Kapitel 10
„Was melden Sie?“ Der Gerichtshofoberste Mestosani wird gelb im Gesicht. „Erlauben Sie sich noch einmal den Scherz“, donnert er den Pförtner an, „und Sie fliegen auf die Straße!“ „Das bringen Sie ja öfter fertig“, rebelliert der Mann. „Der Justizminister kam heute morgen an, niemand wußte was; er logiert mit seiner Gattin in der ‚Meereschmuschel‘.“
„Raus! Na, nichts für ungut“, hält der Präfekt den Mann zurück. „Seit wann kommt ein Minister in die kleine Stadt? Und unerwartet? Hier, nehmen Sie.“ Er gibt eine seiner besten Zigarillos her. Der Pförtner dankt, für ihn ist der ‚Fall‘ erledigt. Draußen murmelt er für sich: „Da tut sich was, er war zu aufgeregt. Na, mich geht‘s nichts an.“ Er eilt in seine Pförtnerloge, um den Justizminister gebührend zu begrüßen.
Mestosani wandert auf und ab. „Was will er denn bei uns? Hier legt man keine goldenen Eier! Ah, diese Herren haben Langeweile, so setzen sie sich also etwas in das leere Hirn. Nun, mein Amt ist in bester Ordnung. Bloß die Gefangenen — hoffentlich besichtigt er die Zellen nicht. O nein, so tief steigt ein Minister nicht“, beruhigt er sich selbst.
Er holt selber einen Aktenstoß und füllt damit den großen leeren Tisch. Er hat keine Ahnung, daß der verhaßte Wanger mit im Spiele steht. Welch Glück, der ließ sich über eine Woche nicht mehr sehen. Albernheiten, was der Mann im Schilde führt. Bloß weil er Priester ist, denkt er, er müsse alle Welt bekehren. Er öffnet rasch die Fenster, er hat schon allzuviel geraucht. In der Dienstzeit ist das allgemein verpönt.
Kaum ist die Luft ein wenig rein, wird der Minister angemeldet. Mestosani eilt zur Tür. „Welch unerhörte Ehre“, dienert er. „Herr Justizminister, darf ich bitten? Treten Sie hier ein.“ Er läßt ihn an sich vorbei. Der Vicomte grüßt gemessen, sieht sich im Raume um und nimmt einfach auf dem Sessel hinterm Schreibtisch Platz. Ein wenig wartet er, hebt wie spielend ein paar Akten hoch und sagt zu dem noch stehenden Präfekten: „Aber setzen Sie sich doch! Ja so“, lächelt er entwaffnend, „ich habe Ihren Sessel eingenommen. Sowas sollte man nicht tun, nicht wahr?“
Mestosani beeilt sich zu versichern, der Minister könne sich die Plätze wählen, er fühle sich geehrt. Devot fragt er, warum er sich nicht angemeldet hätte, man hätte ihn sonst seinem Rang gemäß empfangen. „Ach“, tut Cruzziano nebenher, „ich liebe kein so großes Trarira. Das Ministerium nimmt neue Anordnungen vor, was im nächsten Amtsorgan zur Sprache kommt. Also war es nötig, vorher möglichst alle Ämter aufzusuchen.“
Der Präfekt verbeugt sich wieder. „Trotzdem — Hm, mitunter gibt es eine Sache, die erledigt werden muß, und dann sieht es aus, als ob . . .“ „Kommt auch im Ministerium vor. Hauptsache, die gesamte Führung ist korrekt nach dem Grundsatz der Justiz: ‚in dubio pro reo‘!“ Der Vicomte sieht an die Uhr.
„Es ist noch Zeit, ich sehe den Gefangenentrakt mir an; bei zwei Ämtern hat‘s gehapert. Wohl müssen die Gefangenen in Zucht gehalten werden, aber Repressalien wollen wir nicht dulden. Rufen Sie doch bitte den Direktor, ich mache mit ihm eine Runde.“ „Darf ich mir erlauben, mich anzuschließen, Herr Minister?“ „Das halte ich für selbstverständlich.“
Es geht durch dunkle Gänge und schon moniert Cruzziano: „Das muß geändert werden! Die Fenster müssen Sie vergrößern lassen“, wendet er sich dem Direktor zu. „Hier haben die Gefangenen ein leichtes Spiel, sich zu verstecken, um auszubrechen.“ Der Direktor schielt auf den Präfekt. Er hatte es ja angeregt, doch die ‚Abfuhr‘ hat er nicht vergessen. Der Vicomte sieht den schiefen Blick und denkt sich gleich sein Teil.
