Kapitel 12
Im Amte ging es leichter zu, als erst gedacht. Die Beamten erweisen dem Vicomte ihr Vertrauen. Mestosani unterdrückt den Zorn. Er kann wirklich froh sein, daß nichts Schlimmeres geschah, als die Maßnahmen des Ministers, die — er gesteht sich‘s ein — auch nötig waren. Cruzziano fährt mit seiner Gattin abends sehr erleichtert in die Villa.
An der Einfahrt stehen Diener zum Empfang bereit und die Familie mit Herrn Wanger, der angekommen war, am Portal. Der Angestellten wegen begrüßt man sich formell. Der Minister lacht: „Ja, ja, wenn der Herr Minister kommt!“ Marita vollführt einen tiefen Knicks, „wie bei Kaisers“, ahmt die Vicomtesse nach und küßt das Mädchen. Im Salon gibt jeder jedem noch einmal die Hand; die Herzlichkeit, die sie verbindet, kommt zur Geltung.
Nach der Mahlzeit zieht man sich in Juanitas Boudoir zurück. „Nun freue ich mich darauf, was Freund Willmut mitzuteilen hat“, sagt Juliane. „Hm“, meint ihr Mann, „das kostet Anstrengung; denn leicht ist‘s nicht, aus der Welt hinauszufahren und man weiß nicht, wo man landen wird.“ „Den Mond umschifft Herr von Wanger, er fährt uns auf die Sonne!“ „Gut, Roberto“, lobt der Hausherr seinen Sohn, „obwohl mir ebenso zumute ist wie Herrn Cruzziano.“
„Das geht aber nicht mehr“, sagt derselbe. „Mit Willmut sind wir freundschaftlich verbunden, mit den lieben Gastgebern aber nicht. Wie wäre es, wenn wir heute miteinander Freundschaft schließen?“ Herr und Frau Beocana halten sich zurück, man kann doch nicht— — Marita spricht es unversehens aus: „Man kann zum Herrn Minister doch nicht etwa ‚du‘ und ‚Pedro‘ sagen, auch nicht zur Vicomtesse einfach ‚Juliane‘.“
„Warum denn nicht, mein Kind?“ fragt diese. „Sie alle haben sicherlich bemerkt, daß mein Mann und ich nur zu gern einmal die sogenannte steife Etikette meiden und wir freuen uns, wenn wir echte Freunde finden. Das — meine ich — haben wir in diesem Haus gefunden. Oder nicht?“ Cruzziano nickt seiner Gattin dankbar zu. Sie findet meist das rechte Wort, die Brücke, die er gern zu jedem Menschen schlagen möchte, wenn er auch der Stellung wegen leider manches unterlassen muß. Aber hier — — ?
Herr von Wanger macht es einfach, ‚wie im Busch‘. „Ich bin der Willmut und der ‚du‘; wer sagt ‚ja‘ dazu?“ Pedro ruft spontan: „Ich könnte dich im Ministerium brauchen, wo manche allzu sehr an ihrer Hoheit kranken. Von mir aus heißt es sofort ‚ja‘, und meine Juliane schließt sich tapfer an. Natürlich will ich nicht wie Pluto in die Suppenschüssel tappen.“ Das löst Beocanas Bann. Sie freuen sich, weil sie mit dem Arzt, der Priester ist und manches mehr, mit dem Minister und mit dessen netten Frau die Freundschaft haben. Also stimmt der Hausherr zu:
„Mit Dank und Freude angenommen! Ich hatte nur gedacht, daß . . .“ „Papp“, fällt Cruzziano ein, „hier sind wir Menschen und weiter nichts! Fragt Willmut, wie er darüber denkt.“ „Ebenso! Selbst redend muß man bei verschiedenen Kreisen sich verschieden geben, wenn man nicht mehr verderben als gewinnen will. Bei Mestosani wäre dieser Pakt nicht möglich. Dabei ist er als ein Mensch doch auch nichts anderes als sein Pförtner an der Tür.“
„Richtig! Doch nun fehlt etwas. Alfons, wo ist der gute Tropfen zum Beschluß der Freundschaft?“ Willmut sagt, indes der Hausherr läutet: „Es ist eine schöne Sitte, die Gläser hochzuheben. Immerhin — es ist ein äußerliches Zeichen; der innere Bund, der von Herzen kommt, bedarf des Äußerlichen nicht. Na“, die Gläser sind bereits gefüllt, „stoßen wir auf unsere Freundschaft an.“
Roberto und Marita tuscheln. „Wir können doch nicht ohne weiteres duzen, das geht wirklich nicht.“ Onkel und Tante sagen, liegt ihnen nicht. „Warum?“ fragt Wanger, als hätte er die Tuschelei gehört. „Ihr seid jung und so könnt ihr den Respekt bewahren. Ich bin Onkel Willmut; alle meine Neger sagen ‚du‘ zu mir, sie kennen es nicht anders. Wie Pedro und Juliane angesprochen werden wollen, müßt ihr selbst erfragen.“ Zur Erleichterung der Jugend bleibt beim ‚du‘. Marita jubelt, während der ruhigere Roberto der neuen Tante ganz galant die Hände küßt.
