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Das Ewige Licht – Kapitel 8

Kapitel 8

„Unerhört“, schimpft Canncia im Kontor, „der Vater dieses — Sie wissen“, er hustet, „und der traut sich her! Freilich“, grunzt er hämisch, „der ominöse Fremde ist dabei. Wer weiß denn — “ Man hat getuschelt und die Hälse lang gereckt. Da steht Mary Dabbati, die den Jüngsten der Belegschaft immer schützt, energisch auf, jedoch ruhig sagend, sich an Canncia wendend:

„Es wundert mich, gegen einen Unschuldigen zu hetzen. Kann Herr Mescaru nicht auch eingeladen worden sein? Ein Akt menschlichen Verstehens? Fräulein Beocana ist zu Mescarus hingegangen, um der leidgeprüften Frau zu helfen. Ohne die Erlaubnis ihrer Eltern hätte sie das nicht getan.

Ich halte mich aus übler Rederei heraus; man soll jene, die ein Leid zu tragen haben, nicht noch schlagen!“ Gelassen nimmt sie ihre Arbeit wieder auf. Es ist still geworden, jeder schleicht an seinen Tisch und Canncia hinaus. Gegen Mary Dabbati, die feine Dame, wie man sie achtungsvoll bezeichnet, ist nicht anzugehen. Sie genießt beim Chef den besten Ruf.

Der Lehrling schlängelt sich mit einer falschen Akte zu ihr hin: „Ganz große Klasse!“ Sie legt verstohlen einen Finger auf den Mund und schickt ihn mit dem Schriftstück fort. Canncia kommt wieder, geht hin und her, brummt vor sich hin und setzt sich mürrisch hinter seinen Tisch.

Indessen läßt Herr Beocana auch die Tochter rufen, die seit heute Volontärin ist. Mescaru ist bedrückt, er wagt kaum zu reden. Da sagt Marita plötzlich: „Herr Mescaru, der Vater meint es gut mit Ihnen. Es gibt halt dumme Leute, die bloß tratschen, aber selber Dreck am Stecken haben. Vilpart ist zwar tief gesunken“, sie sagt ganz offen, „doch ich glaube, Sie werden später auch noch Freude an ihm haben. Warten Sie es ruhig ab.“

Beocana freut sich über seine Tochter. „Ja, er dachte eben: ‚Habe ich viel Geld, dann kann ich lustig leben.‘ Er weiß noch nicht, daß Errafftes allzurasch verrinnt. Sehen Sie den Schmählingen ins Auge, Herr Mescaru!“ Leicht gesagt; er hat beim Eintritt in das Werk gar manchen Blick erhascht, zumal den von Canncia. Den hat Herr Wanger auch mit aufgefangen, darum fügt er an:

„Ganz recht, wenn Ihnen vorhin auch paar Leutchen scheel begegnet sind.“ „Hier im Hause?“ Beocana ist, wie meistens, gleich erregt. Das soll einer wagen! „Wer war denn das?“ fragt er hastig. Wanger winkt beschwichtigend: „Am Tor und auf dem Hofe ein paar Leute, das wiegt nicht schwer.

Auch Canncia; doch dem liege ich bereits im Magen und da hat er Herrn Mescaru mit verschluckt.“ Roberto und Marita prusten los, der Vater sagt jedoch: „Den kauf‘ ich mir!“ „Ich würde das nicht tun“, rät Wanger. „Solche werden nur gereizt und reden dennoch, was sie wollen. Übergehen ist die beste Medizin. Doch kommen wir zur Sache“, lenkt er ab. Beocana wendet sich auch gleich Mescaru zu:

„Sie und Ihre Frau wollen unsre Stadt verlassen. Jetzt das Beste, was Sie tun. Ihr Haus wollen Sie vermieten? Sehr vernünftig! Ich nehme es für einen meiner Pförtner. Ah, Canncia ziehe ich hinzu, aber erst möchten Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sein. Die Pförtnersfrau ist rüstig; auch halte ich die Augen offen, damit Ihr Eigentum gewissenhaft verwaltet wird. Wären Sie mit dieser Abmachung zufrieden?“

Mescaru gibt dem Fabrikanten rasch die Hand. „Bei Ihnen bin ich sicher. Sie glauben nicht, wie ich erleichtert bin. Denn sonst ?“ Er bedachte es, ob sich jemand finden würde, wo der Sohn — und wenn, dann sicher nur zum kleinsten Preis. Es wäre viel verlottert worden.

