt dabei auf Orpa.

„Das geht nicht, Herr.“ Sie zittert. „Ich muß für das Versäumte doppelt spinnen.“ „Das bleibt dir geschenkt.“ Micha, zuversichtlich das Gespräch verfolgend, mahnt: „Mutter, hab‘ Vertrauen. Heute rief uns Gott ins Heiligtum. Nun wirf deine Sorgen auf den Herrn, dann sorgt Er auch für dich und mich.“ (1. Pet. 5, 7)

„Ein gutes Wort!“ Isa-i tritt herzu. „Gott läßt dir sagen: Bleibe hier, dein Ungemach hört auf. Glaubst du das?“ Die Witwe streicht sich über ihre Stirn. Sie sieht Isa-i an, da kommt Vertrauen in ihr Herz. „Ich glaube; Gott ist gut.“ Sie deutet auf das Allerheiligste: „Dort einmal knien und beten können, — ach — dachte ich, da hätte mich der Herr schon längst erhört.“

„Phrybe“, erwidert Isa-i, „beten wir im Geist und in der Wahrheit an (Joh. 4, 24), so stehen wir vor Gottes Gnadenstuhl. Seine Wege und Gedanken sind viel höher als die unseren (Jes. 55, 9). Du hast oft gesagt: ‚Herr, morgen hoffe ich auf dich‘, wenn die Tage keine Hilfe brachten. Seit Wochen hast du dir das abgewöhnt; und sieh, nun du dem HERRN die Stunde überläßt, ist schon Seine Hilfe da.“

Im Vorhof ist es still. Man hört zu, was der Prophet mit Michas Mutter spricht. Die fragt verwundert: „Woher weißt du das?“ „Gott hat es mir gesagt, und ER weiß es ja.“ „Gewiß“, gibt sie ernsthaft zu, während ihr Erstaunen wächst. „Es war eine Sünde, daß ich also sprach.“ Sie wischt sich ihre Augen aus.

„Du durftest täglich bitten“, tröstet der Prophet. „Nur kommt es darauf an, ob man Geduld bewahrt. Zehn Jahre trägst du eine schwere Last. Nun wird Gott aus Seinen Zehn Geboten zehnfach Segen senden. Glaubst du das auch?“ „Ich will.“ Müde lehnt sie sich zurück. Ihr Antlitz zeigt Spuren bitterster Entbehrung, allein auch eines Glaubens, der nicht oft in Israel gefunden ward.

Orpa eilt auf die Erschöpfte zu. „Ich bring‘ sie heim; wenn möglich, komme ich zurück.“ Sie hofft auf König ARIEL. Isa-i gibt ihr einen Wink und sie versteht. Das Volk kann die Erscheinung nicht ertragen. Denn wenn der Armut wegen auch berechtigt, steht der Herde doch das Irdische viel näher als Gottes Reich (Joh. 6, 31). Elkana hilft Orpa; und das Selbstverständliche, wie die feinen Frauen sich um das arme Weiblein mühen, bricht eigentlich das letzte Eis: Haß und Verbitterung, die sich gegen alle Oberen allzu tief im Volke eingenistet hatten, — —

Asarja kniet vor der Bundeslade, deren Feuer herrlich strahlt. Er hat den Zeitbegriff verloren. Endlich sagt er laut: „O König ARIEL, Gott der UR-Ewigkeit! Heute lege ich das Hohepriester-Amt in Deine Hand zurück. DU bist der Hochpriester MELCHISEDEK (1. Mo. 14, 18), der Abraham erschienen war. Laß mich Dir dienen als dein Knecht.“ Kein Trug, die Flamme flackert hörbar: „Bleibe um der Erde willen was du bist; werde deinem Herzen nach was du werden willst; — zusammen Mein priesterlicher Knecht!“

„Das ist mehr als Gnade“, haucht der Mensch. „Den Dank lege ich in Deine Flamme.“ Behutsam gibt er den Würdering, eine Kostbarkeit, auf die er bisher stolz gewesen ist, in des Himmels Feuerherd. Unterm Vorhang wendet er sich nochmals dankbar um. —

Jerusalem ist vom ‚Armen-Mahl‘ erfüllt. Daß gute Taten freundlich machen, merkt Asarja, als er früh zur Freien Schule geht. Man jubelt ihm begeistert zu. Ein Schwarm Volks folgt ihm nach. Abjathar hatte Orpa angehalten, erst am Abend herzukommen. Phrybe ist auch krank, und der Sohn weicht nicht von ihrem Bett. Mochte Iddo sehen, wo er mit seinem Laden blieb. Asarja verkündet übervollen Herzens seine nächtliche Erscheinung.