Plötzlich ist‘s, als wäre ihre Welt versunken; man spürt förmlich, wie ein ‚anderes‘ sie umweht. Es geht von Wanger aus, jedem ist‘s bewußt: nun kommt das Bessere, das vom Alltagsrausch befreit. Man sieht auf ihn, dessen Blick sich hebt und wie einen fernen Schein gewinnt. Seine Stimme heimelt an, sie beruhigt, sie hebt hoch, sie ist — ein Sprachrohr Gottes. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht, als er beginnt:
„Dem Menschen liegt es weniger, aus einer Episode etwas Höheres zu lernen. Ein Erlebnis jagt das andere, weil der Mensch von heute äußerst egozentrisch ist. Nicht stets bewußt, es liegt mit im Ablauf des Jahrhunderts. Allein — nicht die Zeit hat das hervorgerufen, wie man fälschlich hören kann. Die Zeit ist eine Gabe Gottes und es steht geschrieben: ‚Nutzet die Zeit, solange es Tag ist?
Die Zeit, meist vertändelt, gibt uns jene Möglichkeit, uns selber zu erkennen. Erkenntnis ist vergleichbar mit dem ‚Tag‘. Enteilt die Nacht, so sagt man gern: ‚Es tagt!‘ Wir können wieder sehen, können unsre Wege gehen, unsre Arbeit tun und vieles mehr. Die Nacht als zugedeckte Segensgabe Gottes läßt uns neu erstarken, ohne dem am Tag nichts richtiges zu schaffen ist. Wer jedoch den Tag mißbraucht, der verliert den Segen aus der Nacht.
Wer sich vom Geiste leiten läßt, der weiß, daß hinter allem sogar Nebensächlichem eine heiliggute Führung steht. Wer anders aber als der Schöpfer führt das Geschöpf an Seiner Vaterhand? Euch Freunden ist es ein Geheimnis; doch Geheimnisse sind die offenbare Führung Gottes! Und so höret zu, dann will ich manchen Punkt erklären, die seit unserm Kennenlernen sich ergeben haben.
Ich wußte vorher, daß ich an eine Stätte käme, wo wiederum ein ‚Lichteinbruch‘ geschehen sollte. Roberto schimpfte über meinen Medizinmann; er konnte ja nicht wissen, daß es Dinge gibt, die aus dem Weltbereich hinauszudenken sind. Er ist keinesfalls der Einzige, der so denkt, weil das Transzendente eben unverständlich ist. Es liegt nicht auf der Oberschicht des Lebens!
Vor meiner Reise sprach der Medizinmann: ‚Doktor, du gehst einen weiten Weg und wirst Menschen finden, denen du zu helfen hast. Nicht mit dem Messer, sondern mit der Kerze. Du triffst junge Leute, von denen einer weiß, der andere dunkel ist. Du hast uns belehrt, daß die Farbe unsrer Haut nicht ausschlaggebend ist, hast uns zu Gott geführt, also führt dich Gott.
