Kapitel 11
Der Minister teilt Beocanas mit, er könne erst am nächsten Abend kommen. „Ist mir recht“, sagt der Fabrikant, „Herr Wanger rief von auswärts an, er würde morgen wiederkommen.“ „Fein, Herr Beocana, besten Dank!“ „Ich bitte Sie, Herr Minister . . .“ „. . . unter uns bloß Cruzziano“, lacht dieser durch das Telefon. „Gern, wenn ich darf“, erwidert jener.
Auch Beocana hält ein Selbstgespräch. „Ein feiner Mann, gar nicht stolz, wie sich manche Herren geben. Hm, so war ich auch. Wanger hat den üblen Zahn gezogen und tat nicht weh. Man lernt nie aus! Ich dachte, bei mir wäre alles ‚rund‘: Reichtum, Können, guter Leumund und was so der Welt zu bieten ist. Und vom Besten wußte ich noch nichts. Ich bin richtig froh, daß mir Gott den Wanger vor die Füße stellte — als Barriere: jetzt kehre um!“ — —
Anfänglich sind die Gäste des Ministers sehr gehemmt. Wann kam zu ihnen mal ein großes Tier? Aber ‚es‘ beseitigt jede Hemmung. Die aufgeschlossene Freundlichkeit und für jeden eine Frage nach dem eigenen Zuhause löst die Zungen. Das gute Essen und ein leichter Wein steigern Freude und Vertrauen.
Schon fängt einer an zu fragen, wie er sich bei einer Sache zu verhalten hätte. Es gibt Ärger mit dem Nachbarn. Nur möchte er ihn nicht verklagen. „Daran tun Sie recht“, bestätigt der Minister. „Es gibt mit Nachbarn leicht ein Zank. Überwinden Sie doch Ihren Ärger, wenn er auch berechtigt ist.
Lassen Sie die Kränkung sich nicht merken; außerdem ist sowas nicht des ärgerns wert. Merken dann die Leute, daß Sie das Ganze nicht berührt, hören sie allmählich von alleine auf. Sie gewinnen auf die Weise zweierlei: Erstens ersparen Sie sich Ihren Ärger, der der eigenen Familie auch nicht frommt, zweitens ist es möglich, daß der böse Nachbar dadurch friedlich wird.
Ich rate Ihnen sogar mehr: Ergibt sich die Gelegenheit, daß der Nachbar eine Hilfe braucht, die Sie ihm bieten könnten, alsdann tun Sie es. Es braucht nicht gleich zu sein, nicht heute oder morgen. Ich bin überzeugt und hab‘ es selber schon erlebt, daß dahinter eine Führung steckt. Denn wer guten Willens ist, dem wird meistens auch geholfen.
Ich erlaube Ihnen, meine Herrn und Damen“, wendet er sich an die Runde, „hinter mir zu flüstern. Wenn es mir zu Ohren käme, würde es mich nicht berühren. Eines will ich Ihnen sagen: ‚Es steht geschrieben: Liebet euere Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen!‘
Ihnen sind vielleicht die Worte unbekannt; allein“, der Minister wird sehr ernst, „auch ich habe sie erst lernen müssen, ich mußte vorher die Gefahr des Todes sehen. Ein weiser Lehrer, der mich rettete, zeigte mir den Weg ins echte menschliche und christliche Gebiet. Ich wünsche gern, der Same dieses Wortes, von GOTT geprägt, fände auch bei Ihnen guten Boden.“ Er schweigt ein Weilchen und sagt dann heiter:
„Nun wollen wir auch fröhlich sein. Echte Fröhlichkeit ist eine Gabe Gottes. Wir heben jetzt auf unsere Justiz die Gläser“, spontan erhebt man sich, „und denken daran: in erster Linie geben wir dem RECHT den Vorrang, damit das ‚in dubio pro reo‘ volle Gültigkeit erhält. Dabei sei der Umstand stets bedacht, der zu einem Unrecht führen kann. Das bei dem gerechten Urteilsspruch mit einzuflechten, sei unser aller gutes Ziel!“
Gut kennt der Vicomte die ‚Leutchen‘, er hat — wie man so sagt — ins Herz getroffen. Nun erst wird man richtig fröhlich und manche trauen sich, dem Minister zuzutrinken. Mit diesem Abend kann er hoch zufrieden sein. Es ist auf seiner Reise hier die erste Stelle, wo ein Voll-Erfolg zu buchen ist. Wie hat sich da ergeben? Unwillkürlich denkt er an den Arzt, der Priester ist und vieles mehr. Ihm hat er nicht allein sein Leben zu verdanken, sondern auch den guten Pfad des Glaubens, der Erkenntnis, der besseren Menschlichkeit. Und hier — in dieser Stadt — —
Der Direktor sagt: „Herr Minister, was Sie heute lehrten, durch Wort und Tat, wird uns unvergessen bleiben! Es gibt — verzeihen Sie mir meine Offenheit — unter unseren höchsten Häuptern nicht sehr viele, die so handeln, wie Sie es tun. Umsomehr spornt es uns an, Ihnen nachzueifern. Ihr Zitat ist voll berechtigt, man sollte es mit Himmelslettern über alle Länder schreiben! Wer das befolgt, ist ein Freund des Friedens; wo Friede herrscht, da ist auch GOTT! Wir danken Ihnen, Herr Minister, daß Sie uns die Augen öffneten. Gerade im Gericht sollte dieses Gotteswort zur Richtschnur werden, dann sähe es auf Erden besser aus.
