← Zurück zu „Das ewige Licht“

Das Ewige Licht – Kapitel 9

Kapitel 9

Wanger ist verreist, hatte aber wissen lassen, in ein paar Tagen wäre er zurück. Eigenartig — man hat sich kaum gekannt und nur die Umstände führten rasch zum freundlichen Verbundensein. „Mir fehlt Herr von Wanger“, gesteht Roberto seiner Schwester. Sie nickt: „Mir auch, ebenso den Eltern.“ „Gestern wäre er beim Stadtpräfekt gewesen und heute dürfen Vilparts Eltern ihren Sohn besuchen. Ich nehme an, die Reise hängt damit zusammen. Du darfst dich bei Mescarus aber nicht verplappern.“

„Wo denkst du hin“, ereifert sich Marita. „Ich durchkreuze seine Pläne nicht; er ist ein ganz besonderer Mann. Mir kommt es vor, als hätte ich ihn längst gekannt.“ „Genauso geht es mir. Na — in einer Stunde fängt die Arbeit wieder an; sei recht pünktlich, darauf legt der Vater großen Wert.“ — —

Wanger trifft in der Landeshauptstadt ein und nimmt im ‚American-Hotel‘ ein Zimmer. Telefonisch läßt er sich bei dem Justizminister, dem Vicomte de la Cruzziano, melden. Spontan ruft dieser: „Herr von Wanger? Ah, er möchte bitte heute kommen, in meine Wohnung. Sorgen Sie für gute Fahrt. Alle Unkosten decke ich, besondere Bedienung für meinen Gast!“

Der Direktor, viel gewöhnt, legt den Hörer auf. Das hätte er doch nicht gedacht, daß der Gast, den er bei der Anmeldung im Vestibül gesehen hatte, ein Hoher wäre. Da muß er selber — — „He, Boy, welches Zimmer hat ein Herr von Wangen?“ „Zu dienen, Herr Direktor, Nummer 744.“ „Ist gut, mein Junge.“ Eine Münze fällt dem Kleinen in die Hand. Der staunt verwirrt. Vom Allgewaltigen ein Trinkgeld — ? Kam noch niemals vor.

Am Zimmer 744 wird geklopft. „Bitte?“ Wanger war dabei, sich umzuziehen. Ihm geht es wie dem Boy: er staunt, der Direktor höchst persönlich! „Was ist? Bin ich nicht ganz ordnungsmäßig angemeldet?“ „Alles in der besten Ordnung, mein werter Herr von Wanger. Aber bitte, bleiben Sie doch sitzen. Uns ist ein Fehler unterlaufen, Sie erhalten gleich ein anderes Appartement.“ Er verbirgt geschickt, daß ihm die spontane Einladung des Vicomte eine kleine Herzattacke brachte, und er ist so viel gewöhnt. Sein Hotel ist eins der ersten in der Metropole.

„Der Minister bittet Sie, sein Gast zu sein. Mein Fahrer bringt Sie hin. Der Etagenober sorgt für Ihre Sachen. Kommen Sie gleich mit!“ Er geht zur Hauptetage, wo nur ‚Auserwählte‘ wohnen. Den Arzt berührt das nicht. Die Freude dominiert, weil der Vicomte sofort reagierte, obwohl sie sich vor Jahren kennen lernten. Sonst — das Äußerliche nimmt er hin; nicht jeder Prunk läßt sich vermeiden, wenn man ein gutes Ziel erreichen will.

Daß er die teure Aufmachung nicht liebt und für dieses Geld viel lieber Armen helfen könnte, läßt er sich nicht merken, des Ministers wegen. „Sehr schön“, wendet er sich dem Direktor zu, „ich danke Ihnen für den Vorzug, der mir widerfahren ist.“ Wie er die ‚teuere Aufmachung‘ verschluckt, so der Direktor, daß es auf Anordnung des Vicomte geschah.