Große Leute wirst du kennen lernen“, der Arzt verschweigt, daß der Neger sagte: innerlich sind sie klein. „Und sie finden Gott, den sie einst verloren hatten. Einen Dunklen wirst du ins Gefängnis bringen, doch die Haft ist seine Freiheit für die Seele. Und du kommst zu uns zurück mit reich beladenem Schiff, vom Lichtgestade. Manches bringst du auch für uns und deine Arbeit mit. Gott geleitet dich, und meine Weggedanken gehn dir nach.‘
Er war von Anfang an der Beste von dem Stamm, wohin es mich verschlagen hatte. Er ist klug, wenngleich erst manches auszugleichen war. Dreimal, bekannte er, kamen Weiße ins Gebiet; leider nicht sehr gute, die sich als die Herren gaben. Sie mußten aber schleunigst wieder fort. Verständlich also, daß man mich zuerst ‚beroch‘, was ich denn für ein Weißer wäre.
Ich hatte bei mir auch zwei Arztstudenten, ein Deutscher und ein Balte. Da wir für den Anfang bestens ausgerüstet waren, gingen wir die Arbeit an, fällten Bäume, zimmerten uns eine Bude und danach die Arztstation, die indessen schon erneuert wurde. Bald begriffen meine Neger, daß ich ihnen helfen konnte. Die Studenten sind jetzt meine Assistenten.
Aber auch zwei Neger sind geschickt und tüchtig. Und was meint ihr, wie gewissenhaft die Pflegerinnen ihren Dienst versehen? Bei uns gibt‘s keine kurze Arbeitszeit, doch sorge ich für freie Stunden und für frohe Feste. Das brauchen meine Neger, um so tüchtiger sind sie hernach.
Wie freuten sie sich, als ich ihnen gute Hütten bauen half, als wir jeweils eine Tür bekränzten, konnte wieder eine in Besitz genommen werden. Wir haben beinah eine kleine Stadt. Nicht hervorgehoben, ihr sollt wissen, was in den letzten Jahren aufzubauen war. Denn als Pedro unsern Pluto kennen lernte, sah alles noch sehr ärmlich aus.“ Der Minister nickt bestätigend.
„Ich komme nun auf das zurück, was unsern Abend prägen soll. Ihr habt erkannt, daß nicht ein Zufall uns zusammenführte, sondern daß des Lichtes Macht das führende Prinzip gewesen ist. Und so erklärt es sich von selbst, daß alle euere Fragen nicht aus einem Ungefähr entsprungen sind.
Fragen, die das Unbestimmte eines Menschen lichten wollen, sind der Anstoß unseres Geistes; bloß erkennt man das nicht gleich. Der Mensch wehrt ab, er will nicht belacht, verspottet werden. Er zieht sich in sein Schneckenhaus zurück und die Fragen sind der ‚Kopf‘, der ab und zu mit Vorsicht aus dem Häuslein guckt.
Alfons fragte mich zuerst, warum gerade er die Hilfe hätte, die ich bringen konnte. Eine gute Frage; darin lag die Demut, die man GOTT bezeugen soll. Demut ist kein Unterworfensein, keine Schande, wie es leider angesehen wird. Sie ist aus der Lichtfreiheit geboren und hat mit menschlichem Gebahren nichts zu tun.
Alfons war ein Sucher, bloß wußte er es selber nicht. Wie leicht daher, daß Gottes Hand die gute Schlinge knüpfte und eins das andere ergab! ‚Warum gerade wir‘ ist die Frage vieler, wenn ein Unglück sie betrifft. Das ist meistens große Überheblichkeit, denn: ‚wir sind gute Menschen, uns durfte das nicht widerfahren‘! Ein ‚verdient‘ kommt selten in des Menschen Sinn.
Alfons fragte, ob ich nur zu guten Leuten ginge. Nicht sich hatte er gemeint. Nun, Vilpart ist ein böser Mensch und mit ihm, zwar mit Roberto, kam ich zuerst zusammen. Nicht die Guten, wollen wir uns überhaupt als gut bezeichnen, brauchen einen Hilfsstützpunkt, sondern die in ihrer Irrung sind. GOTT hilft, und Er bedient sich gern der Menschen für die Menschen!
Das nicht, weil ER nicht könnte und wie verborgen für uns ist. Nein, soweit menschlich möglich, erzieht Er uns zur Hilfsbereitschaft gegen jedermann. Im Samariterdienst, für das Innere wie für das Äußere, sind wir aus uns selbst mit Gott verbunden und Er legt in unsere Hand das Können, das Vollbringen.