Ein Anfang ist stets bei sich selbst zu machen und das wollen wir jetzt tun, zum Wohle unsres Landes.“ Wieder springt man auf, stößt mit den Gläsern an und trinkt den letzten Schluck. Sogar Mestosanis Dank ist einwandfrei. Der Hotelbesitzer hatte sich‘s nicht nehmen lassen, im Séparée zu bedienen und nun wartet er, um den Minister zum Appartement zu bringen.
„Ich habe nicht absichtlich zugehört“, sagt er, „aber was ich mitbekommen habe, hat mir wunderbar gefallen.“ „Warum bedienten Sie uns selbst?“ fragt Cruzziano. „Das war für mich eine Ehre“, erwidert jener, „man kennt in langen Jahren der Gastronomie sich aus. Daher dachte ich, daß manch Internes mit zur Sprache kommen könnte; da war es besser, keiner meiner Leute spitzte seine Ohren. Es ist so menschlich, wenn dann einer hie und da mal quasselt.“
Cruzziano meint: „Manche Distel wurde ausgestochen, nun hat der gute Weizen freie Luft.“ Man wünscht sich eine gute Nacht. Im Salon sitzt seine Frau und liest. „Du bist noch auf? Aber marsch, es geht auf Mitternacht!“ Juliane lächelt: „Ich bin neugierig wie ein Huhn. Wie war es denn?“
„Gut! Ich bedauerte, daß du fern geblieben bist; die Damen von der ‚Firma‘ waren auch dabei.“ „Es war besser, du hast allein gesiegt. Es gibt immer Mäuler, die gern tratschen: Da steckt bloß die Frau dahinter!“ „Soll ich bei Beocanas auch allein siegen?“ schmunzelt Pedro. „Wo denkst du hin! Außerdem — ist Freund Willmut da, sind wir sowieso Statisten.“
„Du Schelmin“, droht ihr Mann. „Bei ihm gibt‘s weder Stare noch Statisten. Weißt du, so ganz einfach war die Sache nicht. Ich mußte manche morsche Mauer brechen; und dafür bessere zu bauen, ist nicht immer leicht. Mir kam vor — aber lache mich nicht aus! — ‚ als ob ein Ungesehener das Ganze dirigierte.“
„Darüber gibt es nichts zu lachen, Pedro“, sagt sie ernst, „ich halte das für durchaus möglich. Natürlich“, schränkt sie ein, „es ist nicht zu definieren. Es gibt viele Dinge, die vorhanden sind, ohne daß man sie erklären kann.“ „Hast recht“, erwidert er, „wir fragen Willmut, er kann vieles staunenswert beweisen. Gerade auf dem — wie nennt man das? — übersinnlichen Gebiet ist er nahezu ein Meister.“ „Das lass‘ ihn nur nicht hören“, warnt Juliane lachend, „und jetzt ins Bett. Ich merke, du bist müde.“ „O ja, ich bin, es war kein leichter Tag.“ —
Am nächsten Morgen gehen beide zu Mescarus. Man erwog, sich erst anzumelden, doch die würden aufgeregt und so unterließ man es. Der Tag ist schön. Beim Spaziergang lernen sie das Städtchen, zwischen Meer und Hügeln liegend, kennen. Im Gegensatz zur Metropole dominiert hier Ruhe. Die Leute hetzen nicht, die Autos rasen nicht und der Minister atmet auf.