Bei den Zellen hat er manches auszusetzen. Schließlich ist ein Gefangener auch ein Mensch; und trotz Gesetzeshärte soll ihm die gerechte Führung widerfahren. Er geht wahllos auf verschiedene Zellen zu und spricht mit einigen Gefangenen. Der Vicomte weiß später selber nicht, ob jemand seine Schritte lenkte. Sie sind jetzt im Erdgeschoß. Zelle 27.
„Die sehe ich noch an“, gebietet er. Der Wärter öffnet zögernd. Gerade diese ist die schlechteste, wurde aber vom Präfekten für den Häftling angeordnet. Dieser sitzt teilnahmslos auf einer harten Pritsche, auf der nur eine Decke liegt. Weder Tisch noch Stuhl sind angebracht, auf dem Boden steht ein kleiner Krug und eine Schüssel. Der Direktor heißt den Gefangenen sich erheben, vermeidet jedoch klugerweise, wer jetzt inspiziert.
„Wie heißen Sie?“ fragt der Vicomte freundlich. Erstaunt sieht der Gefangene hoch. Hier wird man sonst bloß ‚du‘ genannt; nur der Wärter ist ein bißchen netter. „Ich heiße Vilpart Mescaru“, sagt er leise. Ihn befällt die Angst, was jetzt geschehen wird. „Und warum sind Sie hier?“ verhört ihn Cruzziano.
„Ich habe“, stottert Vilpart, „wirklich wollte ich nicht töten, ich wollte nur viel Geld.“ Das ist also Wangers Sorgenkind? Gleich Güte walten lassen — ? Nein, das wäre zu verfrüht. „Das war ein dummer Streich, den Sie sich geleistet haben; damit haben Sie sich selbst gerichtet. Sehen Sie das ein?“
Seit dem Besuch der gramgebeugten Eltern ist viel stures Denken abgebröckelt. Tag und Nacht bedrückt ihn seiner Eltern Lage. Der Blick der Mutter hat ihm fast das Herz zerschnitten. Er murmelt: „Ich durfte es nicht tun, wollte nur mal ohne Sorge leben, wie der andere, der . . . “ „Wer ist der andere?“ „Ein Fabrikbesitzerssohn, sehr reich. Das hatte mich gereizt.“
„Lebt der junge Mann in Saus und Braus?“ Vilpart schweigt. Wenn er es bejaht, ist sein Verhalten zu verstehen. „Keine Lüge“, sagt der Minister scharf. „Nein“, klingt es zögernd, „doch er kann sich alles leisten.“ Jetzt spricht Cruzziano väterlich: „Es fragt sich, ob er es auch tut. Wenn nicht, so weiß er ja, daß man trotz Vermögen sparen soll. Ist er dagegen geizig . . .“ „Nein, er hat . . .“ will der Gefangene unterbrechen. „Ihnen oft geholfen?“ Vilpart nickt und sieht starr zu Boden. Diese Zelle, gar nichts als die harte Pritsche — er weiß nicht, soll er sich auf diese eine dünne Decke legen oder sich mit ihr bedecken.
„Haben Sie noch Eltern?“ Absichtlich so gefragt. Wieder dieses stille, starre Nicken und dann — tropft eine Träne auf die kalten Hände. Immer ist die Zelle kalt, ein Felsenloch. „War es Ihnen nie bewußt geworden, daß Sie Ihren Eltern Not und Angst bereiten?“ „Nein, erst hier — “ Ein armer Blick rundum zu den rauhen, dunklen Wänden. „Es ist nun sehr schwer.“
„Sich wenden ist nie leicht, lieber Junge.“ Was? Der Bursche, ein ‚lieber Junge‘? Mestosani grinst, hingegen fühlt sich der Direktor angerührt. Ein gutes Wort zur rechten Zeit kann Wunder wirken an verdorbenen Menschen, an — Er wird in Zukunft oft an den Minister denken. Als ob dieser den Gedanken spürt, wie es Wanger kann, sieht er zum Direktor freundlich nickend hin.