Pedro sprach auch Straßenfeger an, hat ihnen manche Münze in die Hand gedrückt und . . .“ „Woher weißt du das?“ fragt jener staunend. Er tat es, wenn es niemand sah. Wanger läßt sein gutes, dunkles Lachen hören.
„Da staunt der Herr Minister! Aber diesmal ist kein Wunder. Einer hat es mir verraten. Ich kam einmal mit der Taxe zu euch hin und der Mann war eifrig bei der Arbeit. Als ich zum Tore ging, grüßte er und erzählte es.“ „Das weiß nicht mal ich“, fällt Juliane ein, „echt Pedro, aber mir gefällt er so.“ „Mir auch“, meldet sich Marita. „Ich nehme mir daran ein Beispiel.“
„Sehr lobenswert! Nur ist‘s nicht immer angebracht. Aber einem, der dem Lebensstand gemäß sehr niedrig steht, beweisen, daß ‚man‘ nicht eingebildet ist, daß ein Mensch in jeder Hinsicht ‚Mensch und nichts anderes ist, muß ein Kernstück unsrer echten Ethik, ein Hauptstück unseres Glaubens sein.
Da ihr Freunde Gottes Heilige Schrift noch wenig kennt, zitiere ich ein Wort aus ihr: ‚Der Größte unter euch soll euer Diener sein!‘ (Matt. 23, 11). Darunter versteht man leider eine grobe Arbeit, die Abhängigkeit von weltlich Höherstehenden. In einer Hinsicht stimmt das ja, doch kommt es darauf an, ob der Höherstehende dem Dienenden das fühlen läßt oder dessen Arbeit anerkennt.
Denkt darüber nach: Der Schöpfer, der uns erschaffen hat und ist nichts, das nicht aus Seinen Händen kam, ist der größte Diener, den es jemals gab und geben wird! Er hat uns mit Seiner Macht gedient, als Er uns das Leben gab; Er diente uns bevor es die Materie gab, als Er für Sein Kindervolk den großen Kreislauf schloß, nachdem vom Volke eines aus des Lichtes Bahn gewichen war.
Er hat gedient, als Er wie ein Mensch zur Erde niederstieg. Er hat allezeit geholfen, hat als Abschlußdienst, wie man es nennen kann, auf Golgatha Sich Selbst geopfert, auf daß alle Abgeirrten durch das Opfer wieder frei und selig werden sollten. Und Er dient uns heute noch, an jedem Tag, zu jeder Stunde, Er ist immer dienstbereit !
Für uns ist es das Gleichgestellte zwischen Hoch und Nieder, Arm und Reich. Pedro dient im Amte vielen Menschen, durch Gerechtigkeit auch denen, die vom reinen Lebensweg gewichen sind. Alfons dient durch seine Arbeit; denn mit seinem Fleiße haben viele Leute Lohn und Brot. Unsere lieben Frauen dienen sowieso am meisten, sehr oft über ihre Kraft hinaus. Im Dienen ist das Leben zu bemeistern, im Dienen finden wir des Lichtes Lohn!“
„Darf ich unterbrechen?“ fragt Roberto. „Natürlich, jeder kann es tun“, Wanger zeigt rundum, „ich will ja keine Predigt halten.“ Roberto sagt: „Ich war manchmal heimlich in der Kirche. Mitunter fand ich es ganz schön. Einmal hörte ich, daß man im Himmel immer ruhen könne, man brauchte nicht wie auf der Welt zu schaffen und wäre eitel Seligkeit und Freude.
Im allgemeinen war mir das ganz recht, zumal Padre von mir viel verlangt. Ich tu es gern“, Roberto sieht den Vater an, „aber einmal gar nichts tun, dachte ich, wäre auch ganz schön. Allein immer, so überlegte ich, da hätte man im Himmel baldigst Langeweile. Ich kann es auch nicht fassen, wie man drüben wirklich weiterlebt, wenn es ein Weiterleben gibt.“
„Du hast nachgedacht“, lobt Willmut. „Es fällt uns schwer zu glauben, daß das Leben mit dem körperlichen Sterben nicht vorüber ist. Man sucht dem auszuweichen, es gäbe eine Abrechnung, es wäre nichts vorbei! Gerade das bestätigt, daß im Menschen das Bewußtsein eines Weiterlebens existiert, an dem es kein Vorüberschlängeln gibt, wie allen Ernstes niemand sich am Kreuz des Herrn vorüber schleichen kann.