„Man weiß“, sagt er gewandt, „was man besonderen Gästen schuldig ist. Wünschen Sie erst einen Imbiß?“ „Danke; ich will den Vicomte nicht warten lassen. In einer Viertelstunde möchte ich gern fahren.“ „Sehr wohl, Herr von Wanger.“ Der Direktor gibt einem Pagen den Befehl: „Wagen Nummer acht am Hauptportal!“

„Ich hoffe, Herr Direktor, daß wir einmal eine Plauderstunde haben können, es wird mich freuen.“ „Mich auch“, stimmt jener ehrlich zu. Wieviel Leute lernte er in diesem Hause kennen und waren viele — hm — mehr oder weniger ‚Tongeschirr‘, auch unter Hochgestellten. Hier — ? Abwarten; doch ein Besonderer ist der schlanke Mann, dessen Antlitz neben großer Festigkeit viel Güte und noch manches mehr verrät. Auch ohne die Verbindung mit dem Justizminister, stellt er selber bei sich fest.

Der Fahrer hat die Anweisung, einen Umweg durch den schönsten Teil der Innenstadt zu nehmen, damit der Gast gleich etwas kennen lernt. Dann geht‘s hinaus in hügeliges Land, wo der brausende Verkehr der Großstadt nach und nach verebbt. Schöne Häuser, keine ‚Kästen‘, vergleicht der Arzt mit den Hütten seiner Schutzbefohlenen, die weit glücklicher und zufriedener sind als die meisten Leute in all den hochmodernen Städten — ‚Bienenwaben‘.

Wie sehnt er sich zurück in seinen Bungalow, ins Ärztehaus, das mit einer Großtstadtklinik nicht vergleichbar ist. Allein, bei ihm herrscht eine warme Atmosphäre, und er hat moderne Hilfsgeräte. Sogar ein Sauerstoffzelt nennt er sein eigen. Wie staunten damals seine lieben Schwarzen, als es kam und er es erklärte.

Ein Weg zwischen uralten Bäumen tut sich auf, am schmiedeeisernen Tor stehn zwei Diener, die bis zur Freitreppe eilig folgen. ‚Ganz große Aufmachung‘, lacht Wanger in sich hinein. Und da steht er schon, der große leicht beleibte Mann in graumeliertem Haar, gutem Hausanzug und das Gesicht strahlt ihm entgegen.

Einen Strauß Orchideen übergibt Wanger einem Diener. „Halten Sie ihn bitte, bis ich ihn der Hausfrau überreichen kann.“ Der Minister streckt beide Hände aus, seine Stimme schmettert: „Endlich einer, den ich gern begrüße! Herr von Wanger, Ihnen gilt das herzlichste Willkomm seit Jahr und Tag!“ Der Arzt ist davon berührt. Er kennt den Mann, wie warmherzig er ist, trotz manchmal harter Schale, des Amtes wegen oftmals nötig. „Großen Dank, Herr Minister, für Ihre Einladung, für Ihr Willkommen . . .“

„Papperlapapp! Für Sie bin ich der Cruzziano und Sie für mich der Wanger!“ Selten kommt es vor, daß ein Hochgestellter sich so einfach gibt wie der Vicomte. Allerdings — Wanger weiß, daß manche, die wie in einem Traumschlaf leben, ungestillte Sehnsucht nach der Wahrheit haben. Nur das Weltliche deckt ihre Sehnsucht zu. So ein Fall ist Mestosani. Nun, er will ihm helfen, wozu allerdings ein ‚Stoß‘ gehört. Vorsichtig muß er seine Sache führen; der Vicomte kann auch eisern werden, wenn — — Es komme darauf an.

In der Halle wartet eine zierliche Gestalt, die Vicomtesse. Galant verbeugt sich Wanger und übergibt ihr seinen Strauß. „Sehr verehrte Vicomtesse, besten Dank, daß Sie mir Ihr Haus geöffnet haben. Es ist mir eine große Ehre!“ Er küßt die zarte Hand. Juliane Cruzziano wurde instruiert, wie der Gast zu nehmen wäre. Sie lächelt: „Sind Sie stets so höflich wie bei kaiserlicher Audienz?“