„Bringen Sie den Gefangenen hier heraus und diese Zelle“, er zeigt offen die Verachtung, „wird niemals mehr benützt! Ich hoffe, dem Befehl wird nicht getrotzt.“ Letzteres sagt er leise, Vilpart hört es nicht. Er denkt jedoch, daß der freundliche Mann über dem verhaßten Mestosani steht. Der hat den Vater fortgejagt, hat ihm die erbärmlichste Zelle zugewiesen, hat — —
Der Vicomte gibt ihm die Hand. „Ihre Tat bedarf der Sühne. Lernen Sie, wie man ehrbar leben muß.“ Vor diesem Mann hat Vilpart eine jähe Hochachtung gewonnen. Er beugt sein Knie, als wäre er in einer Kirche. Cruzziano dreht sich hastig um. Durch den Arzt hat er gelernt, daß man mit Güte mehr erreicht, als mit bloßer Strenge, und sei sie wirklich angebracht.
Der Direktor gibt dem Wärter einen Wink: „Zelle 88!“ Mescaru rafft sein Bündel von dem feuchten Boden auf. Den Wärter fragt er, wer der Mann gewesen wäre. „Sie haben großes Glück, Mescaru, das war der Justizminister.“ „Der was – ?“ Der Wärter nickt. „Wie komme ich dazu, daß er — “ Die Gedanken Wogen auf und ab, und wie die hellere Zelle freundlich wirkt, so kommt das Bessere in ihm zum Vorschein. Beinah glücklich fühlt er sich. „Sie waren gut zu mir“, flüstert er, „ich werd‘ es nie vergessen.“ „Na hier“, sagt der Wärter rauh, „haben Sie ‘ne Zigarette. Darf allerdings nicht sein.“ „Ich verrate Sie doch nicht? Vielen Dank!“
Inzwischen sind die Herren in Mestosanis Raum zurückgekehrt. Der Minister fängt gleich an zu sprechen: „Meine Herren, vieles ist zu ändern. Ich rüge, daß man einen fast noch halben jungen, der aus Unkenntnis des Lebens sich verirrte, so drangsaliert.“ Abwehrend hebt er beide Hände, als Mestosani widersprechen will. „Einen Jungen in ein mittelalterliches Loch zu sperren! In einem halben Jahr hätte er sich eine Lungenseuche zugezogen. Ich sehe, daß eine erweiterte Reform vonnöten ist. Solche Zustände darf es nicht mehr geben. Wie stehen wir denn in der Weltgeschichte da?“
„Aber, Herr Minister“, schafft Mestosani sich Gehör, „in manchen Staaten . . .“ „Weichen Sie nicht aus!“ wird der Vicomte böse. „Wollen Sie nach unten sehen? Ist es angebrachter, sich nach Erbärmlichen zu richten? Schluß mit der Debatte! In Kürze sind die Anordnungen durchzuführen! Nichts für ungut“, schwächt er wieder etwas ab. „Sie sind nicht der einzige Versager, allerdings der am ärgsten.“ Er sieht wieder auf die Uhr.
„Ich bin um drei Uhr wieder hier, halten sich die Herren zur Verfügung.“ Man begleitet den Vicomte hinaus. Der Direktor ist befriedigt; was er ändern wollte, hatte Mestosani untersagt, der seine Wut verbeißt. Dem Minister gegenüber hat er keine Chance; was von ‚oben‘ kommt, ist durchzuführen, sonst — —
Um ihn einzuwickeln, läßt er die Belegschaft sich in Schale werfen. Schon vor drei Uhr sollen sie in seinem Zimmer sein. Pünktlich tritt Cruzziano mit einem höheren Beamten ein, der die Ehre hatte, ihn an der Pforte zu erwarten. Alle Herren samt den Damen stehen beinah wie Soldaten aufgereiht, während Mestosani dem Minister rasch entgegengeht. Cruzziano lacht in sich hinein, nur zu leicht durchschaut er des Präfekten Spiel.