Ach, es wäre mehr als Langeweile, würde es im Jenseits nichts zu schaffen geben. Da wäre auch das Dienstbarsein vergeblich, oder so gesagt: Gott hätte es nicht aufzubringen brauchen. Ah, im Lichte herrscht das größte Dienen; nur besteht es nicht wie auf der Welt im oft pausenlosen Jagen, in der Gier nach Geld und Gut. Das gibt es drüben freilich nicht!
Ihr könnt noch nicht begreifen, daß weniger denen dieses Dienen gilt, die bereits im Lichte wohnen. Jene auf dem Weg Befindlichen werden allerdings betreut. Man dient denen, die in der Materie, von ihr verstrickt, sich nicht aus ihrem eigenen Bann befreien können, meistens gar nicht wollen.
Viele wollen vor sich selber keine Rechnung legen. Und vor einem Schöpfer — ? Der wird nicht anerkannt, sonst müßte man das ‚schöne Leben‘, wie man Laster und dergleichen nennt, vermeiden. Doch gerade diesen Menschen oder Seelen, auf unserer Welt und anderwärts, gilt der hohe Dienst. Da müßte man doch etwas merken, wenn das Licht so mächtig ist? Es müßte alle Bösen gut, die Materiellen edel machen. — Aber herzlich wenig ist davon zu sehen.
So sieht es aus, wer oberflächlich denkt: ‚Nach dem Tod ist alles aus!‘ Auch jetzt zitiere ich ein Bibelwort, um zu beweisen, daß des Lichtes Hilfe all den seelisch Armen, Kranken, Krüppeln gilt — vorwiegend, doch die Leibeskranken und die Armen, die Bedrückten werden auch betreut. So sprach der Herr: ‚Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht!‘ (Luk. 5, 31)
Das beweist, daß den Gebrechlichen geholfen wird. Seelenkrankheit ist weit schwerer als die schlimmste Krankheit eines Körpers. Der vergeht, wird er zu Grab getragen; die Seele bleibt und fühlt viel mehr die Schmerzen, wenn sie des Leibes ledig ist. Wie sollte also dann der ‚große Arzt‘ sich nicht erbarmen, da Er der einzig wahre Helfer, der Erretter ist?!
Der Heiland ging zu denen, die Seine Hilfe brauchten. Das wurde Ihm von vielen Hohen übel angekreidet, die Seine Wunder sahen, für sich den Vorteil haben wollten. Und weil Er ihre Taten offenbarte, überließ man Ihn dem aufgeputschten Volk. Das Volk sollte Seinen Tod begehren. Da — meinten die Verantwortlichen — wären sie vor Gott befreit, falls doch — — O ja, man wußte, wer der Heiland war, man gab es nur nicht zu, genau wie heute, weil man dann vom ‚schönen Leben‘ Abschied nehmen muß.“
Marita hebt einen Finger. „Ich kann, was Onkel Willmut sagte, gut begreifen, ich glaube es. Zur wirklichen Erkenntnis dieser Dinge ‚außerhalb der Welt‘ “, sie ist verlegen über ihren Ausdruck, „fehlt bei mir noch viel. Einige Geschichten aus dem Heilandsleben wurden uns im Internat gelehrt. Der Herr ging auch zu reichen Leuten und zu andern Hochgestellten, also nicht allein zu Armen, Kranken oder Sterbenden. Wie verhält sich das?“
„Kleine Kluge! Gott wußte ja, wo Hilfe nötig war. Für das Innere und Äußere soll man dienstbereiter Helfer sein, soweit und so gut es menschlich möglich ist. Ebenso, ja — heilig-höher, wunderbarer wählte Sich der Heiland Arm und Reich, Hoch und Nieder, alle die Ihn brauchten: für die Seele oder für ein Ungemach, für Krankheit, Leid und Tod.