„Nein! Es war der Ausdruck der Verehrung, die ich Ihrem Gatten schuldig bin.“ „Und was bin ich Ihnen schuldig“, zwinkert jener. „Sie wissen doch — ? “ „Nicht erwähnenswert.“ „Wie man‘s nimmt. Wie ich sehe, brennt meine Frau vor Neugier lichterloh; den Brand muß ich schleunigst löschen.“

Man begibt sich in den Speiseraum. Er ist kostbar, aber wohnlich eingerichtet. Man merkt den Genius des Hauses. Das Mahl ist gut, nicht aber übertrieben. Bei der Tafel spricht man über Allgemeines. „Das Schwere heben wir für nachher auf“, sagt der Hausherr heiter. „Denn daß Sie, Wanger, etwas auf dem Herzen haben, sieht man Ihrer Nasenspitze an.“

„O, haben Sie das auch schon festgestellt, verehrte Vicomtesse?“ Wanger wendet lustig das Gesicht ihr zu. „Ich verlasse mich auf meinen Mann“, scherzt sie. „Sie sind wie ein lieber Freund zu uns gekommen, und so lassen Sie doch meinen Titel weg, sonst fühle ich mich außerhalb der Freundschaft.“ „Du gehörst dazu“, bestimmt der Hausherr. „Dann beim Wein werden wir uns einig, wie wir zu einander stehen wollen.“ Der Salon, in den man sich begibt, ist gleichfalls wohnlich-edel eingerichtet. Da kann man ungezwungen plaudern. Der Wein funkelt in Kristallen.

„Wir besiegeln unsere Freundschaft. Gebt mir euere Hände. Ich bin der Pedro, ein . . . “ „ . . . geistiger Name“, unterbricht der Arzt. „Er bedeutet Petrus, der Verläßliche, der . . .“ „. . . Bremsen!“ ruft Cruzziano. „War das nicht der Mann, der seinen Meister bei Gefahr verriet?“ „Ja gewiß, darüber können wir gelegentlich mal sprechen.“

„Hm. Nun, meine holde Frau, die mich streng verwöhnt, heißt Juliane. Und Sie, Wanger?“ „Nichts Glänzendes: Willmut-Adalon. Schrecklich lang! Wenn schon, so bloß Willmut. „Das sind schöne Namen, sicher nordisch.“ Wanger bestätigt es und erzählt von seinem Leben in der Heimat, im deutsch-baltischen Land. „Nun wissen wir Bescheid, wo der berühmte Mann geboren ward. Du mußt wissen, liebe Juliane“, sagt ihr Mann, „Willmut ist ein außerordentlicher Arzt, Priester und was weiß ich noch. Einen zweiten seiner Art kannst du mit der Lampe suchen.“

„Aber!“ Wanger mag keinen Ruhm. „Papperlapapp“, klingt es wieder lachend. „Weißt, Juliane, ich hatte dir die Sache nicht erzählt. Als ich Afrika besuchte, geriet ich in den tieferen Busch, in Gefahren, die ich vorher nicht erahnte. Na, kurz und gut: ich hatte wohl drei Eingeborene bei mir, die verwöhnten ‚Herrchen‘ blieben fern. Doch wie es dann so kam: die Neger rissen aus, als plötzlich durch das Dickicht ein Ungeheuer kam, ein Elefantenbulle.

Da stand ich nun, der Herr Minister“, glossiert sich Cruzziano selbst, „und dachte nicht einmal vor lauter Angst an meinen Tod. Ein leises Knacken hinter mir und mir ging der Schreck zum Kopf hinaus: ‚Ah, die Elefantendame kommt dem Herrn zu Hilfe, von hinten, wie bei Frauen üblich. Es war aber eine leise Stimme: „Bleiben Sie ganz ruhig stehen, rühren Sie sich nicht!“ Dafür war gesorgt, ich war eine — na, Willmut, Sie als Priester müssen die Geschichte wissen, — eine ‚Säule‘ war ich“ „Eine Salzsäule, wie Lots Weib.“

„Genau so war es! Gutturale Rufe um mich und meinem Freund, dem Elefanten. Er schlenkerte mit seinem Rüssel, blieb aber stehen. Und neben mir erschien ein Weißer und paar Neger. Einer ging auf den Bullen zu. Und was meinst du, Juliane? Er nahm ihn bei dem Rüssel und ging mit ihm dahin wie ein Mann mit seinem Bernhardiner.

