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Das Ewige Licht – Kapitel 7

Kapitel 7

Kaum ist Herr von Wanger im Quartier, kommt die Wirtin, die ihren Gast aufs liebenswürdigste bedient. „Ein Paket für Sie, Herr von Wanger“, strahlt sie förmlich, „aus Europa!“ „Fein!“ freut er sich und macht kein Hehl aus dem Geheimnis.

„Das bekommt ein Mädel.“ „Oh!“ Die Frauenaugen werden kugelrund. Der Mann sieht nicht so aus, als ob er sich verlieben würde. „Nicht was Sie denken, Frau Cottassa. Es ist für Fräulein Beocana. Und Sie werden staunen: Maiglöckchen aus Europa.“ „Maiglöckchen? Wie sehen die denn aus?“

„Ich gehe dann zu Beocanas; vorher dürfen Sie mal riechen.“ „Ach wie freut mich das! Wünschen Sie noch ein Getränk?“ „Nein, besten Dank.“ Sie bleibt noch drucksend an der Türe stehn. „Na“, fordert Wanger auf, „wo drückt der Schuh!“

„Bei mir selber nicht; ich hörte, daß Mescarus Junge im Gefängnis sitzt. Frau Mescaru ist mit mir befreundet und täte mir sehr leid, wäre ihr das widerfahren.“ „Ist recht, Frau Cottassa, von Mescarus sich nicht abzuwenden. Übrigens ist‘s wahr. Dieser Vilpart wollte einen Mord begehen. Die Eltern haben keine Schuld, die sind einzig zu bedauern.“

Er erzählt, ohne anzugeben, daß er Roberto zweimal retten konnte. „Wie gemein! Sie hat mir oft die Not geklagt, ihr Junge mache ihnen vielen Kummer. Aber noch gemeiner, daß die Nachbarn niederträchtig sind. Na, denen stecke ich ein Lichtlein auf, die können sich ja gratulieren!“ Wanger schmunzelt.

„Mit ernsten Worten läßt sich aber mehr erreichen als mit öder Schimpferei. Zudem hat Marita Beocana schon mit wenig Worten viel erreicht, hat für Mescarus eingekauft, hat dran gedacht, daß die leidgeprüfte Frau ungern in Geschäfte geht, wo sie sicher schlecht behandelt worden wäre.“

„Das tu‘ ich nachher auch.“ „Heute nicht mehr, liebe Frau; Marita hat für mehrere Tage vorgesorgt. Gehen Sie wie üblich hin, und Sie rühren nicht das Unglück an.“ „Sie haben recht, so werde ich es machen.“ Sie geht in ihre Küche. „Ah, welch guter Mann, macht wenig Mühe und das Quartiergeld kann ich bestens brauchen und —“ Leise zählt sie jeden Vorzug von ihm auf.

Wanger geht, nachdem er umgekleidet ist, zur Wirtin und zeigt die buntglasierte Schale mit den Blumen her. „Oh, die sind ja aller liebst, und wie sie duften! Da wird sich die Marita freuen!“ „Kennen Sie sie denn?“ „In ihren Ferien hatte ich sie einmal mit dem Bruder bei Mescarus angetroffen.“

Achtsam trägt er sein Geschenk. Ja, Marita wird sich freuen, das steht außer Zweifel. Er kauft auch für Frau Beocana einen Strauß, und so, mit Blumenzauber ausstaffiert, kommt er an der Villa an. Der Hausmann sieht ihm kommen und eilt, um ihm zu öffnen. „Herr von Wanger, das wird die Herrschaft freuen!“ Beflissen nimmt er Hut und Mantel ab.