Du warst Mescarus eine liebe Helferin, und den Nachbarn gegenüber war dein ‚Dampf‘ ganz angebracht. Du wirst in deines Vaters Werk einmal ein Segen sein.“ „Die Kleine?“ fragt die Mutter. „Wie meinst du das, lieber Willmut?“ „Wartet, bis Marita bei mir war; wenn sie wiederkommt, tritt sie ein Amt des Segens an. Nicht so, daß jemand segnen darf! Wer Gutes tut, ist der Austräger jenes Gottes-Segens, der auf Hilfsarbeiten ruhen kann.“
„Ich will fleißig bei dir lernen, Onkel Willmut und . . .“ „. . . ich auch!“ meldet sich Roberto. „Fleißig müßt ihr bei mir sein; denn ein Beispiel brauchen meine Neger immer wieder. Vorher lebten sie so in den Tag hinein, jetzt sind sie schon geregelte Arbeitszeit gewöhnt. Allerdings — das Vorbild muß halt immer leuchten.“ Heiteres Lachen. Marita meint, sein Medizinmann würde sie als junges Grün nicht anerkennen. „Wer weiß! Wartet es nur ab, aber manches könnt ihr auch von meinen Schutzbefohlenen lernen.“ Roberto sagt: „Es bedrängt mich jene schwere Frage, was du von dem Tod des Heilandes sagtest.“ „Und das wäre?“
„Die Oberen hätten den Messias ihrem Volke ausgeliefert, um sich vor einer Abrechnung zu schützen. Es war jedoch ein Römer, der den Herrn verurteilt hat. Die zweite Frage angeschlossen: Wieso konnte GOTT am Kreuze sterben, begraben und dann wieder sichtbar werden? Etwa zeigte Er Sich nur; denn war Er Gott, so war es Ihm auf dieser Basis möglich, Sich dann zu offenbaren. Die Umwandlung eines toten Leibes in eine sichtbare Gestalt, sei sie seelisch oder wie man‘s nennen will, halte ich für nicht gegeben. Da ist eine Lücke, die Überlieferungen lassen sich nicht paaren.“
„Hast tief gestochen, Roberto, wenn du auch das Gold noch nicht gefunden hast. Bist aber nahe an der Ader. Das menschliche Bedenken zeigt noch große Lücken. Vollständig, wie es im Lichtreich möglich ist, wird uns die Erkenntnis nicht gelingen. Ein kleiner Trost — wir brauchen es auch nicht. Doch bis zur Tür der ‚obersten Erkenntnis‘ können wir gelangen.
So wie mancher lehrt: ‚Der Glaube allein macht selig‘, ist die Licht-Realität nicht aufzunehmen. ‚Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm selber.‘ (Jak. 2, 17) Zudem hat der Herr die Werke stets hervorgehoben. Ihr braucht, was ich zu Robertos Frage lehre, nicht blind zu glauben, sondern jeder kann es prüfen, und ein paar rückbleibende Zweifel schaden nichts.
Es wird gern verneint, daß Israel den Herrn dem Römer ausgeliefert hätte. Pilatus wußte, daß der ‚Mann aus Nazareth‘ ganz ungefährlich war. Dessen Unschuld hat er viermal dargetan. Man wollte sich von Rom befreien; an sich verständlich. Nur die Maßnahmen waren falsch. Der unliebsame MAHNER war den Oberen gerade recht, um Rom einen Streich zu spielen. Daher gaben sie dem Volke die Parole auf: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘
Die längst Gestorbenen, die Verführten, sind entlastet durch die Güte Gottes, die ihnen in der ‚anderen Welt‘ den Heimweg zubereitet hat. Die Oberen brauchten lang, bevor sie sich dem eigenen Fall entwinden konnten. Soweit kurz umrissen die Geschichte. Nun kommen wir darauf, wie denn ein toter Leib nach Tagen wieder auferstehen und wie ein Lebendiger gesehen werden konnte.
‚Denn war Er Gott‘, räumt Roberto ein, woran nicht zu zweifeln ist, so war Ihm möglich, den Leibestod zu überwinden. Nicht so, wie es sich bei uns als Mensch ergibt: nach dem Tode lebt man astral weiter in dem für uns übersinnlichen Bereich. Dort tragen wir den licht-astralen Körper, der in nichts dem Erdenleib vergleichbar ist. Allein — er ist kompakt, sogar kompakter, weil er nicht wie unser körperlicher Leib vergeht.