Vor lauter Staunen ging mir meine Puste aus. Der Weiße lachte . . . hat dich ausgelacht“, wirft Juliane ein. „Ich weiß jetzt, wer er war.“ Dabei zeigt sie auf den Arzt. „Ja, während mir es übel wurde. Der große Schreck, die Hitze, na ja. Viere trugen mich mit unaufhörlichem Geschnatter. Ich sah noch ein paar Häuser, Hütten und dann war ich weg.

Als ich erwachte, klang es neben mir wie spöttisch: ‚Ach, da sind Sie wieder! Ich bin hier der Arzt‘, sprach der Weiße, ‚Sie sind in guten Händen. Wie kommen Sie dazu, allein und wie ich merkte, ohne jegliche Erfahrung, ohne Waffen, in den Urwald einzudringen?

Wären wir nicht unserm Pluto, der ausgerissen war, nachgegangen, konnte es für Sie sehr böse werden.‘ ‚Der Elefant heißt Pluto? Das versteh‘ ich nicht‘ ‚Kann ich mir denken. Wir haben neben unsrer Arzt- und Missionsstation ein Tierreservat, zu dem Pluto und ein paar Elefantendamen mit gehören. Wir schützen das Getier vor ‚blinden Knallern‘. Pluto ist an sich sehr zahm; freilich, wenn ein Wild sich wieder frei bewegt, muß man damit rechnen, daß es sich dann wieder wild benimmt.

Bleiben Sie noch eine Weile liegen. Wo gehören Sie denn hin?‘ Ich nannte meinen Namen, Titel und unser Konsulat, von dem allen, wie mir schien, der Doktor nicht viel hielt.“ „O doch“, wehrt Wanger ab. „Ich dachte freilich, wie möglich ein gescheiter Mann solche Dummheit machen könnte.“ „Damals war es dumm“, bestätigt der Vicomte listig, „aber heute ist es nicht mehr dumm; denn ich habe Sie gefangen, Sie bloß Ihren Pluto!“

Fröhlichkeit bricht aus, die sich kaum legen will. Juliane wischt sich die Tränen aus den Augen. „Das war echt Pedro“, sagt sie zu Wanger, „solche Dinge leistet er sich gern.“ „Gar nicht schlecht“, meint dieser, dessen stets herzfrohes Lachen im Raume widerhallt. „Und was, Freund Pedro, machen Sie mit dem Gefangenen? Unser Pluto läuft im Gehege frei umher.“ „Ich halt‘ Sie fest, lieber Willmut, so unserer Freundschaft nach. Sonst — ich kann Sie Ihren lieben Negern doch nicht nehmen.

Du mußt wissen, liebe Juliane, seine Neger waren sehr um mich besorgt, sie brachten mir sogar Geschenke, wertlose Ketten, Ringe und dergleichen mehr; für mich aber waren diese Gaben wertvoll.“ Er holt aus seinem Arbeitsraum ein kleines Kästchen. „Das hast du noch nie gesehen, da ist alles drin.“ Er öffnet es. Fein säuberlich liegt der Tand auf dunklem Samt.

„Ich hob es auf“, sagt der Vicomte gerührt. „Mein Helfer hatte mir versprochen, wenn er einmal hier in dieser Gegend wäre, käme er zu mir, um — wie er damals sagte — sich zu überzeugen, ob ich vom ‚Plutoschreck‘ genesen wäre. So ist er, der Freund! Auf diesen Tag hab‘ ich gewartet, seit rund sechs Jahren.“ Er hält ein wenig inne, wie um sich zu besinnen und erzählt dann weiter:

„Am nächsten Tage wurde ich samt einem Neger auf die Elefantendame Mary aufgeladen und fort ging es, von der Gesamtstation eine große Strecke weit begleitet. In unserm Konsulat riß man Maul und Augen auf, als ich per Elefant vor dem Portal erschien. Kurz und gut — man war froh und der schwarze Helfer lud statt meiner viele Gaben auf die Mary, vor allem Medizin und Dinge, die der Arzt noch nötig brauchte. So Juliane, nun weißt du die Geschichte.“

„Das ist wie ein Wunder“, murmelt sie. „O Freund Willmut, tausend Dank, Sie haben meinen Mann gerettet! Ich weiß es noch: als Pedro damals von seiner langen Reise wiederkam, war er oft in sich gekehrt; fragte ich ihn aber, was er hätte, sprach er nur: ‚Die Reise hat mich angestrengt, ich muß mich erst erholen.‘“

„Wunder — ? Es war Zufall oder Schicksal, allerdings ein gutes“, räumt der Minister ein. Wanger sieht auf seine Hände im stillen Ringen um das ‚Wort‘, das er den lieben aber ziemlich glaubenslosen Freunden geben will. Es ist nicht immer leicht, den ersten Brückenträger herzustellen, geschweige einen ganzen Brückenbau. Nun hebt er seine Augen auf, stark und sonnenhell.

„Zunächst spielt es keine Rolle, wie man ein Geschehen nennt. Der Gläubige sagt gern zu allem ‚Wunder‘, wenn er nicht, was wichtig wäre, realistisch denkt. Andere wieder wissen nichts von dem Kontakt zwischen sich und Gott. Der Kontakt ist da, geleugnet oder von ihm gar nichts wissend. Unsere Lebenskraft, die wir steigern und auch hemmen, über die wir ernstlich nicht verfügen können, muß aus einer Quelle kommen, wie alle Wasser dieser Welt aus Quellen fließen, aus verborgenen und offenen.

Guten Gläubigen ist GOTT die offenbare Quelle, an der sie sich erlaben. Für solche gibt es weder einen Zufall noch Geschick. Da gibt es bloß die ‚Führung‘! Wunder als Begriff wurde beim Erstehen christlicher Gemeinden allzu sehr mißbraucht. Was man nicht erklären konnte, vor allem nicht erklären wollte, wurde mit dem Ausdruck ‚Wunder‘ präpariert. Heute wundern sich die Kirchen, daß man allgemein an Wunder nicht mehr glaubt.

Allerdings — an präparierte braucht man nicht zu glauben. Wunder sind die ‚Tatsachen Gottes‘, Licht-Realitäten, die uns beinah unzugänglich sind. Beinah, sage ich! Wären sie es ganz, dann gäbe es kein Bindeglied zwischen uns und Gott. Von Gott zu uns bedarf es dessen nicht, weil Er als unser Schöpfer der ‚Besitzer‘ ist. Er besitzt uns, ob wir wollen oder nicht.

Die Kirchen stellen noch zuviel ins Undefinierbare, weil sie die Licht-Realität nicht kennen. Doch gibt es gute Kirchenlehrer, die Gott als höchste Realität erkennen. Die meisten sind schon auf dem letzten Weg zu ihr, die im Umbruch unserer Welt der Menschheit noch gegeben werden wird.

Nicht so, als ob Gott sie noch nicht hergegeben hätte. Oh, Er hat sie immer offenbart und bleibt bestehen: Er Selber ist zu mancher Zeit gekommen, um den Materiellen Sich zu zeigen. Er hat Sein Wort durch die Propheten künden lassen, und Er tat Wunder über Wunder! Solche, liebe Freunde, die der Licht-Realität entstammen, die im ‚Gesetz der Schöpfer-Ordnung‘ vor sich gehen.

Denken Sie darüber nach: Wir rechnen — wenn wir der Geschichte glauben wollen — ab Adam bis zur baldigen Wende unseres Jahrtausend rund sechstausend Jahre aus. Nicht auszurechnen ist die Zahl der Menschen samt der Kreatur, die bisher die Welt bevölkerten. Rechnen wir von einem einzigen Menschen den Güterverbrauch eines einzigen Jahres aus — Speise, Trank und andere Bedürfnisse, die er nur aus seiner Trägerwelt bezieht, aus der Erde.

