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Ruth 15 – Besondere Ansicht eines Heiden. Das Paradies im Herzen. Boas ist …

Besondere Ansicht eines Heiden. Das Paradies im Herzen. Boas ist bedrückt. Die Grotte Melchisedek

15. Kapitel

Ein Jahr später. Die Menschen atmen auf, allgemein. Man erkennt den Landesfürsten an, obgleich manch Widerwärtigkeit zu überwinden ist. Einmütig, wie seltenst, stehen Älteste und Fürsten hinter der Regierung. Der eine Außenseiter, Fürst von Benjamin, hat sich ganz zurückgezogen, grollend und versuchend, Steine auf den guten Gang zu werfen. Eines Morgens hängt in Michmas an dem Kaufhaus Isremias ein Plakat: ‚Kauft hier nicht bei ihm, er ist ein Betrüger, er war damals auch mit ausgerissen.‘

Der Kaufhausleiter hängt einen zweiten Zettel hin: ‚Der Fuchs wohnt im weißen Hause auf der Höhe.‘ Als daß die Leute lesen, lachen sie und einer schreibt dazu: ‚Wir kennen ihn! Die von Michmas.‘ Mehrere Tage läßt der Leiter alles hängen. Nachts stellt er Posten auf. Wirklich kommt der Benjaminite angeschlichen, um die Zettel abzureißen. Als er, zwei Teile in der Hand, sich wenden will, fassen harte Hände zu.

„Was tust du hier? Bist du ein Dieb?“ Der so Überraschte wehrt sich heftig, was ihm allerdings nichts nützt. Der Hüter lärmt und weckt dadurch den Leiter, der gleich mit drei Helfern kommt. „Was ist hier los?“ fragt er absichtlich. Er hatte sich‘s gedacht, der Fürst würde selber seinen Schund zerstören wollen. „Ah, der Fürst! Wie kommst denn du dazu, ein angesehener Mann im Volke, nachts herum zu schleichen und . ..“

„Ich dulde nicht“, braust jener auf, „daß man mich verhöhnt. Wer weiß, ob nicht ihr selber diesen Wisch geschrieben habt, um mich schlecht zu machen!“ „So?“ Der Leiter hat die Zettel aufgehoben und sagt scheinbar freundlich: „Komme mit herein, es tut nicht Not, daß jemand dich vor unserer Türe sieht.“ Mit Gewalt wird der Fürst ins Haus geschoben.

Im Kontor, wo die Knechte an der Türe harren, legt der Leiter die drei Zettel auf den Tisch und bedeutet: „Die Schriftzüge sind verschieden, von einer schweren Hand das Letzte, das sicher einer da vom Ort zustande brachte. Die zweite Schrift, zugegeben, stammt von mir. Doch die erste — ? Was meinst du, Fürst, wer die an unser Haus geheftet hat? Ich melde es dem Landesfürsten, der es wissen wird, wem die erste Hand gehört.“

„Denkst du, ich gäbe zu, daß ich es war?“ „Damit hast du dich zum zweiten Mal verraten.“ Mit jähem Griff will der Fürst die Zettel an sich reißen. „Das dritte Eingeständnis“, wird er verhöhnt. „Meine Knechte zeugen, was sich zugetragen hat. Jetzt kannst du gehen, ein Mann mag dich begleiten, wenn du willst, damit du in der Nacht nicht angefallen wirst.“

Ein unsicheres Gelächter: „Niemand wird mehr überfallen, dafür hat . . .“ „. . . der Landesfürst gesorgt, dem du in den Rücken fällst. Nun, eine Fliege schadet einem Elefanten nichts!“ Der Fürst eilt fort, in ohnmächtigem Grimm. Den Knechten befiehlt der Leiter, das Ganze zu verschweigen. „So ist‘s im Sinne unseres Herrn. Wird die Sache breitgetreten, wer weiß, was folgt.“