Plötzlich stutzt er: „‘Wo ist Ifra-Gohnora?“ „Nur Ruhe“, lächelt dessen Sohn. „Drei Tage kann eine Seele fern vom Körper sein, dann reißt das Seelenband. Später würde jemand nur durch Wunder auferstehen (Joh. 11, 39). Ein Engel hat meinen Vater heimgeführt. Unser Land braucht ihn noch, ehe ich an seine Stelle trete.“

Asarja atmet auf. „So ist das auch ein Gnadenwunder, weil es in ‘dieser Nacht geschah.“ Abjathar ladet alle Freunde auf den Abend ein. Er klatscht in die Hände: „Auf auf, zu Iddo!“ Zwei Gespanne stehn bereit. Die Wagen rollen ab. Natürlich hat sich Nathan auch mit angehängt. —

Man hört Iddo keifen, ehe man ihn sieht. Da sein Kramhof hinterm Hause liegt, entgeht ihm das kommende Gericht. Man erhascht eine widerliche Szene. Einem Jungen reißt er fast die Ohren aus: „Wenn du nicht gestehst, wo der Dreckkerl ist“, er meint Micha, „sperre ich dich ein! Die Hexe mag zur Hölle fahren! Los“, faucht er, „den Esel an die Karre, du fährst nach Silo auf den Markt. Wehe, bringst du nur ein Stück zurück!“ Er gibt dem Jungen einen Tritt, daß der auf die Erde fällt.

Da klatscht es auf die feisten Backen Iddos, daß der sich wie ein Kreisel dreht. „Au! verflucht! Was fällt dir ein?“ Er denkt, es sei Micha. Als er zur Besinnung kommt, sieht er einen hochgewachsenen Mann vor sich. Beißt ihn der Narr? Der Prophet, der Rechtsgelehrte, Om-Sabra und — meiner Treu — gar der Hohepriester und Joroham stehn im Hof. Sollte es doch wahr gewesen sein, daß die Alte in den Tempel mußte und der Micha hat es ‘rausgekriegt?

Außer den zwei Striemen wird Iddo weiß wie Tünche. Er denkt an Gibea, wo die ‚Bande‘ ihm den Markt verdarb. Das ihr anzukreiden, hat er nie vergessen. So — heute paßt es ja. Er brüllt den Schläger an: „Deinen Namen; ich bringe dich vor König Usia!“ „Komm‘ gleich mit“, lockt Samathuel. „Vor Judas König rechtfertigst du dich wegen Mißhandlungen eines Kindes.“

„Stell‘ dich bloß nicht wegen dieses Lümmels an, den ich von der Gasse aufgelesen habe!“ Asarja sagt zu Samathuel verwundert: „Ich hätte nie gedacht, daß du Kulturmensch schlagen kannst. Deine Hand ist echt“, zeigt er auf die Male. „Ich schlug noch nie; jetzt auf Geheiß.“ Isa-i hob den Jungen auf und fragt: „Bist du ein Waisenkind?“ „Nein; aber still, ich darfs nicht sagen.“ „Was?“ „Nichts!“

Abjathar, dessen Blick nichts Gutes ahnen läßt, sagt kurz: „Ich habe einiges mit dir zu reden, Iddo.“ „Meinetwegen rede mal die Wände an.“ Der Krämer will ins Haus. Rasch wird er umringt. „Gut, reden wir die Wände an“, sagt der Richter kalt, „die tragen deine Schande aus! Machen wir es also gleich im Hofe ab.“

Leute spitzen um die Ecke. „Ich will das Lager schließen“, weicht Iddo aus in der Hoffnung, zu entrinnen. „Das ist schon zu“, ruft der Knabe. Ah, den Dämel schlägt er tot. „Junge, hole Stühle“, gebietet Joroham, „es wird Gericht gehalten.“ „Ins Haus!“ Quittengelb wird Iddo. „Wer redet von Gericht? Das hält König Usia.“ „Heute hält der HERR Gericht“, sagt Isa-i, „dein Sündenmaß ist voll! Kein fußbreit wegs, in dem nicht Niedertracht verzeichnet steht.“

„Ach ein Prophet!“ grinst Iddo frech. „Hör mir bloß auf mit einem Gott!“ Die Nachbarn drängeln sich ins Haus. Asarja sagt: „Du hast Gott gelästert. Das wird schwer bestraft.“ Priestermilde jetzt zu zeigen, wäre ganz verfehlt. „Kommen wir zur Sache.“ Abjathar breitet seine Rollen und Samathuel ein Schreibzeug aus. Verwirrt sieht der Krämer zu, wie flink die Hand des Schlägers schreibt. Ob die Vettel bei dem Richter war? Pah, er hat eine Rolle, gegen die kann keiner an; und einen Trumpf, da wird der Templer ihn belohnen statt zu drohen. Sollen sie beginnen. Abjathar fragt:

„Bei dir wohnt eine Witwe namens Phrybe, deren Mann, der Teppichweber Serebal, vor zehn Jahren starb. Beide haben aus später Ehe einen Sohn namens Micha. Phrybe spinnt bei dir und Micha verkauft deinen Kram. Stimmt das?“ „Du wolltest mit den Wänden reden“, höhnt der Händler, „sieh zu, ob sie Antwort geben können.“

Da drängt sich aus den Gaffern ein Mann. Er hat viel gesehen, was ihm das Blut zu Herzen trieb. Nur dagegen anzugehen bedeutete, sich selbst den Strick zu seilern. Nun scheint zweifelsfrei, daß Iddos letzte Stunde schlägt. „Die Wände reden“, sagt der Hagere. „Was bei dir geschieht, weiß man rundum auf den Märkten.“

Iddo sieht ihn blutunterlaufenen Auges an: „Du — ? Einmal treffen wir uns in der Schlucht!“ (Mach‘ dein Testament) Der Richter fragt den Mann nach seinem Namen und ob jemand zeugen will. Ein anderer schiebt sich mit seinem Weibe vor. Abjathar sagt, sie stünden unter königlichem Schutz. Iddo fährt zusammen. Fängt der landbekannte Rechtsgelehrte mit der Formel an, hat es immer einen Haken, dann — Schweiß bricht ihm aus allen Poren aus.

„Iddo, beantworte meine Frage.“ Schweigen. Chaphas, der Hagere, sagt: „Die Witwe spinnt seit vielen Jahren täglich sechzehn Stünden und Micha muß zum Markt. Oft muß er die Karre selber ziehen, weil Iddo keinen Esel gibt.“ Samathuel liest das Gesagte vor. Er wird als Zauberer bestaunt; denn wer hat jemals also schreiben können? Die Leute quetschen sich herein. Nathan drückt sie freundlich an die Tür zurück. „Stimmt der Text?“ Iddo schweigt.

Abjathar blättert seine Rolle um: „Die Witwe erbte ein Haus nebst Garten und ein kleines Weingelände, das im Tale Hinnom am Weg zum Brunnen Rogel liegt. Iddo, wer ist der Besitzer?“ „Frag‘ die Wände!“ „Damals“, fällt Chaphas ein, „nach dem Tode Serebals, kam die Witwe und ihr Sohn mit einem kleinen Packen weinend zu dem Krämer. Seither erntet Iddo, hält sich auch öfter in dem Grundstück auf, das er gegen hohen Zins verpachtet hat.“

Samathuel liest wieder vor. Mancher stiehlt sich ängstlich fort; doch zumeist belustigt es, daß es dem Dicken an den Kragen geht. „Wo wohnen Phrybe und ihr Sohn?“ „Wohnen?“ Die Zeugin hebt erbost die Faust. „Drüben bei den Eseln! Ich gab Phrybe öfter Brot, es wurde ihnen kärglich zugemessen. Sie muß viel im Freien spinnen, auch wenn von Siloa der harte Herbstwind pfeift.“

An Abjathars Schläfen gehn die Adern auf. Das hatte Phrybe nicht erzählt. „Auf welche Weise kamst du in den Erbbesitz? Du weißt, das muß gesiegelt sein. Erbraub wird auf meine Veranlassung jetzt hart bestraft, um Witwen- oder Waisenrecht zu wahren. Also her mit einer Rolle, wenn du eine hast!“

Iddo‘s Mund klappt schief nach unten. Er sucht in seiner Lade und breitet bald die Rolle aus. Derentwegen ist er unbesorgt, die hat ein öffentlicher Richter ausgestellt. Sie besagt, daß Serebal während dreier schlechter Jahre bei ihm borgte. Die Leihe deckt sich mit dem Werte des Besitzes, der korrekt bemessen ist. Man studiert die Rolle sehr gewissenhaft.

„Sie ist echt“, sagt Abjathar. Iddo triumphiert: „Was wollt ihr Thopheiten (Z. 7) also? Es war gut, daß ich die Schuldner zu mir nahm.“ „Phrybe ist keine Schuldnerin; der Rolle nach hast du das Deine ordentlich erhalten.“ „Nun ja“, murrt der Krämer, „doch wohin mit ihnen?“ „War das Gebäude leer, als es dir überschrieben ward?“ Iddo baut sich eine Falle: „Nein, das war eingerichtet.“ „Es ist nichts davon vermerkt. Demnach wären alle Sachen Phrybes Eigentum. Wieso kamen sie mit einem kleinen Bündel bei dir an?“

„Das galt den Zinsen.“ „Du machst mir das Recht nicht krumm! Die Zinsen sind berechnet. Du hast die Witwe und ihr Kind bestohlen, zunächst um den beweglichen Besitz. Hoherpriester“, wendet er sich diesem förmlich zu, „manches Erbe wird vom Tempel aus betreut und ausgeschrieben. Laß das ‚Recht‘ den Töpfer hören.“