Auf welche Weise werden die verbrauchten Güter stets erneuert? Denken wir an den Verbrauch von Öl, Kohle, Erzen und dergleichen. Man müßte sich doch sagen, wenn das Jahrtausende der Erde weggenommen wird, warum schrumpft sie nicht einmal zusammen? Allein die Milliarden, die die Erde übervölkert haben, was brauchen sie bloß Tag für Tag! Dabei ist man stolz, weil der Mensch der ‚Erfinder des Verbrauches‘ ist!

Wo es herkommt, wie es sich ergänzt, darüber wird das Köpfchen nicht zerbrochen, höchstens ab und zu aus Angst, weil der Mensch der ‚Ausrotter‘ dessen ist, was das Leben eigentlich erhält. Ich sprach mit einem Wissenschaftler über diese Dinge, und was meinen Sie, war dessen Antwort? ‚Es ergänzt sich alles aus sich selbst. Ein Samenkorn platzt auf, wächst und bringt seine Frucht vielzählig wieder. Die Natur ist der Kraftgeber aller Dinge.‘ Dabei klopfte er mir auf die Schulter, sah mich an und dachte: ‚Armer Irrer, auch du glaubst noch an einen Gott?‘

Das ist allgemein der Mensch von heute. Wer fragt danach, welch eine Kraft im Samenkörnlein ruht? Schön, wäre dieser Krafttrieb die Natur — der Begriff ist dehnbar wie ein ausgedrehtes Gummiband —‚ wer und was ist die Natur? Der Mensch wäre diesenfalles auch ein Stück Natur und weiter nichts. Dabei ahnt er nicht, welche Kräfte ihn im Schlafe überkommen. Er kann den Schlaf nicht regulieren, er ist dem ‚nächtlichen Geheimnis‘ ausgesetzt.

Überdenkt ein halbwegs verständiger Mensch die Fragen, müßte er zur Einsicht kommen und erhält sie auch, daß all die ‚unbestimmten Kräfte‘, die in Wahrheit unser Leben sind, unmöglich aus einer an sich toten Masse kommen, aus der Nur-Natur. Nehmen wir ein Blatt vom Baum und wie schnell schrumpft es zusammen. Es kann sich aus sich selber nicht erhalten, es braucht den Ast, den Stamm, die Wurzel und aus ihr die Nahrung!

Das gilt im höheren Sinne auch uns Menschen. Ohne Bindung an die Macht des Schöpfers, an Seine — wie ich sagte — Licht-Realität, sind wir weniger als ein Grashalm, den die Sense schnitt. Diese Bindung an des Schöpfers herrliche Gesetzmäßigkeit im Ablauf unsres Lebens, der sogenannten natürlichen Geschehnisse, sind die wahren Wunder Gottes! Dahinein lassen sich auch Dinge flechten wie jenes, lieber Pedro, das uns finden ließ.

Damals sagten Sie beim Abschied, mit jeder Bitte könnte ich zu Ihnen kommen, Sie würden — wenn möglich — mir stets helfen. So hat der Schöpfer damals vorgesorgt, ohne unser beider Wissen, daß jetzt ein Bund zu schließen war, ich mit einer Bitte komme und Sie samt Ihrer Gattin etwas hören, was Sie auf jene Straße führen kann, die des Daseins Bestes finden läßt: Glaube an die Gottheit! Vielleicht werden Sie bald inne, wie allein auf dieser Basis sich das Leben friedlicher gestaltet.“

Es ist still. Wanger sieht durch das breite Fenster zum schön gepflegten Park hinaus, während der Minister sich verstohlen seine Hände reibt. Seine Frau ist tief berührt; sie würde gern den Mann umarmen, der ihr brachte, was sie von Jugend auf vermißte. Sie hat zwar stets gedacht, es gäbe einen Gott, hatte aber niemand, mit dem darüber ein Gespräch zu führen war.