Am andern Tag kommt Isremia, um Weiteres anzuordnen, die Bücher einzusehen und manches Lob wird ausgeteilt. Als er die Sache hört, lacht er heiter. Nur in Bethlehem berichtet er davon. Seine Frau und Ruth lachen auch, Boas verzieht den Mund und Hanea meint, der Leiter hätte brav gehandelt. Wieder einmal mit dem ‚weiten Blick‘ sagt Naemi:

„Er geht am Ziel vorbei, das er sich gesteckt; ein ‚anderes Ziel‘ kommt über ihn.“ Ruth fragt: „Wie meinst du das, Mutter? Denkst du, er könne sterben?“ „Nein, nicht gleich. Er hat viel auf sich geladen, zumal mit Beraba gemeinsam und jetzt in diesem hohen Friedensjahr, für das wir Gott, dem Höchsten, nicht genügend danken können. Der Herr wird ihm die Hände binden, ich weiß es nicht, ich sehe nur viel grauen Sand.“

Vorausgesagt: Der Fürst erkrankt, die Füße und die Hände werden lahm, auch die Zunge will nicht recht gehorchen. Pereztha geht zu ihm und Isremia holt aus Griechenland den besten Arzt herbei, der zwar nicht helfen, aber doch Erleichterungen schaffen kann. Zwei Wochen wehrt der Kranke ab, er will keine Hilfe von den Feinden, wie er die guten Helfer nennt.

Man erwartet keinen Dank. „Es gibt Menschen“, sagt Pereztha zu den Freunden, „die sich nie bezähmen, nicht überwinden können. Es sind arme Leute, man muß sie eben . . .“ „. . . Gott mit innigen Gebeten übergeben“, vollendet Anacarias, der mit ein paar Fürsten bei Naemi weilt. Isremia, Heleana, Ruth und Boas sind dabei. Ruth, die Jüngste unter allen — im Freundeskreis stehn die Frauen nicht zurück wie allgemein — ‚ sagt versonnen:

„Solches hat mein Vater auch gelehrt, nicht so tief wie hier im Glauben an den einen Gott; immerhin — er sagte oft: ‚Wenn man einem Bösen ebenso begegnet, kommt nur weiteres Böses an das Tageslicht. Was hat man dann davon?‘ Vater meinte es zum eigenen Schutz, nicht so, wie es mich Naemi lehrte: die Feinde lieben, Ungutes nie mit Gleichem zu vergelten. Das allein befriedigt unser Herz, das bindet uns an Gott.“

Anacarias legt ihr seine Hände auf. „Du bist ein gutes Kind und dein Vater hatte recht. Man darf, wenn man bei Feindlichen auch an sich selber denkt, ihnen notfalls aus dem Wege gehn. Das Bessere, Höhere ist jedoch: Im Sinne unseres Glaubens, richtiger: wie GOTT es lehrt, die Feindesliebe zu betätigen. Wer das tut, verfehlt des guten Weges nicht!“

Ruth umarmt Naemi. „Ich hab‘ dich lieb und ich bin froh, daß ich mit dir gezogen bin. Darüber sind die Angehörigen nicht vergessen, nicht zurückgestellt, ich behalte alle lieb.“ Eine Weile spricht man über alles, auch über neue Forderungen sowohl an die Regierung wie ans Volk. Danach sagt Pereztha:

„Daß alle Fürsten zu mir stehen, hält sogar die Starken, Syrien und so weiter, von uns ab. Nur die Philister, von jeher unsre ärgsten Gegner, streichen bei den Grenzen hin und her. Übergriffe haben sie sich aber nicht gewagt. Der Landesschutz, von unserm Isremia damals bestens anempfohlen, hat sich — wie geschehen — nicht allein im Inland gut bewährt.“

„Dazu der Segen unseres Herrn“, wirft Naemi ein. „Sehr recht“, bestätigt Anacarias. „Es geht beides Hand in Hand: erst der Segen Gottes, dann die Wehr, die wir haben dürfen; die Welt gestattet es nicht anders.“ „Uns fehlt das Paradies“, sagt Fürst Foadar. „Wenn das doch wiederkäme!“ „Wer möchte dies nicht wünschen?“ fragt ein anderer. „Ob es jemals kommt, zu uns, für die Welt, ach — — “ Ein langer Seufzer, Naemi tröstet:

„Man sagt, Gott hat es zugeschlossen durch den Cherub, den Er an die Pforte stellte. Allein — hat nicht der Menschen Ungehorsam es getan? Nicht GOTT hat es gewollt! Ebenso ist es mit uns. Wir haben, wenn wir wollen, ein Paradies in uns, und — wie oft schleichen wir uns fort, wenn wir sündig sind. Dann werfen wir die Pforte zu. So bedarf es allen Ernstes nicht mehr eines äußerlichen Edens, das schwerlich wiederkommen wird.