„Mir gefällt der kleine Ort.“ „Mir auch“, bestätigt Juliane. „Sehr klein ist er aber nicht.“ „Ich meinte nur im Gegensatz zu unserer Stadt.“ Bald haben sie ihr Ziel erreicht. Ein ordentliches Häuschen, der Garten ist ein kleines Paradies. Man sieht die liebevolle Hand, die das Grundstück pflegt.
Der Vicomte bleibt davor stehen, aus den Augenwinkeln stellt er im Nebengarten ein paar ‚lange Hälse‘ fest. Er sagt absichtlich laut: „Ein sauberes Heim, da wohnen gute Menschen drin.“ Die langen Hälse werden kurz. Wer sind die Herrschaften, die ausgerechnet zu Mescarus gehen. „Die wissen sicher nicht“, sagt einer, „was hier vorgefallen ist.“
Indessen läutet der Vicomte. Mescaru öffnet. Er weiß nicht, was sich gestern zugetragen hat und staunt über den Besuch. „Womit kann ich dienen?“ fragt er höflich. „Wir wollen Sie besuchen. Drinnen stelle ich mich vor.“ Mescaru ist die Vorsicht selbst, daher sagt die Vicomtesse rasch:
„Wir bringen Ihnen Grüße von Familie Beocana und Herrn Wanger.“ Der Hausherr läßt die Fremden ein, obwohl ihm seine Sorge nicht entschwunden ist. Juliane sieht sich etwas um. Sauber, nur bescheiden eingerichtet. Als ein mittlerer Beamter könnten eigentlich die Leute besser wohnen. Der Minister wendet sich an Vilparts Vater:
„Herr Mescaru, meine Frau und mich treibt echtes Wohlwollen her. Sie sollen wissen: Ich war gestern im Gefängnis und habe Ihrem Jungen eine andere Zelle zugewiesen. Wenn auch gefangen, was nicht vermeidbar ist, so wird er doch von nun an so betreut, wie es für Jugendliche vorgesehen ist.“
Wer sind die Fremden? Cruzziano nimmt des Mannes Hände, als wolle er ihn stützen und sagt freundlich: „Leicht zu denken, wie besorgt Sie sind, wenn Sie wissen, wer ich bin. Na, von einer Frau hört sich manches leichter an.“ Auch Juliane nahm Frau Mescarus Hände in die ihren und ihre warme Stimme heimelt an:
„Mein Mann ist Mitglied der Justiz“, sie nennt nicht gleich den vollen Rang, „und unternahm eine Inspektion. Er hat im hiesigen Amt schon vieles umgestülpt, gestern. Ach was, lassen wir das Pferdchen laufen“, meint sie lustig, „er ist der Minister der Justiz.“ Das ist eine Bombennachricht. Ist denn das zu glauben? „Sie sind der Herr Justizminister? Sie haben hier — ich meine wie soll ich das verstehen — daß Sie — “ Weiter kommt er nicht.
Cruzziani drückt den Aufgeregten auf den Stuhl zurück. „Ich bin mit Herrn von Wanger eng befreundet; er kam zu mir und berichtete die Sache. Ihn Ihrer Akte steht zum Glück der Schlußvermerk: ‚Wegen Krankheit vorzeitig entlassen.‘ Stimmt nicht“, bestätigt er, als Mescaru es verneint, „immerhin sieht es nach etwas aus. Wir rechnen dem Präfekten es zum Guten an, nicht wahr?“ Er unterläßt jetzt zu erzählen, wie er diesen fertig machte, berichtet aber, daß das Gefängnis nun erneuert würde.
„Das war bitter nötig“, unterbricht Mescaru. „Der Direktor wollte dies schon längst, mehrere Beamte traten dafür ein. Der Präfekt hatte dazu niemals Geld.“ „Weiß ich; doch nun geschieht‘s.“ „O ja, mit Ihrer Unterstützung, Herr Minister, muß aber doch betonen, daß wir nicht genügend Mittel hatten.“
„Wie ich hörte“, wendet Cruzziano das Gespräch, „wollen Sie mit Ihrer Gattin außer Landes?“ „Ja! Es sieht zwar aus, als wollten wir uns von dem Jungen wenden; doch ich kenne ihn, Herr Minister, die Trennung bringt ihn zur Besinnung. Gern hoffe ich, er wird dadurch noch ein guter Mensch.“
„Wir taten alles für den Sohn“, mischt sich die Mutter ein, „nun sieht‘s aus, als hätten wir versagt.“ Langsam rollt eine Träne über die gefurchte Wange. Juliane umschlingt die Frau. „Nicht weinen“, bittet sie. „Jeder Mensch, zumal in seiner Jugend, stolpert oder fällt mal hin; deshalb braucht er absolut nicht schlecht zu sein.“ Der Vicomte nickt dazu.