Daß es auch in ihrem Manne wühlt, ist ihm anzumerken. Sie kennt ihn ja so gut. Mit nichts darf man ihn drängen, er will immer selber schöpfen, ob es seinen Dienst oder Dinge hier im Haus betrifft, das bleibt sich gleich. Er füllt wieder alle Gläser, um der Ungewißheit aus dem Weg zu gehen. „Wollen wir erst einmal trinken; dann kommt Ihre Bitte an die Reihe.“

Wanger hat keine andere Reaktion erwartet. Der Most muß gären, der Same Wurzel schlagen, das Herz dem Licht sich öffnen, alsdann kann das Weitere folgen. Er hebt sein Glas und sagt nach einem Schluck: „Ein feines Tröpfchen, wenn ich auch kein Kenner bin. Ich trinke selten Alkohol, auf meiner Arbeitsstätte nie.“

Wer springt über seinen eigenen Schatten? Dabei ist die ‚Predigt‘ keineswegs verklungen. Im Gegenteil! Der Vicomte hat die Argumente akzeptiert, sie sind ihm nur zu unbequem. Ihm geht‘s wie Beocana, der sich fragte, was seine Herren sagen würden, wenn er sich ‚bekehrte‘. Cruzziano ist‘s schon jetzt, als ob seine Herren tuscheln würden: ‚Der Minister spinnt.‘ Bis er das einmal verkraftet hat, braucht sicher seine Zeit.

Den Gedanken ‚sieht‘ der Arzt und fängt beiläufig an, die Sache mit Mescaru zu erzählen. Er beginnt mit der Begegnung von Roberto Beocana und daß er dessen Freund durchschaute. Sehr hebt er hervor, daß dessen Vater ein ehrenvoller Mann und Beamter wäre und wie er von dem Stadtpräfekt behandelt worden sei. Bei dieser Darstellung springt der Vicomte hoch, seine Stimme grollt:

„Das hat sich der Gerichtshofoberste erlaubt? Ah, der soll mich kennen lernen! Solche unfähige Verantwortliche werden ausgemerzt! Ich . . .“ „Darf ich unterbrechen?“ Wangers Frage dämpft schon etwas die Erregung. „Nehmen Sie den Mestosani nicht in Schutz!“ „Gerade das will ich tun“, der Arzt sieht den Minister zwingend an. Es ist eine Kraft, der nicht auszuweichen ist. Dem Vicomte kriecht es über seinen Rücken — kalt und heiß; mit Gewalt löst er den Blick von Wanger. Der spricht ruhig weiter:

„In Schutz zu nehmen bedeutet nicht, Fehler zuzudecken. Auch ist alles auszugleichen. Würde Mestosani seines Amts enthoben, gäbe es viel Rederei und an Ihnen, Pedro, bliebe das Gerede hängen. Sie wissen selber, was hernach die Folge ist. Darf ich einen Vorschlag machen?“ „Ich bin begierig.“ Das klingt noch immer böse. Der Arzt tut, als merke er es nicht.

„Haben Sie schon Ihre Ämter inspiziert?“ „Was hat denn das damit zu tun?“ „Viel!“ „Hm, die in großen Städten schon.“ „Geht es gegen Ihr Programm, auch die kleineren Ämter einmal zu beehren?“ „Beehren ist sehr gut gesagt!“ Unwillkürlich lacht der Hausherr. „Ah, ein feiner Plan!“ Er schlägt dem Arzt so kräftig auf die Schulter, daß derselbe seinen Mund verzieht.

„Aber Pedro!“ rügt die Frau. „Hat‘s weh getan?“ lacht Cruzziano wieder. „Ziemlich; Pluto stupst viel sanfter mit dem Rüssel.“ „Die Elefanten im Porzelanladen — ich weiß Bescheid. Nichts für ungut, lieber Willmut, ich bin mit Ihnen einig.“ „Dazu bedarf es keiner Schlägerei“, zankt Juliane. „Hm, ich nehme nächstes Jahr bei Pluto Unterricht, wie man mit sanften Fäusten haut.“

„Du Bär!“ Sie umarmt ihren Mann und bittet Wanger, er möge doch verzeihen. „Zu verzeihen gibt es nichts; wenn Ihr Gatte wirklich kommt, hat Pluto schon gelernt, wie er statt meiner wiederschlägt.“ „O weh“, tut Cruzziano kläglich. Nach einem heiteren Hin und Her entfaltet Wanger seinen Plan.