„Gut“, sagt Beocana, „wollen wir uns unser Männlein kaufen, nach der Richtschnur Herrn von Wangers.“ Er ruft durch die Sprechmuschel seine Sekretärin, die sich freut, weil man Vilparts Vater mit dem Fremden kommen ließ. Ein gutes Zeichen! Vom Lehrling hatte sie gehört, was zwischen ihrer Freundin Mary und dem Canncia vor gefallen war. Jetzt sagt der Chef: „Bitte, Fräulein Kingtown, Herr Canncia möchte sofort kommen, und Sie mit dem Stenoblock.“ Beocana reibt sich wieder mal die Hände. „Wart! mein Lieber, die ‚Blicke‘ sollen dir vergehen!“

Die Gerufenen kommen. Roberto flüstert seiner Schwester zu: „Der läßt nicht mal Papas Sekretärin vor sich ein.“ Marita zieht ein Schnutchen: „Ach, der!“ Canncia rafft sich zusammen, er muß beide Herren grüßen, was er mit einem steifen Bückling absolviert. „Sie kennen sich bereits“, sagt Beocana freundlich, „und so können wir die Angelegenheit erledigen.

Es handelt sich“, klärt er Canncia auf, „um Mescarus Haus. Sie verlassen unsere Stadt.“ „Ah!“ unterbricht der Vorsteher. „Wohin, wenn ich fragen darf, soll‘s gehen?“ „Fragen dürfen Sie“, mischt sich Wanger ein, „doch gesagt wird nichts! Nicht, was Sie denken“, eine warnende Rüge, die Canncia erröten läßt. „Mescaru‘s stehen unter unserm Schutze der Missionsgesellschaft; und bei dieser wird intern gehandelt. Was Außenstehende nicht zu wissen brauchen, werden sie auch nicht erfahren.“

Eine kalte, sehr gesunde Abreibung. Mescaru atmet wieder dankbar auf. Wunderbar — Herr von Wanger ist jeder Situation gewachsen. Die Sekretärin zuckt schon ihren Stift. Ihre Freude und die Hochachtung vor Wanger sind verdeckt. In den kurzen Tagen hat sie es verspürt, daß durch ihn das Arbeitsklima mit dem Chef ein besseres geworden ist. Da macht die Arbeit viel mehr Freude. „Bitte, schreiben Sie“, wird sie aufgefordert.

„Herr Mescaru vermietet mir, Alfons Beocana, auf unbestimmte Zeit sein Grundstück, ohne Inventar. Der Mietpreis, wegen Währung erst noch festzulegen, wird pro Quartal im voraus auf die Missionsbank überwiesen. Sobald Herr Mescaru oder seine Erben wieder selbst das Haus bewohnen wollen, wird es innerhalb sechs Wochen frei. Das gilt auch für meine Erben.“ Es werden noch die nötigen Klauseln angefügt und die Anwesenden müssen unterzeichen, auch Canncia. Hätte wohl Mescaru gestern noch gedacht, daß sich das Leid, bis auf den Sohn, zum Guten wenden würde — ?

„Brauchen Sie mich noch?“ fragt Canncia devot den Chef. „Nein, Sie sollten nur im Bilde sein, falls mir plötzlich — na ja — — Sie wissen nun Bescheid.“ Klingt zwar wie nebenher gesagt, den Unterton versteht der Mann. Mit Mühe unterdrückt er seinen Groll, er fühlt sich vor Mescaru und vor Wanger bloßgestellt. Mit knappem Gruß verläßt er eilig das Büro.

„Soll ich den Vertrag gleich schreiben?“ fragt Irina Kingtown. „Das soll Frau Dabbati tun. Marita, trage es hinüber.“ Sie kommt zurecht, als Canncia die ‚Sache‘ im Kontor verkünden will. Betroffen geht er in den Nebenraum. Ausgerechnet muß die ‚kleine Katze‘ kommen. Marita weiß, was sie dem Vater schuldig ist. Ein Blick traf Canncia, wie fragend: ‚Was geht hier vor?‘ Sie gibt die Akte Frau Dabbati: „Machen Sie dieselbe bitte fertig, vierfache Ausfertigung und bringen Sie das Schriftstück gleich herüber.“

„Was schreiben Sie?“ „Nichts da!“ wehrt Frau Dabbati. „Was wir wissen sollen, wird verbreitet. Ansonst — — “ ‚Wieder ganz große Klasse!‘ Der Lehrling will sich‘s für sein Leben merken, wie man denken, sprechen und auch handeln soll. Die Beschützerin ist ihm die beste Lehrerin geworden. Er denkt später oft an sie zurück und bereut es nie, seinem Idealbild nachzueifern. — „Nun gehen wir mal durch das Werk“, sagt im Büro der Chef, „Ihr Prestige, Herr Mescaru, wird gleich steigen.“ Er gesteht sich heimlich ein — vor kurzem wäre ihm das niemals eingefallen; erst durch Wanger hat er sich gewandelt. Und wie froh ist er. Nicht bloß kalkulieren, jeden Tag kein anderes Bedenken als das ‚Werk‘. Ach, wie hat das oft belastet!