Nun könnte man ja sagen, genau so zeigte Sich der Herr nach Seiner Auferstehung. Bisher haben unsre Christenkirchen, wie keine anderen Religionen, das Geheimnis nicht gelüftet und ich vermesse mich es nicht, daß ich es kann. Doch aus dem sehenden Glauben kann man bis zur ‚Türe des Verborgenen‘ gelangen; und das genügt vollauf, was weltlich zu erreichen ist.
Jesus war kein Sohn, wie behauptet, zumal es laut der Trinität drei Götter gäbe. Welchen sollte man zuerst verehren? welchem ganz allein die Andacht zollen? Jesus sprach: ‚Niemand kann zwei Herren dienen!‘ (Matt. 6, 24) Allgemein gesagt; für die Erkenntnisreicheren galt der Hinweis aber auf den einen Gott, weil zu jener Zeit die Götterlehre stark verbreitet war.
War der Heiland demnach selbst der eine Gott, so stand Er über dem Gesetz des Todes, weil ER das Leben schuf! Dann: ‚Er hat den Tod überwunden‘, so nie für Sich! Der Leibestod in der Materie ward von Gott aus einer uns fast unverständlichen Barmherzigkeit durch Seinen Tod am Kreuze aufgehoben, unabhängig davon, daß bis zum Ende der Materie der Tod die Ernte in ihr hält.
Wüßten wir, daß er ein Sinnbild der Erlösung, der Befreiung ist, wir würden ihn den ‚Lebensbringer‘ nennen. Das ist er auch vom Schöpfer aus. Deshalb war der Tod des Herrn in nichts vergleichbar mit dem Tode eines Menschen, von dem geschrieben steht: ‚Der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat!‘ (Pred. 12, 7). Noch ein anderes Wort dazu: ‚Unser Leben ist ein Schatten auf der Erde‘ (Hiob 8, 9).
Wer das verdreht, verstümmelt seine Seele! Dunkel scheint‘s zu sein, daß aus der ‚Lichtgeburt des Sohnes Menschlichkeit‘ bloß wie ein Mensch gewesen ist. Er unterstellte Sich den Weltgeboten, aber niemals Seinetwegen! Denn es heißt: ‚. . . sondern entäußerte Sich Selbst, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden‘ (so gedacht: Phil. 2, 7).
Wenn im Vor- und Nachgang dieses Wortes wiederum vom ‚Sohn‘ die Rede ist, so galt das den Damaligen, die nicht selber in der Lage waren, dem Geist als Forschenden den Vorrang einzuräumen. Schon des Herrn Geburt stand ferne dem Natürlichen, wie es uns betrifft. War es das, so steht dafür: Was mit Seinem Heilandsdasein sich enthüllte, ist pur geistig-göttlich anzusehen.
O, Er hat das Leid, die Schmach auf Sich genommen und kann keiner sagen, als Gott hatte Er dies nicht empfunden! Man muß zum Kernstück jener Wahrheit kommen: alles, was der Herr getan, gelehrt, getragen und gelitten hat für uns, geschah an unserer Statt! Das mindert nicht nur nicht das Eigene des Herrn, nicht als Mensch, am wenigsten als Gott, sondern es erhöht die einmalige Gottes-Tat!
Ein Beispiel: Jemand ist ein braver Mensch und hat einen andern ganz besonders lieb. Dieser kommt auf eine schiefe Bahn und müßte lebenslang im Kerker schmachten. Er würde an der Haft nach kurzer Zeit zugrundegehen, seelisch und auch leiblich. Der Gute nimmt die Schuld auf sich. Weil er durch guten Lebenswandel seine Seelenkraft erhalten hat, vom Lichtgeist unterstützt, so ist ihm durch das Opfer möglich, solang den Kerker zu ertragen, bis der andere gerettet ist. Kommt zwar selten vor“, Wanger winkt ein wenig ab, als man sagt, das täte niemand.