Mit großer Freude wird der Gast aufs herzlichste begrüßt. „Was haben Sie denn hier?“ fragt Marita und zeigt gleich auf das weiße Eingewickelte, während Wanger seinen Strauß der Hausfrau übergibt. „Heute hat Marita einen Vorzug, liebe Frau Beocana; ich hoffe, daß es von mir nicht ungehörig ist.“

„Aber nein“, beschwichtigt sie. „Und die schönen Blumen, sie sehn wie Lilien aus.“ „So ähnlich; und wenn es Sie erfreut, so bin ich ja entlastet.“ Er lacht sein herzfrohes Lachen. Behutsam nimmt er nun die weiße Hülle ab. Alle stehen um den Tisch herum. Ein süßer Duft steigt auf. „Das sind Maiglöckchen?“ fragt Marita. „Oh!“ Zarte Röte überhaucht die jungen Wangen. „Soll dieser Blumengruß denn mir gehören?“ Zaghaft sieht sie hoch.

„Maiglöckchen! Der Himmel hat sie heute hergebracht, und das ohne Wunder“, meint Wanger schalkhaft. „Ein Flugzeug war der Bote. Sie gehören Ihnen“, er drückt ihr die schöne Schale in die Hand. „Ach“, stottert sie, „das kann ich doch nicht nehmen.“ „Für dich Naseweis ist‘s viel zu teuer!“ Herr Beocana poltert etwas, um seine Rührung zu verbergen. „Das hat sie wirklich nicht verdient“, meint auch die Mutter.

„O doch! Mich freut‘s, dem Maiglöckchen Maiglöckchen zu schenken; dazu verdient. Sie war lieb und tapfer, wie ich kaum jemals ein so junges Mädchen kennen lernte. Sie können stolz auf Ihre Tochter sein.“ „Und auf mich nicht?“ fragt Roberto und zupft die Schwester an den Locken. „Wie kannst du bloß!“ entsetzt die Mutter sich. Des Ärztes Augen glänzen hell. Die seelische Gesundung bei Roberto geht voran, er hätte sich sonst nicht den Scherz erlaubt.

„Sie ahnen es, ob der Eltern Stolz berechtigt ist, bestätigte es aber gern. Zufrieden, Roberto?“ „Sehr!“ Wanger zeigt Marita, wie sie ihre Blumen pflegen soll. „Sind sie verblüht, so setzt man sie ins Freie. Ich zeige Ihnen eine Stelle, wo sie wiederkommen und viele Jahre Ihre Freude daran haben werden.“ Er wendet das Gespräch und erzählt, daß er Mestosani überraschte.

„Wie? Ohne mich?“ ruft Marita. „Dem hätte ich den . . .“ „. . . Marsch geblasen“, ergänzt Roberto, „und ich hätte mitgeblasen.“ Er trägt den Eltern seines Freundes, der ihm zum Feind geworden ist, nichts nach. Er hält auch zu ihnen. Das ist jenes Zeichen, daß der Geist in ihm die Herrschaft angetreten hat, obgleich er das nicht selber weiß — noch nicht.

„Marschgeblase können wir uns schenken. Mestosani hat sich über sich geärgert, zwar nicht seiner falschen Handlung wegen. Immerhin — es ist das erste Schrittlein wie bei einem Kind, das noch nicht weiß, wohin es gehen soll. Bis dessen harte Seelenschale einmal aufgebrochen ist, dauert es ein gutes Weilchen. Wir befassen uns deshalb mit etwas anderem.“

„Mit Philosophie“, brummt Beocana und fühlt sich nicht sehr wohl dabei. In Wirtschaft, Produktion, Politik ist er ein Meister. Darin aber, wo der Mensch zum wahren Menschen wird — in dem Glauben an die Gottheit — ? Allein, es lebt in ihm das unbewußte Sehnen, durch den Arzt erweckt, sich hinzuwenden, wo des ‚Menschen unvergängliches Leben blüht‘. Noch ist‘s wie ein erstes Morgendämmern, das noch keinen Schlaf verscheucht.

Wanger weiß: er muß helfen, — nicht aus sich, nein — der große Helfer hilft, auch wenn er zum Einsatz kommt. Was sind meine Hände, und was mein Wort gegenüber jener hehren Sprache, gegenüber Gottes allmachtsvoller Schöpferhand — ? Seitdem sein Geist an seines Lebens Ruder kam, hat Wanger niemals anderes gedacht, geglaubt, gelehrt was bei ihm stets zum Durchbruch kommt.