Würde mindestens der Zehnt der Menschen, wie Abraham den Zehnt dem Priester Melchisedek gab, ihr eigenes Paradies bewahren, nicht nach dem begehren, was ‚draußen‘ hängt, oh, des Geistes Eden würde über dieser Welt das Friedensbanner wehen lassen, Gott würde bei uns wie zur Zeit des Patriarchen sein.

Freunde“, lächelt sie, als sie betrübte Mienen sieht, „es kommt darauf an, daß wir uns Gottes Paradies erhalten im Geist, Herz und Gemüt, in der Seele und nicht von den Geboten lassen, die der HERR gegeben hat! Auch im Kleinen kann man dafür wirken. Der Herr hat es gezeigt: durch Treue haben wir ein Jahr des Friedens und wird eine lange Zeit so bleiben. Was später kommt — da muß jedermann zu seinen Zeiten wirken, gut und ungut, dunkel oder hell.

Eines ist gewiß: Gott erhält Sich alle Werke Seiner Herrlichkeit! Die Welt mit ihrem äußerlichen Tand und das, von dem wir noch nichts wissen (Gesamtmaterie), hat keinen ewigen Bestand. Darum braucht man nicht zu trauern. Erfüllt man seines Lebens Pflicht, im großen wie im kleinen, dann hat man von der Welt ein Körnlein heimgetragen und der Heilige sieht‘s freundlich an.“

Boas sagt nach einer langen Pause: „Wie klug Naemi ist, und gut außerdem. Von ihrem kleinen Überfluß, der in ihre Tasche fließt, hat sie manchem hier am Ort geholfen, nicht nur jenen, die ihr bei der Ankunft wohlgewogen waren, sogar Hämischen hat sie die Hilfe nicht versagt.“ Naemi ist erstaunt.

„Woher weißt du das?“ Es sollte niemand wissen. Boas lacht: „Der Wind hat es erzählt — so manche Zunge, aus Freude, Muhme, und ich verrate diese nicht.“ „Schön von dir“, sagt Isremia zu Naemi, „nur hast du nicht soviel, um anderen zu helfen.“ „Ich habe keine Sorgen mehr; und wer selbst zu kämpfen hatte, lernt am besten, an andere zu denken.“ Man gibt ihr recht.

Boas druckst ein wenig. Die Monde gehn ins Land und noch weiß er nicht, ob er einen Anspruch stellen darf. Ruth ist ihm gewiß, ihr Spruch (S. 98, 4) hat sich in seine Seele eingegraben. Nach dem Brauch der Moabiter kann man Witwen ehelichen, vor allem, wenn sie keine Kinder haben; doch solche stört den Moabiter nicht. Anders hier in Israel. Ob es Schwierigkeiten geben wird — ? Mit Anacarias hat er deshalb nie gesprochen. Nunmehr drängt es ihn. Die Fürsten werden ihm zur Seite stehen, da ist er sicher. Doch hierbei kommt es auf die Priesterräte an.

„Na, Boas, wo drückt dir die Sandale“, fragt sein Vetter. „Lache nur, du hast ja deinen Edelstein.“ Boas meint Heleana. „Mir fehlt er noch in meiner Krone.“ „Da muß ich meinem Sausewind“, wie Naemi früher gern den Buben nannte, „wieder rasch zu Hilfe kommen.“ Sie wendet sich dem Priester zu.