„Es gibt geschriebene und ungeschriebene Gesetze.“ Asarja redet auch formell. „Nach Ersterem wird das Erbe festgelegt, Schulden abgegolten, wenn es welche gab, der Rest verwahrt oder ausgehändigt, wer den Tempelschutz verläßt. Das ungeschriebene Gesetz: Ist ein geringeres Erbe da, wird gerechnet, daß immer etwas übrig bleibt.“ Er zieht Iddo einen faulen Zahn:

„Krämer, deine Unmenschlichkeit kommt vor den Herrn! Diesmal kennt Er keine Gnade! Sechzehn Stunden jeden Tag und das für karge Kost und einen Stall, das ist GOTT gelästert! Ich beantrage, daß du bis zum Tod im Steinbau Thopheth Steine haun und schleppen sollst. Dort gibt es böse Seelen; die lehren es dich Nacht für Nacht, was das heißt, als Menschenbestie arme Menschen fressen!“

Iddo kann nicht fahler werden, als er ist. Das Thophethtal im Hinnom ist berüchtigt. Gesindel und Verbrecher hausen dort. Auch ist erwiesen, daß man geisterhaftes Schreien hört. Er rafft die letzte Kraft zusammen: „Staune, Hoherpriester, wenn ich melde, was deinem Tempel großen Schaden bringen kann.“ „Da bin ich gespannt!“ Asarja legt die Hände auf den Tisch.

Iddo berichtet weitschweifig, er ging gestern am Ophel lang — er wollte nach Bethphage — und sah einen über die Tempelmauer klettern. Von der Tollkühnheit zu schweigen, hätte er erkannt, daß dort durch Verrat Feinde in die Stadt zu bringen seien, ohne daß die Mauern fielen. „Ha, ich vermute stark“, gröhlt er, „daß es Micha war, für dessen Mutter sich der Richter in den Sattel setzt.“ Iddo legt‘s zu seinen Gunsten aus. Doch Abjathar fährt unerbittlich fort:

„Die Tempelsache verhandeln wir zum Schluß, weil . . .“ „. . . dir die Puste ausgegangen ist?“ Der Krämer sieht sich schon auf Oberwasser schwimmen. „Halte dein Gericht gerecht! Man verhandelt erst Entlastendes. Als Richter solltest du das wissen.“ „Du weißt mehr als ich; nur gibt‘s nichts zu entlasten.“ „Wieso? Was ich von Micha meldete und meine Rolle, die du als echt bezeichnet hast, stehen ganz zu meinem Recht. Willst du die Nebensache mit dem Eselstalle rügen, nun — ich mache gern der Witwe eine Kammer frei.“ „Wenn beide wiederkommen!“ bemerkt Joroham sarkastisch.

„Warum nicht?“ „GOTT hält sie zurück!“ Isa-i sagt es ernst. „Dein Gedanke steht dir deutlich auf der Stirn geschrieben.“ „Daß ich nicht lache!“ bellt Iddo los. „Ein Prophet hat hier nichts zu suchen.“ „Ob er etwas hier zu suchen hat, bestimme ich“, Abjathar pocht auf den Tisch. „Er, der Hohepriester, der fremde Priester“, — die Gaffer recken ihre Hälse — ‚ „stehn an Gottes Statt; der Volksratführer, der Gelehrte Joroham und ich an Stelle unseres Königs. Schreibe dir das hinter deine dicken Ohren! —

Nun fackele ich nicht; denke nicht, daß du uns müde machst. Deine Rolle ist gefälscht!“ Die Nachbarn schreien wild dazwischen. Nathan mahnt: „Still, Leute, unterbrecht die Verhandlung nicht, sonst müßt ihr alle auf den Hof.“ Sofort ist es still, man will sich nichts entgehen lassen. Iddo sackt zusammen; er braucht Minuten, bis er sich erholt. Plötzlich sagt er kalt:

„Die Rolle schrieb ein ordentlicher Richter, was die Siegelung beweist. Auch gibt es ein Gesetz, wonach zwei Richter sich öffentlich nicht widersprechen dürfen. Bei dir hört ja die Gasse zu. Ah — das bindet dich!“ Abjathar läßt dem Hämling wenig Zeit, seine Freude auszukosten. Es prasselt auf den Übeltäter nieder:

„Mit der Königsatzung hast du recht; nur ist kein zweiter Richter da, mit dem ich streiten könnte. Wichtiger ist, daß das Gesetz nur für Judäa gilt. Usia kann nicht über babylonisches, nicht mal über israelisches Recht verfügen, wie wenig Jerobeam über Juden richten darf, Das siehst du ein, nicht wahr?“