„Es ist nicht leicht, daß der Mensch sein erstes Ich gewinnt. Das zweite, am diesseitigen Leben hängend, an allerlei Vergänglichem, das mit unserm Leib in dessen Grube sinkt, oh! — das ist stark im Vordergrund. Gewiß bezieht sich das auf die Entwicklung unseres planetargebundenen Daseins, ist‘s ja von Kindesbeinen an der Trieb, etwas zu erlangen und zu werden, egal, auf welcher Basis Trieb und Wunsch basieren.

Ein kleines Kind hascht gern nach diesem oder jenem, die Umwelt eines Zimmers — für das Kindlein ungeheuer groß — in Augenschein zu nehmen. Da wird alles mit den Händchen angefaßt, nach blanken Dingen streckt es sich zuerst. Welch ein Zeichen für das Werden unseres ersten lange unbekannten Ich!

Der Geist zwingt zum selbstbewußten Leben, zur Besitzergreifung dessen, was die Augen sehen können.“ Roberto fragt, wie es da bei Blindgeborenen wäre. „Das besprechen wir ein andermal. Die Seele, die zwischen geistigem und weitgebundenem Dasein eine Brücke ist, irdisch nicht sofort das erste Ich erkennt, greift nach äußerlichem Tand. Glanz ist der Magnet, dem sie zumeist verfällt. Das bleibt bei vielen durch das ganze Leben so.

Doch ist die Seele jener Steg, den man aus Erkenntnis gehen soll. Der Mittelpfeiler an der Brücke, unser Geist, ist ein Gottesfunke allmachtsvoller Herrlichkeit. Der erste Pfeiler ist der Glaube oder jener Wille, sich dem Besseren hinzugeben. Das — ich hebe es nicht sonderlich hervor — sah ich an Roberto und Marita. Für die jungen Leute ist‘s nicht abgeklärt, aber es ist da, es drängt, ohne die exakte Rechenschaft zu kennen: warum will ich das tun. Der dritte Pfeiler ist für alle Dinge stets das Ziel.

Im Aufbruch zu dem ersten Ich, von dem wenige etwas wissen, nichts wissen wollen, kann erst unterm Wege bleiben, das Warum der Handlung zu ergründen. So wenig man vom Kind verlangt, daß es wüßte, weshalb es nach den hellen Gegenständen greift, so wenig auch im Wachsen der Erkenntnis, ob des Menschen Tun und Lassen durch die eigene Kontrolle der Gedankenwelt geschieht.

Wer verliert den Drang, nach Glänzendem zu greifen? Wo es in den Abgrund führt, ist es die Begierde; bei Verantwortungsbewußten ist‘s der Wille, ein wertvolles Völkerglied zu sein. Letzteres erstreckt sich auf das weltäußerliche Leben. Nennen wir es Wirtschaft und die Produktion, die Politik und alle Wissenschaften, mit denen man der Menschheit dient — dienen will.

Das ist nicht verwerflich, betrifft jedoch das zweite Ich. Es kann ins erste Ich hinüberragen; und tut es das, dann gelangt der Mensch ins Stadium des Vollendetsein, soweit es diesirdisch möglich ist. Das echteste Vollendetsein erreicht man nie auf dieser Welt. Bloß stufenweise können wir hinan und genügt‘s vollauf, wenn jede Stufe ein ‚Vollendet‘ zu verzeichnen hat.“

„Zwei ‚Ich‘ sind mir gänzlich unverständlich“, unterbricht Herr Beocana „Ich bin ‚ich‘, eine einzige Person und habe folglich nur ein Leben. Mir kommt, was Sie, Herr von Wanger, eben äußerten, ein bißchen — “ Er hustet, er mag den Gast nicht kränken. „Äußern Sie sich ruhig“, mahnt Wanger, „es schadet nichts, etwas Unbekanntem einen falschen Namen anzuhängen.