„Es käme nicht allein auf deine Meinung an, der Priesterrat sagt ‚nein‘.“ „Um was handelt es sich denn? Ich helfe, Boas wünscht sich schließlich keinen Stern, den man nicht vom Himmel holen kann.“ „Etwa ist es einer“, neckt Pereztha. „Golden ist er auch, innen, und außen lieb und wert.“

„Ihr sprecht in Rätseln! Laßt die Katze aus dem Sack, wir werden sie schon fangen.“ „Hm, ja“, entgegnet ihm Naemi, „Ruth war meines jüngsten Sohnes Frau, hatten aber keine Kinder. Nun hat Boas meine Ruth ins Herz geschlossen. Heiratsfähig ist er auch und Haus und Hof bedürfen einer Herrin.

In Moab ist das kein Problem. Verwitwete können eine neue Ehe schließen; Kinder sind kein Hindernis, Im Gegenteil: der Moabite ist sehr kinderlieb.“ „Das sind wir auch“, dämpft Anacarias. „Also das ist es! Bei mir gibt es kein Hindernis und mir ist es recht. Ruth ist glaubenstreu geworden, wahrlich besser, als mancher hier im Land. Ihr wißt jedoch, das Gesetz ist diesen Falles schwerlich zu umgehen.

Mose hätte gleich gewußt, ob man die Liebe vor die starre Satzung stellt oder umgekehrt. Ich werde etwas sagen, worüber meine Brüder ruhig schelten mögen.“ „Als Oberhaupt der Priester kannst du die Erlaubnis zu der Heirat geben.“ Foadar ist hoffnungsvoll. „Denkst du?“ Ein schräger Blick fällt auf den Fürsten. „Ich will dir sagen wie es geht:

Man wird verlangen, daß ich zuerst die Satzung einzuhalten hätte. Man wird den Antrag stellen, mich abzusetzen, wenn ich ohne Einheit aller Stimmen für die Ehe bin. Natürlich gibt es einen Zwischenweg, das ist dieser: Bei Dingen, die das Volk betreffen, hat der Regent das Recht, alle Priester zur Beratung zu bestellen. Dann kannst du, Pereztha, sagen, aber erst, wenn sie ihre Pfeile abgeschossen haben, daß Israel auf keinen Fall ein Volk aus nur eigenen Stämmen wurde. Nicht wenig Männer haben sich aus andern Völkern eine Frau geholt. In der letzten Zeit der Richter hat man das Gesetz der Ehe nur zu oft umgangen.

Jetzt soll die Satzung wieder gelten. Was wißt ihr, wieviel es Widerwärtigkeit in diesem Friedensjahr gegeben hat? Ich behelligte Pereztha nicht damit, mit dem Aufbau hatte er genug zu tun. Hätte ich schon eine Hilfe mir erbeten, dann hieße es: er ist nicht mehr fähig, der Oberste der Priesterschaft zu sein. Gar mancher Neider strebt nach meinem Stuhl.

Glaubt ja, wie im Augenblick bei uns die Dinge liegen, — nur zu gerne träte ich zurück. Der Rat als solcher wird nie einen Antrag auch nur prüfen, geschweige, vor die starre Satzung das Gesetz des Menschentums zu stellen! Nun“, Anacarias reckt sich in die Höhe, „es ist abzuwarten, lieber Boas, ich werde es erzwingen, wenn vorher unser Landesfürst die Seelen durchgerüttelt hat. Möchtest du das tun?“ fragt er diesen.

„Mit tausend Freuden! Du konntest deine Sorgen zu mir bringen, soviel Zeit gab‘s immer, um reinen Tisch zu schaffen. Auch ich wollte ‚dich nicht überfallen; man war nämlich schon bei mir, ich möchte mein ‚ja‘ nicht versagen, wenn . . .“ „Soso“, lacht Anacarias bitter auf. „Und wer war bei dir?“

„Bist du mir böse, wenn ich keine Namen nenne?“ „Nein! Bloß wenn man seine Gegner kennt, kann man sich vor ihnen hüten. Ich würde nie darüber reden.“ Hm, es ist besser, wenn Anacarias sie kennt. „Es sind die Ersten, Adonikam und Pysador. Dir sollten sie nicht schaden, dafür habe ich gesorgt und werde weiter drüber wachen. Sie sind sehr klein abgezogen.“