„Man muß an seine eigenen Jugendfehler denken. Ich behalte mir die Sache Ihres Sohnes vor; bei guter Führung wird er eher freigelassen, oder — “ er besinnt sich kurz, „ — wie wäre es, sagen wir in ein bis zwei Jahren, wenn er sich entschließt, bei Herrn von Wanger eine Arbeit aufzunehmen? Das ergäbe mehreres: er kommt eher frei, er lernt arbeiten, er wird ein guter Mensch, und Sie, seine Eltern, sind entlastet.“
„Das wäre eine beste Lösung! Wie soll ich Ihnen, Herr Minister, für Ihre Anteilnahme danken? Mir kommt es wie ein Märchen vor: Sie höchst persönlich bei . . .“ „. . . einem Mann, der treu und ehrlich ist! Auch in der Justiz gibt‘s nicht bloß weiße Lämmer. Um so mehr sind jene zu bedenken, die unserem Beruf zur Ehre sind. Unrecht dulde ich in meinem Umkreis nicht!“
Frau Mescaru hascht nach des Ministers Hand und ehe er es wehren kann, küßt sie diese, puterrot werdend. Das kam dem Vicomte noch niemals unter. Er wird selber rot, während Juliane sagt: „Ich kann Ihre impulsive Tat verstehen, Frau Mescaru, es ist das Freiwerden von der schweren Last. Na, Pedro“, tut sie absichtlich heiter, „du hast dir eine Verehrerin geangelt.“
Er erhebt sich jäh. Die schlichten Leute können es nicht fassen, weil ein Minister ihre heikle Sache selbst zum guten Ende bringen will. So ist der spontane Handkuß zu verstehen. „Ach so“, er setzt sich wieder, „etwas will ich noch erzählen.“ „Vom Pluto?“ wirft Juliane ein. „Ja, dann verstehen auch Mescarus, auf welche Weise wir mit Wanger gut befreundet sind.“ Vilparts Eltern hören staunend die Geschichte an.
„Herr von Wanger ist ein selten guter Mensch“, sagt sie „Als er zu uns kam, war mir, als wenn . . .“ „. . . ein Bote Gottes kam“, ergänzt ihr Mann. „Genau!“ bestätigt Juliane. „Mir erging es ebenso, als ich ihn kennen lernte. Uns hat er auch zum Weg der höheren Menschen- und der Christenpflicht verholfen.“
„Darf ich Ihnen — “Er, Mescaru, kann dem Minister keinen billigen Wein anbieten. „Nur heraus mit Ihrem Angebot!“ dämpft Cruzziano die Befangenheit des Mannes. „Wir trinken gern ein Gläschen leichten Wein.“ Geschäftig holt der Hausherr eine Flasche aus dem Keller und sie die Gläser aus dem Schrank, die sie eifrig putzt, obwohl kein Fäserchen daran zu sehen war.
Cruzzianos hören, wieviel Mühe sich Mescarus mit dem Sohne gaben, und was sie für ihn sparten. „Wir sagten es ihm nicht“, erklärt der Vater, „wir kennen seine leichte Art.“ „Sie taten recht“ lobt der Vicomte. „In der Missionsstation in Europa werden Sie es leichter haben.“ Mit wenig Worten, umsomehr mit stummem Dank, drückt Mescaru des Ministers Hand und seine Lanny dessen Frau. Vom Gatter sehen sie den hohen Gästen nach, die an der letzten Straßenbiegung nochmals freundlich winken.