Dabei ist‘s so einfach, die beiden Ich-Personen zu erkennen. Ein Beispiel: Sie müssen sich entscheiden. Zwei Gedanken stehen auf — ein Für, ein Wider. Beides läßt sich nicht vereinigen. Sie fragen sich: was soll ich tun? Zunächst beziehe ich das ‚was‘ auf Ihre Produktion, ob Sie einen Mann befördern sollen oder nicht, Arbeit- suchende einzustellen oder abzuweisen wären. Immer war und ist es dieses Zweierlei.

Das Beispiel hinkt, trotzdem zeigt es jene Unterschiede an. Auf ganz anderer Warte steht das Zweierlei des erdgebundenen Ich. Wenn ich nicht wüßte, daß in Ihnen“, er zeigt auf die Lauschenden, die teils gespannt, teils zwiespältig sind, „der höhere Trieb vorhanden ist und zwar nicht nur durch den von GOTT gegebenen Geist, sondern gleichfalls durch ein ehrbewußtes Denken, — ich hätte dieses Thema nicht berührt.

Noch schauen Sie es an wie eine Speise, dem Kindlein fremd, das deshalb danach schlägt und sich weigert, sie zu nehmen. Erst nach vorsichtig eingeflößten Proben merkt das Kind, daß die Mutter ihm was Gutes gibt. Nach und nach verlangt es selbst die Kost. Eben so ergeht es unserer Seele.

Hier gilt unser Geist als Mutter, die die Speise zubereitet hat, von Gott empfangen. Der Geist kann es, wie von Gott gegeben, ganz verwerten, muß es aber für die Seele — sagen wir — verdünnen, bis der kleine Seelenmagen kräftig wird und allmählich die kompakte Geisteskost verträgt.“

„Darf ich wieder unterbrechen?“ fragt Beocana, Wanger nickt. „Es wundert mich“, sagt jener, „daß Sie so — als Vergleich — so Kindliches für höhere Gedanken wählen. Wäre die exakte Abhandlung nicht angebrachter?“ Das Argument zeigt Wanger an, daß Beocana sich mit dem Gedankengut befreunden will, ob auch das Verlangen noch im Halbschlaf liegt. Wieder jenes liebe Lächeln, das die festen Züge des Gesichtes ungemein verschönt und aus des Arztes hellen Augen wie ein Leuchten bricht, als er entgegnet:

„Sie hätten recht, wenn — und auf dieses ‚wenn‘ kommt‘s an. Seien Sie nicht ungehalten, weil Sie etwas nicht besitzen, jetzt noch nicht. Vorhanden ist der Keim, der unter Ihrer ‚Erde‘ hochzustreben sucht. Wieder ein Vergleich, für Erwachsene nicht angebracht? Und ist doch der beste, weil von GOTT gegeben.

Ein Samenkorn entwickelt sich nur unter einem guten Land. Oben auf liegend würde es verderben. Der Schutz der Erde schenkt ihm seine Kraft, damit es keimen und auch reifen kann. Wüchse dieses zarte Grün erst obenauf — die Sonne würde es verbrennen, starker Regen niederdrücken. Durch den Kampf, weil das Pflänzchen durch das Land sich durchzuringen hat, erstarkt es so, daß es — allgemein — des Daseins Stürmen trotzen kann.

Ebenso ergeht es uns, wenn wir etwas Neues aufzunehmen haben. Mit einem noch so gut geschulten Vortrag, ohne jedes Bildbeiwerk, ist wenig zu erreichen. Leute, die des Redners Wissen haben, werden daran lernen, beziehungsweise sich mit diesem einig fühlen. Was ist damit erreicht? So gut wie nichts!

Herr Beocana, Sie blicken stolz auf Ihre Arbeit. Deshalb wehren Sie die kindlichen Vergleiche ab. Der Heiland aber sprach: ‚Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnt ihr nicht das Himmelreich ererben!‘ Heißt das kindlich werden, kindisch denken? Keineswegs! Allein die Lebensschule, die mit eines Kindes erstem Atemzug beginnt, schenkt uns alle jene Bilder, die besser sind als wissenschaftlich fein geschliffene und ausgeklügelte Reden.