„Mestosani darf nicht wissen, daß ich hier gewesen bin. Sie unternehmen eine Inspektion. Einmal umgekehrt, fangen Sie erst bei den kleinen Stadtgerichten an, zwei oder drei in der Nähe liegend, und kommen Sie stets unerwartet. Sie besichtigen auch die Zellen, reden mit den Inhaftierten und nehmen Einblick in die Akten. Alles wird geführt, daß Ihnen auch der Vilpart unterkommt.“ „Geführt? Wie ist das möglich? Sind Sie denn dabei?“ „Nein, man würde merken, daß ich dahinterstecke. Mein Plan, Mestosani aufzuhelfen, moralisch, meine ich, wäre dann im vorhinein zunichte.

Es gibt geheime Führungen, wenn jemand bloß das Gute will; man kann sich durch Gedanken einer Macht bedienen und — das glauben Sie noch nicht — durch ein Gebet. Umgekehrt können böse Menschen eine Macht mißbrauchen, doch dann ist es nie die gleiche. Vielleicht ergibt sich einmal das Gespräch darüber. Jetzt denken wir nur an das gute Ziel.

In der Personalakte von Mescaru wird der Präfekt kaum angegeben haben, warum er ihn auf einen Tag entließ. Den Grund muß er Ihnen sagen. Eine kleine Abreibung wird dem Dünkelhaften helfen, nicht mehr ungerecht zu handeln. Er ist überdies nicht sehr beliebt, er kehrt zu sehr den Obersten heraus.“

„Dagegen gibt‘s ein Kräutlein, das ich ihm servieren werde. Was tun wir mit Mescaru? Ich hebe ihn in einen höheren Rang.“ „Manchem würde das genügen, Mescaru nicht. Des Sohnes wegen ist es gut, sie gehen ein paar Jahre fort.“ Der Arzt berichtet, was er und Beocana unternommen haben, um der Familie aufzuhelfen.

„Ob ich dich einmal begleiten könnte?“ fragt Juliane ihren Mann. Er bejaht. „Und wann fahren Sie?“ fragt Wanger. „Ich kann es Ihnen morgen sagen“, erwidert Cruzziano. „Sie sind am Mittag unser Gast, ich werde vormittags die Sache regeln. Wir unternehmen dann noch eine Fahrt, damit Sie etwas von der Gegend mitbekommen. Hier ist‘s schöner als in Ihrem Busch.“ Der Doktor lächelt.

„Das sagen Sie, weil Pluto . . .“ „Nein, ich möchte wirklich nicht bei Ihnen leben. So mal zum Besuch — ganz schön. Sonst — ?“ „Schon recht, Pedro; immerhin — wir brauchen kein Finanzamt, haben unsere eigene Justiz, die ohne Schreiberei floriert, bis auf das, was ich notiere, um unsern Fortschritt festzuhalten. Verkehrsampeln, Ober- oder Unterwege und was mehr, was den Verkehr zwar regelt, aber auch erschwert, haben wir nicht nötig. Aber hören Sie:

Wir bauen eine Piste, falls wir einmal rasche Hilfe brauchen. Das Flugzeug fehlt uns freilich noch.“ „Vielleicht fällt Ihnen eines aus dem Himmel.“ Er faßt gleich den Plan: seine eigene Regierung muß ins Säcklein greifen, um dem tapferen Arzt zu helfen. Ha, nimmt er sich vor, ich komme selbst per Flugzeug an, und zurück reite ich auf meiner Elefantendame Mary.

In wenigen Tagen hat der Priester viel erreicht, materiell, vor allem geistig. Cruzziano und auch der Hoteldirektor haben jene Gasse eingeschlagen, die er ihnen weisen konnte. Mit Dank im Herzen fährt er in den Ferienort zurück, zwei Tage später, als der Vicomte. Das hatten sie noch abgesprochen.

← Zurück zu „Das ewige Licht“