Es gibt offene und verstohlene Blicke, ernste und devote Grüße, ausbalanciertes Ausweichen. Letzteres zum Glück nur selten. Und am Abend weiß es fast die ganze Stadt, was ‚vorgegangen‘ ist. Auch dem Stadtpräfekten wird es zugetragen. Der sinnt: ‚Da wird der Fremde sicher wieder zu mir kommen.‘ Lupus in fabula!

Am andern Morgen ‚kreuzt‘ er auf. Mestosani unterdrückt die Wut. Ein gutes Einvernehmen vortäuschend, sagt er heiter: „Ah, Herr von Wanger, seien Sie gegrüßt!“ Der Ausruf ist zu laut, das joviale Lächeln zu gekünstelt, man merkt es, was dahintersteckt: Angst. Der Arzt grüßt freundlich reserviert. Die ‚gute Geste‘ wird dem andern fix vergehen.

„Haben Sie, Herr Stadtpräfekt, die Akte über Vilpart eingesehen?“ „Ich bekam sie heute morgen“, lügt jener ungeniert. „Nun, man wird ja laufend unterrichtet. Morgen mögen die Mescarus kommen, auf zwei Stunden, ich will nichts dawider haben, obwohl — Sie wissen, an sich ist es nicht gestattet.“

„Sie irren! Menschlichkeit ist stets am Platz und abzumildernde Paragraphen immer anwendbar. Daß in einem Amt die Hausgesetze einzuhalten sind, weil ja die Insassen . . . “ „Eben!“ „Warum sind Sie Herrn Mescaru auf der gleichen Ebene nicht begegnet?“ Der Amtmann läßt dem Zorn die Zügel schießen. „Ich habe meinen Herren angeraten, von Mescaru . . .“ „. . . Herr Mescaru!“

Der Oberste wird rot. Mit Mühe sich beherrschend, sagt er hastig: „Ich befahl, im Amt die Sache totzuschweigen und den Kollegen nicht mehr zu erwähnen. Somit entfällt für uns intern das Ganze. Sind Sie nun damit zufrieden?“ Aufreizend gefragt.

„Nein! Ihr Fehler ist nicht totzuschweigen, indem Sie nicht mehr drüber sprechen wollen. Es bleibt Ihnen kaum erspart, die Sache zu bereinigen.“ „Und wie, meinen Sie, müßte ich das tun?“ Ein heiseres Lachen folgt. „Soll ich Mescaru kniefällig um Verzeihung bitten? Oder soll ich einen Aushang schreiben?“ Das etwas feiste Gesicht verzerrt sich höhnisch.

„Beides können Sie sich schenken! Sie verpaßten es und der Makel bleibt auf Ihnen, als Oberster des Gerichtshofes ungerecht zu handeln. Ihre Kniebeuge wäre dem Beamten peinlich — Ihretwegen! Etwas will ich Sie entlasten, wenn Sie jetzt zur Einsicht kommen. Ein anderer, und zwar Herr Beocana, hat von sich aus die zertretene Ehre wieder hergestellt, den Makel, den Sie den armen Eltern angeheftet hatten, wieder weggenommen.“

„Es ward mir zugetragen“, unterbricht der Oberste gereizt, „wie Beocana . . .“ „Aber, aber, der Fabrikant ist auch ein ‚Herr‘! Oder nicht?“ Wehoweh! Welch ein Fehler! „Es ist selbstverständlich, daß ich Herr Beocana sage, selbst wenn einmal im Eifer sich ein Wort verliert. Er ist in der ganzen Stadt geachtet, Herr von Wanger, das können Sie sich merken!“

„Gemerkt habe ich schon was“, lächelt dieser. „Das Sich-verirren trage ich nicht weiter.“ Ein versteckter Seufzer. Genau so hat der Oberste gedacht. Der Fremde ist scheint‘s besser, als — — Immerhin, ihm wäre recht, er hätte Wanger nie gesehen. Was kann er dafür, daß alles durch den Vilpart, dem verflixten Burschen . . . In die Gedanken sagt der Arzt:

„Herr Beocana hat Mescarus Ansehen wieder hergestellt. Ihnen wäre das wohl nie gelungen. Gestern Abend saßen wir gemeinsam in der ‚Meeresmuschel‘, bei gutem Wein. Die Leute in der Stadt sind über diese edle Tat begeistert. Wären Sie bereit gewesen, so etwas zu tun?“ Entsetzt hebt Mestosani beide Hände. „Ich? Wo denken Sie denn hin! Es ist ein Unterschied, ob Herr Beocana als Privatmann sich dazu verleiten läßt . . .“