Sie haben sich noch nie mit Gott befaßt, ein Fehler Ihrer Eltern, die glaubenslos gewesen sind. Unbekannt ist Ihnen Gottes Wort, und wie wunderbar der Heiland Seine Lehren gleichnishaft den Menschen bot. Wieviel Gleichnisse bezog Er auf das natur- und weltgebundene Leben! Wenn Sie das erst einmal kennen lernen, dann werden Sie Ihr erstes Ich, den Geist, verstehen und demselben in sich selbst den Vorrang geben.“

Beocana kratzt sich leicht die Ohren. Hm — es ist etwas an der Lehre dran. Wie linde Luft umweht es ihn; er braucht den Gast jetzt nicht mit einem falschen Wort zu kränken. Noch bäumen sich in ihm Gedanken auf, der weltmännische Stolz, die Frage, ob die ‚vielen Herren‘ ihn belächeln würden, die, wie er, nichts anderes bedenken als Geld verdienen, eine Rolle spielen, Industriekapitän und mehr zu sein! Das ist ihr eigentlicher Lebenszweck.

Er wird verspottet, wenn man seine ‚Umkehr‘ merkt. Denn nimmt er diese Lehre an, dann darf er nicht mehr dulden, was hie und da in seinem Kreis von Gott geredet wird. Ein Kampf — er wird heute noch nicht ausgetragen; noch steht der Sieg am Horizont. Aber er steht dort wie eine mahnende Gestalt, von Licht umflutet, und als käme sie ihm näher, als wenn — —

Der reife Priester, Arzt, Helfer und noch manches mehr, wartet in Geduld. Ob sich schon ein Same regt, ob das Keimen länger währt, überläßt er Gott, Dem er allezeit vertraut. Er tut recht daran! Man kann von einem, der nie an Gott gedacht, doch nicht erwarten, daß er wie ein junges Blatt am Baum sich dreht, der Sonne zu. — Der Lohn für alle seine Mühe bleibt nicht aus.

Die Kinder sehen ihren Vater an. Es ist der Jugend Vorzug, sich rasch für etwas zu entscheiden, sobald es zum Bedürfnis wird, sich von dem Manne lenken lassend, dem sie ihr Vertrauen schenken. Und selbstverständlich, daß Sie ihre Eltern auf die gleiche Basis ziehen wollen. Die Mutter, die in den Kindern nunmehr lesen lernte, sieht auch auf ihren Mann, der auf seiner Stirn die Falten auszustreichen sucht, als ob er damit etwas bannen möchte.

„Ich merke“, er sieht dem Priester dabei ins Gesicht, „daß Sie es mit uns ehrlich meinen und aus Überzeugung handeln, mich — mich zu bekehren. Soll man sich bekehren lassen? Ist‘s nicht männlicher, wenn man selber, ob man — ob man nicht —“ Wanger nickt. „Ein Mann sollte selbst zum neuen Weg gelangen. Nur kommt es darauf an, ob der Mensch die Straße kennt, ob er weiß, wer und was die Wanderstütze ist. Ist ihm das bewußt, so braucht er keine fremde Anregung. Wenn nicht, muß er eben wachgerüttelt werden. Das eben hat Gott für Sie vorgesehen.

Ziehen Sie nur nicht die Brauen hoch, Gott wäre Ihnen unbekannt und so hätte Er auch keine Pflicht, Sich um Sie zu kümmern.“ Beocana wendet sich ein wenig ab, um sein Erschrecken zu verbergen. Genau so hatte er gedacht. „Recht haben Sie! Eine Pflicht kommt für den Schöpfer nie in Frage! Er handelt aus der Schöpfer- macht der Liebe, bedenkt der Menschenkinder armen und oft krummen Weg, und — ER weiß zu helfen! Denn ohne GOTT sind wir ein Haufen welker Blätter, vom Wind verweht, wenn wir fest an der Materie hängen!