„Für Babylon gewiß.“ Iddos Lippen zittern. „Doch für unsere zwölf Stämme gilt das einheitliche Grundgesetz von Sinai.“ „Ach sieh mal an!“ Joroham tippt ihn an die Stirn. „Bist du irre, weil du dich auf Gott berufst? Mache dich nicht lächerlich!“

„Die heiligen Gebote“, fügt Asarja ernst hinzu, „sind für alle Welt gegeben. Hier handelt es sich aber um ein öffentliches Recht.“ Der Richter gönnt dem Gauner keine Atempause mehr und sagt gleich weiter: „Mit der ‚echten‘ Rolle, schlauer Fuchs, hast du dich ins Fleisch geschnitten.“ Er höhnt absichtlich. „Der Richter, der sie schrieb, wohnt in Jesreel, ist ein Israelischer, das heißt, einer, der dort amtet. Und dieser kann unmöglich über Erbe, Grund und Land verhandeln, das in Judäa liegt, wie wenig ich in Israel, es sei denn, ich würde von Jerobeam dazu bestellt.

Du mußtest den Jesreeler von König Usia bestellen lassen, und das Siegel wäre dann judäisch.“ „Du sagtest“, fällt der Krämer ein und klammert sich am Stuhle fest, „die Rolle wäre echt. Das ist nicht zu widerrufen.“ „Was ich widerrufe, ist meine Angelegenheit! Im übrigen war nur die Eselshaut gemeint, auf der das Unrecht eselsmäßig aufgezeichnet steht. Denn höre!

Mich wundert eines: Das Darlehn samt den Zinsen macht genau den Wert des ganzen Erbes aus. Sag, Iddo, wie hast du denn das ‘rausgekriegt, daß fünf Jahre vor des Teppichwebers Tod er drei schwere Jahre haben wird und hernach nur zwei Jahre lebt? Denn die Zinsen laufen auf fünf Jahre, die Zeit vom angeblichen Borg des Geldes bis zu des Schuldners Tod. Alle Achtung!

Oberpriester Samathuel, du hast eine große Schau. Hättest du das auch im voraus sehen können?“ „Nein! da sich bei Betrügereien jede klare Sicht verschließt.“ „Und du, Prophet des Herrn, was hättest du an Iddos Statt gesehen?“ „Die Hölle!“ Isa-i möchte priestern, aber hier ist weder Ort noch Zeit dazu. Trotzdem hält er innerlich die Hände für die arme Seele auf.

„Die hätte ich auch ohne Schau gesehen“, sagt Om-Sabra, „rein vom Verstand und vom Gewissen her. Für den da kenn‘ ich kein Erbarmen! Mein Strafmaß läge fest!“ Iddo schrumpft in sich zusammen. Noch erhofft er Rettung. Zum Überlegen gibt Abjathar ihm keine Zeit. Hat einer ausgesprochen, spricht er gleich weiter.

„Fünf Jahre vor dem Tode Serebals sind Erbertrag samt Zinsen bis zum Scherf (Z. 8 ) errechnet. Ich kenne jenen Richter. In Jesreel blüht das Rechtsgewerbe wie zu Ahabs böser Zeit (1. Kön. 21). Ausgerechnet hast du den Sidonier gewählt? O schau, wie klug! Du hast die weite Reise nicht gescheut, obwohl es hierzuland genügend Richter gibt; hättest ja nicht mich zu wählen brauchen.“

„Der Letzte wärest du gewesen, den ich mir genommen hätte!“ faucht Iddo wütend. „Weil ich jedes Unrecht sühne, sobald mir‘s ruchbar wird. Mir wurde diese Sache erst gestern zugetragen, und heute bin ich schon bei dir.“

Rufe werden laut: „Abjathar! Gerechter Richter! Heil!“ Er winkt den Leuten gütig ab. „Du hast die Jesreeler Reise dich viel kosten lassen. Leicht zu schätzen, der Sidonier hat fünfzig Goldgulden kassiert, nach dem Wertmaß einer Danke (Z. 9). Das ist etwa der Ertrag eines Jahres aus dem Erbgrundstück. Ich lasse es vom königlichen Kämmerer noch überprüfen.

Du hast in zehn Jahren fünfhundert Goldgulden eingenommen.“ „Und die Ausgaben?“ braust Iddo dumm dazwischen. „Die hattest du dem Pächter aufgehalst. Zudem gehen sie zu deiner Last um des Betruges willen. Schreibe dir das wieder hinter deine dicken Ohren! Berechnen wir den Zins als Zehnt, wie du berechnet hast, so steigert sich die Summe auf fünfhundertfünfzig Danke.“

„Wo nehme ich solch unerhörte Summe her?“ kreischt Iddo. „Aus dem Erbraub und den Diebereien“, erwidert Abjathar eiskalt. „Ah, du gibst ja mit der Frage dein Verbrechen zu! Nun mache deine Zähne auf; je eher du gestehst, um so günstiger ein Urteil.“ „Für den da nicht!“ tobt die Menge. „Ruhe!“ gebietet Nathan, „sonst müßt ihr alle auf den Hof.“