„Wir übertragen es ins göttliche Gebiet. Das sich von der Gottheit losgelöste Kind fällt in den Kerker der Materie. Der RETTER kommt, um die arme Kindesseele zu erlösen. Er erleidet also wirklich alle Schmach; allein — Er trägt dieses für das Kind. Deshalb steht Er über allem, was in der Materie vor sich geht. Eingeschlossen in die Gottes-Retter-Tat sind alle insgesamt, die sich auch verloren, sich von Gott abgewendet haben.
Das ‚über diesen materiellen Dingen stehen‘ erstreckt sich ganz besonders auf den Kreuzestod, auf das ‚Sich ins Grab legen lassen‘, auf die Auferstehung, wie gleichfalls auf die Himmelfahrt, an der mancher Kirchenführer zweifelt. Nun, diese Lichtphasen Gottes auf der Welt sind menschlich nicht so ohne weiteres zu glauben, zumal wenn jemand noch nicht ‚sehend‘ ist.
Gott als Heiland war der ‚Lebensträger‘, der aus dem Lebensgrundgesetz die Möglichkeit der Existenz den Kindgeschöpfen gab. Er hatte den bloß angenommenen Leib, der in Hinsicht Seines Opfers ebenso konstant gewesen ist wie jedes Menschen Leib, im Lichtgesetz des Lebens aufgelöst und erschien den Seinen, wie und was Er wirklich ewig war: GOTT, in Seiner Licht-Personalität!
Er kam so zu Abraham und vielen Alten, die die Verbundenheit mit Ihm besaßen, und so zeigte Er Sich den Getreuen, um den Beweis der Gottes-Existenz und ihres ewigen Lebens darzutun. Die Himmelfahrt geschah unwirklich und real. Ist kein Widerspruch, Freund Pedro.“ Dieser hatte wieder mal den Kopf geschüttelt.
„Unwirklich war sie, weil Gott, der Schöpfer der Unendlichkeit, zu Sich nicht ‚aufzufahren‘ brauchte. Man könnte besser sagen: ‚Er ging dahin!‘ Wirklich sahen es die Jünger und viele Menschen, weil Gott ihnen ihre Augen dafür öffnete, die inneren. Also ‚sahen‘ sie Ihn wirklich wie hinauf zum Himmel schweben.
Was Gott für uns tut, ist insofern unwirklich, weil das Geistige sich materiell nicht zu vollziehen braucht; wirklich zeigt Er es, damit wir es begreifen und unsere Seligkeit empfangen können. Das ist des Geistes Himmelskost, die wir auf der Welt — so gesagt — nur brockenweise essen können. Das Höchste läßt sich auf der Erde bloß zum Teil ertragen, doch sind diese Teile unsre Himmelsleiter; denn auf Stufen geht‘s hinan. —
Das war keine leichte Kost“, sagt Wanger, „aber glaubet mir: auch ich muß immer wieder dies und jenes suchen, finden und verwerten, als Arzt und auch als Priester für die eigene Seele, für das Werk, das ich wie jeder andere zu erfüllen habe.“
„Wer erfüllt es denn wie du?“ fragt Juanita. Sie hat wie Juliane heute viel gelernt trotz großer Glaubenslücken. „Ich möchte jene, die vor mir dagewesen sind, nicht zählen“, entgegnet Wanger, „die ihr Tagewerk auf höherer Ebene, als ich‘s vermag, vollbrachten. Die gedachten Lücken sind kein Manko, wenn man sich bestrebt, sie auszufüllen.“ Er sieht auf seine Uhr.
„Oh, bald Mitternacht, ich habe euch zu lange strapaziert.“ „Aber nein“, protestiert Pedro, „es war — es hat — — Hm, die Lücken stimmen auch bei mir. Können wir dich nochmal in der Metropole sehen?“ Wanger nickt: „Das läßt sich arrangieren, ich gebe euch Bescheid, wenigstens für ein paar Tage.“
„Du bist unser Gast!“ ruft Juliane. „Der Hoteldirektor hat zwar angerufen, ob du wiederkommst.“ „Ja, er war recht aufgeschlossen, abgesehen der sogenannten ‚böhmischen Dörfer‘.“ Marita lacht hell auf, Roberto aber meint, bei ihm läge auch noch viel verborgen, es wäre aber schön, wenn man immer Neues lernen könnte. Dem stimmt man bei und befriedigt geht man auseinander.
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