„Welch ein Aufwand“, sagt er freundlich. Man nahm an, er distanziere sich; nun entpuppt er sich als heiter schlichten Mann. Das gewinnt ihm alle Leute, die durch einige Bemerkungen, vom Präfekten ausgestreut, ihm in gewisser Angst entgegensahen. Dieses Spiel hat Mestosani auch verloren. Er spürt‘s genau, seinen Ärger sieht man ihm jedoch nicht an.
Der Minister lacht. „Da Sie sich so feierlich angezogen haben, sind Sie heute dienstbefreit und am Abend meine Gäste. Ist‘s Ihnen recht, Herr Mestosani?“ So ein — Natürlich bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als ‚ja‘ mit Dank zu sagen. Unter der Belegschaft bricht unverhohlen Freude aus und ein kleiner zugedeckter Hohn für ihren Chef.
„Der Herr Minister hat ihn prächtig eingewickelt“, sagt einer zum Direktor. „Ich glaube, heute gibt‘s noch wegen Herrn Mescaru was. Da hat er sich den Dorn ins eigene Fleisch gestoßen.“ „Bestimmt“, entgegnet jener und erzählt vertraulich, was sich im Gefängnis zugetragen hatte. „Ich rede nicht darüber“, versichert der Beamte, „nach und nach wird die Sache ruchbar werden.“ „Dann kommt‘s von allein, was schon der Umbau unsres altertümlichen Gefängnistraktes mit sich bringt.“ — Indessen bietet Cruzziano dem Präfekten eine teuere Zigarre an.
„Hm, rauchen nicht gestattet. Nun, Ausnahmen bestätigen die Regel, nicht wahr? Ja — was ich auch noch merkte: mir kam vor, als ob Ihr Direktor seinen Trakt verbessert haben wollte. Hat er dieserhalb schon einmal eine Äußerung verlauten lassen?“ „Gewiß, doch unsere Mittel waren dazumal erschöpft.“
„Warum haben Sie sich nicht ans Ministerium gewendet?“ „Wegen des Internum?, zumal die Parole ausgegeben wurde: Sparen! Mit Ihrer Unterschrift versehen, Herr Minister!“ „Wohl am falschen Platz? Eine Anfrage hätte Ihnen nicht den Kopf gekostet, und ein Internum — das betrifft die Gesamtheit der Justiz. Oder nicht?“ Mestosanis Wangen röten sich. „Ich sehe es nicht anders an. Muß aber jedes Amt bei jeder Kleinigkeit sich an das Ministerium wenden, so können Sie dafür ein eigenes Ressort erstellen. Außerdem sind wir Kleineren unmündigen Kindern gleichzusetzen.“
Den Zornausbruch belächelt der Vicomte. „Wie man sich fühlt, so ist man auch, sagt ein altes Wort. Na, übergehen wir die Sache in der Diskussion, nicht in meiner Anordnung.“ Sehr bestimmt betont. Am liebsten bliebe der Präfekt der Einladung am Abend fern, doch das wäre niemals wieder gutzumachen.
„Wir haben noch ein wenig Zeit. Ich bat den Gerichtsdiener, zur Verfügung dazubleiben.“ Mestosani schluckt. Bitten, statt befehlen —? Der Minister scheint ein weiches Ei zu sein. Er, der Präfekt, wird mit ihm ein leichtes Spielchen haben. Wie bitterlich soll er sich täuschen! Dem Gerichtsdiener trägt Cruzziano auf, die Personalakten herzubringen — alle.
„Seit kurzem haben Sie hier einen Neueingang“, Cruzziano hebt die dünne Akte hoch, „ist dafür ein anderer entlassen worden?“ „Ja, ein Herr Mescaru.“ „Wo ist die Akte? Ah — warten Sie! Das ist doch der gleiche Name von dem Jungen, den ich aus Ihrer Seuchenzelle holte?“ Jetzt wird Mestosani bleich. Er nimmt sich aber hart zusammen und sagt wie nebenher:
„Das ist der Sohn des entlassenen Beamten.“ „Geben Sie mir seine Akte!“ Es bleibt Mestosani nicht erspart, sie selbst zu holen, da er sie gesondert legte. So ein Schnüffler! Zum Glück schrieb er nur Gutes ein: fleißig, gewissenhaft, pünktlich und am Ende den Vermerk: ‚Wegen Krankheit vorzeitig entlassen‘.