Iddo geifert: „Es ist gemein von dir; du richtest öffentlich in meinem Haus. Hast wohl die Gaffer extra herbestellt?“ „Frage deine Wände! Die Hauptschuld ist errechnet. Für die Einrichtung will ich bloß fünfzig sagen. Doch die Teppiche, Baumbestand, zwei Pferde, zwei Esel, drei Karren und was sonst zum Hof gehört, schätze ich gering auf hundert. Insgesamt kommt damit eine Schuld von siebenhundert Danke zusammen, die du binnen einem halben Jahr an die Erben, Frau und Sohn, abzuzahlen hast. Verstanden?“

Die Leute werden aufgeregt. Sie kennen solche Summen nicht. Doch daß Iddos Reichtum in den Kidron fällt, ist sicher. Zwei gelüstet es, von den märchenhaften Schätzen etwas zu ergattern, machen sich davon, um in das Lager einzudringen. Der Prophet folgt ihnen nach. „Was tut ihr hier?“ „Wir wollten sehen . . . “ Isa-is Blick läßt sie verstummen. „Hütet euch!“ sagt er streng. „Drinnen wird über einen Dieb Gericht gehalten, und ihr, eben noch gegen ihn gehetzt, wollt die Witwe abermals bestehlen?“

„Die Witwe nicht“, sagt einer stotternd. „Es war auf Iddo abgezielt.“ „Ich verstehe euern Haß; aber GOTT will nicht, daß wir uns hassen. Soll ich euch zum Richter führen?“ „Nein!“ Vor diesem hat man eine Heidenangst. „Prophet, wir wollen es nicht wieder tun; es war . . .“ „. . . die Versuchung! Ich weiß. Darum bin ich nachgegangen, um euch vor dem Unrecht zu bewahren.“

„Vergib!“ „Gott vergibt! Böse Gedanken sind der Keim der Sünden. Wer sie vertreibt, hat schon die Sünden überwunden; und Gott ist gnädig, daß Er das vergibt. Wer aber die Gedanken nicht bekämpft, hat eigentlich bereits gesündigt. Die Gedanken sieht der Herr.“ „Du sahst sie auch, sonst wärest du uns nicht, gefolgt. Wenn Iddo ins Gefängnis kommt“, erbieten sich die zwei, „so helfen wir das Haus bewahren.“ „Recht so; Chaphas und das Ehepaar werden als Betreuer eingesetzt, bis König Usia das Urteil fällt.“

Abjathar hat Iddo jeden Halt genommen. „Töpfer, dein Krug ist hin! Die Rolle ist angeblich fünf Jahre vor dem Tode Serebals in Jesreel geschrieben worden. Weißt du aber, was besonders daran fehlt?“ Dem Dicken dreht sich alles um und um. „Höre! Hätte Serebal die Summe sich geliehen, wozu ihn nicht einmal ein großer Notstand treiben brauchte, er wäre mehr als eselsdumm gewesen, den Gesamtgrund zu belasten. Zudem war er fleißig und geschickt.

Doch hätte er den Borg gemacht, dann mußte er die Rolle auch mit unterzeichnen. Sein Name fehlt. Nicht mal an Fälschung hast du vor lauter Gier gedacht, und der Sidonier hat dazu gegrinst. Ja: Nichts ist so fein gesponnen, was nicht GOTT an Seine Sonne bringt! Wie kam es denn, daß Serebal nicht unterschrieben hat?“ „Er war vor lauter Sorge krank“, lügt Iddo ganz verzweifelt.

„Dein Loch ist zu! Nicht einmal zehn Jahre Arbeitsleistung der Bestohlenen habe ich berechnet. Das Grundstück gehört den Erben Serebals.“ „Das muß ich verkaufen“, ächzt Iddo, „wie soll ich sonst die Schuld bezahlen? Sage wenigsten hebräische Gulden; persische Danke sind schwer herbeizuschaffen.“

„Du hast zum zweiten Male dein Verbrechen eingestanden. Wer ist Zeuge?“ Alle heben ihre Hand. Iddos Blick verschleiert sich; wenn er sich verkriechen könnte oder sterben —— Nein, nicht der Tod! Er brüllt vor Angst und preßt die Fäuste ins Gesicht. Ah, der Richter hat das Eingeständnis ihm entlockt, ehe er es sich versah. Nochmals rafft er sich zusammen, aber seine Worte klingen hohl:

„Du hast mich erpreßt. Ich reise zu dem Richter . . .“ ohne Hab und Gut“, fällt Abjathar trocken ein, „ . . . und bitte ihn, mich vor Usia zu vertreten“, windet Iddo sich heraus. „Ein Strohkopf ersten Ranges wäre er, wenn er käme“, lacht Om-Sabra. „Der fragt nicht, wie du aus der Patsche kommst.“ „Oder nicht!“ ergänzt Asarja. „Töpfer, du hast mit dem Verstand gerechnet, doch die Vernunft mit einem Strick erhängt, hast Recht und Würde totgeschlagen. Wundere dich nicht, wenn dich der Allmächtige jetzt schlägt.“

Iddo greift nach einem Halm: „Ich gab nur als Beispiel an, mußte ich den . . .“ „Bleibe uns mit deinen Lügen fern; nun bist du nicht mal schlau!“ sagt Samathuel und liest ihm sein Geständnis vor. Das Gericht und viele Zeugen unterschreiben es, Abjathar legt die Rolle Iddo hin. „Nein!“ Die Augen quellen ihm heraus, er zittert. „Ich unterschreibe nichts!“

„Du bist so hartgesotten, mich ekelt es, daß du zu unserm Volk gehörst!“ Abjathar will das Gericht beenden. Da steht Isa-i vor dem Tisch: „Rechtsgelehrter, höre noch, was an dieser Stelle weiter zu verhandeln ist. Wie die Witwe Phrybe, die Witwe Hattib, so hat der Krämer jahrelang auch andere erpreßt.

Der Knabe“, zieht er den sich heftig Sträubenden hervor, „heißt ‚Kinderraub‘!“ „Wie meinst du das?“ fragt Abjathar. „Benjamin fällt unter Kinderraub.“ „Hat der Töpfer . . . “ Asarja stockt das Blut. Wohl werden auf den Heidenmärkten Sklaven angeboten und gekauft; allein in Israel kommt es höchst selten vor. Man sieht es als Verbrechen an, wenn es sich um reine Volksgenossen handelt. Er fragt daher, ob Benjamin zum Volk gehört.

„Ja“, bestätigt Isa-i in Schau. Der Knabe, angsterfüllt — zuviel Bitteres liegt hinter ihm — ‚ schiebt seine kleine hartgerissene Hand in die des Propheten. Iddo wagt er nicht anzusehen. Isa-i hält ihn fest: „Lieber Ben, ich werde nun von dir erzählen.“ Die Menge, die sich immer mehr vergrößert hat, lauscht gespannt.

„Du stammst aus dem kleinen Flecken Syffit nahe Japho. Kannst du dich besinnen?“ „Ja, Herr, vor fünf Jahren kam ich fort.“ „Also damals siebenjährig, da kann er sich besinnen“, meint Abjathar. Iddo will unterbrechen. Samathuel ruft: „Halt‘ dein Nattermaul, sonst gibt der Himmel wieder den Befehl, der für dich sehr schmerzlich ist!“ Dem Krämer tuen noch die Wangen weh; er schweigt. Könnten aber Blicke töten — —

„Die Bestätigung holen wir in Syffit ein“, sagt der Prophet. „Dein Vater ist ein Fischer, ihr wohnt nicht weit ab vom Meer. Du hast drei Geschwister und warst das jüngste Kind.“ „O Herr“, fragt Ben verwundert, „woher weißt du das?“ „Die Frage zeigt, daß die Sache stimmt!“ ruft es aus der Menge. „Nicht dazwischen reden!“ mahnt der Richter. „Wer was melden will, tritt vor.“

Isa-i sagt weiter: „Woher ich dieses weiß, kannst du noch nicht verstehen, Benjamin. Aber eine Frage: Willst du wieder heim?“ Die Bubenhände krampfen sich zusammen, ein hemmungsloses Schluchzen, so erschütternd, daß bei manchen auch das Auge tropft. „Ich bin zweimal geflüchtet, jedesmal holte er mich ein und . . . und . .,“ schlug dich und hängte dich, fast ohne Speise, tagelang in seinem Keller an. Ja?“ Ben nickt.

Om-Sabra, mitunter mit den Fäusten drohend, immer aber ruhig und bedacht, hat seinen Gürtel losgeschnallt und stürzt auf Iddo, der mit gellendem Geschrei in einen Winkel flieht. Samathuel wirft sich dazwischen: „Tu es nicht, Volksratführer!“ Und Joroham, selber kaum den Zorn bemeisternd, wehrt auch: „Mein Gürtel wäre mir zu sauber, als mit ihm den Schuft zu schlagen!“

„Ihr habt recht.“ Om-Sabra sucht nach einem Halt, ihm rast das Herz. Nathan wird der Menge kaum noch Herr. Schon fliegen Steine durch den Raum. Isa-i berichtet: „Ben war auf dem Weg, den Vater abzuholen. Das tat er oft. Da kam ein Fischer, wie man sie an ihrer Tracht erkennt und sagte zu dem kleinen Jungen roh: ‚Dein Vater ist ertrunken.‘ Ihm war egal, was das Kind empfinden mußte. ‚Ich bringe dich zu ihm‘, sagte er. Ben wußte nicht, wie ihm geschah. Ein Kind von sieben Jahren — —

Ben fragte weinend, ob sie bald zum Vater kämen. Der Fischer — Iddo hatte sich verkleidet — schlug einfach zu. Er machte große Bogen, um dem Kind die Richtung zu nehmen“, geht der Prophet der Schauung nach. „Erst nach Tagen kam er in dem Kramhof an, hatte unterwegs dem Jungen eingebleut, sein Vater sei ertrunken und die Mutter durch den Schreck gestorben.