„Von mir?“ Absichtlich spöttisch eingeworfen. „Jawohl!“ Die Wut klimmt in den dunklen Augen hoch. „Nur Sie haben das vermocht, Sie sind wie ein Hexenmeister, ein — “ Mestosani hustet. Wiederum ein Wort zuviel. „Bloß gut“, lacht Wanger herzlich, „daß wir nicht im Mittelalter leben, sonst hätten Sie mir gleich den Scheiterhaufen angebrannt.“

„Pah! Ein hochgestellter Mann, wie Sie, sollte sich mit solchem Irrsinn nicht befassen!“ „Und Sie, als hochgestellter Mann, sich nicht vom Jähzorn treiben lassen!“ Das war ein Treffer. Mestosani wischt sich über seine Stirn, öffnet rasch ein Fenster und stöhnt: „Heute ist‘s entsetzlich heiß, es wird ein Wetter kommen.“

Wanger übergeht das Spiel. Zorn und Wut sind zwei Dämonen, die die Seele in den Abgrund eigenen Verderbens stoßen. Und niemand ist dran schuld, als wer sich nicht beherrschen kann. Ihm zu helfen, dazu gehört, ihn — wenn nicht anders möglich — sogar dem Abgrund zuzuschieben, so, als fiele er bereits hinein.

„Gut, die Eltern sollen erst mal ihren Jungen wiedersehen. Bevor sie aber diese Stadt verlassen, verlange ich, daß er einen ganzen Tag nach Hause darf. Durchaus unter Aufsicht, was nötigenfalls ich zum Besten der Beteiligten übernehme. Ein Aufsehen in der Stadt könnte so vermieden werden, und die Eltern würden nicht aufs neue üblen Zungen ausgesetzt.“

„Sind Sie noch bei Sinnen?“ schreit Mestosani. „Das gebe ich nie zu, das darf ich gar nicht tun!“ „Sie dürften, weil ein Sonderfall besonders zu behandeln ist!“ „Jedes Wort ist überflüssig; ich sage nein, und dabei bleibt es auch! Überdies“, eine hämische Frage, „warum befassen Sie sich bloß mit diesem Vilpart?, weshalb mit dem Komplicen nicht? Das Verbrechen hat Mescaru angestiftet.“ „Genau! Vergessen Sie nur nicht, das enthält die Akte auch, daß der Kumpel wiederholt Ihr Haus beehrte und ein Gewohnheitsverbrecher ist, zwar kein ganz schwerer Junge.

Bedenken Sie dazu: meine Hilfe gilt den Eltern!“ „Und dem reichen Fabrikanten“, höhnt der Präfekt. Da — ein kalter Blick entblößt ihn förmlich. Aber manchmal ist ein hartes Wort die beste Pille, für einen Mann, der bloß sich selber kennt, jedoch eigene Gedanken und das eigene falsche Tun bei allen andern sieht, nur niemals bei sich selbst.

„Es erübrigt sich, Ihre Ansicht zu erwägen.“ Zu gemessen ist die Art der Sprache, als daß sie nicht bedrücken würde. „Sie werden von mir hören. Noch das eine: Sie verurteilen viele Leute, manche mit dem Recht der Welt, seltenst mit dem Gottesrecht, manche ungerecht. Verurteilen Sie auch jenen, der dem Gönner, der zur steilen Höhe half, die Ehre nahm? Sie wissen doch Bescheid!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schließt sich hinter Wanger leis die Tür.

Ein tief Getroffener bleibt zurück. Was hinter ihm im Leben liegt — ah — —‘ Das nagt wie eine Natter: Was weiß der Fremde und woher — ? Hat er wirklich ihn gemeint, oder war es bloß ein Schuß ins Blaue? Gewiß — der andere ist tot, der kann nichts mehr reden, warnen, noch verraten. Die Gefahr, die manche Nacht die Ruhe raubte, ist schon längst gebannt.

Energisch streicht der Oberste die Stirne glatt. Unsinn, alles Unsinn, was der Fremde faselt. Hm — das Mittelalter — da käme mancher rasch zum Schweigen. „Auch du!“ Er fährt entsetzt zusammen. Das war eine Stimme, er hat sich nicht getäuscht. Doch doch, ich habe mich getäuscht, der Fremde hat mich ganz verhext.

Hastig stürmt er fort, sucht Freunde auf, verläßt sie wieder, geht in ein paar Kneipen, wo er sich noch niemals sehen ließ, trinkt viel und torkelt heim. Vergeblich sucht er Ruhe, Schlaf, Vergessen. Die Bilder jagen sich, sie stehen auf, sie sind da. Er hat sie ganz umsonst begraben.

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