„Ich bin keine Leuchte“, sagt Anacarias. „Wäre einer fähig, den Stuhl einzunehmen — o bitte, gern! Einige Unterpriester sind viel besser und auch klüger. Von denen würde ich mir einen wählen, wenn ich nicht mehr dienen kann.“ „Gib die Namen preis“, bittet Foadar, „einer von uns würde später das bedenken.“ „Ich schreibe sie euch auf“, nickt der Oberpriester. „Wollen wir erst einmal diese Hürde nehmen, damit Ruth und Boas ihre Hochzeit halten können. Ich lade mich gleich selber dazu ein“, scherzt er.

„Weiß man, daß du bei uns bist?“ „Ja, ich halte meine Wege nicht geheim. Zudem würde es nichts nützen, Spitzel gibt es überall.“ Der Fürst Josamath, der auch mit in der Runde sitzt, murrt böse: „Einer meiner Knechte, kluger Kerl, geht in meinem Auftrag manchem Spitzel nach, die sich Pereztha an die Fersen heften. Schon manchem hab‘ ich heimgeleuchtet!“

„Daß ich bespitzelt werde, ist bekannt, nicht aber“, er drückt des Fürsten Hände, „daß du mich beschirmen läßt. Ich danke dir!“ „Nichts zu danken“, wehrt Josamath. „Sicher gilt es ersten Ranges dir, leicht kann einer gegen dich die Hand erheben; zweiten Ranges gilt es allen. Wir brauchen dich, Pereztha! Gott hat offenbar dich ausersehen. Wer dabei nicht mit seine Hände regt, ist ein Verräter durch und durch!“

Pereztha greift den Faden wegen Boas wieder auf. „Da man weiß, wo Anacarias ist, so rate ich, erst etwas später einzuladen. Es gibt genügend Gründe, die sich einrangieren lassen; die Priester sollen nicht gleich stutzig sein. Sie kommen aber gern“, lacht er, „mein Wein schmeckt gut.“ „Schenke ihre Becher häufig voll“, Isremia sagt‘s verschmitzt, „ist der zehnte ausgetrunken, dann erst bringe Boas Sache vor. Sie werden gar nicht merken, wie ihnen ihre Satzung aus dem Kopfe fällt.“

„Du kennst nicht Adonikam. Der merkt, was vor sich geht; auch hat er eine starke Kehle. Zwanzig Becher werfen ihn nicht um, wie schon mal bei Beraba geschehen, der auf diesem Weg gewinnen wollte. Er war selber bald umnebelt, Adonikam hingegen ging auf zwei geraden Beinen heim.“

„Schade“, grinst Isremia. „Ich habe einen Griechenländer, der kann helfen.“ Pereztha lächelt: „Du wärest wohl der letzte, der zu solchen Mitteln greift. Und was nicht aus reinem Herzen, aus freier Überzeugung kommt, zeigt hinterher den bösen Schwanz. Es würde mir zur Last gelegt, auf solche Weise etwas aus der Welt zu schaffen, sei es gleich zubest gemeint. Wir werden sehen! Ich reite heim. Wer kommt von euch mit?“ fragt er die Jerusalemer. Alle brechen auf, von den Bethlehemern bis zum Zweigweg liebevoll begleitet, von wo es nach der Hauptstadt geht.

„Das wird gut!“ Naemi streichelt Ruth. „Müsset halt ein Weilchen warten, ehe ihr das Nest gemeinsam bauen könnt. Wenn es aber so weit ist, ach, dann bin ich . . .“ allein, will sie sagen. Heleana erratet es. „Naemi-Muhme“, spricht sie herzlich, „nie bist du allein. Wir bleiben alle hier im kleinen Ort und — husch, ganz fix über einen Weg, und wir sind bei dir, vier junge Leute, die gar oft sich einen Rat erbitten müssen. Außerdem zieht Hanea in dein Haus, sie braucht ihr sorgenfreies Alter. O, für uns hat euer, nein — auch mein Gott bestens vorgesorgt!“