Sie weinen Freudentränen. Oh, Wanger ist ein Bote Gottes! Bald spricht sich‘s herum, wer heute bei Mescaru war; also wendet sich das Blatt. Echt menschlich! Die Nachbarn grüßen wieder freundlich und Frau Lanny wird in den Geschäften extra gut bedient. Da wollen sie das Böse gern vergessen und — freilich wie sie sind — bleiben sie nicht reserviert. — Am Mittag speisen Beocanas im Hotel, um die Gäste ‚auszunützen‘, wie man augenzwinkernd sagt. Cruzziano reagiert sofort:
„Aha, ich soll in die Tasche greifen? Das muß Vater Staat bezahlen, wird die Zeche gar zu hoch.“ „Sie armer Herr Minister“, neckt Marita, „von meinem Taschengelde kann ich Ihnen etwas borgen.“ „Marita!“ Entsetzt sieht Frau Beocana ihre Tochter an. Cruzziano lacht: „Das gefällt mir gut; für den Borg lade ich das liebe Mädel in den Ferien zu uns ein.“ „Die Frechheit wird belohnt?“ Auch der Vater ärgert sich. Hingegen unterdrückt Roberto seine Heiterkeit. Die ‚schiefe Fuhre‘ der Familie rettet Juliane.
„Wissen Sie, wir sind beide allzu häufig von den starren Formen der Gesellschaft eingeengt, die meines Mannes Stellung mit sich bringen. Wir sind heilfroh, ab und zu dem Zwange zu entrinnen. Es war von Ihrer Tochter lieb gesagt. Dürfen wir, mein Mann und ich, Marita in den Ferien erwarten?“
„Das ist zuviel der Ehre!“ erwidert Beocana. Marita schmiegt sich an die Mutter. „Nicht böse sein, es war mir so herausgerutscht.“ „Meiner Strafe bist du ja entronnen, ein andermal hältst du deinen grünen Schnabel.“ „Der ist rot“, korrigiert Roberto, „obendrein ganz echt, ohne Schmiere!“ „Das hat mir sofort gut gefallen; auch ich male mich nicht an und meinem Manne bin ich gut genug in der Natürlichkeit“, sagt die Vicomtesse.
„Natürlich gibt es manches, was angewendet werden kann“, fügt sie hinzu. „Allgemein altert eine Haut viel rascher, die mit Schminke und dergleichen arg belastet wird. Die Porenatmung wird blockiert und so runzelt dann die Haut.“ „Man muß sich aber doch vor starkem Sonneneinfluß schützen“, wirft Frau Beocana ein.
„Gewiß, das hat aber mit Kosmetik nichts zu tun.“ Frau Beocana gibt der Vicomtesse recht und nimmt sich vor, in Zukunft ihren Schminktisch etwas abzuleeren. Roberto sagt indessen zu der Schwester: „Ich gönne dir die Ferienfahrt; aber wolltest du Herrn Wanger nicht besuchen?“
„Das tu‘ ich in den zweiten Ferien, wenn die Eltern es erlauben.“ „Die haben ja schon zugestimmt, Kleine, und ich freue mich, wenn wir miteinander bei den lieben Negern sind.“ „Ihr wollt wohl bloß noch Urlaub haben?“ fragt der Vater. „Ich nahm an, ihr wolltet mir in Zukunft helfen.“ „Das tun wir auch, Pappano“, schmeichelt seine Tochter. „Roberto muß ja weg; was er bei Herrn Wanger lernt, kommt deinem Werk und uns zugute. Wenn wir beide uns ganz eingerichtet haben, dann machst du mit unserer Mammina einmal große Ferien.“ Sie lächelt den Vicomte an:
„Und ich gehe mit Herrn Cruzziano in das Ministerium und lerne Akten schreiben. Bei der guten Vicomtesse lerne ich, wie ich meinen grünroten Schnabel halte.“ „Das wird lustig werden!“ Der Minister drückt Marita an die Brust. Beim Bezahlen sagt Beocana: „Ich werde mich noch revanchieren, Herr Minister.“ „Ach, bei uns bleibt alles Steife weg.“ „Ich vergaß es wieder“, entschuldigt sich der Fabrikant. „Heute Abend sind Sie unsere Gäste, und morgen Mittag bitte auch. Wie lange bleiben Sie denn noch?“
„Bloß morgen; übermorgen früh geht es weiter. Heute Nachmittag bin ich noch einmal im Amt, da muß ich weiterhin ein bißchen auf die Kurbel treten.“ Roberto und Marita klatschen fröhlich in die Hände. Sie und ihre Eltern haben den Vicomte und seine Gattin lieb gewonnen, sie kehren nicht die Oberen heraus.
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