Gewiß ist es erstrebenswert, während seines Erdenlebens etwas zu erreichen; und gibt man vielen Leuten eine Existenz, so ist es eine gute Tat auch vor Gott. Wer jedoch bloß ans Vergrößern seines Eigentumes denkt, wenn man nichts der nackten Seele bietet, dann schrumpft die beste Tat in sich zusammen und wird nach dem Leibestod zur bitterschweren Last.

Das ist keine Angstmacherei“, wehrt Wanger den Gedanken ab, der sich bei Beocana auf die Zunge drängt. „Es ist jene klare Sicht der Dinge, mit denen viele ungern sich befassen, weil es das materielle Leben hemmt.“ Ein neuer Treffer in die Gedankenwelt des Fabrikanten, als Wanger weiterspricht:

„Statt kirchengehen kontrolliere ich mein Kassebuch, wieviel Gewinn die Woche brachte.‘ So denken viele im großen und im kleinen Stil. Allerdings — das Kirchengehen macht‘s nicht aus. Ein stilles Händefalten ist oft besser, als ein bloß ‚sich sehen lassen in der Kirche‘. Das ist ohnehin ein Selbstbetrug.“

Roberto mischt sich ins Gespräch, wie es damit stünde, daß man in die Kirche gehen müßte und es eine große Sünde wäre, wenn man das nicht tut. „Ein Schüler sagte mal zu mir: ‚Ich tue meinen Eltern den Gefallen, aber in der Kirche lerne ich Vokabeln.“ Es bricht ein heiteres Gelächter aus. Wanger meint nachsichtig:

„Es ist lobenswert, daß der Bub aus Liebe zu den Eltern tut, was diese wünschen; und noch ist‘s besser, dann Vokabeln lernen als an törichtes Vergnügen denken. Immerhin — auch das ist Selbstbetrug, obgleich da die Kirchen schuldig sind, sie drohen ja den Gläubigen mit widerlichen Strafen, die törichter sind, als Vokabeln während eines Kirchenganges zu studieren.

Ich stehe keineswegs dem Kirchentum entgegen. Es kommt ja darauf an, wie man selber denkt und handelt. Ein guter Priester, deren gibt es viele, kann ein Segensträger sein; andere sind Mietlinge, wie der Herr einst jene Templer nannte, die gleichfalls nur verbrämte Kleider trugen, doch: ‚Euer Herz ist leer‘!

Das gleiche gilt den Kirchengehern. Ist ihr Sinn auf GOTT gerichtet, dann ist ihr Weg gesegnet, selbst wenn ein Mietling auf der Kanzel steht. Gehn sie aber hin, um sich zu zeigen, dann kommt der Segen eines guten Hirten nicht auf sie. Hier angemerkt: Nicht der Priester segnet, er ist nur Vermittler. Der Segen kommt allein aus unsers Gottes Hand!“

Da fragt Marita schüchtern: „Herr von Wanger, Sie sagten, daß der Segen eines guten Priesters nicht auf jene käme, die nicht wahren Herzens sind. Es heißt aber doch, Gott wäre gut. Ich zweifle nicht daran, ja ich bin darüber froh, weil auch ich mein Weglein zu Ihm finden muß. Wäre es nicht gut, wenn solche auch den Segen hätten? Ich brauche ihn, weil ich Gott bisher nicht lieben lernte. Und daß Sie zu uns kamen“, des Mädels Augen glänzen hell, „halte ich für einen unverdienten Segen.“

Auch des Priesters Auge glänzt. Er sagt verhalten: „Das war der Glaube eines Kindes! Ihr Bedenken ist berechtigt; aber merken Sie jetzt auf: Könnten nicht gerade faule Feigen, was die Nur-Kirchengeher sind, durch ‚nicht-gesegnet-sein‘ vom Schöpfer angesprochen werden? Ein Beispiel diene:

Ein Kind reißt sich von den Mutterhänden los und bleibt trotzig stehen. Eine kluge Mutter geht ruhig weiter und sieht nur verstohlen nach dem Kind zurück. Es dauert gar nicht lang, so fängt der kleine Trotzkopf an zu gehen, manchmal weiter von der Mutter weg; doch höchst selten soweit, daß es nicht mehr seine Mutter sieht oder wo dieselbe auf der Straße eingebogen ist.