„Herr Mescaru ist so krank, daß an Wiederaufnahme nicht zu denken ist?“ „Ich glaube schon“, klingt die Antwort zögernd. „Er war schon mal vorübergehend krank.“ Das stimmt. „Ich werde mich persönlich um ihn kümmern, weil er — wie es scheint — verdienstvoll war. Haben Sie veranlaßt, daß er eine Kur bekommt? Die Akte mit dem Umstand der Entlassung hätten Sie mir sofort senden müssen, man hätte ihn nach einer Kur versetzen können.“
„Die Entlassung datiert ja erst vom letzten Monatsende“, mindert Mestosani. „Trotzdem war das schon zu regeln.“ „Es hat kaum noch einen Zweck; Mescarus wollen ihres Sohnes wegen unsere Stadt verlassen, was verständlich ist.“
„Das ist ganz falsch“, fällt der Vicomte ein. „Lassen denn die Eltern ihren Sohn im Stich?“ „Ich mische mich nicht ein.“ „Mir kommt das Ganze unfair vor, da steckt gewiß was anderes dahinter. Ich will nicht hoffen, daß Sie der Urheber eines Unrechtes sind. Oder etwa doch?“ Und härter werdend:
„Mir wurde heute etwas zugetragen. Herr Mescaru ist ja gar nicht krank, Sie haben ihn des Jungen wegen einfach auf der Stelle fortgejagt. Nicht entlassen, wohlgemerkt!“ „Wie heißt der — “ Lump, wäre dem Präfekten fast entfahren, „ — der Mann, der Ihnen einen Bären aufgebunden hat?“ Er denkt an Wanger.
„Der Name täte nichts zur Sache, allein — — Wegen eines Privileg rief ich Herrn Beocana an, und sein Sohn kam ins Hotel, um eine Einladung zu bringen. Roberto Beocana bangt um die Eltern seines zwar nicht guten Freundes, dieses jugendlichen Tunichtgutes.“ Noch verschweigt er Wangers Namen und den Besuch bei ihm. „Was sagen Sie dazu?“ fragt er fordernd.
Mestosani räuspert sich. „Junge Leute bauschen gerne auf, Roberto Beocana hat von seiner Warte aus gesprochen. Wie weiß er denn, was intra-muros vor sich geht? Soll ich das Interne an die große Glocke hängen?“ „Hat sich scheinbar von allein daran gehängt“, klingt es eigentümlich hart.
„Sie mußten Herrn Mescaru schützen. So ein noch halber Bub, ich bitte Sie, der gehörte eigentlich noch vor das Jugendamt! Sie aber haben ihn verurteilt, als hätte er schon viele Leute umgebracht und haben die Gesundheit eines Jungen sehr gefährdet. Soll ich das nun auch bloß ‚intra-muros‘ auf die Seite schieben? Oder soll ich es im Ministerium zur Sprache bringen?!“
Der Präfekt wird klein. Mühsam rafft er sich zusammen. „Handeln Sie, Herr Minister, wie Sie es für richtig halten. Bedenken Sie jedoch: Ein Justizbeamter, dessen Sohn gefangen sitzt, wie sollte ich ihn schützen? Es war gut, er sei dem ‚Hinter-dem-Rücken-reden‘ hier enthoben. Ich gebe zu“, ungern macht er das Geständnis, „ich mußte es ihm nahelegen, selbst den Abschied einzureichen; da hätte ich mir viel erspart.
Wer ist ganz fehlerfrei? Meine Beamten sollten sauber sein, darum hatte ich . . .“ „. . . Herrn Mescaru fix hinausgeworfen!“ Der Minister ist jetzt ernstlich zornig. Ohne Wanger würde er zu ungunsten des Präfekten handeln. „Oh, hinausgeworfen ist ein hartes Wort“, sucht Mestosani abzuschwächen. Der Vicomte winkt ab. „Krankheitshalber zu entlassen mag für spätere Einsicht gelten. Sonst — — So billig kommen Sie mir nicht davon! Wagen Sie es nicht, Mescaru anzugehen, Sie zu decken; dadurch würden Sie sich ganz entblößen!“ Cruzziano zwingt sich zur Ruhe.