„Ich bin froh“, jubelt Ruth, „er wird es schaffen! Schön ist‘s ja nicht, weil vieles überwunden werden muß. In Moab ist das wirklich leichter. Es hat eben jedes Volk was Gutes und was Minderes. Gott wird uns gewißlich helfen.“

„Ich glaub‘ es auch.“ Naemis Augen strahlen. Alle Not hat Ruth mit ihr geteilt, denkt sie, hat sich nicht gescheut, niedere Arbeit zu verrichten. Sie wird mir fehlen. Aber nein, ruft Naemi sich zur Ordnung, die jungen Leute sollen nicht durch mich belastet sein und Heleana hatte recht: wir wohnen dicht beisammen, man wird uns zwei Mütter nicht vergessen.

Während sie so sinnt, sagt Isremia zu dem Vetter: „Du bist jetzt reich, nein“, winkt er ab, „nicht nur durch mich. Ich halte es für gut, daß du den Müttern einen Anteil gibst. Feld und Flur hast du zu übernehmen. Die Hälfte von Naemis Land behalte ich und zahle ihr den vollen Preis. Du brauchst nur halb zu zahlen, weil noch manche Dinge auszurichten sind, Naemi ist‘s bestimmt so recht.“ „Was soll mir recht sein?“ Sie fährt aus den Gedanken hoch.

Als sie die Abmachung vernimmt, wird sie energisch. „Ich nehme nichts von euch, der Herr bewahre mich davor!“ „Er wird dich vor was anderem bewahren“, zankt Isremia herzlich. „Von uns darfst du auch nicht denken, daß wir uns alles in die Tasche fallen lassen. O ja, ich und Boas könnten euch zeitlebens unterstützen, leicht, doch für euch nicht angenehm. Oder doch?“

„Hast recht, Isremia“, schaltet Hanea sich ein, „geregelt muß es werden. Ihr meint es beide gut, nun soll dein Wille gelten. Eine Magd und einen Knecht brauchen wir für Haus und Garten, letzteren vom kleinen Hausfeld hergestellt.“ „Und Lämmer, die habe ich so gern.“ Naemi ist schon umgestimmt „Auch eine Kuh“, rät Hanea, die in manchen Dingen praktischer als Naemi ist. „Morgen legen wir die Sache fest.“

„Sagt es uns, wie ihr es haben wollt“, bittet Ruth, und Heleana fügt gleich an: „Es soll euch wohl ergehen.“ Ein schöner Feierabend bricht herein. Man geht gemeinsam durch die Fluren, bestimmt die Felder, die Isremia haben will samt einem kleinen Hain. „Hier ist‘s so herrlich kühl, hier baue ich ein Haus mit offener Halle mit dem Blick zum Osten, in das freie Tal hinaus.“ Heleana klatscht in die Hände. „Wie schön! Wird es bis zur heißen Jahreszeit noch fertig?“ forscht sie begierig.

„Ich denke schon, Frau Ungeduld. Es gehört uns allen, jeder kann herein,“ „Drei Leute stelle ich zum Bau.“ Boas streut praktische Winke ein, die Isremia akzeptiert. Bei einem Umweg finden sie am Rand des Haines eine Grotte. Hirten bringen manchmal ihre Schafe darin unter. „Wem gehört die Höhle?“ „Dem Schafzüchter das Weideland, Naemi diese Grotte. Da geht die Gemarkung durch.“ Boas zeigt auf ein paar weiße Steine.

„Dann muß er räumen.“ Naemis Blick ist wieder weit geworden. Sie winkt und man geht heim. „Nach dem Essen sage ich, was ich gesehen habe.“ Ruth hilft den Tisch zu decken. Nicht aus Neugier will man eilig sein. Oh, über alle kommt das Unbekannte, das keine Welt zu geben weiß. Und dann lauscht man tief ergriffen zu.