Es läuft der Mutter nach. Dennoch greift es manchmal nicht nach ihrer Hand. Und wieder ist es klug, faßt nicht sie nach ihrem Kind, sondern wartet, bis der letzte Trotz versiegt. Nicht nur die Angst treibt das Kind zurück; es ist jene ‚Lebensbindung‘, die aus der Eltern Akt entsteht.

Nicht anders, zwar unbegreiflich heiliger und wunderbarer, wirkt die Lebensbindung an den Schöpfer. Kein Geschöpf, selbst wenn es sich sehr lang vom Schöpfer wendet, bleibt für immer von Ihm fern. Sein ‚geheimes Umsehen‘ nach dem Trotzkopf ist so einmalig gut, wie es nie in seiner Tiefe zu erfassen ist! Aber manches aus dem großen Gottes-WIE und -WARUM ist zu verstehen, wenn wir die scheinbar menschlichen Begebnisse vergeistigt werten.

Gottes Vatersegen bleibt immer auf der ganzen Kinderschar, auf den guten wie auch auf den bösen. Bloß wirkt Sein Segen sehr verschieden. Gott ist kein Schuster, der nur seine Leisten kennt! Er ist auch kein Landmann unserer Erde, der — wohl zwar gut — seinen Samen einfach streut. Bei dem Schöpfer kommt auf jedes Körnlein an, wie und wohin es fallen soll. Auch weiß ER am besten, wann es einmal Wasser oder Dürre braucht.“

„Sie können das so fein erklären“, lobt Frau Beocana. Nebst der Lehre ist‘s die Sprache, die sie stark gefesselt hat. „Als Mädchen ging ich auch zur Kirche. Manchmal war es schön, mitunter leer. Als junges Ding konnte ich nichts richtig unterscheiden. Und später —“ Sie sieht ihren Gatten an, dem sie willig folgte und weltlich war ja ihre Ehe gut.

„Das braucht Sie nicht mehr zu bedrücken“, beschwichtigt Wanger. „Sie können viel erreichen, wenn Sie das ausgestreute und aufgenommene Samenkorn des Schöpfers hüten und umsorgen lernen. Gott tut absolut nicht alles Selbst! O, Er schafft stets zuerst; doch Er hat es uns zur Hand gegeben, selbst zu handeln und anderen zu helfen. Er hilft den Kindern gern durch Kinder! Nicht fälschlich soll man beten: ‚Herr, Du tust alles ganz allein!‘ — Es ist spät geworden, Sie brauchen Ihre Ruhe, denn ein Arbeitstag erfordert Ihre Kraft.“ „Ihre auch“, ruft Marita, „Sie müssen Ihren Urlaub nützen, damit Ihre braunen Kinder wieder eine volle Stütze haben.“ „Recht so, kleine Samariterin!“

„Was tun Sie morgen?“ fragt Beocana, indessen er schon nach dem Auto läutet, das den Gast nach Hause bringen soll. „Am Vormittag besuche ich Mescarus, um ihren Umzug zu besprechen.“ „Will er das Haus verkaufen?“ „Ich riet ihm an, es zu vermieten.“

„Ich hätte jemand.“ Spontan, denn die Lehre ist am Fabrikanten nicht vorbeigehuscht, will er etwas Gutes tun. „Ein alter Pförtner setzt sich bald zur Ruhe. Ich miete gern das Haus und lasse auch für Ordnung sorgen. Kommen Sie, wenn es Ihre Zeit erlaubt, mit Herrn Mescaru morgen Vormittag in mein Büro.“ Beocanas begleiten ihren Gast zur Pforte. Roberto und Marita bringen ihn nach Hause.

Ein gutes Korn ward ausgestreut. Dem Schöpfer aller Lebensdinge wird es überlassen, wie und daß Er diesen Samen liebevoll betreut.

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