Er könne ihm, dem Iddo, nie genugsam danken, daß er ihn gerettet habe, denn seine drei Geschwister wären schon bei Heiden arme Sklaven. Fortgesetzte Grausamkeiten haben Ben den Mund verschlossen. Micha hat ihn stets verteidigt; nur mußte er das selber büßen, Sage uns, Benjamin, stimmt das so?“

„Ja, Herr.“ Ben zittert, „Nimm mich mit, du bist gut, das fühle ich. Lieber bin ich bei dir Sklave, als . . .“ „Aber Kind“, beruhigt der Prophet, „deine Eltern leben und du wirst heimgebracht.“ Allen zugewendet, sagte er: „Auch der Karrenknecht ist geraubt. Ist er zwar ein Parther, so ist er Mensch. Fünfzehn belasten Iddo, darunter sieben Kinder. Das muß vor König Usia verhandelt werden. Nun bitte ich dich, Hoherpriester, rühre das Gewissen des Verbrechers an, ob er seine Schuld bekennen will. Denn GOTT hat Sich von ihm gewendet und will ihn nicht einmal mehr richten!“

Momentlang verliert Iddo die Besinnung, und die Leute rufen: „Weh, wem solches Wort geschieht!“ O, das ist ein Gottesurteil (1. Kön. 18) wie auf Karmel. Denn wo sonst keiner mehr entschuldigt, hebt der Sohn der Sikha, die so herrlich priestern konnte, zehn Finger hoch als Symbol von Gottes Zehn Geboten, und wie danach zu retten, zu vergeben sei. Allerdings — der HIMMEL stößt den Verbrecher in den Höllenschlund.

Asarja, absichtlich seine Worte mildernd, sagt: „Iddo, willst du deine Schuld bekennen, so will ich selbst ein ganzes Jahr lang täglich für dich beten. Nimmst du das Urteil an, das dir wird, in Erkenntnis deiner Schuld und in wahrer Reue, so erhört vielleicht der Herr mein Flehn und wird dir Frieden senden, ehe dich der Tod ereilt (Luk. 23,43).

Weißt du denn nicht: Gott sieht in das Verborgene und vergilt es öffentlich, es sei böse oder gut (Pred. 12, 14)?! Kam dir niemals in den Sinn: Was ich nicht selber leiden will, darf ich auch keinem andern tun? Rede“, dringt er auf den Krämer ein, der wie tot auf seinem Stuhle hockt, „so bis ins Letzte kannst du nicht verworfen sein, um nicht deine Sünden zu bekennen.“

Om-Sabra zankt: „Ich sah viel auf dieser armen Welt: Haß, Not, Rache, Bosheit und Verbrechen; aber das“, zeigt er auf den Stummen, „nein — das noch nicht!“ „Ich auch noch nie“, gesteht der Richter ein, „und was habe ich in vielen Jahren öffentlicher Arbeit schon erlebt! Hier ist das Gute voll verdorben.“

Samathuel sagt sanft: „Bedenkt, daß er jetzt nicht reden kann. Wie leer sein Herz, so leer das Hirn. Er weiß nimmer ein und aus.“ Joroham schüttelt leise seinen Kopf. König ARIEL, wie Er wunderbar erschienen war, könnte sagen, ob dem Bösen solch Erbarmen gelten darf. Es geht über menschliches Vermögen.

Isa-i sieht Asarja hellen Blickes an, was diesen trotz Bedrückung freudig stimmt. Abjathar beendet das Gericht. Er setzt Chaphas und das Ehepaar als Hausverwalter ein und gebietet, der Knecht solle baldigst zu ihm kommen. Ein letztes Mal mahnt er den des Unrechts Überführten:

„Iddo, schreibe doch; die Königsbüttel reden mit der Geißel.“ Ein schwerer Kampf. Mit Mühe setzt der Krämer seinen Namen unter seine Schuld. Und wankt hinaus. Om-Sabra, Nathan und zwei Männer nehmen den Verbrecher in die Mitte. Man hat ihn nicht gefesselt; Abjathar hat niemals einem Menschen Stricke angelegt. In kurzer Zeit sind sie in der Burg. In ein paar Tagen wird Usia die Verhandlung hören und das Urteil sprechen.

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