„Ich will sehen, wie die Sache aus dem Weg zu räumen ist — für Sie, weil sich Beocanas dieser armen Eltern angenommen haben. Sehr lobenswert! Die christliche Vergebung hat den Sieg davongetragen.“ Mestosani zieht die Augenbrauen hoch. Der Minister und ein Christ? Das ist doch absurd.
„Sie können lachen, Mestosani. Gerade als Justizbeamter glaube ich an Gottes Güte!“ Er erzählt das Begebnis fern im Busch, ohne Wanger zu erwähnen. „Damals sah ich mich am Ende meines Lebens. Ich konnte mich dem Elefantenbullen gegenüber doch nicht wehren. Und dann plötzlich Gottes Hilfe!
Der weiße Arzt glaubt auch an Gott und hat fern der Zivilisation für seine dunklen Brüder eine Insula geschaffen, eine christliche Gemeinde. Da gibt‘s keine Bosheit, keine Hinterhältigkeit, alles lebt in Frieden. Dort, Herr Mestosani, ist meine Seele auch gesund geworden, weshalb ich Ihnen helfen will. Meine erste Hilfe gilt Mescaru, an dem Sie unerhört gehandelt haben.
Wäre ich noch heute ohne Wissen einer Gottesgüte, dann wäre es sehr schlecht um Sie bestellt. Denn das sagen Sie sich selbst: Ihr Verhalten kann bloß die Entlassung nach sich ziehen. Nur würde ich es nicht so tun wie Sie — auch ohne Glauben. Hoffentlich handeln Sie in Zukunft anders. Denken Sie, ich habe nicht bemerkt, daß Ihre Unterstellten Sie nicht besonders mögen und manche sogar ängstlich sind? Ist denn das ein Rechtsverhältnis, wenn im ‚intra-muros‘ Angst und Schrecken wohnen? — ?
Zu mir lasse ich den Pförtner und den kleinen Aspiranten kommen, nicht anders, wie meinen nächsten Mitarbeiter. Ein gesundes Haus- und Arbeitsklima ist der Herd, auf dem man alles kochen kann. Was überläuft, nimmt man zur Seite, was gut ist, teilt man jedem aus. Vielleicht merken Sie sich die Weisheitsregel.
Ich will niemanden verderben. Dem, der ein Unrecht tut, darf man ins Gewissen reden; das ist Menschen- und auch Christenpflicht. Aber nicht die Letztere allein soll gelten. Wer aus menschlichem Gewissen handelt, handelt gut! Geben Sie mir Ihre Hand, Präfekt, ohne Zorn. Wer zornig ist, verliert die klare Sicht!“ Pedro de la Cruzziano streckt die Rechte aus und Mestosani nimmt sie auch. Fühlt er sich befreit? Ach nein. Er ist ein Mensch, der bei jedem Fehler findet, bloß nicht bei sich selbst. Trotzdem — ihm auch zur Ehre — haben des Ministers Worte ihn gewarnt.
Mestosani setzt sich in den Sessel, grübelt lange nach und ein wenig lichtet sich sein dunkles Denken. Er weiß, er hat schmählich abgeschnitten und ging am liebsten zu Mescaru, denn er müßte ja die Angelegenheit bereinigen. „Nun, nicht gleich“, sagt er zu sich selbst, „die Gelegenheit wird sich ergeben, und — meinetwegen mag der Vilpart einmal einen ganzen Tag nach Hause gehen, von mir aus mit dem Wanger.
Das mit dem Urwaldarzt und Priester sah so aus, als ob es sich um diesen handelt. Aber wenn, dann würde es mich wundern, wenn der den Cruzziano umgewandelt hat, um mich zu schonen. Hm, schonen ist ein dummes Wort und Wanger ist für mich ein Feind; der hat es auch gespürt. Warum sollte er für mich die Suppe löffeln? Hirngespinst! Die beiden kennen sich ja nicht. Kein Eklat, das war Cruzzianos Ziel und Wille.“
In abgerissenen Sätzen, auf- und niedergehend, spricht er mit sich selbst. Am breiten Fenster bleibt er stehen, starrt ins erste Abenddämmern und — „Ach so, die Einladung, man würde munkeln, bliebe ich ihr fern.“ Er muß so tun, als bestünde zwischen ihm und dem Vicomte das beste Einvernehmen. Er fährt los, gut ist es, wenn er als Erster das Hotel betritt.
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