„Wäre mir durch Elimelech nicht der wahre Glaube überkommen, den er von des Volkes Patriarchen kannte, wie hätte ich je schauen und verstehen können? Die Grotte“, Naemi zeigt in jene Richtung, wo sie liegt, „ist ein heilig vorgesehener Platz. Aus ihr trat ER heraus, der Heilige, der Sich ‚Priester Melchisedek‘ nannte und Abraham samt seiner Schar begegnete. Aus der Grotte, aus dem Verborgenen, kam ER hervor, und ich sah, wie Er Seine Hände hob. Er sprach:

‚Hütet diesen Ort, Ich habe ihn erkoren, daß in ihm das WUNDER sich vollzieht, das denen in der Dunkelheit die letzte Löse bringt. Bis dahin trage ICH Mein Licht hinein und trage es heraus, wie bei Abraham geschah. (s. ‚Der Patriarch’ Bd. 1, S. 82)

Er wußte, wer Ich war: in Meinem Kommen! Ich komme freilich allezeit zu allen, die des Lichts bedürfen und zu denen, die es kindgemäß bereits besitzen. Der Fürst des Ernstes kam hierher, wo aus dem ersten, dieser Grotte, das letzte sich vollzieht, der Ort, wo er seinen Sohn MIR opfern wollte, was bedeutet hat: sich selber aufzugeben an mein ICH!

Diese Meine Orte wird kein Mensch betreten, bis das Letzte aus dem hohen Opfer sich erfüllt! Wie nur die Tiere hierher kommen, um bei Wetter einen Schutz zu finden, so die Seelen, die in Ängsten dieser Welt ein Obdach brauchen: in Meiner heiligen Erbarmung. Wie die Hirten bloß das Vordach suchen, so der hocherhabene Platz (Golgatha), daß Menschen, wenn sie schon zur Höhe kommen, an der von MIR ersehenen Stelle, fremd geführt, vorübergehen, unerkannt.

Das ist Meine Reservatio mentalis des unsichtbaren Lichtes heiliger UR-Wesenheit. Aber wie aus diesem Strahlen auf die Werke, auf die Kinder fallen, weil nichts ohne ihn besteht, so kommen aus den beiden Orten, dieser Grotte‘, Gott zeigte hinter Sich, Er stand in ihrer Öffnung, ‚und dem Opferplatz des Abraham, die Segnung Meiner ewigen Erbarmung über alle jene, die dann noch ihre Löse brauchen.

Verkündet es den Freunden: Ich löse euch vom Weltenbann! Laßt den Tieren ihren Unterschlupf, weil Ich wie ein Schaf behandelt werde (Jes. 53, 7) und dulde um der hohen Liebe willen, was dem ‚Menschensohn‘ geschieht. Die Duldung ist das Bad der Reinigung für jenen Fall (Sadhana), in welchem alle armen Seelen auszuheilen sind. Eingeschlossen mit die Übel, die gute Kinder auf dem Weltenweg versehen können.

Bleibt im Frieden Meiner Liebe eingehegt und haltet an den inneren Orten fest, in die ihr auch die äußerlichen einbeziehen könnt und sollt, Friede sei mit euch!“

Es war immer still nach einer Offenbarung, jetzt kommt eine unbeschreiblich hehre Ruhe auf die Menschen. Naemis Stimme war verändert, wie die Stimme eines tiefbeseelten Mannes. Sie sitzt, die Hände leicht im Schoß verkrampft, versunken da. Nur langsam heben sich die Augen, aus weiter Ferne kommt ihr Sinn zurück.

„Ich möchte jene Stelle sehen“, spricht Ruth leise, „die uns der Heilige beschrieb, wo Abraham sich Gott geopfert hat, seinen Sohn zum Opfer gab. Was muß uns da erfüllen, wenn wir — “ Sie wagt‘s nicht auszusprechen, was wie ein Feuer in ihr glüht. Keiner von der kleinen Runde, der nicht das Gleiche in sich spürt.

Isremia sagt nach einer Weile: „Wir fahren einmal hin. Doch zum Ort, den wir finden werden — sonst hätte Gott uns nicht das Heilige enthüllt —‚ werden unsere Füße hingeführt.“ Man nickt dazu, jeder ist bereit. Heute wünscht man ohne Worte sich die ‚gute Nacht‘.

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